Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Ungeheuer Maschinensteuer?

12. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (363) Eine “Maschinensteuer” brauchen wir nicht, tönt es aus konservativen Industrie- und Politik-Bastionen. Und was, wenn doch?

Kassomat

Der Job einer Supermarkt-Kassierin ist sprichwörtlich: mühsam, oft stupide, unterprivilegiert, schlecht bezahlt. Aber es ist ein Job. Und die Damen – ich sehe kaum Männer an den Kassen – meines Stamm-Einkaufszentrums in Wien-Favoriten machen ihn gut. So gut, dass Kunden nicht selten ein Lächeln über die Lippen kommt. Ein flotter Gruß. Und das eine oder andere Wort der Anerkennung für die routinierte, gelassene, zügige Abwicklung der Konsumentenschlange vor der Bezahlschranke. Hart erarbeiteter Respekt.

Nun hat die Geschäftsleitung der Supermarkt-Kette beschlossen, Selbstabwicklungskassen zu installieren. Versuchsweise zunächst. Zusätzlich zu den personalisierten Kassen gibt es jetzt Automaten („Kassomat“), die es ermöglichen, seinen Einkauf selbst abzurechnen. Es klappt nicht auf Anhieb (und oft, ähnlich wie bei den Ticketautomaten am Flughafen, nur unter absurden Widerspenstigkeiten) – aber es ist wohl die Zukunft.

Noch flüchten sich die humanoiden Kassen-Profis in die Perspektive, dass Maschinen fehleranfällig sind, der Erklärung bedürfen und überwacht werden müssen. Aber es liegt die Ahnung eines Umbruchs in der Luft. Die netten Damen mit den flinken Fingern werden ihren Job verlieren. Die Supermarkt-Kette wird vice versa mehr Profit machen. Solange es noch Supermärkte, wie wir sie heute kennen, gibt.

Ich mag das Wort „Maschinensteuer“ nicht. Es ist kalt, es ist technokratisch, es verheisst – und, ja, ich bin selbst Unternehmer – nur eine drückende Steuer mehr. Aber wir werden als Gesellschaft nicht umhin kommen, über das Thema „Arbeit im 21. Jahrhundert“ zu reden. Und die bereits heute deutlich merkbaren Faktoren, die unsere Vorstellung davon und die gelebte Praxis des Arbeitsmarkts auf den Kopf stellen. Das Automatenkassen-Exempel ist in diesem Kontext fast banal, aber plakativ. Disruptive Technologien und Entwicklungen nennen es Experten, eine neue industrielle Revolution (Kennziffer 4.0), das „Internet der Dinge“, das auch vor unserem Büro nicht halt macht. Vor dem Fabrik-Fließband. Und erst recht vor der Computerkasse.

Weltumspannende Konzerne, die mehr und mehr unseren – zunehmend digitalen – Alltag bestimmen, gerieren sich als Garanten des Fortschritts und omnipotenter Glücksverheissungen. Der Staat als jahrtausendealte Institution der menschlichen Selbstorganisation hat da vergleichsweise graues Haar am müden Kopf, die Politik sieht dito alt und verbraucht aus. Und oft, Stichworte: Arbeits- und Finanzmarkt, Migration, Bildung, Umwelt – unendlich ratlos. Man könnte darob ins Philosophieren kommen, Aufsätze schreiben, ganze Bücher.

Als Nebenerwerbs-Kolumnist, der nicht automatisch der Depression zuneigt, stelle ich nur eine einzige Frage: werden uns die retten, die – wie Politikroboter – reflexhaft Zeter und Mordio schreien, wenn die Idee einer „Wertschöpfungsabgabe“ (das ist ein viel schöneres und trefflicheres Wort als „Maschinensteuer“, es gibt auch noch andere) auch nur andiskutiert wird?

Eine Vorahnung vom Ende

28. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (362) Der Millarden-Streit um die Abgaswerte des Benzin- und Dieselmotors ist ein Symptom des Wettkampfs um die Mobilität der Zukunft.

 

familienauto-vw-zukunft

„Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Ich zitiere diese Worte von Thomas Bernhard gern, aber im Augenblick erweisen sie sich in schmerzlicher Weise als besonders zutreffend. Diese Kolumne handelt vom Ende einer Gattung (oder zumindest einer Vorahnung ihres Endes) – und sie entstand an einem Ort, an dem Leben und Tod nah beieinander liegen: im Wartezimmer eines Krankenhauses.

Letzteres ist übrigens kein Ort des Schreckens für einen maschinengäubigen Menschen. Im Gegenteil: die Armada der Apparaturen in der Intensivstation eines Hospitals verheisst eine erhöhte Überlebenschance; die Fortschritte der Medizintechnik in den letzten Jahren und Jahrzehnten wären ein eigenes Buch wert; zumindest in der engeren Zielgruppe ein aufgelegter Bestseller. Aber das ist nicht das Thema, um das es hier gehen soll.

Warum schreibt der Gröbchen, werden Sie sich eventuell nach Lektüre der Kolumnen der letzten Woche gefragt haben, wieder so begeistert über Autos mit Verbrennungsmotoren? Treffliche Frage. Vor allem, da ich eigentlich ständig auf der Suche nach Alternativen war und bin. Vom E-Bike über kuriose Neben- und Seitenlinien der Evolutionsgeschichte individueller Mobilität bis hin zu den Schlüsselmodellen der Generation Tesla teste ich auf Herz und Nieren, was mir so unterkommt. Oder, besser: was einen Ausweg aus dem Status Quo eröffnen und befahren könnte.

Benzin- und Dieselmotoren werden uns noch einige Jährchen erhalten bleiben; die Ablösung durch Strom und/oder Wasserstoff konkretisiert sich zwar immer mehr (Apple, liest man, arbeitet bereits am Design von Ladestationen) – aber bei der faktischen Durchsetzung im Alltag haben Politik, Gesetzgeber und Konsument noch ein gehöriges Wort mitzureden. Zumal der Generationensprung dank der Vernetzung und Autonomisierung der Fahrzeugintelligenz (Stichwort: selbstfahrendes Auto) radikal ausfallen wird.

Ist es dann nicht pure Zeitverschwendung, über fabriksneue Old School-Modelle traditioneller Bauart zu berichten? Nein: siehe oben. Es schwingt zugegebenermassen auch eine Prise Mitleid und Sorge um VW, DaimlerOpel, Fiat, Audi, Renault, Mitsubishi & Co. mit: weltumspannende Konzerne, die wir für die rasche Marktdurchdringung fortschrittlicher Mobiltechnologien noch brauchen werden.

Es würde mich übrigens sehr wundern, wenn auch nur ein Autohersteller auf diesem Planeten beim akuten Abgasskandal nicht geschwindelt (oder zumindest die Grenzen der Legalität bis zum Anschlag ausgereizt) hätte – mit vorauseilender Rückendeckung durch die bequemen Nutzniesser der (im wahrsten Wortsinn billigen und nun für die Konzerne extrateuren) Schmähtandelei: uns allen, Fahrradkrieger/innen und Fußgänger ausgenommen. Und sind nicht die Pioniere und Autopiloten der Zukunft alle zufällig in den USA daheim? Merke: „Business is war!“ (Jack Tramiel, Atari). Wie immer auch: wie beim österreichischen Weinskandal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts könnte ein reinigendes Fanal auch eine ganz neue Denkschule  begründen. Tesla, UberGoogle und Apple alleine werden aber nicht alles zum Guten wenden (können).

Dass die Familien Piech & Porsche dagegen, wie gerade zu lesen stand, mit dem VW-Skandal – der eben kein alleiniger VW-Skandal mehr ist – ein paar Milliarden Euro verlieren, ist vergleichsweise wirklich lächerlich. Todernst.

Sonntagsmesse

20. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (361) Kraftfahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor haben ihren höchste Reifegrad erreicht. Beweis: der neue 7er-BMW.

7er BMW

Welches Fahrzeug nehmen, wenn’s auf die Oldtimer-Messe nach Tulln (die an diesem Wochenende stattfindet) gehen soll? Das MX-5 Cabrio? Würde zum Wetter passen, ist aber dank Baujahr 1995 ein Youngtimer. Den giftgrünen Corsa OPC, den mir der freundliche Opel-Pressechef leihweise zur Verfügung gestellt hat? Damit ließen sich einige Privatrallyfahrer auf die Plätze verweisen, aber darum geht’s bei einem gepflegten Ausflug aufs Land eher nicht.

Letztlich habe ich mich für den neuen 7er-BMW entschieden. Weil diese Limousine – Modell 740d Xdrive mit M-Sportpaket – in besonders scharfem Kontrast zur Retro- und Bastler-Atmosphärik in Tulln steht. Und doch auch wieder nicht. Es handelt sich um ein Fahrzeug, das die Evolution des Dieselmotors auf höchster Stufe repräsentiert. Manche prophezeihen: auch auf letzter.

Doch das wäre Schwarzmalerei; das Bedürfnis nach Luxusdroschken konservativer Bauart wird nicht verschwinden, solange Ölraffinerien existieren. Kurioserweise gilt so ein 7er mit einem Startpreis von rund 100.000 Euro (ohne Extras) ja nur als Ikone der Oberklasse; wirkliche Top-Milliardäre würden ihn vielleicht dem Hauspersonal zur Verfügung stellen. Als einigermassen standesgemässes Einkaufswagerl.

Aber geht hier irgendetwas ab? Nein, nein und nochmals nein. Hingefläzt in streichelweichem, cognacfarbenem Nappaleder delektiert man sich in der „besten Luxuslimousine der Welt“ (Autorevue) am fein ziselierten Inventar, einer Bordelektronik auf neuestem Stand und jeglichem denkbaren modernistischen Schnickschnack (Laserlicht, Head Up-Display, Gestiksteuerung des Radios, Bowers & Wilkins „Diamond Surround“ Sound System, ein „Welcome Light Carpet“ genannter beleuchteter Einstieg und anderes mehr).

Ein- oder Ausparken tut der naturgemäss nicht gerade kleine, aber elegant geschnittene Wagen übrigens auch von alleine – das auszuprobieren habe ich mich ehrlicherweise nicht getraut. Wiewohl: den taufrischen 7er bei dieser autoerotischen Lektion für Fortgeschrittene inmitten der historischen Jaguar-, Mercedes-, Bentley- & Co-Parade am Tullner Messegelände beobachten zu dürfen, das hätte schon was.

Bewegen lässt sich der Reihensechszylinder mit 320 PS, obligatem Allradantrieb und Automatik übrigens wie ein Messer, das durch Butter fährt – Butter knapp vor dem Zerfliessen, wohlgemerkt. State of the Art. Nur der Fahrzeugschlüssel mit integriertem Touchdisplay, der erscheint mir dann doch etwas mickrig. Man kann damit weder telefonieren, fernsehen, den neuen Bundespräsidenten fernsteuern noch den Wagen in den Wolken parken. Da geht noch was.

Na Servus!

6. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (359) Fast-Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify: die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher.

Red-Bull-TV

Es passiert nicht oft im Leben eines Journalisten, dass man eine Kolumne zweimal schreibt. Wenn, gibt es dafür triftige Gründe. Einer davon ist potentiell, dass sich die Faktenlage, zu der man seine – mehr oder minder pointierte – Meinung absondert, verändert. Eventuell sogar in ihr diametrales Gegenteil.

Derlei passierte im Lauf dieser Woche. Bei Servus TV. Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den An/Aus-Schalter in diese und dann wieder in jene Richtung zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn in der Hand hat – weil er seit vielen Jahren ein Projekt betreibt, das Medien- und Marketingexperten Achtung abringt allein ob der schieren Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz und jenem Sender, der exemplarisch zeigt, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Saga von der Betriebsrats-Gründung als Anlassfall – die rechtliche wie politische Dimensionen beinhaltet, aber auch bizarr exzentrische oder gar abgefeimte Deutungen – möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Die eigentliche Botschaft (vorrangig an die Red Bull Media House-Chefetage) lautet: Fernsehen ist tot.

Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig ausgedient. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-) Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Da kann sich die Servus TV-Crew noch so ins Zeug legen. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Diversifizierung, Emotionalisierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – benötigt eine Vision, die mit der Realität auf Deckungsgleiche zu zwingen ist.

Was aber? Folgerichtige Frage. Servus TV als sentimentales Regional-TV-Fenster? Red Bull-Content (mit ganz anderem Zielpublikum) via Internet? Doch auch terrestrisch? Strictly Mobile? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen. Ein führender Mitarbeiter des Konzerns hat mir kommentarlos gleich einmal den Download-link zu einer App weitergeleitet. „Introducing a new 24/7 best of Red Bull TV experience and discover more premium content through curated channels updated daily. Welcome to an all new Red Bull TV app built from the ground up!“ Ah, da schau her.

Und noch ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!

Hoffnungs-Los

30. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (358) Die Maschinen sind intelligenter, die Menschen undurchschaubarer, die Meinungsforscher dümmer geworden. Oder ist es doch eher umgekehrt?

IBM-705

 

Das war das Bild, das Generationen prägte in Sachen Computerei: das ORF-Zentrum an Wahltagen der letzten drei, vier Jahrzehnte des vorigen Jahrtausends, wo im entscheidenden Augenblick – dem der ersten Hochrechnung – in ein externes Rechenzentrum zu Universitätsprofessor Dr. Gerhart Bruckmann umgeschaltet wurde.

Im Hintergrund erblickte man schrankgrosse Geräte, Magnetbänder auf rasend rotierenden und abrupt abstoppenden Spulen und, wenn ich mich recht erinnere, zuweilen geschäftig herumschwirrendes Bedienpersonal im dezenten Wissenschaftler-Outfit. Es herrschte noch tiefe Ehrfurcht vor der Elektronischen Datenverarbeitung (kurz: EDV), die seit dem Aufkommen der ersten Rechenanlagen in den fünfziger Jahren Wunder über Wunder ermöglichte: den Mondflug, datenbasierte Wettervorhersage, die Simulation von Modellen der experimentellen Physik, Medizin, Künstlichen Intelligenz, Computermusik  und vieles mehr.

Am 22. April 1971 fand jedenfalls die erste offizielle computergestützte Hochrechnung bei einer österreichischen Bundespräsidentenwahl statt, nachdem ein Testlauf anno 1965 zufriedenstellend ausgefallen war. Das ORF-Studio, damals noch in der Argentinierstrasse, und das IBM-Rechenzentrum am Donaukanal waren via „Datenfernverarbeitung“ zusammengeschaltet. Professor Bruckmann, der wenige Minuten nach Wahlschluß das Ergebnis mit verblüffender Präzision verkündete, erlangte die Popularität eines Pop-Stars. Und das allein mit den Mitteln der Mathematik und Statistik.

Heute haben sich die Leistungsfähigkeit von Computern und, damit Hand in Hand gehend, die Möglichkeiten der statistischen Mathematik enorm gesteigert. Allein: die Meinungsforschung, die davon besonders profitierte, steht momentan nicht gerade hoch im Kurs. Aus Gründen: bei den letzten Wahlen in unserem Land lag man – einmal mehr – arg daneben, insbesondere bei der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl 2016 im April. Und zwar durch die Bank.

Zwar ging es hier um Wahlprognosen und nicht um die sekundenschnelle Auswertung und Berechnung von Gesamt- und Lokalergebnissen, Trends, Wählerströmen  und Schwankungsbreiten. Aber die quasiamtliche Demut vor der vorauseilenden Verkündung das Wahlvolk-Verhaltens wich allseitiger Ernüchterung. Und der Erkenntnis, dass Demoskopie, Exit-Polls und Wahlprognosen in „schwierigen“ Zeiten wie diesen höherer Kaffeesudleserei nahekommen.

Was die Institute und Analysten, die derlei zum Geschäftsmodell erhoben haben, nicht weiter anficht: eifrig werden neue und neueste Prognosen zum Ausgang der Stichwahl am 22. Mai erstellt. Die Meinungsforscher erklären unisono den FPÖ-Kandidaten zum „absoluten Favoriten“. Das macht Hoffnung – für seinen Gegenspieler.

Triptychon der Erkenntnisse

24. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (357) Man sollte Kolumnisten nicht über den Weg trauen – schon gar nicht im Maschinenraum des 21. Jahrhunderts.

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Diese Kolumne schreibt sich wie von selbst. Das hat drei Gründe.

Der erste ist ein eher schmerzsamer. Ich habe nämlich eine Korrektur anzubringen: das Wiener Start-up Robo Wunderkind wurde nicht, wie hierorts leichtfertig verkündet, um 120 Millionen US-Dollar an den Spielzeugriesen Lego verkauft. Ich bin einem Aprilscherz aufgesessen, der immerhin so professionell erdacht und gemacht war, dass er auch auf den zweiten Blick plausibel erschien.

Die Gründer von Robo Wunderkind – einem Unternehmen, das programmierbare Roboter-Module für Kinder entwickelt und damit ab Herbst 2016 den Markt bespielen will – träumen wohl, wie unzählige andere Start-up-Hoffnungsträger auch, vom „Exit“. Also: dem Verkauf der Idee, des Produkts und eventuell auch des Teams an einen finanzstarken, innovationsfreudigen, möglichst global agierenden Partner. Dass Lego im 21. Jahrhundert nicht allein auf simple, intelligenzlose Plastikbausteine setzen wird, liegt auf der Hand. Insofern: wer weiß?

Wer den Schaden hat, braucht jedenfalls für den Spott nicht zu sorgen. „The problem with quotes found on the internet is that they are often not true“ – dieses Abraham Lincoln zugedachte Zitat legte mir umgehend Freund F. ins Elektropostfach. Haha! Bildchen und Sprüche mit ähnlich absurder Text-Bild-Kausalitäts-Schere kursieren ja seit Jahren im Cyberspace. Mit Recht. Ich klatsche sie auch immer wieder gerne mal auf den virtuellen Wirtshaustisch.

Allein: können jene, die sich über meine Schludrigkeit in punkto Recherche ins Fäustchen gelacht haben, immer Realität von Satire, Dichtung von Wahrheit und plumpe Propagada von ehrlicher Verlogenheit unterscheiden? Ich wage zu behaupten: die Quantität und Qualität der Fälschungen nimmt in der digitalen Hemisphäre in ähnlich bestürzender Weise zu wie Zahl der Leichtgläubigen und potentiellen Opfer. Sign o’ the times.

Damit zu Punkt drei im Triptychon der Erkenntnisse: Einem Start-Up (das eigentlich kein Start-up mehr ist, sondern ein ausgewachsenes Unternehmen) habe ich eventuell Unrecht getan mit meiner kritischen Einschätzung zu den langfristigen Erfolgsaussichten: Whatchado. Die Leute dort sind auf Zack und haben sich gleich gemeldet – und, ja, ich werde mir ihre Argumente gerne anhören. Und darüber schreiben.

Beim Gründer, Ali Mahlodji, ist’s mir mittlerweile klar: der Mann ist aus dem Akquise-Business ausgestiegen und als Markenbotschafter unterwegs. Die Marke ist er selbst (und Whatchado „nur“ mehr die Plattform). Storytelling, Baby! Das bringt zumindest mittelfristig mehr Kohle. Wenn Mahlodji aber jungen Leuten da draussen wirklich Ideen, Neugier und Mut spendet, verdient er seine Brötchen absolut respektabel.

Schaumwein, Baby!

18. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (356) Wirtschaftstreibende des 21. Jahrhunderts sitzen gerne am virtuellen Roulette-Tisch. Viel Glück!

Marketingplan

„Ihre Kolumne am Sonntag lese ich immer gerne und mit Interesse“, teilte mir Paul S. zum Auftakt mit. Um dann ohne Umschweife Kritik zu üben. Meine letzten zwei Beiträge, beide zum Thema Start-ups, wären zu negativ ausgefallen, „typisch für Österreich, wo Venture Capital Risikokapital heisst und Health Insurance Krankenversicherung“.

Ich verstehe, was er damit sagen will: es ist alles eine Frage des Betrachtungswinkels und der Motivation. Und hierzulande neigt man, d’accord!, überdurchschnittlich oft zum Granteln, Runtermachen und einer Überdosis Pessimismus.

Aber es gibt auch soetwas wie Bauchgefühl. Und Instinkt, der sich im Idealfall (auch) aus Intellekt nährt. Ich verfolge die österreichische Start-up-Szene aus vielerlei Gründen seit Jahren beiläufig-intensiv. Wunderbare Erfolgsgeschichten waren dabei – nicht nur das Paradebeispiel Runtastic, sondern auch Unternehmungen wie last.fm oder Shpock, Biotechnologie-Innovatoren wie Haplogen Genomics und hochgehypte, millionenschwere Exit-Raketen wie einst Jajah (der Voice-over-IP-Dienst existiert nicht mehr). Erst unlängst gelang es dem Wiener Start-up Robo Wunderkind, die Vision eines digitalisierten „Lego des 21. Jahrhunderts“ jenem dänischen Spielzeugriesen, der einst die Original-Plastiksteine entwickelte, für 120 Millionen US-Dollar zu verkaufen.*) Schaumwein!

Andererseits gibt es jede Menge Ideen, die sich auch bei näherer Betrachtung nicht erschliessen. Whatchado z.B., einer der meistgenannten und -prämierten Namen der hiesigen Szene, ist eine löbliche Inspiration für die Jobsuche – aber was exakt ist das Business-Modell? Die gerade bei der TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ mit achthunderttausend Euro bedachte App Dvel basiert auf der Annahme, höchstpersönliche A/B-Entscheidungen („Welches Kleid soll ich heute anziehen?“) wären ein gefundenes Fressen für Social Media. Mag sein, aber wie lässt sich solch Teenie-Zeitvertreib monetarisieren? Entwicklungen im hochsensiblen Humanmedizin-Sektor haben es doppelt und dreifach schwer: der Bluttest-Anbieter Kiweno ist da ein aktuelles, hoch umstrittenes Beispiel.

Und, sorry für die Investoren: meine Prognose fällt auch für Start-ups wie Recordbird, Divercity oder Wohnwagon – so lässig sich diese Projekte, wie hunderte andere auch, anhören – eher negativ aus. Eine sympathische Sache eignet sich nicht automatisch zum Geldverdienen. Zumindest solange, wie die Gemeinwohl-Ökonomie nicht Aufnahme in die Wirtschaftslehrbücher des Landes findet.

*) Leider ein Aprilscherz! ;-) (So basteln Sie ihren eigenen…)

Start Me Up

10. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (355) Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Nachhaltigkeit ist ein nachrangiges Kriterium.

2 Min 2 Mio Puls4

Vor vielen Jahren habe ich einmal – den Trend zum Zweit- und Dritt-Job gab es damals schon – Red Bull beraten. Nein, eigentlich habe ich nur Berater von Red Bull beraten, war also quasi Sub-Berater, aber der österreichische Getränke-, Lifestyle- und Medienkonzern in Fuschl ist ja ungebrochen ein Magnet für Ideenspender jeder Sorte. Es ging um Konzepte für Formate, Sendungen und Shows im hauseigenen TV-Kanal, die tunlichst weltweit funktionieren sollten (dass dieser terrestrische, global operierende Sender bis heute nicht existiert, ist verwunderlich, tut aber weiter nichts zur Sache).

Ich tat, was wohl im ersten Schritt jeder Programmentwickler tut: ich sah mich auf der ganzen Welt nach spannenden Vorlagen um. Und entdeckte bei der guten alten BBC ein Format namens „Dragons‘ Den“. Der Vorschlag, dieses ursprünglich aus Japan stammende Konzept zu adaptieren und zunächst einmal im deutschsprachigen Raum an den Start zu bringen, blieb aber in der Red Bull-Schublade. Auf ewig. That’s life.

Heute begegnet mir das „Drachenhöhle“-Format – kurzgefasst: Jungunternehmer versuchen ihre mehr oder minder innovativen Geschäftsideen einer Jury von Investoren zu verkaufen – allerorten. Es ist nicht nur in Mode, Durchlauferhitzer für Start-ups zu sein, sondern – über Beteiligungen gegen Werbezeit („Media For Equity“) – auch ein eigenes Business-Modell für die TV-Sender geworden. Und es begeistert das Publikum.

Aktuelles Beispiel: „2 Minuten 2 Millionen“, die Start-up-Show auf Puls 4. Das öffentliche Gehampel von Daniel Düsentriebs, die etwa eine „Zahnbürste, die zum Putzen animiert“ erfunden haben und diese wortreich grundskeptischen, aber investitionsfreudigen Business Angels wie Hans-Peter Haselsteiner oder Leo Hillinger andienen, ist auch wirklich kurzweilig. Und wenn ein breites Publikum dabei eine Ahnung vom Wirtschaftsgefüge des 21. Jahrhunderts bekommt, umso besser.

Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Da wie dort gilt: Wiege Deine Kreativität mit Gold auf! Als jemand, der über Grundkenntnisse des Musikgeschäfts verfügt und bewusst diese Analogie bemüht, versuche ich aber auch, hinter die Kulissen des Goldgräberdorfs zu blicken. Dass hier forciert auch Tonnenladungen an Schnapsideen geboren, glanzlackiert und auf den Markt befördert werden, ist klar – es passiert überall. Auch und erst recht in der Realwirtschaft (die ja mehr und mehr vom New Business der Digital-Hemisphäre infiltriert und abgelöst wird).

Es gilt: Flops dürfen passieren, nur Langeweile ist verboten. Die gröbsten Fragwürdigkeiten, kuriosesten Start-Up-Ideen und augenscheinlichsten Fehlkonstruktionen demnächst in diesem Lichtspieltheater.

Goldrausch 2.0

4. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (354) Spät, aber doch erfasst die Start-up-Welle Österreich. Und schwemmt wohl auch allerhand Schnapsideen hoch. 

SV Sign

Die sinnbildliche Karotte vor der Nase trägt einen Namen: Silicon Valley. Der bedeutendste US-Standort der IT- und High Tech-Industrie in Kalifornien muss zwangsläufig als Vorbild herhalten, wenn hiesige Minister, Staatssekretäre, Botschafter, Wirtschaftskämmerer, Business Angels, Entrepreneure und Nachwuchs-Helden nach einem Modell suchen, das als eine Art gigantisches Minimundus der Erfolgsverheissungen dienen kann.

So reisen denn auch in regelmässigen Abständen Delegationen gen Amerika, um zu sehen, zu lernen und eventuell auch zu verstehen, wie das so läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In gleicher Regelmässigkeit vernimmt man nach der Rückkunft ein Stakkato an Absichtserklärungen: Mehr Unternehmergeist! Weniger Bürokratie! Innovative Ideen! Der Zukunft eine Chance! Undsoweiter und sofort.

Nun muss man sich darüber nicht lustig machen. Im Gegenteil. Frischer Wind und ein Quantum Pioniergeist tut dem Beamten- und Pensionistenparadies Österreich ausgesprochen gut. Selbst der paternalistische Staatsapparat hat die Start up-Szene als Hoffnungsträger entdeckt.

Jedenfalls wandern nun peu á peu etliche Millionen jener Summen, die der Finanzminister aus dem Verkauf von Frequenzen lukriert hat und – Stichwort „Breitbandmilliarde“ – in die Digitalisierung des Landes reinvestieren soll, zu Entwicklern. Unter dem Signet AT:net vorrangig für Software-basierte Anwendungen. Also (fast ausschliesslich): Apps. Als leuchtendes Beispiel wird gerne der oberösterreichische Fitness Tracking-Spezialist Runtastic genannt, der im Vorjahr vom Sportartikel-Giganten Adidas übernommen wurde. Für 220 Millionen Euro.

Das moderne Glücksrittertum ist – befeuert vom Zeitgeist, der Medien-Aufmerksamkeit, den MinisteriumsMillionen und einer Handvoll agiler Netzwerker und wagemutiger Investoren (die sich wohltuend von der Müdigkeit der Banken und Börsen absetzen) – mittlerweile auch im Unterhaltungsfernsehen angekommen.

Mit Shows wie „2 Minuten 2 Millionen“ vermitteln Sender wie Puls 4 (ProSiebenSat.1-Gruppe) Venture-Beteiligungen, kaufen sich aber zugleich über teure Werbezeit auch selbst in die hoffungsfrohesten Start-ups ein. Man sollte daher PR-Botschaften wie „Nie zuvor wurde ein Investment in dieser Höhe in einer TV-Show vergeben“ ein bisschen hinterfragen, erst recht aus der Sicht jener Jungspunde, die Gehirnschmalz, Lebenszeit und Selbstausbeutungs-Kapital einschiessen. Oft bis zur frühzeitigen Erschöpfung.

Wenn aber die Grundidee windschief ist, schimmert allseits pures Spekulantentum durch. Die Szene bedarf akkurater Analyse. Hie wie da gilt: Fortsetzung folgt.

Ausgezwitschert?

27. März 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (353) Twitter steht unter Druck, weil es keinen Gewinn macht. Aber muss menschliche Kommunikation zwingend Profit abwerfen?

Illu Twit

Früher gab es Gerüchte, Vermutungen, Analysen und Fingerzeige, Bassena-Tratsch und Kantinen-Klatsch, Schimpfkanonaden, Gossip, Stammtischdebatten, Mundpropaganda, Leserbriefe, Diskussionsforen und und und. Heute gibt es Social Media.

Nicht dass jene traditionellen Formen menschlicher Interaktion verschwunden wären – ganz im Gegenteil, sie sind unkaputtbar –, aber sie stehen nunmehr in Konkurrenz mit den Durchlauferhitzern der digitalen Moderne. Zuvorderst: Facebook und Twitter. Erstere Plattform saugt mittlerweile auch den Ausstoß herkömmlicher Medien in sich auf; letztere, also Twitter, gilt hierzulande als Nachrichtendienst und Spielfläche einer Meute von Insidern, Politikberatern, Werbefuzzis und Journalist/inn/en.

Tatsächlich ist Twitter, das Botschaften an wen auch immer strikt auf 140 Zeichen begrenzt, soetwas wie das digitale Kokain der Kommunikationsbranche. Eine gleichwohl aufreizend anziehende, stimulierende wie süchtigmachende und destruktive Angelegenheit. Den Dienst – er existiert seit ziemlich exakt zehn Jahren – jenseits simpler PR-Botschaften sinnbringend zu nutzen ist ein Balanceakt, der selbst Profis nicht immer gelingt. Die Schlammschlachten, die sich bekannte Namen und Persönlichkeiten auf Twitter, also in ungenierter Offenheit und kaum verhangener Öffentlichkeit, liefern, sind Legende.

Dass Menschen, die ständig zwitschern (also Tweets absetzen), tendenziell einen Vogel haben oder zumindest zu überbordender Selbstdarstellung neigen, ist aber doch ein zu zynisches Fazit. Auf der positiven Seite stehen die Selbstbeschränkung – ausufernde Debatten und elendslange Threads finden sich anderswo –, das Aktivierungs-, Vernetzungs- und Informationspotential eines Echtzeit-Tickers und die übersichtliche, chronologische Gliederung der Welt in Themen (via #Hashtags) und Interessenskreise.

Weil aber Twitter mit seinem klaren, annähernd schlichten Konstruktionsprinzip seit zehn Jahren seinen Aktionären keine grossen Gewinne beschert, gilt es mittlerweile als Sorgenkind. „Nur“ 300 Millionen Nutzer wirken für Business-Analysten im Vergleich zum fünfmal grösseren Facebook wie eine Nische. Forsche Vordenker haben dann immer wieder mal Vorschläge parat: die Aufhebung des 140 Zeichen-Limits, die algorithtmische Gliederung von Wortmeldungen nach Mainstream-Relevanz oder PR-Budgets, die Verknüpfung mit Ton und Bild (folgerichtig wurde z.B. der Echtzeit-Video-Dienst Periscope eingekauft) und so weiter und sofort.

Was aber, wenn Du und ich schlichtweg auf all diese Verschlimmbesserungen pfeifen, pardon: zwitschern? Ratlosigkeit in der Chefetage prolongiert. Als Hashtag dafür schlage ich #twitterror vor.

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