Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Entweder. Oder.

11. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (400) Wir wollen alle nur eins: das Beste. Aber bei Alltagstechnik ist es nicht leicht aus dem unübersehbaren Angebot herauszufischen.

Headz

Eine der wenigen Musikmanagerinnen dieses Landes – höchste Zeit, dass es mehr werden! – stellte dieser Tage auf Facebook eine Frage. Und erhoffte Antwort. Die Frage war ungewöhnlich knapp und konkret formuliert: „Bose QuietComfort 25 oder Sony MDR-1000X?“

Dazu muss man wissen, dass es sich um Kopfhörer handelt. Und zwar zwei jener besonders gefragten Modelle, die einerseits noch bezahlbar sind, andererseits den aktuellen Stand der Technik repräsentieren. Und dabei tunlichst gut klingen. Solche Kopfhörer gibt es von etlichen Markenherstellern (gelegentlich gesellt sich auch ein Newcomer dazu) – etwa von Sennheiser, Teufel, Philips, JBL. Und einigen mehr.

Die mit Blick auf das Sony-Modell implizit erwünschte Features-Kombination Bluetooth – also kabellose Übertragung der Musik, etwa vom Handy – und Noise Cancelling beherrschen aber in wirklich brauchbarer Qualität nur wenige. Letztere Eigenschaft, also die Unterdrückung des Umgebungslärms, ist eine langjährige Domäne des US-Herstellers Bose. Kein Wunder also, dass das Spitzenmodell – hier wäre es eigentlich der QuietComfort 35, der Nachfolger des kabelgebundenen Modells 25 – in jeder einschlägigen Bestenliste auftaucht.

Nun ist das so eine Sache mit Bestenlisten. Viele riechen verdächtig nach Marketingzuschüssen und Promotion-Tamtam, nachvollziehbare Wertungen liefern die wenigsten. Es gibt einige löbliche Ausnahmen (auch wenn sich der kommerzielle  Hintergrund nicht leicht recherchieren lässt) – etwa die Online-Plattformen AllesBeste.de oder Netzwelt.de. Speziell fokussiert ist Kopfhoerer.de. Im englischsprachigen Raum finden sich solch clever gestrickte Konsumenten-Wegweiser, oft mit Bewegtbild, weit häufiger, einige gelten auch als wirklich kritisch und weitgehend verlässlich. Auch die altbekannten HiFi-Magazine mischen mit.

Wie immer, wenn man sich für Produkte der Unterhaltungselektronik-Welt interessiert, ist ein Quercheck im Web angebracht (das gilt auch für den sogenannten „Marktpreis“). Man möge sich in punkto Glaubwürdigkeit ruhig auf den eigenen Instinkt verlassen: reine PR-Lobhudeleien riechen rasch verdächtig.

Nun führt AllesBeste.de aktuell den Sony MDR-1000X als „besten Kopfhörer mit Noise Cancelling“, er hat den bisherigen Favoriten aus dem Hause Bose abgelöst. Das muss noch nichts heissen. Aber exakt hier beginnt der persönliche Testparcours, sprich: der notwendige direkte Zweiervergleich. Mit eigenen Ohren. Ich sage Ihnen: der Sony kann gewiss nichts schlechter als sein Konkurrent, klingt subjektiv etwas neutraler (Geschmackssache!) und besitzt einige clevere Details (etwa die Steuerung an der Ohrmuschel oder die intuitive „Talkthrough“-Funktion).

Aber, wie gesagt: Sie werden um eine lustvolle finale Hands On-Entscheidungsfindung nicht herumkommen (und Sie können Online-Versandhäuser ärgern, in dem Sie beide Kontrahenten bestellen und das unterlegende Modell kommentarlos zurückschicken; ich empfehle aber doch den Fachhandel). Ausser Ihnen fehlt partout die Zeit.

Das Befragen der Crowd trägt dagegen – Ausnahmen bestätigen die Regel – mehr zur Verwirrung bei als zur Klärung. Weil: „X kenn’ ich nicht, aber Y ist super“ und vice versa: eh, danke.

Advertisements

Reality Check

3. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (399) Der Start-up-Boom hat in Österreich noch nicht einmal richtig begonnen, schon mehren sich kritische Stimmen.

kern

Diese Kolumne ist schwierig zu schreiben. Leicht gerät man in den Geruch der Misanthropie, des Defätismus, der ewigen Nörgelei. Deswegen ein paar klare Worte vorweg: ich bin für Investitionen in die Zukunft. Ohne Wenn und Aber. Das fängt bei Kindergärten und Schulen an und endet keinesfalls bei Bausparverträgen. Eher schon bei tunlichst dingfesten Überlegungen zu Maschinensteuern, bedingungslosem Grundeinkommen, smarten Technologien und (r)evolutionären Arbeits- und Gesellschaftsmodellen.

Nun wird, so scheint es, aktuell die Zukunft (oder zumindest ihre helle, glänzende Variante) durch kaum etwas trefflicher symbolisiert als durch Start-ups. Politik, Wirtschaft und Medien buhlen um diese Agglomerationen junger, hoffungsfroher, nach Fortschritt und Erfolg hechelnder Menschen und ihren meist etwas gesetzteren Geldgebern. Schicke Start-up-Zentren, „Talent Gardens“ und flugs zu Innovations-Hubs umfunktionierte ehemalige Design-Einkaufstempel sprießen förmlich aus dem Boden.

Allen voran hat Bundeskanzler Kern seine Sympathien für die Szene bekundet – und die Regierung demonstrativ einen dreistelligen Millionenbetrag freigemacht, der in neue Geschäftsmodelle und zumeist IT-basierte, idealerweise disruptive Entwicklungen investiert werden soll. Startschuß, Baby! Wer beim Goldrausch 4.0 – heute ist alles 4.0, von der Staatsoper bis zum Bildungsmodell – nicht dabei ist, ist sowieso von gestern.

Nun mehren sich aber Stimmen – und es handelt sich keinesfalls nur um Wortmeldungen Ahnungsloser und Ewiggestriger –, die die ungebremste Start-up-Euphorie hinterfragen. Einerseits weisen sie darauf hin, dass kein Land „seine“ Entrepreneure so sehr fördert wie Österreich. Und das schon seit geraumer Zeit. Bei überschaubaren Ergebnissen. Das zentrale Problem für diesen seltsamen Staats-Start-up-Hype scheint zu sein: private Investoren halten sich zurück. Weitgehend. Warum? Meine These lautet: weil im Land der Beamten, Kämmerer und perpetuierten K&K-Beharrlichkeit der Drang auf den – heute per se internationalen – Markt verdächtig ist. Erfolg am End’ erst recht. Da könnt’ ja jeder kommen.

Andererseits finden sich selbst in den Zentralorganen und PropagandaBlogs der hiesigen Start-up-Szene zunehmend kritische Reflexionen. Never trust the hype! Ohne reale, konkrete, deutliche Verbesserung der investitionshemmenden, innovations- und arbeitsfeindlichen Grundbedingungen in diesem Land – und das gilt für Start-ups genauso wie für ungeförderte, weil nicht gar so arg innovative Kleinunternehmen, Geschäftstreibende und KMU-Selbstausbeuter – wird es nicht gehen. Ohne perspektivische Staatsversorgungs-Distanznahme wirklich innovativer Jungunternehmer/innen ebenfalls nicht.

Noch freut man sich über wohlgesetzte Worte, bunte PR-Leuchtraketen und vereinzelte Erfolgsmeldungen. Die alte Tante Nachhaltigkeit ist bislang auf der Party nicht eingetroffen.

Foto (c) BKA / H. Hofer

Selbstzünder und Spätzünder

12. Februar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (397) Der neue Opel Zafira zeigt EU-Politikern und ihrer frisch entdeckten Diesel-Aversion elegant den Zeigefinger.

opel-diesel-motor-6219701053123183468

Ich war jetzt einige Tage mit einem neuen Opel Zafira als Testfahrzeug unterwegs. Das ist ein Modell, das mir sehr liegt – eine, anders als so viele SUVs, wirklich geräumige und dabei immer noch kompakte Familienkutsche. Die sich, aus guten Gründen, geschmeidig verkauft. Und so Opel einmal fast vor der Pleite bewahrt hat. Nebstbei: ich nutze auch privat einen Zafira, freilich die erste Serie, Baujahr 2000. Und war insofern gespannt auf einen Vergleich der Generationen.

Um es vorwegzunehmen: das Ding fuhr sich anders als mein alter Opel. Nicht nur, dass mit jeder Nachfolgegeneration mehr und mehr Luxus draufgeschlagen wird (das adaptive LED-Licht ist eine wirkliche Verbesserung, auf die nervenden Zeigefinger und Warntöne der alles überwuchernden „Fahrerassistenz“-Elektronik würde ich liebend gern verzichten) – es lag auch am Dieselmotor des Testmodells. Der Schub von unten heraus, also aus niedrigen Drehzahlen, ist ja ein Vorzug des aufwändigeren Motorprinzips. Nominell ist mein zerschrammter Benziner mit Automatik etwa gleich stark, der getestete 2.0 CDTI Ecotec mit Schaltgetriebe spart – bei mehr Agilität – aber doch deutlich beim Verbrauch. Sowohl was das Volumen betrifft als auch die Kosten pro Liter. Fast die Hälfte nämlich. Gut, alles andere wäre beim rasanten Fortschritt der Technik fast schon verwunderlich.

Und doch knicken die Zulassungszahlen für Dieselmodelle ein. Verunsicherung allerorten! Und die hat nicht nur mit dem systematischen Abgaswerte-Schwindel des ehemaligen Diesel-Vorreiters Volkswagen zu tun. Sondern auch mit der Unberechenbarkeit der Politik im Bermuda-Dreieck BrüsselBerlin-Wien. Man schwankt. Und schwenkt – eventuell radikal. Es ist schon kurios: wenn man nach nachforscht, was denn eigentlich der Grund für die steuerliche Bevorzugung von Diesel-Kraftstoff gegenüber Benzin ist, findet man kaum Stichhaltiges.

Ursprünglich ging es darum, Traktoren und Landmaschinen mit billigem Sprit zu versorgen und den gewerblichen LKW-Verkehr „vor dem internationalen Kostenwettbewerb zu schützen“. Zu einem Zeitpunkt, als der Selbstzünder mit seinem prinzipiellen Vorteil des besseren Wirkungsgrades im Personenverkehr kaum noch eine Rolle spielte. Ab Mitte der achtziger Jahre änderte sich das drastisch – heute sind mehr als die Hälfte aller Autos, die auf unseren Strassen unterwegs sind, Dieselschlucker. Hier wurde eine Industrie und eine Bevölkerungsgruppe jahrzehntelang massiv subventioniert. Die Kritik daran wächst. Zurecht. Und es ist nicht nur eine Frage der Umwelt, sondern eine des Prinzips.

„Der neue Zafira liefert genau das, was man von moderner deutscher Ingenieurskunst erwartet“, lese ich im Prospekt. Ehrlich gesagt: ich erwarte mir da mehr. Und doch ist es, abseits aller Diesel-Bedenken, zutreffend: weil dieses Modell (wie alle anderen Opel-Fahrzeuge neuester Generation) auch ein wirklich innovatives, elegant verstecktes Fahrradträgersystem („FlexFix“) an Bord hat. Chapeau!

Last Exit Landesgericht

20. Januar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (394) So kann, darf und wird es nicht weitergehen mit Facebook. Eine gute Nachricht – oder doch eher nicht?

fb-nachrichten

Nicht schon wieder Facebook, werden Sie sagen. Nicht schon wieder der Zeigefinger. Darauf, dass dieses vordergründig harmlose kommerzielle Unterhaltungsangebot – das die Plattform ja sein will und weithin auch ist – mehr und mehr Fragwürdigkeiten, Probleme und Sorgen generiert. Kritik wie ein Magnet anzieht. Und somit immer stärker in die Bredouille gerät. Wäre ich Börsenmakler, würde ich dazu raten, die Aktie dieses Metamedienunternehmens abzustossen. Dringend.

Warum? Weil „Fratzenbuch“, wie es im Volksmund gerne genannt wird, zunehmend in den Schwitzkasten genommen wird. Von der Politik. Von der Justiz. Und von den eigenen Nutzern. Wenn es stimmt, was der grüne Parlamentsabgeordnete Karl Öllinger berichtet, haben Marc Zuckerberg & Company demnächst ein Riesenproblem. Öllinger wurde vom Landesgericht Wien nach dem Mediengesetz Paragraph 6ff („Üble Nachrede“) zu einer Geldstrafe von fünfhundert Euro verurteilt. Weil er beleidigende Postings nicht sofort gelöscht hatte. Wohlgemerkt: nicht seine eigenen. Sondern Kommentare anderer. Wiewohl es der Polit-Profi nicht an Aufmerksamkeit mangeln lässt – wenn auch nicht rund um die Uhr. Verständlicherweise.

„Wenn das Urteil in der Berufung bestätigt wird“, schreibt Öllinger, „dann hört sich für mich Facebook weitgehend auf.“ Wohl nicht nur für ihn. Wenn man dafür haftbar gemacht werden kann, was andere Leute in diversen Threads, die man initiiert hat, an Dreck absondern, ist das Beleidigten-Business absehbar. Und das Ende der Social Media-Welt, wie wir sie kennen. Die Anwälte reiben sich schon die Hände.

Facebook selbst, vordergründig unbeteiligt, kann – wie in der Frage der sogenannten Fake News – nur symbolisch gegensteuern: durch So-tun-als-ob. Aber man bekommt wohl auch durch rasch angeheuerte Agenturen, die das ungezügelt wabernde Kommmunikations-Wirrwarr nach Lügen, Fälschungen und Absurditäten durchforsten, die Sache nicht grundsätzlich in den Griff.

Die – ernsthaft geplante! – Kennzeichnung von „Falschem“ endet spätestens bei Meinungen, Vermutungen, bewusst Unsinnigem, schlechten Witzen und guten Parodien. Und, ja, Realität und Satire sind in Zeiten wie diesen nicht mehr zweifelsfrei unterscheidbar. Auch für Professionisten nicht.

Man möge doch den „gesunden Menschenverstand“ forcieren, um Fake News zu identifizieren, höre ich allseits Kommentatoren raunen. Bildung! Bildung! Bildung! Aber wenn man heutigen Schülern nicht mal mehr probat Schreiben, Lesen und Rechnen beibringen kann, wird’s leider auch mit der viel komplexeren Medienkompetenz nicht klappen. Von grundsätzlicher Höflichkeit ganz abgesehen. Strafen als letztes (und höchst fragwürdiges) Allheilmittel werden jedenfalls eines bewirken: die rasche Flucht aus Facebook – in weniger riskante Alltagsablenkungen.

Des Kaisers neue Konzerthalle

14. Januar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (393) Habe ich der Chefredaktion schon vorgeschlagen, diese Kolumne täglich zu bringen? Es gäbe gute Gründe dafür. Und weniger gute.

saal

Der „Maschinenraum“, also diese Kolumne, existiert nicht nur auf Papier. Die Redaktion stellt ihn auch ins Netz, der Autor ebenfalls. Die mit dem gewitzten Redaktionssystem WordPress erstellte persönliche Textesammlung kann – dank weiterführender Verlinkung und gelegentlicher nachträglicher Aktualisierung – deutlich mehr. Es wundert mich immer ein wenig, dass dies seitens der Chefredaktion offenbar als privates Hobby betrachtet wird, aber es soll mir und uns recht sein.

Auf Facebook habe ich, weil mir ja manchmal fad ist, noch einen weiteren weiteren Maschinenraum installiert. Als regelmässig genutzte, öffentlich zugängliche Themen-Fundgrube, getarnt freilich als „pragmatischer Partykeller“, weil man für mehr als 5000 Facebook-Freunde kein privates Profil mehr verwenden darf. Zwar nutze ich die umstrittene Kommunikations-Plattform fast nur für propagandistische Zwecke. Manische Selbstinszenierung, Star-Rummel und Followerzahlen-Fetischismus erscheinen mir dann doch eher unsympathisch.

Arbeit ist es aber in jedem Fall (die einen nicht gerade selten von „wirklicher“ Arbeit abhält). Insofern muss ich die oft gehörte Unterstellung, ich wäre doch „ständig auf Facebook“ präsent, also quasi hyperaktiv, zurückweisen. Zwischen zwei Uhr morgens und dem folgenden Vormittag geb’ ich Ruh’. Zumeist.

Die „Maschinenraum“-Gruppe, zu der ich Sie herzlich einlade!, fungiert auch als Notizbuch. Seit Anfang des Jahres hab’ ich bereits mehr – zumindest meinem Geschmack nach: höchst interessante – News, Technik-Topics und philosophische Aufsätze zusammengetragen, als ich bis in den tiefsten Sommer hinein aufgreifen kann. Leider.

Zu allem Unglück (oder ist es Glück?) veralten manche Themen rasant. Die Meldung, dass der iPhone-Fabrikant Foxconn fast alle seiner Arbeiter durch Roboter ersetzen will, kratzt kaum jemanden mehr. Fatalerweise. Die Frage, warum heutige Autos so hässlich sind, ist schon wenige Tage nach der Detroit Motorshow eine Nebensächlichkeit. Die Aussicht, dass es bald Laptops mit drei Displays zum Ausklappen – für fortgeschrittene Gamer – geben könnte, entlockt im rasanten Stakkato des Fortschritts und unerbittlichen Sog des Markts erst recht keine „Ah“- und „Oh“-Rufe! Lassen Sie mich wissen, wenn Sie trotzdem meinen Senf dazu kosten möchten.

Um eine aktuelle Beobachtung komme ich – erst recht nach meinem Ausritt in die Gefilde der Hochkultur letztens – sowieso nicht herum: die bei der Eröffnung vielbestaunte Elbphilharmonie in Hamburg – quasi der modernste, kühnste, vorgeblich bestklingende Konzertsaal Europas, wenn nicht der ganzen Welt – hat, sagen Experten, eine gewöhnungsbedürftige Akustik. Um es einmal vorsichtig zu formulieren. Das wäre ja der Treppenwitz schlechthin: 789 Millionen Baukosten, modernste Audiotechnik und ein Satz heisser Ohren.

Es muss einem nicht zwingend als Mieselsucht ausgelegt werden oder als notorische Abneigung gegen elitäre Gigantomanie: das Thema wird uns erhalten bleiben.

Da capo al fine

1. Januar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (392) Der Anlauf, der Oper eine Zukunft zu geben, möge doch bitte ohne pseudoprogressives Wortgeklingel auskommen.

Zuschauerraum der  Wiener Hofoper

Oper geht mir – und ich stehe wohl eher nicht unter dem Generalverdacht der Musik- und Kulturferne – am Allerwertesten vorbei.

Nun: eine Aussage wie diese wird in der „Presse“, einem der österreichischen Zentralorgane des Bildungsbürgertums, nicht ohne Widerspruch bleiben. Aber ich sage Ihnen gerne, warum ich mit dem Genre (und, damit einhergehend, fast mit dem gesamten Fundus klassischer Musik) wenig bis nichts anzufangen weiß: das Verhältnis von Aufwand und Wirkung ist von bestürzend negativer Dramatik.

Freilich ist ein mächtiger Klangkörper wie jener der Wiener Philharmoniker per se beeindruckend – und ich achte auch jeden echten Kenner und Liebhaber retrospektiver Kulturentwürfe. Im 21. Jahrhundert ist jedoch der mit Millionen an Subventionsgeldern festgemauerte heilige Gral der Hochkultur weithin zum gesellschaftlichen Distinktions-Schaulaufen, pompösen Touristenspektakel und leicht miefig riechenden Ritual verkommen. Mit dem Hier und Heute hat es kaum etwas zu tun. Insofern kann mir, pardon!, auch das Neujahrskonzert gestohlen bleiben.

Was haben solch apodiktische Geschmacksurteile aber in einer Technikkolumne verloren? Sie haben mit jener kulturpolitischen Entscheidung zu tun, die knapp vor Weihnachten für Aufhorchen und Schlagzeilen sorgte: die Neubesetzung der Direktion der Wiener Staatsoper ab September 2020. Eine „Oper 4.0“ wurde in diesem Kontext in Aussicht gestellt – oho! Ob der kecken Ansage, getätigt vom Kulturminister, müssten ja – sofern es sich nicht um reines Wortgeklingel handelt – gleich zwei Evolutionsstufen übersprungen werden. Und das in einem Umfeld, das sich gemeinhin halsstarriger und strukturkonservativer kaum denken lässt.

Selbstverständlich wurde bei der Vorstellung des Operndirektors 4.0 auch alles an Schlagwörtern beschworen, was Fortschrittlichkeit, Aufbruchsstimmung und eine neue Radikalität des Denkens suggeriert – von der „größten Materialschlacht der Welt“ (in Konkurrenz mit der TV-Serie „Breaking Bad“?) bis zur zwingenden Vernetzung mit digitalen Plattformen. Was fehlte: Virtual Reality! Ernsthaft.

Aber gibt es derlei – teils groteske – Modernisierungsversuche und Marketingaktionismen nicht schon längst?  Hat man all die lachhaften Libretti und verzopften Stoffe nicht hundertmal mit routiniert inszeniertem Furor umgekrempelt? Und darf Oper nicht einfach das bleiben, was sie ist: ein erneuerungsresistentes, hermeneutisches Mausoleum des zeitlos „Wahren, Guten, Schönen“? Der Eckpfeiler eines weltumspannenden Business-Perpetuum Mobiles? Ein Mythos, der sich selbst genügt?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: wenn ich höre, dass der Job eines Chefs der wichtigsten Bühne dieses Landes darin besteht, „einer Maschine Kunst abzupressen“, dann unterschreibe ich das als Technik-Kolumnist glatt. Aber der hehre, annähernd pathetische Anspruch ist doch von Zweifel durchsetzt, ob es sich wirklich um eine Maschine handelt. Und Kunst nicht nur ein Vorwand ist. Wenn es Bogdan Roščić – in seiner zukünftigen Paraderolle als Erbe Gustav Mahlers – gelingt, mich nochmals in diesem Leben in das Haus am Ring zu locken und Anna Netrebko & Co. tatsächlich relevant für mein Dasein erscheinen zu lassen, hat er gewonnen.

Glückauf! Leicht wird das nicht.

Lest Lem!

25. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (391) Die Liebe zu Science Fiction-Lektüre kann durchaus den Realitätssinn schärfen.

mg21829172-200-1_1200

„I hadn’t known there were so many idiots in the world until I started using the internet.“

Jener Mann, der dies – in aller gebotenen Arroganz – sagte, war einer der vielleicht letzten Universalgebildeten dieses Planeten: der polnische Autor Stanislaw Lem. Dass er vorrangig Science Fiction schrieb – eine Genre, das im deutschsprachigen Raum weithin als Trivialliteratur gilt – spricht eher für als gegen den Urheber. Lem selbst hat immer wieder betont, wie herrlich es sei, humanistische, politische und philiosophische Überlegungen unter diesem Chiffre – gleich einem Trojanischen Pferd – an der (damals noch kommunistischen) Zensur vorbeischmuggeln zu können.

Dabei ist Science Fiction, wirft man einen detailscharfen Blick auf den technischen und gesellschaftlichen Status Quo der Menschheit, eine vielfach realitätsnähere Beschreibung der Wirklichkeit als jede andere Form von Gegenwartsliteratur. „Good books tell the truth, even when they’re about things that never have been and never will be. They’re truthful in a different way.“ Auch ein Lem-Zitat.

Apropos Internet: da der visionäre Denker – mit dem ich einige ausführliche Interviews zu führen das Privileg hatte – schon vor zehn Jahren verstorben ist, kannte er Facebook noch gar nicht. Oder nur in frühesten Ansätzen. Es wäre interessant gewesen, seine Meinung dazu zu hören. Und die künftige Entwicklung von Social Media zu antizipieren. Facebook hat sich – zur Überraschung vieler Experten, auch meiner – in einer Rasanz zum disruptiven Metamedien-Monster entwickelt, die nicht nur Medienmanager und Wertpapier-Broker beschäftigt, sondern auch Psychologen, Juristen, Politiker und Kommunikationswissenschaftler. Mit der üblichen Ambivalenz in der Betrachtung.

Zur Zeit scheinen sich jene Kräfte durchzusetzen, die diese Maschinerie (die sich selbst immer ganz unschuldig als freiwillig nutzbares, kommerzielles Entertainment-Angebot geriert, keinesfalls als Spähplattform, Hass-Schleuder und Manipulationsvehikel) an die Kandare nehmen wollen – sei es, durch gesetzliche Auflagen oder staatliche Aufsicht. Andererseits sollte man ihre Antagonisten nicht unterschätzen, die sich „im Namen des Fortschritts“ und nicht selten unterspickt mit Lobbying-Investitionen der Silicon Valley-Denkfabriken – konsequente Neoliberalität auf die Fahnen geschrieben haben.

Wir werden ja sehen, wie’s kommt. Die Zukunft ist – selbst als Abenteuerspielplatz für Utopisten – rascher Gegenwart, ja Vergangenheit, als vielen lieb sein mag. Die potentiellen Facebook-Nachfolger scharren schon in den Startlöchern (mehr dazu demnächst in diesem Theater). Für das Jahr 2017 hab’ ich mir nur zwei Dinge vorgenommen: 1.) Ja nicht groß rumtönen, man verlasse Zuckerbergs virtuelle Gummizelle (demonstrativ!), wenn man dann doch picken bleibt. Und 2.) wieder mehr Stanislaw Lem lesen.

Künstliche Unintelligenz

18. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (390) Was technisch machbar ist, wird gemacht. Ob es sinnvoll ist, steht oft auf einem anderen Blatt.

A prototype of Google's own self-driving vehicle is seen during a media preview of Google's current autonomous vehicles in Mountain View, California

Hier und heute lesen Sie bestenfalls die zweitbeste Technik-Kolumne, die diese Woche in der „Presse“ erschienen ist. Die erstbeste (im Sinn von: die mit Abstand gelungenste) war am Donnerstag im Blatt und im Netz zu finden.

Sie stammte von Friederike Leibl – und war, oberflächlich betrachtet, durchzogen von Technikfeindlichkeit. „Jedes Mal, wenn von selbstfahrenden Autos die Rede ist, denke ich mir, wer will soetwas eigentlich?“ hob die geschätzte Kollegin ihr aufreizendes Pamphlet an, um letztlich zum Schluß zu gelangen: „Ich will keinen Kühlschrank, der selbst bestellt, wenn er leer ist, ich will auch keine Heizung, die sich automatisch einstellt, ich will Dinge, die so funktionieren, wie ich das bestimme.“

Nun könnte man einwerfen, gelegentlich würde es reichen, die Bedienungsanleitung zu lesen, damit Dinge auch wirklich so funktionieren, wie es ihrer Bestimmung entspricht. Aber, sorry, dieser Ansatz greift zu kurz. Friederike Leibl hat recht. Punktum. Technik, die sich nur an den eigenen Möglichkeiten und ihrer inhärenten Logik beweist, darf getrost als Fehlkonstruktion betrachtet werden. Der Mensch – so ziemlich das unberechenbarste, unmündigste und unvollkommenste Wesen des bis dato erforschten Weltenraums – ist der entscheidende Faktor. Und bleibt es auf absehbare Zeit.

Es mag ja zum Beispiel gut sein, dass autonome, also von künstlicher Intelligenz gesteuerte Fahrzeuge theoretisch weniger Unfälle bauen als solche, die von Menschenhand gelenkt werden. Aber wie will man das in der Praxis erproben? Solange humanoide Unintelligenz auf unausgereifte High Tech-Systematik trifft – und das wird wohl im Alltagsverkehr der Fall sein (müssen) –, sehe ich schwarz. Erst recht, wenn sich die Bahnen von dogmatischen Technik-Trunkenen, beschwingten Fuzzy Logic-Autopiloten und herkömmlichen Besoffenen kreuzen.

„Form follows function“, heisst ein kluger Leitsatz des Produktdesigns. Schon aus der äusseren Form (und, in komplexeren Gegenständen, der Qualität der Benutzeroberfläche) soll sich ohne Umwege, Umständlichkeiten und überflüssigen Zierrat der Gebrauchswert ableiten lassen. Hier Gehirnschmalz reinzustecken ist eine Investition, die sich möglicherweise nicht in Profit, aber in Nutzer-Zufriedenheit niederschlägt. Der Angelpunkt ist schon heute (und wird es in Zukunft stärker denn je sein), die Schnittstellen zwischen den immer mächtigeren Möglichkeiten der Technik und den oft banalen Wünschen der Menschen so elegant, zielführend, solide und verlässlich wie möglich zu gestalten.

Man kann Friederike Leibl – die stellvertretend für Millionen Laien ihr Unbehagen am Status Quo formuliert hat – Fortschrittsfeindlichkeit vorwerfen. Aber wirklich ewiggestrig ist es, Ihre Botschaft nicht mal ansatzweise verstehen zu wollen.

Abgesang

9. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (389) Die Handelskette Libro will sich aus dem Geschäft mit Tonträgern und DVDs zurückziehen. Ernsthaft?

libro

Man wird mir bei dieser Kolumne Eigeninteressen – in meiner hauptberuflichen Rolle als Label-Betreiber und Musikproduzent – nachsagen. Aber sie sind, wenn überhaupt, nur am Rande gegeben. Ich schreibe diese Epistel vorrangig als Konsument. Als jemand, der es schätzt, dass es in vielen Städten, Märkten, Bezirken Österreichs noch Nahversorger gibt. Also Geschäfte, in denen man Lebensmittel, Kleinkram und Dinge des täglichen Bedarfs erwerben kann, ohne einen Tagesausflug an den Stadtrand planen zu müssen.

Zu meinen persönlichen Über-Lebensmitteln zählen freilich auch Papierprodukte wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, weiters Batterien, Schreibstifte, Technik-Accessoires und, ja, Filme und Musik. Hier kann ich auf eine privilegierte Situation bauen: im 7. Wiener Bezirk gibt es Elektronikmärkte, Plattenläden und Bürowarenspezialisten sonder Zahl. Wenn ich aber zu meiner Mutter ins nördliche Weinviertel fahre, wird mir die Misslichkeit der schwindenden Nahversorgung rasch bewusst. Was es in Hollabrunn grad noch käuflich zu erwerben gibt, ist in Retz schon ein fragliches Gut.

Apropos: nutzen Sie noch CDs und DVDs? Weit mehr als die Hälfte der Österreicher/innen tun das. Ungebrochen. Nun: es hat sich noch nicht weiter herumgesprochen, ist in der Branche aber kein Geheimnis mehr – der heimische Handelsriese Libro plant, 2017 keine CDs mehr in die Regale zu stellen. Ausser eventuell eine Handvoll Kinder-Produkte und Charts-Giganten. DVDs stehen „unter Beobachtung“, wie es firmenintern heisst. Man will sich mittelfristig wohl komplett aus dem Geschäft mit Bild- und Tonträgern zurückziehen.

Nun ist Libro nicht irgendeine Kette. Im Non Food-Bereich hat das aktuell 241 Filialen und 1600 Mitarbeiter zählende Unternehmen österreichweit fast ein Monopol. Und einen überproportionalen Marktanteil bei Schlager- und Volksmusik-CDs, Middle of the Road-Pop und Charts-Compilations. Nicht gerade das Repertoire, das ich persönlich höre. Aber: Mitnahmeartikel bleibt Mitnahmeartikel. Und sei es als billiges Geschenk. Warum also will das Management freiwillig auf einen Umsatz- und Frequenzbringer verzichten? Hat man ein geheimes PR-Abkommen mit Amazon abgeschlossen? Andersrum (und härter) gefragt: glaubt man noch an die eigene Zukunft?

Die revolutionäre Digitalstrategie der Libro-Geschäftsführung ist mir, sofern existent, unbekannt. Und ich bin auch kein Experte für Groß- und Einzelhandel im Hier & Heute. Aber der Zweikampf analoges versus digitales Business – der ja, der menschlichen Natur entsprechend, nicht zwingend ein Entweder/Oder kennt – wird von einer Filialkette nicht online zu gewinnen sein. Physische Produkte mit einer aus Glamour, Marketingbudgets und Medienaufmerksamkeit gespeisten produktimmanenten Strahlkraft tolldreist zum Gerümpel von gestern zu erklären (und die leerwerdenden Regalmeter genau wofür zu nutzen?), erscheint mir dann doch wie Selbstmord mit Anlauf.

Ja, Amazon, Netflix, Spotify, also Online-Einkauf, Download und Streaming kennt man auch in Retz und Hollabrunn. Manchmal möchte man aber doch eine handfeste Silberscheibe nachhause tragen.

Exoten-Malus

27. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (387) Ab 2017 soll es millionenschwere Förder-Massnahmen für Elektromobilität geben. Cui bono?

nextev-nio9

Ich mach’ mir ja gelegentlich einen Spaß daraus, technische Neuigkeiten mit einem gehörigen Quantum Ironie – bisweilen sogar Zynismus – zu kommentieren. Aus Gründen. „Mikroskope und Fernröhre verwirren den reinen Menschensinn“, wusste schon der alte Goethe, aber erst Karl Kraus hat erkannt, dass die Entwicklung der Technik „bei der Wehrlosigkeit vor ihr angelangt“ ist.

Was hat Elon Musk dazu zu sagen? Würde mich glatt interessieren. Nicht zuletzt, was dem Visionär des 21.Jahrhunderts – der seine Elektroauto-Manufaktur wohl nicht zufällig nach seinem Pendant des 20. Jahrhunderts, Nikola Tesla, benannt hat – entfuhr, als er erstmals den Nio EP9 zu Gesicht bekam.

Was ist das nun wieder?, hör’ ich Sie fragen. Zurecht. Denn der Nio NP9 ist – wiewohl auf den ersten Blick mächtig beeindruckend – nicht mehr als eine Marginalie der rasanten technischen Entwicklung der Spezies Elektromobil. Es handelt sich um einen Sportwagen – der Begriff ist eher untertrieben –  des chinesischen Herstellers NextEV, der diese Woche in London vorgestellt wurde. Motorleistung 1000 Kilowatt (was 1360 PS entspricht), 1,7 Tonnen Gewicht, Preis unbekannt (aber garantiert siebenstellig). Mit dem Ding lässt sich in 7 Minuten 5 Sekunden und 12 Hundertstel über die Nürburgring-Nordschleife flitzen, was für diese Autoklasse Rekord bedeutet. Und auch sonst nicht von schwachen Eltern ist. Erhältlich ist der Exot vorerst nur in China. Aber es gibt für solche Potenzprothesen wohl auch hierzulande eine Marktnische.

Normalverdienern wie unsereiner bleiben nur mehr oder minder gewitzte Distanzierungsversuche. „Wenn ich den Chinakracher importiere“, schrieb ich auf Facebook, „schiesst mir dann die Bundesregierung die Kosten für die Fußmatten zu?“ Bezogen hat sich diese Wortmeldung auf die Ankündigung der Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) sowie für ein lebenswertes Österreich (BMLFUW) – früher sagte man Umwelt, Land- und Forstwirtschaft dazu –, ein 72 Millionen Euro schweres „Aktionspaket“ – früher sagte man schlicht Förderung dazu – der Elektromobilität zu widmen.

Sprich: Privatpersonen sollen bis zu 4000 Euro bekommen, wenn sie E-Autos kaufen. Diese sollen wiederum mit grünen Kennzeichentaferln rumsurren und von Parkgebühren, Busspur-Fahrverboten und sonstigen Alltagswidrigkeiten befreit werden. Zudem möchte man – die Autoimporteure sind auch an Bord – in Stromtankstellen und Lade-Infrastruktur investieren.

Leider wird es nix mit dem staatlich unterfütterten Erwerb eines Nio EP9. Voraussetzung für Förderkohle ist nämlich, dass ein Neuwagen „in der Basisversion“ unter 50.000 Euro kostet und einen „Grünstrom-Liefervertrag“ erhält. Ich fürchte, da beisse ich in China auf Granit. Über die sonstige Sinnhaftigkeit des vorweihnachtlichen Geschenkpakets darf – der Jahreszeit adäquat – besinnlich leise debattiert werden.

%d Bloggern gefällt das: