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Angenehm wie Beulenpest

13. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (206) So banal wie zutreffend: Technische Lösungen funktionieren nicht immer und überall.

DLAN

Letztlich ist die Erörterung von Vor- und Nachteilen bestimmter technischer Entwicklungen immer auch ein Glaubensbekenntnis. Selbst wenn man die Sache zu objektivieren versucht – etwa, indem man ein Gerät höchstpersönlich und ausführlich testet. Und sein Urteil nicht einfach aus dem bunten Verkaufsprospekt oder den PR-Unterlagen des Herstellers, Importeurs oder Händlers bezieht. Den tolldreisten Gebrauch der Copy- & Paste-Tasten mit Journalismus zu verwechseln, das gelingt vielleicht schlitzohrigen „Medienpartnern“ und kurzsichtigen Sparefroh-Verlegern – das Publikum lässt sich auf Dauer nicht hinters Licht führen.

Derlei war aber auch gar nicht meine Absicht, als ich unlängst die Powerline-Adapter der deutschen Firma Devolo über den grünen Klee lobte. Im Gegenteil. Sie erinnern sich: mit solchem Equipment lässt sich das heimische Stromnetz elegant und kostengünstig als Local Area-Computernetzwerk nutzen – das Internet kommt dann, egal wo man seinen Rechner aufklappt oder sein Smartphone zückt, quasi aus der Steckdose. Das funktioniert in meinem Haushalt wunderbar. Jedenfalls deutlich besser als mit all den WLAN-Routern, -Extendern und -Repeatern zuvor.

Nun schrieb mir aber ein Freund und Experte zu meiner vorwöchige Kolumne, dass es, hm, etwas komplexer und komplizierter sei. Denn seiner Erfahrung nach funktionieren Devolo, D-Link, Netgear, Hama & Co. – die Systeme sind ja richtiggehend in Mode gekommen – nicht überall gleich gut. Und manchmal gar nur schlecht. Irgendwie Glückssache. Fazit: „Powerline ist sehr mit Vorsicht zu genießen!“ Dazu ein link zu einem ausführlicheren Artikel, der das Für und Wider penibel auflistet.

Ein anderer Freund und Experte lieferte umgehend einen noch geharnischteren Kommentar: „Apage Satanas! Adapter, die hochfrequente Signale über ungeschirmte Leitungen transportieren, sind so angenehm wie die Beulenpest. Wollen wir wirklich die Stromversorgung mit Dreck verschmutzen wie einst die sauberen Flüsse? Das wäre das Ende von sauberem Klang aus der HiFi-Anlage, die Bedrohung lebenswichtiger Funksysteme und ganz generell die dümmste Technologieanwendung seit den Atomkraftwerken.“

Na wui! Da ich die Meinung der Kollegen – ein Dritter erwähnte beiläufig, kleine Kinder hörten die Hochfrequenz-Sender „pfeifen“ – generell schätze und für kompetent erachte, stand damit auch meine Glaubwürdigkeit zur Disposition. Ich fragte vorsichtig nach, ob ich eventuell Devolo mit seinem Standpunkt konfrontieren dürfe? Kollege Nummer zwei explodierte abermals: „Die Antwort wäre wohl ähnlich vertrauenswürdig wie die der Firma Tepco zu Fukushima. (…)
 Allerdings wird es schon Gründe haben, warum sich alle renommierten Kommunikationshersteller schon vor Jahren von der Powerline-Technologie verabschiedet haben.“ Punkt.

Wissen Sie was? Ich frage trotzdem nach. Das bin ich Ihnen schuldig. Und zweifelsohne auch mir selbst.

Denksport-Aufgaben für Marketing-Gurus

9. Februar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (198) Nichts Neues aus dem Schwitzkasten der schwindenden Margen und ewigen Mode-Zyklen.

Ixus

Gelegentlich tun mir all die Marketingstrategen, PR-Spezis und Product Manager der Unterhaltungselektronikindustrie leid. Und zwar so richtig. Denn sie sehen sich einer zunehmend abgestumpften Riege von Berichterstattern, Schreiberlingen und “Medienpartnern” (eine Bezeichnung, die jeder ernsthafte Journalist entschieden von sich weist) gegenüber. Die wiederum nur die Vorhut abgestumpfter Konsumentenmassen ist.

Und weder die professionellen Spreu-vom-Weizen-Trenner noch die – auch nicht ganz auf der Nudelsuppe dahergeschwommenen, sondern gleichfalls zu behänden Online-Checks, Re-Checks und Double-Checks fähigen – Prosumer von heute lassen sich von von einem Me-too-Produkt mehr unter Myriaden von Me-too-Produkten beeindrucken. Schon gar nicht nachhaltig. Eine neue Modefarbe für eine stinklangweilige Wegwerfkamera löst in der Regel weder einen Aha!-Effekt noch einen Kaufimpuls aus. Höchstens ein herzhaftes Gähnen.

Und dann wäre da noch das Problem (und es ist ein verdammt gewichtiges Problem für die im ewigen Hamsterrad der Innovationszyklen rotierenden Produkterfinder), dass viele Dinge längst alles können. Nun ja: fast alles. Smartphones z.B., die Schweizer Taschenmesser der Jetzt-Zeit, bringen Spezialisten schon ganz schön ins Schwitzen. “Cool, robust, mit Superzoom: so sollen Kameras überleben” titelte unlängst die Gratis-Gazette “Heute” – deren Papier-/Müllständer wohl auch tendenziell aus den U-Bahn-Stationen ins Cyber-Nirvana wandern werden. Werden müssen.

Den nachfolgenden Artikel haben wahrscheinlich nicht nur Kamerahersteller und Chefstrategen in Medienhäusern, sondern auch Vermarkter von Navigationssystemen, Entwickler von MP3-Playern und ein paar Elektronikhirne mehr studiert. Er enthielt tatsächlich handfeste Detailhinweise. Gut so. Denn: warum jemand mit klingender Münze oder auch nur ein paar Minuten Aufmerksamkeit für Funktionalitäten, Informationen und Produkteigenschaften bezahlen sollte, die man an jeder Strassenecke nachgeschmissen bekommt bzw. sowieso schon längst sein eigen nennt, bleibt eine Denksportaufgabe für Marketing-Gurus. Und solche, die es noch werden wollen.

Die solideren Naturen unter den Verkaufsprofis setzen auf Qualität und Innovation. Und die dürfen ruhig ihren Preis haben. Ein hübsches Beispiel finden Sie nächste Woche an dieser Stelle.

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