Posts Tagged ‘Big Data’

Aus-Zeit

14. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (324) Reflexion, Baby! Warum Abschalten oft mehr bringt als Hochaktivität – jedenfalls dem non-maschinellen Wesen Mensch.

Lem Memoiren

„The future’s so bright I gotta wear shades“ sangen einst die US-Country-Rocker Timbuk 3. Freilich war das eher skeptisch gemeint denn zukunftsgläubig. Jedenfalls rutscht mir der Satz immer ins Gedächtnis, wenn ich – wie jetzt gerade – im Freibad im nördlichen Niederösterreich herumliege und mit der Seele baumle. Jack Nicholson-like mit schwarzer Ray Ban-Sonnenbrille vor den Augen, die Sonne brennt gnadenlos.

Und die Lektüre ist keine allzu leichte. Stanislaw Lems „Memoiren, gefunden in der Badewanne“ habe ich zuletzt in der Pubertät verschlungen – ohne damals zu verstehen, worauf der polnische Science Fiction-Philosoph hinauswollte. Das Buch nochmals aus dem Regal des Feriendomizils hervorzuholen, macht jedenfalls anno 2015 doppelt Sinn. Und, wie fast immer bei Lem, auch mächtig Spaß.

Denn die bereits 1961 verfassten „Memoiren“ (eigentlich: „Aufzeichnungen eines Menschen des Neogen“) lesen sich wie eine prophetische Zustandsbeschreibung der Jetzt-Zeit. Rezensenten etikettieren das Buch wahlweise als „satirische Farce“, „surrealistische Anti-Utopie“ oder „eine Schmähschrift auf die absolute Bürokratie und den totalen Polizeistaat, in dem alles und jeder gelenkt, einem geheimen Zweck untergeordnet und von Spitzeln überwacht wird.“ (so Lems deutscher Verlag Suhrkamp). Dass die Geschichte in einem Land namens „Ammer-Ku“ spielt – ein kaum verhohlener Fingerzeig auf die USA – ist so trefflich wie nebensächlich.

„Was dort das stets am Leib getragene Dechiffriergerät, ist hier das permanent Informationen ein- und auslesende und umwandelnde iPhone“, resümierte die Neue Zürcher Zeitung. „Was im Roman das Monster einer papierlastigen Bürokratie, sind heute aus dem Netzverkehr zusammengesaugte Riesenarchive und digitale Datenbunker – die nicht nur, wie wir inzwischen wissen, von Milliardensummen, sondern vor allem von einer universalen Paranoia des Verdachts gespeist werden.“

Man tut gut daran, bisweilen das Smartphone auszuschalten, den Alltag abzuschalten und in das Reich vergilbter Zukunftsprognosen und gewitzter Anti-Utopien abzutauchen. Reflexion, Baby! Jede Denkmöglichkeit ist in Big Data-Land längst Realität. Die Science Fiction-Elite von damals – jedenfalls ihre hervorragendsten Vertreter wie Lem, Philip K. Dick oder J. G. Ballard – wusste so einiges über den Pappenheimer Mensch. Und, nein, es ist kein Stilbruch, sich die Lektüre auf den E-Book-Reader runterzuladen. NSA & Co. lesen auch im Urlaub gerne mit.

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Zukunftsforschung

15. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (250) Wenn Sie diese Zeilen in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch lesen können, ist alles gut gegangen.

On-Off Switch

Wenn das Internet nichts und niemanden vergisst, wie die Sage geht, dann schreibe ich hier für die Ewigkeit. Das ist, zugegeben, eine hohe Bürde: die allwöchentliche Veröffentlichung ein paar rasch und beiläufig hingeworfener Sätze soll den Test der Zeit bestehen.

Aber worin besteht dieser Test? Darin, dass sich einst – sofern dieser Planet dann noch um die Sonne kreist – überhaupt irgendjemand an Herrn Gröbchen, seines Zeichens Maschinenraumpfleger und Lohnschreiber des frühen 21. Jahrhunderts, erinnert? Darin, dass ein paar ferne Nachfahren den digitalen Nachlass verwalten? Oder darin, dass sich aus den gesammelten Werken für Historiker der Zukunft punktuell signifikante Beobachtungen und Entwicklungen extrahieren lassen?

Vielleicht ist eine Kolumne wie diese ja auch nur ein Zettelkasten voller Witze, Skurrilitäten und Fußnoten für die Technik-Experten und Sozialforscher folgender Generationen. Wie immer: es gilt der alte Merksatz „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain oder Niels Bohr zugeschrieben wird. Zumindest diese Erkenntnis hat den Test der Zeit bestanden.

Oder etwa doch nicht? Denn noch bin ich nicht im greisenhaften Alter, mich nicht daran erinnern zu können, dass 2013 das Jahr war – und das ist wahrlich nicht lange her –, in dem in Mainstream-Medien der Macht der Computeralgorithmen erstmals die Planbarkeit und Vorhersage individueller Lebensregungen zugeschrieben wurde. Und zwar ernsthaft, wenn auch mit jener Beiläufigkeit, die uns gemeinhin den alltäglichen Lauf der Dinge wahrnehmen lässt. Bis dahin waren „Big Data“, „Reality Mining“ und „Post Privacy“ ein Thema für IT-Fachleute, Geheimdienst-Mitarbeiter und Science Fiction-Autoren.

Aber die Idee z.B., Verbrechen verhindern zu wollen, bevor sie noch begangen werden – Sie erinnern sich an den Hollywood-Reisser „Minority Report“? – hat Implikationen, die das kollektive Zu-Ende-Denken noch nicht mal den Startschuß hören hat lassen. Es ist, wage ich hier und heute zu behaupten, das Ende der Unschuldsvermutung. Wenn wir freiwillig, ja lustvoll – ja, ich habe da banalerweise Facebook, Twitter & Co. im Hinterkopf – unsere Psychogramme zeichnen helfen und zugleich zulassen, dass sie mit objektiven Daten und Taten ergänzt werden – egal ob sie aus der elektronischen Krankenakte ELGA stammen, von der Überwachungskamera im Beserlpark festgehalten wurden oder dem letzten Hort der unmoderierten Meinungsfreiheit, dem eigenen Blog, nachzulesen sind –, wen können wir dafür verantwortlich machen ausser uns selbst?

Im übrigen wage ich auch die Prognose, dass dem „ewigen Speicher“ Internet diese Zeilen verloren gehen werden. Denn wenn sie zu einem beliebigen Zeitpunkt auch nur annähernd relevant sind, würden sie mit Sicherheit gelöscht. Die Vergangenheit gehört jenen, die sie in Zukunft am perfektesten fälschen werden. Schlichtes Vergessenwerden ist mir lieber.

Big Dada

16. März 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (203) Schon mal von “Big Data” gehört? Wenn nein: Nichtwissen schützt definitiv nicht. Insbesondere vor Folgewirkungen.

BD

Die neueste Sau, die durchs Dorf getrieben wird, heisst „Big Data“. Diese Erkenntnis stammt nicht von Rudi Klausnitzer (der dieser Tage ein Buch zum Thema herausgebracht hat) oder gar von mir – der Satz fiel, neben vielen anderen gescheiten und/oder zynischen Sätzen, unlängst im Parlament. Bei einer Urheberrechts-Enquete der Grünen, die sich dankenswerterweise bemühen, Stimmen und Meinungen möglichst aller Interessensgruppen in einer zunehmend drängenden und dabei höchst komplexen Debatte zu hören, die am Rande auch damit zu tun hat.

„Big Data“ also. Eine Umschreibung für das exponentielle Wachstum an beiläufig oder absichtsvoll gesammelten Bits & Bytes, die sich mir nix, dir nix zu Petabytes, Exabytes und Zettabytes auswachsen. Riesige Informations- und Datenmengen. Von Internet-Providern, Verkehrsüberwachungskameras oder Computerkassen (um ein paar Beispiele zu nennen). Daten, die, von Experten analysiert und bewertet, vielfältig nutzbar sind. Etwa um – Stichwort „Vorratsdatenspeicherung“ – seine Schäfchen einschätzen zu können, in ihrem Konsumverhalten genauso wie in Hinsicht auf Verhaltensauffälligkeiten. Hiess das gestern nicht noch „Big Brother“? Und warum stammt gleich der dritte Google-Eintrag zum Thema von McKinsey, einem der berühmt-berüchtigten Think-Tanks des Turbokapitalismus? Handelt es sich um ein Bedrohungsszenario, das an allererster Stelle ein gutes Geschäftsfeld eröffnet? Und…

Na bravo, Herr Gröbchen! Die absichtsvolle Fragestellung und naiv-schlichte Verknüpfung all dieser Worte ist nun (auf ewig?) festgehalten im kollektiven Speicher. Wo man früher Artikel mit der Schere ausschnitt und, mit Randnotizen bekritzelt und in Dossiers eingeklebt, im Aktenschrank oder gleich im Kellerarchiv bunkerte, reicht heute die elektronische Indizierung. Und die erledigt der potentielle Delinquent als geübter Blogger – der die Stich- und Schlagworte automatisch mitliefert – gleich selbst. Die „Big Data“-Daddies müssen sich partout nicht selbst die Hände schmutzig machen.

Das allerschönste Beispiel für die halb freiwillige, halb unbewusste Verwandlung in eine gläserne Menschheit liefert ja Facebook. Was hier von uns allen an markanten Spuren, Psycho-Röntgenbildern, Ego-Stichworten (und demnächst wohl auch -Hashtags) und persönlichen, nein: persönlichsten Informationen zusammengetragen und über Jahre hinweg verdichtet wird, lässt jeden Nachwuchs-CIA-Agenten und Patschenkino-CSI-Profiler jubeln. Wir liefern unbekümmert und unablässig frei Haus. Und fürchten Big Data? Big Dada.

Wie, Sie sind „aus guten Gründen“ nicht bei Facebook? Ziemlich verdächtig. Ist hiermit festgehalten. Kommt umgehend in den Datenschrank. Danke für Ihre Mitwirkung.

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