Posts Tagged ‘Musikindustrie’

Frühjahrsputz

1. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (402) Bei nächster Gelegenheit könnte auch die CD-Sammlung ausgemustert werden? Nur, wenn man nicht an Dingen, Hüllen, Erinnerungen hängt.

Aufstieg

Ich entnehme die Themen, die hierorts verhandelt werden, ja gerne der Bassena des 21. Jahrhunderts: Facebook. „Die großen Fragen des Lebens“ riss dort etwa die Autorin Sibylle H. neulich an, freilich mit einer Portion Selbstironie. Denn es ging um eher Profanes. „CDs sämtlich entsorgen und Spotify?“ lautete ihre Frage an die kommunikationshungrige Meute. „Oder doch nicht? Erfahrungsberichte, bitteschön.“

Aber gern doch. Rasch wogte die Debatte. „CDs sind auch schön zum Anschauen“, meinte eine Freundin. „Ich würde sie vermissen“. Unterstützung fand dieser Standpunkt von deutlich originelleren Stimmen: „Für jede CD, die man weggibt, stirbt irgendwo auf der Welt ein Kätzchen.“ Andere rieten zur dringenden, weil zwingenden Sublimierung der Tonträger, die vor gerade mal dreißig Jahren noch das Nonplusultra der digitalen Moderne verkörperten. Motto: „Ich habe alle CDs entsorgt und bin ein glücklicherer Mensch“.

Wankelmütige Geister suchten dagegen Zuflucht in pragmatischen Lifestyle-Modellen: „Spotify ist super, um in Neues reinzuhören und seine niederen Musikgelüste zu befriedigen.“ Aber: „Es ist nochmals ein anderes Gefühl, eine CD oder Schallplatte aus der Hülle zu nehmen und feierlich abzuspielen.“ Eine notorische Ö1-Hörerin stolperte mitten in die Diskussion mit der doch verblüffenden Frage: „Was ist Spotify“? Geschenkt. „Leider machen – so oder so – nur Radikallösungen Sinn“, merkte der gestrenge Musikkritiker an (es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er Hubert von Goisern-CDs rituell verbrennt). Letztlich, ein Tenor, sei alles Geschmackssache.

So ging es hin und her. Ich lachte ein wenig still in mich hinein. Und musste an eine Meldung denken, die mir kurz zuvor untergekommen war. Sie lautete: Erstmals in der Geschichte der US-Tonträgerindustrie sind mehr als die Hälfte der Einnahmen aus Streaming-Lizenzen erzielt worden. Tatsächlich rangieren Spotify, Apple Music, YouTube & Co. (über letzteres Angebot wird noch zu reden sein) aktuell bei 51,4 Prozent aller „Revenues“, also Geldrückflüsse, Downloads machen unter einem Viertel aus, physische Tonträger – darunter auch der in der Nische boomende Absatz von Vinyl – gar nur mehr 21,8 Prozent.

In den USA, wohlgemerkt. Hierzulande ist man konservativer. Aussterben wird die CD nicht ganz und gar so schnell – aber die Zahlen, Kurven und Trendanalysen sprechen Bände. Online-Radio, das in Amerika auch schon ein wesentlicher Faktor ist, gilt in Österreich als Exotikum. Noch. Facebook scharrt schon in den Startlöchern. Und doch sind alle Zweifel über den finalen Siegeszug der Digitalfraktion auch 2017 längst nicht ausgeräumt.

Dass Spotify durch die Bank quasi als Synonym für Streaming-Dienste genannt wird – Gratulation an die Spotify-Marketingabteilung! -, ist wahrscheinlich eine Altersfrage. Erwachsene, die die direkte Konkurrenz meist gar nicht kennen, mögen Werbeeinschaltungen und das kreative Chaos von YouTube wohl weniger – auch wenn es gratis ist (und dabei für die Künstler geheimgehalten niedrige Summen via AKM, GEMA & Co. abwirft). Jugendlichen ist’s egal.

Mir auch: es darf jeder nach seiner/ihrer Facon glücklich werden.

Abgesang

9. Dezember 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (389) Die Handelskette Libro will sich aus dem Geschäft mit Tonträgern und DVDs zurückziehen. Ernsthaft?

libro

Man wird mir bei dieser Kolumne Eigeninteressen – in meiner hauptberuflichen Rolle als Label-Betreiber und Musikproduzent – nachsagen. Aber sie sind, wenn überhaupt, nur am Rande gegeben. Ich schreibe diese Epistel vorrangig als Konsument. Als jemand, der es schätzt, dass es in vielen Städten, Märkten, Bezirken Österreichs noch Nahversorger gibt. Also Geschäfte, in denen man Lebensmittel, Kleinkram und Dinge des täglichen Bedarfs erwerben kann, ohne einen Tagesausflug an den Stadtrand planen zu müssen.

Zu meinen persönlichen Über-Lebensmitteln zählen freilich auch Papierprodukte wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, weiters Batterien, Schreibstifte, Technik-Accessoires und, ja, Filme und Musik. Hier kann ich auf eine privilegierte Situation bauen: im 7. Wiener Bezirk gibt es Elektronikmärkte, Plattenläden und Bürowarenspezialisten sonder Zahl. Wenn ich aber zu meiner Mutter ins nördliche Weinviertel fahre, wird mir die Misslichkeit der schwindenden Nahversorgung rasch bewusst. Was es in Hollabrunn grad noch käuflich zu erwerben gibt, ist in Retz schon ein fragliches Gut.

Apropos: nutzen Sie noch CDs und DVDs? Weit mehr als die Hälfte der Österreicher/innen tun das. Ungebrochen. Nun: es hat sich noch nicht weiter herumgesprochen, ist in der Branche aber kein Geheimnis mehr – der heimische Handelsriese Libro plant, 2017 keine CDs mehr in die Regale zu stellen. Ausser eventuell eine Handvoll Kinder-Produkte und Charts-Giganten. DVDs stehen „unter Beobachtung“, wie es firmenintern heisst. Man will sich mittelfristig wohl komplett aus dem Geschäft mit Bild- und Tonträgern zurückziehen.

Nun ist Libro nicht irgendeine Kette. Im Non Food-Bereich hat das aktuell 241 Filialen und 1600 Mitarbeiter zählende Unternehmen österreichweit fast ein Monopol. Und einen überproportionalen Marktanteil bei Schlager- und Volksmusik-CDs, Middle of the Road-Pop und Charts-Compilations. Nicht gerade das Repertoire, das ich persönlich höre. Aber: Mitnahmeartikel bleibt Mitnahmeartikel. Und sei es als billiges Geschenk. Warum also will das Management freiwillig auf einen Umsatz- und Frequenzbringer verzichten? Hat man ein geheimes PR-Abkommen mit Amazon abgeschlossen? Andersrum (und härter) gefragt: glaubt man noch an die eigene Zukunft?

Die revolutionäre Digitalstrategie der Libro-Geschäftsführung ist mir, sofern existent, unbekannt. Und ich bin auch kein Experte für Groß- und Einzelhandel im Hier & Heute. Aber der Zweikampf analoges versus digitales Business – der ja, der menschlichen Natur entsprechend, nicht zwingend ein Entweder/Oder kennt – wird von einer Filialkette nicht online zu gewinnen sein. Physische Produkte mit einer aus Glamour, Marketingbudgets und Medienaufmerksamkeit gespeisten produktimmanenten Strahlkraft tolldreist zum Gerümpel von gestern zu erklären (und die leerwerdenden Regalmeter genau wofür zu nutzen?), erscheint mir dann doch wie Selbstmord mit Anlauf.

Ja, Amazon, Netflix, Spotify, also Online-Einkauf, Download und Streaming kennt man auch in Retz und Hollabrunn. Manchmal möchte man aber doch eine handfeste Silberscheibe nachhause tragen.

Liebhaberwert

29. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (383) Erinnert sich noch jemand daran, was ein iPod war? Schade eigentlich, dass Apple ihm keine Zukunft zudenkt.

apple-ipod

Diese Kolumne kommt allmählich in ein Alter, in dem man schon ins eigene Archiv hinabsteigen kann, um fündig zu werden. Zumal mein persönlicher Blog – zu erreichen  unter groebchen.wordpress.com – bis ins vorige Jahrhundert, ja Jahrtausend zurückreicht.

Hier finden sich nicht nur alle 383 bis dato erschienenen „Presse am Sonntag“-Beiträge (übrigens oft in erweiterter Form und durchwegs mit hilfreichen links versehen), sondern auch Artikel, Glossen und Texte aus jenen Jahren, in denen ich Journalismus vorrangig als probates Mittel betrachtete, um den Geheimnissen des Wirtschaftslebens auf die Spur zu kommen.

Der erste Eintrag, der das Stichwort „iPod“ enthält, datiert vom Februar 2002. Ich habe das recherchiert, weil Apple dieser Tage glatt den 15. Geburtstag seines einst revolutionären MP3-Players vergessen hat. Am 21. Oktober 2001 lancierte der heutige Konzerngigant, der damals noch ziemlich in der Krise steckte, jenes Gadget, das die Musikindustrie auf den Kopf stellen sollte. Einerseits, weil es ungeniert das verfemte Piraten-Format MP3 kommerziell nutzte, anderseits, weil damit die weitere Entwicklungsschiene – über den 2003 eröffneten iTunes Music Store bis zum ersten iPhone anno 2007 – quasi vorgezeichnet war.

Mit der explosionsartigen Vermehrung von Smartphones wurde ein reines Musikabspielgerät jedoch zunehmend obsolet. Dennoch trauere ich dem iPod – ich besitze immer noch drei Exemplare, darunter einen „Classic“ mit 120 Gigabyte-Festplatte und freilich auch den Erstling, der wahrscheinlich schon Liebhaberwert hat – nach.

„Ich liebe die Idee, meine gesamte Plattensammlung im Hosensack mir mir herumzutragen“, schrieb ich vor vierzehn Jahren. „Und ich bin gerne bereit, für qualitativ hochwertige MP3-Kollektionen zu bezahlen.“ Von Spotify, Apple Music, Deezer & Co. – und Streaming generell – war damals noch keine Rede. Es ist witzig und traurig zugleich, die trägen (und teilweise absurd falschen) Reaktionen der Chefetagen von Universal, Sony, Warner Music & Co. nachzulesen. Davor ist übrigens auch Apple nach dem Ableben seines Gründers Steve Jobs nicht gefeit: der Konzern beschränkt sich auf die Fortschreibung des Erwartbaren.

Darf ich mir als Konsument mit Ausblick auf 2017 etwas wünschen? Ein auf Musikgenuss pur spezialisiertes iPhone nämlich. Eines, das für die Post-MP3-Ära (also das Abspielen von HiRes-Files) optimiert ist. Extra edel gestaltet. Mit exklusiver Abspielsoftware. Soundtechnisch höchstwertigem Innenleben. Mit altertümlichen Kopfhörer-Anschluß. Idealerweise auch mit SD-Karten-Speicherweiterung. Meinetwegen aber ohne Telefonfunktion.

Womit wir wieder – zurück in die Zukunft! – beim iPod gelandet wären.

Ohne Schlitz

14. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (372) Die Zukunft der Musikindustrie entscheidet sich im fahrenden Konzertpalast: dem Auto.

Auto-CD-Player

In meinem aktuellen Testauto, einem Kia Sportage, gibt es keinen CD-Player mehr. Das wurde mir bewusst, als ich einen ganzen Schwung Silberscheiben, die ich auf dem Weg von Wien nach Goldegg (und zurück) hören wollte, kurzfristig in den Kofferraum verfrachten durfte – sie waren zu nichts nütze.

Ich hätte die CDs – zumeist selbstgebrannte mit Demos diverser Künstler, die ich von Berufs wegen hören sollte – vorher rippen und aufs Handy transferieren müssen, um der Musik die gebotene Aufmerksamkeit schenken zu können. Und, ja, bei den letzten, vergleichsweise teuren Vehikeln, die ich chauffieren durfte, gab es noch einen CD-Schlitz.

Nun ist das natürlich ein Luxusproblem. Zumal das Entertainment-Center im Kia alle Stückl’n spielt. Und noch dazu herrlich selbsterklärend ist – mit kaum einem Fahrzeug bislang gelang das Bluetooth-Pairing mit dem Smartphone so selbstverständlich wie hier. Das JBL-Soundsystem verspricht zudem eine „fortschrittliche Clari-Fi Musikrestaurierungstechnologie, welche die Qualität von MP3-Dateien verbessert und deren Klang in High Definition bereitstellt“ (Prospekttext). Sorry, das ist natürlich audiotechnisch kompletter Unsinn. Aber die Anlage klingt annehmbar und lässt sich elegant steuern. AUX- und USB-Anschlüsse sind zusätzliche Verheissungen für die mobile Discothek. Soweit wunderbar.

Für die Musikindustrie aber ist die Botschaft des rasanten Abhandenkommens von CD-Playern im Auto eine, die mit gemischten Gefühlen aufgenommen werden wird. Denn es bedeutet, dass vorbespielte Tonträger – gemeinhin Alben oder, falls es sich um eine bunte Auswahl von Künstlern und Songs handelt, Compilations genannt – auf dem absteigenden Ast sind. Zwar betrug deren Anteil am gesamten österreichischen Musikmarkt anno 2015 noch rund 70 Prozent. Die zweistelligen Zuwachszahlen bei Streaming-Abos sprechen aber eine deutliche Sprache.

Auch ältere Generationen machen sich inzwischen mit der virtuellen Jukebox auf Abruf vertraut – gezwungenermassen, wenn die KFZ-Industrie den Systemwechsel forciert. (Wer erinnert sich noch an die Zeit, als die Cassettenschlitze aus den Autos verschwanden?) Und Downloads tut sich auch niemand mehr an, wenn Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer & Co. eh fast alle Wünsche erfüllen.

Playlists sind die neuen Compilations. Streaming ist das neue Radio. Alben sind Relikte von gestern. CDs werden bald nur noch nostalgische Staubfänger sein. Wie sangen einst Minisex? „Ich fahre mit dem Auto, alles geht so schnell.“

Kommunizierende Röhren

5. März 2016

Anlässlich der Debatte um heimische Klänge auf Ö3: wie wichtig ist anno 2016 Radio-Airplay für die lokale Musikszene? Eine Nachforschung. 

Ö3 Wanda

Die aktuelle Erfolgswelle österreichischer Pop-Acts – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Punkt.

Denn: der mit Abstand wichtigste Radiosender des Landes, einstmals Garant für breite Publikumswirksamkeit, hat sich über Jahre hinweg schrittweise von einem seiner öffentlich-rechtlichen Kernaufträge zurückgezogen: der Widerspiegelung des populären, zeitgenössischen, kommerziellen Musikschaffens inner- und ausserhalb der rot-weiß-roten „Musiknation“ (für den Rest sind Ö1, FM4 und Ö-Regional zuständig). Erst eine Initiative der SP-Kultursprecherin Elisabeth Hakel veranlasste im Vorjahr die ORF-Geschäftsführung, den Kurs der „Cashcow“ Ö3 wieder ansatzweise zu korrigieren – seither gilt eine freiwillige Selbstverpflichtung, die dem Sender eine Austro-Quote von mindestens 15 Prozent auferlegt. Im weltweiten Vergleich befindet man sich damit im untersten Drittel nationalen Airplay-Anteils.

Ö3 erfüllt diese Vorgabe mit Ach und Krach: die Titelrotation ist erstaunlich eng (von 200 im August 2015 gespielten Songs erfüllten schon 11 mehr als die Hälfte der Quote), die Entdeckungsfreude der Musikredaktion ungebrochen schaumgebremst, ein beträchtlicher Anteil der Kompositionen „made in Austria“ wird in die Nacht verfrachtet. Eine wesentliche Verbesserung der vielfach beklagten Situation tönt anders. Dennoch ist ein Paradigmenwandel eingetreten. Die heimische Szene hat zu einem neuen Selbstbewusstsein gefunden, das sich ökonomisch, kulturpolitisch und medial bemerkbar macht – der vormals gern gebrauchte Fingerzeig auf die „Austropop-Raunzer von gestern“ gilt nicht mehr. Zumal Rainhard Fendrich, Peter Cornelius, Papermoon & Co. mit ihren gut abgehangenen Evergreens einen bequemen Alterswohnsitz in den Regionalsendern gefunden haben.

Eitel Wonne also allseits? Nein. Denn einerseits beklagt Ö3-Chef Georg Spatt signifikante Reichweitenverluste (österreichweit von 36,4 auf 34,9 Prozent im aktuellen Radiotest) und schreibt sie ungeniert der ungeliebten Austro-Quote zu. Andererseits erntet er damit Empörung seitens jener Künstlerinnen, Künstler, Medien- und Musikexperten, die das als durchschaubaren Schachzug in einer nach strikt marktorientierten (und eventuell tendenziell überholten) Regeln geführten Formatradio-Konkurrenzschlacht werten. Sogar die raketengleich zu Popularität gelangte, von Ö3, FM4 und Radio Wien gleichermassen hofierte Wiener Band Wanda gab sich nach Spatts Wortmeldung spöttisch: „Blödsinn, wir retten das Radio.“

Nun: es ist hoch an der Zeit, diesen verunglückten und verkrampften Antagonismus aufzubrechen. Rundfunk und Popkultur verhalten sich seit jeher wie kommunizierende Röhren. Die US-dominierte Tonträger- und Radioindustrie haben gemeinsame Wurzeln, ihre Programme und Produkte nähren sich unmittelbar von der Kreativität der Kulturschaffenden, europäische Radiostationen (zumal die öffentlich-rechtlichen) haben sich – ob mit oder ohne Quote – regionaler Diversität und selbstverständlicher kultureller Repräsentanz verschrieben. Und hierzulande? Die Hochblüte der heimischen Dialektwelle in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wäre ohne Durchlauferhitzer Ö3 so nicht möglich gewesen.

Ist aber Airplay – sprich: Radio-Präsenz – überhaupt noch der essentielle Faktor im Pop-Geschäft des 21. Jahrhunderts? Immerhin hat sich das Rad technologisch deutlich weitergedreht: Streaming- und Downloadplattformen, Internet-Stationen mit engster Genre-Formatierung, Social Media und personalisierte Playlists sind heute weit verbreitet. In der jugendlichen Zielgruppe untergraben sie zunehmend die Dominanz des traditionellen Tagesbegleiters und Nebenbei-Mediums. Das Selbstverständnis selbstbewusster Radiomacher früherer Jahre – „Wir machen Hits!“ – wurde längst zugunsten der pragmatisch-defensiven Position „Wir machen keine Hits, wir spielen sie!“ aufgegeben. Bei Ö3 wurde ein zynisches „Wir haben keine Hits (aus Österreich), aber spielen sie trotzdem zu Tode“ draus.

Seiler & Speer, aktuell die verkaufsträchtigste Band des Landes, konnte auf Millionen YouTube-Klicks verweisen, bevor sie in die langwierigen Überlegungen hiesiger Musikredakteure aufgenommen wurden. Seit jenem Zeitpunkt im Herbst des vergangenen Jahres rotiert das Duo auf Ö3 in einer Häufigkeit, die selbst deklarierte Fans irritiert. Und jene, die auf den Wiener Dialekt-Schmäh – der lange Jahre als absolutes „No Go“ für landesweiten Radioerfolg galt – weniger abfahren, mittlerweile regelrecht abstösst. Ein kontraproduktives Ergebnis, gleichwohl negativ für das Medium und die Botschaft.

Generell trägt die sklavisch vorgegebene Wiederholung der ewig gleichen Musikmixtur im ewig gleichen Stundentakt, wenn man dem Substrat unzähliger Hörermeinungen, Postings und Umfragen Gehör schenkt, mindestens so stark zum langsamen Abstieg des Platzhirschen bei wie die hinausgezögerte Entscheidung, ob man sich eher einer älteren oder jüngeren Zielgruppe zuwenden will. Im Spagat zwischen „KroneHit“-Trivialpop und Siebziger-Jahre-Rockklassikern zerreisst es merkbar die Identität von Ö3. Und auch die Managements von Helene Fischer, Andreas Gabalier, Sarah Connor & Co. entwickeln Begehrlichkeiten, neue Verbreitungswege zu erschliessen – viele, vorrangig deutsche Pop- und HipHop-Interpreten streifen mittlerweile nicht ungern (oder jedenfalls nicht unabsichtlich) am Schlager-Terrain an. Bei dieser Zielgruppe steht das Radio ja nachwievor hoch im Kurs.

In diesem Kontext melden sich gern auch wortgewaltige Apostel des Wahren, Guten, Schönen zu Wort, die postulieren, nachhaltige Publikums- und Kritikerresonanz wären auch ohne Mainstream-Radio erzielbar. Und Ö3-Airplay sowieso uncool, imageschädigend, entbehrlich. Das Netz also als ultima ratio, als zeitgemässe Alternative und übermächtiger Öffentlichkeits-Hebel? Der Underground als natürliches Biotop der Off-Szene? Und Kunst strikt getrennt von kommerziellem Erfolg? So betrachtet könnten sich die erbittert ringenden Gegner Musikindustrie (die ja in Österreich vorrangig als Import-Filiale der Majors existiert), Indie-Szene und Formatradio entspannt voneinander lösen. Dass sie es nicht tun, sollte ein Beleg dafür sein, dass der Faktor Airplay nachwievor ein essentieller ist.

Der Wesensunterschied des linearen, non-partizipativen Mediums Rundfunk ist im direkten Vergleich zu On Demand-Plattformen wie YouTube, Spotify, Apple Music oder Deezer augen- und ohrenfällig: bei letzteren köchelt, wenn sich der Nutzer nicht auf maschinelle „Discover“-Empfehlungen oder spezielle Playlists einlässt, immer dieselbe Suppe am Herd. Bei Radioprogrammen, die Musik nicht nur als notwendige Fugenmasse zwischen Werbung, Nachrichten, Verkehrsfunk und Comedy-Elementen einsetzen, kommt es auch für Nebenbei-Hörer immer wieder zu positiven Überraschungen durch Konfrontation mit neuen, unbekannten, unvermutet gefälligen Musikstücken. Radio wirkt – gerade bei einem kulturell nur durchschnittlich interessierten Breitenpublikum, das aber für unmittelbare Emotionalisierung offen ist (was es ja durch Druck auf die „On“-Taste rituell signalisiert). Für Künstler und ihre professionelle Infrastruktur ist die Ummünzung und  Fortschreibung des banalen, aber wirkungsmächtigen Faktors Bekanntheit bei Live-Engagements, Auftrittsgagen und Folgeaufträgen von (über)lebensnotwendiger Wichtigkeit.

Das österreichische Musik-Informationszentrum MICA hat im Jahr 2014 eine ausführliche Untersuchung zum Thema Airplay unternommen. Kurzgefasst liest sie sich so: der unmittelbare finanzielle Ertrag aus Radioeinsätzen via AKM und AustroMechana ist überschaubar, trägt aber in einer funktionierenden Verwertungskette zu einer soliden Finanzierungsbasis für Autoren, Interpreten, Labels und Verlage bei. In punkto Öffentlichkeitswirkung ist Airplay aber kaum substituierbar. „Um kommerziell wirklich Erfolg zu haben“, resümiert MICA-Autor Markus Deisenberger (der dieser Tage auch eine nüchterne, lesenswerte Analyse der Radio-Debatte vorlegte), „führt in Österreich kein Weg an Ö3 vorbei.“

Eines der wesentlichen Probleme sei der Flaschenhals, den der Sender durch sein restriktives Formatradio-Selbstverständnis bilde: FM4 und Ö1 schlügen sich wacker, was die Aufmerksamkeit für neue Töne aus Österreich betrifft, erreichten aber nur einstellige Prozentanteile des potentiellen Publikums. Ö3 könne dagegen auf täglich rund 2,8 Millionen Hörer/innen bauen – die durchaus Interesse an neuen Namen und Gesichtern hätten. Jüngstes Beispiel: die seitens des ORF crossmedial konsequent forcierte Songcontest-Interpretin Zoe.

„Social Media ist beim Entdecken neuer Künstler am wichtigsten“, meint Sony Music-Spitzenmanager Philip Ginthör im aktuellen „Wired Magazin“. „An zweiter Stelle folgt das Radio. Die Bedeutung dieses Mediums hat wieder zugenommen, auch deshalb, weil wir eine enge Verzahnung erleben mit dem, was online passiert. Wenn Menschen Musik übers Radio kennenlernen, werden Songs gezielt gesucht – über Shazam, über Streaming-Dienste. Aber auch umgekehrt: Radioredakteure informieren sich sehr genau, was im Netz passiert, greifen Trends auf und bringen sie zu den analogen Medien zurück.“  Es gilt die selbstverständliche Regel: jeder Redakteur im Ausland, egal ob Radio, TV, Print oder Online, wird zuvorderst recherchieren, wie sich ein Song oder ein Album im Heimatmarkt schlägt.

„Ein gescheites Radio hilft dabei mit, Künstler aufzubauen und wartet nicht, bis sie im Ausland Erfolg haben“, ergänzt der WKÖ-Experte Werner Müller. „Das ist Wertschöpfungsexport österreichischer Kreativität und auch ökonomisch unklug.“ Ähnlich argumentiert AKM-Vizepräsident Peter Vieweger: „Man muss nur den Blick nach Deutschland werfen. Dort funktioniert es mit dem Einsatz lokaler Produktionen in lokalen und überregionalen Radios mittlerweile hervorragend. Der Erfolg ist evident. Und die Investitionsbasis für weitere Steigerungen, sowohl künstlerisch als auch kommerziell, gegeben. Es ist unverständlich, dass Österreich nicht rasch gleichzieht.“

Persönliches Fazit: es ist, wie so oft, weniger eine Frage des Könnens als eine Frage des Wollens. An Talent, Kreativität und Knowhow mangelt es jedenfalls nicht hierzulande. Es müssen ja auch nicht immer deutschsprachige oder gar dialektgefärbte Songs sein … Man höre in die neuesten Produktionen von Elly V. (ja, das war die herausstechende Zweite in der ORF-Songcontest-Vorauswahl), Robb, Avec, Der Nino aus WienFarewell Dear Ghost, Fijuka, Viech, Polkov, Gin Ga oder Leyya hinein, um nur ein paar zu nennen… Äther frei!

Last Man Standing

19. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (320) MP3, das Format, das die digitale Musikrevolution beflügelte, ist zwanzig Jahre alt. Und sieht immer noch einigermassen frisch aus.

MP3

Da kann Neil Young noch soviel wettern und zetern: er wird den digitalen Geist im gegenwärtigen Musik-Business nicht mehr in die Flasche zurückzwingen.

Ganz unrecht hat die knorrige Rock’n’Roll-Legende ja nicht, wenn sie von „the worst quality in the history of broadcasting or any other form of distribution“ spricht, also dem Status Quo der vielen Download- und Streaming-Services, die die CD dennoch längst alt aussehen lassen. Youngs Fazit: er zieht sein Ouevre von Spotify, Apple Music, Deezer & Co. ab. Spötter meinen ja, der „Heart of Gold“-Schöpfer höre selbst wohl nicht mehr richtig – denn nur wenigen Feingeistern gelingt es, den Unterschied zwischen 320kbit-MP3-Files und höherwertigen Quellen präzise zu orten – und er wolle wohl den von ihm mit entwickelten „Pono“-Player promoten.

Wie immer auch: die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Streaming ist auf dem Vormarsch. Quasi unaufhaltbar. In diesem Zusammenhang registriert man mit Erstaunen, dass das dafür wesentliche Audio-Format – MP3 – mittlerweile den zwanzigsten Geburtstag feiert. Es war ausnahmsweise nicht Silicon Valley, wo die Audio-Revolution seinen Ausgang nahm, sondern eine Arbeitsgruppe am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen in Deutschland unter der Leitung von Prof. Karlheinz Brandenburg. Was man im Sinn hatte, war eine brauchbare Audio-Qualität bei der Übermittlung digitalisierter Töne via Internet. Was nach jahrelanger Tüftelei herauskam, hatte für Musikbranche die „Sprengkraft einer Atombombe“, wie es das Avantgardemagazin „de:bug“ beschrieb.

Ich erinnere mich noch haargenau daran, dass ich 1998 in einem „Zeit“-Artikel das Thema erstmals aufgriff – und unter Kollegen (ich arbeitete damals in Hamburg als Manager für die Plattenfirma MCA) nur Hohn und Spott erntete. „Das ist doch nur etwas für Computer-Nerds!“, so der Tenor. „Wie soll so etwas die prächtige, mächtige Musikindustrie gefährden?“

Nun: binnen weniger Jahre ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Zwar gibt es immer noch silbrig glänzende Compact Discs und einen bemerkenswerten Vinyl-Retro-Hype, aber allein der Umstand, dass Apple nochmals einen neuen iPod auflegt, wird schon staunend belächelt. Und Neil Young wird, so meine Prognose, auch nicht auf ewig der „Last Man Standing“ inmitten des Mainstreams des Musikvertriebs sein (was sich freilich in verschiedene Richtungen deuten lässt).

Um Audio-Qualität geht es ja bei dieser Diskussion, auch wenn Young und andere Prediger anderes verkünden, eher nicht. Ungelöst sind inmitten des Streaming-Hypes dagegen wesentliche Fragen: wie sollen Künstler/innen in Zukunft gerecht bezahlt werden? Werden sich Fans an Abo-Modelle gewöhnen? Werden Spotify & Co. je profitabel sein? Kann man überhaupt noch von einer Musikindustrie sprechen? (und hätte eine negative Antwort nicht auch positive Implikationen?) Und: wie lange wird es dauern, bis auch das Format-Kürzel MP3 vergessen sein wird?

Märchenstunde

27. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (317) Was kann „Apple Music“, was die Konkurrenz nicht kann? Uns taxfrei rührige Märchen erzählen.

Apple Deal

Sie wollen ein modernes Märchen hören? Gerne doch.

Es geht so: der reichste Konzern der Welt möchte noch mehr Geld verdienen und startet ein neues Service. Es nennt sich „Apple Music“ und fungiert, nomen est omen!, als technische Plattform, die weltweit Musikproduzenten (also Musiker/innen und ihre Labels und Verlage) mit Konsumenten und Fans verbindet. Per Streaming. Was schlichterweise bedeutet, dass es keine Handelsware mehr gibt – nicht einmal mehr schnöde Datenpakete, die dauerhaft gespeichert werden*). Dafür aber ein Abonnement, das Zugriff auf eine schier unschöpfliche Datenbank bietet. Quasi die grösste virtuelle Jukebox der Welt.

Blöderweise gibt es dieses Service schon. Mehrfach. Der Platzhirsch heisst „Spotify“ und erfreut sich auch hierzulande wachsender Beliebtheit. Was wird nun Apple als Konkurrent, der mit Verspätung in den Markt drängt, anders, frischer, besser machen? Kurz gefasst: kaum etwas. Um aber dennoch für Aufhorchen zu sorgen, hatten die Marketing-Experten in Cupertino, USA eine forsche Idee: eine dreimonatige Gratis-Testphase für jedermann, der das Angebot unter die Lupe nehmen möchte. Die Sache hatte einen Haken: nicht nur der Plattform-Betreiber wollte an dieser Aktion nichts verdienen, sondern auch die Lieferanten sollten es nicht. Sie hätten ihre Musik dem Giganten Apple kostenlos zur Verfügung stellen sollen.

Es kam, was kommen musste: ein Aufschrei. Zuerst schreckstarr leise, dann immer lauter. Labels, Vertriebe, Interessensverbände und nicht zuletzt die Urheber erhoben Protest. Apple zeigte sich ungerührt, ja trotzig. Dann aber – und hier gleitet die Story ins Märchenhafte ab – meldete sich Taylor Swift zu Wort. Ein weiblicher Pop-Star, jung, schön, charismatisch. Und mit Millionen Followern auf Facebook und Twitter verbunden. „Wir bitten Sie nicht um kostenlose iPhones“, liess sie Tim Cook und sein Streaming-Team wissen. „Bitte verlangen sie von uns nicht, dass wir unsere Musik ohne Gegenleistung zur Verfügung stellen.“

Die Botschaft wurde erhört. Apple schwenkte plötzlich um. Die gute Fee Swift lobt, pardautz!, den vormaligen Bösewicht nun lautstark. Und lässt ihr neues Album „1989“ exakt hier exklusivSpotify darf sich aus der Ferne grämen, Swift hatte schon vor Monaten ihr Repertoire zurückgezogen – vertreiben.

Mein Instinkt sagt: etwas an dieser Geschichte ist faul. Oberfaul. Aber die Welt will nun mal Märchen hören. Am liebsten per kostenlosem Audio-Stream.

Anm.: *) Apple Music bietet – via iTunes Store – eine „Buy“-Funktion, die dauerhaftes Abspeichern ermöglicht.

Leben in der Nische

24. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (296) Die Schallplatte feiert ein Comeback. Aber hat sie eine wirkliche, ernsthafte Zukunftschance?

Record View

Glaubenskriege sind gerade sehr in Mode. Gottseidank (sic!) gibt es auch solche, die nicht ganz ernst zu nehmender, sondern eher unterhaltsamer Natur sind – wiewohl sie bisweilen in punkto Verbissenheit ihren gewaltsamen Artgenossen kaum nachstehen. Einer dieser lässlichen Glaubenskriege tobt seit jeher im Lager jener, die auf gutes Hören Wert legen – also im HiFi- und High End-Bereich. Und zwar zwischen der Analog– und der Digitalfraktion. Man dachte ja, dieser Konflikt wäre längst entschieden. Zugunsten der moderneren, bequemeren Technologie, die nur mehr Nullen und Einsen kennt.

Aber dann feierte plötzlich die gute, alte Schallplatte ein unerwartetes Comeback. Die Vinyl-Fetischisten jubelten Jahr für Jahr über zweistellige Zuwachszahlen, die Presswerke kamen (und kommen) kaum nach mit der Fertigung der schwarzen Scheiben, die Hardware-Hersteller zogen nach und werfen neue Plattenspieler-Modelle auf den Markt. Und der gemeine Musikfreund, darunter überraschend viele junge Fans, darf sich über eine Flut von Neu- und Wiederveröffentlichungen freuen, die zwar vergleichsweise teuer, aber auch wertbeständig sind. Und im Sammler-Regal ordentlich was hermachen. Vom Wohlklang in den Ohren gar nicht zu reden.

Alles eitel Wonne also? Nein. Denn noch ist z.B. die Frage ungeklärt, wo die wenigen weltweit noch existenten Presswerke im Fall des Falles Ersatzteile her bekommen – die Maschinen werden längst nicht mehr gebaut. Aber gilt nicht die alte Regel: wo Nachfrage, da auch ein Angebot? Generell wohl schon. Allerdings zücken dann die CD-, Download- und Streaming-Verfechter, also die Digitalisten, eine frappierende Statistik: jene der Vinyl-Absatzzahlen seit den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und da sieht der aktuelle Boom der schwarzen Scheibe dann doch vergleichsweise mickrig aus. Eine Nische ist eine Nische ist eine Nische.

Wenn diese Nische aber eine gewisse Marktrelevanz und tragfähige Breite erreicht – und die Schallplatte ist auf dem besten Weg dahin, jenseits allen Hype-Getrommels –, dann ist allen gedient. Business bedeutet nun mal etwas anderes als reine Liebhaberei. Die CD-Verkaufszahlen sinken kontinuierlich – im Indie/Alternative-Sektor haben Schallplatten die CD fast schon eingeholt. Nach Meinung vieler Experten läuft es auf eine neue Dualität Vinyl (physisch) und Streaming (non-physisch) hinaus (wobei hier die Frage der Monetarisierung weitgehend ungeklärt ist).

Für viele Künstler und Bands (vor allem Newcomer), Indie-Labels, Händler und Plattenläden ist das Leben in der Nische also keine Luxus-, sondern eine schlichte Überlebensfrage.

Strategie & Perfidie

25. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (259) Kann man einen “Shitstorm” inszenieren? Eine heikle Frage mit einer klaren Antwort.

Radio1

Es ist schwierig, etwas in eigener Sache zu sagen und zugleich den Versuch zu unternehmen, annähernd objektiv zu bleiben. Aber ich will es wagen.

Worum geht es? Vordergründig um die leidige „Affäre Lichtenegger“, die im Lauf der vergangenen Woche in YouTube, Facebook und Twitter – landläufig Neue Medien genannt – aufploppte. Und ihre zwangsläufige (?) Fortsetzung und Ausschlachtung in Print, Radio und TV fand. Eine Ö3-Moderatorin hatte in einem Interview so unbedarft wie unbedacht eine leicht abschätzige Haltung zur lokalen Musikszene geäussert, die sich rasant verbreitete. Und hämische Kommentare hervorrief. Die Sache wäre nicht weiter der Rede wert, wenn sich hier nicht ein weites und tiefes Unbehagen kanalisiert hätte, das diversen ORF-Top-Managern und „Public Value“-Strategen zu denken geben müsste.

Was es oberflächlich betrachtet auch tat. Denn der Ö3-Chef verkündete umgehend, die Kritik vieler „Interessierter“ – also Musikschaffender wie Radiohörer – sei nicht unberechtigt, sein Sender „denke nicht so“ und man müsse „bessere Bedingungen und eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Miteinander“ schaffen.

Positives Signal! Allein: diverse Kommunikationsexperten und Spin Doctors des Unternehmens schalteten zeitgleich in den Rückwärtsgang. Mit vollem Karacho. Die Kernbotschaft lautete nun gegenüber der eigenen gutgläubigen Kollegenschar und diversen „Medienpartnern“: das hätte die böse Musikindustrie angestossen. Um ihres eigenen wirtschaftlichen Vorteils willen.

Geht es noch dümmer, perfider, kontraproduktiver? Diese Verschwörungstheorie ist in etwa so weltfremd, absurd und unkundig der Spielregeln und Mechanismen der Online-Welt wie die These, der Zusammenbruch einer Moderatorin im Studio und der anlassgebende Shitstorm im Internet wäre eine Inszenierung des ORF selbst gewesen.

Bei allem Verständnis für Wagenburg-Mentalität und Mitgefühl mit der gebeutelten Ö3-Ansagerin: da schütten manche bewusst Öl ins Feuer, um ihre eigene Position möglichst nicht zu gefährden. Und die hat wohl auch in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen – it’s the economy, stupid! – mehr mit dem eigenen Geldbörsel als mit einem Kulturauftrag zu tun. Eine lästige Sachfrage, die – ohne greifbares Ergebnis – seit fast zwanzig Jahren diskutiert wird, so (vermeintlich) dialektisch-clever zu einem bald vergessenen „Seitenblicke“-Dramolett umzubiegen, kann und wird nicht gelingen.

Ich gestehe, die Rasanz und Vehemenz der Entwicklung im unkontrollierbaren Social Media-Minenfeld hat auch mich – ich sitze ja quasi mitten in der mächtigen Manipulations-Schaltzentrale der heimischen „Musikindustrie“, haha! – überrascht. Aber die Absehbarkeit der Reaktion des ORF, seine Dialogunfähigkeit und sein Unverständnis heutiger Medientechnologien macht nur noch traurig.

Schöne neue Freiheit

12. April 2013

Eine Wortspende, pardon: Keynote auf der Musikmesse Frankfurt – für den VUT (Verband der unabhängigen Tonträgerproduzenten und Musikunternehmen Deutschlands).

Don't believe

Ich habe mir vorgenommen, einen Text zu schreiben, für dessen Erstellung nicht mehr als eine Stunde und zwanzig Minuten vonnöten sein werden. Dieser Text – und dessen öffentlicher Vortrag hier – ist das Ergebnis einer Interessensabwägung und des Versuchs, eine vertretbare Balance zu finden von Aufwand und Entlohnung. Ich kann Ihnen vorweg nicht versprechen, zu einem allseitig befriedigenden Resultat zu kommen.

Da die Entlohnung gleich null ist, ist dieses Experiment dem uralten Phänomen des Enthusiasten geschuldet. Wenn ich Chris Gercon, dem Leiter der Londoner Tate Gallery of Modern Art, trauen darf, bin ich als Enthusiast einer unter Millionen. Einer aus einer ganzen Armee kreativer Dienstleister. Wenn ich ihn kursorisch zitieren darf: „Man spricht von Creative Industries, aber das ist nur ein Trick, um das ökonomische Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen.“ Der Enthusiasmus ist also die Währung des Prekariats. Sie unterliegt einer rasanten Inflation.

Nun: ich hätte diese eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit – sie entsprechen in etwa der Flugdauer Wien – Frankfurt – nicht Yamaha oder Sony, nicht Apple, Universal, Native Instruments, Spotify oder Fender geschenkt. Der VUT als Club der legéren Prekären darf dagegen das Geschenk gelassen annehmen. Hat er je etwas anderes als Enthusiasmus und Selbstausbeutung kennengelernt und propagiert – quasi als pragmatisches Miniatur-Geschäftsmodell?

Ironie off. Ich will versuchen, zehn Thesen zum Status Quo der Musikindustrie abseits der Majors & Multis zu formulieren. Vielleicht gehen sich aber nur neun oder gar nur fünf aus – die Uhr tickt. Und ich erlaube mir, Sie direkt anzusprechen. „Sie“ meint also die Musikindustrie – was immer man individuell darunter verstehen mag.

Eins: Sie haben Ihren Geschäftsgegenstand verloren.

Ich meine damit zuvorderst die Musikindustrie im engeren Sinne (oder nach altem Verständnis): die Tonträgerindustrie. Sie haben kein physisches Verkaufsobjekt mehr. Okay, die CD-Regale und Tonträgerabteilungen bei Saturn, Mediamarkt, Libro & Co. existieren noch. Aber nicht mehr lange. Und sie sind heute schon erschreckend leer. Die Erosion des Geschäftsmodells, das an ein Trägermedium gebunden ist (und durch dieses auch determiniert wurde), wird immer rasanter und deutlicher. Wenn nicht Download-Plattformen und Streaming-Dienste das Terrain übernehmen, schlägt Amazon zu. Gnadenlos. Die CD, schon lange ungeliebt und längst zum Wegwerfgegenstand herabgewürdigt, wird zum nostalgischen Geschenk oder verschwindet ganz. Okay, im Promillebereich legt Vinyl wieder zu – aber das ist ein Retro-Phänomen und Nischenmarkt par excellence. Eine Liebhaberei. Ein Enthusiasten-Fetisch. Schön, dass es diese Enthusiasten gibt. Die Musikindustrie im allerengsten Sinne hat immer auch (und vielleicht sogar zuvorderst) von ihnen gelebt. Aber Enthusiasten sind selten Industrielle. Und vice versa.

Zwei: wer jetzt meint, Downloads & Streaming würden die gewohnten Verhältnisse und Strukturen retten, hat die Digitalisierung nicht verstanden.

Die Ablösung des Analogen durch Ketten von Nullen und Einsen wurde und wird ja nicht leichtfertig zum Paradigmenwechsel erklärt. Ein Paradigmenwechsel meint: radikale Implikationen. Die Zertrümmerung des Althergebrachten. Einen völlig neuen Erfahrungs- und Denkhorizont. Komplett durcheinandergewürfelte Schöpfungs- und Verwertungsketten. Neue Formen der Produktion, Distribution, Kommunikation, Rezeption und Konsumation von Musik. Es gibt kein Original mehr, weil es auch keine Kopie mehr gibt. Die Grenzen zwischen legal, illegal und scheißegal existieren nicht mehr. Die Erlösmodelle von Spotify, Deezer, Rrdio, Simfy & Co. sind nachwievor undurchsichtig, unbestätigt, unkalkulierbar. YouTube ist immer billiger. Weil gratis. Sie kriegen den Geist nicht zurück in die Flasche. Was gerade abläuft auf diesem Planeten, von WikiLeaks bis Big Data, von Fukushima bis zur Finanzkrise, ist gerade mal die Ouvertüre. Da sind doch GEMA- & Google-Streitereien und Urheberrechtsdebatten ein Orchideenthema dagegen. Oder?

Vordergründig: ja. Bei näherer Betrachtung: nein. Auch wenn das – leider – viele Künstler selbst so sehen, vielleicht aus Unverständnis, Zeitnot, Apathie oder einem dümmlichen Zeitgeist-Opportunismus. Es geht um die schlichte Frage, wie Urheber und ihre Sparringpartner & Dienstleister, zuvorderst Labels, Distributoren und Verlage, in Zukunft ihre Schöpfungen, Copyrights und Leistungen monetarisieren können. Kommen Sie mir bloß nicht mit 360 Grad-Modellen: das ist weitgehend eine Illusion – außer bei längst etablierten Künstlern. Die wesentlichen Fragen sind, sorry to say that, ungelöst. Und zuvorderst ist das die Frage um die Lebensgrundlage professioneller Künstler/innen.

Drei: Sie leben – wir leben – inzwischen von Goodwill, Spenden und Subventionen.

Mit Spenden meine ich übrigens nicht ein paar Münzen in einem alten Hut, wie bei Strassensängern und Bettelmusikanten. Sondern freiwillige Beiträge, Micro-Payment, Aufmerksamkeit – die wichtigste Währung des Business –, Likes, Fans, Follower, Nebenerlöse aus Eintrittskarten für Live-Events – das ist die härteste Währung –, Sponsoring und neue Modelle wie z.B. Crowdfunding. Wer immer heute Musik – also Musikstücke, Songs, Tracks, portionierte Musik, wie immer sie es nennen wollen –, käuflich erwirbt, zeigt entweder einen bewussten, fast schon ideologisch-idealistischen Goodwill, komplette technische Ahnungslosigkeit oder luxuriöse Bequemlichkeit. Eine der vielen Wahrheiten in diesem an Lügen reichen Business ist: die staatlichen, halbstaatlichen und mäzenatengleichen Subventionen beginnen die Popkultur zu unterwandern. Oder, ganz nach Geschmack, zu überlagern. All die Förderprogramme, Initiativen, Musikfonds, Produktions-, Export- und Vermarktungszuschüsse sind zusammen aber kaum ein Tropfen auf den heissen Stein. Und sicher kein Ersatz für ein langfristig tragfähiges, zukunftstaugliches Wirtschaftsmodell.

Vier. In jeder Krise gibt es Verlierer. Und Kriegsgewinner. Aber die Gewinner bestätigen zumeist nur die Regel, dass die Revolution gern ihre eigenen Kinder frisst.

Gut, nein: schlecht! werden Sie sagen, dieser Gröbchen ist ein Untergangsprophet, ein Kleinhäusler, ein notorischer Pessimist. Bin ich übrigens nicht. Ich sehe, wo viel Schatten ist, ganz der Logik gehorchend, auch viel Licht. Und, ja, bislang ist der Mensch als physische Entität, als Wesen aus Leib und Blut, als unklonbares Individuum nicht abgelöst. Das heisst, alle mit der persönlichen Präsenz des Künstlers, mit der Person an sich, mit der Aura, der Strahlkraft, der Präsenz, dem Talent, Können und Knowhow eines bestimmten Menschen verbundenen Elemente sind und bleiben der wesentliche Faktor in diesem Geschäft. Mehr denn je.

Unverwechselbarkeit, sprich: die Deckungsgleichheit von Image und Realität und eine fast schon banale analoge Körperlichkeit sind Trumpf. Deswegen kann man für Tickets & Konzertkarten auch so viel Geld verlangen. Deswegen giert die Menschheit so sehr nach der leibhaftigen Greifbarkeit von Stars. Und deswegen kann ein DJ heute einfach einen USB-Stick mit ein paar Files und einer vorbestimmten Playlist abspulen, ohne von der breiten Masse des Publikums schief angeschaut zu werden. Die werte Kollegenschaft mag sich beim Salzamt oder bei der Neidgenossenschaft beschweren, ohne Resultat: es genügt, wenn er oder sie dazu lächelt und höchstpersönlich ab & an die Arme in die Höhe reisst. Für 98 Prozent der Nachwuchskünstler, Semi-Profis und Provinz-DJs bleibt das aber eine Pose vor dem eigenen Spiegel.

Gut, wenn Sie sich selbst nicht dazu zählen wollen. Noch besser, wenn sie alle anderen nicht dazu zählen.

Fünf. Du hast keine Chance. Also nutze sie.

Ehrlich gesagt: diese Regel hat immer gegolten. Auf eine Handvoll Stars kommt seit jeher eine ganze Schattenarmee von Hobbymusikern, ewigen Talenten, Leuten, die es nicht geschafft haben und nie schaffen werden. Wobei: das was hier „geschafft“ werden kann und soll, ist ja ein verdammtes Erfolgsklischee. Individueller Erfolg muß immer nur einer individuellen Definition genügen. Das, was landläufig darunter verstanden wird, also kommerzieller Erfolg, Bekanntheit, Status, wird immer flüchtiger, unbeständiger und zweifelhafter. Wo in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch die sprichwörtlichen „15 minutes of fame“ nach Andy Warhol gegolten haben, sind es heute eher „15 seconds of fame“ – jene Zeitspanne, nach der man auf Facebook oder Twitter weiterklickt. Ernsthaft – ich habe heute beim Flug von Wien nach Frankfurt, Dauer eben 1 Stunde 20 Minuten, aktuelle Musikmagazine studiert. Wovon und worüber berichten die? David Bowie, Depeche Mode, Pavement, DJ Koze, Phoenix, Black Sabbath, Charles Bradley, Tocotronic, Richard Dorfmeister – sorry, Richard, aber Du bist ein fast so alter Sack wie ich. Das sind lauter alte Säcke. Ewige Helden? Gut abgehangene Klassikaner? Oder ist man einfach nur inzwischen zu abgeklärt, zu verstockt, zu faul oder zu realistisch, um sich neue Namen und Gesichter zu merken?

Sechs. Es gibt zu viel Musik. Bad news für das Starprinzip, aber keine Todesgefahr für die Musik per se.

Für Musikjournalisten oder die Musikchefs von Radiosendern ist das Faktum der Unaufgeschlossenheit für neue Namen, Gesichter und Sounds ein Armutszeugnis. Mehr denn je. Viele lassen sich z.B. nachwievor CDs schicken – und nutzen den eventuellen Verweis auf Unkörperlichkeit des Musikprodukts als Barriere, Abwehrargument oder ultimativen Programm-Ausschliessungsgrund. Dem Publikum selbst ist kein Vorwurf zu machen. Bei all den kurz- und kürzestlebigen Mikro-Trends behalten selbst Experten keine Übersicht.

Musik ist trotzdem überall & allgegenwärtig. Ich habe ja vorhin von Licht gesprochen. Wo leuchtet es? Wo sind sie also, die positiven Seiten, Chancen und Hoffnungsgebiete im digitalen Nirvana? Das ist eine davon: diese völlig unkomplizierte rasche und allerorten mögliche Verfügbarkeit von Musik. Ich glaub’, man nennt das Niederschwelligkeit. Sie lesen über etwas, und hören es quasi im gleichen Augenblick. Sie hören etwas im Radio oder online – und der Download startet (sofern man den überhaupt noch für nötig befindet, eventuell aus einem Rest-Sammlertrieb heraus). Das ist schlecht für den Distinktionsgewinn, aber gut für Entdeckernaturen.

Und es hilft im Gegenzug auch den verbliebenen physischen Kultobjekten. Der Vinyl-Boom erklärt sich daraus. Und, so wie die Musik enorm liquid geworden ist (wenn auch nicht im monetären Sinn, hier trägt die universelle Verfügbarkeit zur Entwertung bei) und die Musikrezeption zum Alltagsphänomen, ist auch Musikproduktion , Musikdistribution, Social Media-Marketing, Below the line-Promotion… etc. usw. usf. für jedermann möglich. Brauch’ ich ausgerechnet Ihnen nicht erklären… Wir sind hier ja auf einer Musikmesse, oder? Was kostet heute ein Synthesizer, der ein ganzes Symphonieorchester ersetzt? Eine Upload- & Vermarktungs-Software? Oder ein komplettes Aufnahmestudio „in the box“? Aber was folgt daraus – ein egalitär-kraftmeierisches Hauen & Stechen, ein Kampf um Aufmerksamkeit, das alte Darwinsche Prinzip im Kunst- & Kulturbereich? Werfen Sie ruhig mal einen Blick auf Ihren Nachbar oder Ihre Nachbarin.

Sieben. Musik wird, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine enorm positive Kursentwicklung erleben.

Gründen Sie ein Label! Sofort! Oder noch besser: zwei. Einen eigenen Internet-Radiosender! Eine neue Streaming-Plattform für obskure Krautrock-Raritäten! Eine Record Company zum Mieten! Ein Musikmagazin für Tablet Computer! Oder meinetwegen auch eins, das noch Papier und Druckerschwärze kennt. Einen Verlag, der anders funktioniert als alle anderen! Eine anarchistisch-autarke Selbstvermarktungsmaschine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ein Enthusiasmus-Perpetuum Mobile. Eine … Man könnte, nein, man sollte… Tja. Sorry to say that: Time Over. Zeitkontingent aufgebraucht. Enthusiasmus-Reserve gegen null. Text-Ende. Jetzt liegt der Ball bei Ihnen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Sie ist letztlich doch eine Belohnung, die man nicht geringschätzen darf.

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