Learning the hard way

4. Februar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (396) Die “Schule 4.0” steht im Arbeitsprogramm der Regierung. Die Laptop-Verkäufer freuen sich schon.

e-learning-in-o

Man hat einen Plan gefasst. Endlich. Unter dem betont sachlichen Titel „Für Österreich. Arbeitsprogramm der Bundesregierung 2017/2018“ finden sich, begleitet von wohlgesetzten Einleitungsworten und staatstragenden Unterschriften, allerlei Punkte, Vorhaben und Zielvorgaben zu unser aller Zukunft im Netz.

Die Absender heissen Kern, Mitterlehner & Co. – und endlich hat man das Gefühl, dass unsere Regierungsspitze den Reformstau der letzten Jahre zumindest als solchen erkannt hat. Und eine gewisse Chance des Machterhalts für die etablierten Strukturen in Management-Aktionismus wittert. Dass viele dieser Themen schon im Arbeitsprogramm 2013 standen, ohne konkrete Folgen – darüber sei hier gnädig hinweggesehen.

Oder doch nicht? Denn: durch das demonstrative Einsetzen von Arbeitsgruppen allein wird’s nicht klappen mit der Zukunft. Die lautstarke Ansage, „weltweiter Vorreiter in der neuen 5G-Technologie“ werden zu wollen, muss etwa mit entsprechenden Finanzmitteln und Investitions-Vorteilen unterfüttert werden – bislang hat Großväterchen Staat die Telekommunikationsanbieter ja vor allem als Melkkuh bei Frequenzauktionen und als Sponsoren der Politik gebraucht. Generell gilt es, darüber nachzudenken, wie weit ein gesellschaftlicher Rahmengeber überhaupt in das freie Spiel kommerzieller, untereinander heftig konkurrierender Anbieter eingreifen muß. Mag. Und ernsthaft kann.

Wirklich wunderlich wird es aber, wenn Selbstverständlichkeiten zu Zaubermitteln umgedeutet werden. Unter dem – per se schon arg bemühten – Schlagwort „Schule 4.0“ werden etwa allen Schüler/inne/n der Republik Österreich, real verwaltet von den Länder-Bürokratien, Gratis-Breitband-WLAN und „adäquate digitale Endgeräte“ (Tablets, Laptops etc.) versprochen. Heissa! Gilt ab 2020/21, der fünften oder auch erst neunten Schulstufe, dafür aber auch gleich für die Lehrer. Schon in den Volksschulen soll so – die Widersprüchlichkeiten der Planspiele vermag ich hier nicht aufzulösen – eine „Digitale Grundbildung“ inklusive „Medienbildung“ vermittelt werden.

Sorry to say: wer heute Kinder oder Jugendliche unterrichtet und keinen Mobil- oder Heimcomputer besitzt und nutzt (zur Not tut’s auch ein Smartphone), hat sich längst selbst disqualifiziert. Weil derlei ja seit Jahr und Tag kein teurer, exaltierter Ausweis einer progressiven Technik-Verliebtheit ist, sondern ein auch privat leistbares, essentielles Werkzeug zur Bewältigung des Alltags. Rund um den Globus. Und selbstverständliche Lebensrealität jedes Sechs- bis Achtzehnjährigen, mit allen Vor- und Nachteilen.

Man meint also ernsthaft, die Hardware-Ausrüstung wäre das Kernproblem? Vielleicht in einer strikt analog orientierten Waldorf-Schule in einem Provinznest. Selbst dort würde man aber als Inspirationsquelle Antoine de Saint-Exupéry googlen: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Konstruktive Geister, denen das zu sehr nach Hippietum und Herzensbildung klingt, dürfen – Eigenverantwortung, Baby! – John F. Kennedy zitieren: Frag‘ nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!

Ich fürchte, da können die Schüler –  auch in ärmeren Schichten meist hochgerüstet mit High Tech-Spielzeug –  den Lehrern etwas beibringen. Und nicht umgekehrt. Bei derartiger programmatischer Hinterherstolperei – ist das wirklich alles, was man, von den Politik-Think Tanks bis zur Lehrergewerkschaft, von den Elternvereinen bis zur Wirtschaftskammer, am Kasten hat? – zündet dann auch ein frisch eingerichtetes „Future Learning Lab“ („Eine Initiative der Julius Raab Stiftung“) nicht mehr den dringend notwendigen gedanklichen Nachbrenner.

Advertisements

6 Antworten to “Learning the hard way”

  1. Barbara Wyzz Says:

    Dass das Verteilen von kostenlosen Laptops/PCs/Tablets an Lernende und Lehrende nicht die einzige Antwort auf die Herausforderung der (nahen) Zukunft sein kann – geschenkt.

    Ihrem Argument, dass sich Lehrpersonal ohne selbstangeschaffte digitale Lehrunterstützung disqualifiziert, entnehme ich, dass Sie der Meinung sind, dass sich der Herr Lehrer und die Frau Oberstudienrätin gefälligst selbst die für den Unterricht nötigen „Mittel zur Alltagsbewältigung“ anschaffen sollen.

    Sehe ich insofern spannend, weil niemand von einem Bankangestellten verlangt, dass er sich seinen privaten PC ins Büro stellt. Auch die Außendienstmitarbeiterin ist mit Diensthandy unterwegs obwohl sie wohl privat ihr eigenes Smartphone nutzt. Und selbstverständlich nutzt die Frau Primarin bei der Visite das Tablet, dass ihr vom Krankenhaus zur Verfügung gestellt wird und nicht ihr eigenes iPad, welches mit Familienfotos, ihrer digitalen CD-Sammlung – so sie keinen Streamingdienst nutzt – ein paar Spielen für die Enkelkinder und vielen anderen privaten Daten gut gefüllt ist.

    Es wäre für mich also das normalste der Welt, wenn der Arbeitgeber der österreichischen LehrerInnen (i.d.R. Bund, Länder, kath. Kirche) seinem Personal die nötigen Arbeitsmittel zur Verfügung stellt, auch wenn sie selber diese Dinge privat zur „Alltagsbewältigung“ bereits eifrig nutzen.

    Danke für Ihren anregenden Beitrag zum Thema Schule 4.0. „Sorry to say“, dass Sie nur von sich disqualifizierendem Lehrpersonal und politischer Hinterwäldlerei geschrieben haben anstatt ein paar diskussionswürdige Lösungsideen aufzuzeigen.

    Ich hoffe wirklich, in einer Ihrer folgenden Kolumnen davon zu lesen und verbleibe ganz „oldschool“ mit vorzüglicher Hochachtung!

    • Walter Gröbchen Says:

      Liebe Barbara Wyzz, danke für Ihr geschätztes Feedback. Nun: ich verstehe Ihren Standpunkt. Aber ich teile ihn nicht. Ich selbst habe z.B. lange als Freier Mitarbeiter für den ORF gearbeitet, nicht als privilegierter Angestellter. Und es war für mich selbstverständlich – im Sinn von Effizienz, Qualität und Professionalität -, die besten am Markt erhältlichen Arbeitsmittel (Aufnahmegeräte, Bandmaschinen, Mikrofone, Laptop, Mobiltelefon etc.) zu nutzen. Ich habe dafür viel Geld ausgegeben, aber mehr gewonnen – nicht zuletzt Zeit und technisch einwandfreie Arbeitsergebnisse. Freilich hätte ich die Zurverfügungstellung auch von meinem Arbeitgeber erwarten oder einfordern können – es wäre nur unrealistisch gewesen. Verlangen kann man allerhand, erwarten auch – zuvorderst von sich selbst. Als unternehmerisch denkender Mensch ist man primär an Möglichkeiten und Resultaten interessiert. Und hat schon allein deswegen möglicherweise eine andere Beziehung zu technisch zeitgemässer Ausrüstung… Ich finde, ein wenig weniger Beamtenmentalität und Väterchen Staat-Versorgungsmentalität würde uns allen gut tun. Nicht zuletzt durch die Vorbildwirkung auf junge Menschen.

      • Barbara Wyzz Says:

        Lieber Herr Gröbchen! Danke für Ihre Antwort und ich freue mich, dass Sie meine Antwort verstehen. Meine Meinung müssen Sie natürlich nicht teilen. Gerne nehme ich noch einmal zu Ihren Ausführungen Stellung.

        Ich habe versucht anhand typischer Dienstverhältnisse aufzuzeigen, dass es üblich ist, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die nötigen Arbeitsmittel zur Verfügung stellt.

        Dass dies bei Freien Mitarbeitern / Freelancern oder Einzelunternehmerinnen nicht der Fall ist, ist mir bewusst. (Als Vortragende investiere ich natürlich ebenfalls in mein technisches Equipment). Jedoch: Als Freier Mitarbeiter stellen Sie Ihre Leistung in Rechnung. Als guter Kaufmann kalkulieren Sie den Preis für diese Leistung so, dass sich Ihre Investitionen auch amortisieren.

        Arbeiterinnen und Angestellte (dazu gehört Lehrpersonal, so es nach 1955 geboren ist) werden für ihre Arbeitszeit bezahlt. Sie „verrechnen“ quasi „nur“ ihre Arbeitskraft. Ich halte also den Vergleich von Lehrkräften mit Selbständigen für den sprichwörtlichen Vergleich von Äpfel und Birnen.

        Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Sie von Lehrerinnen und Lehrern mehr „unternehmerisches Denken“ einmahnen. Sich diesem Thema zu widmen kann sehr spannend sein. Es kann ganze abendliche Diskussionen mit Leichtigkeit füllen. und wirft sehr viele Fragen auf, die sich Bildungspolitikerinnen in der Regel nicht laut stellen.

        Wie soll sich dann eine Direktor verhalten, wie eine Landesschulrätin? Sind sie Verwaltungsbeamte, die Unterrichtsstunden und Schülerzahlen verwalten oder sollen Sie unternehmerisches Risiko tragen? Wer sind dann die Kunden des Bildungswesen? Sind es Unternehmen (die Arbeitskräfte mit Grundkompetenzen benötigen), sind es weiterführende Schulen und die Uni? In diesem Szenario sind SchülerInnen nur das „Material“, das veredelt wird. Oder sind die Schüler selbst die Kunden? Oder deren Eltern (Stichwort Ganztagesbetreuung)? Wenn Schulen Unternehmen sind, wessen Kundenwünsche sind dann zu erfüllen?

        Plötzlich scheint die Frage, ob das Lehrpersonal ein Tablet zur Verfügung gestellt bekommt oder nicht, gar nicht mehr so wichtig. Es ist dieselbe Diskussion ob es gratis Schulbücher geben soll. Das Medium ändert sich, die wichtigen Fragen bleiben leider unbeantwortet.

      • Walter Gröbchen Says:

        Danke für die ausführliche Antwort. Sie gestatten doch eine Gegenfrage: wie lange nutzen Sie persönlich schon Computer? Und wie lange nutzen sie sie schon privat und wie lange (auch, freiwillig, nicht extra bezahlt oder gesponsort) auch beruflich? LG, WG

      • Barbara Wyzz Says:

        Gerne, auch wenn ich nicht ganz sicher bin ob ich die Frage ganz richtig verstanden habe:

        Meinen ersten Computer nutze ich beruflich in einem Dolmetsch-Büro. Ein Gerät von Honeywell/Bull. Ich mochte es schon wegen des Namens. Das muss ungefähr 1990 gewesen sein. Nach meiner Heirat zog auch ein „PC“ in unseren Haushalt ein. Das war 1996. Den nutzte hauptsächlich mein Mann, bis 1998 der Internetanschluss kam. Seither nutze ich den Familien-PC (inzwischen ein Laptop) natürlich privat und auch sporadisch beruflich. Für den Unterricht nutze ich hauptsächlich Schul-PCs ab ca. 2000. Beantwortet das die Gegenfrage?


  2. […] Startschuß, Baby! Wer beim Goldrausch 4.0 – heute ist alles 4.0, von der Staatsoper bis zum Bildungsmodell – nicht dabei ist, ist sowieso von […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: