Archive for the 'WIEN LIVE' Category

Verlass’ die Stadt!

15. Mai 2008

Für viele ist sie die Retterin des Genres Protestsong. Tatsächlich: Eva Jantschitsch alias Gustav tänzelt leichtfüssig im Ring, verlacht den übermächtigen Gegner und schlägt dann ansatzlos zu. Mit Worten, mit Ideen, mit Samples und Melodien. So kann, darf, soll Pop mit postmodernem Protestpotential populär werden. Und mit dem neuen Album „Verlass die Stadt“ noch populärer.

Als man erstmals von ihr hörte, war sie 26 Jahre jung, bislang nur im Elektronik-Untergrund der Wiener Szene in Erscheinung getreten und hatte ihr erstes Album auf einem geborgten Laptop im Alleingang gebastelt. Diese CD aber, mit dem rührig-verstörenden Titel „Rettet die Wale“, wurde zum Überraschungs-Debut des Jahres 2004. Und Gustav alias Eva Jantschitsch war über Nacht in aller Munde. Hymnische Rezensionen – von der „Neuen Zürcher Zeitung“ bis zu „de:bug“, von der „Presse“ bis zum „Standard“, von FM4 bis Ö1 – beförderten Gustav zum neuen Liebling des Feuilletons und der Pop-Intelligenzia.

Nun liegt Album No. zwei vor, und wieder kommt der Titel – “Verlass die Stadt” – als Imperativ um die Ecke gebogen. Die Tonspur zu den ironischen, sensibel-spitzen, doppelbödigen Texten geriet diesmal aber fast leichtfüssig. Bisweilen klingt Gustav anno 2008 wie die intellektuelle Halbschwester von Judith Holofernes, der Sängerin von Wir sind Helden. “Verlass die Stadt”, angesiedelt zwischen lässigem Pop-Eklektizismus und artifiziellem Schlager, vereint volkstümliche Blasmusik und sizilianische Mandolinen, ein hinterfotziges “Happy Birthday” und einen beinahe fröhlichen Abgesang auf die Apokalypse. “Die Schunkelseligkeit der Musik steht im krassen Unverhältnis zu den behandelten Themen”, so die Künstlerin. “Denn die Lage ist ungemein ernst und es gibt keinen Grund zur Entwarnung”.

Und wenn doch, dann wollen wir sie zuallererst aus dem Mund von Gustav hören. Das Sensorium dafür besitzt die weithin beste Pop-Schreiberin des Landes allemal.

GUSTAV – Verlass die Stadt (Chicks On Speed Records)

Von der Wiederkehr der Songschreiber(innen)

10. April 2008

Ein paar Worte zum neuen, dritten Album „Songster“ von Chris Gelbmann.

Chris Gelbmann lebt als Musiker und Hobbybauer im nördlichsten Waldviertel. Dem war nicht immer so: noch vor wenigen Jahren betreute der ebenso impulsive wie empfindsame Künstler, gleichsam auf der anderen Seite der Kreativfront, bekannte Grössen wie Christina Stürmer oder André Heller im Auftrag des Musikkonzerns Universal. Es ist ein bemerkenswerter biografischer Schwenk, der ihn heute wieder radikal “back to the roots” geführt hat – zu einem kargen, aber selbstbestimmten Dasein als Singer/Songwriter. Und Labelbetreiber.

In gewisser Weise ist Gelbmann, der dieser Tage mit “Songster” sein drittes Studioalbum veröffentlicht – einmal mehr eine beeindruckend persönliche, konsequente und intensive Songkollektion – ein Vorreiter in mehrfacher Hinsicht. Denn immer mehr Künstler bevorzugen die (gedankliche und tatsächliche) Autarkie, nicht zuletzt wegen des Zusammenbruchs althergebrachter Business-Strukturen. Und immer deutlicher geht der Trend weg von aufgeblasenem Hitradio-Steril-Pop hin zu authentischem, gehaltvollerem Song-Material.

In Österreich lässt sich diese Entwicklung dank der Aktivitäten der rührigen Vienna Songwriting Association (www.songwriting.at) und kleiner Labels wie Buntspecht oder Asinella gerade besonders gut nachvollziehen. Von der diesjährigen FM4-“Amadeus”-Gewinnerin Clara Luzia bis hin zu vielversprechenden Newcomern und Routiniers wie Marilies Jagsch, Mika Vember, Paperbird, wemakemusic*, Son Of The Velvet Rat, A Life A Song A Cigarette oder Chris & The Other Girls regt sich einiges im Gebüsch. Und trillert auch live aus vielen Ecken.

Chris Gelbmann, ein passionierter Beobachter und Hinterfrager vor dem Herrn, ist in dieser Runde fast schon ein Altspatz. Aber die geben ja meist den Ton an. Er sollte Gehör finden.

CHRIS GELBMANN – Songster (Buntspecht)

Wundersames Wien

12. März 2008

Man möge mich des Nepotismus zeihen – aber wie könnte ein Magazin wie “Wien Live” (oder ein Blog aus Wien) ohne einen Fingerzeig auf das wundersamste, zärtlichste, berückendste Wien-Album des Jahres auskommen? Insofern ist es nur würdig und recht, hier Ernst Molden aufs Podest zu bitten.

In seinen Texten und seiner Musik schöpft dieser “letzte Viktorianer” (H.C.Artmann) seit zwei Jahrzehnten aus der reichen urbanen Mythenwelt der Donau-Metropole. Die Motive der Song-Kleinode auf „Wien“ reichen von Fleischhauern, Praterhuren und dem hiesigen Volkssport des Wiesenliegens bis zu höchst persönlichen Szenarios wie „Ein langer Tag am Wasser“. Das musikalische Unterfutter verehelicht elektrischen Blues mit zart gesetztem Lokalkolorit – und sei es ein verminderter Akkord, der eine Rockballade nach US-Baumuster kaum merklich nach Ottakring entführt.

Ernst Moldens Band, durch die intensive Konzertpraxis der vergangenen Jahre zusammengeschweisst „zur tight groovenden Musikmaschine“ (Rainer Krispel, „Augustin“), übersetzt die Vorgaben des Poeten am Mikrofon und an der Gitarre ebenso knapp wie trittsicher ins grosse Format. Gäste wie Ex-„Ostbahn Kurti“ Willi Resetarits tragen das ihre dazu bei. Produziert wurde „Wien“ – wie schon das Vorgängeralbum „Bubenlieder“ – vom Münchner Grenzgänger Kalle Laar (Trikont, Temporary Soundmuseum).

Übrigens: fast zeitgleich mit “Wien” erscheint ein weiteres Molden-Album. Namens “Foan”. Hier übersetzt der Singer-/Songwriter Song-Klassiker und Vorlagen internationaler Vorbilder – von Nick Cave bis Johnny Cash – ins lokale Idiom. Wer den Vergleich sucht, kann “Wien” und “Foan” gleich im Deluxe-Doppelpack erwerben.

Ernst Molden, Wien + Foan (monkey./Hoanzl)

Protestsongcontest kompakt

16. Februar 2008

Ein Protestsongcontest ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich. Immerhin steckt das Reizwort „wider-“ drin. Solange man das Thema nicht allzu ernst nimmt. Was sich eher nachteilig auf die Brisanz der Veranstaltung auswirkt, wie eine Sammlung der vermeintlich besten Widerstandshymnen der letzten Jahre belegt.

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Ich gehe ja selten bis gar nicht ins Theater. Warum auch? Auf Nachfrage konnte mir nicht einmal Freund K., einschlägiger Kritikerpapst beim „Falter“, ein Stück nennen, das man in der Vorjahres-Saison unbedingt hätte sehen müssen. Nun bin ich auf derlei Banausentum keineswegs stolz. Zweckdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen. Eventuell finde ich mich dann mit einem Burgtheater-Abo, Volkstheater-Ticket oder Festwochen-Generalpass wieder. Allein: magnetische Anziehungskräfte haben die genannten Institutionen jetzt seit Jahren und Jahrzehnten nicht entwickeln können, eher das Gegenteil. Das hält meine Skepsis in Bezug auf das aktuelle Sprech- und Schautheater hoch.

Mit einer Ausnahme: dem Rabenhoftheater in Erdberg. Aus meinem Blickwinkel ist es das vergnüglichste, aktuellste und gewitzteste Off-Off-Burgtheater-Refugium Wiens. Direktor Gratzer und sein Team machen – nicht zuletzt mit Hinsicht auf das Budget, das etwa dem einer güldenen Türschnalle in der Burg entsprechen dürfte – einen wirklich guten Job. Respekt!

Als einer der Dauerbrenner des Hauses gilt der alljährliche “Protestsongcontest”, der in Kooperation mit FM4 und dem “Standard” seit 2004 nach aufmüpfigen Künstlern und Bands fahndet. Was mehr oder weniger auch gelingt: die Veranstaltung, eine tolldreiste Paraphrase auf den Eurovisions-Songcontest, schwankt zwischen ersthafter Auseinandersetzung mit dem Protest-Potential der Popkultur und läppischem Studenten-Gschnas. Letzteres, weil es vielfach an wirklich kritischen, wortgewandten und energiegeladenen Beiträgen mangelt (die Gewinner des Jahres 2008 zum Beispiel, Ruperts Jazz Construction, entlocken Kennern der Materie kaum mehr als ein Gähnen. Nebstbei: ein Live-Publikum, das auf jeden kritischen Einwand der Jury mit Buh und Bäh reagiert, hat den Sinn der Veranstaltung missverstanden. Und sollte eventuell doch eher ein Gschnas in Erwägung ziehen…).

Daß es auch anders geht, zeigt eine CD, die – ausgewählt von den Contest-Initiatoren Gratzer, Stocker und Freigaßner – die besten Stücke der Jahre 2004 bis 2007 versammelt. Ein Bombensong wie “Sandbürger” von Rainer von Vielen sprengt betuliche Kinderzimmer-Dramatik, „ironische“ Banalität und eskapistische Öko-Romantik augenblicklich in Stücke. Hier offenbart sich, wie eine dringliche Depesche dreissig Jahre nach Arik Brauer, den Schmetterlingen und Sigi Maron zu klingen hat. Leider bleibt der Song ein Solitär.

Denn selbst Profis wie Rainer Binder-Krieglstein, Mieze Medusa oder Christoph & Lollo können nicht mithalten, lassen aber allemal aufhorchen. Schön hinterhältig auch die Wort- und Musikspende von Georg Freizeit und den Rosaroten, die eben nicht wie viele andere “die Weisheit mit den Löffeln” gefressen haben. Was per se weise und insbesondere für treffsicher Kritik eine conditio sine qua non ist. Nur Rummaulen und Krachschlagen kann jeder Depp.

Ein Freiexemplar für jede Partei-, Medien- und Konzernzentrale! Insgesamt ist diese Sammlung eine kompakte Steilvorlage für den Protestsongcontest 2009.

Various Artists, PROTESTSONGCONTEST 2004 – 2007 (Pate/Edel)

Gepflegte Melancholie

14. Januar 2008

Der dritte Teil der Compilation-Serie „Gloomy Afternoon“ ist gleichzeitig der letzte. Das verstärkt die Wirkung noch.

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Das Weinhaus Sittl am Lerchenfelder Gürtel ist wohl nur notorischen Weinbeissern und Hobby-Historikern mit Hang zu Wiener Lokalkolorit ein Begriff. Wenn aber die Plattenfirma Universal, so ziemlich der letzte Gigant der Branche, dort eine CD-Präsentation inszeniert und legér einen angestaubten Cassettenrecorder ans Stromnetz anschliesst, um die versammelte Glaubensgemeinschaft mit Jazz-, Blues- und Soul-Kleinodien zu beschallen, dann zeugt das von Grösse. Und vom Status Quo des Musikgeschäfts in Österreich, der zwischenzeitlich ins Gegenteil lappt. Drauf geschissen und einen guten Schluck genossen!

Das ist jedenfalls das Motto von DJ Samir (welcher unter dem bürgerlichen Namen Samir H. Köck auch als feinsinniger Kritiker der “Presse” in Erscheinung tritt), der nun schon die dritte Folge der Compilation-Reihe “Gloomy Afternoon” vorlegt. Die Spannbreite des Songmaterials, das Anti-Depressiva allemal wirkungsvoll ausser Kraft setzt, reicht von Billie Holiday über John Lee Hooker und Nick Cave bis zum späten Georg Danzer (“Wer ma wirklich is”). Da die hochklassige Kollektion auch noch intime Einsichten und Ansichten – man beachte das Familienfoto auf der Innenseite der Doppel-CD! – birgt, verleihen wir den hiefür Verantwortlichen das Verdienstkreuz für gepflegte Liedkultur in Blei. Und beten inbrünstig darum, daß der Tonträger nicht wie selbiges in den noch verbliebenen Verkaufsregalen liegen bleibt. In der Metropole mit einer der höchsten Selbstmordraten Europas sollte das Gegenteil der Fall sein. Und “Gloomy Afternoon Vol. 3” ein Renner sondergleichen.

GLOOMY AFTERNOON 3, compiled by Samir H.Köck (Emarcy/Universal)

Gut bei Stimme

12. Januar 2008

Jahrzehntelang prägten Radio-Legenden wie Heinz Conrads, Rosemarie Isopp, Gerhard Bronner, Axel Corti oder Walter Richard Langer den Äther. Doch neuere Moderator(inn)en-Generationen lassen die Erinnerung allmählich verblassen. Eine Hitparade persönlicher Favoriten.

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1. WERNER GEIER. Im Herbst 2007 starb nach langer Krankheit jener Radiomacher, der wie kein Zweiter den Musikgeschmack und die Hörgewohnheiten der achtziger Jahre prägte – zumindest, was avancierte Pop-Konsumenten betrifft. Ohne den Überzeugungstäter aus Mürzzuschlag („MusicBox“, „Nachtexpress“) hätten wir Joy Division, Nick Cave, Stereo MCs oder A Tribe Called Quest nie so hautnah kennengelernt.

2. DORIS GLASER. Macht sich und uns „Gedanken“, wenn man ihre Stimme im Äther hört. Auch das „Ö1 Kulturquiz“ könnte zurückkehren, by public demand.

3. ANGELIKA LANG. War ein ziemlicher Fehler, daß Ö3 seine beste Moderatorin an „Radio Wien“ abgegeben hat. Senderchefin Jasmin Dolati darf sich über profunde Verstärkung (ORF-TV-Station Voice, FM4-Mitbegründerin) freuen.

4. MICHAEL SCHROTT. Steht für die Ö1-„Diagonal“-Feuilleton-Schule, die Wert auf Form, Inhalt und Hörbarkeit setzt. Alternativen: „Popmuseum“-Legende Wolfgang Kos. Oder „Kontext“-Gestalter Wolfgang Ritschl. Oder…

5. ROBERT KRATKY. Die einen nervt er, die anderen himmeln ihn an – Kratky ist sicher der gefragteste Ö3-Star. Und hat nebst Deep Throat-Voice Witz, Biss, Charme (wenn er will). Das Problem ist: bei Ö3 lauern noch zwanzig Robert Kratky-Klone neben dem Mikrofon.

6. FIVA MC. Die Rapperin steht stellvertretend für eine neue Generation von kecken FM4-Talenten. Dabei hat sich auch die alte Riege, insbesondere die englischsprachige – von Duncan Larkin bis Riem Higazi – einen Platz auf dem Stockerl verdient.

7. FRANK HOFFMANN. Von 1975 bis 1994 moderierte Hoffmann das legendäre ORF-Kinomagazin „Trailer“. Noch heute ist der Jazz-Fan eine der gefragtesten Stimmen Österreichs. Zu hören in zahlreichen Werbespots und als Station Voice einiger Privatsender.

8. EBERHARD FORCHER. Der ehemalige Popmusiker („Tom Pettings Hertzattacken“) und „Radio Gaga“-Miterfinder ist ein tragfähiges Urgestein bei Ö3. Gerade in Sachen Musikkompetenz läuft dem Osttiroler kaum jemand den Rang ab.

9. BERND SEBOR. Mittlerweile etwas aus der Realität ausgeklinkt, ist der ehemalige Geschäftsführer und Programmchef von Antenne Steiermark, 88.6 und KroneHit doch ein erfrischend anarchistisches Irrlicht („Wir spielen, was wir wollen“). Und kommt wohl nie vom Radio los. „Tomorrow never knows“, wie schon die Beatles sangen.

10. STERMANN & GRISSEMANN. Mittlerweile ist das Duo mehr auf der Bühne, im TV („Wilkommen Österreich“), Kino oder YouTube daheim. Aber die Basis bleiben Talkshows im unanstrengendsten Medium. Wiewohl ihre Anstrengungen, uns (nach)lässig zu unterhalten, nicht zu verachten sind.

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