Garagen-Sound

9. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (302) Schwäbisch-Gmünd gilt nicht als Mekka der HiFi-Welt. Nubert arbeitet seit 40 Jahren daran, das zu ändern.

Günther Nubert

Die Garage ist ein mystischer Ort. Vor allem dann, wenn sie zweckentfremdet wird – also eben nicht als Autoabstellplatz, Reifenlager oder Geräteschuppen dient. Die berühmteste Garage der Welt hat die Adresse 367 Addison Avenue in Palo Alto, Kalifornien, USA. Hier werkten ab 1939 die Elektronikpioniere Bill Hewlett und David Packard, heute gilt die enge Holzhütte als Geburtstätte von Silicon Valley.

Nicht ganz so bekannt wie die Gründer des weltumspannenden Konzerns Hewlett-Packard ist der schwäbische Firmenchef Günther Nubert. Aber auch er hat es vom Tüftler und Bastler zum anerkannten, mittelständischen Unternehmer gebracht. Und auch hier stand eine Garage ganz am Beginn. Offensichtlich eine ideale Umgebung, um sich der Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch jungen Transistortechnik zu widmen, Mischpulte und Verstärker zu bauen und über bessere, sprich: „ehrlichere“ HiFi-Boxen zu sinnieren, als sie am Markt zu finden waren. Was wiederum Freunde und Bekannte von Günther Nubert zu ersten begeisterten Kunden machte. Im Zug der „Legalisierung eines Zustands“ (so der Firmengründer) wurde aus der Bastelbude anno 1975 die Nubert Electronic GmbH.

Dieses Unternehmen zählt heute zu den grössten Lautsprecher-Herstellern Deutschlands. Am Design kann es nicht liegen: die Schallwandler aus Schwäbisch-Gmünd machen dem Begriff „Box“ alle Ehre – sie sind solide, konservativ, geradlinig. Vielleicht sogar ein bisschen bieder. Aber sie klingen durch die Bank wirklich gut. Zu höchst erstaunlichen Preisen. Denn das ist der eigentliche kaufmännische Trick von Nubert: er verkauft seine Erzeugnisse direkt. Ohne Zwischenhandel. Und steckt die so flugs vergrösserte Marge – ähnlich wie der schärfste Kokurrent Teufel aus Berlin – in Audio-Qualität „made in Germany“.

Nun ist Lautsprecherbau keine Raketentechnologie. Die Grösse von Gehäusen, Membranen und Magneten, eine sorgfältige Auswahl von Dämpfungsmaterial, Weichen und Filtern und ihre finale Feinabstimmung ergibt üblicherweise die Rezeptur für Wohlklang. Aber vielleicht schwingen auch – unbewusst hörbar – unternehmerische Dynamik, ein ungebrochener Hang zur Feintüftelei und ein ewiger Drang nach handwerklicher Perfektion mit.

Anders lässt es sich nicht erklären, dass selbst eine pummelige 560 Euro-Zweiwege-Einsteiger-Box wie die Nubert nuBox 483 im Handumdreh’n aus meinem Wohnzimmer eine Garage macht. Also einen mit Musik erbauten Palast der Visionen, Wünsche und Ideen.


Zweierlei Sichtweisen

1. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (301) Darf eigentlich nur der Staat seine Bürger überwachen – und die sich nicht selbst?

garmin-dash-cam

Die Welt wird immer komplexer. Und verrückter. Möchte man jedenfalls meinen, wenn man kopfschüttelnd all die surrealen Anläufe wahrnimmt, mit Regeln, Gesetzen, Verboten und Strafen unseren Alltags normieren zu wollen. Eine Tendenz, die von vielen Mitmenschen unabsichtlich oder auch mutwillig sabotiert wird – man nimmt halt metaphorisch gern den Abkürzer quer über den Rasen, auch wenn der Landschaftsarchitekt auf seinem Reißbrett einen anderen Weg eingezeichnet hat.

Ein Beispiel: es ist strikt verboten, an der Fassade des eigenen Hauses oder am Armaturenbrett des eigenen Autos eine Kamera zu montieren. Zu – huch!, böses Wort! – Überwachungszwecken. Man kann das partiell nachvollziehen, weil ja die permanente Aufzeichnung des Lebens im Vorgarten oder auf der Strasse auch ordentlich nerven kann (vom Nachbarn bis hin zu unbeteiligten Passanten). Und ein Generalverdacht – so vorhanden – durchwegs negative Reaktionen impliziert. Aber warum scheisst sich, pardon!, der Gesetzgeber dann absolut nichts, wenn es um Behörden, IT-, Telekommunikations- und Sicherheitsunternehmen oder NSA-Spezis in Wiener Vorortevillen geht? Oder uns die Polizei ständig per „Verkehrskamera“ im Visier hat? Quod licet iovi non licet bovi.

Nun pfeifen sich natürlich tausende Österreicherinnen und Österreicher auch nichts – und haben eine sogenannte Dashcam in ihrem Vehikel montiert. Mit diesen billigen, aber brauchbare Aufnahmen liefernden Geräten – die es auch ganz legal zu kaufen gibt – filmt man ungeniert, was einem so in die Quere kommt. Von der vorbeihuschenden Landschaft bis zum Verkehrsrowdy und potentiellen Unfallgegner (spektakuläre Aufnahmen meist russischer Provinienz lassen sich gehäuft auf YouTube betrachten).

Beweiskraft vor Gericht haben solche Bilder keine – weil ja eigentlich verboten. Im Einzelfall aber kann und darf der Richter anders entscheiden. Und das Bergpanorama am Großglockner zu filmen, so die ÖAMTC-Juristin Ursula Zelenka, sei jedenfalls erlaubt.

Das ist natürlich völlig gaga. Denn wenn lebensfremde Verbote schlagend werden, müsste jede Action-Cam auf der Skipiste oder auch nur ein per Smartphone beiläufig dokumentierter City-Spaziergang illegal sein. Zwei österreichische Unternehmer wollen die Sachlage jetzt vom Verwaltungsgerichtshof klären lassen: ihre Cam namens „Blackboxer“ dient eindeutig nicht dubiosen Zwecken. Sondern der Sicherheit. Man darf gespannt sein, wie Väterchen Staat das sieht.


Volksporsche 2.0

22. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (300) Finden wir demnächst einen angebissenen Apfel als Kühlerfigur eines High Tech-Luxus-Autos?

Apple Car (c) The Onion

Diese Kolumne basiert auf purer Spekulation. Aber derzeit überschlagen sich die Spürnasen der Branche – allen voran das „Wall Street Journal“ und hierzulande der löbliche neue Motorblock-Motor-Blog der Kollegen Sauer und Josel – in Sachen Gerüchteverdichtung. Wenn es stimmt, was man da so an Fingerzeigen, Fantasien und Fakten zusammenträgt, wäre es tatsächlich sensationell. Gerücht No. eins: der Computer- & Lifestyle-Konzern Apple, die finanziell potenteste Firma weltweit, baut ein Auto. Gerücht No. zwei: Österreich mischt mit. Und zwar in Form des Automobilindustrie-Zulieferers Magna Steyr.

Aber hallo! Unter dem Codenamen „Titan“ soll Apple jedenfalls seit geraumer Zeit in einem Geheimlabor mit hunderten Mitarbeitern an einem Vehikel basteln, das optisch an einen Minivan erinnert und mit einem Elektromotor bestückt ist. Nun gilt Magna Steyr gerade in der Akku- und Antriebs-Technik (Marke: B:LiON) als besonders innovativ und kompetent. Die Partnerschaft wäre also eine logische.

Zwar dementiert die Apple-Firmenzentrale in Cupertino sogar, dass sie irgendetwas dementiert, aber die Indizien mehren sich, dass es sich nicht nur um ein hobbyistisches Nebenprojekt eines spinnerten Abteilungsleiters handelt. Jedenfalls beschweren sich schon die alteingesessenen Konzerne – allen voran Mercedes und der E-Mobil-Fackelträger Tesla – heftig über Abwerbungsversuche von Branchen-Spitzenkräften seitens der neuen Konkurrenz.

Wird also Bruno Kreiskys Vision eines „Austroporsche“ doch noch Realität? Abwarten. Denn bevor dieser – wie zu vermuten ist – kühne Wurf mal auf den heimischen Landstrassen herumgurkt, gilt es, eine wirklich sinnstiftende Verzahnung von Mobilitäts- und Informationstechnologie unfallfrei hinzukriegen. Das ist allem voran eine Sicherheitsfrage. Schon jetzt machen sich Hacker einen Spass daraus, Teslas zu lokalisieren und die Türen wie von Geisterhand zu öffnen oder die Lücken im On Board-System eines BMW aufzuzeigen. Dabei steckt die Verquickung von IT und Mechanik erst in den Kinderschuhen; die Autoindustrie gilt als relativ konservativ.

Was sich eventuell als Vorteil herausstellen könnte: die Beta-Testphase des intelligenten, eventuell sogar selbstfahrenden, möglicherweise aber auch ungewollt fernsteuerbaren Autos – auch Google bastelt ja gerade an einem solchen Gefährt – möchte ich realiter nicht am eigenen Leib erfahren.


Lauf, Hase, lauf!

15. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (299). Der Feind in meinem Bett ist ein Armband – mit künstlicher (Non-)Intelligenz.

Quantied Self

„Das Internet der Dinge“ – eine vielbeschworene IT-Vision – kann mir gestohlen bleiben, wenn die Dinge dumm wie Knäckebrot sind. Diese Erkenntnis trifft einen immer wieder mal, wenn man meint, den banalen Alltag technisch hochrüsten zu müssen. Und es dann rasch richtig kompliziert wird.

Jedenfalls stellt sich ein Test von Activity- und Fitness-Trackern ab dem Moment des Auspackens der schnuckeligen Geräte als der Seelenruhe wenig zuträglich heraus. Das ewige Herunterladen zusätzlicher Software und notwendiger Updates, das hakelige Pairing von Bluetooth-Minisendern und das Herauskitzeln von Informations-Bits & -Bytes und Gebrauchsanleitungen aus den Tiefen des Internet verleidet einem rasch den Spass an der Freud’.

Aber als High Tech-Fitness-Junkie muss man da wohl durch. Anyway: zwei Gadgets von Sony und Runtastic wurden rasch wieder beiseite gelegt (weil inkompatibel mit dem weltweit gebräuchlichsten Smartphone oder wegen aufreizend absurder Fehlmessungen), zwei weitere – ein Fitbit One und ein Medisana ViFit – laufen seit Anfang des Jahres auf Hochtouren. Bildlich gesprochen.

Der Trend zur „Quantied Self“-Existenz ist mächtig im Kommen, hört und liest man allerorten. Aber will man das wirklich – permanente Informationen über den Pulsschlag, die zurückgelegten Wegstrecken, den Kalorienverbrauch, die Schlafintensität, die hochgelaufenen Stiegen, den Blutdruck, den Körperfettanteil, die Sex-Häufigkeit etc. usw. usf.? Eine reichlich intime Angelegenheit – man nimmt ja die Tracking-Armbänder und ihre bohnengrossen Sensoren sogar mit ins Bett. Was aber manche Zeitgenossen keineswegs daran hindert, die höchst persönlichen Messdaten mit der gesamten Menschheit (oder zumindest ihrem Facebook-Freundeskreis) zu teilen. Sehet, ich bin heute reichlich unausgeschlafen! Kommt mir nicht in die Quere, mein Blutdruck hat etwas dagegen! Mein Body Mass Index ist unter aller Sau!

Nun ja: wer’s mag. Und braucht… Bei Hochleistungssportlern mag das ja nachvollziehbar sein. Es wird aber kommen, was kommen muss in einer absurd selbstverliebten, leistungshörigen, technikgetriebenen Welt: ein allgemeiner Wettbewerb in Sachen Fitness. Letztlich: Gesundheit. Ich warte auf den Moment, wo mir die Sozialversicherung einen Kostenabschlag anbietet, wenn ich ihr freiwillig und regelmässig meine “Lifelogging”-Daten weiterleite. Oder die Wearables und Apps ungefragt selbst beginnen, mit dem Arzt, Trainer, Chef oder Partner zu kommunizieren. Und der Freund und Fetisch zum Blockwart im selbst erbauten Fitness-Tempel wird.

Möglicherweise wird man dann zwangsneurotische Selbstvermessung als eher ungesunde Entwicklungsperspektive der Spezies Mensch quantifizieren.


Distanzanzeige

8. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (298) Was nützen futuristische Schrittzähler, wenn ihre Erfinder einen Schritt vorwärts und zwei zurück gehen?

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Ich finde ja die Idee, das eigene Leben so exakt wie möglich zu vermessen, faszinierend. Dennoch tue ich mich mit kaum einer Gerätekategorie so schwer wie mit den sogenannten Wearables.

Was ist das überhaupt? Kurzgefasst: Mikro-Computer, die man am Körper trägt. Buchstäblich auf der Haut. Und demnächst wohl auch unter der Haut. „Wearable Computing unterscheidet sich von der Verwendung anderer mobiler Computersysteme dadurch, dass die hauptsächliche Tätigkeit nicht die Benutzung des Computers selbst, sondern eine durch den Computer unterstützte Tätigkeit in der realen Welt ist“ – so die etwas umständliche Erklärung von Wikipedia. Zuvorderst wird also die Welt vermessen. Und der Vermesser bzw. die Vermesserin gleich mit.

Mittlerweile gibt es Brillen, Uhren, Reifen, Ringe, Pflaster, Babyflaschen und allerlei anderen futuristischen Kram, der künstlich intelligent ist, mit Fühlern, Sensoren und bisweilen auch einer optischen Linse und einem Bluetooth-Funkmodul versehen wurde und wie gemacht scheint für den modernen Digital Lifestyle.

Am weitesten in den Alltag eingedrungen (und längst auch en masse bei Saturn, Mediamarkt, Hartlauer & Co. zu finden) sind Fitness- und Activity Tracker. Diese Wearables-Unterkategorie schien mir probat für einen intensiven Test. Wer mich kennt, wird nun den Kopf schütteln – aber meine Freundin hat sich partout in den Kopf gesetzt, pro Tag mindestens 10.000 Schritte gehen zu wollen. Eben: aus Gründen der Fitness. Und schaden kann ja Bewegung an der frischen Luft tatsächlich eher nicht. Sie läuft also seit einiger Zeit mit einem simplen Schrittzähler rum, den es für einige Euro zu kaufen gibt. Als Tech-Nerd erschien mir das zu banal. Ich orderte also, was der Markt so hergibt. Das beste Tool sollte den Old School-Schrittzähler ablösen.

Was soll ich Ihnen sagen? Beim ersten Gerät, dem elegant gestylten und überaus üppig ausgestatteten Sony Talk Band SWR30, versagte schon die Verbindung mit meinem iPhone. Okay, das Ding kann nur mit Android-Handies und -Tablets, das hatte ich überlesen. Die alte Sony-Krankheit, auf sturer Eigenständigkeit und geschlossenen Systemen zu beharren.

Die heimische Konkurrenz von Runtastic namens Orbit zeigt wiederum absurd andere Werte an als der Rest des Testfelds (den ich Ihnen nächste Woche verrate). Sorry: ein Gadget, das nach dem morgendlichen Gang vom Schlaf- ins Badezimmer verkündet, man hätte sein Zehntausend-Schritte-Tagespensum schon erledigt, erklärt die gesamte digitale Sippschaft zum halblustigen Spielzeug.


Zuckerberg und Peitsche

30. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (297) Facebook ändert einmal mehr einseitig die Spielregeln. Wie lange werden wir uns das gefallen lassen?

FB AGB

„Lieber Herr Facebook! Ich esse gerne deftig, habe drei Kinder und eine Visa-Karte. Mein Lieblingswein ist Welschriesling und ich kaufe gerne bei H&M und beim Spar-Gourmet in der Taborstrasse ein. Meistens Rahm-Tilsiter. Ich war schon mal in Italien und schon lange nicht mehr im Kino. Die Schuhgröße ist 43, besser 43 1/2 – ist aber bei Deichmann schwierig zu bekommen. Ich mag Blunzngröstl und trotzdem gut riechen. Meine Parfums lasse ich aber immer meine Mutter aussuchen… Ich hoffe diese Infos über mich reichen – bin gegen Aufpreis bereit, noch mehr zu sagen.“

Danke, lieber Christian S.! Mit diesem Facebook-Eintrag wäre die halbe Kolumne schon gefüllt. Dass ich die Mitteilung dreist von einem Freund (nach Social Media-Maßstäben; privat kenn’ ich den Herrn gar nicht) geklaut habe, ist nur konsequent. Denn auch die erfolgreichste Kommunikationsplattform der Neuzeit macht nichts anderes: sie beklaut und verkauft ihre User, pardon!: Freundinnen und Freunde. Mark Zuckerberg, H&M, der Spar-Gruppe, Deichmann, der NSA und mehr als 1,2 Milliarden anderen gefällt das.

Mir nicht. Und wahrscheinlich einem guten Teil der Facebook-Nutzer-Milliarde auch nicht. Wenn er denn überhaupt mal mitkriegt, was da läuft. Denn Facebook – seit jeher kein altruistisches Projekt, sondern ein strikt kommerzielles, längst börsennotiertes Privatunternehmen – ändert einmal mehr die Spielregeln. Sprich: die AGB. Kurz gefasst geht es um mehr und zielgenauere Werbung. Und zwar durch Standort-Lokalisierung und ungenierte Schnüffelei in den persönlichen Log-Daten – die Data Mining-Algorithmen stellen fest, welche Websiten man besucht und welche Apps man verwendet. Dazu gesellt sich folgerichtig ein „Kaufen!“-Button. Mit Ende Jänner treten die neuen Geschäftsbedingungen (luftige 90.000 Zeichen lang) in Kraft. Wem das nicht passt, der/die muss sich abmelden. Es gilt die ewige Business-Regel: wenn etwas nichts kostet, ist der Nutzer selbst die Ware.

Ist dagegen gar kein Kraut gewachsen? Oh doch. Man muss seinen Browser nur anweisen, nach jedem Web-Ausflug alle Cookies zu löschen. Oder man nutzt Tools wie “Ghostery“ – ein Plug-In, das Tracker aller Art blockt. Aber das ist natürlich unbequem. Und erfordert ein digitales Grundmisstrauen, das (noch?) von Gewohnheit, Konsum-Geilheit und Propaganda-Sirenentönen eingelullt wird. Letztlich gilt es der Politik klarzumachen, dass man nicht gewillt ist, die Facebook-Taktik – sich nach Bedarf blöd zu stellen, zu mauern, zu dementieren, EU-Datenschützer zu ignorieren und parallel dazu peu á peu die Schrauben fester zu drehen – ewig hinzunehmen.

Eines hilft jedenfalls nicht: „Ich widerspreche!“ zu posten – und weiterzutun, als wäre nichts gewesen.


Leben in der Nische

24. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (296) Die Schallplatte feiert ein Comeback. Aber hat sie eine wirkliche, ernsthafte Zukunftschance?

Record View

Glaubenskriege sind gerade sehr in Mode. Gottseidank (sic!) gibt es auch solche, die nicht ganz ernst zu nehmender, sondern eher unterhaltsamer Natur sind – wiewohl sie bisweilen in punkto Verbissenheit ihren gewaltsamen Artgenossen kaum nachstehen. Einer dieser lässlichen Glaubenskriege tobt seit jeher im Lager jener, die auf gutes Hören Wert legen – also im HiFi- und High End-Bereich. Und zwar zwischen der Analog– und der Digitalfraktion. Man dachte ja, dieser Konflikt wäre längst entschieden. Zugunsten der moderneren, bequemeren Technologie, die nur mehr Nullen und Einsen kennt.

Aber dann feierte plötzlich die gute, alte Schallplatte ein unerwartetes Comeback. Die Vinyl-Fetischisten jubelten Jahr für Jahr über zweistellige Zuwachszahlen, die Presswerke kamen (und kommen) kaum nach mit der Fertigung der schwarzen Scheiben, die Hardware-Hersteller zogen nach und werfen neue Plattenspieler-Modelle auf den Markt. Und der gemeine Musikfreund, darunter überraschend viele junge Fans, darf sich über eine Flut von Neu- und Wiederveröffentlichungen freuen, die zwar vergleichsweise teuer, aber auch wertbeständig sind. Und im Sammler-Regal ordentlich was hermachen. Vom Wohlklang in den Ohren gar nicht zu reden.

Alles eitel Wonne also? Nein. Denn noch ist z.B. die Frage ungeklärt, wo die wenigen weltweit noch existenten Presswerke im Fall des Falles Ersatzteile her bekommen – die Maschinen werden längst nicht mehr gebaut. Aber gilt nicht die alte Regel: wo Nachfrage, da auch ein Angebot? Generell wohl schon. Allerdings zücken dann die CD-, Download- und Streaming-Verfechter, also die Digitalisten, eine frappierende Statistik: jene der Vinyl-Absatzzahlen seit den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und da sieht der aktuelle Boom der schwarzen Scheibe dann doch vergleichsweise mickrig aus. Eine Nische ist eine Nische ist eine Nische.

Wenn diese Nische aber eine gewisse Marktrelevanz und tragfähige Breite erreicht – und die Schallplatte ist auf dem besten Weg dahin, jenseits allen Hype-Getrommels –, dann ist allen gedient. Business bedeutet nun mal etwas anderes als reine Liebhaberei. Die CD-Verkaufszahlen sinken kontinuierlich – im Indie/Alternative-Sektor haben Schallplatten die CD fast schon eingeholt. Nach Meinung vieler Experten läuft es auf eine neue Dualität Vinyl (physisch) und Streaming (non-physisch) hinaus (wobei hier die Frage der Monetarisierung weitgehend ungeklärt ist).

Für viele Künstler und Bands (vor allem Newcomer), Indie-Labels, Händler und Plattenläden ist das Leben in der Nische also keine Luxus-, sondern eine schlichte Überlebensfrage.


Hubschraubereinsatz!

16. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (295) Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das sollte allen voran die Innenministerin dieses Landes gewärtigen.

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„Handtaschenräuber! Hubschraubereinsatz!“ Dieser ironische Singsang, in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dargeboten von der deutschen Avantgarde-Pop-Band Foyer des Arts (rund um den heutigen Erfolgsautor Max Goldt), drängt sich assoziativ geradezu auf.

Leider ist der Anlass dafür nicht zum Lachen. Denn im Zug der Ereignisse der letzten Tage kam, was kommen musste: allerhand „Experten“, an vorderster Front die Innenministerin, schreien nach mehr Einsatzkräften, Leitsystemen, Schutzwesten, Digitalfunkgeräten, Panzern und Hubschraubern. Ausgerechnet. Das übliche „Maßnahmenpaket“, um der verängstigten Wählerschar Millionen-Deals unter Freunden reinzudrücken – und tunlichst vor dem eigenen Versagen im Vorfeld (Stichworte: Bundesheer, Digitalfunk, Präventivmassnahmen, sozialer Ausgleich) abzulenken. Also: her mit Hubschraubern! Am besten gleich welche mit Strahlenkanonen und Blindflugeinrichtung.

Angst ist kein guter Ratgeber. War sie noch nie. Auch die akute Diskussion um die Wiederauflage der Vorratsdatenspeicherung und Fluggastdaten-Überwachung ist strikt unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren. Denn natürlich kriechen jetzt wieder allerorts die „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten!“-Naivlinge aus ihren Löchern. Und die Geschäftemacher der Big Data-Sphäre wittern Körberlgeld bei der „Sicherheitsoffensive“ der heimischen Ministerial-Bürokratie.

Der Mechanismus ist immer derselbe. Ich habe ihn an dieser Stelle schon einmal beschrieben, erlaube mir aber, dies nochmals zu tun: Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man “es gewußt” (oder zumindest „erahnt“) – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine.

Denn bei aller Erregung über Terror, seine Wurzeln und Ursachen und seine mögliche (und fatalerweise auch partiell unmögliche) Verhinderung – wenn die aufgeklärte, sogenannte westliche Gesellschaft jetzt in die plumpsten Fallen geht, die ihre Gegner aufgestellt haben, dann ist sie selbst schuld an ihrem Schicksal.

Im übrigen empfehle ich jeder Politikerin und jedem Parlamentsabgeordneten dieses Landes (und natürlich jeder/jedem anderen auch), sich den Film „Citizenfour“ von Laura Poitras anzusehen. Dringlich.


Regn en Wien

15. Januar 2015

Ernst Molden zählt zu den produktivsten Künstlern, die wir kennen. Und die, die ihn als Künstler kennen und, mehr noch, schätzen – also das, was man landläufig Fans nennt – zählen zu den treuesten Anhängern seiner Produktivität.

Molden Cover

Einige unter uns mögen sich bisweilen ein wenig gewundert haben, wie häufig dieser Mann in und um Wien herum bis hinauf nach München, Hamburg und Berlin auf der Bühne stehen kann, ohne an Anziehungskraft zu verlieren. Sich zu wiederholen. Oder sein Publikum gar zu langweilen.

Das mag auch daran liegen, dass Ernst Molden ein Meister der Kombinationen und Variationen ist – mal tritt er allein auf, mal zu viert, manchmal mit namhaften Mitstreiter(inn)en wie Willi Resetarits, Ursula Strauss, Hans Theessink oder dem Nino aus Wien, dann wieder mit weithin unbekannten Newcomern oder hiesigen Szene-Größen. Aber letztlich ist das nur ein Aspekt der Anziehungskraft eines Singer/Songwriters, der zum aktuellen Boom lokalen Musikschaffens Wesentliches beigetragen hat. Den virtuosen Umgang mit der Umgangssprache etwa, die legere Einbürgerung internationaler Vorbilder, die menschliche Tiefe, Reife und Wärme, die das gesamte Oeuvre Ernst Moldens wie ein roter Faden durchzieht.

Wir – und damit meine ich das Team des Labels monkey. – begleiten diesen Prozess seit vielen Jahren. Mehr als neun sind es mittlerweile. Seit den „Bubenliedern“, die auch für den Urheber selbst so etwas wie den Beginn einer neuen Zeitrechnung bedeuteten. Seither sind bei uns sieben Molden-Alben erschienen und einige, an denen er so oder so beteiligt war. Fast jedes Jahr also ein neues Opus. Zuletzt das superbe Album “Ho Rugg”, gemeinsam mit Resetarits/Soyka/Wirth. Wir scheuen uns nicht, diese Geschichte eine Erfolgsstory zu nennen. Selten war der Austausch mit einem Künstler intensiver, kreativer, ergiebiger.

Und trotzdem taten und tun wir uns schwer, wenn wir von Ungeduldigen, Unkundigen und Molden-Novizen gefragt werden, welches Album dieses Mannes wir denn nun besonders empfehlen könnten. Was man denn quasi zum Einstieg hören solle. Kurzum: welches das Beste sei. Das ist natürlich eine höchst unsinnige Frage – weil sie nur strikt subjektiv beantwortet werden kann. Wir schätzen die lässige Abgeklärtheit von „Es Lem“ genauso wie den vulgären Witz von „Häuserl am Oasch“, die dunkle Poesie von „Ohne Di“ mindestens so wie die enorme Dichte von „Ho Rugg“. Und da gäbe es einiges mehr zu nennen.

Es war also hoch an der Zeit, ein inoffizielles Best Of-Album zusammenzustellen. „A Young Person’s Guide To Ernst Molden“, sozusagen. Und die Auswahl sollte jemand treffen, der sowohl journalistische Distanz wie auch künstlerische Seelenverwandschaft unter einen Hut zu bringen vermag.

Da drängt sich einer förmlich auf, der Moldens Werdegang in etwa so lange begleitet wie seine Label-Familie: Robert Rotifer. Und er hat eingeschlagen. Wir haben nicht eine Sekunde lang diskutiert über Rotifers Song-Auswahl (sie geht zurück bis „Haus des Meeres“ von 2005 und enthält mit „schwoazze dramwei“ auch ein bislang unveröffentlichtes Stück, insgesamt sind es 24 Songs), und wir haben keinen Beistrich am begleitenden Text geändert. Es passt, wie es ist. Und es ist so, dass alles passt. An allererster Stelle für Ernst Molden selbst. Und das tut es.

Ursprünglich sollte diese Zusammenstellung – „Regn en Wien“ – nur auf Vinyl erscheinen. Dann haben wir den Gedanken als arrogante Selbstbeschränkung verworfen. So sehr wir die knisternde Intimität und Audio-Qualität von Schallplatten lieben: das Auto etwa ist einer der famosesten persönlichen Konzertpaläste, die wir kennen. Und noch besitzen die allermeisten Vehikel einen CD-Schlitz. Egal also, ob Sie analoge oder digitale Signale schätzen (oder pragmatisch beides zulassen): es sind die Songs, in genau dieser Reihenfolge und selektiven Signifikanz, die die Botschaft ausmachen.

Eine Botschaft, die da lautet: mehr Molden geht nicht. Jedenfalls nicht, bis das nächste Dezennium voll ist.

“Regn en Wien” ist auf CD bereits erschienen, Vinyl (DoLP) folgt am 23.01.2015.


Vor dem Kopf: ein schwarzes Brett

9. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (294) Die Makler der Angst lieben die modernen Medien-Biotope. Sie sind Echokammern unserer Seelenabgründe.

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“Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf ‘Standpunkte’ zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt.” Es war dieser Satz des visionären Medientheoretikers Marshall McLuhan (er hat ihn 1964 formuliert), der mich aufmerken ließ. Gepostet hat ihn der vielleicht beste Technik-Kolumnist des deutschsprachigen Raums, der in Berlin lebende Grazer Peter Glaser.

Der Anlass war ein trauriger, und er steckt uns allen noch in den Knochen: die infame Ermordung des halben Redaktionsteams der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo plus weiterer Opfer, mutmasslich durch religiöse Fanatiker. Dieses Fanal neuzeitlichen Terrors konnte natürlich nicht unkommentiert bleiben – und die Schlacht der Emotionen, nur bisweilen durchsetzt mit rationalen Argumenten, tobt ungebrochen in den „magischen Kanälen“, die McLuhan prognostizierte. Zuvorderst in Facebook und Twitter lässt sich der akute Grad der allgemeinen Empörung, Verwirrung und Selbstermächtigung wie auf einem schwarzen Brett ablesen.

Dass auch Zeichen spontaner Solidarisierung – „Je suis Charlie“, gemeint ist: ich bin bzw. wir alle sind Teil einer Wertegemeinschaft, die Satire schätzt (oder jedenfalls nicht mit automatischen Waffen bekämpft) – fast zeitgleich mit der Schockwelle von einer Minderheit spitzfindiger Ego-Apostel abgekanzelt wurden (“Je ne suis pas Charlie!”), war in diesem Kontext vorherzusehen.

Denn es wimmelt in diesen Kanälen von Individualisten, die zu schlichter Empathie eher unfähig scheinen. Und noch das letzte Fitzelchen an Distinktion herauszukitzeln gewillt sind, um sich über die vermeintlich stupide Masse der Couch Potatoes, Gutmenschen, Systemmedienmacher und sonstigen Gleichgeschalteten zu erheben. Vice versa betonen Political Correctness-FetischistInnen nun – noch etwas zaghaft, aber doch – die “Problematik” der derben, inkorrekten, allseits respektlosen Charlie Hebdo-Witze. Noch darunter rangieren Nemesis-Apologeten, die meinen, letztendlich wären die so “provokant” blasphemischen Karikaturisten “doch irgendwie” selbst schuld an ihrem Schicksal.

Ich finde derlei ja aufreizend realitäts- und menschenverachtend. Kurzum: dumm. Aber auch das ist unerheblich in einem grösseren Kontext. Die neue Medienwelt zwingt uns ihre Formatierung auf, die Kommunikation mit Mobilisierung gleichsetzt. Bedächtige Nachdenklichkeit, Zurückhaltung, gar Stille haben hier keinen Platz. Individuelle Standpunkte, die komplexer Erklärung bedürfen, sind eher chancenlos. „Ihr seid nicht Charlie!“ schreien uns nun die (eher selten so ausführlich) erklärungswütigen Scharfrichter der Medienmoral entgegen. Aber was sind wir dann? Und was sind sie? Und wer ist „wir“? Und wer „sie“? Warum? Wofür? Wogegen? Und wieviele?

So lassen wir uns alle (!) formidabel auseinanderdividieren. Meinungsfreiheit kann auch die Absenz sensibler Meinungsbildung und fundierter Schlüsse daraus bedeuten. Die Makler der Angst kostet das nicht einmal ein Lachen.


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