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Das grosse Vergessen

31. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (264) War da etwas? Über das vorgebliche Menschenrecht auf Vergessenwerden.

Recht auf Vergessen

Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Menschen zunehmend an den Kragen rückt. Dem Individuum. So wie es unseren Regierungen mehr und mehr freisteht, Einblick in unsere Gedankenwelt, unser Seelenleben und in die tiefsten Geheimnisse unserer Existenz zu nehmen, so sehr leisten wir freiwillig und lustvoll Vorschub beim Datensammeln, Bewerten und Verknüpfen der Bruchstücke unseres Alltags.

Was man mit diesem Informationen alles anstellen könnte (und damit, den ungeschriebenen Gesetzen der Welt folgend, anstellen wird), verdrängen wir – so, wie wir den Hunger in dieser Welt verdrängen, die Gewalt, das Elend und unseren eigenen Tod. Was mag schon passieren, wenn man in den globalen Schaltzentralen der Macht weiss, mit wem der engste Berater des Bundeskanzlers dieses kleinen Landes heimlich schläft? Und wir alle es nicht wissen? Nämlich: dass andere es sehr wohl wissen. Und damit, pardon, den Kerl an den Eiern haben. Und eventuell sogar seinen Chef.

Natürlich ist das pure Fiktion. Vielfach schmerzt aber schon, was jede/r von uns schwarz auf weiß lesen kann. Die Nachricht, dass Google – einer der Konzerne, die dringend unter Verdacht stehen, diesen Planeten beherrschen zu wollen – nun durch die EU-Gesetzgebung gezwungen wurde, das “Recht auf Vergessen” (richtiger: das Recht auf Vergessenwerden) zu ermöglichen, müsste in diesem Kontext Hurra!-Rufe auslösen. Wer meint, unangenehme Tatsachen und Verweise zur eigenen Person in Hinkunft nicht mehr in der Monopol-Suchmaschine aufgelistet sehen zu wollen, darf ab sofort ein Formular ausfüllen. Und auf Gnade hoffen. Die Gnade der Verwischung der digitalen Spuren im Sand.

Tatsächlich ist es positiv, dass einmal klar festgestellt wurde, dass sich ein US-Unternehmen nicht europäischen Datenrichtlinien entziehen kann. Der Rest ist, gelinde gesagt, zweischneidig. Denn Gnade – das ist natürlich kein exakter juristischer Terminus – impliziert immer eine wohlwollende, gottgleiche Instanz. Und das ist zunächst einmal Google selbst. Heerscharen von Juristen könnten nötig sein, befürchten Experten, um zu prüfen, was nun tatsächlich im Sinne unserer Gesellschaft löschenswert ist. Und was nicht.

Die Pole heissen: Abhilfe vor Cyber-Mobbing einerseits, Zensur andererseits. Wenn es einmal menschlicher Macht überlassen bleibt, Verzeichnisse und Archive zu durchkämmen und bei Bedarf zu schönen (und damit gegebenenfalls die Geschichte neu zu schreiben), wird auch bald – jede Wette! – jeder Hinweis auf Edward Snowden fehlen. War das nicht so ein umstrittener britischer Society-Journalist? Wer all die Formulare für ihn ausgefüllt hat, wird man nie erfahren.

Das LinkedIn-Syndrom

10. Mai 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (210) LinkedIn, Xing, Google+ et al fordern ständige Aufmerksamkeit. Sollen wir sie ihnen gewähren?

LinkedIn-Button

Keine Ahnung, wer Sascha H. ist. Laut seinem Profil auf LinkedIn ist er Hutmacher/-Designer, Koch und Idealist. Aha. Und Single. Dass mir Herr H. dann sogar noch sein Geburtsdatum verrät, macht die Sache nicht klarer: ich kenne ihn nicht.

Er begehrt aber mein Freund zu werden. Oder vielleicht auch nur, etwas nüchterner formuliert, ein weiterer unter ein paar tausend potentiellen Kommunikationspartnern. Denn der gute Mann verortet sich selbst im weiten Bereich von „Public Relations and Communications“, und da ist es wohl selbstverständlich, dass man seine Werbebotschaften auch via Social Media unter die Leut’ bringt. Keine Ahnung, ob ich je eine persönliche Nachricht von ihm erhalten werde, wenn ich jetzt den Button „Accept Invitation“ drücke.

Aber will ich das wirklich? Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, seit wann und warum überhaupt ich auf LinkedIn – einem Netzwerk mit über 200 Millionen Mitgliedern weltweit – bin. Laut Wikipedia dient es „zur Pflege bestehender Geschäftskontakte und zum Knüpfen von neuen Verbindungen“. Wahrscheinlich wollte ich diese Plattform einfach einmal ausprobieren. So wie MySpace, Google+, Xing, last.fm, Flickr, Digg, Stayfriends und einige andere mehr.

Gut, Facebook und Twitter haben sich längst im Alltag eingenistet und sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar – manchmal ist man geneigt zu sagen: leider. Von Google+ habe ich das Passwort vergessen, die Motivation, es zu rekonstruieren oder ein neues zu erstellen, ist gering. Bei Xing, das ursprünglich einmal Open BC hieß und nun Burda („Bunte“) gehört, schau’ ich ab und zu rein – aber so richtig warm werde ich mit dem Netzwerk auch nicht. Den Rest nutze ich sowieso nur sporadisch.

Aber was tun mit all den Leuten, die leise anklopfen und ihre Standardsätze („Walter, good to see you on LinkedIn“ … „Ich möchte Sie zu meinem beruflichen Netzwerk hinzufügen“) absetzen? Zumal einige davon mich auch noch, äh, weiterempfehlen („…have endorsed you for the following skills and expertise…“). Oder mir Grüße, Nachrichten, Einladungen und/oder Drohbotschaften schicken und sich eventuell wundern, warum ich nicht antworte.

Es steckt keine Absicht dahinter. Noch nicht mal eine böse. Die schlichte Wahrheit ist: es gibt mittlerweile so viele Kommunikations-Kanäle, -Möglichkeiten und -Plattformen, dass man einfach den Überblick verliert. Und die Lust. Von der notwendigen Zeit erst gar nicht zu reden.

Wer wirklich meine Aufmerksamkeit erhaschen will, schicke mir einen Brief.

Smart, aber tot

28. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (208) Televisionen? “Fernsehen” wird, sorry ORF, RTL, ATV & Co., bald ganz anders aussehen.

Störbild

„Fernsehen stirbt nicht!“ – so plakativ und beschwörend lautete anno 2013 das Resümee einer Veranstaltung in Hamburg, die jährlich unter dem Titel „newTV Kongress“ abgehalten wird. Diese Expertentagung findet, wie die Homepage verkündet, „vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung des Bewegtbilds statt“ und präsentiert „spannende Praxisbeispiele des Zusammenwachsens von Technologie und Content.“

Aber ist es wirklich ein Zusammenwachsen? Zumindest kein friedliches. Der „Reality Check“ der Branchen-Auguren fiel nicht gerade unkritisch aus. So verkündete etwa Sean Besser, der Executive Vice President of Business Development, Partnerships and Strategy – die skurrile Titelsucht der Amerikaner greift längst auch im europäischen Raum – des „Social TV“-Unternehmens GetGlue, dass interaktives Fernsehen doch tot ist. Oder zumindest scheintot. „Nobody uses Smart TVs“ lautete Bessers Leitsatz. Noch besser: der RTL-Experte Marc Schröder schloß sich ihm an. Er bezeichnete die angebliche TV-Generation von morgen als „Schläfer“ und meinte, diesem angebotsgetriebenen Markt fehlten einfach die Produkte.

Tech-Blogs wie neuerdings.com unken: „Das Internet auf dem Fernseher steht schon ungefähr so lange “kurz vor dem Durchbruch” wie der sagenumwobene Internet-Kühlschrank, der abgelaufene Lebensmittel selbst nachbestellt. Und wahrscheinlich wird beide Ansätze dasselbe Schicksal ereilen: Sie werden nie mehr ihren Durchbruch erleben.“ Punkt. Kein noch so hochgezüchteter Flachbildschirm hätte gegen ein aktuelles Tablet oder Smartphone eine Chance. Aber ist nicht „Smart TV“ dennoch das, was uns Fernseher-Fabrikanten, Elektrofachhandel, TV-Sender und Medien-Gurus ungebrochen als „next big thing“ einreden?

Bezeichnend: während etwa im ORF intern über „Second Screen“-Experimente wie spezielle Apps zu Sportereignissen oder zur kommenden Nationalratswahl gestritten wird, überholen neue, reichlich bekannte und (bislang) auch unbekannte Player aus dem Web-Universum mit Karacho die alten Fernseh-Hausmarken. Netflix z.B., ein in den USA beheimateter On Demand-Anbieter, produziert längst eigene Serien (etwa den Beuschelreisser „Hemlock Grove“ oder das 76 Millionen Dollar teure Polit-Drama „House of Cards“), die vorrangig im Netz abgespult werden. Auf Wunsch und gegen Bezahlung ohne Werbung und in einem Rutsch. Mit Verspätung folgen irgendwann Abo-TV-Stationen und die üblichen Verdächtigen.

Wenn aber jene Sitten einreissen, die derzeit unter Serien-Junkies gang und gäbe sind – alle meine Bekannten haben längst „Game of Thrones“, „Homeland“ und all die anderen US-Hits irgendwo runtergeladen und gesehen –, kommt einerseits bei Teilen des Publikums in Zukunft nur mehr das große Gähnen auf, andererseits brechen den Linear-TV-Platzhirschen dank des Verlusts des „Endgeräte“-Monopols – dem Seher ist der Übertragungsweg schlichtweg schnurz, sofern das Angebot stimmt – die Finanzierungssäulen weg wie nix. Und dabei haben Apple, Google, Yahoo, Amazon & Co. noch gar nicht richtig die Einschalttaste gedrückt.

Das Hansi Hinterseer-Dossier

1. Oktober 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (129) Langsam spricht es sich herum, dass der “gläserne Mensch” längst Realität ist.

Legen Sie es mir bitte nicht als Egozentrik aus. Ich wäre ja höchst interessiert daran, zu erfahren, welche Daten über mich an welchen Orten abgespeichert sind. Einerseits natürlich jene, die ich, Stichwort Facebook, freiwillig preisgebe. Oder auch unfreiwillig, dann aber unbedarft & unbedacht. Andererseits jene Gigabyte an Informationen, die Geschäftspartner, Info-Broker, Parteizentralen, TeleKoms, Dienstleister und Warenhäuser, Social Media-Plattformen, Provider, Banken, Behörden und sonstige Pappenheimer gesammelt haben. Und weiter unermüdlich sammeln.

Gelegentlich stösst man da ja auf denkwürdige Einträge. Wie mag sich etwa die ehemalige ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer gefühlt haben, als sie ihren Namen auf der „Extremismusliste“ des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung entdeckte? Oder die singende Ski-Legende Hansi Hinterseer, als Zeitungen in fetten Lettern auf der Titelseite verkündeten, Hinterseers Krankenakte wäre „geknackt“?

Offensichtlich bedarf es ja solch stupender Exempel, um das spröde Thema Datenschutz und dessen Status Quo zu illustrieren. Und einer breiteren Bevölkerungsschicht nahezubringen. In Zeiten, wo – die Metaphorik wird bisweilen von der Realität überholt – die Unfallfotos und Röntgenbilder von Versicherungsnehmern, Kontodaten von ORF-Gebührenzahlern, Privatadressen von Polizisten (die wiederum, sofern sie nicht mit dem Aufrufen von Porno-Seiten beschäftigt sind, ungeniert auf die Datenprofile unbescholtener Staatsbürger zugreifen können) und jede Menge sonstiger sensibler Informationen mehr oder minder offen zugänglich sind, dämmert es allmählich auch den naivsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, dass hier einiges im Argen liegt. Selbst Verfechtern der „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“-Idiot-, pardon, -Ideologie.

Zu strukturellem Schindluder gesellt sich individueller. Wer z.B. gestern noch Innenminister war und sich heute vor Korruptions-Ausschüssen wiederfindet, legt zwar eventuell – weil eh schon wurscht! – auf „Reputationsmanagement“ keinen gesteigerten Wert mehr, muss sich aber mit der Tatsache herumschlagen, dass auch die Enkelkinder via Google-Sündregister oder Facebook-Timeline bis in alle Ewigkeit mit den eigenen Verfehlungen konfrontiert sind. Und den daran klebenden Unschuldsvermutungen. Personensuchmaschinen wie „Yasni“ oder „123 People“ greifen zudem zwar auch „nur“ auf öffentlich zugängliche Datensätze zurück, verdichten sie aber zu regelrechten Dossiers.

Und, hallelujah!, was wissen dann erst Anonymous, WikiLeaks, Mark Zuckerberg, Maria Fekter, Google, Amazon, die CIA, die Chinesen, die Nordkoreaner, das Verkehrs-, das Finanz- und das Salzamt? Oder der eigene Chef, der zu gern die e-mails mitliest – und längst weiß, was ich hier über ihn schreibe?

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