Posts Tagged ‘Elektromobilität’

Exoten-Malus

27. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (387) Ab 2017 soll es millionenschwere Förder-Massnahmen für Elektromobilität geben. Cui bono?

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Ich mach’ mir ja gelegentlich einen Spaß daraus, technische Neuigkeiten mit einem gehörigen Quantum Ironie – bisweilen sogar Zynismus – zu kommentieren. Aus Gründen. „Mikroskope und Fernröhre verwirren den reinen Menschensinn“, wusste schon der alte Goethe, aber erst Karl Kraus hat erkannt, dass die Entwicklung der Technik „bei der Wehrlosigkeit vor ihr angelangt“ ist.

Was hat Elon Musk dazu zu sagen? Würde mich glatt interessieren. Nicht zuletzt, was dem Visionär des 21.Jahrhunderts – der seine Elektroauto-Manufaktur wohl nicht zufällig nach seinem Pendant des 20. Jahrhunderts, Nikola Tesla, benannt hat – entfuhr, als er erstmals den Nio EP9 zu Gesicht bekam.

Was ist das nun wieder?, hör’ ich Sie fragen. Zurecht. Denn der Nio NP9 ist – wiewohl auf den ersten Blick mächtig beeindruckend – nicht mehr als eine Marginalie der rasanten technischen Entwicklung der Spezies Elektromobil. Es handelt sich um einen Sportwagen – der Begriff ist eher untertrieben –  des chinesischen Herstellers NextEV, der diese Woche in London vorgestellt wurde. Motorleistung 1000 Kilowatt (was 1360 PS entspricht), 1,7 Tonnen Gewicht, Preis unbekannt (aber garantiert siebenstellig). Mit dem Ding lässt sich in 7 Minuten 5 Sekunden und 12 Hundertstel über die Nürburgring-Nordschleife flitzen, was für diese Autoklasse Rekord bedeutet. Und auch sonst nicht von schwachen Eltern ist. Erhältlich ist der Exot vorerst nur in China. Aber es gibt für solche Potenzprothesen wohl auch hierzulande eine Marktnische.

Normalverdienern wie unsereiner bleiben nur mehr oder minder gewitzte Distanzierungsversuche. „Wenn ich den Chinakracher importiere“, schrieb ich auf Facebook, „schiesst mir dann die Bundesregierung die Kosten für die Fußmatten zu?“ Bezogen hat sich diese Wortmeldung auf die Ankündigung der Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) sowie für ein lebenswertes Österreich (BMLFUW) – früher sagte man Umwelt, Land- und Forstwirtschaft dazu –, ein 72 Millionen Euro schweres „Aktionspaket“ – früher sagte man schlicht Förderung dazu – der Elektromobilität zu widmen.

Sprich: Privatpersonen sollen bis zu 4000 Euro bekommen, wenn sie E-Autos kaufen. Diese sollen wiederum mit grünen Kennzeichentaferln rumsurren und von Parkgebühren, Busspur-Fahrverboten und sonstigen Alltagswidrigkeiten befreit werden. Zudem möchte man – die Autoimporteure sind auch an Bord – in Stromtankstellen und Lade-Infrastruktur investieren.

Leider wird es nix mit dem staatlich unterfütterten Erwerb eines Nio EP9. Voraussetzung für Förderkohle ist nämlich, dass ein Neuwagen „in der Basisversion“ unter 50.000 Euro kostet und einen „Grünstrom-Liefervertrag“ erhält. Ich fürchte, da beisse ich in China auf Granit. Über die sonstige Sinnhaftigkeit des vorweihnachtlichen Geschenkpakets darf – der Jahreszeit adäquat – besinnlich leise debattiert werden.

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Viel Lärm um wenig Lärm

18. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (377) Aus der unregelmässigen Serie “Vernünftige Autos der Gegenwart” – heute: Tesla X versus Opel Astra.

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Ist ein Tesla Modell X ein vernünftiges Auto? Zugegeben: wirklich seriös kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten.

Alles, was ich bislang mit dem Fahrzeug – dem neuesten, offiziell demnächst erhältlichen Modell des amerikanischen Elektromobil-Pioniers – unternommen habe, ist eine neugierige optische Musterung. Von außen. Letztes Wochenende war Teslas erster SUV bei der „Autorevue Speedparty“ in Ebreichsdorf ausgestellt. Überraschenderweise. Denn dieses jährliche Ereignis ist ein Treffen von eingeschworenen Benzinbrüdern und -schwestern. Und Elektrowägelchen werden dort eher mit einem herablassenden Lächeln begrüsst als mit tiefer Ehrfurcht.

Anders der Tesla X. (Vielleicht beginnt genau hier die Ära, wo nicht mehr kleinlich zwischen Antriebskonzepten unterschieden wird…) Wie viele SUVs haut der Siebensitzer in punkto Volumen mächtig auf die Pauke. In der zweiten Sitzreihe besteigt man den Raumgleiter durch Flügeltüren – immerhin hat man diese „falcon wings“ getauften Blickfänger so konstruiert, dass sie seitlich keine meterweiten Abstände zum Öffnen brauchen.

Die Leistungsdaten sind, wie fast immer bei Tesla, beeindruckend: ein vollgeladener Akku reicht für 500 Kilometer (sofern man nicht zu heftig auf das Gas-, pardon, Strompedal steigt), man ist mit bis zu 773 PS unterwegs, die Beschleunigungswerte sind immer sportwagengleich. Auch der Preis ist amtlich: 170.000 Euro (in der Maximalvariante P90D, es gibt auch günstigere Ausführungen).

Ich würde diese Summe nicht ausgeben wollen. Auch mit prall gefülltem Bankkonto nicht. Bei allem Respekt vor den Visionen von Tesla-CEO Elon Musk und dem der Börsenfinanzierung geschuldeten Druck, mit Prestigeobjekten für US-Millionäre rasch jenes Geld zurückverdienen zu müssen, das man seit Jahren für Forschung und Entwicklung ausgibt – das ist kein Auto, das zukunftsweisend ist. Eher die überstandige Ausreizung der Uralt-Formel „Größer, schneller, teurer“, die selbst bei konservativen Auto-Fetischisten tendenziell ausgedient hat. In der Stadt ist so ein Trumm erst recht eine Provokation. Immerhin eine, die – bis auf Abrollgeräusche – keinen Lärm macht. Und großen Kindern Freude.

Ist dagegen ein, sagen wir mal: Opel Astra ein vernünftiges Auto? Ja. Unbedingt. Nicht, weil der deutsche Hersteller mit seinem frischen Bestseller in der Golf-Klasse das Auto neu erfunden hätte. Oder, trotz zahlreicher Detail-Innovationen, auch nur ansatzweise so tut. Aber der Blick auf die Benzinanzeige lässt mich immer wieder staunen: moderne Motor-Konstruktionen helfen wirklich sparen. Solange noch Benzin-Tankstellen betrieben werden.

Und dann habe ich da ansatzweise etwas im Opel-Testzentrum in Dudenhofen zu sehen bekommen – finanziert u.a. durch die jetzige Astra-Generation -, das Tesla zum Exoten der Zukunft (wohlan, eventuell auch mit Zukunft!, aber…) erklärt. Fortsetzung folgt.

Die Anti-Auto-Religion

7. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (240) Vom Fetisch zum Hassobjekt – müssen wir uns an eine Zukunft ohne Auto gewöhnen?

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Diese Kolumne zu schreiben fällt mir ungewöhnlich schwer. Denn sie fußt allein auf einer diffusen Gefühlslage. Und einem Essay von Matthias Matussek, veröffentlicht in einer „Spiegel“-Ausgabe vom Oktober dieses Jahres.

Ich habe mir seine Zeilen aus dem Heft herausgerissen und trage sie nun schon einige Wochen, fein säuberlich gefaltet, mit mir herum. Der Artikel trägt den Titel „Staatsreligion“, er ist illustriert mit zwei hübschen Damen vor einem knallroten, in der Sonne glänzenden 70er-Jahre-Porsche Carrera. Die Unterzeile aber lautet: „Die Deutschen liebten das Auto. Jetzt hassen sie es.“

Das bringt die Sache auf den Punkt: es findet gerade ein machtvoller Paradigmenwechsel statt, und natürlich lassen sich die Verhältnisse in Deutschland 1:1 auf Österreich übertragen. Vielleicht sogar auf ganz Europa. Das Auto – der Fetisch der Nachkriegsgeneration, das Symbol individueller Freiheit, die heilige Kuh des Durchschnittsbürgers – gerät aus der Mode. Wie der Marlboro-Mann. Oder das Vertrauen in Banken. Oder der Katholizismus.

„Der moderne Mensch macht sich nichts mehr aus Autos“, schreibt Matussek. „Außer er kann die der anderen verbieten.“ Es klingt weniger provokant denn resigniert. Überall Emissionshysteriker und grüne Wiedertäufer. Das neue Dogma laute: Umweltverträglichkeit, Car-Sharing, Elektromobilität oder wahlweise eine frischfröhliche Alle-aufs-Fahrrad!-Ideologie.

„Nennen wir es“, so steht’s im „Spiegel“ zu lesen, „die Religion der Selbstgerechten“. Dabei hat der Essayist noch nicht mal den aktuellen „Falter“ erblickt, der einen Grazer Stadtplaner mit dem Leitsatz „Zu Fuß gehen ist die elementare Logik der Stadt“ zitiert. Oder die peinlichen Querelen um die Wiener Mariahilferstrasse verfolgt. Oder gar einen Kaffee mit dem einstmals ketzerischen, heute längst tugendhaften Verkehrsexperten Professor Knoflacher („Das Auto ist ein Virus“) getrunken.

Zweifelsfrei ist, fragen Sie mal die Autohändler und Marketingkanonen der Pkw-Industrie!, der fahrbare Untersatz mit Verbrennungsmotor in die Defensive geraten. Und selbst boomende Modeerscheinungen wie die Spezies SUV (Statussymbol urbaner Vizeoberförster) zeigen ein Versagen der Chefetagen: Autos, zu fett, zu voluminös, zu dämlich für das 21. Jahrhundert.

Aber bevor nicht ein praktikabler, leistbarer, sinnvoller Ersatz für eine, sagen wir mal: fünfköpfige Familie mit Hund und Katz’ und einer Wohndistanz von acht Kilometern zum nächsten Supermarkt in Sichtweite ist, werde ich mich – bei aller Sympathie für neue Ideen – nicht umtaufen lassen. Religiöser Eifer war mir immer zuwider.

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