Mein Kampfradler!

7. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (380) Botschaft an einen Freund: die notorische Fixiertheit der Radfahrer/innen-Fraktion auf das Feindbild Auto ist, sorry to say, kontraproduktiv. 

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Sagen wir mal so: Freund D. werde ich mit dieser Kolumne nicht von den Vorzügen motorisierter Fortbewegung überzeugen können. Will ich es überhaupt?

D. ist überzeugter Radfahrer. An sich ein sehr sympathischer Wesenszug, zumal als Mitbewohner einer Millionenstadt, die – wie jede moderne Metropole – ein Problem mit zuviel Autoverkehr hat. D. ist aber ein, hm, sehr überzeugter – ich verkneife mir die absichtsvolle Zuschreibung „militanter“ – Radfahrer. Und er kommuniziert das so nachdrücklich wie unablässig. Man kann das nun ebenfalls für sympathisch, weil notwendig erachten, man kann (und darf es hoffentlich auch) ein bissl schrullig finden, man könnte aber auf den missionarisch-aggressiven Ton seiner Anti-Auto-Predigten auch genervt reagieren. In Kenntnis der progressiven Denkart und liebenswerten Persönlichkeit von D. reagiere ich meist mit milde gestimmter Gelassenheit. Zumal ja auch einiges an Wahrheit in einer radikalen Sicht der Verkehrsproblematik steckt.

Neulich aber bin ich richtig erschrocken. Denn D. schrieb öffentlich, dem grösstmöglichen Facebook-Leserkreis zugedacht, von der „totalen Zerstörung der Welt“ durch eine „von Adolf Hitler erfunde Autoreligion“. Ich kann hier die ganze Epistel nur auszugsweise wiedergeben, aber Hersteller und Nutzer von Kraftfahrzeugen werden als „wahnsinnige Sekte“ beschrieben, die ober- und unterirdische „Weihestätten“ für „nutzlose Kultobjekte“ errichte – gemeint sind damit wohl Parkgaragen. Die Anhänger der „blechernen Todesmaschinen“ würden nur einen Antichristen kennen: den Radfahrer. Pardon: den „glücklichen, freien, selbstermächtigten, mit geschärften Sinnen“ dahinradelnden Anti-Hitler.

Sorry: das ist nicht lustig. Selbst wenn D. nur provokative Thesen alternativer Vordenker – wie etwa das Bild der „Heiligen Kuh“ Automobil des Kulturanthopologen Marvin Harris – paraphrasiert, hat die Heiligsprechung einer bestimmten Denkart und Bevölkerungsgruppe durch die Herabsetzung, ja Verdammung aller Andersdenkenden und -handelnden noch nie funktioniert. Á la longue. Pardon, Maschine retour: sie hat freilich immer funktioniert. Zumindest für einen bestimmten, historisch betrachtet meist kurzen Zeitraum. Bevor es zur Explosion kam. Es ist das Funktionsprinzip totalitärer Regimes, Religionen und Ideologien. Ihr unausweichlicher Niedergang ist in der Regel mit Gewalt verbunden.

Wohlan: unsere Welt ist im Umbruch begriffen. Gerade auch, was unseren mobilen Alltag betrifft. Gut so. Ich wünsche D. und uns dennoch (und zwar nicht nur metaphorisch, auch strikt real) dass Verbrennungsmotoren nicht durch Waffenräder ersetzt werden.


Aber hallo!

5. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (379) Apple-Computer waren einst revolutionär, schick und sauteuer. Heute macht uns das doppelt sentimental.

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„Hello again.“ So wird man gleich beim Eingang einer kleinen, feinen Ausstellung begrüsst, die dieser Tage in Wien stattfindet. Sie trägt den launigen Titel „40/20“ – was einerseits auf den Gründungszeitpunkt des Digital Lifestyle-Giganten Apple anspielt (vor vierzig Jahren in einer Garage in Cupertino, Kalifornien, USA – oder auch nicht), andererseits auf das zwanzigjährige Firmenjubiläum des namhaften hiesigen Apple-Händlers Tools At Work verweist.

Dass „40/20“ in den Räumlichkeiten der sozial engagierten Upcycling-Werkstätte Gabarage in der Schleifmühlgasse in Szene geht, ist – jenseits jeder Sentimentalität ob einer einstmalig revolutionären StartUp-Klitsche – ein feiner Kontrapunkt zur Ankündigung von Apple, demnächst den ersten österreichischen Produktpräsentations-Protzpalast (neudeutsch: Flagship Store) eröffnen zu wollen. In der Kärntner Straße, wo sonst.

Zurück zur Ausstellung. Zu sehen sind zahlreiche Geräte und Designer-Stücke aus vier Jahrzehnten Computergeschichte – nicht ausschliesslich von Apple, sondern auch von NeXT, dem kurzzeitigen Firmen-Intermezzo des Visionärs Steve Jobs. Man steht also staunend vor dem selten gesichteten schwarzen NeXT-Kubus – dessen Softwarearchitektur anno 1989 die Grundlagen für das heutige Mac-Betriebssystem OSX lieferte –, und schon eilt der Ideenspender und Kurator der Ausstellung herbei, um einen Power Mac G4 Cube aus dem Jahr 2000 danebenzustellen. Dann einen MacMini aus dem Jahr 2005. Letztlich kommt ein aktuelles iPhone obendrauf.

Was uns der gute Mann namens Gerhard Walter – man kennt ihn in der Szene unter dem Kürzel „GeWalt“ – damit verdeutlich, ist: die Leistungsstärke der Geräte nahm (und nimmt) in jenem Maß zu, in dem ihr Volumen schrumpft. Was Teenager heute ganz selbstverständlich an Computerpower in ihrer Hosentasche mit sich herumtragen, wäre uns Apple-Jüngern der achtziger und neunziger Jahre noch wie Science Fiction erschienen. Oder, mehr noch: wie durchgeknallte Fantasy.

Noch interessanter als all die liebevoll zusammengetragenen Geräte – ist es wirklich schon so lange her, dass man sie ausgemustert hat? – sind aber jene Artefakte, die man in der Regel rascher und gründlicher entsorgt als massive Hardware: Bedienungsanleitungen, Prospekte, Werbematerialien, Zeitschriften und Firmenunterlagen jener Zeit. Sie künden von erstaunlicher Naivität, unbedingtem Fortschrittsglauben und freilich auch von Mondpreisen, die man für ein paar Megabyte zu zahlen bereit war.

Ich muss mal bei Herrn Walter ernsthaft nachfragen, ob wir alle einst so jung waren. Und das Geld nicht brauchten. Hello again.


Das Lichtschwert

25. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (378) Es werde Licht! Mit der Taschenlampe X21R.2 von LED Lenser kommt das einem Schlachtruf gleich.

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Licht, Wärme, Nahrung: elementare Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein. Unsere Spezies muss wohl in ihrer Milliarden Jahre währenden Vorgeschichte in jenem Augenblick den entscheidenden Schritt vorwärts getan haben, als diese Faktoren gesichert waren. Die Beherrschung des Feuers als archaische Form, für Komfort und Lebensmittel jenseits von Wurzeln, Gräsern, Früchten und rohem Fleisch zu sorgen, ist längst Mikrowellen- und Induktionsherden, Designerkühlschränken, Fußbodenheizungen und modernster Lichttechnik gewichen.

Letztere kann und soll natürlich auch mobil sein. Dass die Taschenlampe erst 1899 erfunden wurde – von einem Engländer namens David Misell –, ist eigentlich erstaunlich. Ihre Historie geht Hand in Hand mit der Entwicklung gezielt genutzter Elektrizität und ihrer Speicher, also Batterien. Nicht nur auf Kinder üben solche Lichtquellen seit jeher eine Faszination aus – auch Erwachsene scheinen davon, über ihren reinen Gebrauchswert hinaus, magisch angezogen.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass es eine Zielgruppe für „taktische Taschenlampen“ gibt? Vielleicht ist Ihnen Werbung dafür schon untergekommen, etwa auf Facebook. Die Textierung entlarvt diese Leuchtmittel als potentielle Fetische für Paranoiker. „Die meisten Leute unterschätzen, wie wichtig es ist, eine taktische Militärtaschenlampe zu haben“, heisst es da. „In der heutigen Welt, wo Terrorismus und Naturkatastrophen zur neuen Norm werden, ist es wichtiger denn je, die passende Ausrüstung zu besitzen.“ Wenn sich das mal die alten Römer zu Herzen genommen hätten! Oder gar die Neandertaler.

Jedenfalls scheint es tatsächlich einen Bedarf an Handscheinwerfern zu geben, mit denen man nicht nur potentielle Angreifer mit Stroboskopeffekten blenden, sondern nebenher auch ein Stadion ausleuchten kann. LED-Technik ermöglicht nebst frappierender Helligkeit auch präzise Fokussierung. Zum Gaudium meiner Nachbarschaft habe ich einige dieser Taschenlampen neuester Generation im eigenen Garten getestet – und halte hiermit amtlich fest: das mächtigste Lichtschwert von allen ist der LED Lenser X21R.2 der Zweibrüder Optoelectronics KG in Solingen, Deutschland.

Das Ding – es gleicht einer Panzerfaust – strahlt 3000 Lumen 700 Meter weit. Es ist somit eine Flutlichtanlage für den Heimgebrauch. Oder ein Flakscheinwerfer für den Schrebergarten. Ob sie damit aber sehenden Auges einen Terroristen stoppen können, der Ihnen die Kirschen vom Baum klaut, darüber verliert der Garantiezettel kein Wort.


Viel Lärm um wenig Lärm

18. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (377) Aus der unregelmässigen Serie “Vernünftige Autos der Gegenwart” – heute: Tesla X versus Opel Astra.

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Ist ein Tesla Modell X ein vernünftiges Auto? Zugegeben: wirklich seriös kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten.

Alles, was ich bislang mit dem Fahrzeug – dem neuesten, offiziell demnächst erhältlichen Modell des amerikanischen Elektromobil-Pioniers – unternommen habe, ist eine neugierige optische Musterung. Von außen. Letztes Wochenende war Teslas erster SUV bei der „Autorevue Speedparty“ in Ebreichsdorf ausgestellt. Überraschenderweise. Denn dieses jährliche Ereignis ist ein Treffen von eingeschworenen Benzinbrüdern und -schwestern. Und Elektrowägelchen werden dort eher mit einem herablassenden Lächeln begrüsst als mit tiefer Ehrfurcht.

Anders der Tesla X. (Vielleicht beginnt genau hier die Ära, wo nicht mehr kleinlich zwischen Antriebskonzepten unterschieden wird…) Wie viele SUVs haut der Siebensitzer in punkto Volumen mächtig auf die Pauke. In der zweiten Sitzreihe besteigt man den Raumgleiter durch Flügeltüren – immerhin hat man diese „falcon wings“ getauften Blickfänger so konstruiert, dass sie seitlich keine meterweiten Abstände zum Öffnen brauchen.

Die Leistungsdaten sind, wie fast immer bei Tesla, beeindruckend: ein vollgeladener Akku reicht für 500 Kilometer (sofern man nicht zu heftig auf das Gas-, pardon, Strompedal steigt), man ist mit bis zu 773 PS unterwegs, die Beschleunigungswerte sind immer sportwagengleich. Auch der Preis ist amtlich: 170.000 Euro (in der Maximalvariante P90D, es gibt auch günstigere Ausführungen).

Ich würde diese Summe nicht ausgeben wollen. Auch mit prall gefülltem Bankkonto nicht. Bei allem Respekt vor den Visionen von Tesla-CEO Elon Musk und dem der Börsenfinanzierung geschuldeten Druck, mit Prestigeobjekten für US-Millionäre rasch jenes Geld zurückverdienen zu müssen, das man seit Jahren für Forschung und Entwicklung ausgibt – das ist kein Auto, das zukunftsweisend ist. Eher die überstandige Ausreizung der Uralt-Formel „Größer, schneller, teurer“, die selbst bei konservativen Auto-Fetischisten tendenziell ausgedient hat. In der Stadt ist so ein Trumm erst recht eine Provokation. Immerhin eine, die – bis auf Abrollgeräusche – keinen Lärm macht. Und großen Kindern Freude.

Ist dagegen ein, sagen wir mal: Opel Astra ein vernünftiges Auto? Ja. Unbedingt. Nicht, weil der deutsche Hersteller mit seinem frischen Bestseller in der Golf-Klasse das Auto neu erfunden hätte. Oder, trotz zahlreicher Detail-Innovationen, auch nur ansatzweise so tut. Aber der Blick auf die Benzinanzeige lässt mich immer wieder staunen: moderne Motor-Konstruktionen helfen wirklich sparen. Solange noch Benzin-Tankstellen betrieben werden.

Und dann habe ich da ansatzweise etwas im Opel-Testzentrum in Dudenhofen zu sehen bekommen – finanziert u.a. durch die jetzige Astra-Generation -, das Tesla zum Exoten der Zukunft (wohlan, eventuell auch mit Zukunft!, aber…) erklärt. Fortsetzung folgt.


Linsengericht

10. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (376) Gerade noch war das Huawei P9 das beste Kamera-Smartphone am Markt. Aber die Zeit steht nicht still.

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Meine Behauptung war ja: es gibt (fast) nur mehr einen Grund, ein teures Smartphone zu kaufen – die Qualität der Kamera.

Insofern hat mich bei meinem aktuellen Testgerät, einem Huawei P9, vorrangig die Güte und Schärfe der mit ihm geschossenen Fotos und Kurz-Filmchen interessiert. Das Handy des chinesischen Herstellers, der mit grossem Werbeaufwand den dicht besetzten Markt aufzurollen versucht, besitzt ja als Alleinstellungsmerkmal eine Summarit-Dual-Linse (H 1:2.2/27 ASPH, 2 x 12 Megapixel) des Edeloptik-Garanten Leica. Dank kombiniertem RGB- und Monochrom-Sensor werde deutlich mehr Licht eingefangen, ob eines spezialisierten Bildsignalprozessors die Fokussierung und Datenverarbeitung beschleunigt und verbessert. Sagt jedenfalls der P9-Prospekt. Und verkündet gar die „Neuerfindung der Smartphone-Fotografie.“

Mein Fazit nach mehrwöchigem Gebrauch lautet: ganz falsch ist das nicht. Die Bilder sind tatsächlich knackig scharf, sehr farbstark und fast schon überpräzise anmutend in der Gesamtwirkung. Sie lassen sich ordentlich aufblasen, ohne dass Schwachpunkte und Artefakte sichtbar werden. Die zugehörige App wurde ebenfalls gemeinsam mit Leica entwickelt und gefällt mit seiner reduzierten, ergebnisorientierten Struktur. Qualitätsvergleiche mit zwei weiteren High End-Geräten – einem Apple iPhone 6 und einem Samsung Galaxy S7 – sprechen klar für das Modell von Huawei, das da und dort schon für unter 500 Euro angeboten wird. Es sieht ganz danach aus, als hätten die Weissmäntel im Entwicklungslabor in Shenzhen ganze Arbeit geleistet.

Und dann springt plötzlich wieder der alte Platzhirsch Apple ins Bild. Mit Anlauf. Und dem brandneuen iPhone 7 im Talon. Lassen wir mal die Diskussion um zwanghaft innovativen (?) Lightning-Kopfhörer-Anschluss beseite. Die „Super-Kamera“ („Stern“) der Siebener-Generation ist jedenfalls ein ernsthaftes Argument: 12 Megapixel, Blende 1,8, Blitz aus vier LEDs, optischer Zweifach-Zoom und Bildstabilisator, 4K-Videos. Zweifach-Linsen – die Tiefenschärfe-Manipulationen jenseits der Spiegelreflexkamera-Elite ermöglichen – scheinen sich übrigens, wenn das so weitergeht, zum Trend auszuwachsen. Denn eines ist klar: Samsung, LG, Sony, Microsoft & Co. werden nachziehen (müssen). Oder an Terrain verlieren.

Bleibt die Frage: ist eine superbe Schnappschuss-Kamera mit dem üblichen Telefon-Beiwerk eigentlich das Geld wert, wenn ich mit einem Smartphone vorrangig telefonieren möchte? Meine Antwort: doch, ja. Denn die allerbeste Kamera ist nun mal die, die man im entscheidenden Augenblick dabei hat.


Sinus, Cosinus, Tangens

5. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (375) Der Rechner in der Schultasche heisst immer noch Texas Instruments TI-30. Das ruft Erinnerungen wach.Texas Instruments TI-30

Turnsackerl, Hauspatschen, Top-Jugendticket, Federpennal, Tixo Klebstofflasche, Uhustick, Schere, Lineal, Spitzer, Radiergummi, Geodreieck, Schreibunterlage, Trinkbecher, Stoffserviette, Malfarben, Pinsel, Ölkreiden, Filzstifte, Malfetzerl, Hortpatschen, Turng’wand, Werkkoffer, Heftmappe… Hab’ ich was vergessen?

Sie merken schon, die Schulzeit ist wieder angebrochen. Nun sind meine Kinder längst dem schulpflichtigen Alter entwachsen – aber die obige Liste, per Copy- & Paste-Tasten entlehnt einem mit hörbarem Mutterseufzen verfassten Posting einer ordnungsliebenden Freundin, versetzt mich augenblicklich wieder in einen bestimmten Zustand. Jenen Zustand bittersüßer Aufregung, den ich selbst zwölf Schuljahre lang jeweils zum Herbstbeginn verspürt habe.

Wobei: irgendetwas vergisst man immer. Meist das Wichtigste. Uralte Schulregel. Ich habe scharf nachgedacht. Und, ja, etwas fehlt in der Auflistung notwendiger Schulutensilien (und ich meine nicht das Handy mit der Pokemon-App): ein Taschenrechner! Ja, eh, in der Volksschule ist er eher überflüssig. Und in der Unterstufe höherer Schulen wenig gelitten. Aber mit welchen Hochleistungsrechnern im Taschenformat sitzt man heute in der Oberstufe? Zu meiner Zeit – okay, das war in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – war das ein Texas Instruments TI-30.

Die Sin-Cos-Tan-Tasten dieses Standardmodells (eingeführt 1976, damals in dezentem Metallic-Bronze-Braun) seh’ ich heute noch in unruhigen Träumen vor mir. Das Gerät war ein markanter Bote der Moderne: ich zähle zu jener Generation, die unmittelbar die Ablösung des Rechenschiebers erlebte. Und es war auch ein frühes Signal der Globalisierung. Texas Instruments, das klang nach wildem Westen. In der Praxis wurden doch nur schnöde Wurzeln gezogen und Logarithmen berechnet.

In irgendeiner Schublade liegt der „Scientific Calculator“ von damals – mit roter, batteriefressender Siebensegment-LED-Anzeige – sicher noch herum. Neulich kam mir der TI-30 übrigens wieder unter: als heutiges Pendant zum legendären Uhrahn. Und zwar in einem Flugblatt eines Büromaterial-Discounters. Dort wurde der „beliebteste Rechner für Schule und Beruf“ (Flugblatt-Text) um 9 Euro 99 Cent angeboten.

Was für ein drastischer Preisverfall! Ich erinnere mich noch dunkel an das Stirnrunzeln meiner Eltern ob der Kosten des damals revolutionär neuen Elektronikkisterls. Aber es war auch so, dass ich ihnen – um mich vom Rest der Klassenkameraden abzusetzen – das ausgeklügeltere (und deutlich teurere) Modell SR-51-II eingeredet habe.

Berechnend. Ohne – bis heute – zu verstehen, was ich damit eigentlich getan habe.


Die non-futuristische Freiheitsmaschine

21. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (373) Der Kia Sportage der vierten Generation demonstriert nicht die Zukunft des Automobils, aber eine ebenso preiswerte wie opulente Gegenwart.

Kia Sportage

„Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft“. Solche Überschriften – online nachzuschlagen in der Süddeutschen Zeitung – sind nicht gerade die ideale Begleitmusik, um einen aktuellen SUV zu bewerten. Aber mein Resümee nach einwöchiger Testnutzung eines KIA Sportage 2.0 CRDI fällt radikal anders aus: dieses Auto ist die leistbare Freiheitsmaschine der Gegenwart. Was in Zukunft sein wird, weiß kein Mensch.

Wie komme ich zu solch einem Urteil – das für Fortschrittsgläubige auf einen Affront hinausläuft? Nun: eigentlich sind mir SUVs (Sport Utility Vehicles) als Fahrzeuggattung eher unsympathisch – zu voluminös, oft protzig-hässlich, technisch meist unnütz überzüchtet. Zugleich ist diese Kategorie aber im Autohandel die mit Abstand erfolgreichste der letzten Jahre. Was einiges über unsere Zeit und alternde Gesellschaft aussagt. Andererseits sollte man nicht zu geschmäcklerisch an die Sache herangehen. Und Phänomene als Journalist tunlichst kühl analysieren.

Was mir beim aktuell getesteten Kia Sportage der vierten Generation, zugegebenermassen schwer fällt. Man schlüpft in dieses Fahrzeug hinein wie in einen Handschuh: alles sitzt, passt, funkt, als stünde das Auto seit Jahren in der eigenen Garage. Der Kia-Werbespruch „The power to surprise“ trifft es exakt: da definiert ein vormaliger südkoreanischer  Billigsberger die leistbare SUV-Klasse neu.

Wobei „leistbar“ relativ ist: die Listenpreise für den Sportage beginnen bei 24.000 Euro, die getestete, mit allem Schnickschnack (Vierradantrieb, Automatik, Bi-Xenon-Scheinwerfer, autonomes Notbremssystem etc. usw.) ausgerüstete Platin-Edition überspringt dann locker die 40.000 Euro. Aber ich war und bin wirklich überrascht, wie komplett, robust, durchdacht und vergleichsweise vernünftig dieses Auto ist. Quasi eine Alltags-Benchmark individueller Old School-Autoerotik. Und, ja, es geht natürlich immer (auch) um die Befriedigung des eigenen Ich.

Freilich auch bei der gegnerischen Fraktion: engstirnigen Moral- und Zukunftsaposteln, selbsternannten Verkehrsplanern und unbedingten Autohassern. Ihre Befriedigung leitet sich zumeist aus einfachem Distinktionsgewinn ab: seht her, diese SUV-Deppen! Wollen einfach nicht aufs Rad, auf die Eisen- oder Strassenbahn, auf ein Elektrowägelchen umsteigen! Sorry to say: man sollte den Instinkt von Millionen Käufern, die ihr hart erarbeitetes Geld für Mobilitäts-Prothesen auf den Tisch legen, nicht unterschätzen.

Das „ekstatisch-suizidale James Dean-Modell des Autofahrens“, wie es die „Süddeutsche“ polemisch nennt, ist – sorry to say (und zwar in jeder Hinsicht) – alles andere als von gestern. Jedenfalls, solange die Bahn bummelt und Tesla & Co. im Selbstfahrmodus in kreuzende LKWs krachen. Haben denn Unfreiheitsmaschinen eine Zukunft?


Ohne Schlitz

14. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (372) Die Zukunft der Musikindustrie entscheidet sich im fahrenden Konzertpalast: dem Auto.

Auto-CD-Player

In meinem aktuellen Testauto, einem Kia Sportage, gibt es keinen CD-Player mehr. Das wurde mir bewusst, als ich einen ganzen Schwung Silberscheiben, die ich auf dem Weg von Wien nach Goldegg (und zurück) hören wollte, kurzfristig in den Kofferraum verfrachten durfte – sie waren zu nichts nütze.

Ich hätte die CDs – zumeist selbstgebrannte mit Demos diverser Künstler, die ich von Berufs wegen hören sollte – vorher rippen und aufs Handy transferieren müssen, um der Musik die gebotene Aufmerksamkeit schenken zu können. Und, ja, bei den letzten, vergleichsweise teuren Vehikeln, die ich chauffieren durfte, gab es noch einen CD-Schlitz.

Nun ist das natürlich ein Luxusproblem. Zumal das Entertainment-Center im Kia alle Stückl’n spielt. Und noch dazu herrlich selbsterklärend ist – mit kaum einem Fahrzeug bislang gelang das Bluetooth-Pairing mit dem Smartphone so selbstverständlich wie hier. Das JBL-Soundsystem verspricht zudem eine „fortschrittliche Clari-Fi Musikrestaurierungstechnologie, welche die Qualität von MP3-Dateien verbessert und deren Klang in High Definition bereitstellt“ (Prospekttext). Sorry, das ist natürlich audiotechnisch kompletter Unsinn. Aber die Anlage klingt annehmbar und lässt sich elegant steuern. AUX- und USB-Anschlüsse sind zusätzliche Verheissungen für die mobile Discothek. Soweit wunderbar.

Für die Musikindustrie aber ist die Botschaft des rasanten Abhandenkommens von CD-Playern im Auto eine, die mit gemischten Gefühlen aufgenommen werden wird. Denn es bedeutet, dass vorbespielte Tonträger – gemeinhin Alben oder, falls es sich um eine bunte Auswahl von Künstlern und Songs handelt, Compilations genannt – auf dem absteigenden Ast sind. Zwar betrug deren Anteil am gesamten österreichischen Musikmarkt anno 2015 noch rund 70 Prozent. Die zweistelligen Zuwachszahlen bei Streaming-Abos sprechen aber eine deutliche Sprache.

Auch ältere Generationen machen sich inzwischen mit der virtuellen Jukebox auf Abruf vertraut – gezwungenermassen, wenn die KFZ-Industrie den Systemwechsel forciert. (Wer erinnert sich noch an die Zeit, als die Cassettenschlitze aus den Autos verschwanden?) Und Downloads tut sich auch niemand mehr an, wenn Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer & Co. eh fast alle Wünsche erfüllen.

Playlists sind die neuen Compilations. Streaming ist das neue Radio. Alben sind Relikte von gestern. CDs werden bald nur noch nostalgische Staubfänger sein. Wie sangen einst Minisex? „Ich fahre mit dem Auto, alles geht so schnell.“


Gut gemeint, aber

1. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (370) Mit einer Kampagne gegen Hasspostings versucht die Politik die Realität im Netz zu konterkarieren. Hilft’s? 

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„Meinungsfreiheit im Internet bedeutet nicht automatisch Narrenfreiheit.“ Mit symbolisch erhobenem Zeigefinger trat dieser Tage die Staatssekretärin Muna Duzdar – zuständig für Integration, Verwaltung und Diversität, aber auch Digitalisierung (ein kurioser Themenmix, wenn Sie mich fragen) – an die Öffentlichkeit. Die Bundesregierung habe eine „Initiative gegen Gewalt im Netz“ beschlossen, in Klagenfurt stellte man erste Sujets einer Online-Kampagne vor. Unter dem Hashtag #GegenHassimNetz treten honorige Persönlichkeiten – darunter Duzdar selbst – auf und an, um die „Lufthoheit über digitale Stammtische zurückzugewinnen“ und „Gegennarrative“ zu entwickeln.

Nun lässt sich grundsätzlich wenig gegen einen derartigen Vorstoß sagen. Die verbale Offenherzigkeit in Sozialen Medien und Leserforen grenzt oft an Logorrhoe, Tischmanieren scheinen ein längst vergessenes Relikt aus grauen Vorzeiten zu sein. Und tatsächlich neigt ein geringer, insgesamt aber überdeutlich wahrnehmbarer Bodensatz aller Beteiligten zu Beschimpfungen, Drohgebärden, Diffamierungen und Schlimmerem.

Besonders Frauen sind davon betroffen; das digitale Mobbing macht aber auch vor Jugendlichen und Kindern nicht halt. Wer hat es noch nicht erlebt, auf Facebook, Twitter oder in Online-Foren mit plötzlicher, oft unerklärlicher Aggressivität konfrontiert zu sein? Oder, seltener und weit übler, den Tod an den Hals gewünscht zu bekommen? Zumeist von einem anonymen Absender (der doch oft dingfest zu machen ist) – derlei im eigenen Namen zu formulieren trauen sich die Hassbotschafter meist dann doch nicht.

Nun: dagegen helfen seit Zeiten, die teils bis lang vor der Erfindung des World Wide Web zurückreichen, juristische Schranken. Man schlage den Paragraphen 283 des Strafgesetzbuches nach („Verhetzung“), eventuell § 297 StGB („Verleumdung“) oder den Cybermobbing-Paragraphen 107 StGB. Auch § 111 StGB („Üble Nachrede“) oder § 115 StGB („Beleidigung“) sollten greifen, dazu Regeln in Fällen wie „Kreditschädigung“, „Gefährliche Drohung“ oder „Verstöße gegen das Verbotsgesetz“. Es gilt nur, diese sehr wirksamen Instrumente auch zur Anwendung zu bringen – etwa, indem jede virtuelle Stammtischrunde einmal über ihre pure Existenz aufgeklärt wird. Und eine Strafverfolgung sensibel, aber konsequent erfolgt.

Hier könnte der Staat sagen: Ja, das unterstützen wir! Wir bieten Nachforschungskompetenz (und den grundsätzlichen Willen dazu), juristische Hilfestellung, Online-Formulare, finanzielle Unterstützung in entsprechenden Fällen. Und und und. Nennen wir es eine konkrete, handfeste Hilfe, die auf einer klaren Haltung beruht. Und natürlich auch personeller und struktureller Ressourcen bedarf. Zum Gesamtkomplex zählt auch, Plattformen wie Facebook medienpolitisch dezidiert nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Propagandakampagnen aber, die nur nebulose Selbstverständlichkeiten transportieren, sind sicher gut gemeint. Aber gut – im Sinne von: wirksam – eher nicht.


Das bin doch nicht ich

16. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (368) Facebook verzerrt unsere Gesichter zu Fratzen. Vorsätzlich. Oder spiegelt es nur unser wahres Ich?

Zeichnung WG zensored

Si tacuisses… Hättest Du geschwiegen, hätte man Dich weiterhin für einen Philosophen gehalten. Was schon die alten Lateiner wussten – nämlich, dass man sich um Kopf und Kragen reden bzw. schreiben kann –, scheint in der Gegenwart noch nicht angekommen zu sein.

Einer Gegenwart, die nicht nur den Irrsinn des Terrors, der religiösen Verhetzung und der blutigen politischen Inszenierung kennt, sondern auch sogenannte „first world problems“. Probleme, die bei genauerer Betrachtung meist banalen Befindlichkeitsschwankungen und alltäglichen Luxusjuckreizen geschuldet sind. Derlei forciert Zwist und Hader, die wie aus dem Nichts entstehen – und offenbar zum unabdingbaren Grundinventar der conditio humana zählen.

Sie ahnen, worauf ich anspiele? Ja, es geht (auch) um das aktuelle Hickhack zweier Fixgrössen der jüngeren österreichischen Autorenlandschaft, das um die Frage entbrannt ist, ob es eine Schnittmenge zwischen Literaturkritik und Sexismus gibt. Und, wenn ja, wie damit umzugehen ist. Dass die – notwendige und berechtigte – Debatte darüber behend zum Scherbengericht gerät und bei Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie endet, ist so bedauerlich wie symptomatisch. Und fast unvermeidbar. Ich sage dies, weil ich freiwillig unfreiwillig Zeuge der Entstehung dieses Streits wurde. Und leider auch meinen Teil dazu beigetragen habe. Indem ich, wider besseren Wissens, in eine Facebook-Diskussion eingestiegen bin.

Facebook ist aber – wie fast alle heute existenten Social Media-Erscheinungsformen – weder ein soziales noch ein seriöses Medium. Es ist, und das ist die Erkenntnis vieler Jahre intensiver Involviertheit, ein Durchlauferhitzer zutiefst menschlicher Verhaltensweisen und Regungen. Ein Perpetuum Mobile der Aufschaukelung. Und ein Katalysator der Polarisierung. Facebook lebt davon, mittels undurchschaubarer Algorithmen, vorsätzlicher Filterung, geschickter Wirklichkeitsverzerrung und oberlehrerhafter Zensur ein Affentheater zu inszenieren, bei dem wir gleichzeitig Akteure und Zuschauer sind. Die Eintrittskarten sind gratis (sie kosten uns nur Lebenszeit), mit der Bandenwerbung verdient Marc Zuckerberg Milliarden. Durchschauen tun die gefrässige Clickbaiting-Maschinerie nur die allerwenigsten, beherrschen nur jene, die bewusste Entsagung üben.

Was unterscheidet nun aber die neuen Medien von den althergebrachten – Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen? Leider wenig. Sie agieren, bis auf wenige Ausnahmen,  nach denselben Regeln – Stichwort: Ökonomie der Aufmerksamkeit – und unter denselben kapitalistischen Grundkonditionen wie die zwiespältigen Paradeunternehmen der post-analogen Medienwirtschaft. Und beziehen ihre Rohstoffe und Neuigkeiten zunehmend aus dem verseuchten Terrain der Konkurrenz. Die heiße Druckluft aus den Echokammern des eigenen Ichs wird gerade dort gierig aufgesogen (und weiter aufgeheizt), wo Abkühlung Grundvoraussetzung für ernsthafte Kommunikation wäre.

Schweigen ist, so scheint es, keine Option. Ich fürchte, dafür ist der Mensch nicht gebaut.


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