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Mehr Licht!

31. Januar 2013

„Mehr Licht!“ waren angeblich die letzten Worte Goethes auf dem Sterbebett. Längst hat die Literaturforschung dies als Mythos entlarvt. „Mehr Licht!“ könnte aber zum aktuellen Schlachtruf gegen eine fatal intransparente, partiell inferior planlose und traditionell lobby-hörige Medien- und Kulturpolitik werden.

Handröntgen

Es gibt einen mächtigen Zeit-Strom – er heisst: Transparenz. Alle anderen signifikanten Entwicklungen, Trends und Strömungen der letzten Jahre ordnen sich diesem Imperativ unter. Egal, ob in Politik, Gesellschaft, Religion, Wirtschaft, in Behörden, Banken oder Medien: es gibt kaum mehr Institutionen, die nicht in Frage gestellt werden. Funktionsträger, die als unantastbar gelten. Tabus, die nicht längst zweifel-, wenn nicht gar lachhaft sind.

Freilich gibt es da wie dort konservative, restaurative oder schlichtweg reaktionäre Kräfte, die sich verbissen gegen den Zeitgeist wehren. Aber ihre erregten lobbyistischen Aktionen und Reaktionen legen die dunklen Zonen der „wohlerworbenen“ Vorrechte, „Das war immer so“-Pfründe, der Freunderl- & Parteibuch-Wirtschaft und der gänzlich ungenierten Machtpolitik, verquickt mit systematischer und nicht gerade selten auch individueller Korruption, umso nachhaltiger offen. Man kann diese zähe Gemengelage, die uns alle zu ersticken droht, mit einem kurzen Wort umreissen: Filz.

Die unfreiwillige Freimütigkeit, die sich aus dem wachsendem Unwillen weiter Bevölkerungskreise, den Status Quo ewig mitzutragen, ergibt, nährt sich auch aus der Verknüpfung immer grösserer Datenbestände, intensiven Recherchen kritischer Journalisten sowie (halb-)informierter Staatsbürger und einer langsamen, aber beständigen Öffnung des Gesetzgebers in Richtung Transparenz. Was wir gerade erleben, ist die Hinterfragung, Durchleuchtung und Aufarbeitung eines Systems, das seine Bedeutung und Legitimation seit jeher aus sich selbst heraus erklärt, eine lebendige Demokratie zur „Demokratur“ herabwürdigt und uns alle die Spesen einer Tafelrunde der oberen Zehntausend zahlen lässt. Oh: es tut verdammt gut, die österreichische Realverfassung ins Wanken geraten zu sehen.

Bevor Sie nun meinen, ich würde hier – vollkommen unpassend – zu einer privatistischen Wirtshaustisch-Tirade ansetzen: leider macht die System-Durchseuchung vor dem Medien- & Kulturbereich nicht halt. Im Gegenteil. Zwei Bespiele. Das erste: der pensionierte ORF-Spitzenmanager, der sich vor Gericht ein zusätzliches Pensions-Körberlgeld von 668.000 Euro erstreitet. Geld, das ihm ein anderer pensionierter ORF-Spitzenmanager freihändig zugesagt hat. Schriftliche Unterlagen dazu gibt es keine.

So geht das also: man schnapst sich – zwischen Machthaberer und Machthaberer, zwischen Parteifreund und Tarockpartner, zwischen Tür und Angel – im Plauderton extra ein paar Netsch aus, um die eh schon beachtliche Gage und privilegierte Pension noch aufzufetten. Wahrscheinlich lautet der Standardreflex dieser Potentaten „Neiddebatte!“, wenn man sich erlaubt darauf hinzuweisen, dass vom Zubrot des Herrn O. etwa 33,4 freie Ö1-Mitarbeiter ein Jahr lang leben könnten (das ist nämlich das generöse Netto-Fixum, das der ORF den zum ewigen Prekariat verdammten Jungjournalisten angeboten hat.) Und wehe, es steht irgendeines dieser Würschtl’n am bis zur Grabesruh‘ reservierten VIP-Parkplatz…

Gut, die ernüchternde Faktenlage in der Zeitung nachlesen zu können. Sie wirft nämlich ein grelles Licht auf den absehbar immer angestrengteren, immer schmerzhafteren (und irgendwann nicht mehr machbaren) ORF-Real-Finanzspagat. Und bringt absehbar die Chefetage am Küniglberg nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern in die Bredouille. Völlig zurecht, wenn Sie mich fragen. Auch wenn in diesem speziellen Fall der amtierende Generaldirektor und seine Justitiare gegen die ORF-Altlasten vor Gericht gezogen sind. Erfolglos, leider.

Zweites Beispiel. Im Wirtschaftsmagazin „trend“ fordern Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer und der kaufmännische Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien, Thomas Drozda, aktuell eine Aufstockung der Budgets für ihre Häuser von 10 Millionen Euro. Jährlich. Ab 2013. Sonst gehe nämlich, so Springer („Wir stehen jetzt nackt da“), bald gar nichts mehr. Die „Basisabgeltung“ macht bei den Bundesbühnen schon 144 Millionen Euro aus, bei den im Eigentum der Stadt Wien stehenden Vereinigten Bühnen 37 Millionen Euro. Jahr für Jahr. Und das bei Spitzenauslastung. Und teilweise – man denke an das weltweit operierende Musical-Imperium der VBW – bei höchst kommerziellen Mainstream-Produktionen und -Inhalten. Es ist der Grossteil der Kulturbudgets, der solchermassen fix zugeteilt und verplant, selten hinterfragt und evaluiert, insgesamt regelrecht festzementiert wird.

Man könnte jetzt mal polemisch nachfragen, wie die Herren Springer, Drozda & Co. allein ihre eigenen fürstlichen Gagen jenseits des Gehalts des Bundeskanzlers rechtfertigen – aber das kann man getrost auch den Online-Kommentatoren aus dem gemeinen Volk überlassen. Weniger lustig wird es aber, wenn man versucht, die Evaluierungs-Berichte zu den Kulturtankern nachzulesen. Denn diese – Tonnen von Papier! – wurden zwar erstellt, sind aber geheim. Was man so erklärt: „Da Teile der in den Gesamtberichten enthaltenen Informationen aus rechtlicher Sicht als Geschäftsgeheimnisse zu werten sind, deren Offenlegung die Wettbewerbssituation der Österreichischen Bundestheater gefährden oder verschlechtern könnte, wird von einer Veröffentlichung der Gesamtberichte Abstand genommen.“ Schmeck’s! Doch jede Wette, dass sich diese trotzige, wirklichkeitsfremde Position nicht auf Dauer halten lässt.

Der Hang & Drang zur Transparenz hält an. Und wird nicht schwächer werden, im Gegenteil. Denn allmählich sollte sich doch der Grundsatz, dass für alle dieselben (oder zumindest egalitäre) Spielregeln zu gelten haben, durchsetzen. Und, nein, ich habe kein grundsätzliches Problem mit Subventionen – für künstlerische und kulturelle Wagnisse, für Risikoproduktionen, für Qualitätsinhalte und Marktunabhängigkeit, für Off- und Off-Off-Mainstream-Experimente, für nachhaltigen Innovationsgeist und erwiesenes Durchhaltevermögen. Aber ich mag nicht in buntbemalte Touristenattraktionen – gerade steht etwa das Hundertwasser-Haus heftig in der Diskussion – und vage Umwegrentabilitäten, in Brot- & Spiele-Aktionismus und offensive Volksverblödung, in strikt kommerzielle Rendite-Objekte und nie hinterfragte K&K-Traditionen die Kulturbudgets und Medienförderungen hineingepumpt wissen. Zumal diese real schmaler und schmaler werden.

Was Unternehmer, Manager, Investoren mit ihrer privaten Kohle treiben, ist ihre Sache (sofern keine Gesetze verletzt werden). Wenn aber öffentliche Gelder im Spiel sind, Subventionen die primäre (und oftmals einzige) Existenzgrundlage bilden oder kollektive Einnahmen kanalisiert und verteilt werden, ist Transparenz oberstes Gebot. Egal, ob es sich um die Salzburger Festspiele oder das Popfest Wien, die AKM oder die LSG, die Leercassetten-Abgabe oder die ORF-Gebühren, die Honorare für Beraterinnen der Kulturministerin oder Zuträger des Kulturstadtrats oder die Pensionsregelungen für Funktionäre der Arbeiter- oder Wirtschaftskammer handelt.

Mehr Licht! Mehr ist nicht zu sagen. Für’s erste.

Vom Fressen und Gefressen-Werden

29. November 2012

Neue Zeiten brauchen neue Medien. Aber gelten nicht, wenn es um Inhalte, Aufgabenstellungen, Stil, Aufmachung und Qualität geht, die alten Spielregeln? Und dreht es sich nicht immer alles um die Frage: wer zahlt? Und: wofür?

Ich schreibe diese Zeilen in „Film Sound & Media“, einem, nein: dem „Magazin für die österreichische Entertainment- & Medienbranche“, wie der Untertitel selbstbewusst proklamiert. Diese Gazette – zunächst ein Art Zentralorgan der heimischen Musikbranche, mittlerweile notwendiger- und dankenswerterweise mit einem grösseren Horizont ausgestattet – erscheint, wenn ich mich recht erinnere, seit Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zunächst zweiwöchentlich, nunmehr annähernd monatlich.

Ich selbst steuere die Kolumne, die Sie gerade lesen, seit ungefähr acht Jahren bei. Eine launige, subjektive, oft nicht gerade – nomen est omen – unkritische Kolumne, die nicht immer nur Beifall fand und findet. Was mir nur recht ist: Widerspruch ist willkommen, ja geradezu erwünscht. Beiläufige, langweilige und kaum je wirklich wahrgenommene Gefälligkeitsartikel sollen andere schreiben, dafür bin ich der falsche Mann. Und weil dem so ist, überlege ich gerade, einen Nachruf zu verfassen. Einen Nachruf auf diese Kolumne. Diese Zeitschrift. Den konsensualen Geist, der ihr Erscheinen erst ermöglichte. Einen Nachruf auf eine Ära, die absehbar zu Ende geht.

Das ist natürlich pure Provokation. Sie kennen das, sind derlei von „Grob Gröber Gröbchen“ schon gewohnt. Aber mir ist es ernst. Ich schreibe diese Zeilen zu einem Zeitpunkt, da allerorten das grosse Zeitungssterben anhebt. Zumindest jenseits des Schrebergartenzauns. Die „Financial Times Deutschland“, wahrlich nicht die schlechteste Wirtschaftszeitung, wird eingestellt. Die „Frankfurter Rundschau“ ist insolvent. Die Stadtzeitung „Prinz“ verlagert ihre Aktivitäten ins Netz. „Newsweek“ dito. Nach fast achtig Jahren gibt es das renommierte US-Wochenmagazin nicht mehr am Kiosk. In Österreich kündigen „Die Presse“ und der „Kurier“ Journalisten, andere werden folgen. Der Paradigmenwechsel der Digitalära erfasst die „Holzmedien“ peu á peu.

Und er ist tiefgreifender, radikaler, folgenreicher, als es sich viele gut bezahlte Lotsen, Stewardessen und Steuermänner auf den Brücken der einstmals so stolzen Dickschiffe der Medienindustrie vorstellen konnten. Und wollten. „Wir haben die schöpferische Zerstörungskraft des Internets zwar seit unserer Gründung so intensiv beschrieben wie kein anderer in Deutschland“, bekennt etwa die Chefredaktion der „Financial Times“ in ihren Abschiedsworten. „Es ist uns allerdings nicht gelungen, darauf aufbauend ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das unseren Anspruch an Journalismus zu finanzieren vermag.“ Dennoch, der Glaube an „schöpferische Zerstörung“ und „neue Geschäftsmodelle“ sei ungebrochen. Nun: ja. Aber wenn man es gezählte dreizehn Jahre lang nicht schafft in einem der potentesten, kopfstärksten und innovativsten Verlagshäuser Europas, letztere zu finden, zu kanalisieren und für sich zu nutzen: wo stecken sie dann?

Man ist geneigt – „Lass’ sie Zukunft fressen!“ –, Frank Schirrmacher rechtzugeben in seinen notorisch gedankenmächtigen, bildungsbürgerlichen Rundumschlägen wider die Profiteure der rückhaltlosen Auflösung althergebrachter Strukturen und Denkmodelle. Man könnte auch milde lächeln, weil nicht gerade wenige Journalisten jahrelang nur Spott & Hohn übrig hatten für das erste Opfer, quasi die Negativ-Avantgarde der neuen Epoche: die alte, verschlafene Major-Musikindustrie – und nun die Revolution diese Kindsköpfe frisst. Oder man hat es sich, wie manche vermeintliche Kriegsgewinnler und frischgeföhnte Selbstausbeuter, im Windschatten von Google, Apple, Facebook, Amazon, Spotify & Co. bequem eingerichtet, ideologisch und/oder ökonomisch, und kaut an dem einen oder anderen Knochen, der einem gelegentlich zugeworfen wird.

Aber halt! Das ist eine zu zynische, zu negative Sicht der Dinge. Und eventuell auch eine zu unrichtige. Denn in einem Punkt haben die „Financial Times“-Chefdenker schon recht: jeder schöpferische Prozess bringt zwangsläufig, über kurz oder lang, tatsächlich neue Geschäftsmodelle mit sich. Wenn die Gesellschaft „Geschäften“ aber seit kurzem misstraut – sie tut es nicht wirklich, wage ich zu behaupten –, dann sind es eventuell neue Gesellschaftsmodelle. Und wenn man dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci glauben darf, besteht eine Krise, jede Krise, daraus, „dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.“

Was hat das alles mit „Film Sound & Media“ zu tun?, werden Sie fragen, einem vergleichsweise winzigen, eventuell unwichtigen Vereinsblättchen einer im globalen Maßstab winzigen, weithin unwichtigen heimischen Entertainment-Industrie? Nun: jede Menge. Man wird sich – wohl rascher und klarer, als von manchen erwartet – für oder gegen einen eigenen Standpunkt entscheiden müssen. Für oder gegen eine eigene Stimme im Meer der kakophonischen Miß- und Desinformation. Und für oder gegen ein eigenes Organ, das diese Stimme transportiert.

Dieses Organ heisst zur Zeit – nicht nur, aber auch – „Film Sound & Media“. Nicht, dass es an diesem Magazin nichts zu kritisieren gäbe (inklusive – gern, wie gesagt! – dieser Kolumne ganz zum Schluß.) Nicht, dass dieses Blatt nicht auch im Internet, als Online-Medium, erscheinen könnte. Zusätzlich. Oder ausschliesslich. Nicht, dass eine Branche nicht auch gänzlich ohne Mitteilungshefte dieser Art auskommen könnte.

Aber wenn man nun mal ein „Magazin für die österreichische Entertainment- & Medienbranche“ herausgibt, finanziert und mit Inhalten bestückt – von der Filmindustrie bis zu den Privatradios, von der öffentlich-rechtlichen Medienorgel bis zur Landesfiliale einer Major-Plattenfirma, vom selbstbewussten Indie-Label bis zur Wirtschaftskammer-Unterabteilung – und dies mit einem gewissen Grad an Selbstreflexion, Stolz und Mitteilungsbedürfnis tut, dann sollte man ein Auge darauf werfen, ob dieses Medium zeitgemäss, engagiert und effizient die Aufgabenstellung erfüllt. Und wenn es das (vermeintlich oder tatsächlich) nicht tut, dann gilt es dafür Sorge zu tragen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn nun aber die schon länger anhaltende Klage der operativen Kür- & Pflichterfüller lautet, dafür seien die Geldmittel zu schmal bemessen, der Wille zu schwach und das solidarische Prinzip des An-einem-Strick-Ziehens längst zu fadenscheinig, und wenn man dann allerorten nur ein müdes Kopfnicken als Reaktion erhält – dann brennt der Hut. Dann könnte es sein, dass dieser Nachruf – auf eine Kolumne, auf eine Zeitschrift, auf eine Ära – Wirklichkeit wird. Rascher, radikaler und rückstandsloser, als manche glauben. Vielleicht kommt ja Besseres nach.

Mutig in die neuen Zeiten?

22. Oktober 2012

Die „Festplattenabgabe“ beschäftigt professionelle Medienkommentatoren ebenso wie mitteilungsbedürftige Social Media-Aktivisten. Auf die Strasse bringt die spröde Sachfrage aber nur wenige. Und noch weniger unmittelbar Betroffene.

Im besten Fall war das, was am 17. Oktober im Jahr des Herrn 2012 beim Hochstrahlbrunnen am Wiener Schwarzenbergplatz seinen Auftakt hatte, ein Medienereignis. Denn es hievte das spröde Thema „Festplattenabgabe“ in die „Zeit im Bild“, und zwar nicht nur jene um Mitternacht, sondern auch in die Hauptausgabe um 19 Uhr 30, die von einer siebenstelligen Zahl von Zusehern zur Kenntnis genommen wird. Zudem widmeten sich Radiostationen, die nicht nur Musik dudeln (und davon leben), sondern am Rande auch ihre Produktionsbedingungen wahrnehmen wollen und können – allen voran Ö1 und FM4 – der Diskussion des Themas. Und, sieh’ an!, selbst das Gros der Zeitungen war voll mit Artikeln, Kommentaren und Erörterungen, worum es denn da eigentlich ginge, wenn sich „die Künstler“ mit Transparenten, Megaphon und Marschtrommel zusammenrotten. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit haben diese massive Berichterstattung auch politische EntscheidungsträgerInnen gesehen, gelesen und verstanden.

Im schlechtesten Fall aber war es eine Minderheitenzählung. Und somit eher kontraproduktiver Natur, weil ein Häuflein wackerer Demonstranten letztlich doch nur den Eindruck hinterlässt, das mit diesem Thema keine Wahlen zu gewinnen sind. Ja eventuell nicht mal ein Blumentopf. „Festplattenabgabe jetzt!“, diese Ansage dürfte nach Studium diverser Leserforen – vom „Standard“ bis zur „Presse“ –, Twitter-Einträgen und Facebook-Threads so ziemlich die unpopulärste sein, die man derzeit formulieren kann. Ausser vielleicht Unterstützungserklärungen für Dominic Heinzl. Zudem eine ebenso kuriose wie mächtige Koalition von (ohne Zwangs-Pauschalabgaben kaum lebensfähigen) „Sozialpartnern“ wie der Wirtschafts– und der Arbeiterkammer zu Gegnern zu haben, nebst dem Verband der Elektrohändler, Hewlett-Packard, DiTech, progressiven sozialdemokratischen Akademikerzirkeln und (schon etwas unsicher gewordenen) Grünen, das lässt einen schon eine gewisse Einsamkeit und existenzielle Verlorenheit spüren.

Auch an einer breiten Solidarität konnte man sich nicht wärmen: 27 Verbände – von der Gewerkschaft GdG-KMSfB über den Drehbuchverband Austria, den österreichischen Komponistenbund und die IG World Music bis zum Institut für regionale Sprachen und Kulturen – brachten gerade mal geschätzte 350 Mitglieder auf die Strasse, macht kaum eine Handvoll pro Verein. Kollegen und Kolleginnen der grossen Plattenfirmen wurden ebenso vermisst wie etwa der AKM-Generaldirektor oder namhafte (oder auch unnamhafte) Vertreterinnen und Vertreter der jüngeren Künstler-Generationen. Mutmassungen über den Altersdurchschnitt der „Festplattenabgabe jetzt!“-Marschierer ersparen ich mir und Ihnen. Am Wetter kann es jedenfalls nicht gelegen haben: strahlender Sonnenschein liess die Absenz vieler, die sich dann absehbar baldigst wieder um ein Almosen aus dem SKE-Fonds anstellen, in umso zweifelhafterem Licht erscheinen.

Nur die Gegendemonstration der Festplattenabgabe-Gegner fiel noch kläglicher aus: der „Standard“ berichtete über gerade mal sechzig Mitläufer. Aber die sind ja auch – Achtung, Ironie! – eher im Cyberspace daheim. Immerhin lassen sie sich dort auch Denkwürdiges für die non-virtuelle Welt einfallen. Mit Schildern und Tafeln mit Aufschriften wie „Fuck You Anonymous“, „Raubkopierer hassen Musik“, „Planquadrat fürs Internet“ und „Kultur muss ein knappes Gut bleiben“, die ungeniert-anarchistisch in die Ruiss-Wallfahrt eingeschmuggelt wurden, hatten sie nicht nur die Lacher auf ihrer Seite. Sondern wussten auch den einen oder anderen Beobachter nachhaltig zu verwirren.

Aber lassen wir das. Es macht wenig Sinn, die Dringlichkeit, Komplexität und Brisanz einer Sachfrage mit Zynismus, Minderheitenfeststellungen und Erbsenzählerei zu unterfüttern. Obwohl es natürlich bei der Festplattenabgabe zuvorderst um Zahlen, Empfängerkreise, Verteilungsspielregeln und Geld geht – und die allzu gern fix damit verbundene Grundsatz-Diskussion um das Urheberrecht im 21. Jahrhundert, ACTA, INDECT & Co. und ähnlich komplexe Topics oft nur eine vorgeschobene ist. Hier tobt ein Stellvertreterkrieg: hie eine Generation von alteingesessenen Schaltern und Verwaltern, die es – vorsichtig formuliert – über Jahrzehnte nicht geschafft (und wahrscheinlich auch nicht gewollt) haben, für Transparenz, Zukunftstauglichkeit und ein positives Rollenbild zu sorgen. Es gibt, so scheint’s, kaum Organisationen (ausser vielleicht Österreichs politischen „Alt“-Parteien), die breiten Bevölkerungsschichten anno 2012 unsympathischer erscheinen als Major-Musikkonzerne und Verwertungsgesellschaften, so ungerecht, ja lachhaft das bei ernsthafter Betrachtung auch sein mag.

Auf der anderen Seite lauert eine undurchsichtige Phalanx von Reformeiferern, Utopisten, Piraten, PC-Händlern, Geiz ist geil!-Konsumenten, Anonymous-Romantikern, Cyberspace-Philosophen, Google-Lobbyisten, Wirtschaftsfunktionären, ideologischen Ego Shootern, Gelegenheitsopportunisten, „Kunst hat recht!“-Hassern und konsumentenschutzbewegten Kämmerern. Was heisst lauern: selbstbewusst fordert man Parteistellung am Verhandlungstisch. Worüber aber lässt sich verhandeln, wenn einerseits die Festplattenabgabe pragmatisch längst vom Handel einkassiert wird (was bislang nicht zu Proteststürmen auf Konsumentenseite geführt hat und ganz klar die Frage aufwirft, wer die Millionen wem zurückzahlt, sollte es nicht zu einer Novellierung der Leercassettenabgabe kommen), andererseits wirklich konkrete, tragfähige, politisch und gesellschaftlich rasch durchsetzbare Alternativen nicht auf dem Tisch liegen? Sorry: Diskutieren gerne, ausführlich und jederzeit, aber es kann nun mal nicht der Auftakt eines konstruktiven Dialogs sein, dem Gesprächspartner in die Geldbörse zu greifen. Und sich selbst zu Robin Hood zu erklären.

Zu klären wäre in der Tat vieles. Zuvorderst: wie lässt sich die Wertschätzung für Kunst & Kultur im 21. Jahrhundert in konkrete Formen und Bahnen lenken? Warum verstehen so viele Kulturschaffende das gültige Regelwerk und Vergütungssystem nicht, mit all seinen Pros und Contras – und interessieren sich vielleicht auch deswegen nicht für die aktuelle Diskussion? Wie soll es weitergehen mit den Verwertungsgesellschaften? Wie kann man rasch für mehr Transparenz und Verteilungsgenauigkeit (und damit -Gerechtigkeit) sorgen? Wozu überhaupt diese Lobbyisten- und Kampagnenverliebtheit – können Kreative nicht für sich selbst sprechen? Wer darf als Mandatar mit am Verhandlungstisch sitzen und warum? Was könnten, nein: müssen die Ziele einer fairen Debatte sein? Und: was dürfen wir von der Politik erwarten – oder auch nicht? Man kann es nämlich mit gutem Recht für taktisch vorsichtig und klug halten, wenn anlässlich der immer dringlicheren Forderung nach Klärung der Situation SP-Kulturministerin Claudia Schmied (gegenüber den „Salzburger Nachrichten“) verkündet, dass die Festplattenabgabe „ein verhandlungswürdiger Schritt in die richtige Richtung“ ist und es wichtig sei, für eine „faire Entlohnung der Künstler zu sorgen“.

Mit gleichem Recht aber kann man anmerken, dass das gerade mal eine Zusammenfassung von Selbstverständlichkeiten ist. Und man solchermassen nicht gerade mutig in die neuen Zeiten aufbricht.

Festival-Tourismus

23. September 2012

Ein Phänomen erobert die Welt, Metropole für Metropole: das Musikfestival mit Mehrwert. Mittlerweile gibt es unzählige Branchen-Meetings – nicht zuletzt (hoffentlich) das „Waves“ in Wien. Aber macht der Trend zu fröhlichem Festival-Hopping, legérem PR-Tourismus und grenzüberschreitender Funktionärs-Vernetzung überhaupt Sinn?

Hoppla! Eh man sich versieht, ist das Jahr schon wieder um. Business hat tendenziell immer auch mit „being busy“ zu tun, also damit, ständig beschäftigt zu sein. Und es gibt Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, das Geschäft anderer Menschen, ja einer ganzen Branche zu fördern.

Der Kalender für diesen ganz neuen Typus an Musikmanager – nennen wir ihn ironisch „Festivaltourismusprofi“ – sieht so aus: Im Jänner zieht es ihn/sie nach Noorderslag zum Eurosonic Festival, danach für ein paar – hoffentlich sonnige – Tage zur MIDEM nach Cannes. Der Februar ist ruhig, By:Larm in Oslo kann man sich eventuell sparen. Doch schon im März stehen mit der ILMC in London und der Tallinn Music Week wieder Fixpunkte im Kalender. Im Mai lockt „The Great Escape“ nach Brighton, im Juni die c/o pop nach Köln. Zum Herbstbeginn darf man natürlich die Berlin Music Week nicht versäumen, eventuell könnte man gleich – die deutschen Städte prügeln sich nach dem Ende der PopKomm um die Vormachtstellung im Messe-Reigen – bis zum Hamburger Reeperbahn-Festival durchmachen. Und dafür die Plasa Show in London auslassen. Es gilt, Kräfte zu sparen, für das Waves Festival in Wien, das Live UK Summit in London, natürlich die WOMEX in Thessaloniki, Music & Media in Tampere in Finnland, das Amsterdam Dance Event, die Pariser Konkurrenz MaMA und jene in Rotterdam namens Rotterdam Beats. Auch in Island ist angeblich ziemlich was los.

Mittlerweile schreiben wir November und lassen’s mal gut sein mit dem „European Trade Fair & Conference“-Zirkus. Denn natürlich haben auch die Amerikaner und Asiaten im Jahreszyklus so einiges auf Lager, von der Winter Music Conference in Florida über die NAMM, North by Northeast (kurz: NXNE) in Toronto, Kanada, South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, den CMJ Music Marathon in New York, Music Matters im pazifisch-asiatischen Raum, Live! Singapur etc. usw. usf. Die Chinesen wachen gerade auf, die Inder ebenfalls, überall wird musiziert und kommuniziert – und die jährliche Country Musik Messe in Bayreuth erwähnen wir nur der Unvollständigkeit halber. Die ist nämlich gewaltig, die Unvollständigkeit – denn neben vielen weiteren Messen, Trade Fairs und Veranstaltungen mit Shows, Vorträgen und Panel-Diskussionen sind jene, die auf Theorie, intellektuelle Erörterungen und routiniertes Geschwätz gänzlich verzichten und „nur“ auf Musik setzen, nicht einmal ansatzweise aufgelistet.

Natürlich steht es jedermann/-frau vollkommen frei, diese Events mit persönlicher Anwesenheit zu schmücken. Ob es Sinn macht (und ob es das in den allermeisten Fällen nicht unbegrenzte Reisebudget zulässt), ist wieder eine andere Frage. Meine höchstpersönliche Sicht der Dinge ist jene: Reisen bildet, in einer Zeit des Umbruchs tut intensiver Ideenaustausch mehr not denn je, und das Musikgeschäft ist tatsächlich – eindeutiger als andere Branchen – „a people’s business“, also eine Angelegenheit internationaler Kontakte, direkter Kommunikation und persönlicher Wertschätzung. Andererseits trifft man immer dieselben Leute (und das seltsamerweise weltweit), kann die meisten Panel-Diskussionen schon synchron mitsprechen und darf sich am Ende des Tages nicht wundern, wenn der Nutzwert des Jahrmarkts der Eitelkeiten gering ist. Letztlich ist’s auch eine Zeitfrage. In Berlin z.B. winken die meisten vor Ort ansässigen Agenturen und Partner ab, wenn man sie auf ihre verwunderliche (?) Absenz bei der „Berlin Music Week“ anspricht – wozu soll man sich das antun?

Dazu kommt ein kurioser Effekt: jener der nationalen Zusammenballung. Denn egal, ob Österreicher, Franzosen, Finnen oder Australier – da präsentieren fast alle Länder auf all den Festivals ihre spannendsten, exportfähigsten und besten (?) Künstler und Bands. Und dann stehen im Publikum, erraten!, zuvorderst Österreicher, Franzosen, Finnen und Australier, jeweils statistisch signifikant gehäuft bei „ihren“ Landsmännern und -frauen. Nationalstolz in allen Ehren, Sinn ergibt das eher keinen. Man kennt sich und die Bühnenhelden ja schon ziemlich gut. Die, die man eigentlich erreichen möchte, erreicht man eigentlich eher nicht.

Darüber müsste überhaupt einmal geredet werden: funktioniert die Präsentation und Vermarktung in, durch und mit nationalen Schubladen überhaupt? Musikkonzerne alter, strikt kommerzieller Bauart kämen nie auf die Idee, den Meldezettel als Karriere-Kriterium heranzuziehen. Universal Österreich hat schon Schwierigkeiten, bei Universal Deutschland Gehör zu finden, wenn man nicht gerade einen Millionenseller im Talon hat, der auch jenseits der Grenze als „chancenreich“ eingestuft wird. Und „chancenreich“ bedeutet, den Durchbruch zunächst einmal nachprüfbar im eigenen Land geschafft zu haben. Dem Publikum selbst ist, wenn es sich nicht um Künstler und Interpreten mit bewusst versprühtem Lokalkolorit handelt, die Herkunft seiner potentiellen Lieblinge egal. Hätte sonst Franz Nidl aus Niederfladnitz im Waldviertel unter dem Pseudonym Freddy Quinn eine Karriere als singender Seemann in Norddeutschland starten können? Oder würden, aktueller, die burgenländischen Ja, Panik der Hamburger Schule in Berlin nacheifern?

Nun wissen wir: die Bedeutung und Durchschlagkraft der Majors hat – parallel zum schrumpfenden Markt – tendenziell abgenommen, die Aufmerksamkeit und Unterstützung für Indies seitens Väterchen Staat zugenommen. Etwa in Form von Musikinformationszentren und Exportbüros. Die sind nun mal national strukturiert. Und fördern die Mode, auf alles und jeden ein rot-weiß-rotes (oder in sonstigen Landesfarben gehaltenes) Fähnchen zu stecken. Und damit die Welt – die darauf freilich grosso modo eher zurückhaltend reagiert – beglücken zu wollen. Im Prinzip egalisiert sich so die individuelle Hilfestellung im weltweiten Konkurrenzreigen der Nationen, wenn auch – eventuell – auf höherem Niveau als ohne die entsprechenden Zentren, Music Export Offices und sonstigen Support-Einrichtungen.

Geschickte Musikmanager/innen werden sich dem freundlichen Rudelpudern nicht gänzlich entziehen. Sondern die Budgets der nationalen Hilfskräfte nutzen, um ihre Top-Acts im Ausland zu präsentieren. Jene, deren Namen vielleicht schon den einen oder anderen potentiellen Partner, Journalisten oder Musik-Importeur in Hamburg, Paris, Barcelona, Toronto oder Singapur aufhorchen lassen. Und jene, die zumindest solche singulären & spektakulären Qualitäten besitzen, dass man dem Zufall nicht ganz beiläufig und zufällig auf die Sprünge hilft.

Hoffentlich sind dann für diese Objekte des eigentlichen Interesses noch genügend Goldtaler in der Vereinsschatulle, um brauchbare, ja exzeptionell gute Rahmenumstände bieten zu können. Für denkwürdige Gastspiele und ernsthafte Geschäftsanbahnung. Denn derlei ist nun mal teuer. Sauteuer. Und wirkt – leider – (zu) selten. Jedenfalls abseits der üblichen gegenseitigen Schulterklopferei unter Funktionären, Festivaltouristen und sonstigen Freunden.

Daniel versus Daniel

23. Juli 2012

„Musik aus der Wolke“ gewinnt, hierzulande aktuell getrieben durch TV-Spots und massive Print-Werbung von Deezer & T-Mobile, immer mehr Fans. Tatsächlich könnten Streaming-Anbieter eine kommerzielle Kultur-Flatrate bald zum gesellschaftlichen „common sense“ erklären.

Wissen Sie, wer der „wichtigste Mann der Musikbranche“ ist, zumindest dem paternalistischen Urteil des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ nach? Lucian Grainge? Paul McCartney? Doug Morris? David Guetta? Falsch geraten. Es ist Daniel Ek. Daniel Who? Nun, Ek hat vor nicht einmal sechs Jahren die Streaming-Plattform Spotify gegründet, gemeinsam mit Martin Lorentzon. Heute ist er ihr CEO. Einer der Schwerverdiener der Branche ist Ek allemal: laut „Sunday Times“ rangiert der in London lebende 29jährige Schwede auf Platz zehn der britischen Musik-Topverdiener. Mit einem Vermögen von rund 250 Millionen Euro – was seinem 15-prozentigen Aktien-Anteil an Spotify entspricht – liegt er gleichauf mit Mick Jagger. „Der brauchte allerdings“, merkte „Musikwoche“-Chefredakteur Manfred Gillig in einem Kommentar an, „mit den Rolling Stones fünfzig Jahre und viel sportliche Betätigung auf der Bühne, um so weit zu kommen.“

Gerecht? Nunja. „Business is war“, wie einst schon Atari-Kriegsherr Jack Tramiel verkündete. Das gilt auch und erst recht für die Post-PC-Ära. Ek liefert mit Spotify ein weiteres Beispiel dafür, wie Geschäftsmodelle im Internet funktionieren – von unten nach oben, Pioniere und „First Mover“ begünstigend, primär aufgeladen durch Phantasien, Zukunftshoffungen und Revenue-Perspektiven. Anders gesagt: bislang sind Streaming Services durch die Bank kein Geschäft. Es werden gerade mal die Claims verteilt, die Marken gebildet und die Märkte Land für Land aufgerollt.

Grosse Fragezeichen – to say the least – gibt es, was die Verteilung der Einnahmen, die durch Abonnements und Werbung erzielt werden, betrifft. Verwertungsgesellschaften sammeln erste Erfahrungen (und haben hoffentlich nur kurzfristige Verträge mit Spotify, Simfy, Juke, Qriocity & Co. abgeschlossen), Major-Manager studieren interessiert die Statistiken, kleinere Labels, Verlage und KünstlerInnen müssen sich bislang mit Kaffeesudleserei und vagen Prognosen begnügen. Die fielen in der Mehrzahl pessimistisch aus. Von Centbeträgen war zumeist die Rede, zumindest für unbekanntere Acts. Von Streaming-Einnahmen könne nicht einmal Lady Gaga leben, urteilten Analysten, und noch sei keineswegs erwiesen, dass man nicht zuvorderst den allmählich halbwegs funktionierenden legalen Download-Markt kannibalisiert.

Mittlerweile hat sich Spotify nach iTunes jedenfalls, so Insider, zum zweitwichtigsten Einkommens-Generator für die Musikindustrie entwickelt. Immerhin schüttet das Service – ähnlich Apples iTunes – zwei Drittel seiner Einnahmen wieder an Urheber, Verwerter und Distributoren aus. „Auf den ersten Blick wirkt Eks Vermögen krass im Vergleich mit den Centbruchteilen, die Urheber pro einzelnem Streamingabruf erhalten“, so „Musikwoche“-Beobachter Gillig. „Allerdings gilt im Internet mehr als sonstwo die alte Volksweisheit: auch Kleinvieh macht Mist.“

Unter uns: da schau’ ich mir Ende 2012 die Jahresabrechnung unseres Digitalvertriebs mal ganz genau an. Aber vielleicht sind mit „Musikindustrie“ ja auch nur Universal, Sony, Warner & EMI gemeint (die sich längst auch ihre Besitzanteile an Spotify gesichert haben), und eventuell ein paar den Indie-Verband Merlin dominierende, global agierende Vertriebe und Verlage mit angeschlossener Master-Akquisitionsabteilung. In Schweden jedenfalls hält Eks Streaming-Plattform nach Eigenangaben einen knapp 90prozentigen (!) Anteil am Digitalmarkt, in der ersten Jahreshälfte 2012 hat man eine Umsatzsteigerung für den gesamten Musikmarkt – in dem physische Produkte nur mehr rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen – von über einem Drittel erzielt. Good news für alle an der Wertschöpfungskette hängenden Protagonisten. Really good news. Vielleicht aber auch nur ein höchst insignifikanter Ausnahmefall.

In Österreich sieht’s anders aus. Bislang. Deutlich schaumgebremster, auch wenn sich die IFPI-Presseabteilung Jahr für Jahr redlich bemüht, die positiven Aspekte im Gesamtbild hervorzustreichen. Der grösste Erfolg ist jedenfalls, mit bequemen, innovativen, legalen Angeboten mehr und mehr Musikfans aus der Grauzone des File-Sharings und Gratis-Konsums zurückzuholen. Oder sie gar nicht erst dorthin abtauchen zu lassen. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass hierzulande das absehbare Duopol iTunes/Spotify anno 2012 durch weitere, so überraschend wie frischfröhlich am Markt auftretende Konkurrenten aufgebrochen wird.

Zuvorderst ist es der französische Anbieter Deezer in Allianz mit T-Mobile Austria, der hier Wellen schlägt. Während sich Marktführer A1 nicht – wie ursprünglich vermutet und von Spotify auch gern gewollt – mit dem Streaming-Platzhirschen einigen konnte, zeitigt der den ganzen Sommer über mit massivem Werbeaufwand forcierte Deezer-Vorstoß „mehr als befriedigende Resultate“, wie man aus T-Mobile-Zentrale am Rennweg zu hören bekommt. Dass man sich nebstbei vorgenommen hat, die lokale Musikszene besonders in die Auslage zu stellen – der Autor dieser Zeilen trägt dazu aktuell als Berater der Deezer-Chefetage bei, das sei nicht verschwiegen –, darf auch als Signal verstanden werden.

Heisst es nun also: David gegen Goliath? Nein: Daniel versus Daniel. Denn Daniel Marhely jedenfalls, der auch noch keine 30 ist und Deezer anno 2007 gegründet hat, dürfte nicht nur in Frankreich, sondern absehbar auch im kleinen, feinen GSA-Testmarkt Österreich am Leader-Status von Daniel Ek kratzen. 18 Millionen Musiktitel, 20 Millionen Nutzer, sechs Millionen „Unique Visitors“ pro Monat und mehr als 1,4 Millionen Premium-Abonnenten weltweit machen sich ganz gut; hierzulande wird man wohl bald eine fünfstellige Anzahl von Deezer-Nutzern gewonnen haben. Unlimitierte „All Inclusive“-Tarifpakete nach T-Mobile-Muster könnten der „Musik aus der Wolke“ den Weg freimachen, direkt in die Schulklassen, Wohnzimmer, Smartphones und Gehörgänge einer ganzen Generation hinein. Sie kommen dabei der Idee einer „Kultur-Flatrate“ auf freiwilliger Basis technisch, soziologisch und ökonomisch schon verdächtig nahe. Debattenstoff galore.

Telekommunikations-Dienstleister als Bulldozer der Musik-Revolution? Lassen wir die Kirche im Dorf: noch steckt Audio-Streaming in den Kinderschuhen. Noch sind wir alle in der Experimentier-, Entwicklungs- und Evaluierungs-Phase. Noch muss ein Silberstreifen am Horizont keinen ewigwährenden Sonnenschein bedeuten. Noch gilt es eine faire Balance aller Kräfte, Marktteilnehmer und Interessen herzustellen. Noch müssen die Fans mit kompetentem Service, klarer Kommunikation, attraktiven Preisen und appetitweckender „All you can eat“-Repertoirebreite langfristig überzeugt werden. Um die zündende Wirkung des Treibsatzes für die potentielle Business-Rakete – Musik, Musik, Musik – müssen wir uns keine Sorgen machen.

Noch, nein: einmal mehr gilt das Prinzip Hoffnung. Stärker jedenfalls als all die Jahre zuvor.

Trost- & Ratlosigkeit in Wulkaprodersdorf

15. Juni 2012

Der ORF sucht seit Jahren „Einsparungspotential“. Und wird seit Jahren zuvorderst – leider – bei engagierten MitarbeiterInnen fündig. Dabei liegt das wahre Potential für Sparwillen & Machtdemonstrationen pragmatischer Chef-Zyniker ganz woanders. In den Bereichen Stil, Respekt, Stars und Sendeflächen für lokale Musik nämlich. Willkommen in der Realität!

Stellen Sie sich vor – die Macht der Phantasie lässt solche Kapriolen dankenswerterweise zu –, Sie werden Programmdirektor(in) eines
Radiosenders. Sagen wir mal: in Wulkaprodersdorf. Ihr kleiner, feiner Radiosender trägt also naheliegenderweise den Namen „Radio
Wulkaprodersdorf“. Es gibt einige Konkurrenten in Ihrem Gebiet, kleine, unfeine (weil: lästige), private Konkurrenten, aber so ist das nun mal in der Radiolandschaft. Seit Mitte der neunziger Jahre schon, als Österreich – als eines der allerletzten Länder Europas – quasi jedem dahergelaufenen Medienunternehmer und UKW-Missionar erlaubte, sich ebenfalls zum Programmchef eines Radiosenders aufzuschwingen. Allerdings nur, wenn er oder sie denn auch eigenes Geld in die Hand nahm und in den Aufbau, die Marke, die Belegschaft und das Programm investierte.

Sie selbst sind da in einer unvergleichlich besseren Situation. Radio Wulkaprodersdorf firmiert nämlich, kraft der Tradition und Gesetzeslage des Landes, als „öffentlich-rechtlicher“ Sender. Die Hörerinnen und Hörer Ihres Senders bezahlen Sie und Ihre MitarbeiterInnen durch die Überweisung eines monatlichen Programmentgelts – in durchaus verschmerzbarer Höhe, aber nicht ganz freiwillig. Selbst wer Ihr Programm nie hört, muss dafür blechen. Wer immer ein Radiogerät besitzt (bzw. wer immer im Empfangsgebiet einen Haushalt führt), zählt zu den Finanziers Ihres Unternehmens. Damit aber fett Butter aufs Brot kommt, holen Sie sich zusätzliche Einnahmen von der Werbewirtschaft. Weil solchermassen genug Budget da ist und Sie nicht jeden überschüssigen Cent einem raffgierigen Besitzer abliefern müssen – Ihr Sender gehört ja quasi sich selbst –, können Sie ein reichhaltiges, ja nachgerade opulentes Programm gestalten. Information, Lokal-Reportagen, Star-Moderatoren, alles da, auch Events, Werbeplakate und weich gepolsterte Bürodrehstühle. So lässt es sich leben – Sie gelten als durchaus erfolgreich, die Markt-Kennzahlen stimmen (nicht zuletzt dank Ihres Marketing-Budgets) und nur selten beschwert sich ein Hörer oder Konkurrent. Der Status Quo ist ja ein über Jahrzehnte gelernter.

Was sendet Radio Wulkaprodersorf? Richtig: Information, also zuvorderst Nachrichten, Wetterinformationen, allerlei launige Lokal-
Reportagen, das übliche unverbindliche Wortgeklingel von Star-Moderatorinnen und -Moderatoren. Und Musik. Natürlich!, Musik. Unter uns: das tun aber alle. Nachrichten, Wetter, Moderation, Musik. Kennen Sie irgendeinen Radiosender, der ohne diese Elemente auskommt? Doch, ja, Ihre generöse finanzielle Grundausstattung erlaubt es Ihnen, die besten Leute zusammenzukaufen, die teuersten Beratungsfirmen zu
engagieren und die aufwändigste journalistische Berichterstattung zu betreiben. Nur bei der Musik kochen alle mit Wasser. Jeder kann und darf Hits von gestern, heute und morgen, eventuell sogar von vorgestern und übermorgen, abspulen und abspielen, wie es ihm
beliebt. Die spezielle Selector-„Rezeptur“ wird zwar immer als Geheimwissenschaft gehandelt (zuvorderst von Radio-Consultern und Research-Unternehmen, die daran Millionen verdienen), ist aber eigentlich banal. Ganz nach dem Motto: Sie wünschen, wir spielen.

Was aber wünschen sich die Hörerinnen und Hörer in Wulkaprodersdorf? Naheliegenderweise: Lokalkolorit. Denn sollte jemand zufälligerweise mal das Bedürfnis haben, die grosse, weite Welt zu empfangen, gibt es dafür andere Stationen. Dutzende, hunderte, wenn nicht mittlerweile sogar – dem World Wide Web sei dank – abertausende. Radio Wulkaprodersdorf punktet dagegen mit Nachrichten aus dem Umkreis, mit lokalem Zungenschlag, mit Neuigkeiten und Informationen, die den Lebensalltag seiner Hörer-Klientel bereichern. Und natürlich mit Kultur und Musik, die man im Sendegebiet gerne hört, macht, lebt. Musik in, aus und für Wulkaprodersdorf. Natürlich nicht ausschliesslich. Da der Ort aber in dieser Hinsicht als kultureller Brennpunkt gilt (und das in bestimmten Genres sogar weltweit), eine grosse, eigenständige und vitale Szene aufzuweisen hat und sowohl seinem Selbstverständnis nach als auch in der Aussendarstellung Musik geradezu aus allen Poren verströmt, haben Sie eine tolle Ausgangsposition. Sie können auf wunderbare Produktionen zurückgreifen, über eine lange Tradition, aber auch eine aktuell hoch lebendige Musik-Landschaft berichten, prominente Künstlerinnen und Künstler aus dem Umkreis einladen, Pop, Rock, Blues und zeitgemässe Heurigen-G’stanzln aus Wulkaprodersdorf rauf und runter spielen. Täglich. Stündlich. Ganz selbstverständlich. Natürlich fein abgestimmt – der Blick über den Tellerrand ist Ihnen ebenfalls wichtig – mit Hits und News von jenseits der Gemeindegrenze. Ihr Sender & seine Crew besitzen Sendungsbewußtsein – und gelten als wichtigster medialer Durchlauferhitzer für das Musikbiotop Wulkaprodersdorf.

Theoretisch. Denn, ach!, in der Praxis läuft auf Ihrem Sender dasselbe 08/15-Musikprogramm wie auf allen anderen Stationen. Die üblichen Oldies, eine Handvoll Superhits & Megastars, die Klassiker aus dem Fundus der Musikberater, die nicht nur für Sie eine „einmalige“ Tonspur zusammenschustern, sondern ungeniert auch eine verdammt ähnlich klingende für die Konkurrenz. Gewiss: der Erfolg gibt Ihnen recht. Auch wenn in Ihrem tiefsten Inneren vielleicht Zweifel an Ihrer Seele nagen, ob dieser Erfolg eventuell nicht doch zuvorderst der Abgestumpftheit und Trägheit Ihres Publikums geschuldet ist, das sich selten dazu aufrafft, den Senderspeicher des Empfangsgeräts neu zu programmieren. Wie immer auch: es gibt da ja noch den ominösen Status des „Öffentlich-Rechtlichen“, der zur bequemen Finanzierung Ihres Unternehmens entschieden beiträgt. Gelegentlich quälen Sie stichelnde Konkurrenten und enttäuschte Hörer sogar mit Schlagworten wie „Kulturauftrag“, „Identitätsstiftung“, „lokaler Musikanteil“ oder „Public Value“. Irgendwo in der hintersten Schublade Ihres Schreibtisches haben Sie allerlei Fibeln, Broschüren und Denkschriften versammelt, in denen davon auch irgendwie die Rede ist. Papiere von Papiertigern für Papiertiger. Gutmenschen-Folklore. Reif für die Rundablage. Aber was hat das mit der Musik zu tun, die – „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ – Radio Wulkaprodersdorf täglich in den Äther ausstrahlt?

Ihnen fällt das alles mächtig auf die Nerven. In einem Anflug von unbedingter unternehmerischer Entschiedenheit durchforsten Sie Ihr
Programm nach Restbeständen lokaler Musikkultur abseits des 08/15-Mainstreams. Da hätten wir zum Beispiel einen Wulkaprodersdorfer Superstar, der Alt & Jung anspricht, unter Künstlern als entdeckungsfreudiger, wacher und verständiger Kollege gilt und längst über ein schlichtes Musikanten-Dasein hinausgewachsen ist. Ja, er hat einen Status als moralische Instanz und „Übervater“ der lokalen Szene erreicht. Und ist bei Ihren Hörerinnen und Hörern ausserordentlich respektiert, geachtet und beliebt. Zusammen mit einem kongenial agierenden Redakteur Ihres Senders gestaltet er seit Jahren eine wöchentliche Sendung. Sie gilt als Aushängeschild von Radio Wulkaprodersdorf. Sensibleren Geistern aber auch als eine der letzten Alibi-Randflächen für die lokale Musikkultur.

Anyway: Ihnen gehen die Haltung, die stolze Eigenständigkeit, der latente Widerstandsgeist dieser letzten Mohikaner schon lange gegen den Strich. Sie ziehen also den Redakteur der Sendung – „das Leben ist kein Wunschkonzert“ – von der Sendung ab, wohl wissend, dass dann der Star-Moderator auch den Hut drauf haut. Sie verkriechen sich in Ihrem Büro, wenn der gute Mann um eine persönliche Unterredung bittet. Sie haben gewiss nicht vor, Ihre Position bei der zweihundertsten Sendung – die, das wissen bislang nur Sie und ein paar Eingeweihte – zugleich auch die letzte auf Ihrem Sender sein wird – vor Publikum zu erläutern. Und Sie erklären jenen, die Trost & Rat suchen auf Radio Wulkaprodersdorf, dass zeitgemässer Rundfunk sowieso ganz anders zu klingen habe. Und Musik in, aus und für Wulkaprodersdorf nur die Hörerinnen und Hörer verschrecke. Punktum.

Sie warten auf die Pointe dieser phantastischen Geschichte? Drehen Sie doch demnächst einfach mal den Sender Ihrer Heimatstadt auf.

Wir müssen nur wollen

3. Mai 2012

„Die edelste Nation unter allen Nationen ist die Resignation“, wusste schon Johann Nepomuk Nestroy. Der gibt heute einem österreichischen Theaterpreis den Namen. Wir wollen aber – einmal mehr – über den grössten Musikpreis des Landes sprechen. Den „Amadeus“. Und ein paar andere Sachen mehr.

Neulich war ich versucht, ein mail abzuschicken, das dem Titel dieser Blog-Site alle Ehre machen würde. Weil es nämlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. „Trefflicher lässt sich die Visions- und Mittellosigkeit eines Vereins kaum mehr demonstrieren“, stand in dem Elektropoststück (das ich dann, begleitet von einem resignativen Achselzucken, doch nicht abgeschickt habe), „als durch die Homepage, die als aktuellsten Eintrag „News“ vom November 2010 (!) ausweist. News, die dem erstaunten Besucher verkünden, eine neue Website sei „in der Fertigstellungsphase“.

Ich hatte mir dieses Mahnmal frappierender Untätigkeit angesehen, weil ich eine Einladung zur Mitgliederversammlung und zur Wahl eines neuen Vorstands erhalten hatte – und kurz die Regung verspürte, nachzuschauen, was denn überhaupt der selbstdefinierte Aufgabenbereich dieser Assoziation ist, für die ich jährlich einen (vergleichsweise geringen) Mitgliedsbeitrag löhne. Und wo sich soetwas wie eine Leistungsbilanz ablesen liesse. Aber da war weithin wenig zu finden. Zur Vereinssitzung bin ich dann gar nicht mehr hingegangen. Wozu auch? Immerhin konnte man auf Facebook bald danach die Namen und Mitglieder des neuen Vorstands nachlesen. Sie entsprachen weitgehend den Namen des alten Vorstands. Aber vielleicht packt die Damen und Herren ja nun der Ehrgeiz und sie entwickeln eine ganz frische, ungewohnte Dynamik. Die potentielle Agenda einer Interessensvertretung heimischer Indie-Labels würde diese anno 2012 allemal dringend benötigen.

Aber lassen wir das. Mit meiner kleinen Musikproduktion bin ich ja auch Mitglied eines zweiten, weit grösseren Vereins (mit einem deutlich höheren Mitgliedsbeitrag), der u.a. jährlich den „Amadeus“ veranstaltet. Dieser ist der grösste, aufmerksamkeitsstärkste und wichtigste Musikpreis des Landes – nicht zuletzt, weil er auch der einzige ist. Und, ja, ich finde es generell löblich, dass man sich der Sichtbarmachung und öffentlichen Wertigkeit von Musik annimmt. Jede Branche, die etwas auf sich hält, feiert sich einmal im Jahr selbst. Auch wenn’s natürlich eine sensible Sache ist, alle Partikularinteressen, unterschiedlichen Vorstellungen und individuellen Befindlichkeiten unter einen Hut zu bekommen. Der Charme des „Amadeus“, schrieb ich einmal an anderer Stelle (und vor vielen Jahren) sinngemäß, rührt daher, dass er es schafft, die verschiedenen Lager und Cliquen im Bereich der Musikproduktion legér zu versammeln und mit einer guten Portion Unterhaltungswert, Selbstironie und Schmäh zu präsentieren. Punktum. An diesem Standpunkt hat sich wenig geändert. Auch nicht durch das jährliche Deja-vú der Lektüre der „Standard“-Kritik.

Trotzdem fühlte ich mich am Abend des 1. Mai unwohler als sonst. Denn der Sinn und Impetus der Veranstaltung erscheint mir zunehmend hinterfragenswert. Zunächst einmal fiel (nicht nur mir) auf, dass z.B. die Kulturpolitik dieses Landes kaum vertreten war in den Zuschauerrängen. Kaum? Nein: gar nicht. Keine Ministerin Schmied, keine Kultursprecher diverser Parteien, nicht einmal Altpolitiker und Ex-Schizo-Punks wie etwa Franz Morak waren in den Rängen und Logen des Volkstheaters auszumachen.

Schade, denn immerhin wird derzeit in diesen Reihen eine branchenrelevante Debatte mit einer Vehemenz geführt, die bislang eher nicht auf der Tagesordnung stand. Und wo liessen sich z.B. trefflicher Lob oder Tadel zur politischen Willensbildung in Sachen Festplatten-Abgabe, Urheberrechts-Streit oder Kulturbudget anbringen, als im launigen Gespräch an der Bar bei der „Amadeus“-Aftershow-Party? Eventuell sogar mit Augenkontakt zwischen prominenten Künstlern, Interessensvertretern und Abgesandten aller Parteien (sogar, oh ja! der „Piraten“. Die sitzen demnächst auch im Hohen Haus.)? Natürlich kann solch ein Abend keine parlamentarische Enquete ersetzen und keine tiefergehende intellektuelle Diskussion. Aber so zu tun, als wäre alles eitel Wonne und als Kreativindustrie nicht einen Millimeter über kreative Kommunikation im Rahmen eines positiv aufgeladenen Events nachzudenken, enttäuscht doch. So blieb es den Burschen von 5/8erl in Ehr’n (Preisträger der undefinierbaren Kategorie „Jazz/World/Blues“) überlassen, auf das eine oder andere akute Problem hinzuweisen. Der Applaus dafür war ein denkwürdig kräftiger.

Der „Amadeus“ als unterhaltsamer Spiegel oder gar soetwas wie eine Leistungsschau der Branche bedürfte aber auch – bei allem Respekt für den verlässlichen und engagierten TV-Partner Puls 4 (danke dafür!) – dringend einer medialen Aufwertung. Natürlich sind die Presseausschnitte, die man als IFPI-Mitglied frei Haus geliefert bekommt, in ihrer Quantität repräsentabel. Aber besonders ernst genommen wird der Preis – unter uns – nicht. Tendenz weiter fallend. Der ORF etwa als grösste Medienorgel des Landes (und meines Wissens nachwievor ausgestattet mit einem „Kulturauftrag“) hält sich – mit der löblichen Ausnahme von FM4 – nun seit Jahren zurück. Dieser (Un-)Zustand muss endlich aufgebrochen werden. Wenn nicht auf diplomatischem Weg (sitzt nicht der IFPI-Generalsekretär zugleich im ORF-Stiftungsrat?), dann mit jenem Argument, das allseitig verstanden wird: Geld. Ich weiss schon: das fehlt an allen Ecken und Enden. Sowohl hie wie da. Aber Attraktivität ist zuvorderst eine Frage der Selbstbehauptung und Eigenermächtigung. Mit mangelnder Ambition wird man keine Sponsoren, Mitstreiter und Partner anziehen.

Und, ja, die sollte es sehr wohl geben. Musik ist ungebrochen die emotionalste und wirksamste Dicht-, Kleb- und Knetmasse im Marketing-Fach. Ich meine das nicht zynisch: jedes Unternehmen, das offensiv mit heimischen Tönen für sich und seine Produkte wirbt (und solchermassen auch in die Künstler, Studios, Labels usw. investiert), hätte einen Extra-„Amadeus“ verdient. Und man sollte über Auszeichnungen abseits reiner Künstler- und Interpreten-Ehrungen allemal nachdenken. Vorgeschlagen wurde es schon oft genug.

Man müsste halt wissen, was man will. Und es dann auch wirklich wollen. Wenn es bei diesem Preis aber nur mehr um eine milde Form der Selbstbestätigung oder gar Selbstberuhigung geht – frei nach dem Motto „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ –, dann kann man sich das alles natürlich sparen. Die sozial-kulturelle Geldschatulle zulassen. Und irgendwo eine lässige, weil vollkommen unangestrengte Underground-Party feiern. Zu der halt kommt, wer immer kommen mag. Und, nein, ich bin mir nicht sicher, dass ich als gelernter Österreicher die Sause dann demonstrativ schwänzen würde.

P.S.: Von wegen Wollen. Ich schreibe diese Zeilen in Papierform für das Magazin „Film, Sound & Media“. Es ist seit vielen Jahren das Fachmedium für die, nomen est omen, Musik-, Bewegtbild- und Radiobranche des Landes. Gemacht von einem durchaus engagierten Team. Okay, man kann darüber streiten, ob es nicht anders, besser, umfangreicher, kostengünstiger, gehaltvoller, unkritischer, anschmiegsamer oder kontroversieller laufen könnte mit solch einem Organ. Diese Debatte wird auch da und dort geführt, alle Jahre wieder, meist hinter vorgehaltener Hand. Und das, finde ich, sollte, könnte und müsste offener, ehrlicher und konstruktiver geschehen. Und konsequente Entscheidungen generieren. Denn Qualität kostet Geld. Der Wunsch, eine „eigene“, branchenaffine Fachzeitschrift zu haben, macht ja generell Sinn. Stichwort: Innen- und Außenwirkung. Man muss sich nur entscheiden, was genau man haben möchte. Zu welchem Zweck. Und zu welchem Preis. Und ob und wie man sich den leisten kann. Und will. Auch hier gilt: halbe Sachen bringen wenig bis nichts. Ganze Sachen bedürfen einer Vision, einem Gemeinsinn und klarer Entscheidungen. Wir müssen nur wollen.

Audiatur et altera pars

22. März 2012

„Kunst hat Recht“ versus „Kunst gegen Überwachung“ – der lokale, verbissene Zweikampf rund um das Urheberrecht 2.0 interessierte kaum jemanden. Bis der gesamte Themenkomplex, Stichwort „ACTA“, explosionsartig europaweit hochkochte.

Ich plaudere ja gern – man wird nicht umsonst Kolumnist – aus dem Nähkästchen. Andererseits muss ich mich davor hüten, als notorischer Krypto-Journalist, Geheimnisverräter und Nestbeschmutzer zu gelten. Natürlich wäre derlei in fast allen Fällen ein an den sprichwörtlichen Haaren herbeigezogener Vorwurf, aber die subjektiven Sensibilitäten sind oft gerade dort besonders ausgeprägt, wo man’s am allerwenigsten vermutet.

Wenn ich Ihnen z.B. erzähle, dass in einer Generalversammlung der österreichischen IFPI – der Denker- und Lenkerrunde der angeblich so mächtigen Musikindustrie – noch nie das Thema „ACTA“ erörtert wurde, löst das den Dritten Weltkrieg aus? Oder bleibt es bei ungläubigem Kopfschütteln? Tatsächlich erscheint es mir im Nachhinein ziemlich, hm, frappant, bei den halbjährlichen IFPI-Meetings (an denen ich als Betreiber eines kleinen Indie-Labels teilnehme) zwar regelmässig launige Bootleg-Vernichtungs-Videos, öde Wahlgänge und das eine oder andere Schinkenbrötchen serviert zu bekommen, aber keinerlei Diskussionbeiträge zu Themen, die die Branche wirklich durchschütteln. Und wachrütteln. Sollten (es bleibt routinemässig beim Konjunktiv).

Ganz umsonst können ja die letzten noch am Spielfeld verbliebenen Majors, die die IFPI selbstverständlich beherrschen, nicht als Gott-sei-bei-uns all der Robin Hoods 2.0, Politaktivisten und Guy Fawkes-Maskenträger gelten, oder? Vielleicht werden die Argumentationslinien und Zukunftsstrategien und Vernetzungsmöglichkeiten im Kampf gegen die Raubkopierer dieses Planeten hinter verschlossenen Türen ausgetüftelt – in der hiesigen Sektion der International Federation of the Phonografic Industry jedenfalls nicht. Oder nur dann, wenn ich nicht mit am Tisch sitze. Verständlich: wer will den grossen Masterplan, der gewiss in einem grandiosen Showdown und unabdingbaren Endsieg über die digitale Hydra mündet, schon vorab in „Film, Sound & Media“ ausgebreitet wissen?

Spass beiseite. Denn eigentlich nehme ich hier die falsche Gruppe auf’s Korn. Nicht die IFPI ist es, die dieser Tage „Kunst hat Recht“ verkündet, sondern es sind die Urheberrechts- und Verwertungsgesellschaften des Landes. Diese „Initiative für das Recht auf geistiges Eigentum“ – ihre Existenz und vielfältigen Aktivitäten werden Ihnen gewiss nicht entgangen sein – wird zudem von vielen weiteren Organisationen getragen, von der „Grazer AutorInnen Versammlung“ bis zum „Verband Filmregie Österreich“, insgesamt vierundzwanzig an der Zahl. Am alleraktivsten erscheint mir der Autor Gerhard Ruiss, den ich schon in einem halben Dutzend Podiumsdiskussionen das Wort ergreifen gesehen habe. Durchaus engagiert und wortgewaltig, wie es sich für einen gestandenen Literaten und Interessensvertreter gehört.

Sie merken schon: die Thematik – im weitesten Sinn die Verteidigung tradierter Verhältnisse im Wandel der digitalen Revolution – interessiert mich. Sehr sogar. Schon berufsbedingt. Also schaue ich mir all die Podiumsdiskussionen, die wie Pilze aus dem regenfeuchten Waldboden schiessen, auch an. Oder zumindest einen guten Teil davon (die personelle Besetzung und die Dramaturgie ähneln einander oft, nach einer gewissen Zeit wird man der Inszenierung tendenziell überdrüssig). Wie wäre es, auch einmal InitiatorInnen der Aktion wie Anja Franziska Plasch („Soap&Skin“), Willi Resetarits, Danny Krausz oder den Essayisten und Kritiker Karl-Markus Gauß vor den Vorhang zu bitten? Augenscheinlich sind es ja Künstler und Kreative, die man hier im ureigensten Interesse für sich sprechen lassen will. Und damit das alles nicht aus dem Ruder läuft, lässt man den Aktionismus von der PR-Company The Skills Group durchdenken, betreuen und abwickeln. Bemüht, brav, bieder. Und wenig breitenwirksam.

Bis „ACTA“ kam. War/ist die zeitliche Koinzidenz ein Zufall? Wie immer auch: plötzlich war das spröde Thema „Urheberrechte im 21. Jahrhundert“ ein heisses. Ein ultraheisses. So brisant, dass es sich in den TV-Nachrichten und Print-Schlagzeilen wiederfand, die Initialzündung für europaweite Demonstrationen lieferte und Parlamentarier in einem Dutzend Länder Distanz von ihren eigenen Entscheidungen nehmen liess. Ein multinationales Vertragswerk, das seit Jahren hinter gut gepolsterten Türen verhandelt wird und Copyrights festigen helfen soll, wurde zum Politikum. Und die kleine, unschuldige (um nicht zu sagen: naive) Initiative „Kunst hat Recht“ geriet umgehend in die – faktische und moralische – Geiselhaft des ungleich grösseren Themas „ACTA“.

Ist die Welt gerecht? Plötzlich mussten und müssen nämlich Gerhard Ruiss & Co. erklären, wie sie’s denn mit der faktischen Durchsetzbarkeit des Urheberrechts und (das interessiert die IFPI gewiss brennender) aller damit verbundenen Leistungsschutzrechte in Zukunft tatsächlich halten wollen… Strikte Kontrolle des Datenverkehrs? Haftbarmachung der Provider? Exekutive Ahndung (z.B. „Three Strikes“) bei Regelverstössen? Einschränkung oder Ausbau kollektiver Abgabemodelle? Das ist nämlich des Pudels Kern: entweder – oder. Oder auch nicht. Recht, das nicht in Anspruch genommen werden kann oder soll, ist jedenfalls relativ nutzlos. Oder, klarer formuliert: Recht, das nicht durchgesetzt wird (eventuell, weil es sich technisch, gesellschaftlich, politisch nicht durchsetzen lässt), ist totes Recht. Und sich hier um Antworten herumzudrücken, kann auf Dauer nicht gelingen.

Natürlich riefen die systemimmanenten Widersprüche sofort die Kritiker, Verschwörungstheoretiker und Spötter auf den Plan. „Kunst hat Recht“ wurde z.B. auf Facebook umgehend von einer Gegeninitiative namens „Kunst gegen Überwachung“ konterkariert. Die einen halten aktuell bei 1263 Freunden, die anderen bei 419 Unterstützern (beides ziemlich schwach, wenn sie mich fragen). Aber ein Gutes hat die solchermassen forcierte Debatte: sie ist erstmals wirklich eröffnet. Audiatur et altera pars! Sofern man sich nicht hinter ideologischen Mauern verschanzt und gewillt ist, wirklich etwas für Urheber und ihre Rechte zu tun. Und ihre Zukunft. Und ihre selbstgewählten Business-Strukturen. Unter uns: die Kreativen, die von ihrer Kreativität auch wirklich leben wollen, dürsten danach. Dringend.

Die fortgesetzten „ACTA“-Aktivitäten pro und contra werden auch die versammelte Politik und Bürokratie die Angelegenheit nicht rasch ad acta legen lassen können. Und „Kunst hat Recht“ sollte nicht nur raschest die eigenen Argumente und Positionen nachschärfen, sondern auch einen Stosseufzer des Dankes ausstossen dafür.

Sündenfall Sido

1. Februar 2012

Sieh’ einer an: der ORF hievt Populärkultur, Musik, Jugend ins Programm. Spätnächtens. Aber immerhin. Doch war Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein zwiespältiges, zynisches – oder, schlimmer, „gut gemeintes“ – Laientheaterspektakel? Eine Nachbetrachtung.

Diese Kolumne wird einigen nicht schmecken. Denen, die zu gern ein bisserl Reibach gemacht hätten. Mit einer vorgeblich guten Sache. Denen, die legér die Karriere vorantreiben wollten. Mit einem denkwürdigen, unkonventionellen Überraschungserfolg. Und zuvorderst demjenigen, der meinte, die Quadratur des Kreises schaffen zu können: strikten, annähernd aggressiven Kommerz gepaart mit Würde, Anstand, guter Musik und pädagogischem Mehrwert. Dieser Mann heisst Sido.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Paul Hartmut Würdig. Alias Sido. Wirklich kennen (nein, auch das wäre übertrieben) tu’ ich nur die Kunstfigur. Den ehemaligen Maskenmann. Den selbstbewussten HipHopper. Den Star namens Sido. Und, ja, er hat einen gewissen Schmäh. Einen pointierten Witz (wenn auch nicht ohne Ausrutscher). Und eine, hm, erstaunlich vertrauenserweckende, kompetente Gelassenheit. Man könnte meinen, die weniger vertrauenerweckenden, klar kompetenzärmeren, um nicht zu sagen: ingesamt fragwürdigeren Typen in der ORF-Show „Blockstars“ hätten tatsächlich einen Mentor, einen Anwalt, eine Vaterfigur gefunden. Einen, der sie nicht nur verbal „rausholt aus der Scheisse“, sondern ihnen wirklich eine Perspektive gibt. Sido „macht Band“, bekanntlich (und sagen Sie bloss nicht, Sie hätten keine einzige Folge gesehen!). Nein, nicht nur „Band“, sondern Stars. „Blockstars“. Die stehen nun – surprise, surprise! – bei Universal unter Vertrag. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die TV-Kiste Geschichte. Und die Charts werden zeigen, ob das Publikum über das Fernsehflimmern hinaus Bock hat auf Zirkusdirektor Sido & seine Underdog-Truppe.

Ich wage eine Prognose: der Erfolg wird überschaubar sein. Die ORF-Medienforschung wies schon zum Ende der Serie hin eher unterdurchschnittliche Zahlen für „Blockstars“ aus. Und die Kritik konnte sich nie wirklich anfreunden mit dem Scripted Reality-Konzept. Es gab sogar Feinspitze, die meinten, damit wäre einmal mehr das Terrain trittsicherer öffentlich-rechtlicher Unterhaltung verlassen worden – aber diese Debatte ist längst abgelöst durch den nächsten lauwarmen Skandal und allerlei Provokations-Häppchen mehr aus dem Denkerstübchen am Küniglberg (aktuell fordert z.B. Niki Lauda eine ORF-Totalreform, weil Porno-Queen Dolly Buster bei den „Dancing Stars“ antanzt. Hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.)

Wenn aber – die Entwicklungsabteilung des Senders wird das wütend dementieren – „Blockstars“ hauptsächlich, wenn nicht ausschliesslich der Quote wegen inszeniert wurde, dann ist es schon ein ordentlicher Flop, den man da hingelegt hat. Da gibt es nichts daran zu deuteln. Oder zu beschönigen. Ganz abgesehen von der brisanten sozialen Verantwortung, die sich Sido, Universal und der Österreichische Rundfunk aufgehalst haben – wie lange wird es dauern, bis die „Blockstars“ und ihre Protagonisten ihre 15 Minuten Ruhm ausgekostet haben und in der – Achtung, Doppeldeutigkeit! – Depression verschwunden sind? –, hat man unfreiwillig offengelegt, dass „gut gemeint“ ungebrochen das Gegenteil von „gut“ meint. Und Geld genug da ist für aufwändige Reality-Inszenierungen mit „authentischer“ Tonspur – eine Tatsache, die man sonst gerne nachdrücklich leugnet –, man aber nicht im Traum daran denkt, dieses in die Erkundung und Dramatisierung der High Potentials der hiesigen HipHop-, Pop- und Kultur-Landschaft zu stecken.

Ich bin ja neugierig darauf, schrieb ich vor einigen Wochen (noch vor Start der Sendung) im „Falter“, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Sie wurden eh konsequent links liegen gelassen.

All den genannten Acts hätte man in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet. „Blockstars“ wird daran, auch das eine Prognose, nichts ändern. Sondern nur die fatalistische, faule, falsche Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit HipHop oder gar Pop im weitesten Sinn wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen.

Ultimativer Zynismus steckt aber in der Vorspiegelung einer möglichen Selbstbefreiung aus der individuellen Misere mit dem Hebel eines funktionierenden Musikmarkts. Das ist ein schlechter Witz. Für Sido mag der Markt (allerdings zu 90 Prozent der deutsche Markt) ja noch einiges hergeben. Letzlich lebt er aber inzwischen besser von TV-Konzepten (aktuell zu 90 Prozent von in Österreich realisierten). Ein cleverer Geschäftsmann, der Kerl. Für die seiner Obhut anvertrauten Schicksale, die ein Pop-Amalgam weitgehend ungeachtet wirklichen Talents mit HipHop-Flavour und „Street Credibility“ aufladen dürfen, werden schon mittelfristig nur Brösel und Brotkrumen bleiben.

Das Absurde ist: an der Nicht-Existenz eines einschlägigen lokalen Marktes ist grösstenteils der ORF schuld. Ö3 hat in den Neunzigern und Nuller-Jahren HipHop komplett verschlafen, insbesondere deutschsprachigen (und ich weiss, wovon ich schreibe). Und das Fernsehen war und ist eine Katastrophenzone, was aktuelle Populärkultur betrifft. Würde nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit und des Geldes, das Formate wie „Blockstars“, „Helden von morgen“ oder „Starmania“ kosten, in die hiesige Szene gesteckt, gäbe es lokale Stars und Business-Strukturen (von denen wieder der ORF profitieren könnte).

So aber bleibt Texta & Co. ewig nur das Minderheiten-Reservat FM4, während Ö3 Sido und seiner Truppe eine „Perspektive“ bietet, indem man ihnen á priori einen Platz in der Eurovisions-Songcontest-Vorauswahl reserviert. Das ist lächerlich, das ist traurig, das ist vollkommen falsch gedacht.

Der ewige Hase- & Igel-Wettkampf

17. August 2011

Im Kampf gegen illegale Film-Plattformen wurden erste Erfolge errungen – im Ausland wie auch in Österreich. Das generelle Problem fehlender legaler Alternativen ist aber ungelöst. Ein Kommentar.

Mir selbst gehen ja kino.to & Konsorten seit jeher am Allerwertesten vorbei. Man muss schon ein ziemlicher Freak sein, um sich – bedrängt von allerlei sonstigem Ramsch, Abzock- und Lock-Angeboten – Filme in zumeist minderwertiger Bild- und Ton-Qualität aus einer höchst zweifelhaften Quelle zu ziehen. Und sich damit eventuell noch den einen oder anderen Virus einzufangen. Aber der Geiz ist geil!-Aktionismus, sprich: jegliches vermeintliche oder tatsächliche Gratis-Gut entwickelt nun mal in einer Gesellschaft, die sich allmählich daran gewöhnt, dass weder Musik noch Zeitungen, weder Filme noch TV-Serien etwas kosten, ein gewaltiges Eigenleben.

Untersuchungen zeigen, dass die Nutzer von Download- und Streaming-Plattformen wie kino.to (die oft nur „legal“ mögliche Quellen auflisten, wohlweislich ihre Server dann aber trotzdem in Tonga, Russland oder sonstwo anmelden) tatsächlich im Durchschnitt mehr Geld und Zeit für Filme und Kinobesuche lockermachen als der Durchschnittskonsument. Umso schmerzlicher ist es dann natürlich für die TV- und Filmindustrie, wenn diese Kernschicht nichts mehr zur Wertschöpfungskette beiträgt und sich nur mehr den illegalen Verlockungen hingibt. Diese sind legistisch und technisch kaum zu stoppen – kaum hatte man in Deutschland die kino.to-Betreiber eingebuchtet und auf der Web-Adresse ein virtuelles Warnschild montiert, tauchten fast namensgleiche Plattformen auf. Und drehten der Polizei und den Piratenjägern eine lange Nase. Es ist und bleibt ein ewiges Hase-Igel-Spiel.

Allerdings gilt es hierzulande eine bemerkenswerte Verschärfung des Wettstreits zu konstatieren: die Industrie – in Gestalt des Antipiraterie-Vereins VAP – nimmt nun auch die Internet Service Provider, sprich: die Zur-Verfügung-Steller der technischen Infrastruktur, ins Visier. Und ansatzweise in die Pflicht. Einem Antrag auf Sperrung bestimmter IP-Adressen wurde (wenn auch nur in Einzelfällen) vor Gericht stattgegeben. Erstmals.

Zwar konnten die Richter dem Vorschlag der weitergehenden Filterung nach Inhalten nichts abgewinnen – der Trend scheint aber juristisch und politisch in Richtung Content-Hersteller zu gehen. Die achselzuckende und gewiss auch geschäftstüchtige Verantwortungslosigkeit der Provider, die sich auf Netzneutralität und unüberschaubaren Aufwand berufen, sofern man sie als „Hilfssheriff“ in die Pflicht zu nehmen versucht, findet zwar den einen oder anderen ideologischen Unterstützer (auch jenseits der Piratenpartei) – die Frage wird aber letztlich nicht vor überforderten österreichischen Richtern oder Provinzpolitikern abgehandelt werden, sondern auf EU-Ebene. Oder gar im globalen Kräftefeld zwischen Hollywood, Brüssel, Moskau, Mumbai und Peking. Und Hollywood hat bekanntlich jede Menge Showeffekte auf Lager – freiwillig wird diese millardenschwere Industrie ihren Zinnober – jetzt auch in 3D! – nicht der kino.to-Klientel überantworten.

Ein Argument der Internet Service Provider (etwa aus dem Mund des ISPA-Generalsekretärs Andreas Wildberger) ist allerdings stichhaltig und nicht leichtfertig vom Tisch zu wischen: die wirkungsvollste Verdrängung von dubiosen respektive eindeutig illegalen Plattformen besteht in der Schaffung von bequemen, kostengünstigen, legalen Angeboten. Warum es diese am Film-Sektor bislang kaum gibt – die Musikindustrie hat hier von iTunes bis Amazon, von Spotify bis Simfy spät, aber doch ihre Hausaufgaben gemacht –, ist eine offene, brennende Frage.

Einerseits wäre damit natürlich die herkömmliche Kino- und TV-Auswertung in Frage gestellt. Andererseits verhindert ein offenbar äusserst komplexer, vielfach nicht mehr zeitgemässer Wirrwarr internationaler und nationaler Bestimmungen und Rechte eine stringente Umsetzung legitimer und kundenfreundlicher Download- und Streaming-Plattformen. „Die Content-Anbieter sollten ihre Energie nicht für absehbar endlose Gerichtsverfahren verschwenden“, so ISPA-Wortführer Wildberger. „Egal, ob davon kaum greifbare Business-Piraten, neutrale Infrastruktur-Betreiber oder letztlich sogar einzelne Konsumenten betroffen sind. Das ist der falsche Weg. Es gilt, attraktive, zeitgemässe und nach allen Seiten konkurrenzfähige Alternativen zu schaffen.“

D’accord. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass ein Kauf-Angebot nie auch nur den Funken einer Chance gegen ein Gratis-Substitut hat. Aber gerade in Österreich wissen wir besser Bescheid: bei uns fliesst herrliches Quellwasser aus der Wasserleitung. Gratis. Und trotzdem müssen sich Römerquelle (vulgo der Coca Cola-Konzern), Gasteiner & Co. nicht beschweren. Nicht einmal Luxusmarken wie Evian oder San Pellegrino: Wasser lässt sich auch abgepackt, ettikettiert und teuer gut verkaufen. Ob man aber mit solchen Exempeln die Kino- und TV-Industrie nachhaltig beeindrucken oder gar perspektivisch überzeugen kann?

Meine Prognose lautet: der Hase-Igel-Wettlauf wird noch ein paar Jährchen weitergehen. Bis einer tot umfällt. Oder es – eventuell schon zuvor – den Zusehern einfach zu blöd wird.

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