Wir sind die Roboter

6. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (339) Wir sind die Roboter. Was aber, wenn uns Maschinen unseren Job streitig machen?

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Die Arbeitslosigkeit in Österreich steuert auf ein Rekordhoch zu. Man muss nicht an die schmerzlichen vorweihnachtlichen Großpleiten á la Zielpunkt erinnert werden, um generell eine trübe Stimmung zu orten. Ende September waren knapp 400.000 Personen arbeitslos gemeldet, in Wien stieg die Rate mit einem Plus von 17,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich an. Noch 2013 hatte Österreich die niedrigste Arbeitslosenquote der EU, mittlerweile wurde das Land von sechs anderen überholt. Besonders ältere Arbeitnehmer haben kaum mehr eine Chance auf einen sinnvollen Job.

Sonder Zahl existieren Vorschläge, wie dieser unguten Situation zu begegnen wäre. Von Arbeitszeitsenkung über neue, flexible Job-Modelle, die auch perspektivisch Selbständigkeit ermöglichen, bis hin zu Strafzahlungen für Betriebe, die offensiv Senioren entsorgen. Letzteres übrigens oft, doppelt zynisch, auf Kosten der Allgemeinheit.

Nun bin ich weder AMS-Berater, Gewerkschaftsführer noch Experte für Konjunkturbelebung – aber ein ziemlich penibler Beobachter des Alltags. Und meine These lautet: das ist alles nicht radikal genug gedacht. Denn die nächste industrielle Revolution – Historiker haben ihr den Versionszettel 4.0 aufgeklebt – schickt ihre Sendboten schon voraus: intelligente Maschinen, Roboter, Smart Factories, das „Internet der Dinge“.

Es wird einfach nicht mehr so viel Arbeit geben in Zukunft. Oder, präziser: es wird mehr Arbeit geben denn je, aber sie wird uns zu einem grossen Teil von Maschinen, Computern und Steuerprogrammen abgenommen. Eigentlich ein Zustand, den die Menschheit jahrtausendelang ersehnt hat – der jetzt aber, mitten in einem sich immer merkbarer manifestierenden Umbruch, für Irritationen und Probleme sorgt. Es eröffnen sich Fragen, die ans Eingemachte gehen.

Darf man Maschinen Macht über Menschen geben? Welche Arbeit z.B. kann nicht durch noch so ausgeklügelte Hard- und Software ersetzt werden? Woran misst sich wirkliche (sprich: sozial wirksame) Produktivität? Wer definiert und beurteilt Leistung? Leben wir noch in einer Leistungsgesellschaft? Wenn nein (oder auch nur jein), wie verteilt man Erträge in einer Freizeit- und Überflussgesellschaft? Ist ein Job in Zukunft ein Privileg? Wenn ja, wie qualifiziert man sich dafür? Lassen sich in einer post-industriellen, digital vernetzten Welt Armut, Hunger, Unbildung abschaffen? Besteuert man Maschinen? Und so weiter und so fort.

Wir sollten diese Fragen stellen. Und mit Nachdruck bei Politik, Arbeiter- und Wirtschaftskammer, Gewerkschaft und, ja, High Tech-Unternehmen und StartUp-Investoren deponieren. Oder, eventuell zielführender, individuell nach Antworten, Zukunftsmodellen, Alternativen zu einem leise bedrückenden Status Quo suchen. Arbeit en masse!


Neue Wirklichkeiten

29. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (338) Es ist ein denkwürdiger Moment, Virtual Reality erstmals live und leibhaftig zu erleben.

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Es gibt diese speziellen Augenblicke im Leben.

Wir erinnern uns an den ersten Kuss, den mutigen Sprung vom Zehn-Meter-Brett im Freibad, den überraschenden Anruf des Personalberaters. Eventuell auch Tragisches – den Moment, als wir vom Tod von Jochen Rindt oder John Lennon erfuhren, den Ort, wo wir mit schreckgeweiteten Augen die Geschehnisse von 9/11 verfolgten, das Gefühl, das uns beim Abschied von der geliebten Großmutter begleitet hat. Manchmal weiss man im Augenblick des Geschehens selbst, dass es sich – strikt subjektiv – um einen memorablen, denkwürdigen Vorgang handelt, der einen sein restliches Leben begleiten wird.

Nun mag diese Einleitung reichlich pathetisch wirken, wenn man über eine beiläufige PR-Vorführung eines Unternehmens berichtet, die dieser Tage in einem Wiener Aussenbezirk vonstatten ging. Diese Firma nennt sich „Agentur für digitale Transformation“, heisst Exozet und ist in Berlin, Babelsberg und Wien aktiv, u.a. für Konzerne wie Red Bull, Audi, den Axel Springer Verlag und die Deutsche Telekom. Im Auftrag des ORF war und ist man massgeblich an der technischen Umsetzung der „TVThek“, des äusserst löblichen Streaming-Archivs für ORF-Eigenproduktionen (das bald um eine „Radiothek“ ergänzt wird), beteiligt.

Welchen unvergesslichen Moment hat mir nun Exozet beschert? Die Antwort lautet: die Erkenntnis, was Virtual Reality bedeuten könnte, im wirklichen Leben. Denn bislang war es ein blutleerer, theoretischer Begriff, der zwar seit Jahr und Tag in der Fachpresse herumgeistert, aber kaum je greifbar war. Schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich mir auf der „Ars Electronica“ in Linz eine Datenbrille aufgesetzt und war damit relativ unbeeindruckt herumgetappt. Hier aber, in einem Konferenzraum in Ottakring, manifestierte sich die Vision. Eine computergenerierte, künstliche Realität, die für einige Minuten zu frappierender Wirklichkeit wurde. Eine nachhaltige Vorahnung der Zukunft.

Für Beobachter muss ich wie ein plumper Tanzbär gewirkt haben, der – zuerst eine bereits käuflich erwerbbare Brille, die ein Android-Smartphone als Monitor nutzt, vor den Augen, danach ein fortgeschrittener Prototyp – seltsame Figuren in einem leeren Raum dreht. Aber ich befand mich anderswo: auf der Bühne mit U2, im kambodschanischen Dschungel und mitten in einem Kunstwerk, das ich selbst geschaffen hatte. Dreidimensional, leuchtkräftig, unfassbar (sic!) realistisch. Und dabei nur ein Binärcode, weggewischt auf Tastendruck.

Die Beschreibung des Erlebten würde diese Kolumne sprengen. Probieren Sie es selbst aus! Hier eröffnen sich – und es ist ausnahmsweise kein banaler Werbespruch – neue Realitäten.


Amadeus, Amadeus

22. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (337) Warum der Besuch der „Klangbilder“-HiFi-Messe in diesem Jahr besonders verlockend ist…

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Es ist ja nicht so, dass die Leut’ Niedrigpreise verachten. Im Gegenteil. Insbesondere wenn gegeben ist, was landläufig unter einem guten Preis-/Leistungs-Verhältnis verstanden wird. Probate Ware und nachhaltige Qualität auch für den schmalen Geldbeutel fasziniert mich in der Regel mehr als güldener Zierrat oder das letzte Quäntchen Raffinesse, das mit exorbitanten Kosten verbunden ist.

Dennoch standen einige Freunde dem vorwöchigen Ratschlag, es in punkto Plattenspieler einmal mit dem japanischen Direktdreher Audio Technica LP120-USB zu probieren, skeptisch gegenüber. Wie soll ein Gerät, das unter 300 Euro kostet, mit weit teureren Vorbildern und Konkurrenten mithalten können? Gewiss: das Gehäuse ist aus Plastik und nicht aus gebürstetem Aluminium, und da und dort regiert zweifellos der Rotstift. Es gibt auch kaum noch Langzeit-Erfahrungen (wie mit dem unkaputtbaren Technics SL-1210). Aber die Funktionalität stimmt, und noch hat kein noch so kritischer Profi-Nutzer ein Haar in der Suppe gefunden.

Ich verstehe aber auch, dass man sich von der Masse absetzen will. Gerade die High End-Fraktion der Audio-Hardware-Industrie lebt davon. Dann aber plädiere ich für wirkliche Exaltiertheit, sprich: den Bau oder Erwerb von Einzelstücken. Oder zumindest Geräten aus Klein- und Kleinstserien. Und hätte gleich einen aktuellen Liebling bei der Hand: den „Amadeus“ der Wiener Lautsprecher Manufaktur. Ersterer ist ein leistungspotenter integrierter Class D-Verstärker im eleganten Retro-Technik-Look, letzteres trotz des Namens ein Innsbrucker Unternehmen.

Martin Schützenauer heisst der Entwickler, Andreas Steiner der Geschäftsführer – und die beiden ehemaligen Spitzensportler beweisen heute Gehör und Geschick. Neben Boxen-Eigenentwicklungen und einer superb klingenden Luxus-Boombox („Wunderkind“) sind es nun vor allem die Voll-, Vor- und Endverstärker, die Aufmerksamkeit erregen. Benannt nach Mitgliedern der Habsburger Kaiserfamilie, gefallen vor allem Optik, Haptik und Akuratesse der Konstruktionen. Und man kann wohl – das ist wahrer Luxus! – noch die eine oder andere individuelle Note anregen.

Wie klingt nun der „Amadeus“? Ich gestehe: das blieb bisher ungetestet. Aber ich werde am kommenden Wochenende zur grössten österreichische HiFi-Messe „Klangbilder“ (27.-29.11., Arcotel Kaiserwasser Wien) pilgern. Und dort schnurstracks den Raum der Wiener Lautsprecher Manufaktur ansteuern. Mit hohen, nein: höchsten Erwartungen.

Postscriptum: ich war heute auf der Klangbilder HiFi-Messe im ARCOTEL Kaiserwasser Wien – und, ja, die Wiener Lautsprecher Manufaktur hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil. You gotta hear this!


Ersatzlaufwerk

21. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (336) Was kann – mitten im Vinyl-Revival – den legendären Plattenspieler Technics SL-1210 ersetzen?

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So ist das, wenn man versucht, Theorie und Praxis auf Deckung zu bringen. Man findet sich mitten im Trubel der Eröffnung eines Geschäftslokals in Wien-Neubau wieder. An diesem Ort, der eine nicht unoriginelle Kreuzung aus Plattenladen und Audio-Greisslerei (Schwerpunkt: Vintage HiFi) repräsentiert, dreht sich vieles, wenn auch nicht alles um das Thema Vinyl. Mit Recht: denn das Comeback dieses altertümlichen Tronträgers ist ebenso fulminant wie mittlerweile weithin bekannt. Wer da ein Geschäft vermutet, beweist eventuell einen Riecher. Noch besser, wenn man den Betreibern auch Fachverstand und Herzblut unterstellt.

Apropos Geschäft: ich werde einen Teufel tun, Ihnen den Namen und die genaue Adresse dieses Shops zu nennen (man würde mich ungenierter Schleichwerbung zeihen, zurecht). Nur soviel sei verraten: es befinden sich einige weitere Record Stores und HiFi-Spezialisten in nächster Nähe. Weil zu vermuten ist, dass die Konkurrenz auch positive Aspekte zeitigt – sei es in punkto allgemeiner Anziehungskraft des Viertels oder Repertoireverbreiterung für Vinyl-Liebhaber –, kann man sich umgehend drängenden Konsumentenfragen widmen. In diesem Kontext und vor Weihnachten lautet eine der meistgehörten: zu all den schönen Scheiben welchen Plattenspieler kaufen?

Nun hat jeder einschlägige Dealer – nachdem hier lange Jahre eine rechte Marktflaute zu verzeichnen war, die insbesondere der österreichische Hersteller Pro-Ject für sich nutzen konnte – heute wieder eine feine Auswahl parat: von altbekannten Marken wie Thorens, Dual, Rega, Denon und Teac bis hin zu Exoten wie Music Hall, Clearaudio oder Funk Firm. Von Spitzenlaufwerken wie dem Linn Sondek LP12 soll hier erst gar nicht geschwärmt werden… Fast alle dieser Geräte sind solide Dreher für die Stereoanlage daheim, haben aber auch Nachteile: sie sind filigran, wollen gepflegt und sensibel behandelt werden und werden via Gummiriemen angetrieben.

Jene Hobbyisten aber, die den Plattenreiter (kurz: DJ) in sich erwachen spüren, mögen aber unbedingt ein robustes Arbeitstier mit Direktantrieb erwerben. Die Messlatte legt hier der legendäre Technics SL-1210, der ungebrochen hoch im Kurs steht (auch preislich), aber einen Nachteil hat. Einen entscheidenden: er wird nicht mehr gebaut. Technics hat zwar mittlerweile vage einen Nachfolger in Aussicht gestellt, aber genaueres weiss man nicht.

Nun gibt es unzählige Nachbauten, Klone und Derivate des SL-1210. Das meiste davon Schrott. Mit einer Ausnahme. Und die heisst Audio Technica LP120-USB. Kostet nicht mal die Hälfte des Originals – und kann alles. Tipp: Händler ausfindig machen (muss nicht der in Wien-Neubau sein), zuschlagen, Spaß haben.


Spezialdienste

30. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (335) Die „Netzneutralität“ ist Geschichte. Oder: wie uns die Politik fortwährend für dumm verkauft.

Netzfreiheit

Wissen Sie, wer Paul Rübig ist? Ich wusste es bis vor kurzem auch nicht.

Auf der löblichen Internet-Plattform meineabgeordneten.at kann man zu Herrn Rübig – korrekterweise: Kommerzialrat Ingenieur Magister Doktor Paul Rübig – nicht nur nachlesen, dass der gelernte Schmied eine Privatstiftung eingerichtet hat, diverse universitäre Lehraufträge besaß, an allerlei Firmen (Wassertechnologie, Wärmebehandlung etc.) beteiligt ist, seinen Präsenzdienst bei den Gebirgsjägern in Absam geleistet hat und lange Jahre Vizepräsident der Paneuropabewegung war, sondern auch seine aktuelle Funktion erfahren. Voilá: Rübig ist österreichischer EU-Abgeordneter. Und zugleich Schatzmeister der ÖVP-Delegation im Europäischen Parlament.

Nun gut, werden Sie sagen, ein fleissiger, geschäftstüchtiger Mann – aber was kümmert’s mich? Die Antwort betrifft uns leider bald alle: Rübig zählt zu jenen Entscheidungsträgern, die die Abschaffung (oder zumindest Aufweichung) der Netzneutralität vorangetrieben und mitbeschlossen haben. Dieses harmlose Wort steht für ein Grundprinzip des freien Internet: die gleichberechtigte Übertragung von Daten unabhängig von Sender, Empfänger, Inhalt und Anwendung. Experten, darunter der World Wide Web-Begründer Tim Berners-Lee, warnen seit Jahren vor der Aufopferung dieses Grundrechts des digitalen Zeitalters auf dem Altar kommerzieller Interessen.

Forsche Politiker wie Kommerzialrat Rübig ficht das nicht an, im Gegenteil. Er überzeugte als „Telekom-Sprecher“ die ÖVP-Mitstreiter/innen im EU-Parlament, gegen Roaming-Gebühren und für eine „Verordnung über Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“, die er selbst mitformuliert hat, zu stimmen. Kenner der Materie orten darin einen Kuhhandel mit unabsehbaren Folgen.

Der Treppenwitz folgt aber erst. Weil diese Vorgänge doch einige kritische Stimmen und Reaktionen zeitigten, erklärt uns der EU-Parlamentarier im Radio und auf seiner eigenen Homepage, was Sache ist. “Wenn alle anfangen, „House of Cards“ runterzuladen“, so Rübig, „darf das nicht dazu führen, dass der normale Surfer im Stau steht.“ Und, man ahnt es: die Netzneutralität sei nicht gefährdet, sondern – im Gegenteil – erst durch wackere Ritter wie ihn tatkräftig und dauerhaft geschützt. Netzneutralität und “Verkehrsregeln für spezielle Dienste” seien ja „kein Widerspuch“. Was immer mit den Spezialdiensten gemeint sein mag; die TV-Serie “House of Cards” streamt ja der “normale Surfer”, oder etwa nicht?

Wie zum Hohn erläuterte Timoetheus Höttges, Vorsatzvorsitzender der Deutschen Telekom AG, raschest, was er unter der Rübig-Doktrin versteht: „Gesicherte Qualität für ein paar Euro mehr“. Wer nicht in die Tasche greifen mag, darf schon mal gewöhnungstechnischvorsorglich auf die Kriechspur wechseln.


Einbrecher, bitte melden!

26. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (334) Bequemlichkeit hat ihren Preis. Bei „Smart Home“-Produkten ist er auf den ersten Blick oft erstaunlich niedrig.

Home Control

Ein entfernter Freund, der vormalige Spitzenmanager, Autor, Segler und Philosoph Z., hat neulich einen bemerkenswert sarkastischen Satz fallen lassen. „Industrie 4.0 heißt übrigens auch“, so der Wortlaut seines Postings, „es kommt die Zeit, in der die Haushaltsgeräte intelligenter sein werden als viele ihrer Besitzer.“ Na bumm.

Lassen wir einmal den Industrie-Komplex beiseite – darüber hören wir eh immer Leute wie Hannes Androsch deklamieren, die sich wohl eher auf ihre offiziösen, überbezahlten Aufsichtsfunktionen im Banken- und Staatsgetriebe konzentrieren sollten… Aber zurück zum Thema: der Verschmelzung maschineller Intelligenz mit unserer alltäglichen Lebenswelt. Da ist tatsächlich allerhand in Gang.

Nehmen wir einmal das vielzitierte „Smart Home“ her. Also die Idee, Haus und Hof technisch ins 21. Jahrhundert zu befördern. Im Baumarkt wuchern die Regale mit elektronischen Lego-Bausteinen für die eigenen vier Wände mittlerweile rapide in die Höhe. Ich selbst habe aktuell zu Testzwecken das „Home Control Starterpaket“ des rührigen deutschen Anbieters devolo auf dem Schreibtisch drapiert – wo es eigentlich nichts verloren hat. Denn ein Tür/Fenster-Kontakt gehört nun mal an Tür oder Fenster, die Schalt- und Messteckdose braucht Strom, Funkschalter, Rauch- und Bewegungsmelder sowie Raumthermostat müssen integriert und vernetzt werden. „Umständliches Kabelverlegen und Bohren entfällt“, verheisst die Bedienungsanleitung – schliesslich nutzt man Powerline-Adapter und den Funkstandard Z-Wave zur digitalen Kommunikation. Und setzt zudem – wer nicht? – auf eine eigene, spezialisierte App, die man sich gratis aufs Handy (pardon: Smartphone) lädt.

Das funktioniert alles leidlich. Und man kann damit risikolos herumspielen. Andere Anbieter fügen zum Portfolio, das Heizung, Licht und Gerätsteuerung abdeckt, jedoch noch Webcams und Alarmanlagen hinzu. Stichwort: Gebäudesicherheit. Was ich wirklich gern machen würde – leider habe ich noch keinen „partner in crime“ gefunden –, wäre ein beinharter Check der tatsächlichen Brauchbarkeit solcher Smart Home-Baukästen. Gerade in Sachen Einbruch und Diebstahl. Nötigt diese vorgeblich von Laien in Minuten installierte Infrastruktur Profi-Einbrechern Respekt ab – oder lässt es sie in Sekundenschnelle in schallendes Gelächter ausbrechen? Sorglos nämlich: einen Geräuschmelder kennt das devolo-„Home Control“-Gadget-Buffet nicht. Dafür eine Fernbedienung ab wohlfeilen 39 Euro.

Die zentrale Frage lautet also: können Haushaltsgeräte tatsächlich intelligenter sein als ihre Besitzer und Benützer? Und, wenn ja: würden sie sich selbst auf die Einkaufsliste setzen?


Kassensturz

18. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (333) Sie sind Unternehmer/in in Österreich und benötigen in Ihrem Geschäft eine neue, gesetzeskonforme Kasse? Gar nicht so einfach.

Registrierkasse

Wenn Sie nach dem Lesen dieser Zeilen zur Meinung gelangt sein sollten, der Autor wäre ein handfester Trottel, eventuell aber auch nur im milder Form lebens- und geschäftsuntüchtig, werde ich Ihnen nicht gram sein. Denn ich bin derselben Meinung. Zumindest seit ich versuche, der demnächst von Väterchen Staat vorgeschriebenen Registrierkassenpflicht auf die Spur zu kommen.

Sie haben sicher schon davon gehört: ab 2016 geht nichts mehr ohne Rechnung. Im Kampf gegen Umsatzsteuerbetrug haben sich der Finanzminister und seine Beamten und Experten auf die verpflichtende Vorschreibung einer manipulationssicheren Kasse geeinigt. Gültig für alle Betriebe und Geschäftsleute, die mehr als 15.000 Euro netto Umsatz pro Jahr machen – ausser sie sind Maronibrater, Fiakerkutscher, Christbaumhändler oder Eisstandler, dann gilt die sogenannte „Kalte Hände“-Regelung mit einem doppelt so hohen Grenzsatz. Auch für sogenannte kleine Vereins- und Feuerwehrfeste, Tierärzte, Rauchfangkehrer oder Friseure (und einige Berufsgruppen mehr) gilt österreichtypisch eine Ausnahme. Kurioserweise übrigens auch für Webshops.

Wesentlich aus Sicht des Finanzamts ist aber neben dem verstärkten Klingeln der Kassa per se eine „technische Sicherheitseinrichtung gemäß § 131b Abs. 2“, also ein hochoffiziell geprüfter, genehmigter und zertifizierter elektronischer Riegel, der jeder erdenkbaren Manipulation vorgeschoben werden soll.

Diese Einrichtung ist allerdings erst ab 2017 zwingend vorgeschrieben. Das hat wohl seine Gründe. Denn derzeit kennt sich, egal, wen ich frage, kaum jemand aus. Sogar das Finanzministerium selbst nicht. Die – Achtung, Wortungetüm! – „Registrierkassensicherheitsverordnung“ (RKS-V) liest sich wie eine Betriebsanleitung für Business-Gschaftlhuber, die im Nebenberuf zugleich Hobby-Steuertheoretiker und IT-Nerds sind. Diverse Kassenanbieter bombardieren die Zielgruppe mit Massen-Werbemails („Zukunftssicherheit garantiert!“), Steuerberater empfehlen aber dringend, derzeit noch keine neue Hard- und Software zu kaufen, denn sie könnte rasch wieder veraltet sein.

Die Wirtschaftskammer spricht längst von „bürokratischem Chaos“, Händler und Kunden sind sowieso ob der Generalunterstellung des Steuerbetrugs verärgert, wirklich betrugssicher ist keine noch so komplexe technische Lösung. Demnächst wird das Tohuwabohu wohl auch ein Thema für die Kabarettszene des Landes.

Immerhin: bis Mitte Juli nächsten Jahres soll hochoffiziell feststehen, welches System zur Manipulationsverhinderung zur Verwendung gelangen wird. Das diesjährige Weihnachtsgeschäft ist gerettet.


Wien darf nicht Marrakesch werden

11. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (332) Wien ist anders: was man als Verkehrsplaner von den Zuständen im Orient lernen kann.

Verkehr

Ich schreibe diese Zeilen in Marrakesch, Marokko. Der Ort ist weltberühmt für seine berückende orientalische Atmosphärik, die am greifbarsten wird in der Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler, Schlangenbeschwörer, Wahrsager und Markttandler in der Mitte der Stadt. Um zu dieser sagenumwobenen Attraktion zu gelangen, muss man sich durch den dichten Verkehr schlagen, der die Boulevards und Gassen der Metropole flutet – und „dicht“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus.

Hier ergibt die nie abreissende Abfolge abertausender Autos, Pferdedroschken, Eselskarren, Motorrräder, Mopeds, Radfahrer und Fußgänger ein Durch- und Miteinander, das augenscheinlich der radikalsten Chaostheorie als lebendiger Beweis dienen kann. Und, ja, die Verkehrsstatistik vermag nicht als Empfehlung für das Modell Marrakesch herhalten – aber als Mitteleuropäer empfinde ich dieses scheinbar regellose, auf Erfahrung, Instinkt und Reflexe vertrauende anarchisch-anarchistische Gewusel faszinierend. Diese Stadt ist eine einzige Begegnungszone. Und sie funktioniert.

Insofern musste ich ein wenig lachen, als ich fern der Heimat von der Eröffnung einer neuen Attraktion in Wien las. Die Schleifmühlbrücke, so der „Kurier“, sei nun „für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar“. Der langwierige Umbau hätte gerade mal 120.000 Euro gekostet. Nun kenne ich das kurze Stückchen Straße, das den Naschmarkt quert, seit meiner Kindheit. Es war immer schon für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar – erstere durch zwei Ampeln zu Schrittempo angehalten. Leute, die auf dem Rad oder per pedes unterwegs waren, hab’ ich nie ein Wort der Beschwerde über den vormaligen Status Quo murmeln hören. Alle dürfen sich jetzt gedankenschwer auf Design-Sitzgelegenheiten ausrasten.

Eh klar: man wollte einmal mehr ein „Leuchtturmprojekt“ grüner Verkehrspolitik installieren – kurioserweise mit dem Segen zweier SP-Bezirksvorsteher, die sich jetzt wechselseitig dafür auf die Schultern klopfen. Nach Protesten von Lieferanten und Anwohnern, die absurde Umwege zu machen hätten, entschied man sich doch gegen eine reine Fußgängerzone. Froh, dass die monatelangen Bauarbeiten für die potemkinsche Behübschungsaktion punktgenau vor der Wahl endlich beendet waren, sind wohl alle.

In Marokko käme niemand auf die Idee, einen solchen Bobo-Spielplatz Begegnungszone zu nennen. Weil: siehe oben. Irgendwie passt’s aber gut zum Naschmarkt, der seinem zweiten Namensteil schon lange keine Ehre mehr macht. Wien ist anders. Aber Marrakesch doch deutlich unverkrampfter, lebensnäher, gelassener.


Testobjekt

4. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (331) Ein Netzwerk-Audio-Player ist heute fixer Bestandteil einer ernstzunehmenden HiFi-Anlage.

Cambridge CXN

Ich steh’ grad mächtig unter Zeitdruck. Denn der Vertreiber jener Gerätschaften, die ich Ihnen heute vorstellen will, sitzt mir im Nacken. Eigentlich sind es sehr nette Leute, aber sie haben – wahrscheinlich aus schlechter Erfahrung – die Angewohnheit, Testgeräte für gerade mal drei, vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Und einem dann beinhart eine Rechnung zuzuschicken. Da gibt es keinen Anruf „Ach, Herr Gröbchen, hätten Sie schon die Muße und Güte gehabt, unseren Netzwerk-Audio-Player auf Herz und Nieren zu prüfen?“ Oder gar eine Fristerstreckung.

Ich glaub’, ich muss dem Chef dort mal sagen, dass halbwegs ernsthafte journalistische Arbeit nicht aus dem Handgelenk geschüttelt werden kann. Vielleicht werde ich auch nur um Gnade winseln. Besser als pleite gehen allemal.

Anderseits: das getestete Gerät überzeugt. Auf voller Linie. Man könnte es glatt behalten wollen. Es handelt sich um den Cambridge CXN, einen Netzwerk-Audio-Player britischer Provenienz. Also eines jener Kastln, die man als in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sozialisierter HiFi-Fan seit geraumer Zeit misstrauisch umschleicht. Braucht man das? Kann das was?

Die Antwort lautet: ja. Ein Streaming-Tool mit audiophilem Anspruch ist anno 2015 unabdingbarer Bestandteil jeder seriösen Musikanlage. Sofern man nicht gleich – á la Sonos, Raumfeld & Co. – radikal auf körperlose Klänge setzt. Aber das würde einen um den Spassfaktor älterer Konzepte und Geräte bringen. Wenn man aber die Analog- und Digitalwelt versöhnen will (ja, das geht!), ist der CXN eine mehr als solide Wahl. Zu einem noch vertretbaren, knapp vierstelligen Preis.

Regelbare symmetrische XLR-Audioausgänge, leistungsfähiger Wandler, TFT-Display an der Frontplatte, eigene App für das Smartphone, Gapless Play, Spotify Connect, Bluetooth, UpnP-Vernetzung, dito Airplay – Kenner wissen bei all dem Wortgeklingel rasch Bescheid. Alles drin, alles dran. Wichtig ist: es läuft flüssig, ist schlüssig bedienbar und kein Mysterium für fortgeschrittene Laien. Und der Klang? „Momentan kann dem Cambridge kein vergleichbar teurer Player das Wasser reichen“, befand das Fachmagazin „Audio“. D’accord.

Aber die Jungs vom Vertrieb haben mir ja für einen Quercheck zeitgleich die Konkurrenz ans Herz und Ohr gelegt: eine Pro-Ject Streambox DS. Mindestens gleiche Qualität und Funktionalität (abgesehen von Airplay), meinen sie, zum günstigeren Preis! Jetzt müssen sie mir das Ding doch glatt noch mal drei, vier Wochen borgen.


Es stinkt zum Himmel

26. September 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (330) Eine Prognose: der Schock über das VW-„Diesel-Gate“ wird positive Folgen für die Mobilität der Zukunft haben.

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über ein innovatives Gadget für den urbanen Raum berichten. Auch der Artikel über den „Smart Home“-Baukasten kreist schon lange in der Warteschlange. Und dann wäre da noch der beste Netzwerk-Audio-Player, der mir bislang untergekommen ist… Aber an einem Thema führt dieser Tage kein Weg vorbei, zumal für einen Technikkolumnisten: am Volkswagen-Skandal.

Mittlerweile hat sich der Versuch des weltgrössten Autokonzerns, die US-Umweltbehörden – und wohl auch ihre europäischen Pendants – mittels manipulativer Software hinters Licht zu führen und gesetzeskonforme Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen vorzuspiegeln, zur „Staatsaffäre“ (Süddeutsche Zeitung) oder gar zum „Abstieg in die Hölle“ (Le Figaro) ausgewachsen. Binnen Tagen fiel die VW-Aktie um zwanzig Prozent, der Wert des Unternehmens solcherhand um 22 Millarden Euro. Über die potentiellen Strafzahlungen und Entschädigungen für klagswütige Kunden wird derzeit nur gemutmasst, sie könnten nochmals dieselbe Summe ausmachen. Oder mehr.

Schlimmer aber wiegt der globale Vertrauensverlust in die Marke. Und in Produkte „made in Germany“ generell. Ein Wirtschaftspsychologe erkannte sogleich eine Kränkung der deutschen Seele sui generis, die Bundesregierung wird der Mitwisserschaft verdächtigt, VW-Chef Winterkorn musste raschest den Hut nehmen. Selbst die mächtigsten Konkurrenten in Übersee haben keinen Grund zu Schadenfreude: das Konzept Automobil selbst – zumindest jenes mit Verbrennungsmotor – steht auf dem Prüfstand. Stichworte: Stickoxid, Klimaschutz, Zukunftstauglichkeit. „Spiegel“-Autor Sascha Lobo ging so weit, eine „digitale Deutung“ des Dieseldebakels vorzunehmen und „Fortschrittsverkennung aus Gier“ anzuprangern.

Die allgemeine Überraschung über das Faktum der systematischen Datenmanipulation und Zahlen-Beschönigung ist aber selbst wieder überraschend. Denn nur die naivsten Gemüter glauben die Angaben, die in den bunten Prospekten der Hersteller nachzulesen sind. Das beginnt beim weltfremden Minimal-Durchschnittsverbrauch und endet bei Emissions-Grenzwerten, die von willfährigen, nicht selten direkt mit der KfZ-Industrie verbandelten Politikern abgenickt werden.

Immerhin: der jetzige Schock kann heilsam sein. Weil die dreckige, nach Diesel stinkende Realität wohl zu einer extrem beschleunigten Realisierung alternativer Mobilitätsentwürfe führen wird.


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