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Schutzengel an Bord

9. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (323) Mit „OnStar“ setzt Opel auf die smarte Verbindung von maschineller und menschlicher Intelligenz.

Opel OnStar

Ich blätterte die aktuelle Ausgabe der „AutoRevue“ durch, bekanntermassen die eleganteste Fachzeitschrift der Motorwelt, und stolperte über einen Satz. Eigentlich war es nur eine Bildunterschrift. „Worauf es mittlerweile bei Autos sehr ankommt“, stand da zu lesen, „ist ein gewaltiger Bildschirm und die dort spielbaren Möglichkeiten der Informationstechnologie.“ Soweit, so banal. Erst recht im Vergleich mit den zukunftsdeuterischen Informationen und grenzphilosophischen Kommentaren im Rest des Hefts.

Aber die knappe pragmatische Erkenntnis trifft den Nagel auf den Kopf. Jedenfalls dachte ich das still bei mir, als General Motors Austria dieser Tage den neuen Opel Astra vorstellte. Man konnte das Auto – für den Hersteller ein wichtiges Volumen-Modell, in der hiesigen Zulassungsstatistik Nummer 2 in seiner Klasse gleich hinter dem VW Golf – noch nicht fahren. Nur anschauen. Und mit dem Design-Chef, dem Connectivity-Experten und den lokalen Spitzenmanagern plaudern.

Nun: zum Design kann man nur gratulieren, zum generellen Opel-Aufschwung – die Marke setzt nach ihrer existenzbedrohlichen Krise inzwischen sehr auf Dynamik und Lifestyle – dito. Was mich interessierte, war „OnStar“. Ein System, mit dem man einen markanten Vorsprung zu sonstigen Brot- & Butter-Herstellern herstellen will. Der neue Astra hat es als erstes europäisches GM-Modell vom Start weg an Bord.

Kurzgesagt handelt es sich bei „OnStar“ um einen automatisierten Notruf mit zusätzlichen Kompetenzen. Die computerisierte Intelligenz des Fahrzeugs wird genutzt, um etwa im Fall eines Verkehrsunfalls selbsttätig Kontakt mit der Opel-Europazentrale in Luton (Grossbritannien) aufzunehmen. Wesentlich ist, dass dort keine Schaltkreise tätig werden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Da in jedem Astra in Zukunft auch serienmässig eine SIM-Card verbaut ist, klingeln die „OnStar“-Engel durch, ob man etwas tun könne und, wenn ja, was. Im Extremfall verständigen sie Rettung und Polizei. Man kann die netten Damen und Herren – bis dato sind es 56 Callcenter-Cracks – per Knopfdruck aber auch nach dem Reifendruck fragen. Oder nach der nächsten Tankstelle.

Eine interessante Perspektive. Denn Opel wird sich solch ein Service nicht aus Jux leisten. Apple Car Play und Android Auto – um die kommenden Connectivity-Systeme beim Namen zu nennen – hat (bald) jeder. Den elektronische Schutzengel „eCall“ sowieso, weil demnächst EU-Pflicht. Den persönlichen Butler hätte ich aber eher in der Luxusklasse vermutet.

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Einmal Ausschalten, bitte!

26. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (321) Autos können – als rollende Computer – mittlerweile fast alles. Sie überfordern damit viele.

Navi

Letztes Wochenende hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Es begann, wie viele Denkwürdigkeiten, ganz harmlos.

Der Freund der Mutter meiner Freundin bat mich, ihm das Navigationssystem seines neu erstandenen Autos zu erklären. Die Marke tut nichts zur Sache, Navis gleichen einander in Sachen Bedienungsführung ja weitgehend. Dachte ich jedenfalls. Denn kaum hatten wir ein paar Runden um den Häuserblock gedreht und ich meinem staunenden Beifahrer klargemacht, dass er die trotz lieblicher Frauenstimme absolut herrischen Ansagen („In vierhundert Metern scharf rechts!“) jederzeit „overrulen“ könne, ertönte seinerseits die unschuldige Frage: „Und wie kann ich das Ding jetzt wieder ausschalten?

Ich gestehe: ich habe eine Viertelstunde gebraucht, das herauszufinden. Denn auf meinem Uralt-Navi in meinem Uralt-Van drücke ich dazu nur einen Knopf. Hier aber versteckte sich die absolut essentielle Funktion der Instant-Mundtotmachung geschwätziger elektronischer Helferlein in einem Unter-Unter-Menü eines Untermenüs. Natürlich hätte ich auch kurz in der Bedienungsanleitung nachlesen können – die, zweiteilig, dem On Board-Infotainmentsystem gleichviele Seiten widmet wie dem restlichen Fahrzeug –, aber das erschien mir dann doch zu demütigend. Wo doch so viel die Red’ ist von „Usability“, selbsterklärenden Funktionen und quasi ultimativer Trottel-Sicherheit.

Nun sind heutzutage Autos mobile Computer, ständig mit dem World Wide Web verbunden und demnächst auch für unser Leben letztverantwortlich („eCall“) – aber die Komplexität der Systeme überfordert viele. Gelegentlich auch „Maschinenraum“-Schreiberlinge. Ich bin ja gerade in der glutheissen Toskana unterwegs, mit einem riesigen Opel Vivaro Tourer (eigentlich steckt ein Renault unter der Blechhaut, erklärte mir ein mitreisender Auskenner).

Ein höchst praktisches, effizientes und erstaunlich bequemes Fahrzeug, sag’ ich Ihnen. Nur: bis heute bin ich nicht draufgekommen, warum man immerzu das Reiseziel neu ins Navi eingeben muss, wenn man zwischendurch mal das Radio bedient oder die Audio-Einstellungen ändert… Derlei lästige Details können einem die Pracht und Herrlichkeit der übrigen Technik doch ein wenig vermiesen. Wahrscheinlich liegt der Fehler eh bei mir, Irren ist ja bekanntlich menschlich. Dafür hat Opel übrigens gerade „OnStar“ erfunden, den „persönlichen Online- und Service-Assistenten“. Den ruf’ ich demnächst an. Und erzähl’ Ihnen dann, was er mir unter Experten so geflüstert hat.

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