Posts Tagged ‘George Orwell’

Chinesische Verhältnisse

23. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (312) Chinas „Social Credit System“ ist eine Steilvorlage für heimische Rechtspolitiker und Repressions-Strategen.

Netz

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, dann steht dies sprichwörtlich für ein vollkommen nebensächliches, offensiv negierbares Faktum. Das Land gilt auch im 21. Jahrhundert immer noch als ferner, fremder politischer Exot. Absurderweise. Denn China ist uns näher, als wir glauben. Und es ist mehr als ein Sack Reis, der aktuell auf der Kippe steht. Schlagen Sie einmal – in Google oder sonstwo – das Stichwort „Social Credit System“ nach.

Viel werden Sie nicht finden. Und das ist ja das Erstaunliche an unserer angeblich so überinformierten Zeit und Gesellschaft: die wesentlichen Weichenstellungen gehen im Alltagsgetöse unter. Womit wir wieder in China gelandet wären. Nicht weniger als die „Schöpfung eines neuen Bürgers“ hat sich die dortige Nomenklatura (offiziell: die Kommunistische Partei) auf die Fahnen geschrieben. Bis 2020 soll jeder der 1,3 Milliarden Staatsbürger in einem elektronischen Raster erfasst sein, das sein Sozialverhalten aufzeichnet. Und bewertet. Per Punktesystem.

Im Visier hat man das Konsumverhalten jedes Indiviuums, die Finanzsituation, das Wohlverhalten z.B. im Strassenverkehr oder auch online. Ein falscher Kommentar im Internet – und schon hat man einen Schlechtpunkt eingetragen. Erinnert an graue Schulvorzeiten, nicht? Perspektivisch kommt einem passende Schullektüre in den Sinn: George Orwells „1984“. Kaum verwunderlich: das „Social Credit System“, an dem hochrangige Mitarbeiter aller Ministerien im Auftrag des Staatsrates seit dem Vorjahr intensiv herumstricken, soll die Stabilität der politischen Verhältnisse in China garantieren. Sprich: das Machtmonopol der Partei.

Schon heute zählt die chinesische Bevölkerung zu den bestüberwachten dieses Planeten. Politische Gängelung, Zensur und Internet-Blockaden sind Alltag. Die Forderung nach „Aufrichtigkeit“ und „Transparenz“, die offiziell als Leitlinie dem Big Data-Raster beigegeben wurde, mündet in der Praxis in Repression. „Es wimmelt an Hinweisen darauf, dass der Social Credit-Punktestand als Basis für eine Anstellung oder eine Beförderung verwendet wird“, so der Sinologe Rogier Creemers von der Universität Oxford. Er war und ist einer der wenigen, die auf die Implikationen der neuen Digital-Staatsdoktrin hinweisen. Was Wohlverhalten ist und was nicht, bestimmt das allwissende Ministerium: Willkommen in der Matrix!

Derlei sei in Österreich nicht denkbar, sagen Sie? Dann empfehle ich u.a. die Lektüre des Entwurfs zum neuen „Polizeilichen Staatsschutzgesetz“. China liegt doch nicht allzu fern.

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Freiheit ist Sklaverei

2. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (222) Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. War George Orwell eventuell auch einer? Und wie steht’s mit Armin Wolf?

1984

Drei Lesetipps hat Armin Wolf aus dem wohlverdienten Urlaub mitgebracht. Einer davon ein Klassiker: George Orwells „1984“. „Ein ganz großes Buch!“ teilte der ORF-Moderator seiner Twitter-Gemeinde mit. „Viel besser als in der Erinnerung aus der Schulzeit.“

Ich versuche, seine Worte zu interpretieren (auch weil ich die Bewunderung für Orwell teile): wir erfassen erst heute in seiner ganzen Tragweite, wie weitsichtig, scharfsinnig und zutreffend diese bedrückende Anti-Utopie war. Und was uns der britische Journalist, der eigentlich Eric Arthur Blair hieß, kurz nach dem zweiten Weltkrieg und knapp vor seinem Tod als zeitlose Botschaft mit auf den Weg gab.

Ich musste an Orwell denken, als ich dieser Tage im Netz den Auftritt des obersten Direktors des US-Geheimdienstes NSA, Keith Alexander, bei der „Blackhat“-Hacker-Konferenz in Las Vegas betrachtete. Alexander versuchte soetwas wie einen Image-Befreiungsschlag nach den Enthüllungen der letzten Tage und Wochen, die zuvorderst einem Mann zuzuschreiben sind: Edward Snowden. Einem Mann, der von den Vereinigten Staaten von Amerika wie ein Häuslratz gejagt wird und sich nun ausgerechnet in Russland verkriechen muß, während General Alexander in blütenweißer Uniform Lobreden auf das weltweite Überwachungsnetz hält. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

Okay, das war jetzt zynisch. Weil Orwell. Irgendein junger US-Bürger hat dem obersten PR-Agenten ja als Antwort auf dessen Vortrag nicht „1984“ vorgelesen, sondern nur ein verächtliches „Bullshit!“ hingeschleudert. Gibt es noch kein Gesetz (oder, eventuell wirksamer, Geheimgesetz), dass solch subversive Störenfriede umgehend nach Guantanamo verfrachtet?

Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich mich in Zeiten wie diesen kolumnentechnisch eher nicht hedonistischen HiFi-Novitäten oder innovativen Haarföns widmen möchte. Armin Wolf, ich und Sie, der sie sich so offensichtlich für diese Zeilen interessieren – wir alle sind längst „getagged“. Sprich: im Visier der Datensammler. Catchphrase: Orwell. Das muß nichts bedeuten. Aber Sie sollten wissen, dass wir erpressbar sind. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts wissen.

Sollte also, sagen wir mal, Herr Wolf eines Tages ORF-Direktor sein und die lange geplante, brisante Polit-Dokumentation zum Thema überraschend vom Sendeplan verschwinden – eventuell, um einer salbungsvollen Ansprache des US-Botschafters Platz zu machen –, dann erinnern Sie sich an das Gezwitscher aus längst vergangenen Tagen. So es nicht längst selektiv gelöscht wurde (wenn auch nicht vom Urheber).

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