Danke, Stefan.

29. Juni 2018

Stefan Weber, der als Kopf der Gruppe Drahdiwaberl österreichische Popgeschichte geschrieben hat, ist nicht mehr. Eine Rede als Grunzer in das Graberl.

Weber

Lieber Stefan!

„Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“

Das stammt freilich nicht von Dir oder mir, sondern von Bazon Brock. Der ist auch Künstler. So wie Du es warst. Ich bin kein Künstler geworden, das hast Du bedauert, weil Du es befördert hast – und ich tu es inzwischen auch.

Ich bin ein Verräter geworden. Ein harmloser, beiläufiger, netter Verräter vielleicht, aber ein Verräter. Schon allein, weil ich doch ein paar tröstliche Worte finden will. Nein: finden muss. Stellvertretend für uns alle hier. Uns, die Du verwirrt, allein, kälter, ärmer zurückgelassen hast auf diesem verrückten Planeten.

Nun: einmal ist mir der Papst begegnet – und, sieh’ einer an, er hat nur freundliche Worte über Dich verloren. Freilich war es nicht der richtige Papst, also das Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern ein Fake-Papst. Der, der bei den Drahdiwaberl-Shows immer den Papst gespielt hat, oder zumindest einen Erzbischof, mit Bischofsmütze, Ornat, Weihrauchfass und sonstigem Trara. Ich glaube, er hieß Dieter und war Ingenieur. Jedenfalls wohnte er in der Goldschlagstraße im selben Haus wie ich mit vierzehn, zwei Stockwerke drunter. Das hat mich mächtig beeindruckt damals: der Fake-Papst, die Drahdiwaberl-Connection, die hobbyistische Gotteslästerung. Ich glaube, ich habe damals erstmals im Lexikon das Wort „Teufelsaustreibung“ nachgeschlagen.

Du bist daran schuld, Stefan. Und vielem, um nicht zu sagen: fast allem, was danach kam. Es gibt, das sei uns allen Trost, eine schöne, wahre, gute Schuld.

Lieber Stefan, ich will Dich nicht langweilen mit Geschichten aus der Schulzeit. Und ja, ich habe einen Klassenbucheintrag verdient, weil ich heute kein Nacktfoto mitgebracht habe und keine lustige Verkleidung, nur ein paar Erinnerungen. Aber bei Dir hatte man nicht das Gefühl, Du mochtest Deinen Lehrerjob nicht – wie es bei Kollegen wie Ernst Jandl oder Friedrich Polakovics der Fall war. Friede ihrer Seele, aber sie haben das, glaub’ ich, eher als lästigen Job angesehen. Du nicht.

Wobei: beigebracht hast Du uns kaum etwas. Also: im rein handwerklichen Sinn. Ich hab Deine mit Rotring-Tuschestift gezeichneten Figuren ansatzweise imitiert, das war’s. Und die Themen der in Metall geätzten Schaubilder recht faszinierend gefunden: Jack The Ripper, Frauen mit großen Brüsten, monströse Polizisten, Schweinekram en masse.

Visitenkarten Weber

Faszination. Schaudern. Und eine Ahnung des Möglichen. Das war es, was Du mir, uns beigebracht hast. Freilich auch eine Ahnung des Unmöglichen als Komplementärmenge zum Möglichen – aber da hast Du die Grenzen weit, ganz weit hinausgeschoben in Richtung Ermöglichung. Unmöglich schien damals kaum etwas: etwa, dass 13-, 14jährige, noch ganz unschuldige Schülerinnen und Schüler bei Drahdiwaberl-Konzerten auftauchten und dort oft in den ersten Reihen zu finden waren. Und mit staunender, bisweilen schockierter Miene verfolgten, was da auf der Bühne abging. Nie zuvor hatten sie das Wort „Mulatschag“ gehört – was das bei Drahdiwaberl bedeutete, war eine Lektion fürs Leben.

Es war auch Anschauungsunterricht in Sachen Rock’n’Roll. Ein so beiläufiger wie brachialer Crash-Kursus. Das hiess: Chaos auf der Bühne, langhaarige Typen – man munkelte, der Sohn des Finanzministers wäre darunter –, brachiale Lautstärke, ein Freak-Parade sondergleichen. Dazwischen, daneben und darunter ein stoischer Peter Vieweger an der doppelhalsigen Gitarre, Thomas Rabitsch als Keyboard-Vorturner, überhaupt die Rabitsch-Brüder, kuriose Szenegrößen wie Lotte Pawek, Franzi Bilik, Jazz-Gitti, General Guglhupf oder Markus Spiegel als Sparefroh. Ilse Weber in unglaublich erotischem Dressing – und später auch Stefans Tochter Monika. Und und und. Und, ja, Hans Hölzel alias Falco in seiner Sgt. Pepper-Fantasieuniform.

Was da abging, war zweifellos das Offensivste, Ärgste und Obszönste, was sich ein menschliches Gehirn ausdenken konnte. Anarchie pur. Hieronymus Bosch, zum Leben erweckt. Es war das Gehirn des Stefan Weber, in dem dieser grellbunte, bisweilen hoch politische, manchmal nur comichaft überdrehte Kosmos entstanden ist.

Und, das scheidet unseren Helden von den vielen Maulhelden seiner und nachfolgender Generationen: er hat diese Vision auch in die Realität umgesetzt. Zum Leben erweckt. Auf die Bühne gehievt. Drahdiwaberl war eine einzige fleischgewordene, monströse, fiebrige Fantasie. Das fantastische Himmelreich des Stefan Weber. Genährt und immer wieder aufs neue befeuert von der Lust, dem Aktionismus, der Fantasie seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Und natürlich der Faszination des Publikums. Darunter eben die Schüler des BRG Wien 4 Waltergasse.

Zwischenbemerkung: ich glaube, die Schule ist immer noch – was ich so höre – eine liberale, gute. Aber Stefan Weber, Professor für Zeichnen und Handwerken und nebenher Privatdozent in Sachen Bühne, Blut & Beuschel, hätte da heute absehbar die ärgsten Schwierigkeiten. Political Correctness, you know.  Der Zeitgeist der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts war ein anderer, besserer. Weniger Slimfit-Anzüge weit und breit. Mehr positiv Verrückte. Und Leithammel, nein: Anti-Leithammel wie Stefan Weber waren massgeblich schuld daran.

Ich habe das Stichwort Faszination eingebracht: das ist es, was Kunst ausmacht. Und Kultur. Und Rock’n’Roll. Faszination muss geweckt werden, gekitzelt, provoziert. Und darin waren Stefan Weber und Drahdiwaberl große Meister. Deswegen überdauert die Faszination bei denen, die damit einmal angesteckt worden sind, jede Zeitspanne, jede reale Distanz, jede nachfolgende Modebewegung. Einmal Drahdiwaberl-Fan, immer Drahdiwaberl-Fan.

Die Faszination hat sich auch aus einem großen Staunen genährt: da stand ein Berseker auf der Bühne, der gegen die Welt anschrie, Gift und Galle spuckte und gelegentlich auch zu Revolver und Motorsäge griff. Grenzwertiger Theaterdonner! Privat aber, und, ja, auch in der Schule, warst Du, Stefan, der mildeste, freundlichste, netteste Typ, den man sich vorstellen konnte. Ein Mensch durch und durch. Okay: Bart und Haarwuchs standen im wüsten Kontrast dazu. Und manche Episode auf Schulschikursen z.B. verhindert, Dich noch im Nachhinein zum Übermenschen zu stempeln, bestätigt aber nur: nichts Menschliches war Dir, euch, uns fremd. Das wird selbst der ewig renitente Mitschüler Plöschberger bestätigen.

Was ich nun nicht möchte, ist, hier einen exakten Lexikoneintrag zur musikgeschichtlichen Historie und Bedeutung von Drahdiwaberl verlesen. Das sollen andere erledigen. Der Grunzer aus dem Graberl steht sowieso nur einem zu: Stefan Weber selbst. Jede, jeder, der dabei war, weiß, was war. Was wirklich war und was nur Dichtung, Mythos, Paranoia. Es ist auch gar nicht wichtig, das zu trennen und zu sezieren, denn das macht Rock’n’Roll auch aus: das Verschmelzen von Fantasie und Wirklichkeit. Das Ineinander-Fließen von Gut und Böse, von Druck und Widerstand, von Lärm und Stille. Die finale Vermählung von Leben, Krankheit und Tod.

Stefan hätte Bazon Brock auf die Schulter geklopft, aber milde lächelnd sein Eingangs-Zitat abgewandelt.

„Der Tod ist abgeschafft, die verdammte Schweinerei auf der Bühne muß weitergehen. Wer ein Wort dagegen spricht, ist ein Verräter.“

In diesem Sinne: danke Stefan.

Wir verraten Dich nicht.

P.S.: Wer sich mit Worten allein nicht zufrieden geben möchte: http://reinharddavid.at/DRAHDIWABERL/index.html

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