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Conchitas grosse Chance

2. Mai 2014

Es ist gar nicht wichtig, welchen Platz Tom Neuwirth beim diesjährigen Eurovisions Song Contest erreicht. Denn mit seinem alter ego Conchita Wurst hat er bereits die Grenzen reiner Unterhaltung gesprengt.

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Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Österreich grösste Entertainment-Orgel, der ORF, könnte eine positive Überraschung erleben. Denn die Entsendung von Conchita Wurst – einer Kunstfigur mit weiblichen Attributen und präzise getrimmtem Bartwuchs, hinter der sich der 26jährige Gmundner Travestiekünstler Thomas Neuwirth verbirgt – zum diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen wird von Medien- und Publikumsreaktionen begleitet, wie sie in den Jahren zuvor eher selten waren.

Mit dem ruralen HipPop-Kinderlied „Woki mit Dein Popo“ der Trackshittaz hatte man noch 2012 den denkwürdigen letzten Platz unter allen Teilnehmern des TV-Spektakels eingefahren. „Rise Like a Phoenix“ dagegen – eine pathetisch-schwüle Hymne, die Conchita Wurst von einem internationalen Serienschreiber-Autorenteam auf den Leib geschneidert wurde – darf als Kampfansage gewertet werden. Und der glamouröse Auftritt als Statement. Das Selbstbewusstsein ist angebracht: denn Provokation, die sich ungeniert in die Gehörgänge frisst, hat sich beim Songcontest fast immer bewährt.

Und selbst wenn Wurst ihrem Künstlernamen gerecht wird und sich Jury wie Publikum gelangweilt geben: das Polarisierungs-Potential ihrer puren Erscheinung ist enorm. Und hat die Gender-Debatten auch jenseits der Landesgrenzen beflügelt: ist demonstrativ gelebte Transsexualität Ausdruck eines neuen, liberalen Menschenbilds oder nur eine aufgesetzte, kalkulierte Belästigung des „Normal“bürgers?

Die gewollte, aber keineswegs aufdringliche Originalität ihrer Rolle bringt Conchita Wurst jedenfalls ins Visier konservativer Geister. Der Nachrichtendienst Reuters berichtete schon vor Monaten von 15.000 Unterzeichnern einer Petition in Russland, die verlangte, die Übertragung des Songcontests („Ein Pfuhl der Sodomie“) im staatlichen TV einzustellen. Oder zumindest partiell auszublenden. Ähnliche Proteste und Forderungen nach Zensurmassnahmen werden aus Weissrussland und Armenien gemeldet.

Die britische Zeitung „Independent“ wertet diese Stimmen als „Transphobic backlash“, die European Broadcast Union (EBU) als Veranstalter des ESC hält dagegen. Die Übertragung des multinationalen Wettsingens hat nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ zu erfolgen. Aber auch in Österreich regten sich schon ab Herbst des Vorjahres erregte Gegner zu Wort. Auf Facebook hatte die Gruppe „NEIN zu Conchita Wurst beim Song Contest“ enormen Zulauf: heute zählt sie 38000 Unterstützerinnen und Unterstützer.

Vordergründig geht es den Proponenten des Web-Protests weder um die Person Tom Neuwirth noch um seine/ihre sexuelle Ausrichtung. Die Antipathie richte sich, so ein anonym bleibender Organisator im „Standard“, gegen die einsame Entscheidung der ORF-Experten ohne Anhörung des Publikums. Denn das, so meint man, würde lieber Christina Stürmer oder Andreas Gabalier in den Wettbewerb schicken – dass diese aus karrieretechnischen Gründen wohl umgehend abwinken würden, kam da nicht weiter zur Sprache.

Gerade mit dieser demonstrativ autoritären und ganz bewussten Entscheidung für die Person Tom Neuwirth/Conchita Wurst haben aber die Strategen am Küniglberg seit langem wieder Mut bewiesen. Argumentierte man etwa in der zuletzt heftig aufgeflammten Ö3-Debatte um Airplay-Anteile für heimische Künstler genau umgekehrt – man wolle, erraten!, das Publikum entscheiden lassen (das viele neue Acts nicht kennt, weil sie im elektronischen Leitmedium ORF selten bis nie vorkommen) –, könnte das professionelle Risiko hier reich belohnt werden.

Allerdings gilt die alte austriakische Regel: einen Sieg gilt es tunlichst zu vermeiden. Die Ausrichtung des Songcontests 2015 in Wien, die damit automatisch verbunden wäre, würde das Budget des ORF bei weitem sprengen.

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