Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Langstreckentest

1. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (309) Machen Sie selbst den Test: mieten Sie mal einen Tesla. Er wird Sie mit Garantie elektrisieren.

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Kaum eine Automarke wird in dieser Kolumne häufiger genannt als Tesla. Das steht in einem reziproken Verhältnis zur hiesigen Kfz-Verkaufsstatistik, hat aber gute Gründe: das Unternehmen rund um den US-Visionär Elon Musk ist ein Vorreiter der Elektro-Mobilität.

Zunächst mit einem elitären Roadster, nunmehr mit einer halbwegs leistbaren Limousine – dem auch nicht gerade unsportlichen Model S – hat man eine konsequente Philosophie entwickelt. Und erstaunliche Erfolge erzielt. Also: eine dezidierte Zukunftsperspektive. Naturgemäß stand ein Tesla schon länger auf der Test-Wunschliste.

Man nimmt dafür gerne in Kauf, mit dem auffälligen Kennzeichen W Blitz 8 unterwegs zu sein. Immerhin: Blitz 6 haben mir die freundlichen Herren des Leihgebers blitzzcar.com (Motto: „Wir sind Dein Auto“) erspart. Aber auch so darf man sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen, wenn man mit dem elegant gestylten Mobil durch Graz kurvt.

Das hatte ich mir vorgenommen: die Langstreckentauglichkeit eines Tesla zu prüfen. Skepsis ist ja der ständige Beifahrer des Konsumenten. Nun: die Hinfahrt über die Südautobahn verlief bestens. Es galt nur, mittels Tempomat strikt im Rahmen der gesetzlich erlaubten Geschwindigkeiten zu bleiben – das Drehmoment des Elektromotors (das Gefährt beschleunigt in 5,4 Sekunden von Null auf Hundert km/h) bei gleichzeitigem Flüster-Geräuschpegel verführt zu höheren Tempi. Die Straßenlage – man sitzt ja auf rund 8000 gewichtigen Lithium-Ionen-Akkuzellen – dito.

Wenn man mit 80 Prozent Ladung in Wien losfährt, liegt Graz locker in der Reichweite von über vierhundert Kilometern. Die Rückfahrt bedarf dann allerdings sorgfältiger Planung. Denn in der zweitgrößten Stadt der Republik gibt es bis dato keinen „Supercharger“, der das Fahrzeug rapide mit bis zu 120 kW Gleichstrom auflädt. Und das gratis. „In Bau“ vermerkt das bordinterne Internet. Stattdessen muss man sich bei Autobahnstationen oder auf Merkur-Parkplätzen stundenlang mit weit langsameren Zapfsäulen herumschlagen. Bei manchen lächeln einem schwachstromhungrige E-Biker und staunende Passanten verhalten zu.

Aber es wäre degoudant, zu klagen. Es gibt, wage ich zu behaupten, derzeit kein faszinierenderes käuflich erwerbbares Auto auf diesem Planeten. “Auto” ist vielleicht zu kurzgegriffen: es ist ein Mobilitäts- & Energiekonzept. Eigentlich ist der Tesla ja ein Computer auf Rädern. Mit dem nächsten Software-Update, flüsterte man mir leise zu, könne das Ding mich auch ohne mein Zutun kutschieren. Wenn es denn der Gesetzgeber erlaubt.

Maschinen-Raum & Zeit

25. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (308) Es gibt Maschinen, die unseren Verstand übersteigen. Eine davon kreist seit 25 Jahren über unseren Köpfen.

Hubble Teleskop

Was ist die bislang mächtigste von Menschenhand erbaute Maschine? Gute Frage. Kommt wohl darauf an, was man als „mächtig“ bezeichnet und was präzise unter einer Maschine zu verstehen ist. Denn streng genommen ist das Ding, das ich heute in den Fokus der Betrachtungen rücken möchte, eher ein wissenschaftliches Instrument – wiewohl es als Gerät, das durch ein Antriebssystem bewegte mechanische Teile enthält, auch der Definition einer Maschine entspricht.

Mit 13,1 Meter Länge, einem Durchmesser von 4,4 Metern, einer Masse von elfeinhalb Tonnen und dem Aussehen einer leicht verschrammten Blechbüchse ist das Hubble Weltraumteleskop für die „Generation Transformers“ wohl auf den ersten Blick nicht übermässig beeindruckend. Dabei ermöglicht es, ziemlich exakt seit einem Vierteljahrhundert in 560 Kilometern Höhe über unseren Köpfen kreisend, Erkenntnisse, die unseren Verstand überschreiten. Wohlgemerkt: unseren – nicht den von Stephen Hawking und jener Handvoll von Wissenschaftlern rund um den Erdball, die sich der systematischen Erforschung von Raum und Zeit verschrieben haben.

Erdacht wurde ein extraterrestrisches Fernrohr, das nicht durch den Schleier der Erdatmosphäre behindert wird, schon Jahrzehnte, bevor man die nach dem Astronomen Edwin Hubble benannte Vorrichtung via Space Shuttle ins All transportierte. Das Resultat übertraf – trotz mannigfaltiger Konstruktionsfehler und Widrigkeiten, die mit fünf komplizierten Service-Missionen bereinigt werden mussten – alle Erwartungen. Prächtige Bilder unbekannter Galaxien, erdähnlicher Exoplaneten, sterbender Sterne, riesiger Schwarzer Löcher und verbogener Neptun- und Pluto-Monde erzeugten auch bei Laien offenes Staunen.

Letztere mögen nur für Vollständigkeitsfanatiker im Sternkatalog-Club von Belang sein, die Erkenntnis aber, dass das All durch bislang unerforschte Kräfte seine Expansion immerzu beschleunigt, lässt auch die Wissenschaft an ihre Grenzen stossen. Letztlich ist Hubble eine Zeitmaschine, die uns Milliarden Jahre zurück in den Urgrund des Universums blicken lässt.

Dennoch sind die Tage von Hubble gezählt. Was wird uns erst der weit mächtigere Nachfolger, das bereits in Bau befindliche James Webb Space Telescope, erschauen lassen? Sofern der Himmelskörper, um den sich aus unserem weithin nichtsahnend-eitlen Blickwinkel alles dreht, dann überhaupt noch von der Spezies Mensch bevölkert ist.

David versus Goliath

12. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (306) Facebook scheint unangreifbar. Und nutzt jeden juristischen Trick, um sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen.

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David gegen Goliath? Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Zumindest in der Bibel. Seither sind einige Jahrtausende vergangen, aber auch in der komplexen Welt von heute hat das Gleichnis vom beherzten Einzelkämpfer, der einen Koloss ins Wanken bringt, nicht an Signalwirkung verloren.

Auftritt: Max Schrems. Seit Donnerstag steht der junge Salzburger Jurist im Saal 8 des Landesgerichts für Zivilrechtssachen in Wien, um die bislang grösste europäische Datenschutz-Sammelklage (“Europe versus Facebook”) zu verhandeln. Der Gegner scheint übermächtig. Seine Anwälte meinen gleich zum Auftakt, das wäre der falsche Ort für ein Gerichtsverfahren, der Kläger eigentlich kein Facebook-User, sondern quasi nur ein geschäftstüchtiger Querulant und die Sache überhaupt ein schlechter Witz.

Nun: es ist immer wieder bestürzend zu erleben, wie die Erörterung einer „res publica“ – einer öffentliche Angelegenheit, die die Gesellschaft generell betrifft – mittels juristischer und bürokratischer Spitzfindigkeiten hintangehalten wird. Egal, ob es sich um den Untersuchungsausschuss zur Hypo Alpe Adria oder die Geschäftsprinzipien und -Praktiken eines Konzerns wie Facebook handelt. Insofern sollten wir Max Schrems dankbar sein, dass er sich das – stellvertretend für viele Datenschutz-Aktivisten weltweit – antut. Hier ist nicht der Platz, ins Detail zu gehen, aber: es geht um einiges. Grundsätzliches. Heikles. Zukunftsweisendes.

Ich frag’ mich ja seit Jahr und Tag: warum kopiert man das Faszinosum Facebook, sprich: seine kommunikative Funktionalität, nicht ungeniert und möglichst weitgehend? Und schafft ein, zwei, viele neue soziale Netzwerke – reduziert um ihre schlimmsten kommerziellen Widrigkeiten, mit expliziter Betonung der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung? Also quasi ein öffentlich-rechtliches Modell, das natürlich auch Geld verdienen darf und soll. Aber bei dem Profit letztlich nicht die einzige Maxime ist.

Man komme mir jetzt nicht mit Hinweisen auf das de-fakto-Monopol und die weltumspannende Rolle von Facebook: der Grossteil unserer Unterhaltungen läuft unter persönlichen Freunden, bezieht sich auf einen Umkreis von ein paar hundert Kilometern und könnte auch in einer Bassena stattfinden. Und manche Länder haben längst eigene Klone (mit eigenen Spielregeln, die oft genug auch höchst fragwürdig sind) aufgesetzt: in China heissen sie Renren („Jeder“), Kaixin001 oder 51.com, in Russland Vkontakte. Natürlich gibt es auch Entsprechungen für Twitter, Business-Networks und Dating-Plattformen.

Das wäre doch auch mal eine interessante Ausgangsposition vor Gericht: wie weit reicht hier das Urheberrecht? Und worauf bezieht es sich: auf Programmcodes, gestalterische Details oder – man denke an den Versuch, sich Farben oder Genstrukturen patentieren zu lassen – auf grundlegende Muster und Gesetzmässigkeiten menschlicher Interaktion? Die Causa „Planet Earth versus Facebook“ könnte noch spannend werden. Einstweilen warten wir ab, wie sich der wackere Max Schrems schlägt. Und halten ihm alle Daumen.

Heimvorteil

5. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (305) “Made in Austria“ ist kaum mehr etwas in der HiFi-Welt. AKG hält die Tradition hoch – mit Ausnahmeprodukten wie dem Kopfhörer K812.

AKG K 812

Manchmal ist Technik stark mit Erinnerung verbunden. Mit bestimmten Orten, Bildern, Logos, ja sogar Gerüchen.

In diesem Fall ist es eine ehemalige Produktionsstätte der „Akustische und Kino-Geräte Gesellschaft m.b.H.“ in der Brunhildengasse in Wien-Fünfhaus – einer Gegend, in der ich meine Pubertät durchlebte. Die Firma AKG (die Abkürzung erklärt sich damit von selbst) genoss jedenfalls schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen legendären Ruf, der den beschaulichen Bezirk mit dem internationalen Rock’n’Roll-Business in Beziehung brachte. Und damit auch einen jugendlichen Musikfan wie mich elektrisierte.

1947 von Dr. Rudolf Goerike und Ing. Ernst Pless mit nur fünf Mitarbeitern gegründet, erwarb sich AKG rasch Weltruf in der Audio- und Video-Branche. Projektoren, Lautsprecher und Mikrofone kamen in Kinos, Veranstaltungssälen und Musikclubs zum Einsatz, ab 1949 baute man auch Kopfhörer. Herbert von Karajan verwendete AKG-Equipment ebenso wie die Beatles, Rolling Stones, ABBA, Stevie Wonder oder Falco. Zunächst war Philips internationaler Partner, heute gehört das Unternehmen zur amerikanischen Harman-Gruppe, die einige berühmte HiFi-Traditionsmarken unter ihren Fittichen hat. Der Kaufpreis anno 1993: ein symbolischer Schilling – man war zuvor durch eine aggressive Expansionspolitik ins Trudeln geraten.

Trotzdem gibt es noch AKG-Geräte, die nicht in den USA oder China hergestellt werden. Zuvorderst solche der Profi-Abteilung. So ist man in Wien derzeit besonders stolz auf das Kopfhörer-Modell K812, das als „Superior Reference Headphones“ beworben wird. Und womit? Mit Recht. Ich habe selten ein Audio-Produkt getestet, das einen so exzellenten, natürlichen Klangeindruck hinterließ. Zwar kostet das gute Stück einiges – nämlich mehr als eineinhalb Tausender (diesmal freilich Euro) –, aber in der Profiliga ist präzises Hören ein Imperativ.

Es sei das „kompromissloseste Model der Firmengeschichte“, sagt der Begleitzettel. Nun: in der Form lehnt sich der K812 an frühere Klassiker wie den K240 an. Kann da ein Mittelklasse-Kopfhörer wie mein geliebter Bose Qietcomfort oder der neue Sennheiser Momentum Wireless mithalten? Gute Frage. Nächste Frage. Denn der Profi weiss: wenn man mal auf ein bestimmtes Klangbild eingeschworen ist (das im Idealfall absoluter Neutralität nahekommt), hat man seine persönliche Referenz definiert. Hier ist sie – wohlan! – „Made in Austria“.

Im Vorwärtsgang in die Vergangenheit

22. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (304) Manche Konzepte erleben – zurecht – einen zweiten Frühling. Hier kommt der Lohner-Roller!

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„Mobilität beginnt im eigenen Kopf“. Diesen Leitsatz hat Andreas Lohner geradewegs verinnerlicht. Denn der gelernte IT-Mann traut sich dieser Tage mit einem Projekt an die Öffentlichkeit, das einerseits in der Familientradition begründet ist, andererseits ein Experiment verkörpert, für das er, so Lohner, „überhaupt keine Voraussetzungen hatte. Es waren wohl meine Vorfahren, die mich animiert haben, etwas Zukunftsorientiertes zu bauen.“

Schnitt. Spulen wir im Schnelldurchlauf knapp zweihundert Jahre zurück. Lohners Urahn Heinrich floh anno 1821 vor Napoleons Truppen aus dem Elsass nach Wien. Der Wagnermeister stieg zügig zum grössten Kutschenbauer der K&K-Republik auf. 1899 baute man mit dem Lohner-Porsche das erste Elektroauto der Welt, das Unternehmen fabrizierte aber auch Flugzeugpropeller, O-Busse und Straßenbahnen. Nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich auf leistbare Kleinfahrzeuge – etwa die Lohner Sissy, das erste zweisitzige Moped, oder den legendären Roller L125. Mit seiner gedrungenen Bauform prägte er das Bild der Nachkriegsstadt. 1970 schlossen die Lohner-Werke dennoch die Fabrikstore.

Bis Andreas Lohner nach vierzigjähriger Pause den Faden wieder aufnahm. Man kann den Stolz förmlich greifen, wenn er seine Geisteskinder in den Ausstellungsraum schiebt: den „Stroler“, ein retrofuturistisches Hybrid aus Fahrrad und Elektromoped. Und die „Lea“, einen optisch stark an das Modell L125 angelehnten „Urban Cruiser“. Ein erfrischender Anblick, erst recht, wenn man die historische Vorlage noch dunkel in Erinnerung hat.

Aber braucht die Welt noch weitere Elektrofahrzeuge? Das wird der Markt entscheiden. Die Leistungsdaten lesen sich gut, das Design ist ein deutlicher Distinktionsfaktor, es stecken fünf Jahre Entwicklungsarbeit drin. Jetzt gilt es mit Schwung loszutuckern (pardon: loszusurren)!

Was die Welt jedenfalls braucht, sind Leute wie Andreas Lohner. Man mag es für lachhaft halten, wenn ein ehemaliges Riesen-Unternehmen nun als Daniel Düsentrieb-Bastelbude wieder ersteht. Und der Markenname Lohner so einen zweiten Frühling erleben soll. Aber es ist genau dieser Geist, der auch ganz am Anfang stand: höchstpersönliche Mobilität, begründet durch eine sachliche Analyse der Lage, verbunden mit dem Mut zum Aufbruch. Die Werbetexter mussten nur die Firmengeschichte nacherzählen.

Gewöhnungseffekt

15. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (303) Wir gewöhnen uns langsam, aber sicher an eine Zukunft, die nur in der Gegenwart harmlos wirkt.

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Ich fürchte, man kann es nicht mehr hören. Und will es nicht mehr lesen. Oder die Sachlage gar ernsthaft diskutieren. Fast täglich trudeln Hinweise, Belegstücke, ja glasklare Beweise dafür ein, dass wir pauschal verdächtigt, abgehört und bespitzelt werden. Vollkommen ungerührt, ungeniert und ungeachtet der hiesigen Gesetzeslage.

So tauchte diese Woche ein Dokument auf, das ein besonderes Interesse des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Kunden des österreichischen Internet-Providers UPC – Domain: chello.at – belegt. Der Datenverkehr von Nutzern dieses Anbieters wird mit einem Spionageprogramm namens „Upstream“ direkt von den Knotenpunkten der Glasfaserkabeln abgesaugt. UPC selbst weiss davon offiziell nichts, verwahrt sich aber – zumindest verbal – gegen diesen Angriff auf die unternehmerische Integrität und Reputation. „Wir setzen“, so ein Statement aus der Firmenzentrale, „ständig alle erforderlichen Schritte, um unser Netzwerk zu sichern“.

Letztendlich ist man aber macht- und hilflos. So macht- und hilflos wie unsere Volksvertreter. Die Politik – wenn man noch an das Primat der Demokratie und damit einer gewählten, verantwortungsbewussten Repräsentanz der Bevölkerung durch Politiker/innen glaubt – scheint entweder komplett die Augen zu verschliessen. Längst resigniert zu haben. Oder gar von der Wühlarbeit der US-Schattenkrieger zu profitieren.

Gewöhnung, Abstumpfung und kollektive Verdrängung greifen perfekt. Die Bürger dieses Landes, weithin desinteressiert an komplexen Themen der Digitalsphäre, scheinen sich mehr und mehr mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das alles ganz normal und alltäglich ist. Die üblichen Verdächtigen – Datenschützer, Oppositionspolitiker und Verschwörungstheoretiker – nörgeln rum, Juristen und Staatsanwälte schweigen beredet, der Journalismus übt sich in der Folklore des Abwägens und Abwiegelns (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und alles läuft stillschweigend weiter wie gehabt. Wie werde ich meiner Enkeltochter einst erklären, dass wir uns alle so verhalten haben und nicht anders?

Denn es ist absehbar, wohin dieser Gleichschritt der Ignoranz führt: direkt in den Abgrund. Ach, Sie meinen, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“? Ich bitte dringend darum, nachzuforschen, wem dieser Satz zugeschrieben wird. Unter uns: diese Recherche – etwa via Google – macht Sie gleich extra verdächtig.

Garagen-Sound

9. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (302) Schwäbisch-Gmünd gilt nicht als Mekka der HiFi-Welt. Nubert arbeitet seit 40 Jahren daran, das zu ändern.

Günther Nubert

Die Garage ist ein mystischer Ort. Vor allem dann, wenn sie zweckentfremdet wird – also eben nicht als Autoabstellplatz, Reifenlager oder Geräteschuppen dient. Die berühmteste Garage der Welt hat die Adresse 367 Addison Avenue in Palo Alto, Kalifornien, USA. Hier werkten ab 1939 die Elektronikpioniere Bill Hewlett und David Packard, heute gilt die enge Holzhütte als Geburtstätte von Silicon Valley.

Nicht ganz so bekannt wie die Gründer des weltumspannenden Konzerns Hewlett-Packard ist der schwäbische Firmenchef Günther Nubert. Aber auch er hat es vom Tüftler und Bastler zum anerkannten, mittelständischen Unternehmer gebracht. Und auch hier stand eine Garage ganz am Beginn. Offensichtlich eine ideale Umgebung, um sich der Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch jungen Transistortechnik zu widmen, Mischpulte und Verstärker zu bauen und über bessere, sprich: „ehrlichere“ HiFi-Boxen zu sinnieren, als sie am Markt zu finden waren. Was wiederum Freunde und Bekannte von Günther Nubert zu ersten begeisterten Kunden machte. Im Zug der „Legalisierung eines Zustands“ (so der Firmengründer) wurde aus der Bastelbude anno 1975 die Nubert Electronic GmbH.

Dieses Unternehmen zählt heute zu den grössten Lautsprecher-Herstellern Deutschlands. Am Design kann es nicht liegen: die Schallwandler aus Schwäbisch-Gmünd machen dem Begriff „Box“ alle Ehre – sie sind solide, konservativ, geradlinig. Vielleicht sogar ein bisschen bieder. Aber sie klingen durch die Bank wirklich gut. Zu höchst erstaunlichen Preisen. Denn das ist der eigentliche kaufmännische Trick von Nubert: er verkauft seine Erzeugnisse direkt. Ohne Zwischenhandel. Und steckt die so flugs vergrösserte Marge – ähnlich wie der schärfste Kokurrent Teufel aus Berlin – in Audio-Qualität „made in Germany“.

Nun ist Lautsprecherbau keine Raketentechnologie. Die Grösse von Gehäusen, Membranen und Magneten, eine sorgfältige Auswahl von Dämpfungsmaterial, Weichen und Filtern und ihre finale Feinabstimmung ergibt üblicherweise die Rezeptur für Wohlklang. Aber vielleicht schwingen auch – unbewusst hörbar – unternehmerische Dynamik, ein ungebrochener Hang zur Feintüftelei und ein ewiger Drang nach handwerklicher Perfektion mit.

Anders lässt es sich nicht erklären, dass selbst eine pummelige 560 Euro-Zweiwege-Einsteiger-Box wie die Nubert nuBox 483 im Handumdreh’n aus meinem Wohnzimmer eine Garage macht. Also einen mit Musik erbauten Palast der Visionen, Wünsche und Ideen.

Zweierlei Sichtweisen

1. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (301) Darf eigentlich nur der Staat seine Bürger überwachen – und die sich nicht selbst?

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Die Welt wird immer komplexer. Und verrückter. Möchte man jedenfalls meinen, wenn man kopfschüttelnd all die surrealen Anläufe wahrnimmt, mit Regeln, Gesetzen, Verboten und Strafen unseren Alltags normieren zu wollen. Eine Tendenz, die von vielen Mitmenschen unabsichtlich oder auch mutwillig sabotiert wird – man nimmt halt metaphorisch gern den Abkürzer quer über den Rasen, auch wenn der Landschaftsarchitekt auf seinem Reißbrett einen anderen Weg eingezeichnet hat.

Ein Beispiel: es ist strikt verboten, an der Fassade des eigenen Hauses oder am Armaturenbrett des eigenen Autos eine Kamera zu montieren. Zu – huch!, böses Wort! – Überwachungszwecken. Man kann das partiell nachvollziehen, weil ja die permanente Aufzeichnung des Lebens im Vorgarten oder auf der Strasse auch ordentlich nerven kann (vom Nachbarn bis hin zu unbeteiligten Passanten). Und ein Generalverdacht – so vorhanden – durchwegs negative Reaktionen impliziert. Aber warum scheisst sich, pardon!, der Gesetzgeber dann absolut nichts, wenn es um Behörden, IT-, Telekommunikations- und Sicherheitsunternehmen oder NSA-Spezis in Wiener Vorortevillen geht? Oder uns die Polizei ständig per „Verkehrskamera“ im Visier hat? Quod licet iovi non licet bovi.

Nun pfeifen sich natürlich tausende Österreicherinnen und Österreicher auch nichts – und haben eine sogenannte Dashcam in ihrem Vehikel montiert. Mit diesen billigen, aber brauchbare Aufnahmen liefernden Geräten – die es auch ganz legal zu kaufen gibt – filmt man ungeniert, was einem so in die Quere kommt. Von der vorbeihuschenden Landschaft bis zum Verkehrsrowdy und potentiellen Unfallgegner (spektakuläre Aufnahmen meist russischer Provinienz lassen sich gehäuft auf YouTube betrachten).

Beweiskraft vor Gericht haben solche Bilder keine – weil ja eigentlich verboten. Im Einzelfall aber kann und darf der Richter anders entscheiden. Und das Bergpanorama am Großglockner zu filmen, so die ÖAMTC-Juristin Ursula Zelenka, sei jedenfalls erlaubt.

Das ist natürlich völlig gaga. Denn wenn lebensfremde Verbote schlagend werden, müsste jede Action-Cam auf der Skipiste oder auch nur ein per Smartphone beiläufig dokumentierter City-Spaziergang illegal sein. Zwei österreichische Unternehmer wollen die Sachlage jetzt vom Verwaltungsgerichtshof klären lassen: ihre Cam namens „Blackboxer“ dient eindeutig nicht dubiosen Zwecken. Sondern der Sicherheit. Man darf gespannt sein, wie Väterchen Staat das sieht.

Volksporsche 2.0

22. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (300) Finden wir demnächst einen angebissenen Apfel als Kühlerfigur eines High Tech-Luxus-Autos?

Apple Car (c) The Onion

Diese Kolumne basiert auf purer Spekulation. Aber derzeit überschlagen sich die Spürnasen der Branche – allen voran das „Wall Street Journal“ und hierzulande der löbliche neue Motorblock-Motor-Blog der Kollegen Sauer und Josel – in Sachen Gerüchteverdichtung. Wenn es stimmt, was man da so an Fingerzeigen, Fantasien und Fakten zusammenträgt, wäre es tatsächlich sensationell. Gerücht No. eins: der Computer- & Lifestyle-Konzern Apple, die finanziell potenteste Firma weltweit, baut ein Auto. Gerücht No. zwei: Österreich mischt mit. Und zwar in Form des Automobilindustrie-Zulieferers Magna Steyr.

Aber hallo! Unter dem Codenamen „Titan“ soll Apple jedenfalls seit geraumer Zeit in einem Geheimlabor mit hunderten Mitarbeitern an einem Vehikel basteln, das optisch an einen Minivan erinnert und mit einem Elektromotor bestückt ist. Nun gilt Magna Steyr gerade in der Akku- und Antriebs-Technik (Marke: B:LiON) als besonders innovativ und kompetent. Die Partnerschaft wäre also eine logische.

Zwar dementiert die Apple-Firmenzentrale in Cupertino sogar, dass sie irgendetwas dementiert, aber die Indizien mehren sich, dass es sich nicht nur um ein hobbyistisches Nebenprojekt eines spinnerten Abteilungsleiters handelt. Jedenfalls beschweren sich schon die alteingesessenen Konzerne – allen voran Mercedes und der E-Mobil-Fackelträger Tesla – heftig über Abwerbungsversuche von Branchen-Spitzenkräften seitens der neuen Konkurrenz.

Wird also Bruno Kreiskys Vision eines „Austroporsche“ doch noch Realität? Abwarten. Denn bevor dieser – wie zu vermuten ist – kühne Wurf mal auf den heimischen Landstrassen herumgurkt, gilt es, eine wirklich sinnstiftende Verzahnung von Mobilitäts- und Informationstechnologie unfallfrei hinzukriegen. Das ist allem voran eine Sicherheitsfrage. Schon jetzt machen sich Hacker einen Spass daraus, Teslas zu lokalisieren und die Türen wie von Geisterhand zu öffnen oder die Lücken im On Board-System eines BMW aufzuzeigen. Dabei steckt die Verquickung von IT und Mechanik erst in den Kinderschuhen; die Autoindustrie gilt als relativ konservativ.

Was sich eventuell als Vorteil herausstellen könnte: die Beta-Testphase des intelligenten, eventuell sogar selbstfahrenden, möglicherweise aber auch ungewollt fernsteuerbaren Autos – auch Google bastelt ja gerade an einem solchen Gefährt – möchte ich realiter nicht am eigenen Leib erfahren.

Lauf, Hase, lauf!

15. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (299). Der Feind in meinem Bett ist ein Armband – mit künstlicher (Non-)Intelligenz.

Quantied Self

„Das Internet der Dinge“ – eine vielbeschworene IT-Vision – kann mir gestohlen bleiben, wenn die Dinge dumm wie Knäckebrot sind. Diese Erkenntnis trifft einen immer wieder mal, wenn man meint, den banalen Alltag technisch hochrüsten zu müssen. Und es dann rasch richtig kompliziert wird.

Jedenfalls stellt sich ein Test von Activity- und Fitness-Trackern ab dem Moment des Auspackens der schnuckeligen Geräte als der Seelenruhe wenig zuträglich heraus. Das ewige Herunterladen zusätzlicher Software und notwendiger Updates, das hakelige Pairing von Bluetooth-Minisendern und das Herauskitzeln von Informations-Bits & -Bytes und Gebrauchsanleitungen aus den Tiefen des Internet verleidet einem rasch den Spass an der Freud’.

Aber als High Tech-Fitness-Junkie muss man da wohl durch. Anyway: zwei Gadgets von Sony und Runtastic wurden rasch wieder beiseite gelegt (weil inkompatibel mit dem weltweit gebräuchlichsten Smartphone oder wegen aufreizend absurder Fehlmessungen), zwei weitere – ein Fitbit One und ein Medisana ViFit – laufen seit Anfang des Jahres auf Hochtouren. Bildlich gesprochen.

Der Trend zur „Quantied Self“-Existenz ist mächtig im Kommen, hört und liest man allerorten. Aber will man das wirklich – permanente Informationen über den Pulsschlag, die zurückgelegten Wegstrecken, den Kalorienverbrauch, die Schlafintensität, die hochgelaufenen Stiegen, den Blutdruck, den Körperfettanteil, die Sex-Häufigkeit etc. usw. usf.? Eine reichlich intime Angelegenheit – man nimmt ja die Tracking-Armbänder und ihre bohnengrossen Sensoren sogar mit ins Bett. Was aber manche Zeitgenossen keineswegs daran hindert, die höchst persönlichen Messdaten mit der gesamten Menschheit (oder zumindest ihrem Facebook-Freundeskreis) zu teilen. Sehet, ich bin heute reichlich unausgeschlafen! Kommt mir nicht in die Quere, mein Blutdruck hat etwas dagegen! Mein Body Mass Index ist unter aller Sau!

Nun ja: wer’s mag. Und braucht… Bei Hochleistungssportlern mag das ja nachvollziehbar sein. Es wird aber kommen, was kommen muss in einer absurd selbstverliebten, leistungshörigen, technikgetriebenen Welt: ein allgemeiner Wettbewerb in Sachen Fitness. Letztlich: Gesundheit. Ich warte auf den Moment, wo mir die Sozialversicherung einen Kostenabschlag anbietet, wenn ich ihr freiwillig und regelmässig meine “Lifelogging”-Daten weiterleite. Oder die Wearables und Apps ungefragt selbst beginnen, mit dem Arzt, Trainer, Chef oder Partner zu kommunizieren. Und der Freund und Fetisch zum Blockwart im selbst erbauten Fitness-Tempel wird.

Möglicherweise wird man dann zwangsneurotische Selbstvermessung als eher ungesunde Entwicklungsperspektive der Spezies Mensch quantifizieren.

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