Archive for April, 2019

Reset.

24. April 2019

Dieses Werk gibt uns allen die Chance, einen Künstler neu zu entdecken. Anders, intensiver, anmutiger, mutiger als je zuvor. Anmerkungen zum neuen Album von Bernhard Eder. 

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Da war dieser junge Mann – hagerer Typ, verletztliche Erscheinung, leicht scheuer Blick –, und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon einige Jahre her. Sieben Jahre, um genau zu sein. Bernhard Eder, so hieß dieser Mann, hatte gerade sein Album „Post Breakup Coffee“ herausgebracht. Ich erfuhr erst später, dass es bereits sein viertes veröffentlichtes Werk unter eigenem Namen war, und dass er da bereits eine Vorgeschichte mit einer Band mit dem leicht fragwürdigen Namen Wa:rum hatte.

Seltsam: so jung – und schon so lange unterwegs? Entschuldigen Sie, dass ich die abgegriffene Metapher bemühe (und in Folge dann auch ein Quantum Pathos), aber, ja, ich ahnte, dass es eine Reise war. Eine Reise zum Wesenskern der Musik, zum Zentrum des Universums, zum eigenen künstlerischen Ich. Und ich ahnte vage, dass ich einsteigen würde in Eders fragiles Vehikel und diese Reise begleiten. Zumindest ein Stück weit.

Und hier sitze ich heute und halte ein neues Album in Händen. Das siebente. Es ist jenes Album geworden, dass ich mir von Eder gewünscht habe (ohne dass wir am Weg dahin je darüber ein Wort verloren hätten). Es heisst „Reset“ und dieses Detail ist wohl das einzige, wo ich – mit anderen – einen kleinen Schubser gesetzt habe, denn der Urheber dieser Kollektion von gerade einmal acht Stücken wollte es zunächst nicht so nennen. Aber fiele Ihnen ein besserer Titel ein für ein Album, das tatsächlich eine Zäsur, eine Neudefinition, ein Reset ist?

Bernhard Eder war bislang fast die idealtypische Verkörperung des Singer/Songwriter-Bildes, das wir längstens seit Bob Dylan vor unserem geistigen Auge haben. Wie aus dem Geschichtsbuch: Typus vergeistigter Künstler, zerschlissene Hose zu abgewetzter Jeansjacke, schwarzer Gitarrenkoffer samt Inhalt. Das steht ihm gut, und das ging eine schöne Zeitlang gut. Nicht umsonst verstieg sich der „Rolling Stone“ zur Anmerkung, „der Songwriter-Pop der Stunde kommt aus Österreich!“

Aber es gerann zum Klischee. Und wurde – nein, langweilig wurde es nicht. Denn da waren immer wieder denkwürdige, zutiefst berührende, in sich selbst und seinem Tun (und Lassen) ruhende Live-Auftritte. Da waren kleinere und größere Songtreffer, die man z.B. auf FM4 oder Radio Eins hören konnte – und die in einer besseren Welt wirkliche Hits geworden wären. Ich sage nur: „Turn On“! Und da waren auch sensible Aneignungen der halben Pop-Historie, versammelt auf dem 2016 erschienenen Album „Remake“, das von Depeche Mode bis Radiohead, von David Bowie bis zu den Pet Shop Boys vor großen Namen nicht zurückschreckt. Dass dann auch noch ein 10 Inch-Vinyl mit weiteren, live eingespielten Coverversionen unter dem Titel „Remodel“ erschien, war nur folgerichtig. Dazu muss man gar nicht Roxy Music studiert haben. Aber es hilft.

Nun also „Reset“. Ein Neustart. Welcher Natur? Eine komplette Redefinition? Ja und nein. Aus dem „Spezialisten für gefühlvoll-ruhiges, zumeist reduziert angelegtes Musikgut“ („Falter“) ist kein zackiger Post-Punk-Rüpel geworden. „Reset“ ist dennoch ein Dokument eines ästhetischen Wandels – dem vom traditionellen Singer/Songwriter zum experimentierfreudigen Multiinstrumentalisten. Im Gegensatz zu den bisherigen Alben sind die Songs allesamt auf alten Heimorgeln, einem Pocket Piano oder basierend auf Samples entstanden. File under Electronica? Die bis dato omnipräsente Gitarre rückt jedenfalls weit in den Hintergrund. Oder ist völlig verschwunden.

Zudem wurden Elemente von einigen Songs in den letzten zwei Jahren für Theaterproduktionen verwendet – u.a. am Volkstheater Wien, Max Reinhardt Seminar oder Landestheater St. Pölten, wo Eder Musik und Sounddesign für diverse Inszenierungen beisteuerte. Ob „Reset“ nur ein kurzer Haken ist, eine launige Episode oder möglicherweise ein markanter Wendepunkt in seiner künstlerischer Karriere – darauf vermag ich Ihnen keine Antwort zu geben. Bernhard Eder wahrscheinlich auch nicht.

Wichtiger erscheint (und da fällt mir eine Prognose leicht): dieses Album ist ein geschlossenes, ein überzeugendes Werk. Eines, das bleiben wird. Eine Konzentration auf und von Schönheit. „Reset“ hat, lässt man sich darauf ein, alles, was den inneren Melancholiker in uns zutiefst jauchzen lässt. Stücke wie „Hell“ (samt verstörendem, allegorisch als Stop-Motion-Puppenspiel inszeniertem Video), „Aliens, pixelated“ oder „Last Dance“ fügen sich zu einem dunklen, aber zugleich hell strahlenden Reigen. Bernhard Eders Stimme, sein vielleicht größtes Asset, ist das verbindende Element.

Kurzum: „Reset“ gibt uns allen die Chance, einen Künstler neu zu entdecken. Anders, intensiver, anmutiger, mutiger als je zuvor.

Album-Live-Präsentation: am Freitag, 26.04.2019 um 22.00 Uhr im Volkstheater Wien, „Rote Bar“. Vorgruppe: On Bells. Karten hier

www.bernhardeder.net

 

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Si tacuisses

17. April 2019

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. Sensationsgier ist ein Social Media-Leitmotiv. In Sondersendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat sie nichts verloren.

notr-dame

Ich halte mich für relativ abgebrüht, was das Thema Medien betrifft. Das gilt sowohl für die traditionelle Medienlandschaft wie auch für die neuen Eckpfeiler der Digitalsphäre (die gemeingültige Bezeichnung „Social Media“ rührt von den Anfängen dieser Plattformen her, als ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen und ihr Disruptionspotential kaum noch merkbar waren). Was sich aber dieser Tage rund um den Brand der Notre-Dame-Kirche in Paris entzündet hat auf Facebook, Twitter und – im Windschatten der neuen Leitmedien – auch anderswo, gibt zu denken.

„Der Brand brachte symbolhaft zum Ausdruck, was viele dumpf unausgesprochen fürchten: dass es mit Europa langsam zu Ende geht“, verkündete etwa ein Politprophet auf Twitter. Nachsatz: „Aber das Gerüst steht.“ Wem würden Sie diesen pathetischen Schwachsinn zutrauen? Victor Orbán? Andreas Mölzer? Gerald Grosz? Dem Identitären-Vordenker Martin Sellner? Nein: es war der Mediensprecher des Bundeskanzlers, der derartiges von sich gab.

Nun ist der Pariser Dom tatsächlich keine profane Allerwelts-Kirche, sondern ein jahrhundertealtes Baudenkmal ersten Ranges. Und für viele Franzosen ein Symbol des politischen, nationalen, kulturellen, religiösen Selbstbewußtseins. Meinetwegen gilt das auch europaweit. Aber dass umgehend der Untergang des Abendlandes ausgerufen wird, weil unglücklicherweise bei Renovierungsarbeiten ein Feuer ausbricht, ist schon speziell weit hergeholt. Ist der Wunsch Vater des Gedankens? Man würde sich vice versa wünschen, dass politische Denker und Lenker in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf bewahren. Und nicht reflexhaft einstimmen in den Chor der Menetekel-Rufer.

Generell quollen die Medien in diesen Tagen über vor Emotionen, die der Katalysator – für manche nur ein „Steinhaufen“, für andere, doch etwas überraschend, der ewige Mittelpunkt des Gedankenuniversums – eruptiv freilegte. Zu den Betroffenen gehörten nicht nur demonstrativ sensible Seelen („Es tut wirklich körperlich weh #NotreDame“), sondern auch jene unausweichlich antagonistische Fraktion, die den Dom sofort als Tempel einer menschenverachtenden Religion identifizierte und das Feuer als reinigendes Fanal (eine „Strafe Gottes“ kann es ja für Atheisten schwerlich sein). Und dann waren da freilich auch sofort alle Moralhuber zur Stelle, die das Ereignis mit verhungernden Kindern in Afrika oder kenternden Flüchtlingsbooten im Mittelmeer gegenrechneten. Puh.

Man ist dieses Tohuwabohu ja gewohnt in Zeiten wie diesen. Wirklich überraschend war dann aber, dass selbst altgediente Medienprofis ihr indiviuelles Quantum an Trauer, Betroffenheit, Aufgeregtheit und, ja, Hysterie vom ORF widergespiegelt sehen wollten. Stantepede. Ausgerechnet. Dass der heimische Sender nicht umgehend eine Live-Coverage á la CNN inszenierte, wurde als Totalversagen des öffentlich-rechtlichen Systems gedeutet. Zwar sprach die Dichte und Qualität der Berichterstattung von Martin Thür & Co. klar dagegen – aber mit dem Tornado an (wenig ereignisreichen) Bildern, Infobrocken, Gerüchten, Mutmassungen, Zynismen und an- und abschwellenden Apokalypse-Schreien, die auf den Online-Plattformen Platz griffen (und greifen), können die alte Tante Fernsehen und das UKW-Dampfradio freilich nicht mithalten.

Und wissen Sie was? Gut so.

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