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Fehlersuche

23. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (382) Nutzwert, Baby! willhaben.at, Österreichs größter digitaler Marktplatz, ist (k)ein Überraschungserfolg. Gottseidank.

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Es ist ja nicht unlustig, irgendwie. Einige Kolleginnen und Kollegen der Medienbranche reichen gerade einen Artikel herum, der die Überschrift „What If The Newspaper Industry Made A Colossal Mistake?“ wie eine Monstranz der Erkenntnis vor sich her trägt.

Die Conclusio dieses Artikels lautet, dass die Zukunft von Papiermedien in Papier liege und nicht in Smartphones, iPads und Virtual Reality. Zwar würden immer mehr Käufer der Print-Ausgaben verloren gehen, aber nicht von den Online-Leserzahlen jener Zeitungen und Magazine kompensiert werden. Im Klartext: wer etwa „Die Presse“ nicht mehr liest, aus welchen Gründen auch immer, wechselt auch nicht zu „DiePresse.com“.

No na! Die Kernkompetenz von Holzmedien liegt freilich in Holzmedien. Und dass viele ihrer Web-Äquivalente oft, zu oft eine gewisse Talent- und Visionslosigkeit in punkto Gestaltung, Usability und Grundverständnis elektronischer Medien offenbaren, ist zwar anno 2016 – nach vielen Jahren Lehrgeld – erstaunlich, aber auch einer unternehmerischen Halsstarrigkeit geschuldet. Einer konservativen Denkart, Unlust  und Verzagtheit, die verhindert, dass das Business insgesamt eine Zukunft hat.

Ein Beispiel: „Der Spiegel“ berichtet in seiner vorwöchigen Ausgabe über ein chinesisches Social Media-Phänomen namens Weixin („WeChat“). Es handelt sich um eine Art eierlegende elektronische Wollmilchsau, die viele Funktionen vereint, die hierzulande diverse Apps benötigen. 800 Millionen Menschen in China seien, stand da zu lesen, Weixin regelrecht verfallen. Wohlan!, möchte man den „Spiegel“-Strategen zurufen: warum baut ihr das Ding nicht einfach nach? Und überrollt damit den westlichen Markt? Reverse Engineering hat doch auch die Chinesen ungeniert nach vorne katapultiert!

Man kann mir nicht nachsagen, ich würde Papier nicht wertschätzen. Ich liebe es. Den Geruch, die Haptik, die Druckerschwärze. Wenn man etwas daraus machen will, jenseits öder „Das haben wir immer schon so gemacht“-Routine und „Jetzt sparen wir uns mal zu Tode“-Defensive, ist es ungebrochen ein wunderbares Format. Und eine analoge Zukunftsnische par excellence. Aber es ist absurd, liebe Kolleginnen und Kollegen, auf Facebook (!) regressive Selbstversicherung zu inszenieren, die eine Online-Denkschrift samt Deeplinks und „Share It On Twitter“-Button als Grundlage hat. Die Wahrheit ist doch – und wir kennen sie alle –, dass nur die geschickte Kombination von On- und Offline, die präzise Placierung und Vermarktung journalistischer Inhalte (ich weigere mich, das Wort „Content“ in den Mund zu nehmen) und wechselseitige offensive Offenheit Relevanz und Ertragsstärke garantieren.

Medienmanagement bedeutet stärker denn je, das Zauberwort Querfinanzierung durchzudeklinieren. Und nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange zu verharren. Insofern ist es erfreulich, einer aktuellen Jubelmeldung der Plattform willhaben.at gewahr zu werden, man hätte die 4 Millionen-Anzeigen-Grenze geknackt. Der elektronische Marktplatz – zur Hälfte im Besitz der Styria Media AG (der auch „Die Presse“ gehört) und zur anderen Hälfte des norwegischen Konzerns Schibsted – ist ein Riesenerfolg. Und womit? Mit Recht. Der Nutzwert, die Beliebtheit und Reichweite dieses 2006 gegründeten Portals sind fulminant.

Und wenn solch eine simple Idee – quasi die Kleinanzeigen-Sektion einer Zeitung ins 21. Jahrhundert zu transferieren – mit dazu beiträgt, den Kern eines Medienunternehmens zu stärken und ihren Papier- und (jawohl: und) Webprodukten eine solide Existenzbasis zu verschaffen, soll es uns allen mehr als recht sein.

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Gut gemeint, aber

1. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (370) Mit einer Kampagne gegen Hasspostings versucht die Politik die Realität im Netz zu konterkarieren. Hilft’s? 

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„Meinungsfreiheit im Internet bedeutet nicht automatisch Narrenfreiheit.“ Mit symbolisch erhobenem Zeigefinger trat dieser Tage die Staatssekretärin Muna Duzdar – zuständig für Integration, Verwaltung und Diversität, aber auch Digitalisierung (ein kurioser Themenmix, wenn Sie mich fragen) – an die Öffentlichkeit. Die Bundesregierung habe eine „Initiative gegen Gewalt im Netz“ beschlossen, in Klagenfurt stellte man erste Sujets einer Online-Kampagne vor. Unter dem Hashtag #GegenHassimNetz treten honorige Persönlichkeiten – darunter Duzdar selbst – auf und an, um die „Lufthoheit über digitale Stammtische zurückzugewinnen“ und „Gegennarrative“ zu entwickeln.

Nun lässt sich grundsätzlich wenig gegen einen derartigen Vorstoß sagen. Die verbale Offenherzigkeit in Sozialen Medien und Leserforen grenzt oft an Logorrhoe, Tischmanieren scheinen ein längst vergessenes Relikt aus grauen Vorzeiten zu sein. Und tatsächlich neigt ein geringer, insgesamt aber überdeutlich wahrnehmbarer Bodensatz aller Beteiligten zu Beschimpfungen, Drohgebärden, Diffamierungen und Schlimmerem.

Besonders Frauen sind davon betroffen; das digitale Mobbing macht aber auch vor Jugendlichen und Kindern nicht halt. Wer hat es noch nicht erlebt, auf Facebook, Twitter oder in Online-Foren mit plötzlicher, oft unerklärlicher Aggressivität konfrontiert zu sein? Oder, seltener und weit übler, den Tod an den Hals gewünscht zu bekommen? Zumeist von einem anonymen Absender (der doch oft dingfest zu machen ist) – derlei im eigenen Namen zu formulieren trauen sich die Hassbotschafter meist dann doch nicht.

Nun: dagegen helfen seit Zeiten, die teils bis lang vor der Erfindung des World Wide Web zurückreichen, juristische Schranken. Man schlage den Paragraphen 283 des Strafgesetzbuches nach („Verhetzung“), eventuell § 297 StGB („Verleumdung“) oder den Cybermobbing-Paragraphen 107 StGB. Auch § 111 StGB („Üble Nachrede“) oder § 115 StGB („Beleidigung“) sollten greifen, dazu Regeln in Fällen wie „Kreditschädigung“, „Gefährliche Drohung“ oder „Verstöße gegen das Verbotsgesetz“. Es gilt nur, diese sehr wirksamen Instrumente auch zur Anwendung zu bringen – etwa, indem jede virtuelle Stammtischrunde einmal über ihre pure Existenz aufgeklärt wird. Und eine Strafverfolgung sensibel, aber konsequent erfolgt.

Hier könnte der Staat sagen: Ja, das unterstützen wir! Wir bieten Nachforschungskompetenz (und den grundsätzlichen Willen dazu), juristische Hilfestellung, Online-Formulare, finanzielle Unterstützung in entsprechenden Fällen. Und und und. Nennen wir es eine konkrete, handfeste Hilfe, die auf einer klaren Haltung beruht. Und natürlich auch personeller und struktureller Ressourcen bedarf. Zum Gesamtkomplex zählt auch, Plattformen wie Facebook medienpolitisch dezidiert nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Propagandakampagnen aber, die nur nebulose Selbstverständlichkeiten transportieren, sind sicher gut gemeint. Aber gut – im Sinne von: wirksam – eher nicht.

Na Servus!

6. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (359) Fast-Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify: die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher.

Red-Bull-TV

Es passiert nicht oft im Leben eines Journalisten, dass man eine Kolumne zweimal schreibt. Wenn, gibt es dafür triftige Gründe. Einer davon ist potentiell, dass sich die Faktenlage, zu der man seine – mehr oder minder pointierte – Meinung absondert, verändert. Eventuell sogar in ihr diametrales Gegenteil.

Derlei passierte im Lauf dieser Woche. Bei Servus TV. Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den An/Aus-Schalter in diese und dann wieder in jene Richtung zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn in der Hand hat – weil er seit vielen Jahren ein Projekt betreibt, das Medien- und Marketingexperten Achtung abringt allein ob der schieren Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz und jenem Sender, der exemplarisch zeigt, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Saga von der Betriebsrats-Gründung als Anlassfall – die rechtliche wie politische Dimensionen beinhaltet, aber auch bizarr exzentrische oder gar abgefeimte Deutungen – möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Die eigentliche Botschaft (vorrangig an die Red Bull Media House-Chefetage) lautet: Fernsehen ist tot.

Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig ausgedient. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-) Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Da kann sich die Servus TV-Crew noch so ins Zeug legen. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Diversifizierung, Emotionalisierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – benötigt eine Vision, die mit der Realität auf Deckungsgleiche zu zwingen ist.

Was aber? Folgerichtige Frage. Servus TV als sentimentales Regional-TV-Fenster? Red Bull-Content (mit ganz anderem Zielpublikum) via Internet? Doch auch terrestrisch? Strictly Mobile? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen. Ein führender Mitarbeiter des Konzerns hat mir kommentarlos gleich einmal den Download-link zu einer App weitergeleitet. „Introducing a new 24/7 best of Red Bull TV experience and discover more premium content through curated channels updated daily. Welcome to an all new Red Bull TV app built from the ground up!“ Ah, da schau her.

Und noch ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!

Ausgezwitschert?

27. März 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (353) Twitter steht unter Druck, weil es keinen Gewinn macht. Aber muss menschliche Kommunikation zwingend Profit abwerfen?

Illu Twit

Früher gab es Gerüchte, Vermutungen, Analysen und Fingerzeige, Bassena-Tratsch und Kantinen-Klatsch, Schimpfkanonaden, Gossip, Stammtischdebatten, Mundpropaganda, Leserbriefe, Diskussionsforen und und und. Heute gibt es Social Media.

Nicht dass jene traditionellen Formen menschlicher Interaktion verschwunden wären – ganz im Gegenteil, sie sind unkaputtbar –, aber sie stehen nunmehr in Konkurrenz mit den Durchlauferhitzern der digitalen Moderne. Zuvorderst: Facebook und Twitter. Erstere Plattform saugt mittlerweile auch den Ausstoß herkömmlicher Medien in sich auf; letztere, also Twitter, gilt hierzulande als Nachrichtendienst und Spielfläche einer Meute von Insidern, Politikberatern, Werbefuzzis und Journalist/inn/en.

Tatsächlich ist Twitter, das Botschaften an wen auch immer strikt auf 140 Zeichen begrenzt, soetwas wie das digitale Kokain der Kommunikationsbranche. Eine gleichwohl aufreizend anziehende, stimulierende wie süchtigmachende und destruktive Angelegenheit. Den Dienst – er existiert seit ziemlich exakt zehn Jahren – jenseits simpler PR-Botschaften sinnbringend zu nutzen ist ein Balanceakt, der selbst Profis nicht immer gelingt. Die Schlammschlachten, die sich bekannte Namen und Persönlichkeiten auf Twitter, also in ungenierter Offenheit und kaum verhangener Öffentlichkeit, liefern, sind Legende.

Dass Menschen, die ständig zwitschern (also Tweets absetzen), tendenziell einen Vogel haben oder zumindest zu überbordender Selbstdarstellung neigen, ist aber doch ein zu zynisches Fazit. Auf der positiven Seite stehen die Selbstbeschränkung – ausufernde Debatten und elendslange Threads finden sich anderswo –, das Aktivierungs-, Vernetzungs- und Informationspotential eines Echtzeit-Tickers und die übersichtliche, chronologische Gliederung der Welt in Themen (via #Hashtags) und Interessenskreise.

Weil aber Twitter mit seinem klaren, annähernd schlichten Konstruktionsprinzip seit zehn Jahren seinen Aktionären keine grossen Gewinne beschert, gilt es mittlerweile als Sorgenkind. „Nur“ 300 Millionen Nutzer wirken für Business-Analysten im Vergleich zum fünfmal grösseren Facebook wie eine Nische. Forsche Vordenker haben dann immer wieder mal Vorschläge parat: die Aufhebung des 140 Zeichen-Limits, die algorithtmische Gliederung von Wortmeldungen nach Mainstream-Relevanz oder PR-Budgets, die Verknüpfung mit Ton und Bild (folgerichtig wurde z.B. der Echtzeit-Video-Dienst Periscope eingekauft) und so weiter und sofort.

Was aber, wenn Du und ich schlichtweg auf all diese Verschlimmbesserungen pfeifen, pardon: zwitschern? Ratlosigkeit in der Chefetage prolongiert. Als Hashtag dafür schlage ich #twitterror vor.

Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.

Das neue alte Wind/Feuer/Öl/Papier-Business

5. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (290) Bei allem Mitgefühl: ist ein „Shitstorm“ wirklich die Krampusrute der digitalen Hemisphäre? (2)

Shitstorm

„Fortsetzung folgt – so sicher wie der nächste Shitstorm.“ So lauteten die letzten Worte meiner vorwöchigen Kolumne. Ich schwöre: ich hatte nicht der Funken einer Ahnung, dass der nächste Sturm unmittelbar nach Veröffentlichung der „Presse am Sonntag“ losbrechen würde, ausgelöst durch einen wohl absichtsvoll kontroversen Bekenneraufsatz zum Thema Erziehung.

Um diesen Beitrag soll es hier nicht gehen, dazu ist – um den alten Spötter Karl Valentin zu zitieren – „schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Und das eben nicht nur von professionellen Journalistinnen und Journalisten.

Nun: das ist es, was mich wirklich verblüfft – dass auch Profis mit dem Phänomen Shitstorm anno 2014 nicht umzugehen wissen. Und, bewusst oder unbewusst, das altbekannte (und nur medientechnisch in dieser Form relativ neue) Wind/Feuer/Öl/Papier-Eskalations-Endlosschleifen-Business betreiben.

Nein, ich meine damit nicht den ORF-Anchorman Armin Wolf, der sehr persönlich und glaubhaft reagierte (und nebenher als Kommunikations-Durchlauferhitzer No. 1 die Leserzahlen für den Anlass-Artikel sprunghaft in die Höhe trieb). Sondern jene, die aus dem Umstand, dass – wie bei jedem Shitstorm, jeder Wirtshausdebatte, jeder Leserbriefe-Sichtung – vereinzelte Stimmen ins Geschmacklose kippen, eine „Fatwa“ konstruieren. Pogromstimmung orten. Mit überzogener Political Correctness camouflierte mediale Eitelkeit unterstellen. Oder auch nur, au contraire, ein apodiktisches Urteil in die öffentliche Meinungsarena schieben wie einen antiken Streitwagen: das sei doch „das Widerlichste, was man in Österreich seit Jahren lesen durfte“. Und der Autor wäre stante pede zu entlassen, gerichtlich zu belangen, eventuell selbst einer Züchtigung zu unterwerfen oder gar zu teeren & zu federn.

Puh. Wenn Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit etwas zählen in diesem Land, dann muss man es grundsätzlich aushalten, wenn jemand so, hm, tollkühn ist, die Realität anzusprechen. Das gilt allseitig (und kann auch eine höchstpersönliche Realität sein, die nicht mit dem Mainstream – oder auch „nur“ dem Mainstream der Minderheiten – konform geht). Noch vor dreissig Jahren konnte ein FP-Justizminister, breiter Zustimmung gewiss, die „gesunde Tachtel“ empfehlen. Heute setzt Geheul ein, wenn derlei auch nur in Erwägung gezogen wird. Und es ist per Gesetz als Unrecht definiert. Zurecht.

Es gilt diese pädagogische Staats-Doktrin aber so absehbar wie strikt nur in aufgeklärten Kreisen. Vorrangig unter Leuten, die auch in der SM-Arena (insbesondere auf Twitter; und freilich dürfen Sie jetzt das Kürzel „SM“ ganz nach Geschmack interpretieren) ihr Radar kreisen lassen, sich im Fall des Falles schwarmartig zusammenrotten und die persönliche Auseinandersetzung mit Garantie nicht scheuen. Was in modernen Zeiten wie unseren nicht selten in einem Wind der Entrüstung 2.0 – mit rasch abklingender Intensität – seinen Ausgang findet. Bisweilen auch in einem Orkan. Zwangsläufig.

Gut so! Dass dieses Phänomen der kollektiven Empörung auch individuell differente, differenzierte Meinungen und präzise Argumentationen, notwendige Diskussionen und positive Entwicklungen zeitigt, ist Fakt. Dass das Netz mehr und mehr zum Zentralorgan der selbstorganisierten und dennoch digital formatierten und kommerziell ausgeschlachteten Widerrede wird (und sich daraus auch ein höchst zweischneidiges, bedrückend ambivalentes Faszinosum ableitet), dito.

Auch – und erst recht – in diesem Kontext hat es ein Shitstorm verdient, ernst genommen und mit demütiger Aufmerksamkeit analysiert zu werden. Nicht nur von NSA-Bütteln, verklemmten PC-Blockwarten (und Blockwartinnen) und Voyeuren mit Geheimdienstausweis. Sondern von Medienprofis und -Amateuren –
egal, ob sie in warmen Redaktionsstuben sitzen, daheim im Kinderzimmer oder im Wirtshaus um’s Eck. Uns allen.

Quod erat demonstrandum.

Die Meinungs-Unmutigen

14. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (266) Digitales Vermummungsverbot? Warum ich unter meinem Namen gegen “Klarnamen für alle” plädiere.

Meinungsmutig?

Es gibt Begriffe, die eine sachliche, seriöse Debatte annähernd verunmöglichen. Sie werden zumeist eingebracht, wenn einem Kontrahenden die Argumente ausgehen. Und pure Ideologie ins Spiel kommt. Zu diesen rhetorischen Keulen zählen Zuweisungen á la “Gutmensch”, „Genderwahn“ oder “Neiddebatte”. Neuerdings werden sie ergänzt durch virulente Schlagwörter wie “Shitstorm” und “Hasspostings”.

Besonders letztere haben es mir angetan. Denn seit einigen Wochen tobt in der Aufmerksamkeits-Arena – sowohl in den alten “Holzmedien” (noch so ein Kampfbegriff) wie auch in den Sphären des Internet – eine Diskussion, die eigentlich keine ist. Sondern eine Kampagne. Geführt wird sie von professionellen Meinungs- und Stimmungsmachern, die seit jeher nicht schlecht daran verdienen, exakt das zu tun, was sie tun.

Seit einigen Jahren aber sehen diese Herren – denn es sind fast ausschliesslich Vertreter der männlichen, gern demonstrativ zigarrenrauchenden Spezies – ihr Business-Modell bedroht. In den Online-Foren österreichischer Medien und erst recht auf Facebook und Twitter plappert die p.t. Leserschaft heutzutage munter selbst drauflos. Und redet gar zurück. Und das, Teufel auch!, unter mehr oder weniger lustigen Pseudonymen. De fakto (fast) unkontrollierbar.

Dass dabei Krethi & Plethi oft zu derben Prädikaten aus der untersten Schublade neigen, kann nicht bestritten werden. Noch weniger, dass die Politiker/innen, Leistungsträger und Führungskräfte dieses Landes zumeist nicht gut abschneiden in der öffentlichen Beurteilung. Zurecht. Letzteres war und ist übrigens auch meine Meinung. Sie ist frei. Und ich äussere sie – meinungsmutig? – unter meinem Namen. Aber nichts liegt mir ferner, als nicht auch die An-, Aus- und Einsichten anderer, die sie nicht unter ihrem “Klarnamen” veröffentlichen (und das aus vielfach nachvollziehbaren Gründen), kennenlernen zu wollen. Und wenn es Hass ist, möchte ich erst recht wissen, woher er rührt. Und wie man seine Wurzeln trockenlegen könnte.

Man hat in früheren politischen Debatten oft von der “Hoheit am Wirtshaustisch” gesprochen. Das Netz kennt diese Hoheit nicht (sieht man vom eklatanten Webfehler der totalen Überwachung ab). Das mag manchen unangenehm sein. Und da und dort Unmut hervorrufen. So, wie andernorts Gegen-Unmut hervorgerufen wurde und wird. Wie wichtig aber diese gesellschaftlich breit genutzten Foren – Zyniker würden ihnen allein die Rolle eines Überdruckventils zuschreiben, ich zähle nicht zu ihnen – sind, merken wir einmal mehr dieser Tage: Volksvertreter im Parlament plädieren gerade ungeniert für verschärfte Geheimhaltungsregeln gegenüber ihrem Souverän, dem Volk. Sind nicht gerade Transparenz und Meinungsfreiheit kommunizierende Gefässe?

Was ich von all dem halte, äussere ich auf Nachfrage – aber eben auch ungefragt und gegebenenfalls unter Pseudonym – gerne. Jederzeit. Und allerorts.

Verdummungsverbot

24. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (247) Ist Facebook das neue Zentralorgan des demokratischen Diskurses? Eher schon: sein wirksamstes – und zugleich problematischstes – Werbemittel.

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Wenn diese Zeilen erscheinen, wird der alljährliche Mummenschanz rund um eine Wiener Ballveranstaltung „für Demokratie und Freiheitsrechte“ schon wieder Geschichte sein. Hoffentlich für immer.

Dieser Ball, bei dem sich ein paar besondere Kapazunder der Leistungsträgergeselligkeit ausgerechnet in der Hofburg versammeln, steht ja unter spezieller Beobachtung. Sowohl der Polizei wie auch einer nicht unbeträchtlichen Menge an Bürgerinnen und Bürgern, denen die höhnische „Gesetzeskonformität“ von Provokation und Gegenprovokation und die symbolträchtige Selbstbeschmutzung der Republik samt Einschränkung der Versammlungs- und Pressefreiheit auf die Nerven gehen. Mindestens. Kann man sich bitte einmal zu einer intelligenteren, sensibleren Lösung durchringen als alljährlicher wechselseitiger Aufganselung, ja Aufhetzung und Aufrüstung?

Aber hier soll nicht Politik gemacht werden. Ich habe übrigens auch kein Selbstporträt mit Sturmhaube, Schal oder einer sonstigen originellen Ver- bzw. Bekleidung auf Facebook eingestellt wie viele Freunde und Bekannte. Derlei Selbstkatalogisierung mag ja eine gewisse Signalwirkung haben und als klares Zeichen gegen die Absurditäten eines polizeilichen „Vermummungsverbots“ mitten im Winter – angeblich kann man unter dieser Prämisse schon für das blosse Mitführen eines Schals bei einem Spaziergang verhaftet werden – gelten.

Aber irgendwie macht mir die freiwillige, ja aufgeregt-freudige Mitarbeit bei dieser Minderheitenzählung und schematischen Zuordnung von Teilen der Bevölkerung zu diesen und jenen „Lagern“ in Zeiten von NSA-Spähtechnik, Big Data und mangelndem gesetzlichen Schutz vor dem übergreifenden Überwachungswahnsinn Sorgen. Herr Faymann, Herr Spindelegger, Frau Mikl-Leitner, Herr Strache: ist Ihnen eigentlich klar, in welche Richtung wir hier – EU-konform? – marschieren? Und ist es wirklich lustig, wenn man sich gegenseitig auf Twitter und Facebook – ja, auch die Ball-Brüder und ihre Gesinnungsschwestern haben dort ihren Auftritt, ebenso wie (verkündigungstechnisch durchaus zeitgemäß) die Wiener Polizeizentrale – verfolgt, und zwar durchaus auch im wortwörtlichen Sinn?

Letztlich bleibt es eine Aufgabe der Medien, auch in dieser Angelegenheit systematisch tiefer nachzubohren. Und ja nicht nachzulassen. Und es ist nicht mehr allein instituionalisierter Journalismus, der wichtige, dringliche, eventuell schmerzliche Fragen stellt und Beobachtungen liefert. Bunte Vögel wie Robert Misik (www.misik.at), Martin Blumenau oder Erich Möchel (fm4.orf.at) sind eine Bereicherung eines lebendigen gesellschaftlichen Diskurses, selbst ein Christian Ortner („Das Zentralorgan des Neoliberalismus“, www.ortneronline.at) liefert immer wieder Denkanstösse (auch wenn die Abgrenzung zu wirklich randwertigen Figuren nicht recht gelingt).

Wie die genannten Herren und jede/r andere Interessierte mit fortschrittlicher Technik Blogs, Beiträge und Selfie-Botschaften noch verbessern können, erzähle ich ihnen – und Ihnen – nächste Woche.

Neuland

28. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (230) Heisse Luft herrscht anderswo. “All Things Austrian” liefert das Dummy, das unsere Lese-Zukunft definiert.

All Things Austrian

Man hat immer die Wahl. Man darf nur nicht seiner eigenen Trägheit, Saturiertheit und Denkfaulheit nachgeben. Eventuell aber auch nur der Bequemlichkeit, es sich in den – oftmals reichlich engen – Gedankengebäuden, Wirtschaftskammern und realen Systemen der eigenen Lebensgeschichte kommod eingerichtet zu haben. Nicht zuletzt, weil man vom politischen und gesellschaftlichen Status Quo profitiert. Leute dieses Schlags – gehören wir nicht (fast) alle dazu? – mögen eventuell wieder einmal Giuseppe Tomasi de Lampedusas Roman „Der Leopard“ nachlesen. Darin findet sich das berühmte Zitat: „Es muß sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“

Aber vielleicht sollen die Verhältnisse auch partout so bleiben, wie sie sind. Damit sich perspektivisch alles umso kräftiger ändert. Annähernd explosionsartig. Wie gesagt: man hat immer die Wahl. Ich persönlich z.B. habe diese Woche eine ganz bewusste Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, einmal mehr den „Österreichischen Medientagen“ fernzubleiben, wo angeblich die Gegenwart und Zukunft der heimischen Print-, Radio- und TV-Landschaft verhandelt wird. Was natürlich nicht der Fall ist.

Da unser aller Zeitbudget gleich bemessen ist – ein unendlich demokratischer Aspekt der menschlichen Natur – und pure Zeitverschwendung sich früher oder später selbst entlarvt, habe ich ein Treffen mit den Machern von „All Things Austrian“ dem Besuch der nestwarmen VIP-Schaukel in der Wiener Stadthalle vorgezogen.

Jede Wette, Sie haben noch nie von „All Things Austrian“ gehört. Wie auch? Es handelt sich um eine App, die – nach zweijähriger Entwicklungszeit – gerade mal seit Mitte dieser Woche für das iPad downloadbar ist (gratis, eine Android-Version soll folgen). Nein, eigentlich ist es ein Magazin. Aber eines, das technisch und formal den Begriff Magazin neu definiert. Dahinter stecken zuvorderst zwei Köpfe: der freie Journalist Richard Brem (u.a. ORF/Ö1) und der Software-Architekt Gerhard Zeissl. Für das Design zeichnet die Crew von Typejockeys, einer international renommierten Wiener Agentur, verantwortlich. „Wir wollten Neuland betreten und ein High End-Fanzine für das 21. Jahrhundert kreieren“, meinen die Schöpfer von „All Things Austrian“. „Ein lebendes Demonstrationsobjekt“. Ich sage nur: Wow! Mission accomplished.

Mehr zum Wie?, Warum? und Wohin? demnächst hier. Sie werden jetzt eh ein paar Minuten damit beschäftigt sein, die App herunterzuladen. Und ein paar Jahre, über Ihre Wahlentscheidung nachzudenken.

Vom Fressen und Gefressen-Werden

29. November 2012

Neue Zeiten brauchen neue Medien. Aber gelten nicht, wenn es um Inhalte, Aufgabenstellungen, Stil, Aufmachung und Qualität geht, die alten Spielregeln? Und dreht es sich nicht immer alles um die Frage: wer zahlt? Und: wofür?

Ich schreibe diese Zeilen in „Film Sound & Media“, einem, nein: dem „Magazin für die österreichische Entertainment- & Medienbranche“, wie der Untertitel selbstbewusst proklamiert. Diese Gazette – zunächst ein Art Zentralorgan der heimischen Musikbranche, mittlerweile notwendiger- und dankenswerterweise mit einem grösseren Horizont ausgestattet – erscheint, wenn ich mich recht erinnere, seit Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zunächst zweiwöchentlich, nunmehr annähernd monatlich.

Ich selbst steuere die Kolumne, die Sie gerade lesen, seit ungefähr acht Jahren bei. Eine launige, subjektive, oft nicht gerade – nomen est omen – unkritische Kolumne, die nicht immer nur Beifall fand und findet. Was mir nur recht ist: Widerspruch ist willkommen, ja geradezu erwünscht. Beiläufige, langweilige und kaum je wirklich wahrgenommene Gefälligkeitsartikel sollen andere schreiben, dafür bin ich der falsche Mann. Und weil dem so ist, überlege ich gerade, einen Nachruf zu verfassen. Einen Nachruf auf diese Kolumne. Diese Zeitschrift. Den konsensualen Geist, der ihr Erscheinen erst ermöglichte. Einen Nachruf auf eine Ära, die absehbar zu Ende geht.

Das ist natürlich pure Provokation. Sie kennen das, sind derlei von „Grob Gröber Gröbchen“ schon gewohnt. Aber mir ist es ernst. Ich schreibe diese Zeilen zu einem Zeitpunkt, da allerorten das grosse Zeitungssterben anhebt. Zumindest jenseits des Schrebergartenzauns. Die „Financial Times Deutschland“, wahrlich nicht die schlechteste Wirtschaftszeitung, wird eingestellt. Die „Frankfurter Rundschau“ ist insolvent. Die Stadtzeitung „Prinz“ verlagert ihre Aktivitäten ins Netz. „Newsweek“ dito. Nach fast achtig Jahren gibt es das renommierte US-Wochenmagazin nicht mehr am Kiosk. In Österreich kündigen „Die Presse“ und der „Kurier“ Journalisten, andere werden folgen. Der Paradigmenwechsel der Digitalära erfasst die „Holzmedien“ peu á peu.

Und er ist tiefgreifender, radikaler, folgenreicher, als es sich viele gut bezahlte Lotsen, Stewardessen und Steuermänner auf den Brücken der einstmals so stolzen Dickschiffe der Medienindustrie vorstellen konnten. Und wollten. „Wir haben die schöpferische Zerstörungskraft des Internets zwar seit unserer Gründung so intensiv beschrieben wie kein anderer in Deutschland“, bekennt etwa die Chefredaktion der „Financial Times“ in ihren Abschiedsworten. „Es ist uns allerdings nicht gelungen, darauf aufbauend ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das unseren Anspruch an Journalismus zu finanzieren vermag.“ Dennoch, der Glaube an „schöpferische Zerstörung“ und „neue Geschäftsmodelle“ sei ungebrochen. Nun: ja. Aber wenn man es gezählte dreizehn Jahre lang nicht schafft in einem der potentesten, kopfstärksten und innovativsten Verlagshäuser Europas, letztere zu finden, zu kanalisieren und für sich zu nutzen: wo stecken sie dann?

Man ist geneigt – „Lass’ sie Zukunft fressen!“ –, Frank Schirrmacher rechtzugeben in seinen notorisch gedankenmächtigen, bildungsbürgerlichen Rundumschlägen wider die Profiteure der rückhaltlosen Auflösung althergebrachter Strukturen und Denkmodelle. Man könnte auch milde lächeln, weil nicht gerade wenige Journalisten jahrelang nur Spott & Hohn übrig hatten für das erste Opfer, quasi die Negativ-Avantgarde der neuen Epoche: die alte, verschlafene Major-Musikindustrie – und nun die Revolution diese Kindsköpfe frisst. Oder man hat es sich, wie manche vermeintliche Kriegsgewinnler und frischgeföhnte Selbstausbeuter, im Windschatten von Google, Apple, Facebook, Amazon, Spotify & Co. bequem eingerichtet, ideologisch und/oder ökonomisch, und kaut an dem einen oder anderen Knochen, der einem gelegentlich zugeworfen wird.

Aber halt! Das ist eine zu zynische, zu negative Sicht der Dinge. Und eventuell auch eine zu unrichtige. Denn in einem Punkt haben die „Financial Times“-Chefdenker schon recht: jeder schöpferische Prozess bringt zwangsläufig, über kurz oder lang, tatsächlich neue Geschäftsmodelle mit sich. Wenn die Gesellschaft „Geschäften“ aber seit kurzem misstraut – sie tut es nicht wirklich, wage ich zu behaupten –, dann sind es eventuell neue Gesellschaftsmodelle. Und wenn man dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci glauben darf, besteht eine Krise, jede Krise, daraus, „dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.“

Was hat das alles mit „Film Sound & Media“ zu tun?, werden Sie fragen, einem vergleichsweise winzigen, eventuell unwichtigen Vereinsblättchen einer im globalen Maßstab winzigen, weithin unwichtigen heimischen Entertainment-Industrie? Nun: jede Menge. Man wird sich – wohl rascher und klarer, als von manchen erwartet – für oder gegen einen eigenen Standpunkt entscheiden müssen. Für oder gegen eine eigene Stimme im Meer der kakophonischen Miß- und Desinformation. Und für oder gegen ein eigenes Organ, das diese Stimme transportiert.

Dieses Organ heisst zur Zeit – nicht nur, aber auch – „Film Sound & Media“. Nicht, dass es an diesem Magazin nichts zu kritisieren gäbe (inklusive – gern, wie gesagt! – dieser Kolumne ganz zum Schluß.) Nicht, dass dieses Blatt nicht auch im Internet, als Online-Medium, erscheinen könnte. Zusätzlich. Oder ausschliesslich. Nicht, dass eine Branche nicht auch gänzlich ohne Mitteilungshefte dieser Art auskommen könnte.

Aber wenn man nun mal ein „Magazin für die österreichische Entertainment- & Medienbranche“ herausgibt, finanziert und mit Inhalten bestückt – von der Filmindustrie bis zu den Privatradios, von der öffentlich-rechtlichen Medienorgel bis zur Landesfiliale einer Major-Plattenfirma, vom selbstbewussten Indie-Label bis zur Wirtschaftskammer-Unterabteilung – und dies mit einem gewissen Grad an Selbstreflexion, Stolz und Mitteilungsbedürfnis tut, dann sollte man ein Auge darauf werfen, ob dieses Medium zeitgemäss, engagiert und effizient die Aufgabenstellung erfüllt. Und wenn es das (vermeintlich oder tatsächlich) nicht tut, dann gilt es dafür Sorge zu tragen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn nun aber die schon länger anhaltende Klage der operativen Kür- & Pflichterfüller lautet, dafür seien die Geldmittel zu schmal bemessen, der Wille zu schwach und das solidarische Prinzip des An-einem-Strick-Ziehens längst zu fadenscheinig, und wenn man dann allerorten nur ein müdes Kopfnicken als Reaktion erhält – dann brennt der Hut. Dann könnte es sein, dass dieser Nachruf – auf eine Kolumne, auf eine Zeitschrift, auf eine Ära – Wirklichkeit wird. Rascher, radikaler und rückstandsloser, als manche glauben. Vielleicht kommt ja Besseres nach.

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