Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Na Servus!

6. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (359) Fast-Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify: die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher.

Red-Bull-TV

Es passiert nicht oft im Leben eines Journalisten, dass man eine Kolumne zweimal schreibt. Wenn, gibt es dafür triftige Gründe. Einer davon ist potentiell, dass sich die Faktenlage, zu der man seine – mehr oder minder pointierte – Meinung absondert, verändert. Eventuell sogar in ihr diametrales Gegenteil.

Derlei passierte im Lauf dieser Woche. Bei Servus TV. Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den An/Aus-Schalter in diese und dann wieder in jene Richtung zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn in der Hand hat – weil er seit vielen Jahren ein Projekt betreibt, das Medien- und Marketingexperten Achtung abringt allein ob der schieren Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz und jenem Sender, der exemplarisch zeigt, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Saga von der Betriebsrats-Gründung als Anlassfall – die rechtliche wie politische Dimensionen beinhaltet, aber auch bizarr exzentrische oder gar abgefeimte Deutungen – möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Die eigentliche Botschaft (vorrangig an die Red Bull Media House-Chefetage) lautet: Fernsehen ist tot.

Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig ausgedient. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-) Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Da kann sich die Servus TV-Crew noch so ins Zeug legen. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Diversifizierung, Emotionalisierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – benötigt eine Vision, die mit der Realität auf Deckungsgleiche zu zwingen ist.

Was aber? Folgerichtige Frage. Servus TV als sentimentales Regional-TV-Fenster? Red Bull-Content (mit ganz anderem Zielpublikum) via Internet? Doch auch terrestrisch? Strictly Mobile? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen. Ein führender Mitarbeiter des Konzerns hat mir kommentarlos gleich einmal den Download-link zu einer App weitergeleitet. „Introducing a new 24/7 best of Red Bull TV experience and discover more premium content through curated channels updated daily. Welcome to an all new Red Bull TV app built from the ground up!“ Ah, da schau her.

Und noch ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!

Hoffnungs-Los

30. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (358) Die Maschinen sind intelligenter, die Menschen undurchschaubarer, die Meinungsforscher dümmer geworden. Oder ist es doch eher umgekehrt?

IBM-705

 

Das war das Bild, das Generationen prägte in Sachen Computerei: das ORF-Zentrum an Wahltagen der letzten drei, vier Jahrzehnte des vorigen Jahrtausends, wo im entscheidenden Augenblick – dem der ersten Hochrechnung – in ein externes Rechenzentrum zu Universitätsprofessor Dr. Gerhart Bruckmann umgeschaltet wurde.

Im Hintergrund erblickte man schrankgrosse Geräte, Magnetbänder auf rasend rotierenden und abrupt abstoppenden Spulen und, wenn ich mich recht erinnere, zuweilen geschäftig herumschwirrendes Bedienpersonal im dezenten Wissenschaftler-Outfit. Es herrschte noch tiefe Ehrfurcht vor der Elektronischen Datenverarbeitung (kurz: EDV), die seit dem Aufkommen der ersten Rechenanlagen in den fünfziger Jahren Wunder über Wunder ermöglichte: den Mondflug, datenbasierte Wettervorhersage, die Simulation von Modellen der experimentellen Physik, Medizin, Künstlichen Intelligenz, Computermusik  und vieles mehr.

Am 22. April 1971 fand jedenfalls die erste offizielle computergestützte Hochrechnung bei einer österreichischen Bundespräsidentenwahl statt, nachdem ein Testlauf anno 1965 zufriedenstellend ausgefallen war. Das ORF-Studio, damals noch in der Argentinierstrasse, und das IBM-Rechenzentrum am Donaukanal waren via „Datenfernverarbeitung“ zusammengeschaltet. Professor Bruckmann, der wenige Minuten nach Wahlschluß das Ergebnis mit verblüffender Präzision verkündete, erlangte die Popularität eines Pop-Stars. Und das allein mit den Mitteln der Mathematik und Statistik.

Heute haben sich die Leistungsfähigkeit von Computern und, damit Hand in Hand gehend, die Möglichkeiten der statistischen Mathematik enorm gesteigert. Allein: die Meinungsforschung, die davon besonders profitierte, steht momentan nicht gerade hoch im Kurs. Aus Gründen: bei den letzten Wahlen in unserem Land lag man – einmal mehr – arg daneben, insbesondere bei der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl 2016 im April. Und zwar durch die Bank.

Zwar ging es hier um Wahlprognosen und nicht um die sekundenschnelle Auswertung und Berechnung von Gesamt- und Lokalergebnissen, Trends, Wählerströmen  und Schwankungsbreiten. Aber die quasiamtliche Demut vor der vorauseilenden Verkündung das Wahlvolk-Verhaltens wich allseitiger Ernüchterung. Und der Erkenntnis, dass Demoskopie, Exit-Polls und Wahlprognosen in „schwierigen“ Zeiten wie diesen höherer Kaffeesudleserei nahekommen.

Was die Institute und Analysten, die derlei zum Geschäftsmodell erhoben haben, nicht weiter anficht: eifrig werden neue und neueste Prognosen zum Ausgang der Stichwahl am 22. Mai erstellt. Die Meinungsforscher erklären unisono den FPÖ-Kandidaten zum „absoluten Favoriten“. Das macht Hoffnung – für seinen Gegenspieler.

Triptychon der Erkenntnisse

24. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (357) Man sollte Kolumnisten nicht über den Weg trauen – schon gar nicht im Maschinenraum des 21. Jahrhunderts.

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Diese Kolumne schreibt sich wie von selbst. Das hat drei Gründe.

Der erste ist ein eher schmerzsamer. Ich habe nämlich eine Korrektur anzubringen: das Wiener Start-up Robo Wunderkind wurde nicht, wie hierorts leichtfertig verkündet, um 120 Millionen US-Dollar an den Spielzeugriesen Lego verkauft. Ich bin einem Aprilscherz aufgesessen, der immerhin so professionell erdacht und gemacht war, dass er auch auf den zweiten Blick plausibel erschien.

Die Gründer von Robo Wunderkind – einem Unternehmen, das programmierbare Roboter-Module für Kinder entwickelt und damit ab Herbst 2016 den Markt bespielen will – träumen wohl, wie unzählige andere Start-up-Hoffnungsträger auch, vom „Exit“. Also: dem Verkauf der Idee, des Produkts und eventuell auch des Teams an einen finanzstarken, innovationsfreudigen, möglichst global agierenden Partner. Dass Lego im 21. Jahrhundert nicht allein auf simple, intelligenzlose Plastikbausteine setzen wird, liegt auf der Hand. Insofern: wer weiß?

Wer den Schaden hat, braucht jedenfalls für den Spott nicht zu sorgen. „The problem with quotes found on the internet is that they are often not true“ – dieses Abraham Lincoln zugedachte Zitat legte mir umgehend Freund F. ins Elektropostfach. Haha! Bildchen und Sprüche mit ähnlich absurder Text-Bild-Kausalitäts-Schere kursieren ja seit Jahren im Cyberspace. Mit Recht. Ich klatsche sie auch immer wieder gerne mal auf den virtuellen Wirtshaustisch.

Allein: können jene, die sich über meine Schludrigkeit in punkto Recherche ins Fäustchen gelacht haben, immer Realität von Satire, Dichtung von Wahrheit und plumpe Propagada von ehrlicher Verlogenheit unterscheiden? Ich wage zu behaupten: die Quantität und Qualität der Fälschungen nimmt in der digitalen Hemisphäre in ähnlich bestürzender Weise zu wie Zahl der Leichtgläubigen und potentiellen Opfer. Sign o’ the times.

Damit zu Punkt drei im Triptychon der Erkenntnisse: Einem Start-Up (das eigentlich kein Start-up mehr ist, sondern ein ausgewachsenes Unternehmen) habe ich eventuell Unrecht getan mit meiner kritischen Einschätzung zu den langfristigen Erfolgsaussichten: Whatchado. Die Leute dort sind auf Zack und haben sich gleich gemeldet – und, ja, ich werde mir ihre Argumente gerne anhören. Und darüber schreiben.

Beim Gründer, Ali Mahlodji, ist’s mir mittlerweile klar: der Mann ist aus dem Akquise-Business ausgestiegen und als Markenbotschafter unterwegs. Die Marke ist er selbst (und Whatchado „nur“ mehr die Plattform). Storytelling, Baby! Das bringt zumindest mittelfristig mehr Kohle. Wenn Mahlodji aber jungen Leuten da draussen wirklich Ideen, Neugier und Mut spendet, verdient er seine Brötchen absolut respektabel.

Schaumwein, Baby!

18. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (356) Wirtschaftstreibende des 21. Jahrhunderts sitzen gerne am virtuellen Roulette-Tisch. Viel Glück!

Marketingplan

„Ihre Kolumne am Sonntag lese ich immer gerne und mit Interesse“, teilte mir Paul S. zum Auftakt mit. Um dann ohne Umschweife Kritik zu üben. Meine letzten zwei Beiträge, beide zum Thema Start-ups, wären zu negativ ausgefallen, „typisch für Österreich, wo Venture Capital Risikokapital heisst und Health Insurance Krankenversicherung“.

Ich verstehe, was er damit sagen will: es ist alles eine Frage des Betrachtungswinkels und der Motivation. Und hierzulande neigt man, d’accord!, überdurchschnittlich oft zum Granteln, Runtermachen und einer Überdosis Pessimismus.

Aber es gibt auch soetwas wie Bauchgefühl. Und Instinkt, der sich im Idealfall (auch) aus Intellekt nährt. Ich verfolge die österreichische Start-up-Szene aus vielerlei Gründen seit Jahren beiläufig-intensiv. Wunderbare Erfolgsgeschichten waren dabei – nicht nur das Paradebeispiel Runtastic, sondern auch Unternehmungen wie last.fm oder Shpock, Biotechnologie-Innovatoren wie Haplogen Genomics und hochgehypte, millionenschwere Exit-Raketen wie einst Jajah (der Voice-over-IP-Dienst existiert nicht mehr). Erst unlängst gelang es dem Wiener Start-up Robo Wunderkind, die Vision eines digitalisierten „Lego des 21. Jahrhunderts“ jenem dänischen Spielzeugriesen, der einst die Original-Plastiksteine entwickelte, für 120 Millionen US-Dollar zu verkaufen.*) Schaumwein!

Andererseits gibt es jede Menge Ideen, die sich auch bei näherer Betrachtung nicht erschliessen. Whatchado z.B., einer der meistgenannten und -prämierten Namen der hiesigen Szene, ist eine löbliche Inspiration für die Jobsuche – aber was exakt ist das Business-Modell? Die gerade bei der TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ mit achthunderttausend Euro bedachte App Dvel basiert auf der Annahme, höchstpersönliche A/B-Entscheidungen („Welches Kleid soll ich heute anziehen?“) wären ein gefundenes Fressen für Social Media. Mag sein, aber wie lässt sich solch Teenie-Zeitvertreib monetarisieren? Entwicklungen im hochsensiblen Humanmedizin-Sektor haben es doppelt und dreifach schwer: der Bluttest-Anbieter Kiweno ist da ein aktuelles, hoch umstrittenes Beispiel.

Und, sorry für die Investoren: meine Prognose fällt auch für Start-ups wie Recordbird, Divercity oder Wohnwagon – so lässig sich diese Projekte, wie hunderte andere auch, anhören – eher negativ aus. Eine sympathische Sache eignet sich nicht automatisch zum Geldverdienen. Zumindest solange, wie die Gemeinwohl-Ökonomie nicht Aufnahme in die Wirtschaftslehrbücher des Landes findet.

*) Leider ein Aprilscherz! ;-) (So basteln Sie ihren eigenen…)

Start Me Up

10. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (355) Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Nachhaltigkeit ist ein nachrangiges Kriterium.

2 Min 2 Mio Puls4

Vor vielen Jahren habe ich einmal – den Trend zum Zweit- und Dritt-Job gab es damals schon – Red Bull beraten. Nein, eigentlich habe ich nur Berater von Red Bull beraten, war also quasi Sub-Berater, aber der österreichische Getränke-, Lifestyle- und Medienkonzern in Fuschl ist ja ungebrochen ein Magnet für Ideenspender jeder Sorte. Es ging um Konzepte für Formate, Sendungen und Shows im hauseigenen TV-Kanal, die tunlichst weltweit funktionieren sollten (dass dieser terrestrische, global operierende Sender bis heute nicht existiert, ist verwunderlich, tut aber weiter nichts zur Sache).

Ich tat, was wohl im ersten Schritt jeder Programmentwickler tut: ich sah mich auf der ganzen Welt nach spannenden Vorlagen um. Und entdeckte bei der guten alten BBC ein Format namens „Dragons‘ Den“. Der Vorschlag, dieses ursprünglich aus Japan stammende Konzept zu adaptieren und zunächst einmal im deutschsprachigen Raum an den Start zu bringen, blieb aber in der Red Bull-Schublade. Auf ewig. That’s life.

Heute begegnet mir das „Drachenhöhle“-Format – kurzgefasst: Jungunternehmer versuchen ihre mehr oder minder innovativen Geschäftsideen einer Jury von Investoren zu verkaufen – allerorten. Es ist nicht nur in Mode, Durchlauferhitzer für Start-ups zu sein, sondern – über Beteiligungen gegen Werbezeit („Media For Equity“) – auch ein eigenes Business-Modell für die TV-Sender geworden. Und es begeistert das Publikum.

Aktuelles Beispiel: „2 Minuten 2 Millionen“, die Start-up-Show auf Puls 4. Das öffentliche Gehampel von Daniel Düsentriebs, die etwa eine „Zahnbürste, die zum Putzen animiert“ erfunden haben und diese wortreich grundskeptischen, aber investitionsfreudigen Business Angels wie Hans-Peter Haselsteiner oder Leo Hillinger andienen, ist auch wirklich kurzweilig. Und wenn ein breites Publikum dabei eine Ahnung vom Wirtschaftsgefüge des 21. Jahrhunderts bekommt, umso besser.

Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Da wie dort gilt: Wiege Deine Kreativität mit Gold auf! Als jemand, der über Grundkenntnisse des Musikgeschäfts verfügt und bewusst diese Analogie bemüht, versuche ich aber auch, hinter die Kulissen des Goldgräberdorfs zu blicken. Dass hier forciert auch Tonnenladungen an Schnapsideen geboren, glanzlackiert und auf den Markt befördert werden, ist klar – es passiert überall. Auch und erst recht in der Realwirtschaft (die ja mehr und mehr vom New Business der Digital-Hemisphäre infiltriert und abgelöst wird).

Es gilt: Flops dürfen passieren, nur Langeweile ist verboten. Die gröbsten Fragwürdigkeiten, kuriosesten Start-Up-Ideen und augenscheinlichsten Fehlkonstruktionen demnächst in diesem Lichtspieltheater.

Goldrausch 2.0

4. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (354) Spät, aber doch erfasst die Start-up-Welle Österreich. Und schwemmt wohl auch allerhand Schnapsideen hoch. 

SV Sign

Die sinnbildliche Karotte vor der Nase trägt einen Namen: Silicon Valley. Der bedeutendste US-Standort der IT- und High Tech-Industrie in Kalifornien muss zwangsläufig als Vorbild herhalten, wenn hiesige Minister, Staatssekretäre, Botschafter, Wirtschaftskämmerer, Business Angels, Entrepreneure und Nachwuchs-Helden nach einem Modell suchen, das als eine Art gigantisches Minimundus der Erfolgsverheissungen dienen kann.

So reisen denn auch in regelmässigen Abständen Delegationen gen Amerika, um zu sehen, zu lernen und eventuell auch zu verstehen, wie das so läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In gleicher Regelmässigkeit vernimmt man nach der Rückkunft ein Stakkato an Absichtserklärungen: Mehr Unternehmergeist! Weniger Bürokratie! Innovative Ideen! Der Zukunft eine Chance! Undsoweiter und sofort.

Nun muss man sich darüber nicht lustig machen. Im Gegenteil. Frischer Wind und ein Quantum Pioniergeist tut dem Beamten- und Pensionistenparadies Österreich ausgesprochen gut. Selbst der paternalistische Staatsapparat hat die Start up-Szene als Hoffnungsträger entdeckt.

Jedenfalls wandern nun peu á peu etliche Millionen jener Summen, die der Finanzminister aus dem Verkauf von Frequenzen lukriert hat und – Stichwort „Breitbandmilliarde“ – in die Digitalisierung des Landes reinvestieren soll, zu Entwicklern. Unter dem Signet AT:net vorrangig für Software-basierte Anwendungen. Also (fast ausschliesslich): Apps. Als leuchtendes Beispiel wird gerne der oberösterreichische Fitness Tracking-Spezialist Runtastic genannt, der im Vorjahr vom Sportartikel-Giganten Adidas übernommen wurde. Für 220 Millionen Euro.

Das moderne Glücksrittertum ist – befeuert vom Zeitgeist, der Medien-Aufmerksamkeit, den MinisteriumsMillionen und einer Handvoll agiler Netzwerker und wagemutiger Investoren (die sich wohltuend von der Müdigkeit der Banken und Börsen absetzen) – mittlerweile auch im Unterhaltungsfernsehen angekommen.

Mit Shows wie „2 Minuten 2 Millionen“ vermitteln Sender wie Puls 4 (ProSiebenSat.1-Gruppe) Venture-Beteiligungen, kaufen sich aber zugleich über teure Werbezeit auch selbst in die hoffungsfrohesten Start-ups ein. Man sollte daher PR-Botschaften wie „Nie zuvor wurde ein Investment in dieser Höhe in einer TV-Show vergeben“ ein bisschen hinterfragen, erst recht aus der Sicht jener Jungspunde, die Gehirnschmalz, Lebenszeit und Selbstausbeutungs-Kapital einschiessen. Oft bis zur frühzeitigen Erschöpfung.

Wenn aber die Grundidee windschief ist, schimmert allseits pures Spekulantentum durch. Die Szene bedarf akkurater Analyse. Hie wie da gilt: Fortsetzung folgt.

Ausgezwitschert?

27. März 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (353) Twitter steht unter Druck, weil es keinen Gewinn macht. Aber muss menschliche Kommunikation zwingend Profit abwerfen?

Illu Twit

Früher gab es Gerüchte, Vermutungen, Analysen und Fingerzeige, Bassena-Tratsch und Kantinen-Klatsch, Schimpfkanonaden, Gossip, Stammtischdebatten, Mundpropaganda, Leserbriefe, Diskussionsforen und und und. Heute gibt es Social Media.

Nicht dass jene traditionellen Formen menschlicher Interaktion verschwunden wären – ganz im Gegenteil, sie sind unkaputtbar –, aber sie stehen nunmehr in Konkurrenz mit den Durchlauferhitzern der digitalen Moderne. Zuvorderst: Facebook und Twitter. Erstere Plattform saugt mittlerweile auch den Ausstoß herkömmlicher Medien in sich auf; letztere, also Twitter, gilt hierzulande als Nachrichtendienst und Spielfläche einer Meute von Insidern, Politikberatern, Werbefuzzis und Journalist/inn/en.

Tatsächlich ist Twitter, das Botschaften an wen auch immer strikt auf 140 Zeichen begrenzt, soetwas wie das digitale Kokain der Kommunikationsbranche. Eine gleichwohl aufreizend anziehende, stimulierende wie süchtigmachende und destruktive Angelegenheit. Den Dienst – er existiert seit ziemlich exakt zehn Jahren – jenseits simpler PR-Botschaften sinnbringend zu nutzen ist ein Balanceakt, der selbst Profis nicht immer gelingt. Die Schlammschlachten, die sich bekannte Namen und Persönlichkeiten auf Twitter, also in ungenierter Offenheit und kaum verhangener Öffentlichkeit, liefern, sind Legende.

Dass Menschen, die ständig zwitschern (also Tweets absetzen), tendenziell einen Vogel haben oder zumindest zu überbordender Selbstdarstellung neigen, ist aber doch ein zu zynisches Fazit. Auf der positiven Seite stehen die Selbstbeschränkung – ausufernde Debatten und elendslange Threads finden sich anderswo –, das Aktivierungs-, Vernetzungs- und Informationspotential eines Echtzeit-Tickers und die übersichtliche, chronologische Gliederung der Welt in Themen (via #Hashtags) und Interessenskreise.

Weil aber Twitter mit seinem klaren, annähernd schlichten Konstruktionsprinzip seit zehn Jahren seinen Aktionären keine grossen Gewinne beschert, gilt es mittlerweile als Sorgenkind. „Nur“ 300 Millionen Nutzer wirken für Business-Analysten im Vergleich zum fünfmal grösseren Facebook wie eine Nische. Forsche Vordenker haben dann immer wieder mal Vorschläge parat: die Aufhebung des 140 Zeichen-Limits, die algorithtmische Gliederung von Wortmeldungen nach Mainstream-Relevanz oder PR-Budgets, die Verknüpfung mit Ton und Bild (folgerichtig wurde z.B. der Echtzeit-Video-Dienst Periscope eingekauft) und so weiter und sofort.

Was aber, wenn Du und ich schlichtweg auf all diese Verschlimmbesserungen pfeifen, pardon: zwitschern? Ratlosigkeit in der Chefetage prolongiert. Als Hashtag dafür schlage ich #twitterror vor.

Qualitätssicherung

13. März 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (352) Wikipedia gilt als Online-Wissensspeicher der Menschheit. Für einzelne ist das eine latente Drohung.

Wikipedia-logo

„Liebe/r Leser/in, gleich zur Sache“ hebt die Mitteilung an, die einem beim Öffnen der Seite förmlich anspringt. „Heute bitten wir Sie, Wikipedia zu helfen. Um unsere Unabhängigkeit zu sichern, werden wir nie Werbung schalten. Wir sind ganz auf Spenden angewiesen.“

Nun ja: deklarierte Werbung zu verbreiten muss nicht zwangsläufig mit Abhängigkeit Hand in Hand gehen, aber die „kleine gemeinnützige Organisation“ (Selbstbeschreibung) namens Wikipedia trägt natürlich schwer an den Kosten einer der meistbesuchten Internet-Adressen weltweit. Ein kleiner Obolus seitens jener, die sich seit Jahren den Kauf eines mehrbändigen Universallexikons ersparen – vom legendären Brockhaus oder der Encyclopedia Britannica ganz zu schweigen – erscheint durchaus angebracht. Leider leben wir in Zeiten, wo solche non-kommerziellen Einrichtungen als gottgegebene Grundmöblierung der eigenen, bequemen Digitalexistenz gesehen werden. Zahlen mögen gefälligst andere.

Dass redaktioneller Spürsinn abseits populärer Themen, für die sich hunderte schreibfreudige Freiwillige (darunter mindestens zwei Drittel selbsternannte Experten) finden, Kosten verursacht, wird gerne verdrängt. Und dann wäre da noch das Kapitel Qualitätssicherung. Bei über 37 Millionen Artikeln und Einträgen in annähernd 300 Sprachen ist das anno 2001 gegründete Online-Lexikon auch hier auf die rege Zuarbeit seiner administrativen Kern-Crew angewiesen. Dass die komplexen Spielregeln für kollaboratives Schreiben – die sich hinter vier einfachen Grundsätzen (enzyklopädischer Zugang, Neutralität, strikte Beachtung des Urheberrechts und der „Wikiquette“ genannten Hausordnung) – nicht immer zu sinnvollen Resultaten führen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Leider.

Fragen Sie etwa den Schauspieler Robert Stadlober! Der ist nämlich – wie er neulich ausführlich auf FM4 erzählte – gar nicht glücklich mit dem ihm zugedachten Wikipedia-Eintrag. Mehr als das: er fühlt sich, als hätte er jegliche Verfügungsgewalt über seine eigene quasi-amtliche Online-Biografie verloren. Egal, wie oft er ärgerliche Detailfehler ändert – sie werden notorisch zurückgeändert. Egal, wie oft er sich darüber beschwert – Wikipedia zuckt mit den Achseln. Das Salzamt ist kooperationsfreudiger.

Stadlober hat es mehr oder minder aufgegeben, in Wikipedia den letztgültigen Wissensspeicher der Menschheit zu sehen. Immerhin kann er jetzt als kleine Anmerkung seinerseits diese Kolumne verlinken.

Die 5 Euro 99 Cent-Erleuchtung

28. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (350) Man kann im Supermarkt billige Auto-Ersatzlampen kaufen. Aber wie geht’s dann weiter?

auto-licht

Die bunten Prospekte, Flugblätter und Werbezettel, die einem ungefragt und ununterbrochen ins Haus flattern, geben ungewollt auch Auskunft über die dunklen Seiten unseres Konsumenten-Daseins.

Da verspricht etwa die Supermarkt-Kette H., die Sorgenfalten aus den Gesichtern jener Autofahrerinnen und Autofahrer vertreiben zu wollen, deren Fahrzeuge nicht mehr der Strassenverkehrsordnung entsprechen. Weil sie nämlich einen oder mehrere kaputte Scheinwerfer besitzen. Meist ist es ja nicht mehr als ein Lämpchen, das in diesem Fall ausgetauscht werden muss – und in der freundlichen Marktfiliale ums Eck findet man zu diesem Zweck aktuell ein „Auto-Ersatzlampen-Set, 11 teilig“ um wohlfeile 5 Euro 99 Cent. „Modernste H4- und H7-Halogen-Technik mit verschiedenen Leuchten und Sicherungen und bis zu 30 Prozent mehr Lichtausbeute“ wird in Aussicht gestellt. Also: es werde Licht!

Aber können Sie noch ungeschaut ein harmloses Halogen-Birnderl an Ihrem Auto austauschen? Ich nicht. Und ich scheine mit dieser – von einem resignativen Achselzucken begleiteten – Erkenntnis nicht allein auf weiter Flur zu sein.

So postete erst kürzlich Karl P., ein durchaus technikaffiner Bekannter, folgende Statusmeldung auf Facebook: „Montagvormittagserfahrung. Wenn man am Sonntag drauf kommt, dass beim Auto ein Abblendlicht kaputt gegangen ist, dann sollte man sich Zeit nehmen. Denn die Ära ist offenbat vorbei, wo jemand in der Werkstatt ein Lämpchen nimmt und es gleich neu einsetzt. Das Auto muss neuerdings auf die Hebebühne, es muss aufgeschraubt werden und das Ganze dauert dann gleich eine Stunde oder mehr. Ich zum Servicemann: „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“ Der Servicemann: „Doch, und seien Sie froh, dass Sie keinen 5er oder 7er haben – da müsste nämlich auch die Stoßstange entfernt werden, um die Lampe neu einzusetzen.“ Ich: „Bitte, wer plant soetwas?“ Der Servicemann: „Dazu enthalte ich mich offiziell einer Aussage. Privat würde ich Ihnen sagen: ein Volltrottel.“

Punkt. Rufzeichen! Nun werden natürlich KfZ-Konstrukteure tausend gute Gründe habe, die Vehikel so zu konstruieren, wie sie vom Band laufen. Darunter jenen, für die Brötchengeber – die wie alle Branchen unter Preisdumping leiden – neue, lukrative Betätigungsfelder zu eröffnen. In Service und Reparaturen liegt der Reibach. Und kaum jemand möchte mehr selbst herumschrauben (trotz EU-Richtlinie, die genau das ermöglichen soll).

Aber was mache ich jetzt mit den 5 Euro 99-Birnderln aus dem Supermarkt? Ich schenke sie dem Servicemann. Damit uns gemeinsam ein Licht aufgeht.

Fortsetzung folgt

21. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (349) Leser-Feedback ist durchaus erwünscht. Es sollte tunlichst kundig und konstruktiv sein.

Apple

Ein Leser hat sich bitterlich über diese Kolumne beschwert. Ohne Umwege direkt bei der „Presse“-Chefredaktion. Was ich, sorry!, eher unsympathisch finde. Man lernt schon in der Volksschule, dass man nicht gleich zum Direktor läuft, wenn es Zoff gibt.

Was aber magerlte den Leserbriefschreiber? Erstens: Apple-Bashing. Nun kamen letztwöchig eine Technik-Redakteurin und ich ganz unabhängig voneinander zum selben Schluss: das US-Unternehmen setzt, Stichwort „Error 53“, beinahe erpresserisch auf die Loyalität seiner Kunden. (Anm.: Apple hat hier mittlerweile reagiert.) Andererseits trudelte diese Woche eine Meldung ins Haus, Apple befinde sich gerade im Krieg mit dem FBI, um iPhone-User gegen Dateneinsicht und Spionage-Hintertüren zu schützen. Respekt! Wenn Sicherheit nicht nur eine leere Phrase, sondern tatsächlich ein hohes Gut ist, soll das keinesfalls unerwähnt bleiben.

Nebst einem Hinweis auf einen enorm bedenkenswerten Umstand: Staaten scheinen die schutzwürdigen Interessen ihrer Bürger inzwischen weniger zu vertreten als transnationale, progressiv (?) denkende Konzerne. Hier befindet sich der grösste Konzern der Welt im Konflikt mit dem mächtigsten Staat des Planeten. Das birgt Konfliktstoff sondergleichen.

Und dann war da noch der Vorwurf einseitiger Berichterstattung. Weil ich es gewagt hatte, aus einer schier unüberblickbaren Reihe von Registrierkassenlösungen – das Thema beschäftigt mich seit Herbst des Vorjahres – eine Software explizit herauszuheben. Sofortiger Rückschluß: Freunderlwirtschaft. „Zur Wahrung der Objektivität und Seriosität“ wurde mir ein Besuch der Web-Adresse http://registrierkassen-test.info anempfohlen. Nun: danke für den Hinweis! Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, Anbieter und Produkte wenn auch nicht auf Herz und Nieren zu testen, so doch übersichtlich aufzulisten. Aber schon die erste rasche Nachschau ergibt, dass populäre Produkte wie Offisy nicht angeführt werden. Weil sie kostenlos sind?

Ich hatte ja erwähnt, dass mir Registrierkassen-Anbieter, die teure Lizenzen, Wartungspauschalen sowie monatliche Nutzungs- und Servicegebühren verlangen, eher gestohlen bleiben können. Zuviele „middlemen“ hängen sich inzwischen in die Ertragsleistung von Betrieben, von Kreditkartenunternehmen bis zu Internet-Dienstleistern. Muss da auch noch meine eigene Kasse gegen mich arbeiten?

Ich denke: nein. Und bin weiter offen für Empfehlungen, was preiswerte, taugliche und elegante gesetzeskonforme Kassensysteme betrifft. Fortsetzung folgt.

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