Archive for the 'FALTER' Category

Hip Pop Porno Flop?

23. August 2011

Da schau‘ her! : der ORF entdeckt die Populärmusik. Aber ist Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein ultrazynisches – oder, schlimmer, gar „gutgemeintes“ – Ablenkungsmanöver?

„My role model doin 35 years, boy
He wrote me and told me stayin real bring joy
Wit’out the blockstars, where would the hood be?
I don’t believe half of that shit I see on TV…“

(„Blockstars“, DJ Kay Slay feat. Busta Rhymes u.a.)

Es ist fast eineinhalb Jahre her, da kam irgendjemand in den höheren Etagen des baufälligen Betonbunkers am Küniglberg auf die Idee, ein wenig Pop-Kultur zu versprühen. Im Hauptabendprogramm, sieh’ einer an! Einer Zone also, die sonst nur absolutem Nummer Sicher-Quoten-Content vorbehalten ist. Ausser der ORF will uns etwas sagen. Etwa, wie aufgeschlossen, innovativ, staatstragend, kulturbeflissen oder strikt öffentlich-rechtlich er sein kann. Am besten, alles auf einmal. Was uns der ORF aber am 21. Mai 2010 sagen wollte, erschloss sich niemandem. Schon gar nicht dem Zielpublikum.

Die Sendung zur besten Sendezeit geriet nämlich zu einem veritablen Flop. Nein, eher: einem absoluten Desaster. Kaum jemand wollte die Übertragung der „Night Of Pop“ vom Freizeitzentrum Schwarzlsee in der Steiermark sehen. Trotz intensiver Bewerbung durch die „Krone“. Trotz Mirjam Weichselbraun und Benny Hörtnagl in der Moderatorenkabine. Trotz dreizehn Kameras (darunter eine auf einem 62 Meter hohen Kran), fünf Kilometern Kabel und Star-Hausregisseur Kurt Pongratz. Und trotz eines „einzigartig“ eigenartigen Massenauflaufs an nationalen und internationalen Superstars: von No Angels, Scooter und Christina Stürmer bis Opus, Papermoon und Wolfgang Ambros. Nicht zu vergessen „Ö3-Soundcheck“-Sieger Norbert Schneider (heute von seiner Plattenfirma und Ö3 längst wieder vergessen), Aura Dione (dito) und – Sido. Der Maskenmann. Die HipHop-Ikone. Der deutsche Rapper, der seit 2003 mit neumodernen Schlagern wie dem „Arschficksong“, „Mein Block“ oder „Hey Du“ für heftiges Rappeln in den Kinderzimmern und Elternversammlungen zwischen Berlin, Zürich und Wien gesorgt hatte.

Der 21. Mai 2010 muss wohl auch jener Tag gewesen sein, an dem Paul Hartmut Würdig – so lautet der bürgerliche Name von Sido – erkannte, dass der ORF nicht als Kompetenzzentrum für Populärkultur in die Geschichte eingehen wird. Um es höflich zu formulieren. Auf diese „einzigartig“ (der Lieblings-Superlativ der ORF-Pressestelle) kurios-krude und gänzlich konzeptlose Mischung divergentester Künstler am Schwarzlsee musste ja irgendein Redakteur gekommen sein. Und, schlimmer, kein übergeordneter Abteilungsleiter, Controller und keine Schlaumeierin der Kultur-, Unterhaltungs- oder gar der (damals noch existenten) Entwicklungsredaktion hatte das programmierte „Oberliga“-Fiasko verhindert. Leider. Denn die einmalige televisionäre „Risikofreudigkeit“ des ORF – sonst scheint der Sender in punkto Musik nur die Spastelruther Katzen, Rainhard Fendrich und Anna Netrebko zu kennen – zeitigte fatale Folgen. Nämlich eine nochmals deutlich gesteigerte Unlust, sich programmatisch auf Pop im weitesten Sinn einzulassen. Neben „Und jährlich grüsst das Murmeltier“-Formaten wie „Starmania“, „Dancing Stars“ und ab & an einer „Weltberühmt in Österreich“-Rudi Dolezal-Fliessband-Doku kam da nichts mehr. Seit vielen, vielen Jahren. Selbst im neuen, noch nicht mal gestarteten Informations- & Kultur-Kanal ORF III kennt man nur Anna Netrebko (und, sorry, natürlich auch Erwin Prölls Lieblingspianisten Rudolf Buchbinder). „Helden von morgen?“ Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht einmal an den Namen der Gewinnerin der Casting-Sause erinnern.

Aber an den eigentlichen Gewinner: Sido. Denn der rettete, eventuell im Zusammenspiel mit einem denkwürdigen Kurzauftritt von Marilyn Manson (einem der seltenen wirklichen Einfälle der Küniglberg-Konzeptschmiede), diese letzte Pop-Grosstat des ORF vor dem Absturz in die totale Belanglosigkeit. Und soll das jetzt auch als Juror bei „Die grosse Chance“ machen. Sido-Festspiele! Warum es ein HipHop-Millionär aber notwendig hat, für gescriptete Provokation am Provinz-Laufband zu sorgen, erklärt sich damit nicht. Ist’s die leichte Flaute am Heimmarkt? Das Desinteresse deutscher Sender an Sidos Ideen? Die Gage? Der Wiener Schmäh? Oder gar eine geschickt eingefädelte Kollaboration, die den langhin ratlosen Schwarzlsee-Geschädigten Street Credibility, Erregungspotenial und Zeitgeist verspricht, Sido, seinem Management und seiner Plattenfirma im Gegenzug Präsenz, Marketingpower und Aufgeschlossenheit für die Phalanx an zukünftigen Ösi-Substrat-Sidos?

Wer Augen und Ohren hat, hat ja die Botschaft längst vernommen: der Mann hat noch mehr im Köcher. Sido „macht Band“ und startet ab Dezember gemeinsam mit der grössten Medienorgel des Landes die Doku-Soap „Blockstars“. Doku-Soaps sind per se das Grauen. Und natürlich Privat-TV (hat da nicht erst unlängst Wolfgang Lorenz ein paar böse Worte drüber verloren?) in reinster Form. Die Presseeinladung zum Programmvorhaben versammelte folgerichtig „alles, was aktuell falsch läuft“, wie ein Journalisten-Kollege umgehend auf Facebook vermerkte. Denn Sido sucht nicht irgendwelche Dämlacks, die sich in gewohnt kreuzbraver Manier verführen, vermarkten und verarschen lassen. Diesmal sollen die Kandidaten „Problemfälle“ sein, allesamt „aus schwierigen Verhältnissen“ kommen, „Mist gebaut und planlos herumgehangen“ haben und/oder sonstwie „in Schwierigkeiten stecken“. Sido nimmt diese traurige Truppe dann an die Kandare und entwickelt ihre „Skills“. Und lässt die Trainees als „Modern Hip Pop-Crew“ in die Medienarena einlaufen. „Denn wer mit und für Sido Musik macht, muss gut sein.“ (Alle Zitate: ORF). Allein den prägnanten Sendungstitel „Beweg’ Dein’ Oasch“ hat man dem nassforschen Mentaltrainer nicht abgekauft. Dafür garantiert ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm die strikte Beachtung der einschlägigen Gesetzgebung. Nein, wirklich?

Ich bin ja durchaus neugierig darauf. Etwa, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser & Sony-Kollege Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Wird spannend. Eventuell auch amüsant. Aber eher nur für Insider. Der Rest vom Fest ergötzt sich absehbar an der Exotik dieses Seifen-Realitäts-Schrapnells im betulichen Programmumfeld. Und am zu vermutenden und (wohl nicht nur meinerseits auch tatsächlich vermuteten) Sozialporno.

Ob letzterer wirklich abläuft, wird am Fingerspitzengefühl des gelernten Pädagogen Paul Hartmut Würdig liegen. Seinem Mut. Und seiner Exekutivkraft. Vielleicht schafft Sido ja die Gratwanderung. Wahrscheinlich ist es nicht. Ich wünsche ihm (und uns) in jedem Fall dringend, dass er die alte Tante ORF nicht mit RTL, RTL II, ATV oder MTV verwechselt. Oder wird exakt das – die personifizierte Ausrede hat man ja zur Hand – klammheimlich erhofft am Küniglberg?

Denn Zuschauerzahlen, die über die HipHop-Community deutlich hinauswachsen, sind zweifellos erwünscht. Ein nachhaltiges kulturelles Vorhaben hat man mit „Blockstars“ wohl kaum im Sinn. All den genannten Acts hätte man sonst in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und ihre eigene Karriere. Eventuell auch noch den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Ausnahmen (wie etwa Servus TV) bestätigen die Regel. Aber es bleibt abzuwarten, ob Didi Mateschitz nicht auch irgendwann mal die blau-rote Spendierdose aus der Hand fällt. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet.

Ich fürchte, „Blockstars“ wird daran mit all seiner wohlkalkulierten Roughness, „Realitätsnähe“ und „Radikalität“ nichts ändern. Sondern nur die fatalistische Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit Pop wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen. Nicht mal mit Modern Hip Porno Pop.

Advertisements

Internet Killed The Video Star

13. Oktober 2010

MTV war die Leuchtboje der globalen Pop-Industrie. Anno 2011 wird sie zu einem schnöden Pay-TV-Kanal, der von einem Großteil der Zielgruppe nicht mehr empfangen werden kann. Auch egal, oder?

Schon ein eigenartiges Gefühl: ein Medium, das man einst enthusiastisch begrüsst hat, zu Grabe tragen zu müssen. Beides ist, unter uns, natürlich überzogen. Aber ich erinnere mich noch gut daran, im Nachrichtenmagazin „profil“ mit einem Artikel den fünften Geburtstag von MTV Europe abgefeiert zu haben (damals war übrigens noch keine Rede von einem deutschsprachigen Ableger des Senders). Heute, knapp achtzehn Jahre später, darf ich hierorts ein paar Worte zum Verschwinden von „Music Television“ aus dem frei zugänglichen TV-Angebot verlieren. Und, nein, es ist keine rührselige Abschiedsrede. Eher ein kurzes, knappes Goodbye.

Die Sache ist nämlich die: MTV hat seine eigene Idee verraten. Und schließlich (fast) ganz vergessen. Rückblende: „Video Killed The Radio Star“ hiess der Song der Gruppe The Buggles, der am 1. August 1981 als erster auf Sendung ging – und das raffinierte Konzept des neuen Senders auf den Punkt brachte: Radio mit Bildern. Es war die Idee von Robert W. Pittman. Wie wäre es, erläuterte das damals gerade erst 25 Jahre alte „Whiz Kid“ einer Runde von Direktoren und Managern, Fernsehen so zu gestalten wie eine Top 40-Station. Als Medium, in das man sich jederzeit einschalten kann. Ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Pittman, der sich selbst stolz als „Kind der ersten Fernsehgeneration“ bezeichnete, „das voll und ganz damit aufgewachsen ist“, hatte für seine Utopie auch gleich den passenden Begriff parat: non-lineares TV, Fernsehen ohne Programmanfang und -Ende. Und er verwies auf billige, in der Mehrzahl sogar kostenlose Munition für das geplante elektronische Dauerfeuer: die Kunst- und Kommerzform der Videoclips, drei- bis fünfminütiger, rasant geschnittener Visualisierungen aktueller Pop- und Rocksongs, die Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen steckte. Bob Pittmans euphorischem Plädoyer für das „Fernsehen der Zukunft“ folgte ein positiver Bescheid des Management-Boards des Multimediakonzerns Warner und der expansionsfreudigen Kreditkartengesellschaft American Express – sowie ein Startkapital von 20 Millionen Dollar.

Die Rechnung sollte aufgehen. Bereits nach zweieinhalb Jahren brachte die „Geschäftsidee des Jahrzehnts“ (so das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“) Gewinn ein. Der Aufstieg von Künstlern wie Michael Jackson, Madonna, Duran Duran oder Bon Jovi ist ohne Verzahnung mit MTV undenkbar. Die Bilderflut geriet zum elektrisierenden Flackern eines elektrischen Lagerfeuers, zum Sinnbild der globalen Pop-Kultur. Kritiker sprachen dagegen vom „verführerischen Imperialismus der US-Musikindustrie“ oder monierten die Dominanz des Bildes und den Verlust eigener Imaginationskraft. Anfang der neunziger Jahre erreichte der Sender – über Kabel, Satellit und terrestrische Ausstrahlung – weltweit über 200 Millionen Haushalte. MTV war längst zu einem soziokulturellen Phänomen geworden, das Firmenkürzel zum Markenzeichen mit Eigenleben, zum Codewort einer neuen, jungen Sehergeneration. Pop-Heroe Sting heulte die Botschaft „I Want My MTV“ in den Äther (bezeichnenderweise im Song „Money For Nothing“ der Gruppe Dire Straits). Für Millionen Jugendliche – von Israel bis Kenia, von Brasilien bis Estland – wurde sie zum geflügelten Wort. Jeder Versuch, das simple Programmschema des Originals zu kopieren und die Zielgruppen-Popularität des 24-Stunden-Videowurlitzers einzuholen, mißlang.

1987 startete von London aus MTV Europe, zehn Jahre später MTV Germany (wo man sich umgehend Scharmützel mit dem Konkurrenzsender VIVA lieferte, der schliesslich über die Mutter-Gesellschaft Viacom vereinnahmt wurde). Bis nach Österreich schaffte man es nie, hat aber seit 2002 in gotv einen rührigen Nachahmer des Ursprungs-Konzepts gefunden, der über Astra Digital sogar europaweit gebührenfrei empfangbar ist. Beim großen Vorbild MTV sind es nach eigenen Angaben heute knapp 480 Millionen Haushalte in 179 Ländern, die über fünfzig regionale Ableger in Afrika, Asien, Australien, Europa, Lateinamerika, Nordamerika, Russland und im Nahen Osten erreicht werden.

Seher der ersten Stunde haben dabei längst die Segel gestrichen. Musikvideos waren seit Ende der neunziger Jahre mehr und mehr in Rand- und Nachtzonen verbannt und von provokativen Shows, Dokusoaps und Serien („JackAss“, „Pimp My Ride“, „Date My Mom“, „16 And Pregnant“) abgelöst worden. MTV wurde generell vom „Musiksender“ zum „Jugendsender“ umgebaut. Der Fokus auf Popkultur ist längst einem hektischen Pragmatismus und der Suche nach neuen Erlösmodellen gewichen. Denn YouTube, Vimeo, tape.tv & Co., sprich: die allmächtige Präsenz des Internet und die Instant-Abrufbarkeit sämtlicher Inhalte – egal: legal, illegal oder scheißegal – killt einfach und unabdingbar die behäbigere Video- und Novelty-Abspul-Maschinerie. „We are still very much part of the cutting edge“, zitierte die Tageszeitung „The Independent“ anno 2008 die britische MTV-Chefin Heather Jones. Aber niemand nimmt ihrem Brötchengeber heute die Avantgardisten-Pose noch ab.

Letzlich kam die Meldung, daß die Mutter aller Fernseh-Musikstationen ab Jänner 2011 zum digitalen Pay-TV-Kanal mutiert – damit verschwindet MTV weitgehend aus dem Gesichtsfeld seiner Zielgruppe –, irgendwie auch nicht mehr überraschend. Der ungebrochen hohe Markenwert des Senders wird so im Zug einer „besser ausbalancierten Verteilung der Erlöse“ (MTV-Manager Dan Ligtvoet) via Programm-Bundles und Bezahlsender-Bouquets verscherbelt; ein Rezept, das schon einmal Mitte der neunziger Jahre nicht recht funktioniert hat und bald wieder aufgegeben wurde. Als Viacom-Statthalter und letzte Bastion im Free TV soll im übrigen VIVA herhalten.

Internet Killed The Video Star: die frisch geschminkte Leiche zuckt noch, aber sie riecht schon komisch. Und sollte mich jemand fragen: Neil Youngs„Hey Hey My My (Out Of The Blue)“ wäre eine treffliche Song-Wahl, sollte man irgendwann das letzte Musikvideo einspeisen. Ob’s die Akustik- oder die brachiale Rockversion wird, bleibt dann – „it’s better to burn out than to fade away“ – ganz dem Geschmack des Lichtabdrehers überlassen… Oh, dazu gibt’s gar kein offizielles, MTV-kompatibles Video? Dafür unzählige Live-Mitschnitte, Handy-Uploads und Fan-Basteleien auf YouTube? Schöne Scheisse.

(FALTER)

Drah’ di net um

9. Februar 1998

„Natürlich ist mir sein Tod nähergegangen als der von Lady Di“, sagt Drahdiwaberl-Legende Stefan Weber. Und ist damit nicht allein auf weiter Flur. Ein Nachruf auf Falco, Österreichs One-man-Pop-Speerspitze der achtziger Jahre.

„Wer sich retten tut,
der hat zum Untergang kan Mut“

(Falco, „Titanic“)

Schon eigenartig. Des Landes größter, erster, einziger Popstar, ja „Österreichs Popstar“ (Kurier) schlechthin stand da zur Disposition, ein letztes Mal, mit einem in seiner unendlichen Banalität kaum er-, so doch klischeegrell verklärbaren „Tod unter Palmen“ (Die ganze Woche) – und die Meute an Nachrufschreibern und Trauerrednern kriegt es nicht mal hin, den Namen des zu Ehrenden richtig zu schreiben. Hölzel, Johann. Hans, für Freunde. Waren sie doch, waren wir doch alle, eine Generation, irgendwie. Hölzel. Oder?

Dieser seltsam fremd klingende Name wird, da muß man seiner Vorahnung nicht übermäßig freien Lauf lassen, auf dem Grabstein nicht zu finden sein. Johann Hölzel, Musiker, geboren am 19.02.1957 in Wien, tödlich verunglückt am 07.02.1998 in Puerto Plata. Ehrengräber tragen andere Inschriften. Ein schlichtes „Falco“, nichts sonst. Dem Hans wär’s recht gewesen so. Zusätzlich ein gemeißelter Falke vielleicht (etwas kitschig, aber mit Sinn für würdige Symbolik) oder ein – natürlich in diesem Kontext dreifach ironisch-cooles – „Drah’ di net um“, und der geborene Wiener wäre bereit, sich abzufinden mit dem Unabänderlichen, zufrieden mit der letzten Ruhestätte eines wirklich Prominenten, Zentralfriedhof, 2. Tor, Zilk-Abschiedsrede inbegriffen. Requiescat in pace. Die Achtziger sind endgültig für beendet erklärt.

Hans Hölzel hätte seine Freude gehabt an der Inszenierung des Finales, und ich verwette meine Seele darauf, daß ihm einige Begleiterscheinungen der finalen Falken-Versenkung zu unendlich zynischen Kommentaren veranlaßt hätten. Rudi Dolezal, vorgeblich Miterfinder der Kunstfigur „Falco“, mit der Videokamera am offenen Grab? „A echter Haberer“. Peter Alexander, der daheim erschüttert „Amadeus“ dröhnen läßt? „No so a Haberer“. Richard Lugner, Hans Reinisch, Udo Jürgens, Georg Kindel, Waterloo usw.usf. „Olles Haberer, eh klar“. Sowieso.

*

Schon eigenartig: das letzte mir erinnerliche längere Gespräch mit Falco, das nicht auf ein routiniertes Journalisten-Frage-Antwort-Spiel hinauslief, fand vor der Kulisse des Zentralfriedhofs statt. Im „Concordiaschlössel“, dem ersten Tor der Anlage gegenüber. Beim Qualtinger-Begräbnis sei er auch hier gesessen, erzählte der Hans (und es war in diesem Augenblick tatsächlich Hans Hölzel, und nicht sein alter ego Falco), er hätte es nicht mehr ausgehalten, das hohle Pathos der ganzen G’schicht. Dann schon lieber Alkohol.

Der damalige Ö3-Chef, zu dessen Nachwuchs-Pop-Wettbewerb wir das Aushängeschild des Austro-Pop-Business eingeladen hatten, zeigte sich wenig erfreut über den illuminierten Juror. Falco war’s, wie mir, ziemlich wurscht.

*

Rückblende. Den Hölzel Hans kannte jeder, der sich Anfang der achtziger Jahre im überschaubaren Pop-Biotop Wien tummelte. Als Mitglied der Kabarett-Rock-Kollektive Hallucination Company und Drahdiwaberl führte der attraktive Jüngling am Baß schon jene „Sgt.Peppers“-Zirkusuniform vor, die später ebenso sein Markenzeichen werden sollte wie gewisse Eigenschaften, die dem Gros der Spät-Hippie-Bühnenkollegen entbehrlich bis verwerflich erschienen: Selbstbewußtsein an der Schmerzgrenze zur Affektierheit, Stolz, Exaltiertheit, Eigensinn. Dazu ein unzweifelhafter Wille zum Erfolg. Probeaufnahmen mit dem Austropop-Produzenten René Reitz blieben unter Verschluß. Der ehemalige AZ-Journalist und angehende Platten-Impresario Markus Spiegel aber erkannte (gemeinsam mit dem Gig Records-Mitstreiter Wolfgang Strobel) umgehend die hervorstechenden Qualitäten Hölzels. „Ganz Wien“, eine erste Probe des Hit-Potentials, wurde aus dem „Drahdiwaberl“-Fundus entlehnt. Dann durfte Robert Ponger, zuvor mit Wilfried und Bilgeri schon erfolgreich, die ungeschliffene Perle Falco (der Künstlername war durch den DDR-Schisprungstar Falko Weißpflog inspiriert) polieren – und legte quasi aus dem Stand mit dem „Kommissar“ den ganz großen Wurf hin. Obgleich: Markus Spiegel & Co. waren sich des Erfolgs damals nicht ganz so sicher – auch „Helden von heute“, eine gerissene Bowie-Hommage, stand als Single-A-Seite zur Diskussion. „Einzelhaft“, das im Sog des Überraschungserfolgs rasch nachgeschobene erste Album, bestätigte das Potential des Duos Ponger/Hölzel – Titel wie „Zuviel Hitze“ oder „Auf der Flucht“ haben, neben den bereits erwähnten Hits, noch heute Bestand. Die Formel: geschmacksverstärkter Synthiesound statt traditionellem Wandergitarrengeschrammel, plakativer Pop (ohne „Austro“-Präfix) anstatt Liedermacher-Larmoyanz, erregend multilingual-exotisches Wortstakkato statt Fusselbartlyrik, Zeitgeist (jawohl: Zeitgeist!) wider das allerorten grassierende Bob Dylan-Apostolat. Erinnert sich jemand daran, daß Alfred Hütter, Redakteur der “MusicBox,“ Falco „The Message“ von Grandmaster Flash & The Furious Five adaptieren und interpretieren ließ? Das Ergebnis fiel alles andere als peinlich aus, nämlich grandios. Egal, ob Hans Hölzel jetzt das Genre Rap miterfunden oder nur clever adaptiert hat – der „Kommissar“ läutete hierzulande die achtziger Jahre ein, die „neue deutsche Welle“ österreichischer Provinienz, die Stunde Null der internationalen Pop-Geschichte made in Austria (sieht man von Kuriositäten wie „Hollywood“ von Waterloo & Robinson oder Supermax’ „Lovemachine“ einmal ab).

*

Der Rest ist – mehr oder weniger – bekannt. „Junge Römer“, das im Verbund mit Zeitgeist-Profis wie Markus Peichl und Michael Hopp („Wiener“) inszenierte Zweitlingsalbum, brachte es nur zum Kritikerliebling. Designerware, zu kühl, zu glatt, zu dekadent für die breite Masse. Mit dem neuen, niederländischen Produzententeam Bolland & Bolland und einem definitiv populistisch-spekulativeren Ansatz zündete Falco aber 1985 scheinbar mühelos die dritte Karrierestufe. „Rock Me Amadeus“ spielte clever mit Mozart-, Film- und Pop-Klischees und erreichte den Pop-Olymp, die Spitze der US-Charts. Und alle restlichen Hitparaden von Hamburg bis Tokyo sowieso. „Falco hat für den österreichischen Fremdenverkehr“, so Michael Hopp damals, „unter Garantie mehr getan als alle Kampagnen der letzten Jahre zusammen“. Der Neo-Weltstar – Profi im Umgang mit den Medien genauso wie in der Auswahl seiner Textilausstatter – lieferte der Handvoll heimischer Musikideologen auch die fleischgewordenen Antithese zum verblassenden Austropop-Imperium. Wo Wolfgang Ambros nur noch lustlos vor sich hingrantelte, gab Falco allemal gern den präpotenten, großkotzigen, oberschlauen Weltstar ab. Das Bewußtsein dafür, daß er in dieser Rolle bisweilen auch die Grenze zur Parodie überschritt, verlor sich im Lauf des Höhenflugs. „Jeanny“ geriet zum Instant-Skandälchen, Duette mit Brigitte Nielsen oder Desiree Nosbusch zum Mini-Sensatiönchen. Mit dem Ausklang der achtziger Jahre war die Erfolgsformel zunehmend verbraucht. Alben wie „Wiener Blut“, „Data De Groove“ oder „Nachtflug“ schienen nur noch eingeschworenen Falco-Fans unentbehrlich, zu groß dimensionierte Tourneen gerieten zum Flop, der Schmäh des Falken mochte nicht mehr recht ziehen. Gelegenheitstreffer („Titanic“, „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“) schienen da bisweilen wie kleinliche Erinnerungen an einstige Grandezza. Den Status, in einer eigenen Liga zu spielen, verlor Hans Hölzel nie.

*

Ach Gott, der ganze Scheiß mit Kind und Kegel, Süüvaal und Isabella, Alk und Koks, die ganze Malaise. Lassen wir das. Falco war ein aufmerksamer, charmanter, gewitzter Gesprächspartner, wenn er fit war – wenn er getrunken hatte, konnte er schon das letztklassige Arschloch abgeben, das man ihm zu gerne unterstellte. So what? Immerhin hatte Hans Hölzel den Mut zuzugeben, daß er nicht „herumexperimentierte“, sondern sich das Zeug in kaum stoppbarer Sucht reinzog. „Es führt nirgendwohin“, resümierte er seine Erfahrungen, und diese müde Feststellung klingt ernüchternder und abschreckender als alle Anti-Drogen-Pamphlete der üblichen Unverdächtigen zusammengenommen. Sollte sich herausstellen, daß der letale Verkehrsunfall in Puerto Plata Hand in Hand ging mit einer Beeinträchtigung des Bewußtseinshorizonts des Opfers – es ergäbe ein gefundenes Fressen für die Sub-Journaille. „Live fast, die young?“ Wahrscheinlich war’s schlichte Übermüdung, ein Moment der Unaufmerksamkeit, eine Verkettung unglückseliger Umstände – aber auch das ist Spekulation.

*

Schon eigenartig: Ich blättere im ersten langen Interview, anno ‘82 knapp nach dem „Kommissar“-Erfolg geführt, veröffentlicht in einem Reader, der die damalige Aufbruchsstimmung der Austro-Szene widerspiegelt – „Die guten Kräfte“, herausgegeben vom nachmaligen Ostbahn-Kurti-Erfinder Günter Brödl. Die letzte Frage an Falco: „Wo hört die Fahrt auf?“ Antwort: „Mit dem Tod. Oder mit einer fünfzehnjährigen Sizilianerin irgendwo unten bei den Mafiosi im Lehnstuhl am Meer…“. Eine Zeitlang war der Hans nah dran. Ziemlich nah, irgendwie.

%d Bloggern gefällt das: