Archive for April, 2020

Maschinenraum – (k)ein Vorwort

29. April 2020

Buchcover

Es ist ein Tag der Arbeit, und dabei schreiben wir noch gar nicht den 1. Mai. Ich sitze an diesem Text, einem Vorwort, weil ich meine, dass ein Buch ein Vorwort braucht. Tatsächlich ist das Vorhaben, ausgewählte Kolumnen aus über zehn Jahren zu versammeln und neu auszubreiten, nicht selbsterklärend. Zumal im Feld des Technischen und in Zeiten wie diesen, wo sich viele Einschätzungen von anno dazumal relativieren oder längst ins Gegenteil verkehrt haben. Wer möchte heute noch dem menschlichen, eventuell aber auch nur männlichen Drang, in einem schicken Sportflitzer mit Verbrennungsmotor unbekümmert durch die Landschaft zu brausen, das Wort reden? Oder sich spontan in einem Flugzeug gen Afrika oder Asien verfrachten lassen, wenn gerade die größten Fluglinien der Welt zur Disposition stehen?

Es sind seltsame Tage, in denen dieses Buch entsteht. Sie werden an vorderster Stelle eine Kolumne finden, die als Botschaft an einen Freund gedacht war – Peter Glaser. Es war der mehr oder minder charmante Versuch, dem österreichischen Autor, der seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet,  ein Vorwort abzuringen. Er hat auch gleich zugesagt, zu meiner Freude, denn ein paar definitiv kundige einleitende Worte zu diesem Kompendium hoffentlich halbwegs kundiger Texte sind mehr als bloßes Beiwerk. Sie adeln das Buch, den Verlag und den Autor. Allein: ich erreiche Peter seit Wochen nicht, und die letzte Botschaft, die mich via Personal Message auf Facebook erreichte, klang gar nicht gut. Was mit den Umständen zu tun hat, mit Corona, der Bürokratie, der Ratlosigkeit, der körperlichen und seelischen Verfassheit in Phasen wie diesen. Die vielen  Fragezeichen und alles Gute wünschenden Buchstaben meiner immer dringlicheren Depeschen an den erhofften Verfasser dieses Einleitungstextes blieben ab Mitte März unbeantwortet. Ich hoffe dennoch, Peter Glaser baldigst ein „Maschinenraum“-Exemplar überreichen zu können. Persönlich, mit Freude, Dank und Erleichterung.

So liest sich dieses Buch auch ein wenig mehr wie ein persönliches Logbuch als ursprünglich gedacht. Tagesaktuell war das Gros der Kolumnen nie, aber es kam zu den geplanten Kapiteln über die Vergangenheit und die Zukunft – ohne die wohl kein halbwegs unterhaltsames Werk zum Thema Technik  im weitesten Sinn auskommen kann – noch eine Abteilung zur Gegenwart dazu. Dass sie uns morgen (und das kann dann schon der Tag sein, an dem Sie diese Zeilen erstmals lesen) hoffnungslos veraltet, schräg und falsch beurteilt vorkommt und wir das C-Wort nicht mehr annähernd riechen können (oder wollen), mag sein. Aber die Lachhaftigkeit vieler Konzepte, Konstruktionspläne und Visionen von einst ergibt sich schon bei der Lektüre ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte alter Wirtschafts- und Technikmagazine. „Life is what happens while you’re busy making plans“, wusste schon John Lennon. Wir sollten die vergilbten Ideen von gestern dennoch studieren, weil sie uns auch jede Menge über die aktuelle Situation erzählen. Und den Weg dahin.

Was will dieses Buch, was will die ihr zugrunde liegende Kolumne (die erstmals 2009 in der “Presse“ erschien, wofür es Christian Ultsch und Rainer Nowak zu danken gilt, und die seit 2017 in der „Wiener Zeitung“ abgedruckt wird, hier geht der Dank an Christina Böck, Bernhard Baumgartner und Ex-Chefredakteur Reinhard Göweil)? Kurzgesagt: ein Begreifen ermöglichen. Technik – von Low- bis High Tech, vom Schreibtisch-Gadget bis zum Kernfusionsreaktor – durchdringt unser Dasein. Unsere Welt ist, ob wir das wollen oder nicht, zum „Maschinenraum“ geworden. Ihn zu betrachten, zu beschreiben, zu vermessen und letztlich zu verstehen (zumindest halbwegs), ist ein Gebot der Stunde (die durch die Rasanz der Entwicklung oft nur mehr Sekundenbruchteile zählt). Bisweilen findet sich keine Gebrauchsanleitung.

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie sei von Magie nicht zu unterscheiden, hat der britische Autor Arthur C. Clarke einst postuliert. Hier aber geht es um Entzauberung. Der gemeinsame Abstieg in den „Maschinenraum“ ist der Versuch einer lustvollen, nicht mit Fachsprache, Hard Facts und technischen Details überfrachteten Expedition in den Alltag eines Durchschnitts-Users. Das ist wesentlich: alle Beobachtungen, Anmerkungen und Einschätzungen erfolgen aus der Sicht eines kritischen Konsumenten, nicht eines Experten.

Wie für jeden Autor, für jede Autorin gilt auch für mich: wir schreiben gegen das Sterben an, gegen das Vergessenwerden, gegen den Lauf der Dinge. Wie lange wird der Laptop, in dessen Tastatur ich gerade klopfe, noch klaglos laufen? Was kann uns Neo-Virologe Bill Gates über die Vergänglichkeit erzählen, welches Smartphone nutzt der Papst (und schaltet er es während eines Gesprächs mit Gott aus)? Wird die Zukunft mehr Technik, mehr Verstehen, mehr Lösungen bringen oder weniger? Und kann, nein: muss Fortschritt gegebenenfalls das Überleben der Menschheit sichern? Fragen über Fragen. Ich beginne abzuschweifen.

Zeit, umzublättern.

„MASCHINENRAUM. Gebrauchsanleitung für den modernen Alltag“ erscheint Ende Mai 2020 im Milena Verlag. Das Buch kann ab sofort vorbestellt werden. 

Handshake mit dem Großen Bruder?

7. April 2020

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. An einer potentiell hilfreichen App entzündet sich das Misstrauen des gläsernen Staatsbürgers. Ausgerechnet!

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Extra nochmal nachgezählt: ich habe aktuell 106 Apps auf meinem Smartphone installiert. Seit vorgestern eine mehr, aber dazu später. Von diesen Apps – Miniprogrammen, die eine spezielle Funktion erfüllen – greift mehr als die Hälfte ungeniert auf mein Adressbuch zu oder meine Facebook-Freundesliste, schaltet nach Bedarf Kamera und Mikrofon ein (und der Bedarf erscheint erstaunlich oft gegeben), zeichnet meinen Standort auf, die Bewegungsdaten und den Browser-Verlauf. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie sich für mein Gewicht, den Pulsschlag und die Blutdruckwerte interessieren.

Freilich kann man das Gros der Greifarme dieser Datenkraken ausschalten, aber die Werkseinstellung ist zunächst auf Neugier programmiert. Und nicht wenige Nutzer vergessen, den Auslieferungszustand nicht wörtlich zu nehmen und die entsprechenden Um- und Einstellungen vorzunehmen. Aus Bequemlichkeit, aus Schlendrian, aus Unwissen. Oder auch (oft gehört!), weil man „eh nichts zu verbergen hat“. Für Konzerne, deren Geschäftsmodell sich in Big Data-Schürfrechten erschöpft, ein gefundenes Fressen. Dass generell kaum eine Applikation oder Social Media-Bassena unseres digitalen Lebensstils den Implikationen der Datenschutzgrundverordnung genügt – wiewohl wir ständig lästige, kleingedruckte Regelwerke von Broschürenstärke wegklicken –, ist eh Allgemeingut.

Umso erstaunter war ich, als nun in den letzten Tagen einer potentiell hilfreichen, ja lebensrettenden App besonderes Misstrauen und vorauseilender Hohn entgegenschlugen. Sie wurde (und wird) vom Österreichischen Roten Kreuz angeboten, allein das sollte vertrauensstiftend sein. Die App, legér „Stopp Corona“ benannt, ist dazu gedacht, den Verbreitungswegen des Virus auf die Schliche zu kommen. Und User zu warnen, wenn sie mit Menschen in Berührung waren, die später positiv getestet werden. Relativ unkompliziert („single purpose“), elegant und unbestechlich. Gut, dass Nationalratspräsident Sobotka – ein Oberlehrer vor dem Herrn – vorschnell hinausposaunte, er spräche sich für eine verpflichtende Installation auf dem Handy jedes Staatsbürgers aus, war kontraproduktiv. Allein die Idee liess unzählige Bedenkenträger, Komplettverweigerer und Querulanten hinter den Büschen hervorspringen. Dass Fachleute zwar forderten, den Quellcode (die DNA des Programms) offenzulegen und einige Details nachzuschärfen, sonst aber wenig Übles – und schon gar nichts komplett Verwerfliches – diagnostizierten, beruhigte die Gemüter kaum. Misstrauen rules OK. Einmal dämonisiert, immer dämonisiert.

Nun denn: Teert mich, federt mich, sprecht Gebete und politische Bannflüche! Ich habe es getan. Ich habe die Corona-App runtergeladen. Um sie zu testen. Sie macht eigentlich nichts anderes, als per digitalem „Handshake“ (via Bluetooth oder via Mikro per Ultraschall) auf Knopfdruck (oder bald auch automatisch) eine Art anonymisiertes Begegnungstagebuch anzulegen. Sollte ich eine Benachrichtung erhalten, weiß ich, dass ich potentiell angesteckt wurde. Mehr nicht. Es werden weder meine Spaziergänge getrackt noch mein YouPorn-Konsum entlarvt, und es gibt auch, pardon!, keine Direktverbindung mit dem Führerbunker von Sebastian Kurz.

Lästern mag man eventuell über die Finanzierung der App-Entwicklung durch einen Versicherungskonzern. Oder darüber, dass man einmal mehr einen eigenen Weg geht und nicht auf ähnliche, rückhaltlos transparente Konkurrenzprodukte im EU-Ausland setzt. Da wir freilich im Zeitalter des ritualisierten Misstrauens leben (und das, jammerschade!, nicht ganz zu unrecht), solche Apps aber einer gewissen Verbreitung bedürfen, um zu funktionieren, ist das Ding leider schon tot. Derweil Covid-19 noch quicklebendig unter uns weilt.

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