Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Leben in der Nische

24. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (296) Die Schallplatte feiert ein Comeback. Aber hat sie eine wirkliche, ernsthafte Zukunftschance?

Record View

Glaubenskriege sind gerade sehr in Mode. Gottseidank (sic!) gibt es auch solche, die nicht ganz ernst zu nehmender, sondern eher unterhaltsamer Natur sind – wiewohl sie bisweilen in punkto Verbissenheit ihren gewaltsamen Artgenossen kaum nachstehen. Einer dieser lässlichen Glaubenskriege tobt seit jeher im Lager jener, die auf gutes Hören Wert legen – also im HiFi- und High End-Bereich. Und zwar zwischen der Analog– und der Digitalfraktion. Man dachte ja, dieser Konflikt wäre längst entschieden. Zugunsten der moderneren, bequemeren Technologie, die nur mehr Nullen und Einsen kennt.

Aber dann feierte plötzlich die gute, alte Schallplatte ein unerwartetes Comeback. Die Vinyl-Fetischisten jubelten Jahr für Jahr über zweistellige Zuwachszahlen, die Presswerke kamen (und kommen) kaum nach mit der Fertigung der schwarzen Scheiben, die Hardware-Hersteller zogen nach und werfen neue Plattenspieler-Modelle auf den Markt. Und der gemeine Musikfreund, darunter überraschend viele junge Fans, darf sich über eine Flut von Neu- und Wiederveröffentlichungen freuen, die zwar vergleichsweise teuer, aber auch wertbeständig sind. Und im Sammler-Regal ordentlich was hermachen. Vom Wohlklang in den Ohren gar nicht zu reden.

Alles eitel Wonne also? Nein. Denn noch ist z.B. die Frage ungeklärt, wo die wenigen weltweit noch existenten Presswerke im Fall des Falles Ersatzteile her bekommen – die Maschinen werden längst nicht mehr gebaut. Aber gilt nicht die alte Regel: wo Nachfrage, da auch ein Angebot? Generell wohl schon. Allerdings zücken dann die CD-, Download- und Streaming-Verfechter, also die Digitalisten, eine frappierende Statistik: jene der Vinyl-Absatzzahlen seit den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und da sieht der aktuelle Boom der schwarzen Scheibe dann doch vergleichsweise mickrig aus. Eine Nische ist eine Nische ist eine Nische.

Wenn diese Nische aber eine gewisse Marktrelevanz und tragfähige Breite erreicht – und die Schallplatte ist auf dem besten Weg dahin, jenseits allen Hype-Getrommels –, dann ist allen gedient. Business bedeutet nun mal etwas anderes als reine Liebhaberei. Die CD-Verkaufszahlen sinken kontinuierlich – im Indie/Alternative-Sektor haben Schallplatten die CD fast schon eingeholt. Nach Meinung vieler Experten läuft es auf eine neue Dualität Vinyl (physisch) und Streaming (non-physisch) hinaus (wobei hier die Frage der Monetarisierung weitgehend ungeklärt ist).

Für viele Künstler und Bands (vor allem Newcomer), Indie-Labels, Händler und Plattenläden ist das Leben in der Nische also keine Luxus-, sondern eine schlichte Überlebensfrage.

Hubschraubereinsatz!

16. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (295) Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das sollte allen voran die Innenministerin dieses Landes gewärtigen.

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„Handtaschenräuber! Hubschraubereinsatz!“ Dieser ironische Singsang, in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dargeboten von der deutschen Avantgarde-Pop-Band Foyer des Arts (rund um den heutigen Erfolgsautor Max Goldt), drängt sich assoziativ geradezu auf.

Leider ist der Anlass dafür nicht zum Lachen. Denn im Zug der Ereignisse der letzten Tage kam, was kommen musste: allerhand „Experten“, an vorderster Front die Innenministerin, schreien nach mehr Einsatzkräften, Leitsystemen, Schutzwesten, Digitalfunkgeräten, Panzern und Hubschraubern. Ausgerechnet. Das übliche „Maßnahmenpaket“, um der verängstigten Wählerschar Millionen-Deals unter Freunden reinzudrücken – und tunlichst vor dem eigenen Versagen im Vorfeld (Stichworte: Bundesheer, Digitalfunk, Präventivmassnahmen, sozialer Ausgleich) abzulenken. Also: her mit Hubschraubern! Am besten gleich welche mit Strahlenkanonen und Blindflugeinrichtung.

Angst ist kein guter Ratgeber. War sie noch nie. Auch die akute Diskussion um die Wiederauflage der Vorratsdatenspeicherung und Fluggastdaten-Überwachung ist strikt unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren. Denn natürlich kriechen jetzt wieder allerorts die „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten!“-Naivlinge aus ihren Löchern. Und die Geschäftemacher der Big Data-Sphäre wittern Körberlgeld bei der „Sicherheitsoffensive“ der heimischen Ministerial-Bürokratie.

Der Mechanismus ist immer derselbe. Ich habe ihn an dieser Stelle schon einmal beschrieben, erlaube mir aber, dies nochmals zu tun: Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man “es gewußt” (oder zumindest „erahnt“) – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine.

Denn bei aller Erregung über Terror, seine Wurzeln und Ursachen und seine mögliche (und fatalerweise auch partiell unmögliche) Verhinderung – wenn die aufgeklärte, sogenannte westliche Gesellschaft jetzt in die plumpsten Fallen geht, die ihre Gegner aufgestellt haben, dann ist sie selbst schuld an ihrem Schicksal.

Im übrigen empfehle ich jeder Politikerin und jedem Parlamentsabgeordneten dieses Landes (und natürlich jeder/jedem anderen auch), sich den Film „Citizenfour“ von Laura Poitras anzusehen. Dringlich.

Vor dem Kopf: ein schwarzes Brett

9. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (294) Die Makler der Angst lieben die modernen Medien-Biotope. Sie sind Echokammern unserer Seelenabgründe.

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“Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf ‘Standpunkte’ zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt.” Es war dieser Satz des visionären Medientheoretikers Marshall McLuhan (er hat ihn 1964 formuliert), der mich aufmerken ließ. Gepostet hat ihn der vielleicht beste Technik-Kolumnist des deutschsprachigen Raums, der in Berlin lebende Grazer Peter Glaser.

Der Anlass war ein trauriger, und er steckt uns allen noch in den Knochen: die infame Ermordung des halben Redaktionsteams der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo plus weiterer Opfer, mutmasslich durch religiöse Fanatiker. Dieses Fanal neuzeitlichen Terrors konnte natürlich nicht unkommentiert bleiben – und die Schlacht der Emotionen, nur bisweilen durchsetzt mit rationalen Argumenten, tobt ungebrochen in den „magischen Kanälen“, die McLuhan prognostizierte. Zuvorderst in Facebook und Twitter lässt sich der akute Grad der allgemeinen Empörung, Verwirrung und Selbstermächtigung wie auf einem schwarzen Brett ablesen.

Dass auch Zeichen spontaner Solidarisierung – „Je suis Charlie“, gemeint ist: ich bin bzw. wir alle sind Teil einer Wertegemeinschaft, die Satire schätzt (oder jedenfalls nicht mit automatischen Waffen bekämpft) – fast zeitgleich mit der Schockwelle von einer Minderheit spitzfindiger Ego-Apostel abgekanzelt wurden (“Je ne suis pas Charlie!”), war in diesem Kontext vorherzusehen.

Denn es wimmelt in diesen Kanälen von Individualisten, die zu schlichter Empathie eher unfähig scheinen. Und noch das letzte Fitzelchen an Distinktion herauszukitzeln gewillt sind, um sich über die vermeintlich stupide Masse der Couch Potatoes, Gutmenschen, Systemmedienmacher und sonstigen Gleichgeschalteten zu erheben. Vice versa betonen Political Correctness-FetischistInnen nun – noch etwas zaghaft, aber doch – die “Problematik” der derben, inkorrekten, allseits respektlosen Charlie Hebdo-Witze. Noch darunter rangieren Nemesis-Apologeten, die meinen, letztendlich wären die so “provokant” blasphemischen Karikaturisten “doch irgendwie” selbst schuld an ihrem Schicksal.

Ich finde derlei ja aufreizend realitäts- und menschenverachtend. Kurzum: dumm. Aber auch das ist unerheblich in einem grösseren Kontext. Die neue Medienwelt zwingt uns ihre Formatierung auf, die Kommunikation mit Mobilisierung gleichsetzt. Bedächtige Nachdenklichkeit, Zurückhaltung, gar Stille haben hier keinen Platz. Individuelle Standpunkte, die komplexer Erklärung bedürfen, sind eher chancenlos. „Ihr seid nicht Charlie!“ schreien uns nun die (eher selten so ausführlich) erklärungswütigen Scharfrichter der Medienmoral entgegen. Aber was sind wir dann? Und was sind sie? Und wer ist „wir“? Und wer „sie“? Warum? Wofür? Wogegen? Und wieviele?

So lassen wir uns alle (!) formidabel auseinanderdividieren. Meinungsfreiheit kann auch die Absenz sensibler Meinungsbildung und fundierter Schlüsse daraus bedeuten. Die Makler der Angst kostet das nicht einmal ein Lachen.

Lichterloh

4. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (293) Eines der nachhaltigsten Zeichen technischen Fortschritts ist die Erhellung der Welt. „Lumio“ kann das besonders schön.

Lumio Lamp

Wie es schon in der Bibel heisst: Gott sprach – es werde Licht! Und es ward Licht. Das kann allerdings auch eine durchaus irdische Angelegenheit sein. Denn das Geschenk, das zum Lichterfest (sic!) in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis am meisten Ahs! und Ohs! auslöste, war eine Lampe. Allerdings eine ganz besondere.

Denn kurioserweise sieht „Lumio“ – so heisst dieser Leuchtkörper – zunächst aus wie ein Buch. Und zwar ein sehr edles Buch mit Buchdeckeln aus Ahorn-, Kirsch- oder Walnussholz. Schlägt man es auf, geht einem ein Licht auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn „Lumio“ enthält unter den vermeintlichen Buchseiten, die aus dem papierähnlichen, aber reissfesten Material Tyvek bestehen, eine per USB-Anschluß aufladbare Lithium-Ionen-Batterie und mehrere LED-Module, die mit der Kraft etwa einer 40 Watt-Glühbirne strahlen.

Nun kann man diese Lampe einerseits wie eine Ziehharmonika aufklappen, und zwar bis zu vollen 360 Grad – dann erinnert „Lumio“ an einen Lampion. Anderseits kann man das Ding auch mit starken Neodym-Magneten an Metallflächen befestigen. Und hat so eine sehr flexibel einsetzbare, bis zu acht Stunden netzunabhängige Leuchte, die eben nicht streng nach Campingausflug oder Survival-Ausrüstung aussieht, sondern sogar im Museum of Modern Art in New York verkauft wird.

Signifikant für unsere Zeit ist: das Geld für die erste Produktionsserie wurde durch begeisterte Konsumenten aufgebracht. Und zwar durch eine Crowdfunding-Kampagne via „Kickstarter“, eine Finanzierungs-Plattform für kreative Ideen. Jene zu „Lumio“ hatte der Designer Max Gunawan aus San Francisco. Binnen weniger Tage fanden sich über fünftausend Vorbesteller, die 578.387 Dollar – fast das Zehnfache des ursprünglichen Projektziels – in die Realisierung des ambitionierten Vorhabens investierten. Was zunächst einmal die Startup-Strukturen überforderte: viele Fans der ersten Stunde mussten monatelang auf ihre persönliche Erleuchtung warten.

Gunawan bastelt aber schon an weiteren Innovationen. Und man kann auch davon ausgehen, dass die Leuchtkörper- und Leuchtmittel-Industrie, die in dieser Dekade dank des nachhaltigen Schwenks zu energiesparenden LEDs auch ganz neue, überraschende, ja radikale Formen und Design-Ansätze forciert, „Lumio“ in der einen oder anderen Form abkupfert.

„Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Jedenfalls lässt sich mit diesem Leuchtkörper nicht nur das Buch Genesis erhellend studieren.

In Österreich gibt es “Lumio” u.a. bei Supersense in der Wiener Praterstrasse zu kaufen. Der Laden ist ein wahrliches “Home of Analog Delicacies”. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte (folgt).

Dekompressionsalarm!

13. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (291) Sie wollen einfach wissen, wie spät es ist? So billig kommen Sie nicht davon.

Uhren

„Welcome To Our World“. Sagt die Anzeige. Eine unter vielen. In der Vorweihnachtszeit wimmelt es förmlich davon. „Es ist eine Prüfung der mentalen Stärke, bei der man unter Extrembedingungen an die eigenen Grenzen geht.“ Und schon hebt ein Werbe-Stakkato der Sonderklasse an.

Hyperchrome Automatic Chronograph. Modern Alchemy. Plasma High-Tech Ceramic. Wassersensor. Veredeltes Automatikwerk. Übergroße, hervorragend ablesbare Ziffern aus weißer Superluminova. Dekompressionsalarm. Duetto-Konzept mit 1250 Diamanten. 24-Stunden-Graduierung. Taktile Uhr, angetrieben durch Solarenergie und ausgestattet mit 20 Funktionen, inklusive Barometer, Altimeter und Kompass. Swiss Avantgarde since 1860. Ewiger Kalender. Blacktop-Beschichtung aus amorphem Kohlenstoff für die totale Härte. Edelstahlgehäuse mit PVD-Beschichtung. Sichtboden. Plasmaverfahren. Tourbillon. Heart Beat Manufacture Silicium Moon. 36 Diamanten (0.091 Karat). Ring-Command-Lünette. Komplexe Unterzifferblatt-Mechanik. Ausnahmemodell, das höchste uhrmacherische Komplikationen in sich vereint. Countdowntimer. Zirkonoxidpulver. Premium Kautschuk Performance Armband. Fliplock-Verlängerungselemente. Entspiegeltes Saphirglas. Speziell für Regatten entwickelt. Panoramadatum und Anzeige der Gangreserve. Edle Lünette mit Kristallsteinen. COSC-zertifiziertes Automatikwerk. Entwickelt für die Kampftaucher der französischen Marine. Transparency in Gold-Tone. Rillenstruktur für natürliche Thermoregulierung. Mondphasenanzeige. Monobloc Case. Manufakturwerk Elite 693. Satellitenzeit in nur 3 Sekunden in jeder Zeitzone der Welt. Magnetschutz. Bi-Colour mit Perlmutt-Zifferblatt, ionenplattiert. Kaliber 37-01 mit Flyback-Funktion. Sieben Jahre Dunkelgangreserve. Abklappbare, ausfahrbare Zahnschiene. Stichwort MotoGP. Weiß- und Rotgold. Kalkulatorring zur Flugdatenberrechnung. Edelstahluhr mit aufgeschraubten Flanken. Innovative Ceramic-Touch-Technologie. „New Old Stock“-Uhrwerk. Zweite Zeitzone. Gesteuert von einer Cäsium-Atomuhr in Braunschweig, deren Gangunsicherheit eine Sekunde in dreißig Millionen Jahren beträgt. Precidrive. Wasserdicht bis zu einem Druck von 5 bar (50 m/165 ft). T-Touch Expert Solar. „Don’t crack under pressure“. Zykloplupe. Ti-IP Titaniumgehäuse. Kalbslederarmband in Kroko-Optik. Lichtenergieanzeige. Watch+ Smartphone App. Inklusive Batterie. Limitierte Auflage. Preis auf Anfrage. Die Quintessenz. „Eine Kombination aus Komplexität und Einfachheit ohnegleichen.“

Danke Rolex, TAG Heuer, Citizen, Breitling, Glashütte Original, Certina, Rado, Esprit, Junghans, Kenneth Cole, Montblanc, Tissot, Ulysse Nardin, Blancpain, Mido, Casio, Zenith, Jaeger-LeCoultre und Tchibo/Eduscho.

Eigentlich wollte ich nur eine Uhr kaufen.

Das neue alte Wind/Feuer/Öl/Papier-Business

5. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (290) Bei allem Mitgefühl: ist ein „Shitstorm“ wirklich die Krampusrute der digitalen Hemisphäre? (2)

Shitstorm

„Fortsetzung folgt – so sicher wie der nächste Shitstorm.“ So lauteten die letzten Worte meiner vorwöchigen Kolumne. Ich schwöre: ich hatte nicht der Funken einer Ahnung, dass der nächste Sturm unmittelbar nach Veröffentlichung der „Presse am Sonntag“ losbrechen würde, ausgelöst durch einen wohl absichtsvoll kontroversen Bekenneraufsatz zum Thema Erziehung.

Um diesen Beitrag soll es hier nicht gehen, dazu ist – um den alten Spötter Karl Valentin zu zitieren – „schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Und das eben nicht nur von professionellen Journalistinnen und Journalisten.

Nun: das ist es, was mich wirklich verblüfft – dass auch Profis mit dem Phänomen Shitstorm anno 2014 nicht umzugehen wissen. Und, bewusst oder unbewusst, das altbekannte (und nur medientechnisch in dieser Form relativ neue) Wind/Feuer/Öl/Papier-Eskalations-Endlosschleifen-Business betreiben.

Nein, ich meine damit nicht den ORF-Anchorman Armin Wolf, der sehr persönlich und glaubhaft reagierte (und nebenher als Kommunikations-Durchlauferhitzer No. 1 die Leserzahlen für den Anlass-Artikel sprunghaft in die Höhe trieb). Sondern jene, die aus dem Umstand, dass – wie bei jedem Shitstorm, jeder Wirtshausdebatte, jeder Leserbriefe-Sichtung – vereinzelte Stimmen ins Geschmacklose kippen, eine „Fatwa“ konstruieren. Pogromstimmung orten. Mit überzogener Political Correctness camouflierte mediale Eitelkeit unterstellen. Oder auch nur, au contraire, ein apodiktisches Urteil in die öffentliche Meinungsarena schieben wie einen antiken Streitwagen: das sei doch „das Widerlichste, was man in Österreich seit Jahren lesen durfte“. Und der Autor wäre stante pede zu entlassen, gerichtlich zu belangen, eventuell selbst einer Züchtigung zu unterwerfen oder gar zu teeren & zu federn.

Puh. Wenn Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit etwas zählen in diesem Land, dann muss man es grundsätzlich aushalten, wenn jemand so, hm, tollkühn ist, die Realität anzusprechen. Das gilt allseitig (und kann auch eine höchstpersönliche Realität sein, die nicht mit dem Mainstream – oder auch “nur” dem Mainstream der Minderheiten – konform geht). Noch vor dreissig Jahren konnte ein FP-Justizminister, breiter Zustimmung gewiss, die „gesunde Tachtel“ empfehlen. Heute setzt Geheul ein, wenn derlei auch nur in Erwägung gezogen wird. Und es ist per Gesetz als Unrecht definiert. Zurecht.

Es gilt diese pädagogische Staats-Doktrin aber so absehbar wie strikt nur in aufgeklärten Kreisen. Vorrangig unter Leuten, die auch in der SM-Arena (insbesondere auf Twitter; und freilich dürfen Sie jetzt das Kürzel “SM” ganz nach Geschmack interpretieren) ihr Radar kreisen lassen, sich im Fall des Falles schwarmartig zusammenrotten und die persönliche Auseinandersetzung mit Garantie nicht scheuen. Was in modernen Zeiten wie unseren nicht selten in einem Wind der Entrüstung 2.0 – mit rasch abklingender Intensität – seinen Ausgang findet. Bisweilen auch in einem Orkan. Zwangsläufig.

Gut so! Dass dieses Phänomen der kollektiven Empörung auch individuell differente, differenzierte Meinungen und präzise Argumentationen, notwendige Diskussionen und positive Entwicklungen zeitigt, ist Fakt. Dass das Netz mehr und mehr zum Zentralorgan der selbstorganisierten und dennoch digital formatierten und kommerziell ausgeschlachteten Widerrede wird (und sich daraus auch ein höchst zweischneidiges, bedrückend ambivalentes Faszinosum ableitet), dito.

Auch – und erst recht – in diesem Kontext hat es ein Shitstorm verdient, ernst genommen und mit demütiger Aufmerksamkeit analysiert zu werden. Nicht nur von NSA-Bütteln, verklemmten PC-Blockwarten (und Blockwartinnen) und Voyeuren mit Geheimdienstausweis. Sondern von Medienprofis und -Amateuren –
egal, ob sie in warmen Redaktionsstuben sitzen, daheim im Kinderzimmer oder im Wirtshaus um’s Eck. Uns allen.

Quod erat demonstrandum.

Schlechtwetterlage

30. November 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (289) Bei allem Mitgefühl: ist ein „Shitstorm“ wirklich die Krampusrute der digitalen Hemisphäre?

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Der Duden definiert einen Shitstorm als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Das ist nicht unzutreffend. Aber es klingt reichlich harmlos. Aus der Sicht vieler – nicht aller – Betroffener, seien es Leinwand-Stars, Musikerinnen, Unternehmer, Spitzenmanager, Politiker, Journalisten oder „nur“ Privatpersonen, ist solch ein forscher Wind, der einem gelegentlich auf Facebook, Twitter & Co. frontal entgegenbläst, alles andere als leicht bewältigbar. Verständlicherweise.

Mittlerweile ist eine ganze Industrie von Image-Beratern, Social Media-Experten und PR-Fachleuten damit beschäftigt, ihre Klientel im Fall des Falles halbwegs unbeschädigt durch das Toben und Tosen zu geleiten. Und sie tragen alle einen Merksatz wie eine Monstranz vor sich her: wenn man nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer giesst, ebbt der Sturm meist so rasch wieder ab, wie er aufgekommen ist.

Tatsächlich würde ich die Duden- bzw. Wikipedia-Definition des Phänomens leger um diese Erkenntnis erweitern: die Halbwertszeit der Dauerhaftigkeit der Erregung gleicht im Regelfall jener von Salzburger Nockerln.

Aufgefallen ist mir das einmal mehr dieser Tage – als sich nämlich ein britischer Forscher, der im TV die Frohbotschaft einer geglückten Sondenlandung auf einem Kometen (der ersten in der Geschichte der Menschheit) verkündete, wegen eines kuriosen Details zur Sau gemacht wurde: er hatte das falsche Hemd an.

Nämlich ein knallbuntes, nicht strikt geschmackssicheres, Hawaii-artiges Shirt mit halbnackten Frauen drauf. Mehr hat der Kerl nicht gebraucht! Der Furor brach sich augenblicklich unter dem Hashtag #Shirtstorm Bahn. Die althergebrachten Medien, mehr und mehr ein Resonanzkörper der virtuellen Sphäre, befeuerten die Debatte mit Pro- und Contra-Kommentaren. Letztendlich brach der Wissenschaftler, eine Entschuldigung für all die Kalamitäten auf den Lippen, live auf Sendung in Tränen aus. Eine beklemmende Szene. „Bis einer weint…“ Allein: wenige Tage später sprach und spricht kein Mensch mehr drüber.

Ist also ein Shitstorm der aufblasbare Krampusprügel oder gar der Pranger unserer ach so modernen Gesellschaft? Sind die digitalen Sturmbannführer allesamt leicht vergessliche Choleriker, anonyme Hysteriker und aggressive Political Correctness-Faschisten? Und hat dieses kaum steuerbare Phänomen nur negative Seiten? Darüber gilt es nachzudenken. Fortsetzung folgt – so sicher wie der nächste Shitstorm.

Chinakracher

23. November 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (287) Man unterschätze HiFi „made in China“ nicht – und merke sich vorsorglich die Marke Oppo.

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Ich werde ja öfter mal gefragt – wie wohl jedermann, von dem man annimmt, dass er sich halbwegs auskennt mit der Materie –, was ich denn persönlich empfehlen könne. So in Sachen “zeitgemässe Musikanlage”. Das kann lästig sein. Aber mir macht es Spaß. Nachzuforschen, was in etwa der/die Fragesteller/in sich darunter vorstellt. Welche Musik daheim im Wohnzimmer läuft. Und was man so auszugeben gedenkt. Mit diesen Eckwerten eine feine HiFi-Kombination zusammenzustellen, ist eine mir nie langweilig werdende Aufgabenstellung.

Bisweilen – vor allem bei geringen Budgets und einem gewissen Hang zu Vintage-Objekten – werfe ich dann einen Blick in eBay oder willhaben.at. Garantie gibt’s hier keine, aber das eine oder andere Schnäppchen. Aber natürlich haben auch fabriksneue Geräte ihren Reiz. Zuvorderst den, den technischen Letztstand zu repräsentieren. Es gibt heute ab einer gewissen Preisklasse kaum mehr wirklich schlecht klingende Hardware. Und zu leistbaren Konditionen auch wirkliche Überflieger.

Hier hätten wir einen: den Oppo HA-1. Eigentlich ist das ein Kopfhörerverstärker (etwas für wirkliche Feinspitze), zugleich aber auch ein Vorverstärker mit Lautstärkeregler, Digital-Analog-Konverter und Bluetooth-Empfänger (mit gehobenem aptX-Standard). Also eine Art eierlegende Wollmilchsau, wenn man eine moderne Schaltzentrale für Musikkonsum sucht. In Kombination mit zwei Aktiv-Lautsprechern – da gibt es mittlerweile eine große Auswahl – und einem Laptop, iPad oder Smartphone ergibt das eine unauffällige, elegante, superb klingende Anlage.

Probieren Sie, sagen wir mal: Boxen von Genelec, Dynaudio oder Yamaha. Oder die (leider zu teuren) Oppo-High End-Kopfhörer. Der HA-1 hat ausreichend Ein- und Ausgänge, auch solche mit professionellen XLR-Anschlüssen. Falls Sie den Drahtlos-Standard Airplay der Bluetooth-Funkstrecke vorziehen, hängen sie noch ein Apple TV-Kästchen dazu.

Oppo – eine der Newcomer-Marken, die von China aus in den Weltmarkt drängen – baut auch Prozessoren, Mobiltelefone und herausragende BluRay-Player. Eine gewisse Verspieltheit ist den Asiaten eigen: auf einem Display simuliert der HA-1, wenn einem danach ist, VU-Meter, die im Takt der Signalstärke zappeln wie bei Verstärkern aus der guten, alten Analog-Ära. Und so vollgepackt mit Features der Oppo auch sein mag – oft sind es solche Details, die darüber entscheiden, ob nun ein Chinakracher unter dem Weihnachtsbaum liegt oder nicht.

Das Gerät wurde für Testzwecke freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Firma HEIMKINOWELT in 1230 Wien.

Punktlandung

15. November 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (286) Die erstmalige Landung einer Raumsonde auf einem Kometen ist ein positives Signal – nicht zuletzt wider Nationalismus auf dem Ursprungsplaneten.

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ÖBB, kurz hergehört! Nach zehn Jahren, acht Monaten und zehn Tagen Reisedauer kam es gerade mal zu 33 Sekunden (!) Verspätung bei der Ankunft. Zwar hat es das Fahrzeug ordentlich durchgeschüttelt – ein erster Rückprall soll gleich einen Kilometer hoch ausgefallen sein –, aber generell kann man von einer Punktlandung sprechen. Durchaus im wortwörtlichen Sinn.

Aber nicht allein die präzise Planung ist das Rekordverdächtige dieser Mission. Eine Landungseinheit samt Mini-Labor namens “Philae” war mit einer Raumsonde namens “Rosetta” 6,4 Milliarden Kilometer gereist, um auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko – landläufig „Tschuri“ genannt – aufzusetzen.

Das ist ein Novum in der Geschichte der menschlichen Raumfahrt. Zwar handelt es sich um einen höchst unwirtlichen Gesteinsbrocken von knapp vier Kilometern Durchmesser, der „nach Stall und faulen Eiern stinkt“ (so Experten der Universität Bern), aber dieser Haufen Materie verrät der Wissenschaft vielleicht mehr über die „Urwolke“, die Entstehung der Erde und den Beginn des Lebens als jahrhundertelanges Rätselraten im Vorfeld.

Allein die Bilder von diesem erst 1969 entdeckten Kometen, der mit 33,51 Kilometern pro Sekunde durch das All rast, sind von bestechender Schärfe. Auch wenn es Detailprobleme geben mag – die Sonde steht schief und erhält zuwenig Sonnenlicht, um die Solarzellen vollständig aufzuladen – kann man den Jubel aus dem Kontrollcenter in Darmstadt, wo die Signale von „Philae“ mit halbstündiger Verspätung eintreffen, nachvollziehen.

Die europäische Raumfahrts-Einrichtung ESA mit siebzehn beteiligten Nationen, darunter Österreich, hat hier – bei Gesamtkosten von etwa einer Milliarde Euro, einem Bruchteil des Hypo Alpe Adria-Defizits – jedenfalls ein sehr deutliches Signal für die Sinnhaftigkeit der Erforschung des Alls gesetzt. Und ein vielleicht ebenso wichtiges Signal für grenzüberschreitende, paneuropäische Zusammenarbeit.

Kurios mutet in diesem Kontext allerdings der ungenierte Hurra!-Patriotismus mancher Medien an. “Austro-Sonde auf Komet gelandet” titelte etwa ein Gratis-Blatt, das mit seinem Namen gleich die ganze Nation – sie hat nun bezeichnenderweise auch einen “Weltraumminister” – in Geiselhaft nimmt. Und: “Auf der Suche nach E.T.” sei das Raumschiff gewesen. Geht’s noch infantiler?

Demnächst punktet dann wohl die Boulevard-Konkurrenz mit Mr. Spock, R2-D2 und Darth Vader als Kolumnisten.

Die alten und die neuen Jobkiller

8. November 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (286) Die digitale Revolution frisst ihre Kinder – und Sie könnten ihr nächstes Opfer sein.

File photo of a robot from the film "Terminator 3: Rise of the Machines"

Die Widersprüchlichkeiten und Umbrüche unseres modernen Zeitalters werden oft in ganz kleinen Details manifest. Und in grossen Aufmacher-Stories. Die “digitale Revolution” rief etwa das Wirtschaftsmagazin “Format” letzte Woche aus, hob einen zähnefletschenden Roboter – Modell Terminator – auf das Titelbild und kündete uns von “neuen Jobkillern, die Millionen von Arbeitsplätzen vernichten und ganze Berufsgruppen verschwinden lassen” werden. Untertitel: “Ein Report aus der nahen Zukunft”.

Parallel dazu erschien – kurioserweise im selben Verlag – das Technik-Magazin “e-media”, das lautstark “Das Recht auf Gier” geisselte. Man bezog damit eine einseitig populistische, zielgruppenadäquate Position im Streit um notorisch spröde Themen wie die Festplattenabgabe oder die Buchpreisbindung für E-Books. Allerdings: wem hier genau Gier unterstellt wurde, blieb unklar – denn Musik- und Buchproduzenten gehören nicht gerade zu den grossen Gewinnern der letzten Jahre. “Das Recht auf Geiz” träfe es wohl eher. Und, ja, das steht Konsumenten – letztlich uns allen – zu. Sofern man nicht nur Milchmädchenrechnungen anstellt und den Preis wertiger Kulturprodukte vor allem in Nischenbereichen auch realistisch hoch anzusetzen gewillt ist.

Oder wollen Sie wirklich einer Buchhändlerin, die sich – belesen und kundig – persönlich um Sie bemüht, an den Kopf werfen, sie wäre gierig? Oder einem Betreiber eines kleinen Musik-Stores, er könne nicht mit den Dumping-Preisen von Amazon mithalten? Ich sage Ihnen was: diese Leute kämpfen um Ihren Arbeitsplatz. Um ihre Verdienstmöglichkeiten. Um ihr Ein- und Auskommen. Ja, mehr als das: um ihre Würde. Und ihr Leben.

Das zweite Zeitalter der Maschinen – das sind keine mechanischen Ungeheuer mehr, sondern smarte digitale Netzwerke und künstlich intelligente, informationshungrige Automaten – wird, siehe “Format” et al, in den nächsten Jahren Myriaden an Menschen arbeitslos machen. “Entweder die Unternehmen passen sich an oder sie gehen unter”, wird der deutsche IT-Berater Karl-Heinz Land zitiert. “Wir haben es mit einem immens disruptiven technologischen und gesellschaftlichen Trend zu tun.” Es müssen sich übrigens nicht nur Kreative, Musiker, Verleger und Buchhändlerinnen Sorgen um ihren Job machen, sondern auch Lehrerinnen, Taxilenker, Maurer, Pflegerinnen und Versicherungsfachleute. Und, ja, Rechtsanwältinnen und -Anwälte.

Und das – gerade noch profitable – Holzmedium e-media (schon der Name trägt die Widersprüchlichkeit von Gegenwart und Zukunft in sich) hat in diesem Kontext nichts anderes zu tun, als extra einen Rechtsanwalt sich Sorgen um eine möglichst enge Auslegung des Begriffs “Kulturgut” machen zu lassen? Nun: ich stehe wohl nicht im Verdacht, ein Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts zu sein. Aber die Frage cui bono?, wem hier also genau womit gedient ist, steht tonnenschwer im Raum.

Und noch glaube ich an die alte These, dass die Maschinen dem Menschen zu dienen haben (und nicht nur einzelnen, eventuell tatsächlich gierigen Exemplaren dieser Spezies). Und nicht umgekehrt.

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