Archive for the 'ROLLING STONE' Category

Bronfman’s Blues

7. Dezember 2004

Edgar Bronfman jr. scheint von einem Tick besessen: er kauft Plattenfirmen wie andere Spielzeugautos – zuletzt Warner Music. Derweil versucht die Konkurrenz ihr Heil in Elefantenhochzeiten, Massenentlassungen und Vorwärtsstrategien.

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Im Wochenend-Feuilleton-Salon der „Financial Times“ dürfen schon mal, sagen wir, The Strokes für Abwechslung sorgen. Schließlich gehört es zum guten Ton, ab und an den Rock’n’Roller raushängen zu lassen. Beiläufig nur, aber immerhin. Passend zum Casual Style und zur lässigen, kumpelhaften Attitüde, die damals, Anfang bis Mitte der Neunziger, in den Chefbüros Einzug gehalten haben. Auch wenn das Mienenspiel der Controller längst von Dur auf Moll gestimmt ist – man will sich den Spaß an der Sache und den Hang zum Wahren, Guten, Schönen (und vormals leidlich Verkäuflichen) nicht gänzlich verderben lassen.

But the times, they are a-changin’. Die wahre Musik spielt längst anderswo. Auf den vorderen Seiten des lachsrosa Blattes, dort, wo die Wirtschaftsnachrichten – zumindest in Sachen Tonträger-Industrie – seit Jahren nichts Gutes mehr zu verkünden haben. In den Computerillustrierten, die einmal mehr über das „Musik-Copy-Chaos“ („PC Magazin“) oder die Unzulänglichkeit der deutschen Download-Angebote lästern. Oder in den HiFi- und Home Entertainment-Gazetten, die die neueste Generation an Festplatten-MP3-Playern, Surround-Anlagen und Wireless LAN-Jukeboxen abfeiern und von der schnöden CD kaum mehr etwas wissen wollen. Von den Nachrichtenmagazinen, die en passant vom Sündenfall Richtung Musik-TV oder Lokalpolitik zu berichten wissen, ganz zu schweigen.

Die Lage zum Jahreswechsel: schwierig. Sehr schwierig. Minus 10,6 Prozent verkaufte CDs im ersten Halbjahr `03 weltweit. Das fünfte Jahr mit einem dicken Minus in Folge – von 1998 bis 2002 schrumpfte der globale Umsatz um knapp 6 Milliarden Dollar. Der weltgrößte Musikkonzern Universal hat gerade hunderte Mitarbeiter entlassen (allein in Deutschland über sechzig) und angekündigt, bis zum Ende des ersten Quartals 2004 weitere achthundert Stellen streichen zu wollen. Offizielle Stellungnahme der Konzernspitze: „Universal bewertet ständig sein Geschäft neu, um das effizienteste und wettbewerbsfähigste Musikunternehmen der Welt zu bleiben“. So kann man den rasanten Abmagerungsprozeß natürlich auch umdeuten.

Der Rest der ehemaligen „Big Five“ der Major-Konzerne – BMG, Sony, Warner und Capitol-EMI – suchte sein Heil zunächst in der gegenseitigen Umarmung. Fusionsgespräche allerorten, jeder mit jedem, hüben und drüben. Monatelanges Brodeln in der Gerüchteküche. Bis im Oktober Bertelsmann und Sony als erste die Ehe – oder zumindest die Verlobung – verkündeten. Mit Sony BMG entsteht, wenn auch nicht ganz ohne Zwang und konzerninterne Kritik (die immerhin zum Abgang des Bertelsmann-Aufsichtsratsvorsitzenden führte), ein neuer Branchengigant. Mit einem Marktanteil von weltweit über 25 Prozent könnte er die Führungsrolle von Universal übernehmen. Außen vor bleiben die Musikverlage, die Vertriebe und Preßwerke. Und auf dem Heimatmarkt Japan will und wird sich Sony von den Deutschen auch nichts dreinreden lassen – überall sonst soll der Verschmelzungsprozeß ab dem Frühjahr anlaufen. Die Chefs stehen fest: Andrew Lack, Ex-Sony-CEO, bleibt an der Konzernspitze, BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz übernimmt den Vorsitz des Aufsichtsgremiums. Die Befürchtung, daß eine derartige Elefantenhochzeit von den Kartellwächtern der EU, namentlich Kommissär Mario Monti, verhindert würde, ist mit dem dramatischen Markteinbruch fast ganz verschwunden.

Was auch mit dem Scheitern der Tändelei zwischen zwei weiteren Riesen zu tun hat: EMI und Warner. Letzteres Unternehmen, im Besitz des schwächelnden Medienkonglomerats Time Warner (bis vor kurzem noch: AOL Time Warner), stand zum Verkauf. Der Versuch der Übernahme durch den britischen Konkurrenten Capitol-EMI, der allein auf Musik setzt und damit stärker als die Mischkonzerne Sony, Bertelsmann und Vivendi Universal unter Zugzwang steht, scheiterte an einem zu niedrigen Gebot. Gerade mal 1,6 Milliarden Dollar hatte EMI-Chairman Eric Nicoli den Amerikanern in Aussicht gestellt.

Damit schlug einmal mehr die Stunde für einen alten Bekannten im Kreis der Branchenmogule: Edgar Bronfman junior. Gemeinsam mit einem Bieterkonsortium legte er nochmals eine knappe Milliarde Dollar drauf – und bekam den Zuschlag. „Die fünfte Chance für Edgar“, kommentierte umgehend die „Financial Times“ das Comeback des Milliardärs mit dem Hang zum Showgeschäft. Nicht ohne zynische Überschriften („Ein gewisser Sinn für Verschwendung“) und einer minutiösen Aufzählung der bisherigen Mißerfolgsserie des neuen Bosses von Madonna & Co.

Erster künstlerischer Gehversuch mit 17 als Produzent des Hollywood-Streifens „The Blockhouse“ – Flop. Vater Edgar Bronfman, Mehrheitsinhaber des Spirituosenkonzerns Seagram und Großinvestor bei Metro-Goldwyn-Mayer, deckt die Verluste ab. Und ermöglicht einen neuen Anlauf, diesmal mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Flop. Der Junior zieht sich zurück, heiratet eine afroamerikanische Schauspielerin – was wiederum den Vater erzürnt – und zieht schließlich Anfang der neunziger Jahre in der Chefetage des Schnapskonzerns ein. Aber seine Vorliebe für die schönen Künste (Bronfman jr. komponierte Songs u.a. für Celine Dion und Dionne Warwick) läßt ihn nicht los. Seagram erwirbt um 5,7 Milliarden Dollar 80 Prozent von MCA – man beachte im Rückspiegel den aktuellen Branchen-Preisverfall! – und verkauft dafür Anteile am Chemieriesen DuPont. Als ihm später Aktionäre vorrechnen, daß dies ein reichlich schlechtes Geschäft gewesen sei, meint Bronfman jr. nur, die Chemieindustrie sei „langweilig“. Flop Numero vier. Kurzweiliger wird es, als MCA in Universal umbenannt, mit der Polygram verschmolzen und die Mediensparte von Seagram an den französischen Giganten Vivendi (Kern: die Pariser Wasserwerke) verkauft wird. Die Bronfman-Familie muß dafür die Schnapsdestillerien verkaufen und erhält im Gegenzug Vivendi-Aktien. Die, wie sich bald herausstellt, durch Mißmanagement und marktferne Gigantomanie rasant an Wert verlieren. Innerhalb weniger Jahre hat Edgar Bronfman jr. rund achtzig Prozent eines riesigen, in Jahrhunderten zusammengetragenen Familienvermögens verspielt. Ein Megaflop.

Daß er jetzt trumphierend im Chefsessel von Warner Music (der Name soll erhalten bleiben, es handelt sich nunmehr laut der „New York Times“ um die „größte US-Independent-Musikfirma)“ sitzt, dürfte von Vater, Onkel und sonstigen Verwandten und Bekannten mit größerer Sorge denn je gesehen werden. „Das ist die größte Demonstration von Egomanie und Stupidität“, so der Kommentar eines Mitbewerbers, „seit man Milli Vanilli beim Schwindeln vorm Mikrofon erwischt hat“.

Das Bieterkonsortium rund um Bronfman jr. wiederum beteuert, große Chancen gerade in der aktuellen Krise der Musikindustrie zu sehen. Allein der Verlag, dessen Erlös relativ stabil blieb, könnte den Kaufpreis auf Dauer wert sein. Mit drastischen Kostenreduktionen – das Patentrezept des neuen Jahrtausends? – und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle will man auch in Zukunft die Kasse klingeln lassen. Der sogenannte „Backkatalog“, das historische Familensilber von Warner, ist ja auch nicht zu verachten. Von Neil Young und Led Zeppelin bis hin zu den Red Hot Chili Peppers und R.E.M.

Könnte gut sein, daß Edgar jr. gerade im frisch bezogenen Chefbüro sitzt und die Musikanlage testet, volle Lautstärke, die „Fiancial Times“ ungelesen zerknüllt im jungfräulichen Papierkorb. „Keep On Rockin’ In The Free World“! Oder doch eher „It’s The End Of The World As We Know It (But I Feel Fine)”?

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Universal Soldiers

11. September 2003

Fallen die CD-Preise? Universal Music macht es in Amerika vor – Dumping-Strategien und Druck auf den Handel sollen gegen Internet-Piraterie und Schwarzbrennerei helfen. Deutschland wartet, wie ganz Europa, noch ab.

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Ceterum censeo: CDs sind zu teuer! Jahrelang war das ein Stehsatz, der in keiner, wirklich keiner Debatte zur Gegenwart und Zukunft der Musikindustrie fehlen durfte. Gleichsam das Credo frustrierter Konsumenten, Handelspartner, Internet-Ideologen und Wirtschaftsanalysten, im Gegenzug mehr oder minder geschickt entkräftet und umgehend verteufelt von der Mehrzahl der Musikindustriekapitäne und Plattenbosse.

Der Preis einer CD, hieß es unisono von deren Seite, sei ja nicht an den marginalen Fertigungskosten des Tonträgers zu messen – die kämen tatsächlich billiger als jene des Vorgängers, der Vinyl-LP. Die drauf enthaltene Musik aber, neudeutsch: der „content“, schlage mit immer höheren Beträgen zu Buche. Respektive deren Vermarktung. Videos, Medienkooperationen und Handels-Promotionzuschüsse würden Unsummen verschlingen. Doch ein Künstler, dessen Werk nicht massiv mit Geld nach vorne geprügelt werde, hätte inmitten des allgemeinen Marketing-Overkills und der Reizüberflutung kaum eine Chance. Selbstverständlich, so der Tenor der „Big Five“ Universal, Warner, BMG, Sony und Capitol/EMI, müsse da der Konsument sein Scherflein beitragen – ein durchschnittlicher CD-Preis zwischen 15 und 20 Euro hätte schon seine Richtigkeit. Und an einen Preisnachlaß sei nicht einmal im Traum zu denken.

Über Nacht aber war alles anders. Am Donnerstag, dem 4. September 2003, schreckte eine Nachricht die Branche auf: Universal, der weltgrößte Musikkonzern, senkt ab Anfang Oktober die Großhandelspreise für CDs bis zu einem Drittel. Radikal, weil flächendeckend. Zunächst allerdings nur im Land der begrenzten Unmöglichkeiten, den USA. Resultat: eine unverbindliche Preisempfehlung von 12,98 Dollar, also knapp 12 Euro, pro Silberscheibe. In Kenntnis der Marktmechanismen konnten die Universal-Manager davon ausgehen, daß der durchschnittliche CD-Preis – für reguläre Ware, keine „Nice Price“-Schnäppchen – damit auf rund zehn Dollar sinken würde. „Eine Revolution, eine wahrhaftige Faustwatsch’n“, so der FM4-Feuilletonist Martin Blumenau. „Ein gewagter Schritt“, wie auch Universal-Chairman Doug Morris eingestand. Die Meldung sei eingeschlagen wie eine Bombe, erklärte ein Vertreter einer Vereinigung unabhängiger Plattenläden gegenüber der „L.A. Times“. Die Schrecksekunde der Major-Konkurrenz dauerte Stunden, in vielen Fällen Tage. Bei einigen hält sie – no comment – immer noch an.

Dieser Schlag kam wirklich überraschend. So unangekündigt jedenfalls, daß mancher regionale Universal-Geschäftsführer sich am 4. September noch ungläubig die Augen rieb beim Studium der Mail-Depesche aus dem Hauptquartier, während bei der Vorzimmerdame die ersten Journalisten bereits dringliche Auskunft zum brisanten Thema begehrten. Dabei waren die Vorbereitungen seit Monaten gelaufen. In Marktanalysen hatten Meinungsforscher im Vorfeld herausgefunden, daß 53 Prozent aller US-Konsumenten (Zielgruppe 16 Jahre und älter) keine CDs und Cassetten mehr kauften, weil sie zu teuer kämen. Ziel der neuen Preisstrategie, hieß es aus den USA, sei es also schlicht, „die Musikfans in die Geschäfte zu bringen und die Verkäufe zu steigern“.

Im Klartext: man war und ist dringend auf der Suche nach einer attraktiven Botschaft, die als Kampfsignal gedeutet werden kann und darf. Die Mehrzahl der Konsumenten hat anno 2003 auch schon mal von Kazaa und CD-Brennern gehört, ist damit aber nicht wirklich vertraut. Manche besitzen keinen High Tech-PC bzw. Internet-Zugang, viele sind – nicht zuletzt aufgrund der aktuellen RIAA-Klagen und massiven Abschreckungskampagnen – gewillt, die Finger davon zu lassen. „Stealin’ is bad karma“, in diese Kerbe schlug folgerichtig auch Apple-Vordenker Steve Jobs mit seinem iTunes Music Store. Anfang September hatte er mit der prototypischen Download-Plattform bereits 10 Millionen Downloads verkauft, zum Durchschnittspreis von 99 Cent je Musiktitel. Die hohen Preise des traditionellen physischen Tonträgers ließen sich in Anbetracht der Situation auf Dauer nicht halten.

Unter Experten gilt die CD als längst entwertetes Produkt mit Ablaufdatum. Nachfolgeformate wie die Super Audio-CD (SACD) oder DVD-Audio, die bislang unkopierbare, qualitativ höchstwertige Mehrkanal-Klangeindrücke bieten, gewinnen abseits technikverliebter Esoterik-HiFi-Zirkel erst langsam Fans und Käufer. Bislang waren die CD-Nachfolger zu teuer, oft inkompatibel, zu überkandidelt für den Alltag des durchschnittlichen Pop-Konsumenten. Zumal der längst begonnen hatte, seine Lieblingsscheiben höchst kompakt als MP3-Kollektion auf der Festplatte seines Computers zu archivieren oder auf schnuckeligen Mini-Playern mit sich herumzutragen. Der Nachschub an aktuellen Ohrwürmern, Charts-Stürmern und Eintagsfliegen wurde – da unkompliziert, treffsicher und vor allem gratis – meist bei Kazaa & Co. gezogen. Es sei nun Ziel der Anstrengung, so Universal Music-Präsident Zach Horowitz, die Konsumenten weg von illegalen Musikangeboten zurück in die Geschäfte zu holen. Josh Bernoff, ein Analyst von Forrester Research, sieht das anders: „Im Grunde ist die Botschaft dieses Schritts: „Wir geben auf“.

Vielleicht ein voreiliger Schluss: denn in Wirklichkeit ist der Schritt der drastischen Preissenkung für Universal weit weniger dramatisch, als er auf den ersten Blick aussieht. Bluten müssen vor allem die großen Handelsketten, denen im Zug der Preissenkung die Rabatte und Sonderkonditionen gestrichen werden. Der kleine Einzelhändler, also der Plattenladen á la „High Fidelity“, darf – sofern es ihn noch gibt – aufatmen. Plötzlich erhält er dieselben Konditionen wie WalMart & Co., die noch dazu mehr Regale für die billigeren Tonträger freimachen sollen. Dran glauben müssen allerdings auch die Künstler, deren Beteiligung sich im Regelfall an den Händlerabgabepreisen festmachen läßt. Den Marketingstrategen in den Chefetagen ist derlei herzlich egal – ihre Aufmerksamkeit gilt voll und ganz dem größten Feldversuch seit der Erfindung des Digitaltonträgers. Kann, soll, wird die CD so wieder „heiß“ werden? Man darf jedenfalls Wetten abschliessen, daß die anderen Majors das Universal-Modell rasch adaptieren und übernehmen. Universal hat sich selbst und den Rest der Bande unter Zugzwang gesetzt.

In Europa ticken die Uhren – noch – anders. „Das Signal aus den USA heißt: unsere Preise können flexibel sein“, so Universal Deutschland-Chef Tim Renner. „Wir beobachten die Entwicklung, aber planen zur Zeit selbst keine Veränderung des Preissystems“. Wie bitte? Nun: Import-Restriktionen, EU-Schutzzölle und bürokratische Barrieren verhindern das ungenierte Überschwappen der US-Dumping-Welle. Vorerst. Allerdings wissen auch Renner und seine Kollegen, daß sich ein Preisgefälle auf Dauer nicht künstlich abschotten läßt. „Wenn sich das System für den Handel, den Markt und für Universal bewährt“, so Renner, „gibt es keinen Grund, nicht auch in Deutschland über Veränderungen nachzudenken“.

Eine zu zögerliche Reaktion? „Der 4.September ist der Tag, an dem die Musikindustrie im deutschsprachigen Raum ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hat“, ereiferte sich der Radiomoderator und Net-Feuilletonist Martin Blumenau auf der Homepage des Wiener Kult-Radiosenders FM4. Ohne weltweit einheitliche Preislogik kein Aufschwung. „Wenn die Europäer, vor allem die Deutschen, an ihrer derzeitigen Position festhalten, werden sie allesamt versinken“. Resultat des Mahnrufs: eine intensive Diskussion unter den Hörern. Innerhalb der üblichen Bandbreite – von rechtschaffenen Brandredner pro Künstler, Kleinlabel und Indie-Musicstore bis hin zum abgebrühten Filesharing-Anarchisten. Überwiegender Tenor: ein erster Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn der kalifornische Marktanalyst Sean Beanen partout noch nicht das Ende der Baisse sehen will: „Sie können die Download-Schlupflöcher morgen zusperren, und die Industrie hätte immer noch nicht ihre Probleme gelöst“.

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