Süßer die Kassen nie klingeln

27. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (342) Gratis, aber nicht umsonst? Teil 1 des Überblicks über feine, kleine Registrierkassen-Lösungen.

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Ich hatte ja versprochen, mich zum Jahreswechsel mit dem eher wenig prickelnden Thema Registrierkassen zu beschäftigen. Der Finanzminister will es so: ab 1. Jänner geht’s nicht mehr ohne im Geschäftsleben, außer Sie sind Maronibrater mit einem Jahresumsatz von unter 15.000 Euro. Aber dann würde ich mir generell um Ihr Auskommen Sorgen machen.

Nun darf man sich unter einer Registrierkasse keinesfalls eine altertümliche gußeiserne Maschine mit mechanischen Tipptasten, Geldschublade und lautem Klingeln vorstellen. Vielmehr gilt heutzutage hochoffiziell jedes „elektronische Aufzeichnungssystem, das zur Losungsermittlung und Dokumentation einzelner Bareinnahmen eingesetzt wird“ – und das kann eine sehr simpel gestrickte Software samt Hardware-Peripherie sein. Sprich: wer einen Computer und einen Drucker sein eigen nennt (und wer tut das nicht?), benötigt noch ein Programm, das die Mindestauflagen der Finanzbehörde erfüllt. Nicht mehr, nicht weniger. Und das gibt es, wenn man auf Eleganz und Extras verzichtet, sogar gratis.

Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Webseiten von Offisy (kostenlose-registrierkasse.at) und Hellocash (www.hellocash.at). Experimentierfreudige Kleinunternehmer können solch rudimentäre, herrlich unkomplizierte Angebote einfach die nächsten Wochen über testen. Dank Schonfrist des Finanzministers risikofrei.

Vergleichsweise weniger vertrauenserweckend erscheint mir die Botschaft des deutschen Unternehmens Orderbird, laut Eigenwerbung Anbieter des „Nr.1 iPad-Kassensystems für die Gastronomie“. Einerseits lässt man sich – ein genereller Trend der Verschleierung von Gesamtkosten – monatlich bezahlen (ab 49 Euro aufwärts), anderseits lautet der Marketing-Imperativ ungeniert „Registrierkassapflicht umgehen!“ Das war ja schon bisher der Schmäh vieler Gastronomen und verbündeter Kassenanbieter: man erfand „Zwischenabrechnungen“ und kassenzettelähnliche Bons für den Gast, um ohne gültige Rechnungen und mittels eleganter Software-Korrekturen niedrigere Umsätze vorzutäuschen.

Ehrlich gesagt: mir ist das genauso unsympathisch wie der Gegenschlag der Steuerbehörde, uns allen ein immer engeres und drückenderes bürokratisches Joch um den Hals zu hängen, um ja noch ein paar Euro mehr herauszupressen. In diesem Sinn geht’s hurtig weiter mit der Suche nach finanztechnisch korrekten Kassensystemen, die das Börsel des redlichen Gewerbetreibenden tunlichst wenig belasten. Für Fingerzeige und Erfahrungsberichte von Unternehmer/innen-Seite bin ich dabei äusserst empfänglich.


Kalte Hände, heiße Fragen

20. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (341) Technik-Journalismus mit Nutzwert kann sich dieser Tage an der Registrierkassenpflicht beweisen.

Registrierkasse für Kinder

Die Leistungsträger unserer Gesellschaft sehen sich mit Hohn und Spott konfrontiert. Etwa der Landwirt, Jägersmann und Lobbyist „Graf Ali“ Mensdorff-Pouilly, der seine Hände in fast jedem dreckigen Geschäft der Republik stecken zu haben scheint. Die Netzgemeinde reagierte auf die launigen Ausreden des Herrn, warum er seine Millionentransaktionen nicht belegen kann, so: „Mit einer Registrierkasse wäre mir das nicht passiert!“ Der Gesichtsausdruck des Betroffenen auf dem satirischen Web-Flyer spricht Bände. Es gilt die Unmutsverschuldung.

Das Netz wimmelt aber auch vor Wortmeldungen geplagter Mitbürgerinnen und Mitbürger, die die ab 1. Jänner 2016 staatlich verordnete Registrierkassenpflicht weniger witzig sehen. Discjockeys etwa – von keinerlei Unter-Unterabteilung der Wirtschaftskammer beraten und vertreten – realisieren gerade, dass sie in Zukunft Rechnungen ausstellen müssen (was übrigens auch bislang schon gegolten hat). Ähnlich geht es Physiotherapeuten, Nachhilfelehrerinnen, Taxifahrern, Würstelbratern und Prostituierten. Und vielen anderen Berufszweigen.

Wobei: eine sogenannte „Kalte Hände“-Regelung schafft wieder allerhand Ausnahmen (und wir wollen hier nicht über die Betriebstemperaturen für gewerbliche Unzucht witzeln.) Um den weit verbreiteten Unmut über all den bürokratischen Aufwand zu dämpfen, hat sich der Finanzminister – nebst ein rasch gebastelten Fristerstreckung für Sünder bis Ende März nächsten Jahres – auch ein Extra-Zuckerl einfallen lassen. Mittels Beilagenformular E108c kann bei der Steuererklärung eine Anschaffungsprämie von 200 Euro beantragt werden. Glückauf!

Um nun den Gebrauchs- und Nutzwert dieser Kolumne zu erhöhen, suche ich akut nach Registrierkassenlösungen, die einerseits alle Vorgaben der Behörde erfüllen, andererseits aber tunlichst die zwingend vorgeschriebene Kasse nicht übermässig belasten. Im Idealfall heisst das: sie kosten unter 200 Euro brutto. Oder sind gar gratis (zumindest, solange nicht komplexere Aufgabenstellungen bearbeitet werden müssen).

Ja, solche Programme gibt es! Sie laufen auf gewöhnlichen, längst vorhandenen PCs und Handheld-Computern, drucken über stinknormale Tintenstrahl- oder Laser-Printer aus und benötigen weder Scanner, Bon-Drucker noch tagelange Einschulungen. Es bedarf keines überdimensionierten Systems á la SAP mit eigenem Rechenzentrum, angebundener Warenwirtschaft und automatisierter Schnittstelle zum Steuerberater, um einen Würstelstand zu betreiben – auch wenn Ihnen das diverse Experten, Software-Giganten und registrierte Glücksritter einreden wollen. Sich durch das Dickicht der Anbieter und Lösungen zu schlagen, ist der Arbeitsauftrag (bleiben Sie dran!, Fortsetzung folgt).

Dass all die Kolleginnen, Kollegen, Fachleute und Funktionäre aber kaum etwas anderes in petto haben, als mittels Copy & Paste die Homepage des Finanzministeriums abzuschreiben, spricht Bände.


Künstliche Sonne

13. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (340) Die Menschheit benötigt immer drängender nachhaltige Zukunftstechnologien. Zählt die Kernfusion dazu?

Wendelstein 7-X

„Wer noch etwas über unsere globale Marktwirtschaft wissen will: Erdölpreis bei knapp einem Drittel von vor ein paar Jahren. Kraftstoffpreis wo?“

Ja, so ganz unrecht hat der Freund mit seinem zugespitzten Facebook-Posting, das mir vorgestern unter die Augen kam, wohl nicht. Energiequellen und Rohstoffe sind der mächtigste Trumpf am Pokertisch despotischer Politik- und Wirtschaftslenker. Ihre Drohbotschaft lautet implizit: ohne uns stehen alle Räder still. Und wir dürfen uns glücklich schätzen (oder auch nicht), dass Land, Wasser, Klima, Nahrung und sozialer Frieden noch nicht in jenem Maß der Verhandlungsmasse zugeschlagen werden, den Zukunftsforscher seit Jahrzehnten prophezeihen.

Dass die Welt nimmer lang steht, hat ja schon der legendäre „Club of Rome“ vorherberechnet – aber haben die Wissenschaftler auch überraschend positive Entwicklungen einkalkuliert? Und lassen sich notorische Schwarzseher damit zwangsbeglücken? Ein Beispiel: der Stellarator Wendelstein 7-X im deutschen Greifswald. Klingt futuristisch, ist es auch.

Wir haben es mit dem Prototypen einer Vorstufe eines Kernfusionsreaktors zu tun – einer äusserst komplexen Angelegenheit der Plasmaphysik, nicht unähnlich der Sonne. Durch die Verschmelzung von Wasserstoff-Atomkernen, eingeschlossen in Magnetfelder bei Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius, werden gewaltige Energien frei. Theoretisch könnte eine solche Maschinerie das Energieproblem des gesamten Planeten lösen – und zwar (größtenteils) ohne erdrückende Nebenwirkungen wie Kohlendioxid-Ausstoß oder radioaktive Abfälle.

Nach zehnjähriger Vorbereitungszeit gelang den Wendelstein 7-X-Betreibern des Greifswalder Max Planck-Instituts dieser Tage erstmals experimentell die Plasmaerzeugung – zunächst mit leichter beherrschbarem Helium statt Wasserstoff und nur für eine Zehntelsekunde. Aber es ist ein wichtiger Zwischenschritt. Während andere Nationen einen anderen Reaktor-Typ („Tokamak“) favorisieren, hält man in Deutschland und Japan am potentiellen Dauerbetriebs-Garanten Stellarator fest.

Optimisten hoffen, dass so bis spätestens Ende des Jahrhunderts ein zentrales Menschheits-Thema abgehakt werden kann. Endgültig. Pessimisten verneinen: zu gefährlich, zu kompliziert, zu teuer, zu spät. „Schau ma mal“-Pragmatiker dürfen wohl – eine durchaus tröstliche Zwischenbilanz – noch viele Sonnenzyklen lang Benzinkanister füllen und Solar-Panels aufs Hausdach schrauben.


Ol‘ Blue Eyes

12. Dezember 2015

Die Medien-Festspiele zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra rufen unzählige Erinnerungen wach. Ein Eintrag zum Nachhall des bedeutendsten Entertainers des 20. Jahrhunderts.

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Den Versuch ist es wert: welche Bilder, Assoziationen, Wissensbruchstücke werden zutage gefördert, wenn wir einmal nicht die grosse Bedeutungsmaschine Google anwerfen, sondern unsere eigene Erinnerung? Ein rundes Jubiläum – in diesem Fall der hundertste Geburtstag – einer Ikone der Populärkultur ist ein probater Aufhänger. Wer war Francis Albert Sinatra, genannt Frank? Und was verkörpert er anno 2015, siebzehn Jahre nach seinem Tod?

Noch nicht verblasst ist das Bild des US-Superstars mit Anzug, Krawatte und – lange Zeit ein Markenzeichen – Hut, ein soigniertes Lächeln als ironische Note ultimativer bürgerlicher Eleganz und Strahlkraft. Dann natürlich jene Top-Hits (unter mehr als 1300 Songs, die Sinatra im Lauf seiner Karriere einspielte), die dem Begriff „Evergreen“ mehr als gerecht werden (und vom Sänger oft eher geringgeschätzt wurden), darunter „Strangers In The Night“, „My Way“ oder „New York, New York“. Kollaborationen wie etwa jene mit Sammy Davis jr. und Dean Martin – gemeinhin als „The Rat Pack“ etikettiert –, die auch farbenprächtige Assoziationen mit Whiskygelagen, unzähligen Affären und der Showwelt von Las Vegas zeugen. Und natürlich die ewig hinter vorgehaltener Hand vorgetragenen vermutlichen Querverbindungen zur Mafia, die bis heute nicht restlos geklärt sind.

Das Teenager-Idol der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hingegen ist, wenn überhaupt, nur in den USA noch nicht gänzlich der Erinnerung entschwunden. Hierzulande ging Sinatras Aufstieg Hand in Hand mit der Nachkriegs-Dominanz der amerikanischen Kultur, der im Sturmlauf eine Invasion der Herzen gelang. Es gibt ein Leben vor dem Tod, war ihre Botschaft, und Coca Cola, Elvis Presley und Frank Sinatra ihre Sendboten. „Der liberal denkende, radikale Individualist verachtete Konformismus und Kommerzdenken“, postulierten die Veranstalter des „Sinatra Tributes“ in der Wiener Staatsoper im Juli dieses Jahres. „Tragisch, dass er wegen seiner Beliebtheit beim Establishment in seinen letzten Jahren als Symbolfigur des Geldadels missinterpretiert wurde.“

Tatsächlich kann sich Frank Sinatra wider die Memorabilia-Kitsch-Industrie nicht mehr zur Wehr setzen. Der Sohn italienischer Einwanderer, aufgewachsen am Hudson River im unmondänen Hoboken gleich gegenüber Manhattan, hatte sein Erweckungserlebnis 1933 beim Besuch eines Konzerts von Bing Crosby: der schmächtige High School-Abbrecher (O-Ton des Schulrektors: „Keine wie immer geartete Begabung“), Werftarbeiter und zeitweilige Sportjournalist wollte danach raschest in die höchsten Entertainment-Zirkel aufsteigen. Was ihm zielstrebig gelang. Die ersten Kassenschlager mit den Big Bands von Harry James und Tommy Dorsey, regelmässige Sendungen in der damals mit der Musikindustrie eng verflochtenen Radiolandschaft und wachsende Ambitionen als Filmschauspieler (etwa in Fred Zinnemanns „Verdammt in alle Ewigkeit“), die auch ein Zwischen-Tief wieder geradebogen, halfen kräftig nach.

Ab den sechziger Jahren galt Sinatra als der US-Top-Entertainer schlechthin, gründete seine eigene Plattenfirma Reprise, die er mit exorbitantem Gewinn an Warner Music weiterverkaufte und verkündete 1971 – nach dem Gewinn aller einschlägigen Grammys, Oscars und obligaten Ehrenmedaillen – erstmals seinen Bühnenabschied. Den er knapp zwei Jahre später widerrief. Gerade die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sollten den Grandsigneur des Glitter-Business kommerziell die Ernte des Lebens einfahren lassen. Dreimal war Sinatra auch live in Wien zu hören, ein Auftritt vor 175.000 Zuschauern in Rio de Janeiro ging ins Guiness Buch der Rekorde ein. „Er könnte den Menschen das Telefonbuch vorsingen“, soll Sangeskollegin Dionne Warwick einmal angemerkt haben, „und es würde ihnen immer noch gefallen.“

Letztlich ist es das, was Sinatras Bedeutung bis heute ausmacht: die Individualität, sprich: die Einzigartigkeit interpretatorischer Anstrengung in einem Mainstream der Mittelmässigkeit zu verdeutlichen. Und dabei ungeheuerlich leichtfüssig und unverschwitzt zu wirken, im besten Sinn also: cool. Dieses Talent beeinflusste unzählige Künstler, von Ella Fitzgerald bis Miles Davis. „Er war ein Perfektionist“, weiss der Konzertveranstalter, ehemalige ORF-Manager und Buchautor („Frank Sinatra und seine Zeit“) Johannes Kunz. „Er hat nichts dem Zufall überlassen, das kann man auch den Aussagen von Musikern entnehmen, mit denen er gearbeitet hat, wie etwa Count Basie oder Quincy Jones.“

Sinatra starb nach einem – und man kann deklamieren, dass es sich hier nicht um eine Floskel handelt – künstlerisch, kommerziell und karrieretechnisch höchst erfüllten Leben am 14. Mai 1998 an den Folgen eines Herzinfarkts. Was wird bleiben von dem Entertainment-Titan des 20. Jahrhunderts? Ein rauschender Festakt. Ein in Details ambivalentes Bild. Und ein – möglicherweise ewigwährender – Nachhall eines Menschen, der die Nacht, in der sich die Gesetze des Tages auflösen, zu besingen wusste wie kein Zweiter.


Wir sind die Roboter

6. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (339) Wir sind die Roboter. Was aber, wenn uns Maschinen unseren Job streitig machen?

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Die Arbeitslosigkeit in Österreich steuert auf ein Rekordhoch zu. Man muss nicht an die schmerzlichen vorweihnachtlichen Großpleiten á la Zielpunkt erinnert werden, um generell eine trübe Stimmung zu orten. Ende September waren knapp 400.000 Personen arbeitslos gemeldet, in Wien stieg die Rate mit einem Plus von 17,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich an. Noch 2013 hatte Österreich die niedrigste Arbeitslosenquote der EU, mittlerweile wurde das Land von sechs anderen überholt. Besonders ältere Arbeitnehmer haben kaum mehr eine Chance auf einen sinnvollen Job.

Sonder Zahl existieren Vorschläge, wie dieser unguten Situation zu begegnen wäre. Von Arbeitszeitsenkung über neue, flexible Job-Modelle, die auch perspektivisch Selbständigkeit ermöglichen, bis hin zu Strafzahlungen für Betriebe, die offensiv Senioren entsorgen. Letzteres übrigens oft, doppelt zynisch, auf Kosten der Allgemeinheit.

Nun bin ich weder AMS-Berater, Gewerkschaftsführer noch Experte für Konjunkturbelebung – aber ein ziemlich penibler Beobachter des Alltags. Und meine These lautet: das ist alles nicht radikal genug gedacht. Denn die nächste industrielle Revolution – Historiker haben ihr den Versionszettel 4.0 aufgeklebt – schickt ihre Sendboten schon voraus: intelligente Maschinen, Roboter, Smart Factories, das „Internet der Dinge“.

Es wird einfach nicht mehr so viel Arbeit geben in Zukunft. Oder, präziser: es wird mehr Arbeit geben denn je, aber sie wird uns zu einem grossen Teil von Maschinen, Computern und Steuerprogrammen abgenommen. Eigentlich ein Zustand, den die Menschheit jahrtausendelang ersehnt hat – der jetzt aber, mitten in einem sich immer merkbarer manifestierenden Umbruch, für Irritationen und Probleme sorgt. Es eröffnen sich Fragen, die ans Eingemachte gehen.

Darf man Maschinen Macht über Menschen geben? Welche Arbeit z.B. kann nicht durch noch so ausgeklügelte Hard- und Software ersetzt werden? Woran misst sich wirkliche (sprich: sozial wirksame) Produktivität? Wer definiert und beurteilt Leistung? Leben wir noch in einer Leistungsgesellschaft? Wenn nein (oder auch nur jein), wie verteilt man Erträge in einer Freizeit- und Überflussgesellschaft? Ist ein Job in Zukunft ein Privileg? Wenn ja, wie qualifiziert man sich dafür? Lassen sich in einer post-industriellen, digital vernetzten Welt Armut, Hunger, Unbildung abschaffen? Besteuert man Maschinen? Und so weiter und so fort.

Wir sollten diese Fragen stellen. Und mit Nachdruck bei Politik, Arbeiter- und Wirtschaftskammer, Gewerkschaft und, ja, High Tech-Unternehmen und StartUp-Investoren deponieren. Oder, eventuell zielführender, individuell nach Antworten, Zukunftsmodellen, Alternativen zu einem leise bedrückenden Status Quo suchen. Arbeit en masse!


Neue Wirklichkeiten

29. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (338) Es ist ein denkwürdiger Moment, Virtual Reality erstmals live und leibhaftig zu erleben.

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Es gibt diese speziellen Augenblicke im Leben.

Wir erinnern uns an den ersten Kuss, den mutigen Sprung vom Zehn-Meter-Brett im Freibad, den überraschenden Anruf des Personalberaters. Eventuell auch Tragisches – den Moment, als wir vom Tod von Jochen Rindt oder John Lennon erfuhren, den Ort, wo wir mit schreckgeweiteten Augen die Geschehnisse von 9/11 verfolgten, das Gefühl, das uns beim Abschied von der geliebten Großmutter begleitet hat. Manchmal weiss man im Augenblick des Geschehens selbst, dass es sich – strikt subjektiv – um einen memorablen, denkwürdigen Vorgang handelt, der einen sein restliches Leben begleiten wird.

Nun mag diese Einleitung reichlich pathetisch wirken, wenn man über eine beiläufige PR-Vorführung eines Unternehmens berichtet, die dieser Tage in einem Wiener Aussenbezirk vonstatten ging. Diese Firma nennt sich „Agentur für digitale Transformation“, heisst Exozet und ist in Berlin, Babelsberg und Wien aktiv, u.a. für Konzerne wie Red Bull, Audi, den Axel Springer Verlag und die Deutsche Telekom. Im Auftrag des ORF war und ist man massgeblich an der technischen Umsetzung der „TVThek“, des äusserst löblichen Streaming-Archivs für ORF-Eigenproduktionen (das bald um eine „Radiothek“ ergänzt wird), beteiligt.

Welchen unvergesslichen Moment hat mir nun Exozet beschert? Die Antwort lautet: die Erkenntnis, was Virtual Reality bedeuten könnte, im wirklichen Leben. Denn bislang war es ein blutleerer, theoretischer Begriff, der zwar seit Jahr und Tag in der Fachpresse herumgeistert, aber kaum je greifbar war. Schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich mir auf der „Ars Electronica“ in Linz eine Datenbrille aufgesetzt und war damit relativ unbeeindruckt herumgetappt. Hier aber, in einem Konferenzraum in Ottakring, manifestierte sich die Vision. Eine computergenerierte, künstliche Realität, die für einige Minuten zu frappierender Wirklichkeit wurde. Eine nachhaltige Vorahnung der Zukunft.

Für Beobachter muss ich wie ein plumper Tanzbär gewirkt haben, der – zuerst eine bereits käuflich erwerbbare Brille, die ein Android-Smartphone als Monitor nutzt, vor den Augen, danach ein fortgeschrittener Prototyp – seltsame Figuren in einem leeren Raum dreht. Aber ich befand mich anderswo: auf der Bühne mit U2, im kambodschanischen Dschungel und mitten in einem Kunstwerk, das ich selbst geschaffen hatte. Dreidimensional, leuchtkräftig, unfassbar (sic!) realistisch. Und dabei nur ein Binärcode, weggewischt auf Tastendruck.

Die Beschreibung des Erlebten würde diese Kolumne sprengen. Probieren Sie es selbst aus! Hier eröffnen sich – und es ist ausnahmsweise kein banaler Werbespruch – neue Realitäten.


Amadeus, Amadeus

22. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (337) Warum der Besuch der „Klangbilder“-HiFi-Messe in diesem Jahr besonders verlockend ist…

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Es ist ja nicht so, dass die Leut’ Niedrigpreise verachten. Im Gegenteil. Insbesondere wenn gegeben ist, was landläufig unter einem guten Preis-/Leistungs-Verhältnis verstanden wird. Probate Ware und nachhaltige Qualität auch für den schmalen Geldbeutel fasziniert mich in der Regel mehr als güldener Zierrat oder das letzte Quäntchen Raffinesse, das mit exorbitanten Kosten verbunden ist.

Dennoch standen einige Freunde dem vorwöchigen Ratschlag, es in punkto Plattenspieler einmal mit dem japanischen Direktdreher Audio Technica LP120-USB zu probieren, skeptisch gegenüber. Wie soll ein Gerät, das unter 300 Euro kostet, mit weit teureren Vorbildern und Konkurrenten mithalten können? Gewiss: das Gehäuse ist aus Plastik und nicht aus gebürstetem Aluminium, und da und dort regiert zweifellos der Rotstift. Es gibt auch kaum noch Langzeit-Erfahrungen (wie mit dem unkaputtbaren Technics SL-1210). Aber die Funktionalität stimmt, und noch hat kein noch so kritischer Profi-Nutzer ein Haar in der Suppe gefunden.

Ich verstehe aber auch, dass man sich von der Masse absetzen will. Gerade die High End-Fraktion der Audio-Hardware-Industrie lebt davon. Dann aber plädiere ich für wirkliche Exaltiertheit, sprich: den Bau oder Erwerb von Einzelstücken. Oder zumindest Geräten aus Klein- und Kleinstserien. Und hätte gleich einen aktuellen Liebling bei der Hand: den „Amadeus“ der Wiener Lautsprecher Manufaktur. Ersterer ist ein leistungspotenter integrierter Class D-Verstärker im eleganten Retro-Technik-Look, letzteres trotz des Namens ein Innsbrucker Unternehmen.

Martin Schützenauer heisst der Entwickler, Andreas Steiner der Geschäftsführer – und die beiden ehemaligen Spitzensportler beweisen heute Gehör und Geschick. Neben Boxen-Eigenentwicklungen und einer superb klingenden Luxus-Boombox („Wunderkind“) sind es nun vor allem die Voll-, Vor- und Endverstärker, die Aufmerksamkeit erregen. Benannt nach Mitgliedern der Habsburger Kaiserfamilie, gefallen vor allem Optik, Haptik und Akuratesse der Konstruktionen. Und man kann wohl – das ist wahrer Luxus! – noch die eine oder andere individuelle Note anregen.

Wie klingt nun der „Amadeus“? Ich gestehe: das blieb bisher ungetestet. Aber ich werde am kommenden Wochenende zur grössten österreichische HiFi-Messe „Klangbilder“ (27.-29.11., Arcotel Kaiserwasser Wien) pilgern. Und dort schnurstracks den Raum der Wiener Lautsprecher Manufaktur ansteuern. Mit hohen, nein: höchsten Erwartungen.

Postscriptum: ich war heute auf der Klangbilder HiFi-Messe im ARCOTEL Kaiserwasser Wien – und, ja, die Wiener Lautsprecher Manufaktur hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil. You gotta hear this!


Ersatzlaufwerk

21. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (336) Was kann – mitten im Vinyl-Revival – den legendären Plattenspieler Technics SL-1210 ersetzen?

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So ist das, wenn man versucht, Theorie und Praxis auf Deckung zu bringen. Man findet sich mitten im Trubel der Eröffnung eines Geschäftslokals in Wien-Neubau wieder. An diesem Ort, der eine nicht unoriginelle Kreuzung aus Plattenladen und Audio-Greisslerei (Schwerpunkt: Vintage HiFi) repräsentiert, dreht sich vieles, wenn auch nicht alles um das Thema Vinyl. Mit Recht: denn das Comeback dieses altertümlichen Tronträgers ist ebenso fulminant wie mittlerweile weithin bekannt. Wer da ein Geschäft vermutet, beweist eventuell einen Riecher. Noch besser, wenn man den Betreibern auch Fachverstand und Herzblut unterstellt.

Apropos Geschäft: ich werde einen Teufel tun, Ihnen den Namen und die genaue Adresse dieses Shops zu nennen (man würde mich ungenierter Schleichwerbung zeihen, zurecht). Nur soviel sei verraten: es befinden sich einige weitere Record Stores und HiFi-Spezialisten in nächster Nähe. Weil zu vermuten ist, dass die Konkurrenz auch positive Aspekte zeitigt – sei es in punkto allgemeiner Anziehungskraft des Viertels oder Repertoireverbreiterung für Vinyl-Liebhaber –, kann man sich umgehend drängenden Konsumentenfragen widmen. In diesem Kontext und vor Weihnachten lautet eine der meistgehörten: zu all den schönen Scheiben welchen Plattenspieler kaufen?

Nun hat jeder einschlägige Dealer – nachdem hier lange Jahre eine rechte Marktflaute zu verzeichnen war, die insbesondere der österreichische Hersteller Pro-Ject für sich nutzen konnte – heute wieder eine feine Auswahl parat: von altbekannten Marken wie Thorens, Dual, Rega, Denon und Teac bis hin zu Exoten wie Music Hall, Clearaudio oder Funk Firm. Von Spitzenlaufwerken wie dem Linn Sondek LP12 soll hier erst gar nicht geschwärmt werden… Fast alle dieser Geräte sind solide Dreher für die Stereoanlage daheim, haben aber auch Nachteile: sie sind filigran, wollen gepflegt und sensibel behandelt werden und werden via Gummiriemen angetrieben.

Jene Hobbyisten aber, die den Plattenreiter (kurz: DJ) in sich erwachen spüren, mögen aber unbedingt ein robustes Arbeitstier mit Direktantrieb erwerben. Die Messlatte legt hier der legendäre Technics SL-1210, der ungebrochen hoch im Kurs steht (auch preislich), aber einen Nachteil hat. Einen entscheidenden: er wird nicht mehr gebaut. Technics hat zwar mittlerweile vage einen Nachfolger in Aussicht gestellt, aber genaueres weiss man nicht.

Nun gibt es unzählige Nachbauten, Klone und Derivate des SL-1210. Das meiste davon Schrott. Mit einer Ausnahme. Und die heisst Audio Technica LP120-USB. Kostet nicht mal die Hälfte des Originals – und kann alles. Tipp: Händler ausfindig machen (muss nicht der in Wien-Neubau sein), zuschlagen, Spaß haben.


Spezialdienste

30. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (335) Die „Netzneutralität“ ist Geschichte. Oder: wie uns die Politik fortwährend für dumm verkauft.

Netzfreiheit

Wissen Sie, wer Paul Rübig ist? Ich wusste es bis vor kurzem auch nicht.

Auf der löblichen Internet-Plattform meineabgeordneten.at kann man zu Herrn Rübig – korrekterweise: Kommerzialrat Ingenieur Magister Doktor Paul Rübig – nicht nur nachlesen, dass der gelernte Schmied eine Privatstiftung eingerichtet hat, diverse universitäre Lehraufträge besaß, an allerlei Firmen (Wassertechnologie, Wärmebehandlung etc.) beteiligt ist, seinen Präsenzdienst bei den Gebirgsjägern in Absam geleistet hat und lange Jahre Vizepräsident der Paneuropabewegung war, sondern auch seine aktuelle Funktion erfahren. Voilá: Rübig ist österreichischer EU-Abgeordneter. Und zugleich Schatzmeister der ÖVP-Delegation im Europäischen Parlament.

Nun gut, werden Sie sagen, ein fleissiger, geschäftstüchtiger Mann – aber was kümmert’s mich? Die Antwort betrifft uns leider bald alle: Rübig zählt zu jenen Entscheidungsträgern, die die Abschaffung (oder zumindest Aufweichung) der Netzneutralität vorangetrieben und mitbeschlossen haben. Dieses harmlose Wort steht für ein Grundprinzip des freien Internet: die gleichberechtigte Übertragung von Daten unabhängig von Sender, Empfänger, Inhalt und Anwendung. Experten, darunter der World Wide Web-Begründer Tim Berners-Lee, warnen seit Jahren vor der Aufopferung dieses Grundrechts des digitalen Zeitalters auf dem Altar kommerzieller Interessen.

Forsche Politiker wie Kommerzialrat Rübig ficht das nicht an, im Gegenteil. Er überzeugte als „Telekom-Sprecher“ die ÖVP-Mitstreiter/innen im EU-Parlament, gegen Roaming-Gebühren und für eine „Verordnung über Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“, die er selbst mitformuliert hat, zu stimmen. Kenner der Materie orten darin einen Kuhhandel mit unabsehbaren Folgen.

Der Treppenwitz folgt aber erst. Weil diese Vorgänge doch einige kritische Stimmen und Reaktionen zeitigten, erklärt uns der EU-Parlamentarier im Radio und auf seiner eigenen Homepage, was Sache ist. „Wenn alle anfangen, „House of Cards“ runterzuladen“, so Rübig, „darf das nicht dazu führen, dass der normale Surfer im Stau steht.“ Und, man ahnt es: die Netzneutralität sei nicht gefährdet, sondern – im Gegenteil – erst durch wackere Ritter wie ihn tatkräftig und dauerhaft geschützt. Netzneutralität und „Verkehrsregeln für spezielle Dienste“ seien ja „kein Widerspuch“. Was immer mit den Spezialdiensten gemeint sein mag; die TV-Serie „House of Cards“ streamt ja der „normale Surfer“, oder etwa nicht?

Wie zum Hohn erläuterte Timoetheus Höttges, Vorsatzvorsitzender der Deutschen Telekom AG, raschest, was er unter der Rübig-Doktrin versteht: „Gesicherte Qualität für ein paar Euro mehr“. Wer nicht in die Tasche greifen mag, darf schon mal gewöhnungstechnischvorsorglich auf die Kriechspur wechseln.


Einbrecher, bitte melden!

26. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (334) Bequemlichkeit hat ihren Preis. Bei „Smart Home“-Produkten ist er auf den ersten Blick oft erstaunlich niedrig.

Home Control

Ein entfernter Freund, der vormalige Spitzenmanager, Autor, Segler und Philosoph Z., hat neulich einen bemerkenswert sarkastischen Satz fallen lassen. „Industrie 4.0 heißt übrigens auch“, so der Wortlaut seines Postings, „es kommt die Zeit, in der die Haushaltsgeräte intelligenter sein werden als viele ihrer Besitzer.“ Na bumm.

Lassen wir einmal den Industrie-Komplex beiseite – darüber hören wir eh immer Leute wie Hannes Androsch deklamieren, die sich wohl eher auf ihre offiziösen, überbezahlten Aufsichtsfunktionen im Banken- und Staatsgetriebe konzentrieren sollten… Aber zurück zum Thema: der Verschmelzung maschineller Intelligenz mit unserer alltäglichen Lebenswelt. Da ist tatsächlich allerhand in Gang.

Nehmen wir einmal das vielzitierte „Smart Home“ her. Also die Idee, Haus und Hof technisch ins 21. Jahrhundert zu befördern. Im Baumarkt wuchern die Regale mit elektronischen Lego-Bausteinen für die eigenen vier Wände mittlerweile rapide in die Höhe. Ich selbst habe aktuell zu Testzwecken das „Home Control Starterpaket“ des rührigen deutschen Anbieters devolo auf dem Schreibtisch drapiert – wo es eigentlich nichts verloren hat. Denn ein Tür/Fenster-Kontakt gehört nun mal an Tür oder Fenster, die Schalt- und Messteckdose braucht Strom, Funkschalter, Rauch- und Bewegungsmelder sowie Raumthermostat müssen integriert und vernetzt werden. „Umständliches Kabelverlegen und Bohren entfällt“, verheisst die Bedienungsanleitung – schliesslich nutzt man Powerline-Adapter und den Funkstandard Z-Wave zur digitalen Kommunikation. Und setzt zudem – wer nicht? – auf eine eigene, spezialisierte App, die man sich gratis aufs Handy (pardon: Smartphone) lädt.

Das funktioniert alles leidlich. Und man kann damit risikolos herumspielen. Andere Anbieter fügen zum Portfolio, das Heizung, Licht und Gerätsteuerung abdeckt, jedoch noch Webcams und Alarmanlagen hinzu. Stichwort: Gebäudesicherheit. Was ich wirklich gern machen würde – leider habe ich noch keinen „partner in crime“ gefunden –, wäre ein beinharter Check der tatsächlichen Brauchbarkeit solcher Smart Home-Baukästen. Gerade in Sachen Einbruch und Diebstahl. Nötigt diese vorgeblich von Laien in Minuten installierte Infrastruktur Profi-Einbrechern Respekt ab – oder lässt es sie in Sekundenschnelle in schallendes Gelächter ausbrechen? Sorglos nämlich: einen Geräuschmelder kennt das devolo-„Home Control“-Gadget-Buffet nicht. Dafür eine Fernbedienung ab wohlfeilen 39 Euro.

Die zentrale Frage lautet also: können Haushaltsgeräte tatsächlich intelligenter sein als ihre Besitzer und Benützer? Und, wenn ja: würden sie sich selbst auf die Einkaufsliste setzen?


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