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Suggestivkraftwerk

23. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (263) Erzeugt die Computerwelt “richtige” Musik? Sorry: diese Frage können nur Menschen stellen.

Kraftwerk Burgtheater

Da sassen wir nun alle. Und staunten. Meine Wenigkeit in der 3. Reihe, Platz 7, Parkett links im Wiener Burgtheater. Festwochen! Ich hatte um wohlfeile fünfundsiebzig Euro eine Karte für “Die Mensch-Maschine” erstanden, die konzertante Aufführung eines der Schlüsselwerke von Kraftwerk. Sie wissen schon: die legendären deutschen ElektronikPioniere.

Der Herr neben mir, ein einschlägig bekannter Musikjournalist und Pop-Connaisseur, war bereits zum dritten oder vierten Mal zugegen. Denn Kraftwerk hatten angekündigt, den kompletten Katalog ihres jahrzehntelangen Schaffens abzuspulen, Album für Album (bis auf das Frühwerk). Er beschwerte sich auch nicht, als sich herausstellte, dass das Quartett auf der Bühne das Versprechen zwar seriell wahrmachte, den Rest des Abends aber immer mit denselben “Greatest Hits” garnierte. Mehr oder weniger.

Die 3D-Inszenierung der retrofuturistischen Alltagsmelodien von Kraftwerk – so simpel wie suggestiv – war einfach zu überwältigend, sinnes- und leuchtkräftig, um an solchen Details herumzumäkeln. Zwischendurch aber beugte sich der Kollege herüber und setzte mir einen Floh ins Ohr: “Das wäre doch eine investigative journalistische Aufgabe: herauszufinden, was die da eigentlich wirklich treiben auf der Bühne!”

Das ist ja eines der Schlüssel-Probleme der elektronischen Musik: es tut sich nichts. Sieht man vom Drumherum ab. Denn live auf der Bühne auf ein Mischpult zu starren oder in einen Laptop, dann und wann mal einen Knopf zu drehen, einen Schalter umzulegen oder still ins Publikum zu lächeln – wie es letztlich auch Kraftwerk hielten –, vermittelt nicht gerade die schwitzige Lebenshaltung des Rock’n’Roll. Und ist in punkto Showgestaltung halt oft – zu oft – reichlich fad.

Was Ralf Hütter, das Mastermind und einzig verbliebene Originalmitglied der Truppe, nicht weiter anficht: Man lassen nicht einfach nur die Computer die Klänge abschnurren, erklärte er im Interview mit dem „Kurier“-Redakteur Georg Leyrer. “Wir komponieren, wir führen die Teile zusammen und gestalten den Klang. Also: Kling, Klang! Das ist nicht körperlich, das ist hochsensibel. Wie Feinchirurgie, mikroskopisch kleine Bewegungen haben große Wirkung. Die Sensibilität der elektronischen Instrumente ist unermesslich.“

Ich glaub’s ihm ja. Höre es sogar raus, bisweilen. Und verstehe dennoch die Skepsis der Techno-Agnostiker, Maschinenstürmer und „Handmade Music“-Traditionalisten. Also hätte ich einen Vorschlag: Hütter und seine Mitstreiter mögen beim nächsten Mal eine Kamera über ihren Instrumentenpulten montieren. Und ihren Live-Aktionismus ins 3D-Szenario einblenden. Dann wären raschest alle Vorurteile gegen die Mensch-Maschinen-Musik ausgeräumt.

Wer’s immer noch nicht glaubt, nehme an diesem denkwürdigen Event – einer Hommage an Kraftwerk seitens des Wiener Heimorgelorchesters – teil. Da werkeln Menschen aus Fleisch und Blut an analogen Klein- und Kleinstmaschinchen. Und rühren damit – so etwas besitzen Computer doch nicht, oder? – ans Herz.

Um mit Karl Bartos, dem langjährigen Weggefährten von Ralf Hütter zu sprechen: „Alle sagen, der Computer hat die Welt verändert, aber ich glaube, Musik ist nach wie vor Musik. Und die Frage ist immer noch die gleiche: Warum wird aus Schallwellen Gefühl?“ Boing Bum Tschak.

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Hausfrauen-Aufstand

8. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (236) Europas Hausfrauen wattstarke Staubsauger wegnehmen zu wollen, kann auch nur einem Mann einfallen. Oder?

Maschin

Wenn Männer ihre Liebe zu Maschinen besingen, hat das oft etwas unfreiwillig Komisches. Sieht man mal von der teutonisch präzisen Ironie von Kraftwerk („Wir sind die Roboter“) ab, neigt die Spezies mit dem Y-Chromosom dazu, chromblitzende Motorräder und PS-Boliden, archaische Waffen und Instrumente und den Blut-Schweiß-und-Tränen-Faktor ihres Werkzeugschuppens zu verklären. Und das eher grobschlächtig, um nicht zu sagen: plump. Insbesondere, wenn Männerhorden auf der Bühne Elektrogitarren malträtieren.

Man könnte den besten Popsong des Jahres – er heisst „Maschin“ (sic!) und kommt, aber hallo!, aus Österreich – auch leichtfertig in diese Kategorie stecken. Schauen Sie mal auf YouTube (denn im ORF-Fernsehen werden Sie’s leider nicht zu sehen bekommen): eine Band mit dem seltsamen Namen Bilderbuch lässt da einen knallgelben Supersportwagen – einen Lamborghini Countach, wenn ich nicht irre* – auffahren. Und präsentiert ihn, nicht ohne Aberwitz, als Objekt, als Fetisch, als Pop Art-Symbol schlechthin. Der geilste Moment ist der Gitarren-Kolbenreiber á la Radioheads „Creep“ im Refrain. Und generell das offensive 70er-Jahre-Retro-Feeling, das sich durch die Bilderbuchbilder zieht. Hätte der „Maschinenraum“ einen Soundtrack oder gar eine Hymne: das wär’s. Audiovisuelles Testosteron.

Aber gefällt derlei auch der anderen Hälfte der Menschheit? Jener, bei der der Faktor „emotionale Intelligenz“ angeblich – nicht doch: sicher! – stärker ausgeprägt ist als in der maskulinen Abteilung? Gute Frage. Nächste Frage. Denn die Mensch-Maschine-Beziehung wird in diesem Fall ja klischeehaft dem Küchen-, Kinderzimmer-, Garten- und Wellness-Bereich zugeordnet, und das weitgehend exklusiv. Die Wilde auf ihrer Maschin’ gilt immer noch als Ausnahmeerscheinung.

Bald aber wird, wage ich als eher unsensibler Macho zu behaupten, ein Phänomen auftauchen, das man ansatzweise schon in sozialen Medien oder öffentlichen Räumen wahrzunehmen beginnt: die wütende Hausfrau. Und sie wird schlimmer wüten als jede Rockerbande, und sei es eine Armada der Hells Angels. Irgendjemand in irgendeiner Brüsseler EU-Amtsstube hat beschlossen – und ich wage zu vermuten, es war ebenfalls ein höchst unsensibler Macho (oder gar eine graue Bürokraten-Krawattenmaus) -, bis 2020 wattstarke Staubsauger zu verbieten. Unter dem Banner von Klimaschutzzielen will man schon ab 2014 den Verkauf von Geräten mit einer Saugleistung von mehr als 1600 Watt untersagen, drei Jahre später soll die Leistungsgrenze per Verordnung gar auf schwächliche 900 Watt sinken.

Dann aber haben wir einen Aufstand der Hardcore-Profi-Hausfrauen (das können durchaus auch Männer oder geschlechtsneutrale Transgender-Wesen sein). Und da überlebt, read my lips!, die Europäische Union eher noch die nächste Bankenkrise.

(*) Anm.: Ich irre. Die „Maschin“ ist ein Lamborghini Diablo SE 30.

Unsere nächsten Verwandten

22. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (191) Roboter sind ein Entwurf unserer Zukunftsgläubigkeit. Zumeist aus Blech. Und eigentlich auch schon wieder Vergangenheit.

Blechroboter

Mein vorletzter Besuch im Technischen Museum in Wien liegt etwa vierzig Jahre zurück. Es war – erraten! – ein 24. Dezember, an dem mich mein Vater an der Hand nahm und mit mir in den 14. Wiener Gemeindebezirk pilgerte. In jeder Hinsicht dunkel in Erinnerung ist mir das Kohlebergwerk (präziser natürlich: das begehbare Modell eines Bergwerks in einer Ausstellungshalle). Und ein antiquiertes Flugzeug, das von der Decke des imposanten Gebäudes hing.

Als ich dieser Tage die Botschaft vernahm, das Technische Museum zeige aktuell die grösste RoboterAusstellung, die Österreich je gesehen hat, kamen abermals Weihnachtsgefühle auf. Nicht umsonst zählt eine Sammlung zerbeulter Spielzeug-Blechroboter zu den höchstpersönlichen Lebenserrungenschaften.

Ich setzte also Kopfhörer auf, wählte Kraftwerks “Mensch-Maschine” (eines meiner ewigen Lieblingsalben der Pophistorie) auf dem MP3-Player und blätterte zur Vorbereitung der kleinen Exkursion in einem Standardwerk zum Thema: “Roboter – unsere nächsten Verwandten” von Gero von Randow. In diesem Buch findet sich ja im Epilog der schöne Satz: “Mir ist natürlich völlig klar, dass die Menschheit nicht etwa deshalb Probleme hat, weil es zu wenige Roboter gibt; eher schon deswegen, weil es zu viele Menschen gibt.” Aber im Advent sind derlei Gedanken natürlich Blasphemie.

Kurzum: die Schau im Technischen Museum ist brav, aber schön. Auch weil sie viele Blechroboter zeigt (darunter das kurioserweise mit einem Jutesack bekleidete Modell “MM7 Selektor”, das 1961 in Wien gebaut wurde). Und sich so einiges dreht, bewegt, blinkt und surrt. Immerhin wuseln einem nicht unentwegt selbstständig “denkende” und lenkende Robot-Staubsauger – die Alltags-Inkarnation der Jetzt-Zeit – um die Beine.

In einem Punkt ist die Ausstellung aber hoffnungslos antiquiert: das Faszinosum der Mensch-Maschine hat sich längst von mechanistischen Droiden á la C-3PO und R2-D2 (remember “Star Wars”?) zu Biotechnologie, Elektronengehirnen und kybernetischen Organismen verlagert. Humanoide Klone siegen – in Filmen, in der Science Fiction-Literatur und in unserer Fantasie – über schlichte Mechatronik. “Schade eigentlich”, um nochmals ein Zitat (diesmal aus dem Popkultur-Organ “The Gap”) einzubringen. “Roboter waren irgendwie deutlich weniger gruselig. Und als Spielzeug auch weihnachtsbaumtauglicher als künstlich intelligentes Klonfleisch.”

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