Posts Tagged ‘Facebook-Sperre’

Freiheitliche Parteinahme

20. Juli 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (220) Facebook kann seine Nutzer nach Belieben beurteilen, gängeln, zensurieren und sperren. Cui bono?

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Ich darf wohl als unverdächtig gelten, ein Anhänger des ehemaligen Zahntechnikers, Paintball-Enthusiasten und jetzigen FPÖ-Obmanns Heinz-Christian Strache zu sein. Ich zähle auch nicht zu seiner – von ihm selbst gern so apostrophierten – „Facebook-Gemeinde“.

Ganz im Gegenteil: eine Zeitlang hing ich der ideologischen Modeerscheinung an, gemeinsame „Freunde“, also Leute, die meinten, den Kerl und mich zugleich wertschätzen zu müssen, einfach aus meinem virtuellen Bekanntenkreis zu kicken. Bis ich beschloss, mich nicht in einer flauschigen Monokultur ähnlicher Meinungen und Überzeugungen bewegen zu wollen. Es bringt ja wenig, die dumpfe Realität auszublenden oder Leute zu missionieren, die längst derselben Glaubensgemeinschaft angehören. Sofern man überhaupt zur Missionierung neigt.

Was mir allerdings auch nicht recht gefallen wollte, war die billige Häme, die dieser Tage über den FPÖ-Recken hereinbrach, als er von Facebook gesperrt wurde. Ganz klar wurde nicht, warum eigentlich. Vielleicht hat ihn der eine oder die andere unter uns wegen rassistischer oder sonstwie anstössiger Äusserungen „gemeldet“? Strache selbst vermutete Kritik an den Spionagepraktiken des US-Geheimdienstes NSA als Grund der Sperre.

Das ist natürlich lächerlich. Den Big Data-Brüdern ist der österreichische Parlamentarier (wie der österreichische Parlamentarismus insgesamt) herzlich wurscht. Weniger egal sollte uns – jawohl, ich meine jeden einzelnen Leser dieser Zeilen, der zugleich Social Media-User ist – aber die Reaktion von Facebook sein. Eine Reaktion, wie man sie hierzulande dem Salzamt zuschreibt: man „prüfe noch“, es sei „eventuell ein Fehler“ passiert, Genaueres könne man nicht verlauten. Genauso hätte die Botschaft des Facebook-Sprechers lauten können: „Fickt euch ins Knie!“

„Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“ hat ein gewisser Voltaire einmal postuliert. Angeblich. Es fällt wohl unter Meinungsfreiheit, diese Worte – etwa im Namen eines „höheren Grundrechts“ (wie derzeit in der deutschen Innenpolitik) – als naiven Kalenderspruch abzutun. Oder Heinz-Christian Strache als rechten Populisten zu bezeichnen, der sich als David gegen Goliath 2.0 inszeniert. Oder die NSA-Gesellen als üble Handlanger des militärisch-industriellen Komplexes, der längst die Welt regiert, zu identifizieren.

Wenn aber irgendein Facebook-Heini irgendwo auf diesem Planeten das alles auf Knopfdruck verschwinden lassen kann – nennen wir es euphemistisch nicht Zensur, sondern digitale Obsorge –, dann ist das ein weit grösseres Problem als alle Ekelhaftigkeiten der FPÖ zusammen.

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Der Schwanzhund & ich

19. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (195) Facebook beginnt zu nerven. Geht’s bitte auch ohne Kommerz-Kackophonie und Kindergartentanten-Gehabe?

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Seltsames Gefühl, plötzlich nicht mehr am fröhlichen Kommunikations-Ringelreih’ auf Facebook teilnehmen zu dürfen. Und sich in der Verbannung wiederzufinden. Zwar nur für 24 Stunden. Und das nach mehrmaliger Vorab-Ermahnung. Aber doch: plötzlich geht nichts mehr. “Diese Funktion ist vorübergehend blockiert”, meldet sich die Kindergartentante aus der Unternehmenszentrale zu Wort. “Um zu verhindern, dass Du erneut gesperrt wirst, solltest Du die Standards der Facebook-Gemeinschaft gelesen und verstanden haben.”

Was ich zwar gelesen habe, aber bis heute nicht verstehen will, ist der Umstand, dass diese Sperre – meinerseits eine Premiere, Freunde berichten mir, dass ihnen derlei bereits dutzendfach und monatelang passiert ist – auf einer schlichten Meinungsäusserung beruhte. Dahingehend, eine ständig wiederkehrende Werbemeldung eines esoterischen, sektenartig agierenden und offensiv die Werbetrommel rührenden NLP-Unternehmens tunlichst nicht mehr sehen zu wollen.

Eine Social Media-Plattform mit etwas künstlicher Intelligenz hätte meinen Unmut kapiert, erhört und die subjektiv so penetrante Anti-Werbung einfach ausgeblendet. So aber wurde mein legérer Anstoß zum Sündenfall. Zur Gotteslästerung. Verwarnung, temporäres Redeverbot, bei Wiederholung Exkommunikation und Ausstoß aus der Glaubensgemeinschaft. Marc Zuckerberg hat gesprochen. Ich war baff, zugegebenermassen.

Peter Glaser, der beste netzaffine Kolumnist des deutschsprachigen Raums, hat in diesem Kontext seine eigene Geschichte zu erzählen. Die kuriose Story vom “Schwanzhund” – einem Bild, das einen Hund zeigt, aber bei flüchtiger Betrachtung auch andere Assoziationen zulässt. Auch hier gab es eine Abmahnung, der ein Identitäts-Check voranging. “Facebook ist wie ein Bienenkorb“, sagt Glaser. „Wir alle produzieren viele kleine Zuckertröpfchen für den grossen Zuckerberg.“

Für die „Schwanzhund“-Zensur hat der Autor zwei mögliche Erklärungen: „Entweder hat irgendein Marokkaner, der unterbezahlt für Facebooks Anti-Porno-Brigade arbeitet, die Ironie nicht verstanden. Oder eine Maschine hat den Inhalt gefiltert.“ Beides bedeute, dass sich Facebook seine Schäfchen mit möglichst geringem Arbeitsaufwand vom Halse halten will. „Sie sollen brav miteinander spielen und den Reklamerand lesen, sonst fliegen sie raus. Das ist das Gegenteil von sozial.“ Word.

Freund Glaser hat noch einiges mehr zu sagen, man sollte es lesen. Und rückt der gute Mann eines Tages Ober-Kindergartenonkel Zuckerberg schärfer an den Kragen oder zieht mit guten Gründen ganz von dannen, bin ich der erste, der sich ihm anschliesst.

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