Posts Tagged ‘E-Bike’

Schienenersatzverkehr

5. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (314) Geschichten, die das Leben schreibt – und zwar mit einer Hand: Radtest, Schlüsselbeinbruch, Bestnote.

Schluesselbeinfraktur_Konservativ

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“, hat Friedrich Torberg einst die Tante Jolesch weissagen lassen. Ich kann mir den Spruch ins Tagebuch schreiben. Denn ich hatte noch Glück im Pech. Als Profi-Maschinist und Tester im Auftrag der „Presse am Sonntag“ schwang ich mich vor wenigen Tagen in den Sattel, um ein Elektro-Bike auf Herz und Nieren zu prüfen. „Nur mal so“, also ohne Fahrrad-Helm, und mit unbekümmertem Karacho.

Das Rad fordert Tempo förmlich heraus: es ist der Prototyp eines Leichtbau-Bikes – wiegt gerade 12 Kilogramm – mit einem Elektromotor, der permanent die gesetzlich höchstzulässige Dauerleistung von 250 Watt abgibt. Die dünnen 28 Zoll-Rennreifen, die 10-Gang-Shaltung von Shimano und ein niedrig gebauter Lenker geben einem das Gefühl, im Windschatten von heimischen Radlegenden wie Max Bulla, Ferry Dusika, Rudolf Mitteregger (und seinem ewigen Rivalen Wolfgang Steinmayr) oder Bernhard Kohl unterwegs zu sein.

Es kam, was kommen musste: ich riss eine Mords-Brez’n. Es war und ist nun einmal keine gute Idee, die Schienen der Wiener Strassenbahnlinie 6 in einem zu spitzen Winkel queren zu wollen. Und, ja, ich hatte Glück: kein Auto oder gar die Bim direkt hinter mir – und der Kopf blieb auch verschont. Dafür musste das Schlüsselbein dran glauben. Glatter Bruch links. Tut ordentlich weh. Und die nächsten Wochen im Freibad kann ich mir abschminken.

Wenn Sie jetzt meinen, der gefährliche (weil zugegebenermassen auch ungewohnte) fahrbare Untersatz bekäme meinen Unmut über dieses Malheur ab, muss ich Sie enttäuschen. Das Rad ist wunderbar. Elegant, gut zu beherrschen – sofern man Gleisrillen vermeidet –, konstruktiv ausgereift. Der Preis von knapp 4000 Euro für das gute Stück der Newcomer-Marke Freygeist ist eventuell schmerzlich hoch, aber die Konkurrenz für den „Urban Professional“ im Bereich Mobilität heisst Vespa oder Smart. Und man ist mit dem Freygeist (und jedem ähnlichen Elektro-Geschoss) in der Stadt tatsächlich so flott unterwegs wie mit dem Kleinauto, kann legal gegen Einbahnen fahren und muss sich nicht den Kopf über Steuer, Pickerl und Kurzparkzonen zerbrechen. Höchstens über die Begehrlichkeiten von Fahrraddieben: dem Rad sieht man nicht seine spezielle Konstruktion, dafür aber seinen Preis durchaus an.

Zu kaufen gibt es das hiermit zwar nur kurz, aber höchst positiv getestete Freygeist-Bike – weitere Modelle sind in Planung – noch nicht. Jedenfalls nicht regulär. Wenn die Begehrlichkeit obsiegt, werden Sie frohen Muts Crowdfunding-Pionier! Ich selbst überlege noch. Mindestens, bis ich den schmerzlich engen Rucksack-Verband entfernen darf.

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Ladenhüter & Freygeister

31. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (313) Ein E-Bike, das aussieht wie ein normales Fahrrad? Diese Idee begeistert Crowdfunding-Investoren gerade enorm.

Freygeist-E-Bike

Geld ist in Verruf gekommen. Egal, ob es sich um Negativzinsen, den ungehinderten Einblick in Bankkonten, die Abschaffung von Bargeld oder die perspektivische Entwertbarkeit von Banknoten per RFID-Chip (entwickelt von einem österreichischen Unternehmen) handelt – hier bröseln gerade eherne Grundsätze, die seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten galten.

Ob das eine positive oder negative Entwicklung ist, sei dahingestellt. Selbst Experten zeigen sich uneins. Gewiss aber sollte den Damen und Herren in den Chefetagen der Banken der Reis gehen: ihre ehemals güldenen Geschäftsmodelle geraten zu Ladenhütern, die Institutionen selbst werden zunehmend überflüssig.

Denn Startups und innovative Unternehmen betteln nicht mehr um Kredite (meist vergeblich), sondern besorgen sich ihre Finanzmittel zunehmend bei ihren potentiellen Kunden. Wenn eine Idee überzeugt, rauscht das Geld nur so ins Kontor. Der Hebel heisst Crowdfunding. Väterchen Staat hat davon – mit der üblichen Verspätung – auch schon gehört und versucht die Spielregeln für das Modell nun in ein „Alternativfinanzierungsgesetz“ (AltFG) zu fassen. Wenn damit auch der vermeintliche Wildwuchs auf längst etablierten und gut funktionierenden Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, Startnext, wemakeit, Indiegogo oder Companisto in ein bürokratisches Korsett gezwängt werden soll, wäre das kontraproduktiv.

Ein mündiger Konsument wird wohl nur dort direkt und höchstpersönlich investieren, wo er einen klaren, individuell attraktiven Gegenwert erwarten darf – ganz im Gegensatz zu den windigen Papieren und wahnwitzigen Konstrukten, die freundliche Bankberater so gern aus der Lade ziehen. Oft direkt unter den Augen höchstbezahlter Aufsichtsorgane und vermeintlich (und bisweilen auch wirklich) strenger Gesetzeshüter.

Genug gemotzt. Denn dieser Tage ist mir wieder ein höchst erfreulicher Fall untergekommen, wie es auch anders geht. Voilá!: das Wiener Unternehmen Freygeist (dessen Head-Office aus formalen Gründen in Berlin residiert) sammelt gerade das nötige Startkapital ein, um ein äusserst schickes E-Bike zu bauen. Ein „Smart Engineering“-Vehikel, das keine plumpen Anbauten oder extraschweren Bauteile benötigt – und sich somit äusserlich von einem gewöhnlichen Fahrrad nicht unterscheidet, aber doch jede Menge zusätzlicher Kraft auf Knopfdruck bietet. Verbunden ist das Vorhaben mit einem sehr ambitionierten Business-Plan, der den Markt der „Urban Professionals“ weltweit beackern will. Wir haben es hier quasi mit dem Äquivalent von Tesla für zwei Räder zu tun.

Die Aussichten sind gut: noch während der laufenden Kampagne auf der deutschen Crowdfunding-Plattform Companisto unterzeichnete Freygeist einen Vertrag mit dem Spezialisten German Answer. Die deutschen Fahrradleichtbau-Profis konnten als Partner für Entwicklung und Produktion des 12 Kilogramm leichten Design-Elektrobikes gewonnen werden. Die Crowdfunding-Phase wurde aktuell verlängert, das maximal zu erreichende Kapital von 1,5 Millionen Euro ist in greifbarer Nähe. Die Vision des Unternehmer-Trios Martin Trink, Usama Assi und Stephan Hebenstreit könnte sich glatt zur Erfolgsstory auswachsen.

Interessiert? Wenn ja: handfeste Fakten können nicht schaden. Wie sich der Prototyp fährt, berichte ich Ihnen nächste Woche.

Scooby-Do!

29. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (267) Zeigen Sie Fahrrad-Fetischisten sanft das Rücklicht: mit einem Billig-Roller namens “Scooby”.

scooby_e-bike

Es gibt ja Radfahrer (ich bitte das Wort geschlechtsneutral zu lesen). Und Radfahrer. Das ist mir erst neulich wieder aufgefallen, als ich – nachdem ich eine Kolumne zu einem ziemlich innovativen, durchdachten E-Bike verfasst hatte – die Reaktionen darauf studierte. Nicht wenige schlossen sich der Fraktion der Pedalritter-Hardliner an, die meinten, soetwas sei “eigentlich kein richtiges Rad”, sondern plump, fehlkonstruiert und fehlgeleitet. Letztlich könne man nur mit purer Muskelkraft die Welt retten. Oder so.

Das ist freilich Blödsinn. Natürlich sind regelmässige Bewegung, sportliche Betätigung und damit einhergehende Fitness hehre Ziele. Im Idealfall kann und soll der fahrbare Untersatz das Auto ablösen als (zu) teures, raumgreifendes und umweltverpestendes Alltagsvehikel – vor allem auf dem Weg zum und vom Arbeitsplatz. Aber kaum jemand möchte vor dem Büroeingang verschwitzt vom Fahrrad steigen. Und es soll ja auch Leute geben, die unmotiviert, untrainiert oder gar gebrechlich sind. Bequemlichkeit ist generell ein starker Antriebsmotor der Menschheit.

Da hätte ich einen Fingerzeig. Es gibt ein Elektrofahrrad, das aussieht wie ein Motorroller. Und sich auch so fährt. Es heisst Scooby. Der Name rührt von seiner wunderlichen Zwitterrolle her: Scooter meets Bycicle. Der Hersteller – das Ding wurde in Österreich konstruiert und wird in China gefertigt – schwärmt von einer “neuen Fahrzeugklasse”. Der Gesetzgeber folgt ihm darin bislang nicht. Gottseidank! Denn so ist der Scooby ab 14 Jahren ohne Führerschein zu fahren und benötigt weder Versicherung noch Kennzeichen.

Mit Scheibenbremsen am Vorderrad, hellem LED-Licht und integrierten Blinkern, einer an jeder Steckdose aufladbaren Batterie unter der Sitzbank und einem 600 Watt-Elektromotor rollt man so gemächlich wie gemütlich durch die Stadt. Offizielle Höchstgeschwindigkeit: 25 km/h. Die Fahrradpedale dienen mehr der (beim Herumkurven nicht ganz ungefährlichen) Zierde.

Kurzum: Scooby ist mehr als ein kurioses Spielzeug für Erwachsene. Für manche könnte sich dieses Fahrzeug als idealer, niedrigstschwelliger Einstieg in die Zweirad-Gesellschaft erweisen. Zumal es weniger kostet als viele Mittelklasse-E-Bikes, die doch “nur” hochgerüstete Fahrräder sind.

Einen Minuspunkt aber gibt es: nicht nur Polizisten schauen einen verwirrt und mieselsüchtig an, wenn man fröhlich pfeifend an ihnen vorbeigleitet. Sondern auch arg verschwitzte Fahrradfetischisten. Scoop-scooby-do.

A Bike Called Quest

8. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (265) Es gibt Fahrräder. Luxusfahrräder. Elektrofahrräder. Und das Elektrobiker Quest.

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Keine Sorge: mein vor einigen Monaten verkündeter Langzeittest in Sachen Elektromobilität ist längst nicht abgeschlossen. Demnächst geht wieder ein Schwung Anfragen raus an diverse Mofa-, Roller- und Automobilhersteller und ihre hiesigen Vertriebsfilialen. Aber zwischendurch war ich, zugegeben, etwas abgelenkt. Nicht zuletzt durch ein äusserst elegantes Vehikel, das sich – um die Konklusio gleich vorgwegzunehmen – als ideales Stadtfahrzeug erwiesen hat. Oder zumindest als raffinierte Ergänzung im Mix der fahrbaren Untersätze. Es handelt sich um ein Fahrrad.

Ein Fahrrad? Nicht gerade revolutionär, hör’ ich’s aus dem Publikum raunen. Abwarten! Denn das Modell, mit dem ich – motorverstärkt – durch die City gedüst bin, ist so etwas wie die Summe der Tüfteleien eines kleinen Teams von Enthusiasten, die sich – keep it smart and simple! – Elektrobiker nennen. Und ein stylishes Geschäft in der Wiener Westbahnstrasse betreiben. Das erste E-Bike hatte man anno 2008 noch in einer Garage zusammengeschraubt, das Resultat war – so vermerkt die Homepage – “deutlich zu hässlich für die Strasse”.

Sechs Jahre und einige hundert Prototypen und Verkaufsmodelle später repräsentiert das “Quest” den State of the Art. Es ist technisch perfekt, sieht wirklich gut aus und kann nach eigenen Vorstellungen konfektioniert werden. Gerade in den Details steckt viel Gehirnschmalz. Der Lithium-Ionen-Akku (Reichweite 40 – 90 Kilometer) z.B. ist verpackt wie eine kleine Zubehörtasche und über einen patentierten Verschluss leicht an- oder abschraubbar. Der kräftige Radnabenmotor wird über einen aufs Wesentliche reduzierten Alu-Drehregler mit Leistungsanzeige bedient. Letztlich fährt sich das “Quest” auch ohne Unterstützung probat, mit zugeschaltetem Motor geht aber wirklich die Post ab. Ich war in der Stadt fast so flott unterwegs wie mit der geliebten Vespa. Und das, ohne einen Tropfen Schweiss zu vergeuden.

Es gibt jedoch einen Wermutstropfen: den Preis. Denn mit etwas Zubehör wandert der Kostenpunkt für das Elektrobiker-Spitzenmodell behende über die 4000 Euro-Marke. Nun gilt ungebrochen der alte Spruch, wer billig kauft, kaufe letztlich teuer. Man kann sich eine Auto z.B. noch so schönrechnen – es geht richtig ins Geld. Hier sind die Folgekosten gleich null. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht einen meiner Blechkübel gegen ein “Quest” tausche. Oder Herrn Mateschitz überrede, die Startup-Firma aufzukaufen und in Hinkunft jährlich zigtausende dieser Bikes zu verkaufen. Rund um den Globus. Zu einem Viertel des Preises.

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