Archive for the 'ONLINE ONLY' Category

Na Servus!

4. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Aus dem Archiv der nie erschienenen „Presse am Sonntag“-Kolumnen. Heute: Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify – die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher. 

Servus Journal

Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den Aus-Schalter zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn gedrückt hat – nachdem er viele Jahre ein Projekt am Leben erhalten hatte, das Medien- und Marketingexperten Achtung abrang allein ob der schieren Vision, Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz’ Servus TV, jenem Sender, der exemplarisch zeigte, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Jetzt kursieren Gerüchte – durchaus nicht dementiert vom Financier, im Gegenteil –, die geplante Gründung eines Betriebsrats wäre schuld gewesen an diesem Tiefschlag für die österreichische Kreativszene. Bei allem Respekt vor der möglichen, ja wahrscheinlichen Impulsivität eines Selfmade-Milliardärs: das ist lächerlich. Dafür ist Mateschitz einfach zu clever. Es ist – und, ja, ich bewege mich hier auf dem dünnen Eis der Spekulation – vielmehr so, dass diese demonstrative Geste („Seht her, ich lasse mir nicht von Gewerkschaft und Kammern in mein Unterfangen hineinpfuschen!“) nur eine Fußnote der ganzen Geschichte ist. Quasi die private Seite.

Die eigentliche Botschaft lautet: Fernsehen ist tot. Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig kaum Perspektive. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-)Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Dafür ist der Red Bull-Konzern, der sich Servus TV quasi als hobbyistische Marotte geleistet hat, samt seinem obersten Vordenker und Lenker zu sehr auf Sieg getrimmt. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Emotionalisierung, Diversifizierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – landet anno 2016 nicht mehr im Versuch, den Planeten (oder auch nur den Alpenraum) mit den Mitteln des vorigen Jahrhunderts zu erreichen. Sieht man von den Printprodukten des Red Bull-Medienhauses ab, die ausreichend Leser/innen erfreuen.

Was kommt jetzt? Folgerichtige Frage (denn: den Schwanz einziehen und Ruhe geben wird Mateschitz keineswegs). Red Bull-TV via Internet? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen.

Nur ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Und wie funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!


Anm.: Diese Kolumne wurde am Morgen des 4. Mai 2016 verfasst und wenige Stunden danach aus Aktualitätsgründen wieder verworfen.

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Wir spielen Leben

24. April 2015

Anmerkungen zu einem bis dato unveröffentlichten Live-Album von Hansi Lang.

LANG Cover

Wir schreiben das Jahr 2015, und es liegt eine Stimmung in der Luft wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine Sehnsucht, eine fiebrige Aufbruchsstimmung, eine Erwartung an kommende Dinge.

Wanda, eine Wiener Formation mit lässiger Scheiss-mich-nix-Attitüde, ist die Band der Saison. Gemeinsam mit seelenverwandten Gruppen wie Bilderbuch, Kreisky oder Ja, Panik rockt man die Feuilletons und Radiostationen auch jenseits der Grenzen. Alte Helden wie Minisex oder Chuzpe veröffentlichen nach langen Pausen wieder Platten (und sie klingen frisch und hungrig!), neue Heroen wie Ernst Molden und Der Nino aus Wien tun sich zusammen, um die Austropop-Vergangenheit durch den Fleischwolf zu drehen. Bei Generationentreffen zwischen Ö3- und FM4-Apologeten wird gemeinsam „Der schönste Mann von Wien“ besungen. Und das Selbstbewusstsein dieser Stadt schwingt sich zu neuen, lichten Höhen empor.

Und dann fällt – wie zufällig – der Name Hansi Lang. In einem Interview mit Wanda, wo die Band nach ihren Einflüssen und Vorbildern gefragt wird. Zunächst kommt man auf Falco. „Ich glaube, das ist eine uralte Sehnsucht nach Mythen und nach Legenden, die auch immer sehr aufschlussreich sind“, wird Marco Michael Wanda zitiert. „Wenn man es will, findet man sich selbst in solch ausformulierten Biographien wieder. Deswegen fasziniert Menschen immer solch ein Mythos um eine Person. Ich glaube, dass das die Sehnsucht des Publikums ist, nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Uns schmeichelt der Vergleich.“ Und dann fällt der Name Hansi Lang. Und es ist kein Zufall, dass hier der Hans auf den Hans trifft und beide zusammen auf einen heutigen Bewunderer.

Schnitt. „Wir haben immer gewusst, es wird der Hansi.“ Jetzt spricht Thomas Rabitsch, langjähriger Freund und musikalischer Wegbegleiter von Lang wie auch von Falco. „Aber es ist der andere Hansi geworden. Wir haben wirklich geglaubt: Wenn einer ein Riesenstar wird, dann ist das der Hansi Lang. Dass das der andere Hans wurde, Falco, das kam schon sehr unerwartet.“

Nun: das ist eine sehr offene, fast ernüchternde Aussage (zu finden im Buch „WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“, erschienen im Falter Verlag). Aber sie erzählt uns – auch – etwas vom Mythos und der Strahlkraft und der Person Hansi Langs. Und der Sehnsucht des Publikums nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Hier ist sie zu finden. In den besten Live-Dokumenten – abseits der bekannten Studio-Alben von Hansi Lang –, die aufzutreiben waren.

1982, im „Metropol“, da sind die Aufbruchsstimmung, der Furor, die Gier nach Neuem geradezu greifbar. Zwar huldigt man mit „Love Me Tender“ ol’ Elvis (eine nicht unüberraschende Einlage!), aber es ist eine halb ergriffene, halb ironische Remineszenz an die Frühzeit des Rock’n’Roll. 1997, im „Rockhaus“ (das heute gar nicht mehr existiert), dominieren die Reife und Abgeklärtheit eines Musikers, der alles gesehen hatte – bis auf eine durchschlagende Weltkarriere á la Falco. Was ihm in den Augen seiner Bewunderer nichts von seinem Nimbus nahm. Und nimmt.

„Live Is Life“ sang eine andere österreichische Band, und sie landete damit – eher zufällig – einen Welterfolg. La la lala la. Das rücksichtslose Sich-Exponieren – rücksichtslos vor allem auch gegenüber dem eigenen Ich – zum Imperativ zu erklären und das Leben zum Gesamtkunstwerk, das schaffen dagegen nur wahre Künstlernaturen. 2015 wäre Hansi Lang 60 Jahre alt geworden. Dass er dieses Alter nicht erreicht hat, ist einer schicksalshaften Konsequenz geschuldet, die er mit seinem Freund und Musikerkollegen Hans Hölzel teilt.

Keine Angst: einer tiefergreifenden Mythologisierung bedarf es nicht. Lang-Fans wissen, was sie erwarten dürfen. Und was sie erwartet. Biografische Daten und weiterführende Details hält der digitale Kosmos parat. Noch mehr Wortbeiwerk hemmt nur den Genuß dieser Tondoumente. Deren Songs, deren Kraft und deren Dringlichkeit unglaublich heutig ist. Und unfassbar erotisch.

„Falco schläft mit uns“, sagen Wanda. Aber Hansi Lang – der sanftere, der lustvollere, der verbindlichere Liebhaber – wartet schon. Wir spielen Leben.

HANSI LANG : SPIELE LEBEN / LIVE
CD + DVD / Vinyl + DVD
VÖ: Frühjahr 2015 bei Schallter/monkey.

Regn en Wien

15. Januar 2015

Ernst Molden zählt zu den produktivsten Künstlern, die wir kennen. Und die, die ihn als Künstler kennen und, mehr noch, schätzen – also das, was man landläufig Fans nennt – zählen zu den treuesten Anhängern seiner Produktivität.

Molden Cover

Einige unter uns mögen sich bisweilen ein wenig gewundert haben, wie häufig dieser Mann in und um Wien herum bis hinauf nach München, Hamburg und Berlin auf der Bühne stehen kann, ohne an Anziehungskraft zu verlieren. Sich zu wiederholen. Oder sein Publikum gar zu langweilen.

Das mag auch daran liegen, dass Ernst Molden ein Meister der Kombinationen und Variationen ist – mal tritt er allein auf, mal zu viert, manchmal mit namhaften Mitstreiter(inn)en wie Willi Resetarits, Ursula Strauss, Hans Theessink oder dem Nino aus Wien, dann wieder mit weithin unbekannten Newcomern oder hiesigen Szene-Größen. Aber letztlich ist das nur ein Aspekt der Anziehungskraft eines Singer/Songwriters, der zum aktuellen Boom lokalen Musikschaffens Wesentliches beigetragen hat. Den virtuosen Umgang mit der Umgangssprache etwa, die legere Einbürgerung internationaler Vorbilder, die menschliche Tiefe, Reife und Wärme, die das gesamte Oeuvre Ernst Moldens wie ein roter Faden durchzieht.

Wir – und damit meine ich das Team des Labels monkey. – begleiten diesen Prozess seit vielen Jahren. Mehr als neun sind es mittlerweile. Seit den „Bubenliedern“, die auch für den Urheber selbst so etwas wie den Beginn einer neuen Zeitrechnung bedeuteten. Seither sind bei uns sieben Molden-Alben erschienen und einige, an denen er so oder so beteiligt war. Fast jedes Jahr also ein neues Opus. Zuletzt das superbe Album „Ho Rugg“, gemeinsam mit Resetarits/Soyka/Wirth. Wir scheuen uns nicht, diese Geschichte eine Erfolgsstory zu nennen. Selten war der Austausch mit einem Künstler intensiver, kreativer, ergiebiger.

Und trotzdem taten und tun wir uns schwer, wenn wir von Ungeduldigen, Unkundigen und Molden-Novizen gefragt werden, welches Album dieses Mannes wir denn nun besonders empfehlen könnten. Was man denn quasi zum Einstieg hören solle. Kurzum: welches das Beste sei. Das ist natürlich eine höchst unsinnige Frage – weil sie nur strikt subjektiv beantwortet werden kann. Wir schätzen die lässige Abgeklärtheit von „Es Lem“ genauso wie den vulgären Witz von „Häuserl am Oasch“, die dunkle Poesie von „Ohne Di“ mindestens so wie die enorme Dichte von „Ho Rugg“. Und da gäbe es einiges mehr zu nennen.

Es war also hoch an der Zeit, ein inoffizielles Best Of-Album zusammenzustellen. „A Young Person’s Guide To Ernst Molden“, sozusagen. Und die Auswahl sollte jemand treffen, der sowohl journalistische Distanz wie auch künstlerische Seelenverwandschaft unter einen Hut zu bringen vermag.

Da drängt sich einer förmlich auf, der Moldens Werdegang in etwa so lange begleitet wie seine Label-Familie: Robert Rotifer. Und er hat eingeschlagen. Wir haben nicht eine Sekunde lang diskutiert über Rotifers Song-Auswahl (sie geht zurück bis „Haus des Meeres“ von 2005 und enthält mit „schwoazze dramwei“ auch ein bislang unveröffentlichtes Stück, insgesamt sind es 24 Songs), und wir haben keinen Beistrich am begleitenden Text geändert. Es passt, wie es ist. Und es ist so, dass alles passt. An allererster Stelle für Ernst Molden selbst. Und das tut es.

Ursprünglich sollte diese Zusammenstellung – „Regn en Wien“ – nur auf Vinyl erscheinen. Dann haben wir den Gedanken als arrogante Selbstbeschränkung verworfen. So sehr wir die knisternde Intimität und Audio-Qualität von Schallplatten lieben: das Auto etwa ist einer der famosesten persönlichen Konzertpaläste, die wir kennen. Und noch besitzen die allermeisten Vehikel einen CD-Schlitz. Egal also, ob Sie analoge oder digitale Signale schätzen (oder pragmatisch beides zulassen): es sind die Songs, in genau dieser Reihenfolge und selektiven Signifikanz, die die Botschaft ausmachen.

Eine Botschaft, die da lautet: mehr Molden geht nicht. Jedenfalls nicht, bis das nächste Dezennium voll ist.

„Regn en Wien“ ist auf CD bereits erschienen, Vinyl (DoLP) folgt am 23.01.2015.

Die Mensch-Maschine

15. Mai 2014

Ein Wesen und ein Ding: Die Mensch-Maschine. Der visionäre Gestus jener Handvoll Musikstücke, die Ralf Hütter, Karl Bartos, Wolfgang Flür und Florian Schneider anno 1978 zu einem Konzeptalbum verdichteten, hat nichts an binärer Eleganz und kühler Faszination verloren.

EWHO - Die Mensch-Maschine

Kraftwerk darf mittlerweile dem Weltkulturkanon zugeschlagen werden – aber darf die Evolution auch zurückschlagen? Mit respektvoller Ironie? Absoluter Demut? Eventuell sogar mit retrofuturistischem Aberwitz? Derlei ist hier dokumentiert.

Es ist eine fast zwingende Kombination. Dass jene Elektronik-Formation nämlich, die „moderne“ Sampler, Laptops und jede Art von Wiedergabegeräten sowohl auf der Bühne als auch im Studio als strikt unzulässig erachtet – das 1994 gegründete Erste Wiener Heimorgelorchester (EWHO) nämlich – nun eine Replica-Version des 1978 erschienenen Kraftwerk-Albums „Die Mensch-Maschine“ vorlegt. Was aber zunächst nach einem sehr imitativen Ansatz und spekulativem Kunsthandwerk aussieht, entpuppt sich beim Hören als das genaue Gegenteil. Gerade den Low-Fi-Versionen des EWHO wird der Respekt vor dem Menschlichen der Maschine (wenn man denn Heimorgeln ernsthaft als solche bezeichnen kann) zur treibenden Kraft.

„Was waren das für Zeiten, als man noch Respekt vor Robotern und ihren metallenen Stimmen hatte!“, erläutert Daniel Wisser – einer der vier EWHO-Maschinisten – die Ausgangssituation. „Heute ist der Roboter ein Sorgenkind; und wenn überhaupt einer zur Hand ist, um unsere Arbeiten zu erledigen, so spricht er mit sanften Stimmen zu uns (Frauen- oder Männerstimme im Menü wählbar…).“ Die technoiden Stimmen des Originals werden vom EWHO als mehrstimmiger Gesang interpretiert. Die handgemachte Elektronik des Wiener Quartetts hievt die Kompositionen des Kraftwerk-Albums auf eine neue Ebene. „Hier wird die Technik hörbar. Hier werden die Mittel der Klang- und Geräuscherzeugung nicht einfach benutzt, sondern thematisiert.“

Das Erste Wiener Heimorgelorchester – nomen est omen – zollt Bit für Bit Tribut Uen zerlegt die Mythos-Maschine in ihre Einzelteile. Es menschelt. Es surrt, zischelt, kracht. Es ist.

Originalton Daniel Wisser: „Da ist etwa der berühmte Song „Das Model“, den Rammstein mit teutonischem Ernst zu einer Hardrock-Ballade verunstaltet haben. Im Gegensatz dazu greift das EWHO zu den Stimmschrauben und entfernt sich mit jedem Akkord vom Wohltemperierten. Dazu wird der Stimmeffekt des Casio Rapman benutzt, um den bei der Original-Vorlage immer etwas kraftlos klingenden Gesang in den Rang einer Helium-Mickey-Mouse zu erheben.“

Es gilt der alte Merksatz des Science Fiction-Veteranen („2001“) Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Die Mensch-Maschine ist – auch und erst recht in der Lo-Fi-Variante des EWHO, die nicht nur in Bits & Bytes verewigt, sondern zudem auch in Vinyl gepresst wurde – von mathematischer Schönheit. Von El Lissitzky, Fritz Lang, Alan Turing, Konrad Zuse, Steve Jobs, Edward Snowden. Von Casio, Yamaha, Bontempi und Native Instruments. Von Kraftwerk. Gestern. Heute. Morgen. Immer. Wieder. Ein Wesen und ein Ding: Die Mensch-Maschine.

Zänd Zamm

28. März 2014

Anmerkungen zu einem neuen, ganz wunderbaren Album des bislang in Wien und Umgebung weithin unentdeckten Singer/Songwriters Alex Miksch.

Alex Miksch - Zänd Zamm

Alex Miksch? „Der“ Miksch? Wir kennen diesen Mann ja kaum. Wobei – um gleich mal die Dinge zurechtzurücken – dieses „wir“ nicht als pluralis majestatis gedacht ist, sondern kurzerhand den Schreiber dieser Zeilen und den Empfänger der Botschaft metaphorisch in ein Boot setzt. Einverstanden?

Vielleicht wissen Sie ja mehr als wir. Aus der Sicht des Labels ist es so: seit Jahren raunt man uns, mal deutlicher, mal versteckter, zu, dass wir „den Miksch“ doch hören, wahrnehmen, veröffentlichen und gefälligst großmachen sollen. Ein grandioser Musiker sei das, ein Mann, der sich hinter den Potentaten der aktuellen Singer/Songwriter-, Mundart- & Neo-Wienerlied-Szene – einem Molden etwa, einem Resetarits, dem Nino aus Wien, den Strottern oder den Kollegienbrüdern aus Kalksburg – keinsfalls verstecken brauche. Im Gegenteil. Also stünde dem Kerl eine Karriere nachgerade zu.

Bislang sei Miksch, der eigentlich aus Krems kommt, ja vielleicht nur ein „musicians musician“, also quasi ein Geheimtipp. Unter Kennern. Aber. Eigentlich blühe da lange schon, zu lange ein Genie im Verborgenen. Aber. Und nichts und niemand hätte die Verhältnisse zurechtgerückt. Aber. Aber in Wahrheit sei Alex Miksch der Tom Waits von Wien.

Solche Zuschreibungen sind – und ich schwöre beim Augenlicht meiner Geisteskinder, diesen Satz oft genug gehört zu haben, aus unterschiedlichsten Kreisen und Mündern – gefährlich. Denn erstens kann, soll und muß es keinen Tom Waits aus der Stadt an der Donau geben (selbst wenn man PR-technisch für alles greifbar Griffige dankbar ist, auch ein Ernst Molden musste lange mit dem Etikett leben, er wäre der Leonard Cohen von Wien.) Zweitens gefällt das dem hiesigen Waits-Pendant nicht (und auch über die lobenden Worte des eben erwähnten seelenverwandten Künstlers auf dem Album-Sticker mussten wir lange diskutieren). Und drittens ist Alex Miksch Alex Miksch. Oder, zielstrebig verkürzt: Miksch.

Er hat bislang schon zwei Alben gemacht, hörten wir staunend, denn wahrgenommen hat sie kaum jemand. Wir auch nicht. Das ist ja die Crux: Qualität und Originalität setzen sich nur in den seltensten Fällen aus sich selbst heraus durch. Also können wir nur mit einschmeichelnder Bestimmtheit sagen: ein besseres Album als „Zänd Zamm“ – das auf unserem Label zugleich das Debut-Album von Miksch ist – ist uns seit langer Zeit nicht untergekommen. Seit wirklich langer Zeit. Songs wie „Hundsvieh“, „Vegl“, „Foedhas“ oder gar „Der Turm“ haben eine Schwere und Tiefe und zugleich einen hinterhältigen Witz, wie auch ein ins Waldviertel emigrierter Neil Young sie kaum hinbekäme. Schon wieder so ein übermächtiger Name, der ins Spiel gebracht wird… Bitte um Pardon.

„Zänd Zamm“ wurde mit Mäx Mayerhofer (Gitarren, Banjo) und Florian Weiß (Bass, Mandoline, Akkordeon, Blech) eingespielt und mit weiteren Mitstreiter(inn)en wie Michael Karpfinger, Florian Weisch, Irene Wagner, Josef Kolarz und Jakob Kovacic – und eben nicht mit Crazy Horse. Das heisst aber noch lange nicht, dass diese Leute auch live auf der Bühne stehen werden – die Bandbesetzungen ändern sich ständig, der personelle Kern bleibt allein und immer der Sänger, Gitarrist und Urheber aller Songs: Alex Miksch.

Was wissen wir sonst noch über Miksch? Wenig. Er ist Autodidakt. Er kennt Ronnie Urini. Er soll eine Zeitlang – und das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – dem Alkohol mehr zugeneigt gewesen sein, als ihm guttat, aber das gerade wieder zurechtrücken. Er verschmäht dito Zigaretten – und auch das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – nicht. Er hat aktuell 749 Freunde auf Facebook. Er spielt nach Expertenmeinung famos Gitarre und das gerne in verrauchten Kaschemmen, intimen Hinterzimmern, abgewetzten Salons und kleinen Beisln. Bislang. Und, ja, er hat natürlich – neben seinen eigenen – auch so ziemlich alle Songs von Tom Waits drauf. Und eventuell auch den einen oder anderen Klassiker von Neil Young, Leonard Cohen, Tim Buckley, Elliott Smith, Scott Matthew oder Georg Danzer. Aber welcher ernstzunehmende Musiker hat das nicht?

„Zänd Zamm“ soll die Visitenkarte für einen neuen Abschnitt im Leben von Alex Miksch sein. Nicht mehr, nicht weniger. Nicht nichts. Die Erdigkeit, der Blues, die Tragik, das Lachen, der tiefschwarze Humor überhaupt, das sind die Ingredienzien, die dieser Überlebenskünstler jeden Tag in sein Leben, seine Präsenz, seine Musik injiziert. Was für die einen Gift ist, wusste schon Paracelsus, ist für die anderen Medizin. Allein die Dosis macht’s. Wir erhöhen sie sukzessive. Einverstanden?

Pflicht & Kür zugleich

20. Juni 2013

„WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten“ heisst ein neues, über 400 Seiten starkes Buch über die einschlägige Historie der Stadt. Erschienen ist es im Falter Verlag. Ein zukünftiges Standard-Werk? Ja doch, meint Co-Autor Walter Gröbchen.

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Eigentlich ist es erstaunlich, dass dieses Buch nicht schon eher geschrieben wurde. Denn ähnlich gedachte und gestrickte Werke gab es schon Jahre zuvor, die Form der Popgeschichtsschreibung ist so bekannt wie bewährt.

Analog zu internationalen Vorlagen wie „Verschwende deine Jugend“ (Jürgen Teipel) oder „Please Kill Me“ (Legs McNeill & Gillian McCain) oder lokalen Szene-Durchmessungen wie „Es muß was geben“ (Linz, Andreas Kump), „We Rocked Salzburg“ (Hannes Stiegler), „Rockmusik in der Steiermark bis 1975“ (Hg. David Reumüller, Robert Lepenik, Andreas Heller) und „50 Jahre Rock. Die Popularmusik in Vorarlberg“ (Hg. Matt/Rabitsch/Rhomberg) – ja, die vermeintliche Provinz war hier der Weltmetropole im Blick zurück voraus – handelt es sich zunächst um eine authentische Materialsammlung.

Zu erwähnen sind in diesem Kontext übrigens auch Heinrich Deisls Kompendium „Im Puls der Nacht“, von dem hoffentlich noch die angekündigten Fortsetzungen folgen, und das für den Spätherbst 2013 avisierte Mammutwerk „Schnitzelbeat“ des Austro-Trash-Sammlers und Forschers Al Bird Sputnik.

Neu ist jedenfalls der in „WienPop“ verfolgte Ansatz, nicht nur eine bestimmte Szene, eine kurze historische Epoche, sondern die popkulturelle Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg – von den späten 50ern des vorigen Jahrhunderts bis zu den Nullerjahren unseres Jahrhunderts – abzubilden. Erinnerungen, Erkenntnisse und Einschätzungen werden in Form einer Cut Up-Montage zu einer vielstimmigen Erzählung verdichtet, die über die reine kulturelle Geschichtsschreibung hinaus das Porträt einer Stadt im Wandel liefert.

Es ist also ein notwendiges Werk. Und es ist ein vergnügliches Werk. Denn – natürlich ist das Urteil eines Autors hier höchst subjektiv, aber der Tenor der ersten Kritiken geht d’accord – „WienPop“ liefert auch für Nicht-Insider eine Fülle an griffigen, aussagekräftigen, kurzweiligen Anekdoten, G’schichten und Wuchteln. Derlei liest sich recht flüssig und doch einigermassen stringent. Egal, ob es sich um ein André Heller-Bashing durch den Novak’s Kapelle-Sänger Walter „Walla“ Mauritz handelt oder eine trocken-knappe Einschätzung der Bedeutung von Peter Cornelius – der partout kein Interview geben wollte – durch den Polit-Pop-Rabauken Sigi Maron.

Freilich fliessen in ein solches Sammelalbum auch persönliche Sympathien und Antipathien, Blickwinkel und Erinnerungslücken ein. Warum kommt Burgtheater-Punk Franz Morak nur als Randnotiz vor? Was ist mit Pungent Stench? Gab es nicht mehr Frauen in all diesen Jahren? Waren die Rüssel-Disco-Fexe Ganymed wirklich wichtig? Oder eher nur peinlich? Werden The Vogue ausführlich gewürdigt? Und warum nicht Die Nervösen Vögel? Oder Station Rose? Hat Drum’n’Bass im Wien der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gar nicht existiert? Und ist die Ostbahn Kurti-Laufbahn nicht gar eng gefasst? Warum kommt X nicht zu Wort? Und Y? Dafür aber Z? Undsoweiterundsofort. To be discussed.

Solche Diskurse können ja auch wirklich lustvoll sein. Ob es sich bei den Einschätzungen der Interviewpartner und/oder der Interviewsammler & -Bearbeiter durchwegs um zulässige Verknappungen und eine Konzentration auf das Wahre, Gute, Schöne handelt oder um eine partielle Geschichtsklitterung höchst fragwürdiger Natur, mögen die Musikwissenschaftler nachfolgender Generationen klären. Gestritten hat darüber auch schon das Autorenquartett recht intensiv während des Entstehungsprozesses. Feedback und Kritik von Leserseite sind ausdrücklich erwünscht.

Jetzt liegt mal dieser Papierziegel auf dem Nachttisch. Genug Lesestoff, Diskussionsfutter, Ausgangsmaterial für die nächsten Jahre. „Wien.Pop“ musste geschrieben werden. Der zentrale Ideenspender des Buchs, Gerhard Stöger („Falter“, siehe Bild oben), arbeitet angeblich schon an der Fortsetzung.

(Skug 07/2013)

Die Szene & die „Szene“

14. Juni 2013

Vom Pornokino zum Rockhaus. Mit vielem Auf und Ab. Dreißig Jahre „Szene Wien“: ein Blick über die Schulter zurück.

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Ich bin vergleichsweise unbefugt, über die Vorgeschichte und die Entstehung der „Szene Wien“ (ab sofort nur mehr: „Szene“) zu berichten. Da müssten andere ran. Rudi Nemeczek etwa, Heli Deinboek, Regine Steinmetz oder Eberhard Forcher. Und einige andere mehr. Jene Leute, die sich – größtenteils sind sie immer noch aktiv – Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für ein selbstverwaltetes Rockhaus in Wien stark machten. Mit Konzerten, mit ihren eigenen Bands, mit Artikeln (etwa im noch jungen „Falter“), Flugblättern und vielen Gesprächen.

Ich bekam das mit, weil meine popkulturelle Sozialisierung quasi Unterrichtsgegenstand war. Am BRG IV in der Waltergasse, wo der Zeichenprofessor Stefan Weber hieß. Der zugleich Oberkapo der legendär obszönen, wilden, aufregenden Polit/Pop-Show-Gruppe Drahdiwaberl war. Zugegebenermassen handelte es sich beim Besuch von Konzerten dieser Formation um ein Wahlpflichtfach.

Drahdiwaberl waren jedenfalls unter den Wortführern der Szene. Und tatsächlich war die Stadt gesprächsbereit. Kulturstadtrat Helmut Zilk besaß den Instinkt, nach der „Arena“-Bewegung, der Besetzung des Amerlinghauses und später auch des WUK- und Gassergasse-Areals, freiwillig und –giebig für Freiräume einzutreten. Und so einen gewissen kulturellen, politischen und demografischen Überdruck kontrolliert entweichen zu lassen, der sich in den grauen, langen Nackriegsgeschichte unzweifelhaft angesammelt hatte.

Die „Szene“ also. Ein ehemaliges Pornokino in der Hauffgasse in Simmering: nicht gerade das, was man sich als zentralen, halbwegs glamourösen Spielort vorgestellt hatte. Es zählt ja auch zu den Eigenarten der an Eigenartigkeiten nicht armen Kulturlandschaft dieses Landes, dass selbst die Alternativkultur und der Underground der SPÖ/ÖVP-Sozialpartnerschaft nicht entgehen konnten. Und auch nicht entgingen.

Der einen Reichshälfte überantwortete man das „Metropol“ (vormals „HVZ“), der anderen eben die „Szene“. Die „Arena“ – gerade mal ein kümmerlicher Rest des ehemaligen Schlachthofs St. Marx – erfüllte (und erfüllt) noch am ehesten den Traum von Autonomie. Wenn auch nicht Autarkie. Aber geschenkt. Jedenfalls stauchte mich der dröhnende Baß Helmut Zilks heftig zusammen, als ich es – daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen – als blutjunger Ö3-„Musicbox“-Reporter wagte, darauf hinzuweisen, dass es auch kritische Stimmen gäbe. Und man den wohlmeinenden, aber auch nicht unlistigen Paternialismus der Gemeinde Wien zwar achten und nutzen, aber auch verachten und ablehnen könne. Was in der Folge ja auch passierte. Sowohl – als auch.

Dieser Antagonismus zwischen Szene und „Szene“ tritt – und man muß die Offenheit haben, dies zugeben und, ja, bewußt zulassen zu können – bis heute in Erscheinung. Mal offener, mal verdeckter, hintergründiger und entspannter. Der ewige Diskussion um Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung, um Subventionen, Trägerkonstruktionen, Kulturbudgets und Programminhalte wird nicht abreissen. Und zwar grundsätzlich nicht, solange es junge, wache und kritische Menschen gibt, die die – vergleichsweise eh lächerlichen – Geldsummen, die die Politik und Gesellschaft abseits repräsentativer Hochkulturtempel zu vergeben bereit sind, nicht als Behübschung des Status Quo (miss-)verstehen wollen.

Zur historischen Entwicklung und zum aktuellen Programm der „Szene“ habe ich nicht allzuviel zu sagen. Ich war zulange im Ausland, zu selten in der Hauffgasse und mir ist zudem, ehrlich gesagt, der ideelle und faktische Besitzanspruch vieler Fraktionen, Szene-Grössen und Undergroundapostel fremd. Die „Szene“ bedient auch, eventuell sogar zuvorderst – das erklärt sich aus der „Planet“-Historie der Betreiber-Crew um Muff Sopper – eine Szene, die eher auf der Schattenseite des Pop-Ruhms nach der Andy Warhol-Doktrin unterwegs ist. Nennen wir sie das Rock-Proletariat. Das soll und kann in einem Kosmos, der der Hipness mindestens so hörig ist wie dem Hedonismus und dem Kommerz, auch seinen Platz haben. Was nicht heisst, dass man für World Music, Jazz, Punk, Folk, die Elektroniklandschaft oder die Neue Wienerlied-Szene nicht auch ein offenes Ohren haben sollte. Oder zwei.

Aber jetzt darf ruhig mal das (Über-)Leben gefeiert werden. Dreißig Jahre sind ja nicht nichts.

Schöne neue Freiheit

12. April 2013

Eine Wortspende, pardon: Keynote auf der Musikmesse Frankfurt – für den VUT (Verband der unabhängigen Tonträgerproduzenten und Musikunternehmen Deutschlands).

Don't believe

Ich habe mir vorgenommen, einen Text zu schreiben, für dessen Erstellung nicht mehr als eine Stunde und zwanzig Minuten vonnöten sein werden. Dieser Text – und dessen öffentlicher Vortrag hier – ist das Ergebnis einer Interessensabwägung und des Versuchs, eine vertretbare Balance zu finden von Aufwand und Entlohnung. Ich kann Ihnen vorweg nicht versprechen, zu einem allseitig befriedigenden Resultat zu kommen.

Da die Entlohnung gleich null ist, ist dieses Experiment dem uralten Phänomen des Enthusiasten geschuldet. Wenn ich Chris Gercon, dem Leiter der Londoner Tate Gallery of Modern Art, trauen darf, bin ich als Enthusiast einer unter Millionen. Einer aus einer ganzen Armee kreativer Dienstleister. Wenn ich ihn kursorisch zitieren darf: „Man spricht von Creative Industries, aber das ist nur ein Trick, um das ökonomische Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen.“ Der Enthusiasmus ist also die Währung des Prekariats. Sie unterliegt einer rasanten Inflation.

Nun: ich hätte diese eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit – sie entsprechen in etwa der Flugdauer Wien – Frankfurt – nicht Yamaha oder Sony, nicht Apple, Universal, Native Instruments, Spotify oder Fender geschenkt. Der VUT als Club der legéren Prekären darf dagegen das Geschenk gelassen annehmen. Hat er je etwas anderes als Enthusiasmus und Selbstausbeutung kennengelernt und propagiert – quasi als pragmatisches Miniatur-Geschäftsmodell?

Ironie off. Ich will versuchen, zehn Thesen zum Status Quo der Musikindustrie abseits der Majors & Multis zu formulieren. Vielleicht gehen sich aber nur neun oder gar nur fünf aus – die Uhr tickt. Und ich erlaube mir, Sie direkt anzusprechen. „Sie“ meint also die Musikindustrie – was immer man individuell darunter verstehen mag.

Eins: Sie haben Ihren Geschäftsgegenstand verloren.

Ich meine damit zuvorderst die Musikindustrie im engeren Sinne (oder nach altem Verständnis): die Tonträgerindustrie. Sie haben kein physisches Verkaufsobjekt mehr. Okay, die CD-Regale und Tonträgerabteilungen bei Saturn, Mediamarkt, Libro & Co. existieren noch. Aber nicht mehr lange. Und sie sind heute schon erschreckend leer. Die Erosion des Geschäftsmodells, das an ein Trägermedium gebunden ist (und durch dieses auch determiniert wurde), wird immer rasanter und deutlicher. Wenn nicht Download-Plattformen und Streaming-Dienste das Terrain übernehmen, schlägt Amazon zu. Gnadenlos. Die CD, schon lange ungeliebt und längst zum Wegwerfgegenstand herabgewürdigt, wird zum nostalgischen Geschenk oder verschwindet ganz. Okay, im Promillebereich legt Vinyl wieder zu – aber das ist ein Retro-Phänomen und Nischenmarkt par excellence. Eine Liebhaberei. Ein Enthusiasten-Fetisch. Schön, dass es diese Enthusiasten gibt. Die Musikindustrie im allerengsten Sinne hat immer auch (und vielleicht sogar zuvorderst) von ihnen gelebt. Aber Enthusiasten sind selten Industrielle. Und vice versa.

Zwei: wer jetzt meint, Downloads & Streaming würden die gewohnten Verhältnisse und Strukturen retten, hat die Digitalisierung nicht verstanden.

Die Ablösung des Analogen durch Ketten von Nullen und Einsen wurde und wird ja nicht leichtfertig zum Paradigmenwechsel erklärt. Ein Paradigmenwechsel meint: radikale Implikationen. Die Zertrümmerung des Althergebrachten. Einen völlig neuen Erfahrungs- und Denkhorizont. Komplett durcheinandergewürfelte Schöpfungs- und Verwertungsketten. Neue Formen der Produktion, Distribution, Kommunikation, Rezeption und Konsumation von Musik. Es gibt kein Original mehr, weil es auch keine Kopie mehr gibt. Die Grenzen zwischen legal, illegal und scheißegal existieren nicht mehr. Die Erlösmodelle von Spotify, Deezer, Rrdio, Simfy & Co. sind nachwievor undurchsichtig, unbestätigt, unkalkulierbar. YouTube ist immer billiger. Weil gratis. Sie kriegen den Geist nicht zurück in die Flasche. Was gerade abläuft auf diesem Planeten, von WikiLeaks bis Big Data, von Fukushima bis zur Finanzkrise, ist gerade mal die Ouvertüre. Da sind doch GEMA- & Google-Streitereien und Urheberrechtsdebatten ein Orchideenthema dagegen. Oder?

Vordergründig: ja. Bei näherer Betrachtung: nein. Auch wenn das – leider – viele Künstler selbst so sehen, vielleicht aus Unverständnis, Zeitnot, Apathie oder einem dümmlichen Zeitgeist-Opportunismus. Es geht um die schlichte Frage, wie Urheber und ihre Sparringpartner & Dienstleister, zuvorderst Labels, Distributoren und Verlage, in Zukunft ihre Schöpfungen, Copyrights und Leistungen monetarisieren können. Kommen Sie mir bloß nicht mit 360 Grad-Modellen: das ist weitgehend eine Illusion – außer bei längst etablierten Künstlern. Die wesentlichen Fragen sind, sorry to say that, ungelöst. Und zuvorderst ist das die Frage um die Lebensgrundlage professioneller Künstler/innen.

Drei: Sie leben – wir leben – inzwischen von Goodwill, Spenden und Subventionen.

Mit Spenden meine ich übrigens nicht ein paar Münzen in einem alten Hut, wie bei Strassensängern und Bettelmusikanten. Sondern freiwillige Beiträge, Micro-Payment, Aufmerksamkeit – die wichtigste Währung des Business –, Likes, Fans, Follower, Nebenerlöse aus Eintrittskarten für Live-Events – das ist die härteste Währung –, Sponsoring und neue Modelle wie z.B. Crowdfunding. Wer immer heute Musik – also Musikstücke, Songs, Tracks, portionierte Musik, wie immer sie es nennen wollen –, käuflich erwirbt, zeigt entweder einen bewussten, fast schon ideologisch-idealistischen Goodwill, komplette technische Ahnungslosigkeit oder luxuriöse Bequemlichkeit. Eine der vielen Wahrheiten in diesem an Lügen reichen Business ist: die staatlichen, halbstaatlichen und mäzenatengleichen Subventionen beginnen die Popkultur zu unterwandern. Oder, ganz nach Geschmack, zu überlagern. All die Förderprogramme, Initiativen, Musikfonds, Produktions-, Export- und Vermarktungszuschüsse sind zusammen aber kaum ein Tropfen auf den heissen Stein. Und sicher kein Ersatz für ein langfristig tragfähiges, zukunftstaugliches Wirtschaftsmodell.

Vier. In jeder Krise gibt es Verlierer. Und Kriegsgewinner. Aber die Gewinner bestätigen zumeist nur die Regel, dass die Revolution gern ihre eigenen Kinder frisst.

Gut, nein: schlecht! werden Sie sagen, dieser Gröbchen ist ein Untergangsprophet, ein Kleinhäusler, ein notorischer Pessimist. Bin ich übrigens nicht. Ich sehe, wo viel Schatten ist, ganz der Logik gehorchend, auch viel Licht. Und, ja, bislang ist der Mensch als physische Entität, als Wesen aus Leib und Blut, als unklonbares Individuum nicht abgelöst. Das heisst, alle mit der persönlichen Präsenz des Künstlers, mit der Person an sich, mit der Aura, der Strahlkraft, der Präsenz, dem Talent, Können und Knowhow eines bestimmten Menschen verbundenen Elemente sind und bleiben der wesentliche Faktor in diesem Geschäft. Mehr denn je.

Unverwechselbarkeit, sprich: die Deckungsgleichheit von Image und Realität und eine fast schon banale analoge Körperlichkeit sind Trumpf. Deswegen kann man für Tickets & Konzertkarten auch so viel Geld verlangen. Deswegen giert die Menschheit so sehr nach der leibhaftigen Greifbarkeit von Stars. Und deswegen kann ein DJ heute einfach einen USB-Stick mit ein paar Files und einer vorbestimmten Playlist abspulen, ohne von der breiten Masse des Publikums schief angeschaut zu werden. Die werte Kollegenschaft mag sich beim Salzamt oder bei der Neidgenossenschaft beschweren, ohne Resultat: es genügt, wenn er oder sie dazu lächelt und höchstpersönlich ab & an die Arme in die Höhe reisst. Für 98 Prozent der Nachwuchskünstler, Semi-Profis und Provinz-DJs bleibt das aber eine Pose vor dem eigenen Spiegel.

Gut, wenn Sie sich selbst nicht dazu zählen wollen. Noch besser, wenn sie alle anderen nicht dazu zählen.

Fünf. Du hast keine Chance. Also nutze sie.

Ehrlich gesagt: diese Regel hat immer gegolten. Auf eine Handvoll Stars kommt seit jeher eine ganze Schattenarmee von Hobbymusikern, ewigen Talenten, Leuten, die es nicht geschafft haben und nie schaffen werden. Wobei: das was hier „geschafft“ werden kann und soll, ist ja ein verdammtes Erfolgsklischee. Individueller Erfolg muß immer nur einer individuellen Definition genügen. Das, was landläufig darunter verstanden wird, also kommerzieller Erfolg, Bekanntheit, Status, wird immer flüchtiger, unbeständiger und zweifelhafter. Wo in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch die sprichwörtlichen „15 minutes of fame“ nach Andy Warhol gegolten haben, sind es heute eher „15 seconds of fame“ – jene Zeitspanne, nach der man auf Facebook oder Twitter weiterklickt. Ernsthaft – ich habe heute beim Flug von Wien nach Frankfurt, Dauer eben 1 Stunde 20 Minuten, aktuelle Musikmagazine studiert. Wovon und worüber berichten die? David Bowie, Depeche Mode, Pavement, DJ Koze, Phoenix, Black Sabbath, Charles Bradley, Tocotronic, Richard Dorfmeister – sorry, Richard, aber Du bist ein fast so alter Sack wie ich. Das sind lauter alte Säcke. Ewige Helden? Gut abgehangene Klassikaner? Oder ist man einfach nur inzwischen zu abgeklärt, zu verstockt, zu faul oder zu realistisch, um sich neue Namen und Gesichter zu merken?

Sechs. Es gibt zu viel Musik. Bad news für das Starprinzip, aber keine Todesgefahr für die Musik per se.

Für Musikjournalisten oder die Musikchefs von Radiosendern ist das Faktum der Unaufgeschlossenheit für neue Namen, Gesichter und Sounds ein Armutszeugnis. Mehr denn je. Viele lassen sich z.B. nachwievor CDs schicken – und nutzen den eventuellen Verweis auf Unkörperlichkeit des Musikprodukts als Barriere, Abwehrargument oder ultimativen Programm-Ausschliessungsgrund. Dem Publikum selbst ist kein Vorwurf zu machen. Bei all den kurz- und kürzestlebigen Mikro-Trends behalten selbst Experten keine Übersicht.

Musik ist trotzdem überall & allgegenwärtig. Ich habe ja vorhin von Licht gesprochen. Wo leuchtet es? Wo sind sie also, die positiven Seiten, Chancen und Hoffnungsgebiete im digitalen Nirvana? Das ist eine davon: diese völlig unkomplizierte rasche und allerorten mögliche Verfügbarkeit von Musik. Ich glaub’, man nennt das Niederschwelligkeit. Sie lesen über etwas, und hören es quasi im gleichen Augenblick. Sie hören etwas im Radio oder online – und der Download startet (sofern man den überhaupt noch für nötig befindet, eventuell aus einem Rest-Sammlertrieb heraus). Das ist schlecht für den Distinktionsgewinn, aber gut für Entdeckernaturen.

Und es hilft im Gegenzug auch den verbliebenen physischen Kultobjekten. Der Vinyl-Boom erklärt sich daraus. Und, so wie die Musik enorm liquid geworden ist (wenn auch nicht im monetären Sinn, hier trägt die universelle Verfügbarkeit zur Entwertung bei) und die Musikrezeption zum Alltagsphänomen, ist auch Musikproduktion , Musikdistribution, Social Media-Marketing, Below the line-Promotion… etc. usw. usf. für jedermann möglich. Brauch’ ich ausgerechnet Ihnen nicht erklären… Wir sind hier ja auf einer Musikmesse, oder? Was kostet heute ein Synthesizer, der ein ganzes Symphonieorchester ersetzt? Eine Upload- & Vermarktungs-Software? Oder ein komplettes Aufnahmestudio „in the box“? Aber was folgt daraus – ein egalitär-kraftmeierisches Hauen & Stechen, ein Kampf um Aufmerksamkeit, das alte Darwinsche Prinzip im Kunst- & Kulturbereich? Werfen Sie ruhig mal einen Blick auf Ihren Nachbar oder Ihre Nachbarin.

Sieben. Musik wird, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine enorm positive Kursentwicklung erleben.

Gründen Sie ein Label! Sofort! Oder noch besser: zwei. Einen eigenen Internet-Radiosender! Eine neue Streaming-Plattform für obskure Krautrock-Raritäten! Eine Record Company zum Mieten! Ein Musikmagazin für Tablet Computer! Oder meinetwegen auch eins, das noch Papier und Druckerschwärze kennt. Einen Verlag, der anders funktioniert als alle anderen! Eine anarchistisch-autarke Selbstvermarktungsmaschine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ein Enthusiasmus-Perpetuum Mobile. Eine … Man könnte, nein, man sollte… Tja. Sorry to say that: Time Over. Zeitkontingent aufgebraucht. Enthusiasmus-Reserve gegen null. Text-Ende. Jetzt liegt der Ball bei Ihnen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Sie ist letztlich doch eine Belohnung, die man nicht geringschätzen darf.

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben (Remix)

1. März 2013

Der „Extended Remix“ einer „Maschinenraum“-Kolumne: Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen und in den Online-Foren, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep-ahead

„Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer „Reset“ jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell – zumindest im Privatbereich – kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören „illegal“ Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, „teilen“ Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Demagogen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Lösungsprozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

Die Protagonisten des Schaukampfes verschleiern nur sehr beiläufig, Athleten, Gladiatoren und Statisten eines Stellvertreter-Kriegs zu sein: hie „Kunst hat Recht“, da die „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ und diverse Think Tanks wie „Kunst gegen Überwachung“, das „World-Information Institute“ oder die „IG Kultur“, die teils idealistisch-individualistisch-ideologisch agieren, partiell aber auch Förderung und Unterstützung durch die sozialpartnerschaftlich festgefügten Strukturen (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Parteiorganisationen) des Landes erfahren.

Hinter „Kunst hat Recht“ – nach Eigendefinition schlicht „eine Aktion von Kunstschaffenden in Österreich“ – stecken zuvorderst die IFPI, der Interessensverband der internationalen (Major)-Tonträgerunternehmen, Urheberrechtsgesellschaften wie AKM, AustroMechana, VBK, LSG und VAM und ein unterstützendes Netzwerk kulturnaher Interessensverbände, Vereine und Funktionärsversammlungen. Inszeniert und organisiert wird ihre Kampagne von der Skills Group GmbH., einer Wiener PR- und Lobbying-Agentur.

„Kunst gegen Überwachung“ dürfte sich als spontane antagonistische Plattform auf Facebook entwickelt haben und tritt vorrangig „gegen Kriminalisierung, Vorratsdaten-Speicherung und Zensur“ auf, bleibt dabei aber weitgehend anonym.

Hinter der euphemistisch betitelten „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ stecken fast ausschliesslich IT-Unternehmen und Händler, denen zuvorderst die Forderung nach einer „Festplattenabgabe“ ein Dorn im Auge ist. Namentlich sind dies: Adolf Schuss, Also, Apple, Asus, Brother, Canon, Dell, DiTech, Geizhals.at, Hewlett-Packard, Ingram Micro, Konica Minolta, Kyocera, Lenovo, Media Markt, Nokia, OKI, S&T, Samsung, Saturn, Sony, Tech Data und Toshiba. Als Sprecher fungiert – erstaunlicherweise auch im Namen der „Geiz ist geil!“-Konkurrenz – Damian Izdebski, Gründer und Geschäftsführer der Computerhandelskette DiTech.

Sorry, bei allem Respekt: diese Leute wollen – allein oder zumindest zuvorderst – unser aller Zukunft bestimmen?

Wo bleiben die Künsterinnen und Künstler, die kleinen Verlage, Agenturen, Filmproduktionen, Indie-Labels, Booker, Medienklitschen & -Cluster? Jene, die die seit Jahren als ökomonisches Hoffnungsgebiet vielbeschworenen „Creative Industries“ tatsächlich ausmachen? Sie tun, als ginge sie diese Diskussion nichts an. Sie wollen nicht Partei ergreifen, ihre Sympathien zuweisen (so sie denn überhaupt welche haben) oder eine festgelegte Position einnehmen auf diesem labyrinthischen Spielfeld. Einem anno 2013 äusserst undurchsichtigen Terrain, dessen Eckpfeiler Urheberrecht, Verwertungsrecht, Urhebervertragsrecht, Kopie, Plagiat, Sampling, Remix & Mashup, Creative Commons, Verwertungsgesellschaften und Pauschalabgeltungen heissen (um nur ein paar Schlagworte zu nennen) – und das selbst für Juristen und Urheberrechtsexperten oft ein einziges Minenfeld ist.

Der in Social Media, in Mainstream-Medien, auf den Unis und unzähligen Veranstaltungen zum Thema tobende Stellvertreter-Krieg hat offensichtlich die emotionale und faktische Distanz der Mehrzahl der Betroffenen eher befördert als verringert. „Kunst hat Recht“ z.B. scheint als starr durchkonzipierte, wenig kommunikationsfreudige und konservativ-rechthaberisch anmutende „Astroturfing“-Kampagne mehr kaputt- als gut zu machen. Auf der Gegenseite wiederum zieht man Politische Theorie, trotzigen Antagonismus und lustvolles Mikro-Hickhack einem konkreten, konstruktiven Dialog mit praxisnahen Playern und selbstbewussten Protagonisten der Kunst- & Kulturszene vor.

Selbst bei gesellschaftspolitisch radikal denkenden Aktivisten, etwa im Umfeld der „Piratenpartei“, scheint es aber so zu sein, dass das Urheberrecht als Ur-Kern aller Überlegungen und Basis ökonomischer Emanzipation per se nicht in Frage gestellt wird. Alte Schwarz-Weiss-Schemata – „Kommunismus“ versus „Kapitalismus“ etwa – haben ausgedient. Nicht zuletzt, weil der Paradigmenwechsel der Digitalära sie zur Makulatur erklärt. Und es gibt tatsächlich jede Menge Ideen, Ansätze, Garagen-Modelle und Partituren bislang unaufgeführter (und vielfach nie zu Ende komponierter) Zukunftsmusik-Symphonien. Wenn aber das Internet „das grösste Experiment in Anarchie, das es je gab“ ist – so Google-Vorstandsvorsitzender & -CEO Eric Schmidt –, dann gibt es eine fulminante Chance, die eingangs postulierte, allumfassende Krise konstruktiv umzudeuten: man nutze ihre Sprengkraft, um alles & jedes neu zu denken. Radikale Dekonstruktion als ultimatives Reformkonzept und Initialzündung des 21. Jahrhunderts.

Die Voraussetzung dafür: eine Triade der Notwendigkeiten. Eins: Transparenz. Sprich: eine rückhaltlos offengelegte, objektive Datenbasis. Zwei: die Analyse und präzise, detaillierte und konkret umsetzbare Ausarbeitung alternativer Vergütungs-, Förderungs-, Anreiz- und Basis-Lebensmodelle, die wohl weit über den engeren „künstlerischen“ Bereich hinausgehen wird und muss. Drei: eine breite demokratische Diskussion, Entscheidungsfindung und exekutive Realisierung des denkmöglich „besten“ Systems. Oder die Ermöglichung und Evaluierung parallel existierender, inhaltlich und technisch divergierender Modelle.

Also mal andersrum. Destination: Utopia. Genau in die Gegenrichtung jener Marschrichtung, in die diese zähe, unproduktive, mit Seitenblick auf diverse Posting-Foren und Leserbriefseiten annähernd absurde Diskussionsveranstaltung seit unzähligen Tagen, Monaten, Jahren steuert. Oder gesteuert wird.

Erkennen wir die Gegenwart als das, was sie ist: eine Vorahnung der Zukunft. Eine neue Ära. Chaos, das einen Stern in sich trägt. Unzweifelhaft eine Zäsur. Leiten wir daraus logisch notwendige Schritte ab. Lassen wir die wenig zukunftsträchtige Festplattenabgabe sein. Durchleuchten wir die Verwertungsgesellschaften bis in den letzten Winkel und konstruieren sie komplett neu. Machen wir die Geldflüsse, Subventionen und Kompensationen für Künstler transparent. Diskutieren wir darüber, wer überhaupt sich Künstler/in nennen darf. Und wozu es Verlage, Labels, Agenturen, Vertriebe, Medienhäuser usw. noch braucht. Stellen wir jedes vermeintliche Grundrecht in Frage, jede Lobby, Partei und Organisationsform und jeden aktuellen Gesetzestext, bringen wir alternative Wirtschafts- und Lebensmodelle ins Spiel, visieren wir ein generelles Grundeinkommen an und schauen uns alle (!) anderen Gesellschaftsbereiche strikt unter dem selben kategorischen Imperativ an. Vielleicht muß Rom ja niedergebrannt werden, bis zur letzten Hütte, bis zum letzten Palast, um Rom neu zu errichten.

Was Beppe Grillo wohl zu dem Vorschlag sagen würde? Nun: ganz pragmatisch plädiere ich dafür, die Festplattenvergütung erst dann zum Ideen-Gerümpel von vorvorgestern zu werfen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Und die Kreativklientel nicht zwischenzeitlich verhungert ist. Oder zu Berlusconi – als Sinnbild für die notorisch reaktionären, ewig dunklen Kräfte dieses Planeten – übergelaufen.

Die Beislhur’, der erste Herzinfarkt und der letzte Fetzentandler von Wien

23. April 2012

Anmerkungen zur Wiederveröffentlichung zweier legendärer Peter Schleicher-Alben.

Vorweg muss ich gestehen, dass ich beide hier vorliegende Alben – „Hart auf hart“, erstmals erschienen 1979, und „Durch die Wand“, das Nachfolgewerk aus dem Jahr 1982 – zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung offensiv ignoriert habe. Zwar ist mir noch das Cover von „Hart auf hart“ in Erinnerung, dessen siebdruckhafte, schwarz-weisse Schlichtheit die Plakativität und Symbolkraft des zentral ins Bild gerückten Pflastersteins noch verstärkte. Aber eine Austropop-Version der Rolling Stones war so ziemlich das Letzte, wonach ein damals Unter-Zwanzig-Jähriger gierte.

In Österreich hatte gerade, mit der üblichen Verspätung, die Zeitenwende begonnen – hinter sich liess man die siebziger Jahre, die Ära von Glam & Glitter, Art Rock, Disco und lokaler, zumeist unbeholfener Adaptionen internationaler Rock’n’Roll-Vorlagen. Vor einem lagen die Achtziger, das Nachglühen des Punk, die hereinbrechende New Wave (samt der hiesigen Spielart, der Neuen Deutschen Welle), das rasante Vordringen der elektronischen Musik, die allerersten Spurenelemente von Rap und HipHop, Sampling und funktionaler Tanzmusik. Und Peter Schleicher schien’ mir, bei allem Respekt, doch eher ein Vertreter vergangener Konventionen und Werte zu sein als ein Mann, dem die Zukunft gehörte.

Einerseits hatte ich mit meiner juvenil-forschen Einschätzung nicht ganz unrecht, das zeigt – wirklich deutlich wird dies natürlich erst im Rückblick, aus einer zeitlichen Distanz von über dreissig Jahren – der weitere Karriereverlauf von Peter Schleicher. „Hart auf hart“ und „Durch die Wand“ blieben Ausnahmewerke, sowohl ihrem Inhalt nach als auch in punkto Verkaufszahlen. Andererseits galten beide Alben schon recht bald als „legendär“, und sie sind es auch noch heute. Dass ein Wiener Musiker und Sänger so konsequent, stimmig und originell das Schaffen der Herren Jagger und Richards in die Alpenrepublik transferierte, mit einem Augenzwinkern ausstaffierte und mit jeder Menge Lokalkolorit versah, passierte ja nicht alle Tage. Zwar hatten hierzulande schon in den sechziger Jahren „The Vienna Beatles“ den originalen Pilzköpfen aus Liverpool nachgeeifert, später Wolfgang Ambros Bob Dylan ins Wienerische übersetzt („Wie im Schlaf“) und der eine oder andere Austropop- Lokalheroe das eine oder andere Liedlein aus dem Ausland importiert, adaptiert und exekutiert, aber dieses Kalkül hatte so ungeniert noch niemand gezogen. Und ohne Umwege umgesetzt.

Und, ja, es war ein Kalkül. Und zwar nicht jenes von Peter Schleicher. Sondern das seiner Plattenfirma WEA in Gestalt des damaligen Wiener Geschäftsführers Gunter Zitta. Der hatte zuvor bei der Bellaphon gesehen, dass sich mit derbem Zungenschlag und zärtlich-präziser, weil unendlicher Schattierungsfreude mächtiger Mundart ein schönes Geschäft machen liess. Sein Star hiess Wolfgang Ambros. Er hatte den „Urvater des Austropop“ (ein Etikett, gegen das sich Ambros noch heute verbissen wehrt) dem „Atom“-Label, einem Imprint der Schallplattenfirma Amadeo/Polydor – heute Universal – abspenstig gemacht. Und „Wie im Schlaf“, die Übersetzung einiger Songs von Bob Dylan ins Wienerische, hatte Ambros den überraschenden Durchbruch immerhin in Deutschland gebracht. Da ging noch was. Zufälligerweise hatte der Organist von Wolfgang Ambros – erraten: Peter Schleicher – gerade nach Unstimmigkeiten die Band der „Nummer eins vom Wienerwald“ verlassen. Und schien reif für eine eigene Karriere. Was lag näher, als ihm die Adaption des Ouevres der Rollings Stones anzutragen?

„Ich habe das als Job betrachtet“, erzählt Peter Schleicher heute. „Meine Idee war es jedenfalls nicht.“ Wie immer auch: man kann Jobs besser oder schlechter erledigen. Oder exzellent. Das Projekt „Peter Schleicher singt Rolling Stones“, das die nächsten Jahre prägen sollte, darf jedenfalls mit letzterem Prädikat bedacht werden. Auch wenn sich der Übersetzer z.B. weigerte, dem bekanntesten aller Stones-Songs, „Satisfaction“, nahezutreten. Die recht explizite „Beislhur’“, im Original „Honky Tonk Women“, geriet umgehend zum Ö3-Hit, ein aus heutiger Sicht – der strikt durchformatierte, stromlinienförmige Sender lässt heute nur mehr in Ausnahmefällen Dialekt erklingen – erstaunliches Phänomen. Aus „Play With Fire“ wurde „Roll’ mi net“, aus „Jumpin’ Jack Flash“ der „letzte Fetzentandler von Wien“, aus dem „Street Fighting Man“ der „Köch“, ein der tiefsten Seele des Wiener Dialekts entsprungenes Synonym für Ungemach, Wickel, kämpferische Auseinandersetzung, Streit. Es war und ist eben keine Wort-für-Wort-Übersetzung. Schleicher transponierte, transferierte und textete, wie ihm der Schnabel gewachsen war und wonach ihm der Kopf stand. Und es war gut. Es war sogar so gut, dass die Legende vermeldet, dass sich selbst Charlie Watts sachte erkundigt haben soll „What the hell is a Beislhur’?“

Das lässt sich rasch beantworten. Wer aber ist Peter Schleicher? 1945 geboren, gründete der von Internatserziehung und Malaria-Experimenten gepeinigte Nachwuchsmusiker 1967 The Clan, gemeinsam mit dem später zu Ruhm und Ehre gelangten Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) und dem Gitarristen Helmut Novak, der Mitte der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Keyboarder Schleicher zu Wolfgang Ambros stossen sollte. Zuvor betrieben beide aber noch die Soul-Rock-Band Plastic Drug, zu der auch Hansi Lang (voc) und die Wiener Lokal-Legende Uzzi Förster (sax) zählten. Von Plastic Drug existieren leider keine Aufnahmen (oder nur Bruchstücke einzelner Titel), von Schleichers knapp drei Jahren im Solde von Wolfgang Ambros ist vieles gut dokumentiert.

Das Zerwürfnis der beiden – Schleicher bestieg eines Tages einfach nicht mehr den Tourbus – hatte unzweifelhaft mit den kargen ökonomischen Bedingungen jener Tage zu tun. Zwar resultierte der Überraschungserfolg von „Hart auf hart“ auch in probaten Gastspiel- und Auftrittsangeboten, Schleicher entfernte sich aber ab Anfang der achtziger Jahre – eventuell unterfüttert durch eine zunehmend alkoholgetränkte Lethargie – mehr und mehr vom Rock’n’Roll-Business. „Mitgespielt hat auch, dass die Plattenfirma meine eigenen Songs nicht mochte.“, erinnert sich Schleicher. „Sie sind zwar unter dem Titel „Fifty-fifty (Wiener Geschichten)“ herausgekommen, gingen aber ziemlich unter.“

Was blieb, war der rote Faden Rolling Stones. Mit bekannten Musikern wie Harri Stojka, Mischa Krausz, Alex Mikulicz, „Bummi“ Fian, Lee Harper u.a.m. hatte Schleicher fähige Mitstreiter im Studio und auch live. A&R-Manager Jeff Maxian sang im Chor. „Durch die Wand“, 1982 – versehen mit einem nicht unauffälligen Covermotiv des Grafikers Manfred Deix – war eine folgerichtige Fortsetzung, aber nicht mehr der ganz grosse Erfolg. Hatte es damit zu tun, dass eine neue Generation von Ö3-Redakteuren – darunter meine Wenigkeit – das Projekt dem längst verwehten Zeitgeist der Siebziger zuschrieb? Oder doch eher mit der nachlassenden
Verve der Record Company?

Mit „Steinzeit“ (1994) und „Rotz & Wasser“ (1998, „Stones zum Hausgebrauch“) erschienen auf Kleinlabels weitere Bearbeitungen und Neuauflagen früherer Versionen, erstere sogar einmalig mit Mick Taylor als prominentem Gast an der Gitarre. Sie blieben Marginalien, sind aber von Rolling Stones-Sammlern im deutschsprachigen Raum nachwievor sehr gesucht. Schleicher, zwischenzeitlich fünffacher Vater geworden, bestritt seinen Lebensunterhalt als Importeur von Booten und Schiffen vornehmlich aus den USA, bevor er wieder zu den Ursprüngen zurückfand. Musical-Produktionen in Wien, Bad Ischl und Berlin waren teils erfolgreich, teils folgenreich, weil finanziell desaströs. Heute hat der eingefleischte Musiker wieder eine Band (Schleicher: „Die beste und angenehmste, die ich je hatte“) um sich geschart und tritt live mit zunehmender Frequenz und Resonanz auf. Natürlich nicht ohne die berühmten Stones-Versionen. Reanimiert, verschärft, frisch bearbeitet.

Dabei haben die alten Stücke, hört man sie heute wieder, kaum Moos angesetzt. „Da Köch“ zum Beispiel ist brisanter denn je. Einmal geht’s noch, lieber Peter Schleicher. Mindestens.

Hart auf hart / Durch die Wand“ erscheint am 23.04.2012 bei Bear Family Records / Lotus.

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