Sir Tralala ist David Hebenstreit ist Sir Tralala. Das Multitalent aus Wien legt mit seiner im September erscheinenden Song-Kollektion „Echt Gute Böse Lieder“ ein spätes, dafür ordentlich gereiftes und radikal verstörendes Meisterwerk vor. Man sage nicht, es hätte keine Vorwarnung gegeben.
Es gibt ja, oberflächlich betrachtet, einige schrullige Typen in der aktuellen österreichischen Szene. Vom hoch sympathischen Nino aus Wien, der wirkt, als stünde er immer leicht neben sich, bis Voodoo Jürgens, dem Vorstadt-Strizzi aus Tulln, vom studierten Sprachwissenschaftler-zum-Donauinselfest-Magnet Marco Michael Wanda bis zum intellektuell ungreifbaren Wolkenkuckucksheim-Brudi Yung Hurn.
Und dann gibt es David Hebenstreit. Alias Sir Tralala. Er toppt sie alle. Bei einer präzisen Analyse seiner Qualitäten offenbart sich, dass er tiefer bohrt, rückhaltloser rumort und abgründiger die Realität verdichtet als alle zuvor Genannten. Und die haben schon ordentlich was drauf, keine Frage. Ihr Erfolg ist verdient. Weil dieses Handvoll – es gäbe tatsächlich noch einige mehr zu nennen – dieses Land und seine Befindlichkeit mit einer lakonischen Erzähllaune, unerhörten Tiefenschärfe und liebevollen Detailtreue vermisst. Und ihre Pop-Reportagen aus dem Inneren der Deix’schen Seelenkammern uns lässig als Unterhaltung verkauft.
Man kann nun nicht behaupten, Sir Tralala wäre ein Neuzugang in dieser Gesellschaft. Aber er hat nun endlich – nicht erstmals, aber letztlich fast – sein künstlerisches Vermögen in eine konventionelle Form gegossen: ein Album. „Echt gute böse Lieder“. Es erscheint Anfang September 2018 auf Schallter/monkey. (Vertrieb: Rough Trade), trägt aber, so unverkennbar wie unsichtbar, auch seinen eigenen Label-Stempel: Autonomos Lordship Records. Der Mann weiß, was er will. Was er kann. Und was er tut.
Man erinnere sich: als Hebenstreit a.k.a. Tralala um die Jahrtausendwende mit seinem Debutalbum „Flying Objects, They Don`t Have a Brain“ erstmals in die österreichische Subkultur vordrang, hörte man den Krach bis nach Deutschland. Während im Bayerischen Rundunk der Geisteszustand des Musikers diskutiert wird, hilft er – von Wien aus – Clubs, Labels und Kollegen auf die Sprünge, musiziert als Gast auf mehr als dreißig veröffentlichten Alben, komponiert und produziert Musik zu Kino- und Fernsehfilmen, geht mit Naked Lunch auf Nightliner-Tour, bereichert als Instrumentalist die Bühnenauftritte von Soap & Skin, Der Nino aus Wien, der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune und vielen anderen, produziert nebenher einen Tonträger für die Band des noch völlig unbekannten Voodoo Jürgens, veranstaltet Wanda mit einem Budget von 120 Euro, die für dieses Salär eine Stunde lang Nirvana-Coverversionen spielen, und steht bei bislang rund eintausend Konzerten in zwölf Ländern selbst auf der Bühne. Für Vollständigkeitsfanatiker: David Hebenstreit ist am 18.10.1978 in Wien geboren und hat Harmonielehre, Orchesterspiel, Violine und Gehörbildung, am Landeskonservatorium in Klagenfurtstudiert.
Nun also das opus magnum: „Echt Gute Böse Lieder“. Abstruse Liebesballaden, Außenseiter-Hymnen, Familiendrama-Begleitmusik und Song-Kleinode über weltumspannende Arschlöcher stehen da zur Verkostung parat, auch Tod und Teufel bekommen den ihnen zustehenden Raum und Rang. Kompositorisch greift Sir Tralala in die Vollen: US-Traditionals reiben sich an artifiziellen Western-Soundtracks, eine (von Jörg Gaisbauer eingespielte) einsame Pedal Steel-Gitarre prallt auf eine Wand pompöser Orchester-Arrangements, letztlich kommen sogar Dub Step und mongolische Obertongesänge ins Spiel. Referenzen sind etwa Johnny Cashs „Folsom Prison Blues“, frühe Alben von Tom Waits, aber auch Spätwerke von Moondog, Roy Harper, Georg Kreisler und Franz Bilik. Das sogenannte Neue Wienerlied darf, pardon!, ein bissl scheißen gehen.
Die Texte? Parental advisory, explicit lyrics. „Auf jeden Fall verleiht das Album einigem Sprachlosen eine Sprache“, so Hebenstreit, „das erschien mir wichtig. Es ist definitiv kein Easy Listening-Album, die Texte sind teilweise wirklich böse, die Absicht dahinter ist eine gute. Die Stichworte dazu: Paradoxe Intervention, Dinge zur Sprache bringen, Randgruppen eine Stimme geben. Ich arbeite viel mit literarischen Ichs, singe über Themen, die mir nahe gehen. Man stelle mir aber bitt’schön nicht die obligate Authentizitätsfrage (Nachsatz: ausser Du willst, dann tu es)“.
Das spektakuläre, weil enorm kunstfertige und die Atmosphärik des Albums trefflich widerspiegelnde Cover von Jörg Vogeltanz ist Bildern von Hieronymus Bosch nachempfunden. Wieder David Hebenstreit im O-Ton: „Ein zentrales Element in Boschs Werken ist ja der „Wayfarer“. Bei mir heisst das dann „Der uroide Wanderer“. Ein wenig zieht sich auch da der Text des alten Traditionals „Wayfaring Stranger“ wie ein roter Faden durch den Song, freilich ist meine Version auf hiesige Verhältnisse umgemünzt.“ Bosch durfte bleiben.
Die produktive Getriebenheit von Sir Tralala offenbart sich auch im Umstand, dass er den guten bösen Liederreigen fast komplett alleine eingespielt, programmiert, gesungen, aufgenommen und gemischt hat („Damit mir keiner reinpfuscht!“). Begleitet wurde der selbstausbeuterische Irrsinn von einem umzugsbedingten kompletten Abbau und Neuaufbau des eigenen Studios. Nur der letzte Song des Albums stammt von einem alten Bekannten, einem Wirt in Zwerndorf im Marchfeld, „da hab’ ich seinen Gesang und sein Gitarrespiel aufgenommen und einen elektronischen David Lynch-Suspense-Soundtrack „made in Austria“ draus gemacht.“ Die obligate Procol Harum-Orgelballade darf freilich auch nicht fehlen. Das Lied heisst „Du liebe Sau“ und ist, so Hebenstreit, „ein Role Model-Song für ewig spätpubertäre Liebhaberinnen und Liebhaber dysfunktionaler Abhängigkeitsliebesbeziehungsleidenschaften“.
Kurzum: „Echt Gute Böse Lieder“ ist eine Gnackwatsch’n im Namen des Humanismus. Es handelt sich um ein Themenalbum in deutscher Sprache, teils Wienerischem Dialekt. Jahrelang aufgesogene Bösartigkeiten werden in Liedform komprimiert und leiten als paradoxe Spiegelbilder den Hörer an der Hand zurück in die Menschlichkeit. Folgerichtig tragen die Songs Namen wie „I sauf“, „Hundsblues“ oder „Schiach“ oder unausgewiesene, aber leidenschaftlich intonierte Untertitel wie „Heut’ reiss ich mir mein Herz raus und stopf es Dir in Dein Maul“. Die explizite Sprache ermöglicht ungewöhnliche Blickwinkel auf archetypische Motive. Facettenreicher Humor bringt, Überraschung!, den Zuhörer nicht nur zum Schmunzeln. Er trifft – auf entsprechende Grenzen und Nerven zielend – mit sprachlich bösartiger Überzeichnung auch hart in sein Ziel. Bei aller offensiv zur Schau gestellten Abgründigkeit lässt sich bei Live-Konzerten Sir Tralalas ein positiver, annähernd therapeutisch heilsamer Effekt beobachten.
Echt gute böse Lieder: man nehme sie und lebe damit. Nach Lust und Laune. Es macht wenig Sinn, einzelne Stücke herauszugreifen und vor Publikum zu sezieren. Wenn das Album-Format noch Sinn macht in Zeiten digitaler Wisch-und-weg-Ungeduld, dann hier. Man lege die CD ein oder, passender noch, die Vinyl-Scheibe auf, betrachte das Gesamtkunstwerk aus Cover, Texten und Bildern, und lasse sich hineinsaugen in einen abgründigen, mit Seelenschwere, Aberwitz und dunklem Samt austapezierten Schlund. Ja: man wird noch in Jahrzehnten raunen von diesem Stück dies- wie jenseitiger Popkultur.
http://www.hebenstreit-david.net
Sir Tralala ist live zu erleben hier:
- Freitag, 27. Juli, 22.00h Woodstockenboi Festival, Stockenboi
- Samstag, 28. Juli, 23.00h Popfest Wien, TU Prechtl-Saal
- Donnerstag, 13. September, 21.00h Chelsea, Wien (Album-Präsentation)
- Freitag, 28. September, Waves Festival, WUK Wien
(weitere Termine in Planung)