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Brennstoff Musik

9. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (261) The Beat Goes On: Musik als probater Brennstoff für Medien und Märkte. Apple setzt – einmal mehr – zum nächsten Schlag an.

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Witzig zu erleben, wie Gleichgültigkeit, Skepsis und, ja, latente (oder auch explizite) Ablehnung, holterdipolter!, in Enthusiasmus umschlagen können. Conchita ist Österreich nicht mehr wurst. Natürlich ist dieses Phänomen zu einem gerüttelten Maß auch purem Gelegenheits-Opportunismus geschuldet. Aber so tickt die Welt nun einmal. Und der Chanteuse und ihrem Management kann es mit Blick auf den Kontostand herzlich egal sein.

In einer Technik-Kolumne hat es aber, mit Verlaub, nicht um das Entertainment-Business zu gehen. Wobei es ja Schnittmengen gibt. Und zwar jede Menge. Haben Sie mitbekommen, dass Apple – ein Giga-Konzern, der längst weit mehr ist als ein schnöder Computer-Fabrikant – das auch nicht ganz unbekannte Unternehmen Beats aufkaufen möchte? Um satte 3,2 Milliarden Dollar, wie die „Financial Times“ berichtet. Es wäre der mit Abstand grösste Apple-Deal. Bis dato.

Äh, Beats? Ist hierzulande mit Kopfhörern omnipräsent. Und besser bekannt unter Beats by Dr. Dre. Zumindest in jugendlichen Sphären – unserereins bevorzugt dann doch eher Traditionsmarken wie AKG, Sennheiser & Co. Da die knallbunten, basslastigen Beats-Ohrwaschln aber vom namensgebenden HipHop-Guru empfohlen werden (der sich als Beats-Co-Direktor damit eine goldene Nase verdient), verkaufen sie sich bei der Zielgruppe unter 30 wie geschnitten Brot.

Ich mutmasse aber, dass das strategische Interesse der Manager rund um Tim Cook weniger auf die Audio-Technik zielt als auf die Marke. Und auf das Streaming-Service Beats Music. Denn damit hätte Apple auf einen Schlag die passende Ergänzung zu seinen Service-Säulen iTunes (Download) und iRadio (Internet-Radio). Und würde einmal mehr im weiten Bereich der Musikproduktion und
-Distribution den Ton angeben. Angeblich denkt man beim grossen Konkurrenten Google schon über den Erwerb des globalen Streaming-Marktführers Spotify nach – aber das ist wahrscheinlich nur ein geschickt placiertes Investoren-Gerücht.

Was ich daran doppelt und dreifach faszinierend finde, ist das Faktum, dass die immaterielle, emotionale, grenzenlos positiv aufgeladene Ware Musik auch als Börsen-Treibstoff taugt. Quod erat demonstrandum.

Warum nur im Ausland? Wäre ich Major-Talentescout, ich würde umgehend Conchita Wurst unter Vertrag nehmen. Wäre ich TV-Produzent, ich hätte umgehend ein halbes dutzend Musikshows am Start. Wäre ich Philharmoniker oder Symphoniker, ich würde mein eigenes Label gründen. Sässe ich bei Ö3, ich würde die Hosenscheisser in der Musikredaktion feuern, die Kosten für sauteure, pseudowissenschaftliche externe Konsumentenforschung einsparen und Bilderbuch, Minisex, MaDoppelT, Harry Ahamer, 5/8erl in Ehr’n, Giantree, Tschebberwooky & Co. auf und ab spielen.

Think big! Der Rest folgt wie von selbst.

Local Heroes

4. Januar 2013

Ein Detail ist falsch bei diesem Film: kaum ein Musiker, kaum eine Band glaubt heute an den seligmachenden, karriereerfüllenden Status eines Major-Plattenvertrags. Sonst aber stimmt fast alles in „Local Heroes“. Die Obsession. Die Tonspur. Die Hoffnungslosigkeit. Die Story an und für sich. Eine Kino-Empfehlung.

Local Heroes Plakat

Vielleicht ist es ja ein Zufall, dass gerade zwei Filme, die sich – auf gewiß ganz unterschiedliche Weise – des Themas Musik annehmen, auf die Kinoleinwände drängen: Mirjam Ungers „Oh Yeah, She Performs!“ und Henning Backhaus’ „Local Heroes“. Ersterer ein Dokumentarfilm, der Musikerinnen in den Mittelpunkt stellt, letzterer ein Spielfilm-Debut, der eine Geschichte aus dem Kontext einer Newcomerband heraus erzählt.

Beide Filme arbeiten mit österreichischer Alternative Pop/Rock-Musik. „Arbeiten“  heisst: den Protagonisten und den von ihnen gewollt verursachten Tönen, Zwischentönen, Geräuschen, Sounds und Songs Raum geben, sie ernst nehmen, ja wichtig, sie wirken lassen. Auf sich selbst und auf andere. Das ist eine essentielle  Gemeinsamkeit der erwähnten Filme, und beide fallen sie in eine Zeit, die man getrost als als die richtige Zeit dafür erkennen kann. Denn noch nie war die heimische Szene so dicht, so qualitätsvoll, so vital, tatendurstig, bemerkenswert wie 2012/2013.

Nun ist „Local Heroes“ ein Coming-of-Age-Drama, das zuvorderst die – ebenso naiven wie obsessiven – Träume eines Nachwuchsmusikers, bebildert. Ein Newcomer, der noch nicht einmal fix zum Lokalheroen aufgestiegen ist, ersehnt eine professionelle Karriere – etwas, das im engen kulturökonomischen Biotop Wien bzw. Österreich fast zwingend zum Filmriß führen muß. Dennoch wohnt diesem – bei allen  Live- und Probekeller-Lautstärkeexzessen – stillen Streifen eine ungewohnte Kraft und Sehnsucht inne. Der „Rat Race“ der Musikindustrie, das verzweifelte Drehen am und im Hamsterrad der Möglichkeiten, der darwinistische Konkurrenzkampf in einem nicht gerade selten belächelten Spielfeld der Populärkultur ist das Hauptmotiv in „Local Heroes“. But what can a poor boy do but play in a rock’n’roll band?

Herausgekommen ist – neben dem Kinofilm selbst – ein Soundtrack, der sehr ernsthaft (und dabei doch spielerisch), eigenständig und nachdrücklich ein Statement setzt. Einerseits, weil er eine Szene durchmisst, die sonst gerade mal von FM4 und Radio Soundportal wahr- und ernstgenommen wird. Anderseits, weil er auch bei der puren Fiktion nicht danebengreift. Eine imaginäre Band wie Yoko Love wird gleichberechtigt neben (mit tollen Tracks vertretenen) Szenegrössen wie Marrok, Mother’s Cake, Gudrun von Laxenburg und Cardiochaos gestellt. Und besteht mit ihren Songentwürfen.

Hans Wagner, der Musik-Guide des Films und selbst aktiv bei Das Trojanische Pferd, Neuschnee, Hans im Glück u.a., hat ganze Arbeit geleistet. Props gehen auch an die Studioprofis Jonathan und Georg Gabler und an den Produzenten Michael Katz. Und natürlich an den Haneke-Schüler Henning Backhaus, der sich an das nicht gerade einfache (und noch weniger einfach darstellbare) Musiker(innen)-Milieu herangewagt hat. Und Musik als alltägliches Lebensmittel, als Über-Lebensmittel begreift. Ich sage: diese Songkollektion kann einiges. Der Film kann noch mehr. Hören, sehen, weitersagen.

Festival-Tourismus

23. September 2012

Ein Phänomen erobert die Welt, Metropole für Metropole: das Musikfestival mit Mehrwert. Mittlerweile gibt es unzählige Branchen-Meetings – nicht zuletzt (hoffentlich) das „Waves“ in Wien. Aber macht der Trend zu fröhlichem Festival-Hopping, legérem PR-Tourismus und grenzüberschreitender Funktionärs-Vernetzung überhaupt Sinn?

Hoppla! Eh man sich versieht, ist das Jahr schon wieder um. Business hat tendenziell immer auch mit „being busy“ zu tun, also damit, ständig beschäftigt zu sein. Und es gibt Menschen, die das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, das Geschäft anderer Menschen, ja einer ganzen Branche zu fördern.

Der Kalender für diesen ganz neuen Typus an Musikmanager – nennen wir ihn ironisch „Festivaltourismusprofi“ – sieht so aus: Im Jänner zieht es ihn/sie nach Noorderslag zum Eurosonic Festival, danach für ein paar – hoffentlich sonnige – Tage zur MIDEM nach Cannes. Der Februar ist ruhig, By:Larm in Oslo kann man sich eventuell sparen. Doch schon im März stehen mit der ILMC in London und der Tallinn Music Week wieder Fixpunkte im Kalender. Im Mai lockt „The Great Escape“ nach Brighton, im Juni die c/o pop nach Köln. Zum Herbstbeginn darf man natürlich die Berlin Music Week nicht versäumen, eventuell könnte man gleich – die deutschen Städte prügeln sich nach dem Ende der PopKomm um die Vormachtstellung im Messe-Reigen – bis zum Hamburger Reeperbahn-Festival durchmachen. Und dafür die Plasa Show in London auslassen. Es gilt, Kräfte zu sparen, für das Waves Festival in Wien, das Live UK Summit in London, natürlich die WOMEX in Thessaloniki, Music & Media in Tampere in Finnland, das Amsterdam Dance Event, die Pariser Konkurrenz MaMA und jene in Rotterdam namens Rotterdam Beats. Auch in Island ist angeblich ziemlich was los.

Mittlerweile schreiben wir November und lassen’s mal gut sein mit dem „European Trade Fair & Conference“-Zirkus. Denn natürlich haben auch die Amerikaner und Asiaten im Jahreszyklus so einiges auf Lager, von der Winter Music Conference in Florida über die NAMM, North by Northeast (kurz: NXNE) in Toronto, Kanada, South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, den CMJ Music Marathon in New York, Music Matters im pazifisch-asiatischen Raum, Live! Singapur etc. usw. usf. Die Chinesen wachen gerade auf, die Inder ebenfalls, überall wird musiziert und kommuniziert – und die jährliche Country Musik Messe in Bayreuth erwähnen wir nur der Unvollständigkeit halber. Die ist nämlich gewaltig, die Unvollständigkeit – denn neben vielen weiteren Messen, Trade Fairs und Veranstaltungen mit Shows, Vorträgen und Panel-Diskussionen sind jene, die auf Theorie, intellektuelle Erörterungen und routiniertes Geschwätz gänzlich verzichten und „nur“ auf Musik setzen, nicht einmal ansatzweise aufgelistet.

Natürlich steht es jedermann/-frau vollkommen frei, diese Events mit persönlicher Anwesenheit zu schmücken. Ob es Sinn macht (und ob es das in den allermeisten Fällen nicht unbegrenzte Reisebudget zulässt), ist wieder eine andere Frage. Meine höchstpersönliche Sicht der Dinge ist jene: Reisen bildet, in einer Zeit des Umbruchs tut intensiver Ideenaustausch mehr not denn je, und das Musikgeschäft ist tatsächlich – eindeutiger als andere Branchen – „a people’s business“, also eine Angelegenheit internationaler Kontakte, direkter Kommunikation und persönlicher Wertschätzung. Andererseits trifft man immer dieselben Leute (und das seltsamerweise weltweit), kann die meisten Panel-Diskussionen schon synchron mitsprechen und darf sich am Ende des Tages nicht wundern, wenn der Nutzwert des Jahrmarkts der Eitelkeiten gering ist. Letztlich ist’s auch eine Zeitfrage. In Berlin z.B. winken die meisten vor Ort ansässigen Agenturen und Partner ab, wenn man sie auf ihre verwunderliche (?) Absenz bei der „Berlin Music Week“ anspricht – wozu soll man sich das antun?

Dazu kommt ein kurioser Effekt: jener der nationalen Zusammenballung. Denn egal, ob Österreicher, Franzosen, Finnen oder Australier – da präsentieren fast alle Länder auf all den Festivals ihre spannendsten, exportfähigsten und besten (?) Künstler und Bands. Und dann stehen im Publikum, erraten!, zuvorderst Österreicher, Franzosen, Finnen und Australier, jeweils statistisch signifikant gehäuft bei „ihren“ Landsmännern und -frauen. Nationalstolz in allen Ehren, Sinn ergibt das eher keinen. Man kennt sich und die Bühnenhelden ja schon ziemlich gut. Die, die man eigentlich erreichen möchte, erreicht man eigentlich eher nicht.

Darüber müsste überhaupt einmal geredet werden: funktioniert die Präsentation und Vermarktung in, durch und mit nationalen Schubladen überhaupt? Musikkonzerne alter, strikt kommerzieller Bauart kämen nie auf die Idee, den Meldezettel als Karriere-Kriterium heranzuziehen. Universal Österreich hat schon Schwierigkeiten, bei Universal Deutschland Gehör zu finden, wenn man nicht gerade einen Millionenseller im Talon hat, der auch jenseits der Grenze als „chancenreich“ eingestuft wird. Und „chancenreich“ bedeutet, den Durchbruch zunächst einmal nachprüfbar im eigenen Land geschafft zu haben. Dem Publikum selbst ist, wenn es sich nicht um Künstler und Interpreten mit bewusst versprühtem Lokalkolorit handelt, die Herkunft seiner potentiellen Lieblinge egal. Hätte sonst Franz Nidl aus Niederfladnitz im Waldviertel unter dem Pseudonym Freddy Quinn eine Karriere als singender Seemann in Norddeutschland starten können? Oder würden, aktueller, die burgenländischen Ja, Panik der Hamburger Schule in Berlin nacheifern?

Nun wissen wir: die Bedeutung und Durchschlagkraft der Majors hat – parallel zum schrumpfenden Markt – tendenziell abgenommen, die Aufmerksamkeit und Unterstützung für Indies seitens Väterchen Staat zugenommen. Etwa in Form von Musikinformationszentren und Exportbüros. Die sind nun mal national strukturiert. Und fördern die Mode, auf alles und jeden ein rot-weiß-rotes (oder in sonstigen Landesfarben gehaltenes) Fähnchen zu stecken. Und damit die Welt – die darauf freilich grosso modo eher zurückhaltend reagiert – beglücken zu wollen. Im Prinzip egalisiert sich so die individuelle Hilfestellung im weltweiten Konkurrenzreigen der Nationen, wenn auch – eventuell – auf höherem Niveau als ohne die entsprechenden Zentren, Music Export Offices und sonstigen Support-Einrichtungen.

Geschickte Musikmanager/innen werden sich dem freundlichen Rudelpudern nicht gänzlich entziehen. Sondern die Budgets der nationalen Hilfskräfte nutzen, um ihre Top-Acts im Ausland zu präsentieren. Jene, deren Namen vielleicht schon den einen oder anderen potentiellen Partner, Journalisten oder Musik-Importeur in Hamburg, Paris, Barcelona, Toronto oder Singapur aufhorchen lassen. Und jene, die zumindest solche singulären & spektakulären Qualitäten besitzen, dass man dem Zufall nicht ganz beiläufig und zufällig auf die Sprünge hilft.

Hoffentlich sind dann für diese Objekte des eigentlichen Interesses noch genügend Goldtaler in der Vereinsschatulle, um brauchbare, ja exzeptionell gute Rahmenumstände bieten zu können. Für denkwürdige Gastspiele und ernsthafte Geschäftsanbahnung. Denn derlei ist nun mal teuer. Sauteuer. Und wirkt – leider – (zu) selten. Jedenfalls abseits der üblichen gegenseitigen Schulterklopferei unter Funktionären, Festivaltouristen und sonstigen Freunden.

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