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Antennen-Los

13. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (315) Wie man laut dröhnend seinen Hörern den Unterschied zwischen Web- und Digitalradio verschweigt.

Ghettoblaster

„Wir sind die meisten Digitalradios!“, dieser Werbespruch des heimischen Privatradioanbieters KroneHit, ist nicht unumstritten. Aber das ist man ja von der Branche gewohnt. Wo einem die „besten Hits der 80er, 90er und von heute“ versprochen werden, geht meist nur die übliche Formatradio-Tristesse on air, „der schnellste Verkehrsservice Österreichs“ ist genauso flott und akkurat (oder auch das Gegenteil davon) wie die Konkurrenz. Und auch honorige Auszeichnungen, wie sie unlängst beim neu gestifteten Radiopreis vergeben wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Superlativ die Normgrösse der Marketingabteilung ist. Und zwar aller Marketingabteilungen.

Was also ist so mißverständlich an der Behauptung von KroneHit? Immerhin bietet der Sender – zusätzlich zu seiner UKW-Frequenz – gleich 18 Internet-Streams an, von „Vollgas“ bis „Balkan“ (die so die jeweiligen Zielgruppen gleich volley ins Visier nehmen). Radio im engeren Sinn ist das nur bedingt, eher schon eine billige, computergenerierte Musiksoße auf Endlosschleife. Wem’s gefällt… Natürlich trachtet der strikt kommerzielle Rundfunkanbieter mit diesem Schmäh, möglichst viele Hörer/innen bei der Stange zu halten und bei den halbjährlichen Radiotests zur Nennung des richtigen Sendernamens zu bewegen. Nur so bleibt der Anteil am Werbekuchen üppig genug, um unbesorgt in die Zukunft zu marschieren.

Was ja real nicht passiert. Im Gegenteil. Denn terrestrisches (!) Digitalradio macht KroneHit nicht, sondern Internet-Radio. Ersteres können Sie seit ein paar Tagen im Großraum Wien empfangen, wenn Sie ein Gerät daheim oder im Auto haben, das den Standard DAB+ beherrscht. Feldversuch, Baby! Da aber sind KroneHit und andere wesentliche Player der Privatradio-Szene nicht dabei. Und, hoppla!, auch der ORF glänzt durch Abwesenheit. Dafür gibt’s – neben etablierten Marken wie NRJ, Arabella oder lounge.fm – plötzlich den Autofahrerclub ARBÖ live on air. Und einige obskure Nischenfüller mehr.

Technisch ist das ja alles kein Mirakulum, praktisch scheuen Ö3 & Co. eine digitale Angebotserweiterung. Der Grund dahinter: die schlagartige Neuordnung des Marktes beim Umstieg von analogem UKW-Radio auf den gültigen terrestrischen Digitalstandard DAB+ (von der Behörde für 2018 in Aussicht gestellt).

Also kratzt man alles an müden Argumenten und Ausreden zusammen, um sich ja nicht zu früh auch nur einen Millimeter bewegen zu müssen. Der Ton macht die Begleitmusik: der gern verwendete Fingerzeig, Millionen UKW-Empfänger würden im Fall des Falles schlagartig Elektroschrott, ist zwar einigermassen stichhaltig – aber seltsamerweise hat das beim Analog/Digital-Umstieg der Fernsehsender auch niemanden gekratzt.

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Museumsstücke

9. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (189) Hat ausgerechnet die analoge Ultrakurzwelle eine langfristige Zukunftsperspektive?

Tivoli DAB+ Radio

Jeder hat so sein Hobby. Mein Hobby ist es – es ist nur eines unter vielen, fragen Sie meine leidgeplagte Freundin –, Radioapparate zu sammeln. Empfangsgeräte aller Art. Alte, neue, große, kleine – egal: ich mag sie einfach. Je ausgefallener, desto lieber. Natürlich hat die Sammelwut seine Grenzen. Ein Museum kann und will ich nicht einrichten. Und speziell konventionelle UKW-Radios, wie sie in fast allen Haushalten Österreichs stehen, werden bald wertlose Museumsstücke sein. Millionenfach. Oder auch nicht. Dazu kommen wir noch.

Die unentschiedene Prognose hat mit einer Lücke zu tun (einer bei näherer Betrachtung wahrlich wunderlichen Lücke), die die fortschrittsgläubigen Gerätehersteller, Radiobetreiber und Zulassungsbehörden, die die flächendeckende Digitalisierung der Medienwelt verantworten, bislang ausgerechnet dem alten Dampfradio zugestanden haben. Hier regiert noch analoges Denken. Und analoge Technik, weitestgehend.

Die Geschäfte, die man im Hörfunk-Business – der eng begrenzten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen wegen relativ ungestört – betreiben konnte und kann, sind allerdings auch nicht mehr so proper und fett wie in den güldenen Zeiten des vorigen Jahrhunderts. Radio ist zwar ungebrochen ein wunderbar unkomplizierter Tagesbegleiter und höchst beliebtes Medium, aber die Werbebudgets wandern nicht gerade selten in zielgenauere Flächen und Nischen im World Wide Web ab. Nun, auch hier gibt es Stationen, Heulbojen und rundfunkähnliche Angebote sonder Zahl. Erst neulich eröffnete mir ein Bekannter, er werde jetzt ein Internet-Radio aufmachen, dass sich auf skurrile Austropop-Raritäten spezialisiert. Ziwui ziwui! Jeder hat so sein Hobby.

Bislang scheint es aber keinen Bedarf an Digitalradio im engeren Sinne – also terrestrisch verbreitet – zu geben. Das ergab jedenfalls eine Ausschreibung der Behörde, die (noch) nicht genug Interessenten und potentielle Anbieter von Spartenkanälen erbrachte. Ein Verein, in der der Fachverband der heimischen Elektro- und Elektronik-Industrie eine Rolle spielt, will das bald ändern.

Das mag zwar die UKW-Platzhirsche, Radio-Nostalgiker und Mainstream-Dudler nicht freuen. Aber mehr und mehr Konsumenten fragen sich, was es denn bedeutet, wenn ein Sticker auf einem neuen Gerät verkündet, ihr Radio wäre DAB+-tauglich. Und ob man das nicht mal in der Praxis ausprobieren kann…

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