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Reality Check

3. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (399) Der Start-up-Boom hat in Österreich noch nicht einmal richtig begonnen, schon mehren sich kritische Stimmen.

kern

Diese Kolumne ist schwierig zu schreiben. Leicht gerät man in den Geruch der Misanthropie, des Defätismus, der ewigen Nörgelei. Deswegen ein paar klare Worte vorweg: ich bin für Investitionen in die Zukunft. Ohne Wenn und Aber. Das fängt bei Kindergärten und Schulen an und endet keinesfalls bei Bausparverträgen. Eher schon bei tunlichst dingfesten Überlegungen zu Maschinensteuern, bedingungslosem Grundeinkommen, smarten Technologien und (r)evolutionären Arbeits- und Gesellschaftsmodellen.

Nun wird, so scheint es, aktuell die Zukunft (oder zumindest ihre helle, glänzende Variante) durch kaum etwas trefflicher symbolisiert als durch Start-ups. Politik, Wirtschaft und Medien buhlen um diese Agglomerationen junger, hoffungsfroher, nach Fortschritt und Erfolg hechelnder Menschen und ihren meist etwas gesetzteren Geldgebern. Schicke Start-up-Zentren, „Talent Gardens“ und flugs zu Innovations-Hubs umfunktionierte ehemalige Design-Einkaufstempel sprießen förmlich aus dem Boden.

Allen voran hat Bundeskanzler Kern seine Sympathien für die Szene bekundet – und die Regierung demonstrativ einen dreistelligen Millionenbetrag freigemacht, der in neue Geschäftsmodelle und zumeist IT-basierte, idealerweise disruptive Entwicklungen investiert werden soll. Startschuß, Baby! Wer beim Goldrausch 4.0 – heute ist alles 4.0, von der Staatsoper bis zum Bildungsmodell – nicht dabei ist, ist sowieso von gestern.

Nun mehren sich aber Stimmen – und es handelt sich keinesfalls nur um Wortmeldungen Ahnungsloser und Ewiggestriger –, die die ungebremste Start-up-Euphorie hinterfragen. Einerseits weisen sie darauf hin, dass kein Land „seine“ Entrepreneure so sehr fördert wie Österreich. Und das schon seit geraumer Zeit. Bei überschaubaren Ergebnissen. Das zentrale Problem für diesen seltsamen Staats-Start-up-Hype scheint zu sein: private Investoren halten sich zurück. Weitgehend. Warum? Meine These lautet: weil im Land der Beamten, Kämmerer und perpetuierten K&K-Beharrlichkeit der Drang auf den – heute per se internationalen – Markt verdächtig ist. Erfolg am End’ erst recht. Da könnt’ ja jeder kommen.

Andererseits finden sich selbst in den Zentralorganen und PropagandaBlogs der hiesigen Start-up-Szene zunehmend kritische Reflexionen. Never trust the hype! Ohne reale, konkrete, deutliche Verbesserung der investitionshemmenden, innovations- und arbeitsfeindlichen Grundbedingungen in diesem Land – und das gilt für Start-ups genauso wie für ungeförderte, weil nicht gar so arg innovative Kleinunternehmen, Geschäftstreibende und KMU-Selbstausbeuter – wird es nicht gehen. Ohne perspektivische Staatsversorgungs-Distanznahme wirklich innovativer Jungunternehmer/innen ebenfalls nicht.

Noch freut man sich über wohlgesetzte Worte, bunte PR-Leuchtraketen und vereinzelte Erfolgsmeldungen. Die alte Tante Nachhaltigkeit ist bislang auf der Party nicht eingetroffen.

Foto (c) BKA / H. Hofer
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Ein Loblied auf die Registrierkasse

8. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (367) Schau einer an: Registrierkassen haben auch ihre Vorteile. Nicht nur für den Finanzminister.

ARCHIVBILD/THEMENBILD: DAS BRINGT 2016: REGISTRIERKASSENPFLICHT / BETRUGSBEKÄMPFUNG

Der Witz ist ja: was der Staat von seinen Bürgern verlangt, schafft er selbst nicht umzusetzen.

Seit 41 Jahren (!) blockieren die Länder und Gemeinden Österreichs jeglichen Fortschritt in Sachen einheitlicher und transparenter Rechnungslegung, die eine essentielle Voraussetzung für eine vernünftige Finanzgebarung wäre. Wirklichen Einblick, z.B. für den Rechnungshof, gibt es auch in Zukunft nicht.

„Eine föderale Bösartigkeit der Sonderklasse“ nennt das der „Presse“-Journalist Josef Urschitz – was eher noch untertrieben ist, wenn man bedenkt, dass z.B. der in Niederösterreich dafür jahrelang zuständige, als Spekulant agile, nunmehrige Innenminister S. gerade Scharfmacher gegenüber Mindestsicherungsbeziehern spielt. Politisches Kleingeld macht auch Mist, aber die grossen Beträge sind anderswo zu holen.

Das denken sich freilich auch tausende Geschäftsleute, denen man die Registrierkassenpflicht aufs Auge gedrückt hat. Seit 1. Juli gibt es keine Ausreden und Schonfristen mehr: wer dabei erwischt wird, Waren ohne Rechnung zu veräussern, darf sich auf einen eingeschriebenen Brief des Finanzamts freuen.

Dass das Parlament in letzter Sekunde Ausnahmen für gemeinnützige Vereine und Körperschaften (und, wenig wundersam, auch für Vorfeldorganisationen von Parteien) geschaffen hat, ist für jene, die sich täglich mit dem Zettelwerk herumschlagen müssen, eher kein Trost. Das Thema wird uns noch monate-, wenn nicht jahrelang juristisch und emotional beschäftigen – mittlerweile wird die Registrierkassa und ihr überdimensionaler Symbolwert ja sogar von Popgruppen besungen und von Kabarettisten analysiert.

Aber ist so ein Ding automatisch des Teufels? Ich sage: nein. Und gelte dabei gemeinhin nicht als Freund überbordender Bürokratie. Doch ein funktionierendes Computer-Kassensystem, eventuell in direkter Verbindung mit einem Warenwirtschaftsprogramm, kann einem auch Arbeit abnehmen: jene der peniblen Verwaltung der Ein- und Ausgänge, der Lagerhaltung, des Controllings und der internen Abrechnung. Selbst ganz simple, billige Software-Lösungen liefern hoch interessante Statistiken und Auswertungsmöglichkeiten. Smarte IT-Kassen schupfen die Daten gleich in die Buchhaltung oder zum Steuerberater weiter. Von der Rechtssicherheit bei Steuerprüfungen ganz abgesehen.

Meine Behauptung lautet also: nicht wenige, die anfänglich rumgemosert haben über die Kosten und Komplexität einer Registrierkasse, haben inzwischen auch ihre Vorzüge erkannt. Und sind heimlich heilfroh, ihren Angestellten auf die Finger schauen zu können und aussagekräftige Zahlen frei Haus geliefert zu bekommen.

Wenn es der Finanzminister nun auch noch schafft, das vorbildhaft seinen Kollegen in den Ländern und Gemeinden zu verklickern, spende ich beim nächsten Feuerwehrfest glatt ein paar Cent für die Parteikassa. Auch ohne Rechnungszettel.

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