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Ladenhüter & Freygeister

31. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (313) Ein E-Bike, das aussieht wie ein normales Fahrrad? Diese Idee begeistert Crowdfunding-Investoren gerade enorm.

Freygeist-E-Bike

Geld ist in Verruf gekommen. Egal, ob es sich um Negativzinsen, den ungehinderten Einblick in Bankkonten, die Abschaffung von Bargeld oder die perspektivische Entwertbarkeit von Banknoten per RFID-Chip (entwickelt von einem österreichischen Unternehmen) handelt – hier bröseln gerade eherne Grundsätze, die seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten galten.

Ob das eine positive oder negative Entwicklung ist, sei dahingestellt. Selbst Experten zeigen sich uneins. Gewiss aber sollte den Damen und Herren in den Chefetagen der Banken der Reis gehen: ihre ehemals güldenen Geschäftsmodelle geraten zu Ladenhütern, die Institutionen selbst werden zunehmend überflüssig.

Denn Startups und innovative Unternehmen betteln nicht mehr um Kredite (meist vergeblich), sondern besorgen sich ihre Finanzmittel zunehmend bei ihren potentiellen Kunden. Wenn eine Idee überzeugt, rauscht das Geld nur so ins Kontor. Der Hebel heisst Crowdfunding. Väterchen Staat hat davon – mit der üblichen Verspätung – auch schon gehört und versucht die Spielregeln für das Modell nun in ein „Alternativfinanzierungsgesetz“ (AltFG) zu fassen. Wenn damit auch der vermeintliche Wildwuchs auf längst etablierten und gut funktionierenden Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, Startnext, wemakeit, Indiegogo oder Companisto in ein bürokratisches Korsett gezwängt werden soll, wäre das kontraproduktiv.

Ein mündiger Konsument wird wohl nur dort direkt und höchstpersönlich investieren, wo er einen klaren, individuell attraktiven Gegenwert erwarten darf – ganz im Gegensatz zu den windigen Papieren und wahnwitzigen Konstrukten, die freundliche Bankberater so gern aus der Lade ziehen. Oft direkt unter den Augen höchstbezahlter Aufsichtsorgane und vermeintlich (und bisweilen auch wirklich) strenger Gesetzeshüter.

Genug gemotzt. Denn dieser Tage ist mir wieder ein höchst erfreulicher Fall untergekommen, wie es auch anders geht. Voilá!: das Wiener Unternehmen Freygeist (dessen Head-Office aus formalen Gründen in Berlin residiert) sammelt gerade das nötige Startkapital ein, um ein äusserst schickes E-Bike zu bauen. Ein „Smart Engineering“-Vehikel, das keine plumpen Anbauten oder extraschweren Bauteile benötigt – und sich somit äusserlich von einem gewöhnlichen Fahrrad nicht unterscheidet, aber doch jede Menge zusätzlicher Kraft auf Knopfdruck bietet. Verbunden ist das Vorhaben mit einem sehr ambitionierten Business-Plan, der den Markt der „Urban Professionals“ weltweit beackern will. Wir haben es hier quasi mit dem Äquivalent von Tesla für zwei Räder zu tun.

Die Aussichten sind gut: noch während der laufenden Kampagne auf der deutschen Crowdfunding-Plattform Companisto unterzeichnete Freygeist einen Vertrag mit dem Spezialisten German Answer. Die deutschen Fahrradleichtbau-Profis konnten als Partner für Entwicklung und Produktion des 12 Kilogramm leichten Design-Elektrobikes gewonnen werden. Die Crowdfunding-Phase wurde aktuell verlängert, das maximal zu erreichende Kapital von 1,5 Millionen Euro ist in greifbarer Nähe. Die Vision des Unternehmer-Trios Martin Trink, Usama Assi und Stephan Hebenstreit könnte sich glatt zur Erfolgsstory auswachsen.

Interessiert? Wenn ja: handfeste Fakten können nicht schaden. Wie sich der Prototyp fährt, berichte ich Ihnen nächste Woche.

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Lichterloh

4. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (293) Eines der nachhaltigsten Zeichen technischen Fortschritts ist die Erhellung der Welt. „Lumio“ kann das besonders schön.

Lumio Lamp

Wie es schon in der Bibel heisst: Gott sprach – es werde Licht! Und es ward Licht. Das kann allerdings auch eine durchaus irdische Angelegenheit sein. Denn das Geschenk, das zum Lichterfest (sic!) in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis am meisten Ahs! und Ohs! auslöste, war eine Lampe. Allerdings eine ganz besondere.

Denn kurioserweise sieht „Lumio“ – so heisst dieser Leuchtkörper – zunächst aus wie ein Buch. Und zwar ein sehr edles Buch mit Buchdeckeln aus Ahorn-, Kirsch- oder Walnussholz. Schlägt man es auf, geht einem ein Licht auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn „Lumio“ enthält unter den vermeintlichen Buchseiten, die aus dem papierähnlichen, aber reissfesten Material Tyvek bestehen, eine per USB-Anschluß aufladbare Lithium-Ionen-Batterie und mehrere LED-Module, die mit der Kraft etwa einer 40 Watt-Glühbirne strahlen.

Nun kann man diese Lampe einerseits wie eine Ziehharmonika aufklappen, und zwar bis zu vollen 360 Grad – dann erinnert „Lumio“ an einen Lampion. Anderseits kann man das Ding auch mit starken Neodym-Magneten an Metallflächen befestigen. Und hat so eine sehr flexibel einsetzbare, bis zu acht Stunden netzunabhängige Leuchte, die eben nicht streng nach Campingausflug oder Survival-Ausrüstung aussieht, sondern sogar im Museum of Modern Art in New York verkauft wird.

Signifikant für unsere Zeit ist: das Geld für die erste Produktionsserie wurde durch begeisterte Konsumenten aufgebracht. Und zwar durch eine Crowdfunding-Kampagne via „Kickstarter“, eine Finanzierungs-Plattform für kreative Ideen. Jene zu „Lumio“ hatte der Designer Max Gunawan aus San Francisco. Binnen weniger Tage fanden sich über fünftausend Vorbesteller, die 578.387 Dollar – fast das Zehnfache des ursprünglichen Projektziels – in die Realisierung des ambitionierten Vorhabens investierten. Was zunächst einmal die Startup-Strukturen überforderte: viele Fans der ersten Stunde mussten monatelang auf ihre persönliche Erleuchtung warten.

Gunawan bastelt aber schon an weiteren Innovationen. Und man kann auch davon ausgehen, dass die Leuchtkörper- und Leuchtmittel-Industrie, die in dieser Dekade dank des nachhaltigen Schwenks zu energiesparenden LEDs auch ganz neue, überraschende, ja radikale Formen und Design-Ansätze forciert, „Lumio“ in der einen oder anderen Form abkupfert.

„Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Jedenfalls lässt sich mit diesem Leuchtkörper nicht nur das Buch Genesis erhellend studieren.

In Österreich gibt es „Lumio“ u.a. bei Supersense in der Wiener Praterstrasse zu kaufen. Der Laden ist ein wahrliches „Home of Analog Delicacies“. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte (folgt).

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