Posts Tagged ‘Internet der Dinge’

Ungeheuer Maschinensteuer?

12. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (363) Eine “Maschinensteuer” brauchen wir nicht, tönt es aus konservativen Industrie- und Politik-Bastionen. Und was, wenn doch?

Kassomat

Der Job einer Supermarkt-Kassierin ist sprichwörtlich: mühsam, oft stupide, unterprivilegiert, schlecht bezahlt. Aber es ist ein Job. Und die Damen – ich sehe kaum Männer an den Kassen – meines Stamm-Einkaufszentrums in Wien-Favoriten machen ihn gut. So gut, dass Kunden nicht selten ein Lächeln über die Lippen kommt. Ein flotter Gruß. Und das eine oder andere Wort der Anerkennung für die routinierte, gelassene, zügige Abwicklung der Konsumentenschlange vor der Bezahlschranke. Hart erarbeiteter Respekt.

Nun hat die Geschäftsleitung der Supermarkt-Kette beschlossen, Selbstabwicklungskassen zu installieren. Versuchsweise zunächst. Zusätzlich zu den personalisierten Kassen gibt es jetzt Automaten („Kassomat“), die es ermöglichen, seinen Einkauf selbst abzurechnen. Es klappt nicht auf Anhieb (und oft, ähnlich wie bei den Ticketautomaten am Flughafen, nur unter absurden Widerspenstigkeiten) – aber es ist wohl die Zukunft.

Noch flüchten sich die humanoiden Kassen-Profis in die Perspektive, dass Maschinen fehleranfällig sind, der Erklärung bedürfen und überwacht werden müssen. Aber es liegt die Ahnung eines Umbruchs in der Luft. Die netten Damen mit den flinken Fingern werden ihren Job verlieren. Die Supermarkt-Kette wird vice versa mehr Profit machen. Solange es noch Supermärkte, wie wir sie heute kennen, gibt.

Ich mag das Wort „Maschinensteuer“ nicht. Es ist kalt, es ist technokratisch, es verheisst – und, ja, ich bin selbst Unternehmer – nur eine drückende Steuer mehr. Aber wir werden als Gesellschaft nicht umhin kommen, über das Thema „Arbeit im 21. Jahrhundert“ zu reden. Und die bereits heute deutlich merkbaren Faktoren, die unsere Vorstellung davon und die gelebte Praxis des Arbeitsmarkts auf den Kopf stellen. Das Automatenkassen-Exempel ist in diesem Kontext fast banal, aber plakativ. Disruptive Technologien und Entwicklungen nennen es Experten, eine neue industrielle Revolution (Kennziffer 4.0), das „Internet der Dinge“, das auch vor unserem Büro nicht halt macht. Vor dem Fabrik-Fließband. Und erst recht vor der Computerkasse.

Weltumspannende Konzerne, die mehr und mehr unseren – zunehmend digitalen – Alltag bestimmen, gerieren sich als Garanten des Fortschritts und omnipotenter Glücksverheissungen. Der Staat als jahrtausendealte Institution der menschlichen Selbstorganisation hat da vergleichsweise graues Haar am müden Kopf, die Politik sieht dito alt und verbraucht aus. Und oft, Stichworte: Arbeits- und Finanzmarkt, Migration, Bildung, Umwelt – unendlich ratlos. Man könnte darob ins Philosophieren kommen, Aufsätze schreiben, ganze Bücher.

Als Nebenerwerbs-Kolumnist, der nicht automatisch der Depression zuneigt, stelle ich nur eine einzige Frage: werden uns die retten, die – wie Politikroboter – reflexhaft Zeter und Mordio schreien, wenn die Idee einer „Wertschöpfungsabgabe“ (das ist ein viel schöneres und trefflicheres Wort als „Maschinensteuer“, es gibt auch noch andere) auch nur andiskutiert wird?

Der Untergang des Morgenlandes in Anekdoten

31. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (346) Das “Internet der Dinge” verspricht eine smarte neue Welt. Aber ist da noch Platz für uns Menschen?

IOT Illustration

Einen Teil des Zeilenhonorars für diese Kolumne muss ich wohl an einen Kollegen abtreten, den „profil“-Wirtschaftskapazunder Michael Nikbash. Aber ein Facebook-Posting macht persönliche Erlebnisse nun einmal zu einer öffentlichen Angelegenheit – und einer seiner Einträge neulich war zu kurzweilig und, ja, zu denkwürdig, um nicht nochmals geteilt zu werden.

Er ging so: „Weihnachten bringt Technologievorsprung. Und so stehe ich im Badezimmer und verbinde mein Smartphone ungläubig mit meiner neuen Bluetooth-Zahnbürste (welch Wortwitz!). „Sie sind jetzt mit ihrer Zahnbürste verbunden“, bedroht mich das Telefon. Google will meine Zahnputzstatistik, die Oral-B-App auf meinen Kalender zugreifen. Ich lösche die App und greife zu einem wohltuenden Buch. Torbergs „Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.“

Diese Meta-Anekdote als Screenshot im „Maschinenraum“-Ordner auf der Festplatte abzulegen, war ein rasch gefasster Entschluss – unter einem Stichwort, das der legendären Friedrich Torberg-Schöpfung Tante Jolesch freilich unverständlich gewesen wäre: „LOL“. Ein neumodernes Synonym für „Laugh Out Loud“, also wieherndes Gelächter.

Aber, unter uns, das Lachen verging mir rasch. Spätestens bei der Lektüre des 656 Seiten dicken Pamphlets „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov („Einer der brillantesten Internet-Theoretiker unserer Zeit“, so „Die Zeit“), erschienen im Blessing Verlag. Denn hier wird uns Fortschrittsgläubigen eine Predigt gehalten, die sich gewaschen hat. Die digitale Revolution lässt ja die Spezies Mensch zunehmend ineffizient, unberechenbar und ungenügend erscheinen – kurzum: suboptimal. Und irgendwie von gestern.

Die Lösung für dieses vermeintliche Problem heisst mehr Technik – mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Kontrolle. Diese Ideologie, so Morozov, sei verhängnisvoll. Nur eine kluge, vorausschauende Vermählung des analogen Daseins mit dem allesverschlingenden digitalen Universum würden die Eckpfeiler unserer Existenz absichern: Empathie, Kreativität, Demokratie und Selbstbestimmung. Und, nein, Evgeny Morozov (der in der „FAZ“ auch eine unregelmässige Kolumne schreibt) ist kein blindwütiger Maschinenstürmer.

Man kann über das „Internet der Dinge“ – ein so harmlos klingender wie vager PR-Begriff, der die kühle Welt der Algorithmen mit dem Alltagsleben verzahnt wie eine Bluetooth-Zahnbürste – gleichermassen lächeln wie über die Naivität eines Großteils des österreichischen Politikpersonals. Schlauer wäre es, den Untergang des Morgenlandes zu thematisieren.

Lauf, Hase, lauf!

15. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (299). Der Feind in meinem Bett ist ein Armband – mit künstlicher (Non-)Intelligenz.

Quantied Self

„Das Internet der Dinge“ – eine vielbeschworene IT-Vision – kann mir gestohlen bleiben, wenn die Dinge dumm wie Knäckebrot sind. Diese Erkenntnis trifft einen immer wieder mal, wenn man meint, den banalen Alltag technisch hochrüsten zu müssen. Und es dann rasch richtig kompliziert wird.

Jedenfalls stellt sich ein Test von Activity- und Fitness-Trackern ab dem Moment des Auspackens der schnuckeligen Geräte als der Seelenruhe wenig zuträglich heraus. Das ewige Herunterladen zusätzlicher Software und notwendiger Updates, das hakelige Pairing von Bluetooth-Minisendern und das Herauskitzeln von Informations-Bits & -Bytes und Gebrauchsanleitungen aus den Tiefen des Internet verleidet einem rasch den Spass an der Freud’.

Aber als High Tech-Fitness-Junkie muss man da wohl durch. Anyway: zwei Gadgets von Sony und Runtastic wurden rasch wieder beiseite gelegt (weil inkompatibel mit dem weltweit gebräuchlichsten Smartphone oder wegen aufreizend absurder Fehlmessungen), zwei weitere – ein Fitbit One und ein Medisana ViFit – laufen seit Anfang des Jahres auf Hochtouren. Bildlich gesprochen.

Der Trend zur „Quantied Self“-Existenz ist mächtig im Kommen, hört und liest man allerorten. Aber will man das wirklich – permanente Informationen über den Pulsschlag, die zurückgelegten Wegstrecken, den Kalorienverbrauch, die Schlafintensität, die hochgelaufenen Stiegen, den Blutdruck, den Körperfettanteil, die Sex-Häufigkeit etc. usw. usf.? Eine reichlich intime Angelegenheit – man nimmt ja die Tracking-Armbänder und ihre bohnengrossen Sensoren sogar mit ins Bett. Was aber manche Zeitgenossen keineswegs daran hindert, die höchst persönlichen Messdaten mit der gesamten Menschheit (oder zumindest ihrem Facebook-Freundeskreis) zu teilen. Sehet, ich bin heute reichlich unausgeschlafen! Kommt mir nicht in die Quere, mein Blutdruck hat etwas dagegen! Mein Body Mass Index ist unter aller Sau!

Nun ja: wer’s mag. Und braucht… Bei Hochleistungssportlern mag das ja nachvollziehbar sein. Es wird aber kommen, was kommen muss in einer absurd selbstverliebten, leistungshörigen, technikgetriebenen Welt: ein allgemeiner Wettbewerb in Sachen Fitness. Letztlich: Gesundheit. Ich warte auf den Moment, wo mir die Sozialversicherung einen Kostenabschlag anbietet, wenn ich ihr freiwillig und regelmässig meine „Lifelogging“-Daten weiterleite. Oder die Wearables und Apps ungefragt selbst beginnen, mit dem Arzt, Trainer, Chef oder Partner zu kommunizieren. Und der Freund und Fetisch zum Blockwart im selbst erbauten Fitness-Tempel wird.

Möglicherweise wird man dann zwangsneurotische Selbstvermessung als eher ungesunde Entwicklungsperspektive der Spezies Mensch quantifizieren.

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