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Wechselkurs

19. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (401) Schon mal von Bitcoin und Blockchain gehört? Nein? Wird dann aber mal höchste Zeit.

Neue Währung

„Ich könnte mir ein künftiges Jahrtausend denken, das unser Zeitalter der Technik anstaunte, wie wir die Antike bewundern, und Maschinen ausgrübe wie wir Statuen.“

Das aufreizende Zitat stammt von Christian Morgenstern. Aber es enthält einen Irrtum, den der 1914 verstorbene, höchst fantasievolle Literat nicht antizipieren konnte: mit massigen, mechanischen Gerätschaften klassischer Bauart – symbolhaft: Dampfmaschinen – haben Technologien des 21. Jahrhunderts selten etwas gemein. Das Internet etwa. Ist es eine Meta-Maschine? Nur die Summe unzähliger miteinander vernetzter Computer? Oder etwas, das unsere Begrifflichkeit längst übersteigt?

Darüber mögen sich Philosophen den Kopf zerbrechen. Ich bin gerade damit beschäftigt, den Internet-Phänomenen Bitcoin und Blockchain auf den Grund zu gehen. Soviel weiß ich bereits: sie haben zwingend miteinander zu tun. Die (Krypto-)Währung – oder ist es eher ein Zahlungssystem? – Bitcoin ist ja für netzaffine Auskenner längst ein Faszinosum.

Man liest immer wieder von Menschen, die Bitcoins wie Gold „schürfen“, von einem radikalen Umbruch unseres Finanzsystems, von Rekordhochs und dann wieder dramatischen Abstürzen des Bitcoin-Wechselkurses in „reale“ Währungen. Wenn diese Erfindung aktuell besser performt als jede Aktie auf diesem Planeten, werden jedenfalls nicht nur Computer-Nerds hellhörig, sondern auch Börsenmakler.

Soviel in Kürze (der FM4-Journalist Christoph Weiss hat es mir konzentriert nahegebracht): Bitcoin ist schlichtweg ein Internet-Protokoll. Wie TCP/IP, HTTP oder POP/SMTP löst es ein spezifisches Problem. Im Fall des Bitcoin-Protokolls ein Problem, das vor 2008 als unlösbar galt: die Übertragung von Wert direkt zwischen Netz-Usern. Ohne dritte Partei. Abgesichert wird es durch die Blockchain – quasi eine dezentrale Datenbank in einem mittels Kryptographie und „Proof of Work“ inhärent abgesicherten Peer-to-Peer-Netzwerk.

Das klingt reichlich kompliziert, läuft aber auf eines hinaus: jede Aktion (und damit auch jede Transaktion) ist völlig transparent, automatisch und zeitgleich auf zigtausenden Rechnern rund um den Globus gespeichert. Jede Änderung dito. Vertrauen, strikt mathematisch definiert. „Bitcoin ist nicht digitales Gold oder Geld fürs Internet“, weiß Weiss. „Bitcoin ist das Internet. Das ist der Grund, warum es die Welt verändern wird.“

Nun: neulich hörte ich einen langen Vortrag, warum es zumindest die Musikindustrie auf den Kopf stellen könnte. Die ist mir aber zunehmend wurscht. Nicht egal ist mir die Zukunft per se. Insofern bin ich für solche Ezzes doch recht dankbar.

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Lest Lem!

25. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (391) Die Liebe zu Science Fiction-Lektüre kann durchaus den Realitätssinn schärfen.

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„I hadn’t known there were so many idiots in the world until I started using the internet.“

Jener Mann, der dies – in aller gebotenen Arroganz – sagte, war einer der vielleicht letzten Universalgebildeten dieses Planeten: der polnische Autor Stanislaw Lem. Dass er vorrangig Science Fiction schrieb – eine Genre, das im deutschsprachigen Raum weithin als Trivialliteratur gilt – spricht eher für als gegen den Urheber. Lem selbst hat immer wieder betont, wie herrlich es sei, humanistische, politische und philiosophische Überlegungen unter diesem Chiffre – gleich einem Trojanischen Pferd – an der (damals noch kommunistischen) Zensur vorbeischmuggeln zu können.

Dabei ist Science Fiction, wirft man einen detailscharfen Blick auf den technischen und gesellschaftlichen Status Quo der Menschheit, eine vielfach realitätsnähere Beschreibung der Wirklichkeit als jede andere Form von Gegenwartsliteratur. „Good books tell the truth, even when they’re about things that never have been and never will be. They’re truthful in a different way.“ Auch ein Lem-Zitat.

Apropos Internet: da der visionäre Denker – mit dem ich einige ausführliche Interviews zu führen das Privileg hatte – schon vor zehn Jahren verstorben ist, kannte er Facebook noch gar nicht. Oder nur in frühesten Ansätzen. Es wäre interessant gewesen, seine Meinung dazu zu hören. Und die künftige Entwicklung von Social Media zu antizipieren. Facebook hat sich – zur Überraschung vieler Experten, auch meiner – in einer Rasanz zum disruptiven Metamedien-Monster entwickelt, die nicht nur Medienmanager und Wertpapier-Broker beschäftigt, sondern auch Psychologen, Juristen, Politiker und Kommunikationswissenschaftler. Mit der üblichen Ambivalenz in der Betrachtung.

Zur Zeit scheinen sich jene Kräfte durchzusetzen, die diese Maschinerie (die sich selbst immer ganz unschuldig als freiwillig nutzbares, kommerzielles Entertainment-Angebot geriert, keinesfalls als Spähplattform, Hass-Schleuder und Manipulationsvehikel) an die Kandare nehmen wollen – sei es, durch gesetzliche Auflagen oder staatliche Aufsicht. Andererseits sollte man ihre Antagonisten nicht unterschätzen, die sich „im Namen des Fortschritts“ und nicht selten unterspickt mit Lobbying-Investitionen der Silicon Valley-Denkfabriken – konsequente Neoliberalität auf die Fahnen geschrieben haben.

Wir werden ja sehen, wie’s kommt. Die Zukunft ist – selbst als Abenteuerspielplatz für Utopisten – rascher Gegenwart, ja Vergangenheit, als vielen lieb sein mag. Die potentiellen Facebook-Nachfolger scharren schon in den Startlöchern (mehr dazu demnächst in diesem Theater). Für das Jahr 2017 hab’ ich mir nur zwei Dinge vorgenommen: 1.) Ja nicht groß rumtönen, man verlasse Zuckerbergs virtuelle Gummizelle (demonstrativ!), wenn man dann doch picken bleibt. Und 2.) wieder mehr Stanislaw Lem lesen.

Im Bett mit Sargnagel

1. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (366) Mehr Gefühl, Spaß und Kurzweil, weniger Fakten und Wirklichkeit: Willkommen in der Echokammer des eigenen Ichs!

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Ob Stefanie Sargnagel beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt nun den einen oder den anderen Preis gewinnt: egal. Irgendeinen Pokal wird sie abräumen. Sicher.

Und womit? Mit Recht. Als Hohepriesterin hellwacher Wurschtigkeit erzählt sie uns mehr über uns und unsere Zeit, als uns vielfach lieb ist. Jedenfalls mehr, zynischer und zielsicherer als der anämische Literaturregelbetrieb. Und das, ohne gravitätische 700-Seiten -Wälzer zu verfassen. Ob da oder dort ein Beistrich fehlt oder der sog. gute Geschmack verletzt wird, ist zweitrangig, Verstörung dagegen unabdingbar. Sargnagel (eigentlich: Sprengnagel) macht ihrem Namen alle Ehre – und sie ist wie beiläufig zur Stimme ihrer Generation herangereift. Respekt!

Die Autorin, die gern „einfach nur im Bett liegt“ und dabei Bewunderung und Hass wie ein Elektromagnet anzieht, erzählt uns gelegentlich auch etwas über Technik. Und ihre Beziehung zu Technik. Online. „Erst wollt ich kein Internet daheim, weil es ein Zeitfresser ist“, gab sie dem „Standard“ zu Protokoll. „Deshalb hatte ich den Fernseher, weil ganz ohne Berieselung ist es auch blöd in der Wohnung. Im Internet hat man nur die Informationen, die man sich selbst sucht, im Fernsehen kommt halt immer irgendwas.“ Eine Tierdoku etwa. Über Löwen. Wer käme auf die Idee, einfach so im Internet nach Löwen und ihrer Lebenswelt Ausschau zu halten?

So banal diese Erkenntnis auch scheinen mag: sie ist hoch brisant. Denn „das Internet“, das sind anno 2016 zuvorderst soziale Medien wie Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram, YouTube, LinkedIn, Tinder und und und. Gewiss auch Suchmaschinen, für viele die einzigen Wegweiser im digitalen Labyrinth. Wie finde ich sonst überhaupt Frl. Sargnagel? Klagenfurt? Einen Freund bzw. eine Freundin? Mehr Löwenstories und Katzenbilder? Das Fernsehprogramm? Von der realen Welt ganz zu schweigen. Existiert die überhaupt noch?

Apropos: warum muss man eigentlich vom Bett oder Sofa aufstehen und z.B. wählen gehen (und das zum wiederholten Male) – liesse sich das nicht auch per Like erledigen? Daumen rauf, Daumen runter? Emoji nach Belieben hintnach. Wie’s ausgegangen ist, werden mir dann schon Freunde mitteilen. Oder so. Althergebrachte Medien braucht’s dafür nicht, die stehen sowieso unter „Lügenpresse“-Verdacht.

Okay, das war eine sehr zugespitzte Zusammenfassung des Status Quo in Sachen Social Media. Wenn aber, wie diese Woche, eine Meldung die Runde macht, Facebook (Werbeslogan: „Mehr von dem, was Dir gefällt“) werde demnächst an seinen Algorithmen schrauben und Hard News zugunsten Wortmeldungen von Freunden und Bekannten zurücknehmen, ahnt man, in welche Richtung es geht.

Willkommen in der wohlig temperierten Filterblase! Gegenstimmen? Ausgeblendet. Rüpelhaftigkeit, Hysterie, Abstinenz, Sexismus, Verschwörungstheorien, Gewaltphantasien? Anderswo. Da können noch so viele den Finger erheben. Oder in den Holzmedien rumgeistern. Noli me tangere.

Gut, wenn man dann mindestens noch eine Sargnagel in der Echokammer rumplärren hört.

Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.

Der Untergang des Morgenlandes in Anekdoten

31. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (346) Das “Internet der Dinge” verspricht eine smarte neue Welt. Aber ist da noch Platz für uns Menschen?

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Einen Teil des Zeilenhonorars für diese Kolumne muss ich wohl an einen Kollegen abtreten, den „profil“-Wirtschaftskapazunder Michael Nikbash. Aber ein Facebook-Posting macht persönliche Erlebnisse nun einmal zu einer öffentlichen Angelegenheit – und einer seiner Einträge neulich war zu kurzweilig und, ja, zu denkwürdig, um nicht nochmals geteilt zu werden.

Er ging so: „Weihnachten bringt Technologievorsprung. Und so stehe ich im Badezimmer und verbinde mein Smartphone ungläubig mit meiner neuen Bluetooth-Zahnbürste (welch Wortwitz!). „Sie sind jetzt mit ihrer Zahnbürste verbunden“, bedroht mich das Telefon. Google will meine Zahnputzstatistik, die Oral-B-App auf meinen Kalender zugreifen. Ich lösche die App und greife zu einem wohltuenden Buch. Torbergs „Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.“

Diese Meta-Anekdote als Screenshot im „Maschinenraum“-Ordner auf der Festplatte abzulegen, war ein rasch gefasster Entschluss – unter einem Stichwort, das der legendären Friedrich Torberg-Schöpfung Tante Jolesch freilich unverständlich gewesen wäre: „LOL“. Ein neumodernes Synonym für „Laugh Out Loud“, also wieherndes Gelächter.

Aber, unter uns, das Lachen verging mir rasch. Spätestens bei der Lektüre des 656 Seiten dicken Pamphlets „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov („Einer der brillantesten Internet-Theoretiker unserer Zeit“, so „Die Zeit“), erschienen im Blessing Verlag. Denn hier wird uns Fortschrittsgläubigen eine Predigt gehalten, die sich gewaschen hat. Die digitale Revolution lässt ja die Spezies Mensch zunehmend ineffizient, unberechenbar und ungenügend erscheinen – kurzum: suboptimal. Und irgendwie von gestern.

Die Lösung für dieses vermeintliche Problem heisst mehr Technik – mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Kontrolle. Diese Ideologie, so Morozov, sei verhängnisvoll. Nur eine kluge, vorausschauende Vermählung des analogen Daseins mit dem allesverschlingenden digitalen Universum würden die Eckpfeiler unserer Existenz absichern: Empathie, Kreativität, Demokratie und Selbstbestimmung. Und, nein, Evgeny Morozov (der in der „FAZ“ auch eine unregelmässige Kolumne schreibt) ist kein blindwütiger Maschinenstürmer.

Man kann über das „Internet der Dinge“ – ein so harmlos klingender wie vager PR-Begriff, der die kühle Welt der Algorithmen mit dem Alltagsleben verzahnt wie eine Bluetooth-Zahnbürste – gleichermassen lächeln wie über die Naivität eines Großteils des österreichischen Politikpersonals. Schlauer wäre es, den Untergang des Morgenlandes zu thematisieren.

Das kaputte Internet

18. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (246) Das Internet hat sich als perfides Vehikel der totalen Überwachung und Untergrabung der demokratischen Gesellschaft entpuppt. Ist da noch Hoffnung?

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„Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Mit diesen Worten hebt ein Artikel an, der unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den man gelesen haben muss. Jedenfalls, solange man nicht für sich allein auf einer fernen, weltabgewandten Insel lebt.

Der Autor dieses Artikels heisst Sascha Lobo und ist – zumindest in der sogenannten „Netzgemeinde“, also unter technikaffinen Menschen und überzeugten Nutzern der Digitalsphäre – kein Unbekannter. Gemeinhin gilt er als Evangelist des Fortschritts, nun tönt er plötzlich abgeklärt, ernüchtert, ja: gekränkt. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Dieser Text – eventuell kann man ihn einen Essay nennen, einen Zeitbefund, polemisch auch einen narzisstischen Rundumschlag – hat mannigfaltige Reaktionen ausgelöst. Zunächst (man ist geneigt zu sagen: typischerweise) nicht gerade selten auf absolutem Kindskopfniveau in diversen Online-Foren, auf Facebook und Twitter („Sascha Lobo glaubte ja auch, dass seine Frisur originell ist“), dann auf argumentativer Augenhöhe im Feuilleton und in der Netzgemeinde selbst.

Mitten im Getümmel fanden und finden sich natürlich auch Dissidenten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer, der das Medium seiner Wahl „diesen Internet-Philosophen entreißen“ will, „den Nerds und Piraten mit ihrer unsäglichen Diskussionskultur und Lust an der Selbstzerstörung.“ Geschenkt. Ich lege Ihnen den Originalartikel ans Herz. Und erst im Anschluß die Lektüre der Fußnoten der Nachkläffer, Sub- und Meta-Querdenker, Gegenredner und Widersacher.

Zugegeben: ich fühle mit Lobo. „Trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten zu haben, was Realität ist – das war meine Naivität“, diesen Satz können wir uns alle ins Stammbuch schreiben. Die dräuende Erkenntnis, dass die Digitalisierung unserer Existenz – von elektronischen Krankenakten bis zum Smart Metering der Energieversorgung, von der Auflösung traditioneller Geschäftsmodelle im Kultur- und Medienbereich bis hin zur kompletten Infragestellung unserer Privatsphäre – die Gesellschaft viel stärker prägt, „als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können“ (Lobo), bedarf dringend des Weiterdenkens.

Noch – noch!? – üben wir uns in Optimismus. „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.“

Denkzettel

7. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (227) Sind wir längst komplett eingelullt? Das Agenda-Setting zu den Nationalratswahlen lässt darauf schließen.

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„Ich bin entsetzt, sprachlos, enttäuscht, wütend.“ Das sage nicht ich. Ein mir unbekannter Leserbriefschreiber hat solchermaßen in der „Zeit“ seine Gefühlslage zu den neuesten Enthüllungen, den amerikanischen und britischen Geheimdienst und deren ungenierten Einbruch in unser aller Privatsphäre betreffend, beschrieben. Er ist einer unter tausenden, die dieser Tage Leserbriefe, Blog-Einträge, Protestnoten oder Social Media-Denkzettel verfassen.

Ich teile nicht die Enttäuschung, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ebenso ahnungslosen, verlogenen, machtlosen oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der US-Fachmann Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. „Mehr Amerikaner sterben durch herabfallende Fernseher“, so die „New York Times“, „und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.“ Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für Militär, Heimatschutz und Bürgerbespitzelung ausgegeben. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man „es gewußt“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln.

Ich habe dagegen folgenden Vorsatz gefasst: ich werde am 29. September nur eine Partei und/oder eine Person wählen, die programmatisch präzise, detailliert und glaubwürdig darlegt, wie sie nach der Wahl gegen den digitalen Überwachungswahn vorzugehen gedenkt. Das gilt übrigens auch für Die Grünen, denen ich noch am ehesten staatsbürgerliches Vertrauen zu überantworten geneigt bin. Bislang steht dazu von allen Parteien Konkretes aus. Aber das Thema ist unendlich wichtiger als die „MaHü“, Spindeleggers Entfesselungskünste, Faymanns ÖBB-Inserate, Straches Bibelinterpretationen und Stronachs Bauch zusammen.

Neues aus der Netzwerkstatt

6. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (205) Der Strom kommt aus der Steckdose. Soweit nichts Neues. Aber jetzt klopft auch das Internet an.

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Manchmal ist die Sache ja ganz einfach. Wobei: die sogenannten „simplen Lösungen“ für unsere alltäglichen und weniger alltäglichen Sorgen werden in der Regel mit einer Extraportion Gehirnschmalz entwickelt. Und sind technisch oft hochkomplex. Jedenfalls stelle ich mir das als Laie so vor.

Wenn mir vor ein paar Jahren – damals waren armdicke Ethernet-Kabelbündel in den Büros und Home Offices ein ständig präsenter Gruß aus der IT-Abteilung – jemand gesagt hätte, ein Computer-Netzwerk liesse sich eines Tages elegant, preiswert und quasi unsichtbar via Steckdose und Stromnetz einrichten, hätte ich den Visionär taxfrei zum Spinner erklärt. Aber genau das ist der Fall.

Devolo etwa, der im deutschsprachigen Raum führende Anbieter von sogenannten Powerline-Adaptern, schickt, um den Status Quo zu illustrieren, den leuchtkräftigen Slogan „Auspacken. Einstecken. Loslegen.“ ins Rennen. Wunderlicherweise – kein mündiger Konsument glaubt an Werbesprüche – trifft er die Sache auf den Punkt. Ich selbst habe mich jahrelang mit schlechtem WLAN-Empfang in einem Teil des Hauses herumgeärgert. Und „schlecht“ meint: die Bits und Bytes tröpfeln wie eine Wasserquelle in der Sahara. Ständiges Versiegen, sprich: Verbindungsabbruch, inbegriffen. Trotz Repeater. „Das Internet geht wieder mal nicht“, jössas, wenn ich das schon hör’!

Drahtlosigkeit, tolle Bandbreite und hoher Datendurchsatz sind das Ideal, aber in vielen Haushalten nicht die Realität – aus welchen Gründen auch immer. Und üblicherweise kommt man auch nicht drauf. Ist der Provider schuld? Der Cyberspace? Die Stadtrandlage? Die Stummelantenne? Der Router? Das Modem? Der Rechner? Die Firewall? Der Nachbar? Das Wetter? Big Achselzucken. Und ein ewiges Ärgernis.

Da ich nicht, wie im Büro, mit Kabelsträngen, Gigabit-Ethernet-Verbindungen und Mauerdurchbrüchen leben wollte – dann ist man zumindest lokal auf der sicheren Seite –, nahm ich dankbar die Devolo-Plug’n’Play-Lösung wahr. Sie scheint markttechnisch so durchsetzungsfähig zu sein, dass ständig neue Adapter und Systeme herauskommen. Samt spezieller Software, mit der sich die Ruck-Zuck-Installationen auch konfigurieren und überwachen lassen. Nach den dLAN 500 AV Wireless+-Steckern teste ich gerade das dLAN 500 WiFi Netzwerk Kit. Keine Ahnung, was da nun genau der Unterschied ist – der Preis? Das Design? Die gesteigerte Kompaktheit? Hauptsache, es funkt.

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