Posts Tagged ‘EMI’

Let me entertain you!

18. Juli 2013

Das ausverkaufte Robbie Williams-Spektakel in Wien darf als diesjähriger Höhepunkt eines immer massiveren Live-Geschäfts gewertet werden. Oder? Über den Status Quo der Musikindustrie anno 2013.

robbie_williams

Wer dieser Tage in den Bürofluchten der Firma EMI Music Austria in der Wiener Webgasse 43 das Telefon klingeln lässt, bemüht sich vergeblich. Zwar ist der Anrufbeantworter noch in Betrieb, aber es gibt keine Gesprächspartner mehr. „Der gewünschte Teilnehmer antwortet nicht. Vielen Dank.“

Das klang einmal anders: in ihren Hochzeiten verkaufte die Österreich-Filiale des weltumspannenden Major-Musikproduzenten EMI mit einem Marktanteil von durchschnittlich 15 Prozent Millionen Tonträger. Der Katalog war hoch attraktiv – von Top-Stars wie den Beatles, Queen, Pink Floyd, Kraftwerk oder Herbert Grönemeyer bis hin zu lokalen Grössen wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, DJ Ötzi oder Falco. Zudem betrieb man ein – ob der niedrigen Friedenszins-Miete recht profitables – Plattengeschäft auf der Kärntnerstrasse.

Es ist das letzte sichtbare Relikt eines einst stolzen Konzerns. Von den ehemals bis zu fünfunddreißig Köpfen in der Zentrale wurde im Sommer 2013 genau eine Mitarbeiterin vom übermächtigen Konkurrenten Universal Music übernommen. Deren Marketing-Chef Peter Draxl, einst selbst EMI-Manager, trocken: „Die Integration ist abgeschlossen.“

Wirklich zufrieden ist man ob der Verknappung auf ein Zweieinhalb-Major-Oligopol – lange hatte Branchenauguren mit einer Vernunftehe der kleineren Marktteilnehmer Warner und EMI spekuliert, letztlich wurden aber die wesentlichen Pleite-Relikte Universal und Sony Music zugeschlagen – aber auch am Wiener Schwarzenbergplatz nicht. Denn die Zahlen sind generell schlecht. Universal-Statthalter Hannes Eder, zugleich Präsident des Branchenverbandes IFPI Austria, fasst die Situation stichwortartig zusammen: „Digitalmarkt weiter hinauf, physischer Markt wie schon in den letzten Jahren hinunter.“ Leider ersetzen Downloads – zuvorderst via Apples iTunes Store und Amazon – und Streamings – hier sind Spotify und Deezer führend – das Wegbrechen der CD-Umsätze nicht in jenem Maße, wie es sich die Vordenker und -Lenker des Musikgeschäfts wünschen.

Der Schwenk hin zum Digitalbusiness führt zudem zu einer rapiden Erosion traditioneller Strukturen: mittlerweile überlegt man z.B. beim grössten heimischen Filial-Distributor Libro ernsthaft, den CD-Verkauf aufzugeben. Ein Schreckensszenario für Universal & Co., die vornehmlich auf Mainstream-Ware setzen. Eder, betont optimistisch: „Sorgen würden wir uns machen, wenn die Nachfrage nach Musik sinken würde. Das tut sie aber nicht, sie steigt jedes Jahr. Wie man diese Nachfrage monetarisieren kann, ist eine tägliche Herausforderung, und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.“

Der Status Quo lässt sich in eine nüchterne Frage übersetzen: womit verdient die Tonträger-Industrie anno 2013 überhaupt noch Geld? Etwas überspitzt: kaum mehr mit Tonträgern. EMI etwa verschleuderte im Zug des Überlebenskampfes sein gesamtes Tafelsilber. Katalogware, aber auch aktuelle Alben von Robbie Williams, Kate Perry, Coldplay oder Depeche Mode, wurden zum Ramschpreis unter das Volk gebracht. Die branchenweite Image-Entwertung der Compact Disc wird von einem erstaunlichen Comeback der Vinyl-Schallplatte konterkariert – allerdings handelt es sich dabei um ein Retro-Nischen-Phänomen.

Apropos Robbie Williams: das ehemalige Take That-Teenie-Idol ist längst zum Säulenheiligen der Ö3-Hemisphäre gereift. Und gibt sich verschmitzt pragmatisch: „Ich will verdammt viele Platten verkaufen und die beste Show aller Zeiten abliefern“. Rund 65.000 Williams-Fans erklärten sich am Mittwochnacht beim Wien-Gastspiel zu Augen- und Ohrenzeugen. Wirklich Geld verdient der 39jährige Ex-EMI-Heroe aber weniger mit „Platten“ denn mit der generalstabsmäßig durchexerzierten Rundum-Vermarktung seiner Live-Aktivitäten.

Williams war einer der Vorreiter einer Entwicklung, die immer stärker Raum greift: die Entwicklung und Realisierung von Künstlerkarrieren, Songmaterial und Showkonzepten überlässt man privaten Investoren und finanzkräftigen Althasen des Schaugeschäfts, die sogenannte „360-Grad-Vermarktung“ – von Merchandising über Tonträger, Verlags-, Film- und Werberechte bis hin zum Tournee-Zirkus – übernehmen die Major Companies. Oder gleich börsennotierte Entertainment-Konzerne neuen Typs, die etwa den Markt in den USA beherrschen. In Österreich ist das prominenteste Beispiel für dieses Modell Andreas Gabalier. Aber auch Newcomer wie Anna F. oder Julian LePlay erhielten entsprechende Angebote. Rahmabschöpfung rules.

Was allerdings tendenziell abgenommen hat, ist die Berechenbarkeit der Renditen: blieben schon früher die Einkünfte von acht unter zehn Nachwuchs-Starschnuppen unter den Erwartungen, lässt sich heute kaum mehr eine seriöse Prognose zum Karriereverlauf eines Künstlers treffen. Der Markt leidet an einem Überangebot an Live- und Konserven-Musik bei gleichzeitiger Verengung der Medien- und Absatzkanäle. Das Internet, lange als „Long Tail“-Paradies für Entdeckernaturen und Klangforscher abseits der Formatradio-Trampelpfade gepriesen, kann nur technisch eine Alternative eröffnen, nicht soziologisch.

Letztlich sei eine Rolle im Mainstream-Musik-Business aber immer noch besser als ein „normaler“ Durchschnittsjob, lässt Robbie Williams bei Pressegesprächen verlauten. Zur ewigen Tretmühle des Entertainment-Geschäfts hat er denselben Lieblingsspruch parat wie zum Status Quo der Branche generell: „Du blickst in den Abgrund – und der Abgrund blickt zurück.“

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Licht aus, Ton an

21. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (178) Heisst der Nachlassverwalter des Musik-Giganten EMI Universal Music, Linn Records – oder gar Red Bull?

Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotelzimmer sechs Stockwerke über der Hamburger Reeperbahn, wo für ein paar Tage ein sehr charmantes, kleines Musikfestival Gäste aus aller Welt anlockt. Gerade eben ist auf meinem Laptop-Bildschirm die Nachricht aufgeploppt, dass der traditionsreiche Musikkonzern EMI – Sie erinnern sich an sein Markenzeichen “Nipper”, einen Hund, der ein Grammophon belauscht – nicht mehr existiert. Oder jedenfalls nicht mehr lange. EMI wird zerschlagen. Mit dem Segen der internationalen Wettbewerbsbehörden. Der grösste Teil der Plattenfirma geht an Universal Music, der Verlag an Sony, über ein paar kleinere Labels streiten sich die Aasgeier der Branche. Und plötzlich waren es nur mehr drei – Majors. Auch in der Webgasse in Wien, wo die lokale EMI-Dependance einst Millionenumsätze schrieb (mit Acts wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung oder DJ Ötzi), dreht irgendjemand bald das Licht aus. Zum allerletzten Mal.

Von Nostalgie oder gar Wehmut ist in Hamburg allerdings wenig zu spüren. Auch wenn der Titel eines der vielen Diskussions-Panels beim Reeperbahn-Festival “Can The Old School Save The Music Trade?” lautet. Gemeint ist damit das überraschende Comeback der Vinyl-Schallplatte als Ausweis wirklicher Musikliebhaber. Und als sichtbare Abkehr von der rationalen, schnellen, unkomplizierten Welt der digitalen Downloads und des grenzenlosen Streamings. Es ist keine verschworene, sektenhafte Gemeinde von Widerständlern, die sich hier versammelt – was beliebt, ist auch erlaubt. Lustfaktor und Sammlerwert sind natürlich bei einem physischen Gegenstand mit limitierter Auflage tendenziell grösser als bei einem beliebig vervielfältigbaren MP3-File. Oder einer allgegenwärtigen Content-Wolke. Aber die Bequemlichkeit ist ein Hund, seit jeher.

Dass (und wie) man Old School und neue Welten heute ganz pragmatisch und äusserst elegant verbinden kann, zeigen Web-Plattformen und Apps, die laufend von jungen Entrepreneuren bei Showcase-Festivals wie diesem vorgestellt werden. Ich habe mir etwa “iCrates” notiert, ein Tool für fortgeschrittene Vinyl-Freaks (Motto: “We dig music”). Martin Brem von Red Bull – der Energy Drink-Riese investiert auch legér in Medien und Musik – erzählt wahre Wunderdinge über andere innovative, beatsaffine Smartphone-Applikationen. Stimmt schon: der Wurlitzer von heute ist das Handy. Und, gottlob!, es limitiert nicht die Audioqualität wie einst Cassettenrecorder oder Plastik-Plattenspieler. Ob LowFi-Datenmüll oder 24-Bit-Studiomaster-File bleibt dem Anwender überlassen. An Speicherkapazität mangelt es ja längst nicht mehr.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn eine High End-Schmiede wie die schottische HiFi-Manufaktur Linn ein eigenes Label betreibt. Und in Hamburg Hof hält. Egal, ob Vinyl-Legenden wie der Plattenspieler Sondek LP12 oder neueste Streaming Devices – ohne Software-Nachschub macht die ganze Hardware nur den halben Spass. Im Hause Linn setzt man konsequent auf Top-Sound. Allseitig. Nun auch mit HiRes-Downloads, von hauseigenen Künstlern bis hin zu bekannten (und von den Majors lizensierten) Namen wie Melody Gardot, Bob Marley, Diana Krall oder Tom Petty. Prädikat: hörens- und ausprobierenswert.

Ich geh’ jetzt gleich mal runter zu Gilad Tiefenbrun, dem Sohn des legendären Linn-Impresarios Ivor Tiefenbrun und heutigen Managing Director in Glasgow. Die Krise der Musikindustrie, so Tiefenbruns Postulat, resultiert zuvorderst aus einem zunehmenden Mangel an Qualität, sowohl inhaltlich wie auch klangtechnisch. Da könnte was dran sein. Damit werden sich noch viele Diskussionsrunden beschäftigen. Sei es auf der Reeperbahn. Demnächst in Wien, beim „Waves“-Festival. Oder sonstwo bei einem der unzähligen Plauderantentreffen auf diesem Planeten.

Die dunklere Seite des Mondes

24. September 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (128) Die Pink Floyd-Klassiker liegen, neu verpackt, in den Auslagen der analogen Welt. Man staune, höre, (re)kapituliere.

In einer Welt, die zunehmend wuseliger, komplexer und eventuell auch bedrohlicher wird, ist Kultur-Eskapismus eine probate Fluchtmöglichkeit. Auf Twitter z.B., diesem Live-Ticker für die globale Trivia- und News-Junkie-Gemeinde, verfolgen mich die Meldungen eines monomanischen Literaturapostels. „Heute schon Goethe gelesen?“ Derlei macht stutzig. Mitten im Stakkato der Eilmeldungen und individuellen Sensatiönchen nimmt sich die Frage nach Goethe ein bisschen wunderlich aus, wie aus Raum und Zeit gefallen. Aber sie ringt mir jedes Mal ein leises Lächeln ab. Und den Wunsch, jenseits aller Charlotte Roche- und Niki Glattauer-Lektionen vielleicht doch mal wieder zum guten, alten Johann Wolfgang von G. zu greifen.

Gelegentlich paart sich dann ja auch das Einknicken vor den Bestsellerlisten mit der Absicht, sich dem wirklich Wahren, Guten, Schönen zu widmen. Wobei die Ansichten, was darunter exakt zu verstehen wäre, natürlich auseinandergehen. Ich jedenfalls mache mich nach dem Niederschreiben dieser Zeilen auf in die Webgasse 43 in Wien, um in der hiesigen Filiale der Plattenfirma EMI einen popkulturellen Popanz sondergleichen zu begutachten. Und eventuell das eine oder andere Stück abzustauben.

Sie haben es sicher schon andernorts gelesen oder gehört: der Musikkonzern wirft das gesamte Oeuvre von Pink Floyd auf den Markt, re-mastered, re-packaged, re-irgendwas. In jeder erdenklichen Konfiguration, mit zusätzlichen Live-CDs, DVDs, Blu-Rays, Surround-Mixes, Bonus-Tracks, Vinyl, Bücher, Karten und sonstigem Pipapo. Verpackt als „Immersion Box Set“, „Experience Edition“ oder vergleichsweise lächerliche „Discovery“-Schmalhans-Neuauflage. Auch eine neue „Best Of“-Kollektion gilt es zu erwerben, zumindest für Vollständigkeitsfanatiker.

Es passiert, was jedem HiFi- und Musik-Narren im Lauf eines Lebens mindestens einmal passiert: man trägt diese – eng mit der eigenen kulturellen Sozialisation verwobenen – Konsumfetische stolz nach Hause und vergleicht den aktuellen State of the Art-5.1-Surround Mix von „Dark Side of the Moon“ mit der Erinnerung an die eigene Jugend. Damals hatte man nur einen billigen Philips-Plattenspieler als Hörkrücke, heute ist es eine sauteure Anlage vom Allerfeinsten. Es klingt besser, gewiss, aber selbst die ewigen Säulenheiligen des Progressive Rock entwickeln anno 2011 nur mehr einen Abglanz jener Tage, als Marketing zuvorderst ein Begriff für verbiesterte WU-Studenten war. Die Wucht, mit der diese Klangkaskaden Mitte der siebziger Jahre auf unvorbereitete Hörer einstürzten, lässt sich nur bedingt reproduzieren. Das gilt übrigens in gleichem Masse, auch wenn es sich um musikideologische Anti-Materie handelt, für das prototypische Neunziger Jahre-Album „Nevermind“ von Nirvana. Auch das stellt man dieser Tage frisch aufpoliert in die Auslagen. Irgendein Jubiläum, das es konsumtechnisch zu feiern gilt, findet sich immer.

Warum überhaupt die Materialschlacht? Weil die Zeit der Popkultur in/auf Scheiben demnächst vorbei sei, merkte der Pink Floyd-Trommler Nick Mason an. Und weil auch die Traditionsmarke EMI wohl nicht mehr lange existieren wird. Wer sich dem physischen Produkt-Fetischismus grundsätzlich verweigert, wird „Wish You Were Here“ längst als unsichtbare Abfolge von Nullen und Einsen aus der allgegenwärtigen Daten-Wolke beziehen.

Was aber, wenn partout die Verpackung ein immanenter Teil der Botschaft war und ist? Wie es Will Groves, Herausgeber von MusicRadar.com, formuliert: „… eine Erinnerung an eine Zeit, als ein Plattencover noch mehr war als ein paar hundert Pixel breites jpeg in der iTunes-Bibliothek.“ Oder, um good old Goethe hervorzukramen: „Schönheit ist ein gar willkommener Gast.“ Auch im 21. Jahrhundert.

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