Kommunizierende Röhren

5. März 2016

Anlässlich der Debatte um heimische Klänge auf Ö3: wie wichtig ist anno 2016 Radio-Airplay für die lokale Musikszene? Eine Nachforschung. 

Ö3 Wanda

Die aktuelle Erfolgswelle österreichischer Pop-Acts – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Punkt.

Denn: der mit Abstand wichtigste Radiosender des Landes, einstmals Garant für breite Publikumswirksamkeit, hat sich über Jahre hinweg schrittweise von einem seiner öffentlich-rechtlichen Kernaufträge zurückgezogen: der Widerspiegelung des populären, zeitgenössischen, kommerziellen Musikschaffens inner- und ausserhalb der rot-weiß-roten „Musiknation“ (für den Rest sind Ö1, FM4 und Ö-Regional zuständig). Erst eine Initiative der SP-Kultursprecherin Elisabeth Hakel veranlasste im Vorjahr die ORF-Geschäftsführung, den Kurs der „Cashcow“ Ö3 wieder ansatzweise zu korrigieren – seither gilt eine freiwillige Selbstverpflichtung, die dem Sender eine Austro-Quote von mindestens 15 Prozent auferlegt. Im weltweiten Vergleich befindet man sich damit im untersten Drittel nationalen Airplay-Anteils.

Ö3 erfüllt diese Vorgabe mit Ach und Krach: die Titelrotation ist erstaunlich eng (von 200 im August 2015 gespielten Songs erfüllten schon 11 mehr als die Hälfte der Quote), die Entdeckungsfreude der Musikredaktion ungebrochen schaumgebremst, ein beträchtlicher Anteil der Kompositionen „made in Austria“ wird in die Nacht verfrachtet. Eine wesentliche Verbesserung der vielfach beklagten Situation tönt anders. Dennoch ist ein Paradigmenwandel eingetreten. Die heimische Szene hat zu einem neuen Selbstbewusstsein gefunden, das sich ökonomisch, kulturpolitisch und medial bemerkbar macht – der vormals gern gebrauchte Fingerzeig auf die „Austropop-Raunzer von gestern“ gilt nicht mehr. Zumal Rainhard Fendrich, Peter Cornelius, Papermoon & Co. mit ihren gut abgehangenen Evergreens einen bequemen Alterswohnsitz in den Regionalsendern gefunden haben.

Eitel Wonne also allseits? Nein. Denn einerseits beklagt Ö3-Chef Georg Spatt signifikante Reichweitenverluste (österreichweit von 36,4 auf 34,9 Prozent im aktuellen Radiotest) und schreibt sie ungeniert der ungeliebten Austro-Quote zu. Andererseits erntet er damit Empörung seitens jener Künstlerinnen, Künstler, Medien- und Musikexperten, die das als durchschaubaren Schachzug in einer nach strikt marktorientierten (und eventuell tendenziell überholten) Regeln geführten Formatradio-Konkurrenzschlacht werten. Sogar die raketengleich zu Popularität gelangte, von Ö3, FM4 und Radio Wien gleichermassen hofierte Wiener Band Wanda gab sich nach Spatts Wortmeldung spöttisch: „Blödsinn, wir retten das Radio.“

Nun: es ist hoch an der Zeit, diesen verunglückten und verkrampften Antagonismus aufzubrechen. Rundfunk und Popkultur verhalten sich seit jeher wie kommunizierende Röhren. Die US-dominierte Tonträger- und Radioindustrie haben gemeinsame Wurzeln, ihre Programme und Produkte nähren sich unmittelbar von der Kreativität der Kulturschaffenden, europäische Radiostationen (zumal die öffentlich-rechtlichen) haben sich – ob mit oder ohne Quote – regionaler Diversität und selbstverständlicher kultureller Repräsentanz verschrieben. Und hierzulande? Die Hochblüte der heimischen Dialektwelle in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wäre ohne Durchlauferhitzer Ö3 so nicht möglich gewesen.

Ist aber Airplay – sprich: Radio-Präsenz – überhaupt noch der essentielle Faktor im Pop-Geschäft des 21. Jahrhunderts? Immerhin hat sich das Rad technologisch deutlich weitergedreht: Streaming- und Downloadplattformen, Internet-Stationen mit engster Genre-Formatierung, Social Media und personalisierte Playlists sind heute weit verbreitet. In der jugendlichen Zielgruppe untergraben sie zunehmend die Dominanz des traditionellen Tagesbegleiters und Nebenbei-Mediums. Das Selbstverständnis selbstbewusster Radiomacher früherer Jahre – „Wir machen Hits!“ – wurde längst zugunsten der pragmatisch-defensiven Position „Wir machen keine Hits, wir spielen sie!“ aufgegeben. Bei Ö3 wurde ein zynisches „Wir haben keine Hits (aus Österreich), aber spielen sie trotzdem zu Tode“ draus.

Seiler & Speer, aktuell die verkaufsträchtigste Band des Landes, konnte auf Millionen YouTube-Klicks verweisen, bevor sie in die langwierigen Überlegungen hiesiger Musikredakteure aufgenommen wurden. Seit jenem Zeitpunkt im Herbst des vergangenen Jahres rotiert das Duo auf Ö3 in einer Häufigkeit, die selbst deklarierte Fans irritiert. Und jene, die auf den Wiener Dialekt-Schmäh – der lange Jahre als absolutes „No Go“ für landesweiten Radioerfolg galt – weniger abfahren, mittlerweile regelrecht abstösst. Ein kontraproduktives Ergebnis, gleichwohl negativ für das Medium und die Botschaft.

Generell trägt die sklavisch vorgegebene Wiederholung der ewig gleichen Musikmixtur im ewig gleichen Stundentakt, wenn man dem Substrat unzähliger Hörermeinungen, Postings und Umfragen Gehör schenkt, mindestens so stark zum langsamen Abstieg des Platzhirschen bei wie die hinausgezögerte Entscheidung, ob man sich eher einer älteren oder jüngeren Zielgruppe zuwenden will. Im Spagat zwischen „KroneHit“-Trivialpop und Siebziger-Jahre-Rockklassikern zerreisst es merkbar die Identität von Ö3. Und auch die Managements von Helene Fischer, Andreas Gabalier, Sarah Connor & Co. entwickeln Begehrlichkeiten, neue Verbreitungswege zu erschliessen – viele, vorrangig deutsche Pop- und HipHop-Interpreten streifen mittlerweile nicht ungern (oder jedenfalls nicht unabsichtlich) am Schlager-Terrain an. Bei dieser Zielgruppe steht das Radio ja nachwievor hoch im Kurs.

In diesem Kontext melden sich gern auch wortgewaltige Apostel des Wahren, Guten, Schönen zu Wort, die postulieren, nachhaltige Publikums- und Kritikerresonanz wären auch ohne Mainstream-Radio erzielbar. Und Ö3-Airplay sowieso uncool, imageschädigend, entbehrlich. Das Netz also als ultima ratio, als zeitgemässe Alternative und übermächtiger Öffentlichkeits-Hebel? Der Underground als natürliches Biotop der Off-Szene? Und Kunst strikt getrennt von kommerziellem Erfolg? So betrachtet könnten sich die erbittert ringenden Gegner Musikindustrie (die ja in Österreich vorrangig als Import-Filiale der Majors existiert), Indie-Szene und Formatradio entspannt voneinander lösen. Dass sie es nicht tun, sollte ein Beleg dafür sein, dass der Faktor Airplay nachwievor ein essentieller ist.

Der Wesensunterschied des linearen, non-partizipativen Mediums Rundfunk ist im direkten Vergleich zu On Demand-Plattformen wie YouTube, Spotify, Apple Music oder Deezer augen- und ohrenfällig: bei letzteren köchelt, wenn sich der Nutzer nicht auf maschinelle „Discover“-Empfehlungen oder spezielle Playlists einlässt, immer dieselbe Suppe am Herd. Bei Radioprogrammen, die Musik nicht nur als notwendige Fugenmasse zwischen Werbung, Nachrichten, Verkehrsfunk und Comedy-Elementen einsetzen, kommt es auch für Nebenbei-Hörer immer wieder zu positiven Überraschungen durch Konfrontation mit neuen, unbekannten, unvermutet gefälligen Musikstücken. Radio wirkt – gerade bei einem kulturell nur durchschnittlich interessierten Breitenpublikum, das aber für unmittelbare Emotionalisierung offen ist (was es ja durch Druck auf die „On“-Taste rituell signalisiert). Für Künstler und ihre professionelle Infrastruktur ist die Ummünzung und  Fortschreibung des banalen, aber wirkungsmächtigen Faktors Bekanntheit bei Live-Engagements, Auftrittsgagen und Folgeaufträgen von (über)lebensnotwendiger Wichtigkeit.

Das österreichische Musik-Informationszentrum MICA hat im Jahr 2014 eine ausführliche Untersuchung zum Thema Airplay unternommen. Kurzgefasst liest sie sich so: der unmittelbare finanzielle Ertrag aus Radioeinsätzen via AKM und AustroMechana ist überschaubar, trägt aber in einer funktionierenden Verwertungskette zu einer soliden Finanzierungsbasis für Autoren, Interpreten, Labels und Verlage bei. In punkto Öffentlichkeitswirkung ist Airplay aber kaum substituierbar. „Um kommerziell wirklich Erfolg zu haben“, resümiert MICA-Autor Markus Deisenberger (der dieser Tage auch eine nüchterne, lesenswerte Analyse der Radio-Debatte vorlegte), „führt in Österreich kein Weg an Ö3 vorbei.“

Eines der wesentlichen Probleme sei der Flaschenhals, den der Sender durch sein restriktives Formatradio-Selbstverständnis bilde: FM4 und Ö1 schlügen sich wacker, was die Aufmerksamkeit für neue Töne aus Österreich betrifft, erreichten aber nur einstellige Prozentanteile des potentiellen Publikums. Ö3 könne dagegen auf täglich rund 2,8 Millionen Hörer/innen bauen – die durchaus Interesse an neuen Namen und Gesichtern hätten. Jüngstes Beispiel: die seitens des ORF crossmedial konsequent forcierte Songcontest-Interpretin Zoe.

„Social Media ist beim Entdecken neuer Künstler am wichtigsten“, meint Sony Music-Spitzenmanager Philip Ginthör im aktuellen „Wired Magazin“. „An zweiter Stelle folgt das Radio. Die Bedeutung dieses Mediums hat wieder zugenommen, auch deshalb, weil wir eine enge Verzahnung erleben mit dem, was online passiert. Wenn Menschen Musik übers Radio kennenlernen, werden Songs gezielt gesucht – über Shazam, über Streaming-Dienste. Aber auch umgekehrt: Radioredakteure informieren sich sehr genau, was im Netz passiert, greifen Trends auf und bringen sie zu den analogen Medien zurück.“  Es gilt die selbstverständliche Regel: jeder Redakteur im Ausland, egal ob Radio, TV, Print oder Online, wird zuvorderst recherchieren, wie sich ein Song oder ein Album im Heimatmarkt schlägt.

„Ein gescheites Radio hilft dabei mit, Künstler aufzubauen und wartet nicht, bis sie im Ausland Erfolg haben“, ergänzt der WKÖ-Experte Werner Müller. „Das ist Wertschöpfungsexport österreichischer Kreativität und auch ökonomisch unklug.“ Ähnlich argumentiert AKM-Vizepräsident Peter Vieweger: „Man muss nur den Blick nach Deutschland werfen. Dort funktioniert es mit dem Einsatz lokaler Produktionen in lokalen und überregionalen Radios mittlerweile hervorragend. Der Erfolg ist evident. Und die Investitionsbasis für weitere Steigerungen, sowohl künstlerisch als auch kommerziell, gegeben. Es ist unverständlich, dass Österreich nicht rasch gleichzieht.“

Persönliches Fazit: es ist, wie so oft, weniger eine Frage des Könnens als eine Frage des Wollens. An Talent, Kreativität und Knowhow mangelt es jedenfalls nicht hierzulande. Es müssen ja auch nicht immer deutschsprachige oder gar dialektgefärbte Songs sein … Man höre in die neuesten Produktionen von Elly V. (ja, das war die herausstechende Zweite in der ORF-Songcontest-Vorauswahl), Robb, Avec, Der Nino aus WienFarewell Dear Ghost, Fijuka, Viech, Polkov, Gin Ga oder Leyya hinein, um nur ein paar zu nennen… Äther frei!


Die 5 Euro 99 Cent-Erleuchtung

28. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (350) Man kann im Supermarkt billige Auto-Ersatzlampen kaufen. Aber wie geht’s dann weiter?

auto-licht

Die bunten Prospekte, Flugblätter und Werbezettel, die einem ungefragt und ununterbrochen ins Haus flattern, geben ungewollt auch Auskunft über die dunklen Seiten unseres Konsumenten-Daseins.

Da verspricht etwa die Supermarkt-Kette H., die Sorgenfalten aus den Gesichtern jener Autofahrerinnen und Autofahrer vertreiben zu wollen, deren Fahrzeuge nicht mehr der Strassenverkehrsordnung entsprechen. Weil sie nämlich einen oder mehrere kaputte Scheinwerfer besitzen. Meist ist es ja nicht mehr als ein Lämpchen, das in diesem Fall ausgetauscht werden muss – und in der freundlichen Marktfiliale ums Eck findet man zu diesem Zweck aktuell ein „Auto-Ersatzlampen-Set, 11 teilig“ um wohlfeile 5 Euro 99 Cent. „Modernste H4- und H7-Halogen-Technik mit verschiedenen Leuchten und Sicherungen und bis zu 30 Prozent mehr Lichtausbeute“ wird in Aussicht gestellt. Also: es werde Licht!

Aber können Sie noch ungeschaut ein harmloses Halogen-Birnderl an Ihrem Auto austauschen? Ich nicht. Und ich scheine mit dieser – von einem resignativen Achselzucken begleiteten – Erkenntnis nicht allein auf weiter Flur zu sein.

So postete erst kürzlich Karl P., ein durchaus technikaffiner Bekannter, folgende Statusmeldung auf Facebook: „Montagvormittagserfahrung. Wenn man am Sonntag drauf kommt, dass beim Auto ein Abblendlicht kaputt gegangen ist, dann sollte man sich Zeit nehmen. Denn die Ära ist offenbat vorbei, wo jemand in der Werkstatt ein Lämpchen nimmt und es gleich neu einsetzt. Das Auto muss neuerdings auf die Hebebühne, es muss aufgeschraubt werden und das Ganze dauert dann gleich eine Stunde oder mehr. Ich zum Servicemann: „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“ Der Servicemann: „Doch, und seien Sie froh, dass Sie keinen 5er oder 7er haben – da müsste nämlich auch die Stoßstange entfernt werden, um die Lampe neu einzusetzen.“ Ich: „Bitte, wer plant soetwas?“ Der Servicemann: „Dazu enthalte ich mich offiziell einer Aussage. Privat würde ich Ihnen sagen: ein Volltrottel.“

Punkt. Rufzeichen! Nun werden natürlich KfZ-Konstrukteure tausend gute Gründe habe, die Vehikel so zu konstruieren, wie sie vom Band laufen. Darunter jenen, für die Brötchengeber – die wie alle Branchen unter Preisdumping leiden – neue, lukrative Betätigungsfelder zu eröffnen. In Service und Reparaturen liegt der Reibach. Und kaum jemand möchte mehr selbst herumschrauben (trotz EU-Richtlinie, die genau das ermöglichen soll).

Aber was mache ich jetzt mit den 5 Euro 99-Birnderln aus dem Supermarkt? Ich schenke sie dem Servicemann. Damit uns gemeinsam ein Licht aufgeht.


Fortsetzung folgt

21. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (349) Leser-Feedback ist durchaus erwünscht. Es sollte tunlichst kundig und konstruktiv sein.

Apple

Ein Leser hat sich bitterlich über diese Kolumne beschwert. Ohne Umwege direkt bei der „Presse“-Chefredaktion. Was ich, sorry!, eher unsympathisch finde. Man lernt schon in der Volksschule, dass man nicht gleich zum Direktor läuft, wenn es Zoff gibt.

Was aber magerlte den Leserbriefschreiber? Erstens: Apple-Bashing. Nun kamen letztwöchig eine Technik-Redakteurin und ich ganz unabhängig voneinander zum selben Schluss: das US-Unternehmen setzt, Stichwort „Error 53“, beinahe erpresserisch auf die Loyalität seiner Kunden. (Anm.: Apple hat hier mittlerweile reagiert.) Andererseits trudelte diese Woche eine Meldung ins Haus, Apple befinde sich gerade im Krieg mit dem FBI, um iPhone-User gegen Dateneinsicht und Spionage-Hintertüren zu schützen. Respekt! Wenn Sicherheit nicht nur eine leere Phrase, sondern tatsächlich ein hohes Gut ist, soll das keinesfalls unerwähnt bleiben.

Nebst einem Hinweis auf einen enorm bedenkenswerten Umstand: Staaten scheinen die schutzwürdigen Interessen ihrer Bürger inzwischen weniger zu vertreten als transnationale, progressiv (?) denkende Konzerne. Hier befindet sich der grösste Konzern der Welt im Konflikt mit dem mächtigsten Staat des Planeten. Das birgt Konfliktstoff sondergleichen.

Und dann war da noch der Vorwurf einseitiger Berichterstattung. Weil ich es gewagt hatte, aus einer schier unüberblickbaren Reihe von Registrierkassenlösungen – das Thema beschäftigt mich seit Herbst des Vorjahres – eine Software explizit herauszuheben. Sofortiger Rückschluß: Freunderlwirtschaft. „Zur Wahrung der Objektivität und Seriosität“ wurde mir ein Besuch der Web-Adresse http://registrierkassen-test.info anempfohlen. Nun: danke für den Hinweis! Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, Anbieter und Produkte wenn auch nicht auf Herz und Nieren zu testen, so doch übersichtlich aufzulisten. Aber schon die erste rasche Nachschau ergibt, dass populäre Produkte wie Offisy nicht angeführt werden. Weil sie kostenlos sind?

Ich hatte ja erwähnt, dass mir Registrierkassen-Anbieter, die teure Lizenzen, Wartungspauschalen sowie monatliche Nutzungs- und Servicegebühren verlangen, eher gestohlen bleiben können. Zuviele „middlemen“ hängen sich inzwischen in die Ertragsleistung von Betrieben, von Kreditkartenunternehmen bis zu Internet-Dienstleistern. Muss da auch noch meine eigene Kasse gegen mich arbeiten?

Ich denke: nein. Und bin weiter offen für Empfehlungen, was preiswerte, taugliche und elegante gesetzeskonforme Kassensysteme betrifft. Fortsetzung folgt.


Apfelmus(s)

14. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (348) Apple betreibt ungeniert Gewinnmaximierung. Man kann das clever finden – oder auch herzlich unsympathisch.

Apple iPhone Fingerprint

Vorweg: ich bin alles andere als ein Apple-Hasser. Im Gegenteil. Seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten nutze ich Produkte aus Cupertino, Kalifornien mit Vergnügen. Und ich war (und bin) auch gerne bereit, für eine merkbar bessere Usability, ein elegantes Design und jede Menge cleverer Detaillösungen einen höheren Preis zu bezahlen. Weil sich die Qualität von Werkzeugen – und jeder PC, jeder Laptop, jedes Tablet oder Smartphone ist ein Alltags-Tool – rasch bezahlt macht. Und Billig-Schmarrn zu oft eben nichts anderes ist als letztlich doch teurer Schmarrn.

Zunehmend schleicht sich aber in die Gefühlslage des treuen und zufriedenen Kunden ein unbehaglicher Misston ein. Dafür verantwortlich: allerlei Änderungen und Neuerungen, die zu denken geben. Mal ändert Apple einen Anschluss, so dass das Zubehör früherer Gerätegenerationen nicht mehr passt. Mal lässt man durchblicken, dass man die geliebten Kopfhörer (nein, nicht die Beipackdinger) demnächst nicht mehr ohne Adapter wird verwenden können. Eigenmächtiger Batterietausch? Speicher-Aufrüstmöglichkeit? Kompatibilität zu anderen Systemen? Nada.

Die klaustrophobische Geschlossenheit der Apple-Welt sowohl hard- wie auch softwareseitig hat man längst verinnerlicht, eventuell gar zum Bonus erklärt. Und es gibt ja auch einen unleugbaren Vorteil: Sicherheit. Apple-User werden deutlich weniger von Viren bedrängt, ständigen Abstürzen geplagt oder von kuriosen Apps verhohnepippelt als der Rest vom Fest. Dass der Konzern – mittlerweile „nur mehr“ auf Rang zwei der finanzstärksten Giganten weltweit – als Nebeneffekt eine perfekte geschlossene Verwertungskette zu schaffen sucht, liegt in der Natur eines börsennotierten Unternehmens.

Aber jetzt ist allmählich der Punkt erreicht, wo sich all die Schlaumeierei gegen den Konsumenten wendet. Und damit gegen den Erfinder selbst (Apple ist mittlerweile extrem von iPhone-Umsatzkurven abhängig). Ein ominöser potentieller „Error 53“ verbietet es, den „Home“-Button der neuesten Generation des prototypischen Smartphones beim Türken ums Eck reparieren zu lassen. Es muss eine garantiert teure, autorisierte Werkstatt sein. Nun: wer Sorge um seinen elektronischen Fingerabdruck hat, versteht das. Aber mein Stockholm-Syndrom als Apple-Fanboy ist nicht so ausgeprägt, dass ich mich unter allen Umständen freiwillig, ja freudig knebeln und fesseln lasse.

Update: Apple hat ein Einsehen – und macht seine Entscheidung rückgängig


A schwaare Partie

13. Februar 2016

Wieder einmal wogt die Debatte um heimische Klänge auf Ö3. Was bewegt den Senderchef Georg Spatt, notorisch gegen seine Vorgaben zu polemisieren? Eine Nachfrage.

Tuning2

Ich habe Ö3 – lange Jahre war ich in diesem Sender in vielfacher Rolle tätig, zuletzt als Leiter der Programmentwicklung – anno 1993 verlassen. Und bin aus einer gewissen Abenteuerlust in die Musikindustrie gewechselt.

Es war der richtige Zeitpunkt: die dramatische Umgestaltung eines erfolgreichen, vielgestaltigen Programms (das Vorbild für viele Stationen war, von Radio Hamburg bis Bayern 3) in ein „Hitradio“ nach üblich-üblen Kommerzschema stand knapp bevor. Der ORF meinte damals, die kommende private Konkurrenz weniger durch den Einsatz eigenen Gehirnschmalzes als durch den Zukauf externer Ezzes abwehren zu können – wäre es schiefgegangen, hätte man sich in der Chefetage legér auf eine teure Beratungsfirma aus Nürnberg ausreden können. Aber es lief (nach einigen Rumpeleien und Rempeleien in den Jahren 1995 bis 1998, die seitens des Gesetzgebers einen bequemen Vorsprung sicherten) glatt.

Seit diesem Zeitpunkt ist Ö3 mit grossem Abstand Marktführer. Über lange Strecken schaffte es die Armada der Privatsender nicht, am Nimbus und Erfolg des grossen Vorbilds zu kratzen. Kein Wunder: meist versuchte man einfach, es plump zu kopieren. Ohne die Mittel dafür zu haben. Erst in den letzten Jahren kam es zu einer Ausdifferenzierung der Formate, die sich vorrangig über das Musikangebot definiert. Und natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben: Internet-Stationen, Digitalradio, Musikstreaming, personalisierte Playlists, Social Media etc. usw. haschen dito nach unser aller Aufmerksamkeit. Die kleinen, in Summe jedoch nachhaltigen Hörerverluste von Ö3 seit der Jahrtausendwende sind daher für Experten keine Überraschung. Im Gegenteil.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil der Ö3-Chef – welcher Teufel hat ihn geritten? – nun meint, die Ursache für die Negativentwicklung benennen zu können: Musik aus Österreich. Tatsächlich wogt hier seit den neunziger Jahren eine heftige Debatte (und ich kenne sie in- und auswendig): wieviel Prozent heimischer Interpreten, Komponisten und Songs kann man dem Publikum zumuten? Die Doktrin der Formatradio-Berater lautet: so wenig wie möglich. Warum? Auf eine valide, nachvollziehbare Antwort warte ich seit zwei Dezennien. Es ist die Kernfrage.

Man musste die ORF-Manager sogar im Parlament daran erinnern, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender (und, ja, Ö3 ist ungebrochen ein solcher) gewisse Auflagen gibt: Kultur- und Bildungsauftrag, Public Value, eine proaktive Widerspiegelung der vitalen lokalen, regionalen, nationalen Musikszene. Resultat: eine freiwillige Quotenvereinbarung, die zäh, aber annähernd doch erfüllt wird. Aber ich verstehe gewiss auch die Nöte der Senderspitze und die Sorge um ihre Erfolgsprämien: ein wie ein Privatradio agierendes Ö3 finanziert ja partiell die Alternativangebote Ö1 und FM4 mit. Warum man sich dennoch nicht der unleugbaren Verkrampfung entledigt, was das heimische Kreativpotential betrifft, und – Lippenbekenntnisse dazu gab und gibt es sonder Zahl – den konstruktiven Dialog sucht, mag niemand recht beantworten. Ö3-Chef Georg Spatt schon gar nicht. Aber es wäre hoch an der Zeit.

Ich wage es, ihm ein paar Fragen mehr zum Thema zu stellen.

Eins: Wenn Ö3 alle Songs, die es on air schickt, intensiv vorab testet – warum nicht auch die Ö-Kandidaten? Wenn sie „schlecht testen“, warum schickt man sie on air? Was exakt will man solchermaßen wem beweisen? Und: haben Ö-Newcomer eine seriöse Chance gegen international erprobte Radio-Hits, die auf multimedialen Kanälen längst schon ins Ohr der (Test-)Hörer/innen gedrungen sind, bevor sie Ö3 überhaupt in Erwägung zieht?

Zwei: Die mit Abstand grösste Beschwerdeflut von Ö3-Hörern erfolgt – permanent und wirklich unüberhörbar – gegen die quantitativ ultraenge Titelrotation. Sprich: dem Publikum hängen die ewig gleichen Songs zum Hals raus. Ö3 und seine Formatradio-Berater scheinen das aber hartnäckig zu ignorieren. Man sollte sich die Burnout Rates also mal ansehen. Das gilt auch (und besonders) für die enge Ö-Songauswahl, die Ö3 spielt – warum z.B. hat man fast ein Jahr nach dem desaströsen ESC-Abschneiden der MakeMakes immer noch ihren Loser-Song „I’m Yours“ auf Heavy Rotation? Warum immer und ewig die Hits und Minor Hits von Christl Stürmer? Warum haben Tagträumer mit ihrem mediokren D-Pop-Abklatsch ein Ö3-Dauerabo? Etc. usw. usf.

Drei: Warum überhaupt hat der Kommerzradioberater BCI – der ja de fakto die Richtlinien für die Ö3-Musikprogrammierung erstellt – nach 20 Jahren noch einen Auftrag? Der ORF hätte in dieser langen Zeit längst die Expertise für erfolgreiche Formatradio-Musikprogrammierung selbst erlangen oder ins Haus holen können. Natürlich will man ein externes Unternehmen, das so eng mit der DNA des eigenen Erfolgs verwoben ist, von Konkurrenten fernhalten und aus dem Markt herauskaufen – aber ist das anno 2016 tatsächlich noch eine Story mit Zukunft?

Letztlich, vier: Was ist eigentlich mit Radio Wien? Der Sender flankiert Ö3 in einem 2,5-Millionen-Hörer/innen-Einzugsgebiet, hat aber nicht mal mehr einen eigenen Musikchef. Und eine Musikredaktion, die – existiert sie überhaupt? – durch absolute Verschnarchtheit, Kontur- und Mutlosigkeit auffällt (oder auch nicht). In punkto Ö-Musik hat man überhaupt keine Linie. Wenn Seiler & Speer z.B. auf Ö3 den Leuten – kein Wunder bei der plötzlichen Intensität des Airplays, Ö3 hat nach monatelangem Abwarten von 0 auf 100 geschaltet – auf die Nerven gehen: das ist ja hörbar eher ein Radio Wien-Act. Gilt partiell auch für Wanda (die laufen erstaunlicherweise auch auf Radio Wien), Bilderbuch & Co. in Hinblick auf FM4. Stimmen sich die Damen und Herren eigentlich irgendwie ab – oder gilt einfach nur ein frischfröhlicher flotteninterner Verdrängungswettbewerb auf gut Glück?

Die aktuelle Erfolgswelle heimischer Künstlerinnen und Künstler – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Was Wasser auf die Mühlen jener „Fachleute“ ist, die meinen, wahre Kunst und nachhaltige Publikumsresonanz wären auch ohne Radio-Airplay erzielbar. Gewiss, aber. Soll man dem ORF nun verbieten, am Image und an der Beliebtheit dieser Acts mitzunaschen? Und Ö3, Hits dieser Interpreten fast demonstrativ totzuspielen? Radio Wien, das Neo-Wienerlied zu verschlafen? Und den Privatsendern, sich in Hinblick auf eine zunehmend unüberseh- und hörbare Austro-Szene unter keinen Umständen des notorischen Anti-Ö3-Bunkerblicks zu entledigen?

Im Gegenteil. Der Imperativ lautet: suche den Dialog. Suche Verbündete. Suche den allseitigen Vorteil. Es wäre eine Chance gegen den schleichenden Bedeutungsverlust. Im Konkurrenzkampf der Zukunft vielleicht die einzige.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die erweiterte und aktualisierte Fassung eines Gastkommentars für die „Wiener Zeitung“, Ausgabe 13./14.02.2016.


Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.


Der Untergang des Morgenlandes in Anekdoten

31. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (346) Das “Internet der Dinge” verspricht eine smarte neue Welt. Aber ist da noch Platz für uns Menschen?

IOT Illustration

Einen Teil des Zeilenhonorars für diese Kolumne muss ich wohl an einen Kollegen abtreten, den „profil“-Wirtschaftskapazunder Michael Nikbash. Aber ein Facebook-Posting macht persönliche Erlebnisse nun einmal zu einer öffentlichen Angelegenheit – und einer seiner Einträge neulich war zu kurzweilig und, ja, zu denkwürdig, um nicht nochmals geteilt zu werden.

Er ging so: „Weihnachten bringt Technologievorsprung. Und so stehe ich im Badezimmer und verbinde mein Smartphone ungläubig mit meiner neuen Bluetooth-Zahnbürste (welch Wortwitz!). „Sie sind jetzt mit ihrer Zahnbürste verbunden“, bedroht mich das Telefon. Google will meine Zahnputzstatistik, die Oral-B-App auf meinen Kalender zugreifen. Ich lösche die App und greife zu einem wohltuenden Buch. Torbergs „Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.“

Diese Meta-Anekdote als Screenshot im „Maschinenraum“-Ordner auf der Festplatte abzulegen, war ein rasch gefasster Entschluss – unter einem Stichwort, das der legendären Friedrich Torberg-Schöpfung Tante Jolesch freilich unverständlich gewesen wäre: „LOL“. Ein neumodernes Synonym für „Laugh Out Loud“, also wieherndes Gelächter.

Aber, unter uns, das Lachen verging mir rasch. Spätestens bei der Lektüre des 656 Seiten dicken Pamphlets „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov („Einer der brillantesten Internet-Theoretiker unserer Zeit“, so „Die Zeit“), erschienen im Blessing Verlag. Denn hier wird uns Fortschrittsgläubigen eine Predigt gehalten, die sich gewaschen hat. Die digitale Revolution lässt ja die Spezies Mensch zunehmend ineffizient, unberechenbar und ungenügend erscheinen – kurzum: suboptimal. Und irgendwie von gestern.

Die Lösung für dieses vermeintliche Problem heisst mehr Technik – mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Kontrolle. Diese Ideologie, so Morozov, sei verhängnisvoll. Nur eine kluge, vorausschauende Vermählung des analogen Daseins mit dem allesverschlingenden digitalen Universum würden die Eckpfeiler unserer Existenz absichern: Empathie, Kreativität, Demokratie und Selbstbestimmung. Und, nein, Evgeny Morozov (der in der „FAZ“ auch eine unregelmässige Kolumne schreibt) ist kein blindwütiger Maschinenstürmer.

Man kann über das „Internet der Dinge“ – ein so harmlos klingender wie vager PR-Begriff, der die kühle Welt der Algorithmen mit dem Alltagsleben verzahnt wie eine Bluetooth-Zahnbürste – gleichermassen lächeln wie über die Naivität eines Großteils des österreichischen Politikpersonals. Schlauer wäre es, den Untergang des Morgenlandes zu thematisieren.


Die Nische in der Nische

24. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (345) Der Hang zur guten alten Analog-Welt scheint dauerhaft. Jetzt gibt es sogar ein Comeback der Bandmaschine.

Tonbandspule

Jede Mode, jede Bewegung, jede Entwicklung trägt in sich den Keim der Gegenbewegung. Wie bei einem Pendelschlag ist der Höhepunkt eines Phänomens oft der Umkehrpunkt, wo’s hurtig wieder in die Gegenrichtung geht.

Mir fielen viele Beispiele ein, wo gestern noch etwas als Sinnbild des Progressiven bejubelt wurde, was heute als alter, längst überholter Hut gilt. Und vice versa. Nicht immer hat dies mit Kriterien zu tun, die – tunlichst sachlich – technischen Fortschritt bezeugen. Oder verneinen. Retromania, die Verklärung des Vergangenen und Fetischisierung der Objektwelt früherer Generationen, ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Quasi ein Hort des Vertrauten und Bewährten inmitten eines Maelströms ungezählter und unzählbarer Neuerungen, Änderungen und Miniaturrevolutionen.

Insofern hat mich auch die Nachricht, ein österreichisches Unternehmen würde jetzt wieder Tonbandmaschinen herstellen, nicht überrascht. Das musste ja kommen. Die Rennaissance der Schallplatte ist gegessen (wenn auch längst nicht beendet, im Gegenteil) – aber sie entlockt Kennern der Branche anno 2016 höchstens ein Gähnen. Der Fingerzeig, Cassetten und Spulentonbänder stiessen dito wieder auf offene Ohren („Reel-to-reel tape is the new vinyl“, so das Online-Magazine The Verge), ist in diesem Kontext fast zwingend. Die Szene, durchdrungen von Musiksammlern und Jägern der verlorenen Analog-Schätze, neigt durchaus zu einem gewissen Sektierertum. Aber es ist ein hoch sympathischer Obskurantismus.

Er zeichnet auch das „Projekt R2R“ des Unternehmens Horch House im burgenländischen Neusiedl am See aus. Das Team rund um Mastermind Volker Lange ist seit 2012 auf der Suche nach analogen Master-Tapes, die man in höchster Güte reproduziert – für eine bestimmte Klientel quasi der Heilige Gral der High End-Hemisphäre. Natürlich benötigt man auch passende Abspielgeräte. Weil es aber nur mehr gebrauchte Bandmaschinen von Revox, Nagra, Akai, Technics, Sony & Co. gibt und die steigende Nachfrage die Preise nach oben treibt, kam man auf die Idee, gleich selbst eine zu entwickeln. Auf der weltgrössten einschlägigen Messe, der „High End“ in München, soll Mitte Mai bereits ein Prototyp stehen.

Glückauf! Jede Nische hat noch Platz für Sub-Nischen. Ich überlege derweil, in grossem Stil CDs aufzukaufen. Auch die kommen irgendwann mal wieder in Mode.


Einfach smart

17. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (344) Registrierkasse ist nicht gleich Registierkasse. Für manche reichen rudimentäre Lösungen – wie cbird.

Rechnungen

Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse, erkannte einst Leonardo da Vinci. Einfach raffiniert, um nicht zu sagen: genial!

Im güldenen Zitatenschatzbüchlein findet man zum Thema Simplizität aber auch einen Kalenderspruch, den ich mir dieser Tage hinter die Ohren geschrieben habe: „Aus höchster Kompliziertheit erwächst höchste Einfachheit“. Zugeschrieben wird dieser Satz Winston Churchill – aber er könnte auch der Werbeslogan des Software-Entwicklers Andreas Unterluggauer sein, der unter der Marke cbird.at eine aufreizend smarte, weil unkomplizierte und kostengünstige Registrierkassenlösung anbietet. Und hier besteht ja gerade – der Finanzminister will es so – enormer Bedarf.

Cbird – Sie können es vorab ohne Risiko ausprobieren – kommt auf einem USB-Stick ins Haus und wird auf einem PC oder Notebook (egal, ob Windows- oder MacOS-Betriebssystem) installiert. Tablets sind also – bis auf Ausnahmen – nicht geeignet. Eine Internet-Anbindung ist nur für die Initialisierung des recht rudimentären Systems notwendig, sonst kommen die Daten vom Stick. Und landen auch wieder dort. Verschlüsselt und gleichwohl den Sicherheitserfordernissen des Gesetzgebers und Nutzers (die Daten werden auch auf der eigenen Festplatte gespiegelt) entsprechend. Updates sind im Kaufpreis von knapp unter 200 Euro inkludiert, das gilt vor allem für jene zwingenden Entwicklungen, deren Eckdaten kurioserweise bis heute nicht feststehen.

Das Programm ist so einfach gestrickt, dass man zunächst stutzt. Das soll reichen? Sie können die Kassa grundkonfigurieren, einen Printer einrichten (es muss kein spezialisierter Bon-Drucker sein), Zahlungen eingeben und bonieren, Barumsätze nachbonieren (gilt nur für mobile Dienste), einen Tagesabschluss erstellen und das Kassenprogramm beenden. Wichtig ist, dass die Dienstleistung oder das Produkt vollkommen frei benennbar sind – Kassen mit vielen vordefinierten Tasten, Feldern und Fixposten mögen für die Gastronomie interessant sein, anderswo ist höchste Flexibilität gefragt. Kassabons, Tages- und Monatsabschlüsse werden natürlich automatisch archiviert. Wir verwenden das System gerade im Praxistest und werden weiter berichten.

Cbird ist, so elegant es auch funktioniert, nicht für jedermann geeignet. Warum? Unterluggauer hat Klienten im Visier, die bislang ohne Kassa ausgekommen sind – nicht, weil sie Steuerbetrug im Sinn hatten, sondern weil ein Paragon-Rechnungsblock ausreichte oder die Kunden nicht unbedingt auf Belege bestanden. Dazu zählen etwa Ärzte. Kann übrigens gut sein, dass diese Berufsgruppe die vorgestellte Lösung als blutdruckmindernd empfindet (auch, weil sie in realita nichts kostet) und weiterempfiehlt. Tun wir auch.


Bewerbungsschreiben

9. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (343) Der Fiat 124 Spider kommt wieder – wenn auch eigentlich ein Japaner unter der Design-Karosserie steckt.

Fiat-124-spider-2016

Man mag ja nicht fortwährend über Registrierkassen schreiben, auch wenn die Sache pressiert. Und ständig Leser/innen dieser Kolumne anklopfen, welche Software, Gerätschaften, Systeme denn nun dem strengen Blick des Finanzministers genügen. Ich arbeite dran – noch gilt eine Gnadenfrist bis ins Frühjahr. Und zwar allseits.

Zudem: „Einen Ruf erwirbt man sich nicht mit Dingen, die man erst tun wird“ hat Henry Ford einst gemeint – also widmen wir uns in dieser Kolumne der Gegenwart. Das Heute ist ja das Gestern von morgen. Und heute juckt es mich in den Fingern, die Voraussetzungen für ein Vergnügen zu schaffen, das mich idealerweise im Sommer 2016 ereilen wird. So gesehen ist dieser „Maschinenraum“-Eintrag ein Bewerbungsschreiben. Sein Empfänger ist der Pressechef von Fiat Österreich. Und der Betreff lautet „124 Spider“.

Es ist nämlich so, dass der italienische Autokonzern eine Legende wieder aus der Garage holt. Oder, präziser: ihren Namen. Und Spurenelemente der einstigen Anmutung. Den Fiat 124 Spider. Ziemlich genau vor dreissig Jahren hatte man die Produktion dieses zweisitzigen Roadsters, der zuletzt bei seinem Blechschneider Pininfarina vom Band lief, eingestellt.

Nun kehrt dieses klassische Spaß-Vehikel als eine Art Nachgeburt des Mazda MX-5 der vierten Generation wieder – auf der gemeinsam mit den Japanern entwickelten Technik-Plattform, aber mit stilsicher abgewandelten Details. Der Motor etwa, ein 1,4 Liter-Turbo mit 140 PS und einem manuellen 6-Gang-Getriebe, stammt aus dem Fiat-Regal. In punkto Design hat man sich erstaunlich weit an die historische Vorlage angelehnt – der Italo-Spider hängt da den vergleichsweise pubertär und aggressiv wirkenden MX-5 klar ab. Aber natürlich habe ich bislang nur Fotos gesehen. Auch auf der Vienna Autoshow (14.-17.01., Messe Wien) wird der neue 124er noch nicht herumstehen.

Werter Herr Pressechef! Für einen ausführlichen Test dieses – die Autowelt und mich überraschenden, weil ursprünglich in einer Kooperation mit Alfa Romeo geplanten – Vehikels bringe ich die denkbar besten Voraussetzungen mit. Denn: ich bin einst direkt von einem Fiat Spider in einen Mazda MX-5 umgestiegen. Die schmählichen Umstände dieses Stallwechsels verrate ich Ihnen bei einem Ramazzotti (sofern sie sie nicht schon vorher ergooglen), aber meine Uralt-Liebe zu diesem elegantesten Brot-und-Butter-Cabriolet aller Zeiten ist nie ganz verloschen. (Ich verkneife mir an dieser Stelle bewusst das Wörtchen „eingerostet“).

Wenn sich also nun japanische Ingenieurskunst und italienische Haute Couture in einem – noch dazu absehbar erschwinglichen – Fahrzeug paaren, dann wird ein feuchter Traum wahr. Wann und wo darf ich das Testauto abholen?


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