Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Signalstärke

20. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (316) Frage an Radio Eriwan: muss eigentlich wirklich alles in Nullen und Einsen zerlegt werden?

DAB+ Radio

An dieser Stelle ist eine Entschuldigung fällig. Letzte Woche hatte ich die Betreiber des heimischen Rundfunkanbieters KroneHit einer, gelinde gesagt, nicht unumstrittenen Äußerung geziehen. Und zwar, weil sie den plakativen Werbespruch „Wir sind die meisten Digitalradios!“ verwenden – ohne auch nur eine einzige Frequenz beim derzeit laufenden Digitalradio-Feldversuch im Raum Wien zu bespielen.

Eine aufreizende Ansage für alle Mitbewerber, die keine Kosten und Mühen scheuen, Praxiserfahrung zu sammeln und den Äther mit neuen Formaten und Inhalten zu bestücken. Wer immer ein modernes Radiogerät daheim hat, das neben UKW auch DAB+ beherrscht, mag sich selbst ein (Hör-)Bild machen.

Aber, um ehrlich zu sein: ich kann auch die Position des Geschäftsführers und des Programmchefs von KroneHit nachvollziehen. Die hatten mächtig protestiert und mich, auch nicht maulfaul, mit ihrer Meinung konfrontiert, ich wäre mit meinem Medienverständnis „vor einigen Jahrzehnten hängengeblieben“. Denn: auch Web-Channels (Krone-Hit bietet davon ein ganzes Bouquet) wären Digitalradio. Und DAB+, also digitales, terrestrisches Broadcasting im engeren Sinne, hätte Nachteile. Für die Hörerinnen und Hörer, nicht zuletzt aber auch für die Anbieter.

Letztlich werde man sich doch nicht das eigene Geschäft – das vorrangig auf der eng begrenzten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen beruht – kaputtmachen lassen. Was übrigens auch den übermächtigen Leithammel der hiesigen Radiolandschaft, Ö3, bewogen haben dürfte, nicht nachdrücklich für ein eigenes DAB+-Versuchsprogramm („FM21“) zu kämpfen. Der Gesetzgeber erlaubt derlei Sperenzchen ja erst gar nicht. So macht man es sich im Status Quo bequem.

Ist es aber ernsthaft vorstellbar, dass Rundfunk das einzige Massenmedium ist, das nicht dem technischen Imperativ der Digitalisierung gehorcht? Da spricht wohl schon die – wenngleich schneckenlahme – Entwicklung auf internationaler Ebene dagegen. Österreich als einsames Analog-Eiland ist kein realistisches Szenario. Aber DAB+, dessen Zukunft auch noch in den Sternen steht (man denke etwa an das Schicksal des ärgerlich kurzlebigen Digital-TV-Standards DVB-T), muss ja nicht die einzige Alternative zum UKW-Dampfradio sein und bleiben. Denn nicht nur die Zurückhaltung der kommerziellen Radiokapitäne, sondern auch die Skepsis des p.t. Publikums ist hör- und spürbar. „DAB+ ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat“, schrieb mir etwa ein aufmerksamer Leser dieser Kolumne – und ganz unrecht hat er nicht.

Ob die Zukunftsmusik im Jahre 2020 also analog aus dem Autoradio dudelt oder – so oder so – digital aus dem Handy (dem aktuellen Schlachtplatz der Radioszene) oder gar beide Welten nebeneinander existieren, darüber dürfen Wetten abgeschlossen werden. Stay tuned.

Antennen-Los

13. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (315) Wie man laut dröhnend seinen Hörern den Unterschied zwischen Web- und Digitalradio verschweigt.

Ghettoblaster

„Wir sind die meisten Digitalradios!“, dieser Werbespruch des heimischen Privatradioanbieters KroneHit, ist nicht unumstritten. Aber das ist man ja von der Branche gewohnt. Wo einem die „besten Hits der 80er, 90er und von heute“ versprochen werden, geht meist nur die übliche Formatradio-Tristesse on air, „der schnellste Verkehrsservice Österreichs“ ist genauso flott und akkurat (oder auch das Gegenteil davon) wie die Konkurrenz. Und auch honorige Auszeichnungen, wie sie unlängst beim neu gestifteten Radiopreis vergeben wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Superlativ die Normgrösse der Marketingabteilung ist. Und zwar aller Marketingabteilungen.

Was also ist so mißverständlich an der Behauptung von KroneHit? Immerhin bietet der Sender – zusätzlich zu seiner UKW-Frequenz – gleich 18 Internet-Streams an, von „Vollgas“ bis „Balkan“ (die so die jeweiligen Zielgruppen gleich volley ins Visier nehmen). Radio im engeren Sinn ist das nur bedingt, eher schon eine billige, computergenerierte Musiksoße auf Endlosschleife. Wem’s gefällt… Natürlich trachtet der strikt kommerzielle Rundfunkanbieter mit diesem Schmäh, möglichst viele Hörer/innen bei der Stange zu halten und bei den halbjährlichen Radiotests zur Nennung des richtigen Sendernamens zu bewegen. Nur so bleibt der Anteil am Werbekuchen üppig genug, um unbesorgt in die Zukunft zu marschieren.

Was ja real nicht passiert. Im Gegenteil. Denn terrestrisches (!) Digitalradio macht KroneHit nicht, sondern Internet-Radio. Ersteres können Sie seit ein paar Tagen im Großraum Wien empfangen, wenn Sie ein Gerät daheim oder im Auto haben, das den Standard DAB+ beherrscht. Feldversuch, Baby! Da aber sind KroneHit und andere wesentliche Player der Privatradio-Szene nicht dabei. Und, hoppla!, auch der ORF glänzt durch Abwesenheit. Dafür gibt’s – neben etablierten Marken wie NRJ, Arabella oder lounge.fm – plötzlich den Autofahrerclub ARBÖ live on air. Und einige obskure Nischenfüller mehr.

Technisch ist das ja alles kein Mirakulum, praktisch scheuen Ö3 & Co. eine digitale Angebotserweiterung. Der Grund dahinter: die schlagartige Neuordnung des Marktes beim Umstieg von analogem UKW-Radio auf den gültigen terrestrischen Digitalstandard DAB+ (von der Behörde für 2018 in Aussicht gestellt).

Also kratzt man alles an müden Argumenten und Ausreden zusammen, um sich ja nicht zu früh auch nur einen Millimeter bewegen zu müssen. Der Ton macht die Begleitmusik: der gern verwendete Fingerzeig, Millionen UKW-Empfänger würden im Fall des Falles schlagartig Elektroschrott, ist zwar einigermassen stichhaltig – aber seltsamerweise hat das beim Analog/Digital-Umstieg der Fernsehsender auch niemanden gekratzt.

Chinesische Verhältnisse

23. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (312) Chinas „Social Credit System“ ist eine Steilvorlage für heimische Rechtspolitiker und Repressions-Strategen.

Netz

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, dann steht dies sprichwörtlich für ein vollkommen nebensächliches, offensiv negierbares Faktum. Das Land gilt auch im 21. Jahrhundert immer noch als ferner, fremder politischer Exot. Absurderweise. Denn China ist uns näher, als wir glauben. Und es ist mehr als ein Sack Reis, der aktuell auf der Kippe steht. Schlagen Sie einmal – in Google oder sonstwo – das Stichwort „Social Credit System“ nach.

Viel werden Sie nicht finden. Und das ist ja das Erstaunliche an unserer angeblich so überinformierten Zeit und Gesellschaft: die wesentlichen Weichenstellungen gehen im Alltagsgetöse unter. Womit wir wieder in China gelandet wären. Nicht weniger als die „Schöpfung eines neuen Bürgers“ hat sich die dortige Nomenklatura (offiziell: die Kommunistische Partei) auf die Fahnen geschrieben. Bis 2020 soll jeder der 1,3 Milliarden Staatsbürger in einem elektronischen Raster erfasst sein, das sein Sozialverhalten aufzeichnet. Und bewertet. Per Punktesystem.

Im Visier hat man das Konsumverhalten jedes Indiviuums, die Finanzsituation, das Wohlverhalten z.B. im Strassenverkehr oder auch online. Ein falscher Kommentar im Internet – und schon hat man einen Schlechtpunkt eingetragen. Erinnert an graue Schulvorzeiten, nicht? Perspektivisch kommt einem passende Schullektüre in den Sinn: George Orwells „1984“. Kaum verwunderlich: das „Social Credit System“, an dem hochrangige Mitarbeiter aller Ministerien im Auftrag des Staatsrates seit dem Vorjahr intensiv herumstricken, soll die Stabilität der politischen Verhältnisse in China garantieren. Sprich: das Machtmonopol der Partei.

Schon heute zählt die chinesische Bevölkerung zu den bestüberwachten dieses Planeten. Politische Gängelung, Zensur und Internet-Blockaden sind Alltag. Die Forderung nach „Aufrichtigkeit“ und „Transparenz“, die offiziell als Leitlinie dem Big Data-Raster beigegeben wurde, mündet in der Praxis in Repression. “Es wimmelt an Hinweisen darauf, dass der Social Credit-Punktestand als Basis für eine Anstellung oder eine Beförderung verwendet wird”, so der Sinologe Rogier Creemers von der Universität Oxford. Er war und ist einer der wenigen, die auf die Implikationen der neuen Digital-Staatsdoktrin hinweisen. Was Wohlverhalten ist und was nicht, bestimmt das allwissende Ministerium: Willkommen in der Matrix!

Derlei sei in Österreich nicht denkbar, sagen Sie? Dann empfehle ich u.a. die Lektüre des Entwurfs zum neuen „Polizeilichen Staatsschutzgesetz“. China liegt doch nicht allzu fern.

Wegweiser

9. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (310) Vielleicht kann man Elektroautos ja mit Strom betreiben, der aus hitzigen Diskussionen gespeist wird?

Tesla Elon Musk

Fortsetzungen vor- und vorvorwöchiger Kolumnen sind oft die einzige Möglichkeit, den begrenzten Raum hier zu sprengen. Dieser Trick ist aus gutem Grund aber unbeliebt. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und an die „Presse am Sonntag“ mit Erscheinungsdatum Anfang Mai und ihre bunten Themenpracht erinnert sich kaum jemand mehr – es sei denn, es gab (und gibt) Stoff für ausufernde Diskussionen und emotionale Aufladung.

Derlei scheint mir letzte Woche geglückt zu sein. Unfreiwillig. Denn ich hatte keine weltumspannende Debatte über die Vor- und Nachteile der elektrifizierten Fortbewegung im Sinn, als ich meiner Begeisterung für Tesla Ausdruck verlieh. Der p.t. Leserschaft ist das natürlich egal. Zurecht. Die Reaktionen schwankten zwischen begeisterter Zustimmung und wütender Ablehnung meines Postulats, es handle sich beim Tesla Model S schlichtweg um das faszinierendste derzeit käuflich erwerbbare Auto. Kalt scheint das Thema Zukunftsmobilität jedenfalls kaum jemanden zu lassen – ausser dogmatische Anhänger der Fahrrad-Religion, die sich aber erst recht in jede Diskussion einmischen. Ebenfalls vollkommen zurecht.

Bietet das E-Mobil eine reelle, ja nachgerade elegante Möglichkeit, dem nahenden Ende der Ära der fossilen Brennstoffe im Rückspiegel eine lange Nase zu zeigen? Die Antwort lautet: ich habe nicht die leiseste Ahnung. Auch die Fachleute legen sich (noch) nicht wirklich fest. Jede Wette übrigens, dass in diesem Kontext der aktuelle Theaterdonner in der Chefetage des Volkswagen-Konzerns mit einem Richtungsentscheid zu tun hat… Denn der Umstieg auf neue Konzepte wird, so radikal er in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erfolgen muss, zwangsläufig eine Denkschule favorisieren.

Und hier hat – so sehr einzelne Bausteine einer grösseren Vision begeistern mögen (Teslas Elon Musk z.B. versucht gerade, Haushalte mit kühlschankgrossen Batterien in autarke Energiezellen zu verwandeln und damit der Atomlobby den Strom abzudrehen) – der Konsument das letzte Wort. Was aber, wenn der den Toyota Mirai, der mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle fährt, attraktiver findet als den kommenden Tesla-SUV oder das Billigsberger-Modell 3 aus gleichem Haus? Jedenfalls wird die Sache konkreter und konkreter. Und damit angreifbarer, in jedem Sinn des Wortes.

Auch der beste Motor-Journalist des Landes, David Staretz, reibt sich immer wieder an diesem Themenkomplex. So richtig schlau werde ich aus seiner philosophischen Ambivalenz nicht. Aber es macht demütig (und reichlich Spaß), ihm beim Nachdenken zu folgen. Bis auf weiteres in Medien, die noch immer nach Druckerschwärze und Benzin duften *). Aber sicher nicht bis in alle Ewigkeit.

*) Die Autorevue-Jubiläumsnummer (No. 1/2015, “50 Jahre Autorevue”) ist gemeinsam mit dem aktuellen Premium-Sonderheft (“Supertest 2014”) noch am Kiosk erhältlich. Zum Sonderpreis. Empfehlung!

Langstreckentest

1. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (309) Machen Sie selbst den Test: mieten Sie mal einen Tesla. Er wird Sie mit Garantie elektrisieren.

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Kaum eine Automarke wird in dieser Kolumne häufiger genannt als Tesla. Das steht in einem reziproken Verhältnis zur hiesigen Kfz-Verkaufsstatistik, hat aber gute Gründe: das Unternehmen rund um den US-Visionär Elon Musk ist ein Vorreiter der Elektro-Mobilität.

Zunächst mit einem elitären Roadster, nunmehr mit einer halbwegs leistbaren Limousine – dem auch nicht gerade unsportlichen Model S – hat man eine konsequente Philosophie entwickelt. Und erstaunliche Erfolge erzielt. Also: eine dezidierte Zukunftsperspektive. Naturgemäß stand ein Tesla schon länger auf der Test-Wunschliste.

Man nimmt dafür gerne in Kauf, mit dem auffälligen Kennzeichen W Blitz 8 unterwegs zu sein. Immerhin: Blitz 6 haben mir die freundlichen Herren des Leihgebers blitzzcar.com (Motto: „Wir sind Dein Auto“) erspart. Aber auch so darf man sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen, wenn man mit dem elegant gestylten Mobil durch Graz kurvt.

Das hatte ich mir vorgenommen: die Langstreckentauglichkeit eines Tesla zu prüfen. Skepsis ist ja der ständige Beifahrer des Konsumenten. Nun: die Hinfahrt über die Südautobahn verlief bestens. Es galt nur, mittels Tempomat strikt im Rahmen der gesetzlich erlaubten Geschwindigkeiten zu bleiben – das Drehmoment des Elektromotors (das Gefährt beschleunigt in 5,4 Sekunden von Null auf Hundert km/h) bei gleichzeitigem Flüster-Geräuschpegel verführt zu höheren Tempi. Die Straßenlage – man sitzt ja auf rund 8000 gewichtigen Lithium-Ionen-Akkuzellen – dito.

Wenn man mit 80 Prozent Ladung in Wien losfährt, liegt Graz locker in der Reichweite von über vierhundert Kilometern. Die Rückfahrt bedarf dann allerdings sorgfältiger Planung. Denn in der zweitgrößten Stadt der Republik gibt es bis dato keinen „Supercharger“, der das Fahrzeug rapide mit bis zu 120 kW Gleichstrom auflädt. Und das gratis. „In Bau“ vermerkt das bordinterne Internet. Stattdessen muss man sich bei Autobahnstationen oder auf Merkur-Parkplätzen stundenlang mit weit langsameren Zapfsäulen herumschlagen. Bei manchen lächeln einem schwachstromhungrige E-Biker und staunende Passanten verhalten zu.

Aber es wäre degoudant, zu klagen. Es gibt, wage ich zu behaupten, derzeit kein faszinierenderes käuflich erwerbbares Auto auf diesem Planeten. “Auto” ist vielleicht zu kurzgegriffen: es ist ein Mobilitäts- & Energiekonzept. Eigentlich ist der Tesla ja ein Computer auf Rädern. Mit dem nächsten Software-Update, flüsterte man mir leise zu, könne das Ding mich auch ohne mein Zutun kutschieren. Wenn es denn der Gesetzgeber erlaubt.

Maschinen-Raum & Zeit

25. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (308) Es gibt Maschinen, die unseren Verstand übersteigen. Eine davon kreist seit 25 Jahren über unseren Köpfen.

Hubble Teleskop

Was ist die bislang mächtigste von Menschenhand erbaute Maschine? Gute Frage. Kommt wohl darauf an, was man als „mächtig“ bezeichnet und was präzise unter einer Maschine zu verstehen ist. Denn streng genommen ist das Ding, das ich heute in den Fokus der Betrachtungen rücken möchte, eher ein wissenschaftliches Instrument – wiewohl es als Gerät, das durch ein Antriebssystem bewegte mechanische Teile enthält, auch der Definition einer Maschine entspricht.

Mit 13,1 Meter Länge, einem Durchmesser von 4,4 Metern, einer Masse von elfeinhalb Tonnen und dem Aussehen einer leicht verschrammten Blechbüchse ist das Hubble Weltraumteleskop für die „Generation Transformers“ wohl auf den ersten Blick nicht übermässig beeindruckend. Dabei ermöglicht es, ziemlich exakt seit einem Vierteljahrhundert in 560 Kilometern Höhe über unseren Köpfen kreisend, Erkenntnisse, die unseren Verstand überschreiten. Wohlgemerkt: unseren – nicht den von Stephen Hawking und jener Handvoll von Wissenschaftlern rund um den Erdball, die sich der systematischen Erforschung von Raum und Zeit verschrieben haben.

Erdacht wurde ein extraterrestrisches Fernrohr, das nicht durch den Schleier der Erdatmosphäre behindert wird, schon Jahrzehnte, bevor man die nach dem Astronomen Edwin Hubble benannte Vorrichtung via Space Shuttle ins All transportierte. Das Resultat übertraf – trotz mannigfaltiger Konstruktionsfehler und Widrigkeiten, die mit fünf komplizierten Service-Missionen bereinigt werden mussten – alle Erwartungen. Prächtige Bilder unbekannter Galaxien, erdähnlicher Exoplaneten, sterbender Sterne, riesiger Schwarzer Löcher und verbogener Neptun- und Pluto-Monde erzeugten auch bei Laien offenes Staunen.

Letztere mögen nur für Vollständigkeitsfanatiker im Sternkatalog-Club von Belang sein, die Erkenntnis aber, dass das All durch bislang unerforschte Kräfte seine Expansion immerzu beschleunigt, lässt auch die Wissenschaft an ihre Grenzen stossen. Letztlich ist Hubble eine Zeitmaschine, die uns Milliarden Jahre zurück in den Urgrund des Universums blicken lässt.

Dennoch sind die Tage von Hubble gezählt. Was wird uns erst der weit mächtigere Nachfolger, das bereits in Bau befindliche James Webb Space Telescope, erschauen lassen? Sofern der Himmelskörper, um den sich aus unserem weithin nichtsahnend-eitlen Blickwinkel alles dreht, dann überhaupt noch von der Spezies Mensch bevölkert ist.

David versus Goliath

12. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (306) Facebook scheint unangreifbar. Und nutzt jeden juristischen Trick, um sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen.

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David gegen Goliath? Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Zumindest in der Bibel. Seither sind einige Jahrtausende vergangen, aber auch in der komplexen Welt von heute hat das Gleichnis vom beherzten Einzelkämpfer, der einen Koloss ins Wanken bringt, nicht an Signalwirkung verloren.

Auftritt: Max Schrems. Seit Donnerstag steht der junge Salzburger Jurist im Saal 8 des Landesgerichts für Zivilrechtssachen in Wien, um die bislang grösste europäische Datenschutz-Sammelklage (“Europe versus Facebook”) zu verhandeln. Der Gegner scheint übermächtig. Seine Anwälte meinen gleich zum Auftakt, das wäre der falsche Ort für ein Gerichtsverfahren, der Kläger eigentlich kein Facebook-User, sondern quasi nur ein geschäftstüchtiger Querulant und die Sache überhaupt ein schlechter Witz.

Nun: es ist immer wieder bestürzend zu erleben, wie die Erörterung einer „res publica“ – einer öffentliche Angelegenheit, die die Gesellschaft generell betrifft – mittels juristischer und bürokratischer Spitzfindigkeiten hintangehalten wird. Egal, ob es sich um den Untersuchungsausschuss zur Hypo Alpe Adria oder die Geschäftsprinzipien und -Praktiken eines Konzerns wie Facebook handelt. Insofern sollten wir Max Schrems dankbar sein, dass er sich das – stellvertretend für viele Datenschutz-Aktivisten weltweit – antut. Hier ist nicht der Platz, ins Detail zu gehen, aber: es geht um einiges. Grundsätzliches. Heikles. Zukunftsweisendes.

Ich frag’ mich ja seit Jahr und Tag: warum kopiert man das Faszinosum Facebook, sprich: seine kommunikative Funktionalität, nicht ungeniert und möglichst weitgehend? Und schafft ein, zwei, viele neue soziale Netzwerke – reduziert um ihre schlimmsten kommerziellen Widrigkeiten, mit expliziter Betonung der gesellschaftlichen Gesamtverantwortung? Also quasi ein öffentlich-rechtliches Modell, das natürlich auch Geld verdienen darf und soll. Aber bei dem Profit letztlich nicht die einzige Maxime ist.

Man komme mir jetzt nicht mit Hinweisen auf das de-fakto-Monopol und die weltumspannende Rolle von Facebook: der Grossteil unserer Unterhaltungen läuft unter persönlichen Freunden, bezieht sich auf einen Umkreis von ein paar hundert Kilometern und könnte auch in einer Bassena stattfinden. Und manche Länder haben längst eigene Klone (mit eigenen Spielregeln, die oft genug auch höchst fragwürdig sind) aufgesetzt: in China heissen sie Renren („Jeder“), Kaixin001 oder 51.com, in Russland Vkontakte. Natürlich gibt es auch Entsprechungen für Twitter, Business-Networks und Dating-Plattformen.

Das wäre doch auch mal eine interessante Ausgangsposition vor Gericht: wie weit reicht hier das Urheberrecht? Und worauf bezieht es sich: auf Programmcodes, gestalterische Details oder – man denke an den Versuch, sich Farben oder Genstrukturen patentieren zu lassen – auf grundlegende Muster und Gesetzmässigkeiten menschlicher Interaktion? Die Causa „Planet Earth versus Facebook“ könnte noch spannend werden. Einstweilen warten wir ab, wie sich der wackere Max Schrems schlägt. Und halten ihm alle Daumen.

Heimvorteil

5. April 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (305) “Made in Austria“ ist kaum mehr etwas in der HiFi-Welt. AKG hält die Tradition hoch – mit Ausnahmeprodukten wie dem Kopfhörer K812.

AKG K 812

Manchmal ist Technik stark mit Erinnerung verbunden. Mit bestimmten Orten, Bildern, Logos, ja sogar Gerüchen.

In diesem Fall ist es eine ehemalige Produktionsstätte der „Akustische und Kino-Geräte Gesellschaft m.b.H.“ in der Brunhildengasse in Wien-Fünfhaus – einer Gegend, in der ich meine Pubertät durchlebte. Die Firma AKG (die Abkürzung erklärt sich damit von selbst) genoss jedenfalls schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen legendären Ruf, der den beschaulichen Bezirk mit dem internationalen Rock’n’Roll-Business in Beziehung brachte. Und damit auch einen jugendlichen Musikfan wie mich elektrisierte.

1947 von Dr. Rudolf Goerike und Ing. Ernst Pless mit nur fünf Mitarbeitern gegründet, erwarb sich AKG rasch Weltruf in der Audio- und Video-Branche. Projektoren, Lautsprecher und Mikrofone kamen in Kinos, Veranstaltungssälen und Musikclubs zum Einsatz, ab 1949 baute man auch Kopfhörer. Herbert von Karajan verwendete AKG-Equipment ebenso wie die Beatles, Rolling Stones, ABBA, Stevie Wonder oder Falco. Zunächst war Philips internationaler Partner, heute gehört das Unternehmen zur amerikanischen Harman-Gruppe, die einige berühmte HiFi-Traditionsmarken unter ihren Fittichen hat. Der Kaufpreis anno 1993: ein symbolischer Schilling – man war zuvor durch eine aggressive Expansionspolitik ins Trudeln geraten.

Trotzdem gibt es noch AKG-Geräte, die nicht in den USA oder China hergestellt werden. Zuvorderst solche der Profi-Abteilung. So ist man in Wien derzeit besonders stolz auf das Kopfhörer-Modell K812, das als „Superior Reference Headphones“ beworben wird. Und womit? Mit Recht. Ich habe selten ein Audio-Produkt getestet, das einen so exzellenten, natürlichen Klangeindruck hinterließ. Zwar kostet das gute Stück einiges – nämlich mehr als eineinhalb Tausender (diesmal freilich Euro) –, aber in der Profiliga ist präzises Hören ein Imperativ.

Es sei das „kompromissloseste Model der Firmengeschichte“, sagt der Begleitzettel. Nun: in der Form lehnt sich der K812 an frühere Klassiker wie den K240 an. Kann da ein Mittelklasse-Kopfhörer wie mein geliebter Bose Qietcomfort oder der neue Sennheiser Momentum Wireless mithalten? Gute Frage. Nächste Frage. Denn der Profi weiss: wenn man mal auf ein bestimmtes Klangbild eingeschworen ist (das im Idealfall absoluter Neutralität nahekommt), hat man seine persönliche Referenz definiert. Hier ist sie – wohlan! – „Made in Austria“.

Im Vorwärtsgang in die Vergangenheit

22. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (304) Manche Konzepte erleben – zurecht – einen zweiten Frühling. Hier kommt der Lohner-Roller!

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„Mobilität beginnt im eigenen Kopf“. Diesen Leitsatz hat Andreas Lohner geradewegs verinnerlicht. Denn der gelernte IT-Mann traut sich dieser Tage mit einem Projekt an die Öffentlichkeit, das einerseits in der Familientradition begründet ist, andererseits ein Experiment verkörpert, für das er, so Lohner, „überhaupt keine Voraussetzungen hatte. Es waren wohl meine Vorfahren, die mich animiert haben, etwas Zukunftsorientiertes zu bauen.“

Schnitt. Spulen wir im Schnelldurchlauf knapp zweihundert Jahre zurück. Lohners Urahn Heinrich floh anno 1821 vor Napoleons Truppen aus dem Elsass nach Wien. Der Wagnermeister stieg zügig zum grössten Kutschenbauer der K&K-Republik auf. 1899 baute man mit dem Lohner-Porsche das erste Elektroauto der Welt, das Unternehmen fabrizierte aber auch Flugzeugpropeller, O-Busse und Straßenbahnen. Nach dem zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich auf leistbare Kleinfahrzeuge – etwa die Lohner Sissy, das erste zweisitzige Moped, oder den legendären Roller L125. Mit seiner gedrungenen Bauform prägte er das Bild der Nachkriegsstadt. 1970 schlossen die Lohner-Werke dennoch die Fabrikstore.

Bis Andreas Lohner nach vierzigjähriger Pause den Faden wieder aufnahm. Man kann den Stolz förmlich greifen, wenn er seine Geisteskinder in den Ausstellungsraum schiebt: den „Stroler“, ein retrofuturistisches Hybrid aus Fahrrad und Elektromoped. Und die „Lea“, einen optisch stark an das Modell L125 angelehnten „Urban Cruiser“. Ein erfrischender Anblick, erst recht, wenn man die historische Vorlage noch dunkel in Erinnerung hat.

Aber braucht die Welt noch weitere Elektrofahrzeuge? Das wird der Markt entscheiden. Die Leistungsdaten lesen sich gut, das Design ist ein deutlicher Distinktionsfaktor, es stecken fünf Jahre Entwicklungsarbeit drin. Jetzt gilt es mit Schwung loszutuckern (pardon: loszusurren)!

Was die Welt jedenfalls braucht, sind Leute wie Andreas Lohner. Man mag es für lachhaft halten, wenn ein ehemaliges Riesen-Unternehmen nun als Daniel Düsentrieb-Bastelbude wieder ersteht. Und der Markenname Lohner so einen zweiten Frühling erleben soll. Aber es ist genau dieser Geist, der auch ganz am Anfang stand: höchstpersönliche Mobilität, begründet durch eine sachliche Analyse der Lage, verbunden mit dem Mut zum Aufbruch. Die Werbetexter mussten nur die Firmengeschichte nacherzählen.

Gewöhnungseffekt

15. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (303) Wir gewöhnen uns langsam, aber sicher an eine Zukunft, die nur in der Gegenwart harmlos wirkt.

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Ich fürchte, man kann es nicht mehr hören. Und will es nicht mehr lesen. Oder die Sachlage gar ernsthaft diskutieren. Fast täglich trudeln Hinweise, Belegstücke, ja glasklare Beweise dafür ein, dass wir pauschal verdächtigt, abgehört und bespitzelt werden. Vollkommen ungerührt, ungeniert und ungeachtet der hiesigen Gesetzeslage.

So tauchte diese Woche ein Dokument auf, das ein besonderes Interesse des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Kunden des österreichischen Internet-Providers UPC – Domain: chello.at – belegt. Der Datenverkehr von Nutzern dieses Anbieters wird mit einem Spionageprogramm namens „Upstream“ direkt von den Knotenpunkten der Glasfaserkabeln abgesaugt. UPC selbst weiss davon offiziell nichts, verwahrt sich aber – zumindest verbal – gegen diesen Angriff auf die unternehmerische Integrität und Reputation. „Wir setzen“, so ein Statement aus der Firmenzentrale, „ständig alle erforderlichen Schritte, um unser Netzwerk zu sichern“.

Letztendlich ist man aber macht- und hilflos. So macht- und hilflos wie unsere Volksvertreter. Die Politik – wenn man noch an das Primat der Demokratie und damit einer gewählten, verantwortungsbewussten Repräsentanz der Bevölkerung durch Politiker/innen glaubt – scheint entweder komplett die Augen zu verschliessen. Längst resigniert zu haben. Oder gar von der Wühlarbeit der US-Schattenkrieger zu profitieren.

Gewöhnung, Abstumpfung und kollektive Verdrängung greifen perfekt. Die Bürger dieses Landes, weithin desinteressiert an komplexen Themen der Digitalsphäre, scheinen sich mehr und mehr mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das alles ganz normal und alltäglich ist. Die üblichen Verdächtigen – Datenschützer, Oppositionspolitiker und Verschwörungstheoretiker – nörgeln rum, Juristen und Staatsanwälte schweigen beredet, der Journalismus übt sich in der Folklore des Abwägens und Abwiegelns (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und alles läuft stillschweigend weiter wie gehabt. Wie werde ich meiner Enkeltochter einst erklären, dass wir uns alle so verhalten haben und nicht anders?

Denn es ist absehbar, wohin dieser Gleichschritt der Ignoranz führt: direkt in den Abgrund. Ach, Sie meinen, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“? Ich bitte dringend darum, nachzuforschen, wem dieser Satz zugeschrieben wird. Unter uns: diese Recherche – etwa via Google – macht Sie gleich extra verdächtig.

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