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Signalstärke

20. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (316) Frage an Radio Eriwan: muss eigentlich wirklich alles in Nullen und Einsen zerlegt werden?

DAB+ Radio

An dieser Stelle ist eine Entschuldigung fällig. Letzte Woche hatte ich die Betreiber des heimischen Rundfunkanbieters KroneHit einer, gelinde gesagt, nicht unumstrittenen Äußerung geziehen. Und zwar, weil sie den plakativen Werbespruch „Wir sind die meisten Digitalradios!“ verwenden – ohne auch nur eine einzige Frequenz beim derzeit laufenden Digitalradio-Feldversuch im Raum Wien zu bespielen.

Eine aufreizende Ansage für alle Mitbewerber, die keine Kosten und Mühen scheuen, Praxiserfahrung zu sammeln und den Äther mit neuen Formaten und Inhalten zu bestücken. Wer immer ein modernes Radiogerät daheim hat, das neben UKW auch DAB+ beherrscht, mag sich selbst ein (Hör-)Bild machen.

Aber, um ehrlich zu sein: ich kann auch die Position des Geschäftsführers und des Programmchefs von KroneHit nachvollziehen. Die hatten mächtig protestiert und mich, auch nicht maulfaul, mit ihrer Meinung konfrontiert, ich wäre mit meinem Medienverständnis „vor einigen Jahrzehnten hängengeblieben“. Denn: auch Web-Channels (Krone-Hit bietet davon ein ganzes Bouquet) wären Digitalradio. Und DAB+, also digitales, terrestrisches Broadcasting im engeren Sinne, hätte Nachteile. Für die Hörerinnen und Hörer, nicht zuletzt aber auch für die Anbieter.

Letztlich werde man sich doch nicht das eigene Geschäft – das vorrangig auf der eng begrenzten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen beruht – kaputtmachen lassen. Was übrigens auch den übermächtigen Leithammel der hiesigen Radiolandschaft, Ö3, bewogen haben dürfte, nicht nachdrücklich für ein eigenes DAB+-Versuchsprogramm („FM21“) zu kämpfen. Der Gesetzgeber erlaubt derlei Sperenzchen ja erst gar nicht. So macht man es sich im Status Quo bequem.

Ist es aber ernsthaft vorstellbar, dass Rundfunk das einzige Massenmedium ist, das nicht dem technischen Imperativ der Digitalisierung gehorcht? Da spricht wohl schon die – wenngleich schneckenlahme – Entwicklung auf internationaler Ebene dagegen. Österreich als einsames Analog-Eiland ist kein realistisches Szenario. Aber DAB+, dessen Zukunft auch noch in den Sternen steht (man denke etwa an das Schicksal des ärgerlich kurzlebigen Digital-TV-Standards DVB-T), muss ja nicht die einzige Alternative zum UKW-Dampfradio sein und bleiben. Denn nicht nur die Zurückhaltung der kommerziellen Radiokapitäne, sondern auch die Skepsis des p.t. Publikums ist hör- und spürbar. „DAB+ ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat“, schrieb mir etwa ein aufmerksamer Leser dieser Kolumne – und ganz unrecht hat er nicht.

Ob die Zukunftsmusik im Jahre 2020 also analog aus dem Autoradio dudelt oder – so oder so – digital aus dem Handy (dem aktuellen Schlachtplatz der Radioszene) oder gar beide Welten nebeneinander existieren, darüber dürfen Wetten abgeschlossen werden. Stay tuned.

Antennen-Los

13. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (315) Wie man laut dröhnend seinen Hörern den Unterschied zwischen Web- und Digitalradio verschweigt.

Ghettoblaster

„Wir sind die meisten Digitalradios!“, dieser Werbespruch des heimischen Privatradioanbieters KroneHit, ist nicht unumstritten. Aber das ist man ja von der Branche gewohnt. Wo einem die „besten Hits der 80er, 90er und von heute“ versprochen werden, geht meist nur die übliche Formatradio-Tristesse on air, „der schnellste Verkehrsservice Österreichs“ ist genauso flott und akkurat (oder auch das Gegenteil davon) wie die Konkurrenz. Und auch honorige Auszeichnungen, wie sie unlängst beim neu gestifteten Radiopreis vergeben wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Superlativ die Normgrösse der Marketingabteilung ist. Und zwar aller Marketingabteilungen.

Was also ist so mißverständlich an der Behauptung von KroneHit? Immerhin bietet der Sender – zusätzlich zu seiner UKW-Frequenz – gleich 18 Internet-Streams an, von „Vollgas“ bis „Balkan“ (die so die jeweiligen Zielgruppen gleich volley ins Visier nehmen). Radio im engeren Sinn ist das nur bedingt, eher schon eine billige, computergenerierte Musiksoße auf Endlosschleife. Wem’s gefällt… Natürlich trachtet der strikt kommerzielle Rundfunkanbieter mit diesem Schmäh, möglichst viele Hörer/innen bei der Stange zu halten und bei den halbjährlichen Radiotests zur Nennung des richtigen Sendernamens zu bewegen. Nur so bleibt der Anteil am Werbekuchen üppig genug, um unbesorgt in die Zukunft zu marschieren.

Was ja real nicht passiert. Im Gegenteil. Denn terrestrisches (!) Digitalradio macht KroneHit nicht, sondern Internet-Radio. Ersteres können Sie seit ein paar Tagen im Großraum Wien empfangen, wenn Sie ein Gerät daheim oder im Auto haben, das den Standard DAB+ beherrscht. Feldversuch, Baby! Da aber sind KroneHit und andere wesentliche Player der Privatradio-Szene nicht dabei. Und, hoppla!, auch der ORF glänzt durch Abwesenheit. Dafür gibt’s – neben etablierten Marken wie NRJ, Arabella oder lounge.fm – plötzlich den Autofahrerclub ARBÖ live on air. Und einige obskure Nischenfüller mehr.

Technisch ist das ja alles kein Mirakulum, praktisch scheuen Ö3 & Co. eine digitale Angebotserweiterung. Der Grund dahinter: die schlagartige Neuordnung des Marktes beim Umstieg von analogem UKW-Radio auf den gültigen terrestrischen Digitalstandard DAB+ (von der Behörde für 2018 in Aussicht gestellt).

Also kratzt man alles an müden Argumenten und Ausreden zusammen, um sich ja nicht zu früh auch nur einen Millimeter bewegen zu müssen. Der Ton macht die Begleitmusik: der gern verwendete Fingerzeig, Millionen UKW-Empfänger würden im Fall des Falles schlagartig Elektroschrott, ist zwar einigermassen stichhaltig – aber seltsamerweise hat das beim Analog/Digital-Umstieg der Fernsehsender auch niemanden gekratzt.

Strategie & Perfidie

25. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (259) Kann man einen “Shitstorm” inszenieren? Eine heikle Frage mit einer klaren Antwort.

Radio1

Es ist schwierig, etwas in eigener Sache zu sagen und zugleich den Versuch zu unternehmen, annähernd objektiv zu bleiben. Aber ich will es wagen.

Worum geht es? Vordergründig um die leidige „Affäre Lichtenegger“, die im Lauf der vergangenen Woche in YouTube, Facebook und Twitter – landläufig Neue Medien genannt – aufploppte. Und ihre zwangsläufige (?) Fortsetzung und Ausschlachtung in Print, Radio und TV fand. Eine Ö3-Moderatorin hatte in einem Interview so unbedarft wie unbedacht eine leicht abschätzige Haltung zur lokalen Musikszene geäussert, die sich rasant verbreitete. Und hämische Kommentare hervorrief. Die Sache wäre nicht weiter der Rede wert, wenn sich hier nicht ein weites und tiefes Unbehagen kanalisiert hätte, das diversen ORF-Top-Managern und „Public Value“-Strategen zu denken geben müsste.

Was es oberflächlich betrachtet auch tat. Denn der Ö3-Chef verkündete umgehend, die Kritik vieler „Interessierter“ – also Musikschaffender wie Radiohörer – sei nicht unberechtigt, sein Sender „denke nicht so“ und man müsse „bessere Bedingungen und eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Miteinander“ schaffen.

Positives Signal! Allein: diverse Kommunikationsexperten und Spin Doctors des Unternehmens schalteten zeitgleich in den Rückwärtsgang. Mit vollem Karacho. Die Kernbotschaft lautete nun gegenüber der eigenen gutgläubigen Kollegenschar und diversen „Medienpartnern“: das hätte die böse Musikindustrie angestossen. Um ihres eigenen wirtschaftlichen Vorteils willen.

Geht es noch dümmer, perfider, kontraproduktiver? Diese Verschwörungstheorie ist in etwa so weltfremd, absurd und unkundig der Spielregeln und Mechanismen der Online-Welt wie die These, der Zusammenbruch einer Moderatorin im Studio und der anlassgebende Shitstorm im Internet wäre eine Inszenierung des ORF selbst gewesen.

Bei allem Verständnis für Wagenburg-Mentalität und Mitgefühl mit der gebeutelten Ö3-Ansagerin: da schütten manche bewusst Öl ins Feuer, um ihre eigene Position möglichst nicht zu gefährden. Und die hat wohl auch in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen – it’s the economy, stupid! – mehr mit dem eigenen Geldbörsel als mit einem Kulturauftrag zu tun. Eine lästige Sachfrage, die – ohne greifbares Ergebnis – seit fast zwanzig Jahren diskutiert wird, so (vermeintlich) dialektisch-clever zu einem bald vergessenen „Seitenblicke“-Dramolett umzubiegen, kann und wird nicht gelingen.

Ich gestehe, die Rasanz und Vehemenz der Entwicklung im unkontrollierbaren Social Media-Minenfeld hat auch mich – ich sitze ja quasi mitten in der mächtigen Manipulations-Schaltzentrale der heimischen „Musikindustrie“, haha! – überrascht. Aber die Absehbarkeit der Reaktion des ORF, seine Dialogunfähigkeit und sein Unverständnis heutiger Medientechnologien macht nur noch traurig.

Highest Fidelity

23. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (255) “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, wusste Antoine de Saint-Exupéry. Aber wie ist das mit dem Hören?

PHILIPS GF851

Nie klang Musik besser als mit dem Philips GF851 Stereo Wechsler Electrophon inkl. Keramiksystem GP215 mit Diamant (genau so stand’s im Prospekt). Der Verstärker hatte nur 2 x 8 Watt Ausgangsleistung und der Rumpelgeräuschspannungsabstand lag bei >55 Dezibel, der „aufsteckbare Plattenandrücker für Wechslerbetrieb“ ging nie in Betrieb und die Lautsprecherboxen waren Vollplastik wie der Rest, aber anno 1977 war das, sagen wir mal: eher egal.

Natürlich war es ein billiges Klumpert. Aber es fehlte an Vergleichsmaßstäben. Objektivität ist sowieso langweilig. Und Pop ein bonbonfarbenes tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen habe.

Denn das ist die – so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten Designers ab. Eher von offenen Ohren, einer Riesenportion Entdeckungslust und Rock’n’Roll! als kategorischem Imperativ. Selbst wenn Sie eher Coltrane, Bach oder Eno zuneigen. Ich stand damals ja mehr auf Drahdiwaberl, Suzie Quatro und das Electric Light Orchestra.

Viele Jahre nach der Inbetriebnahme meiner ersten Stereoanlage machte ich eine Reportage für das „Diners Club Magazin“. Und sprach mit ausgesuchten Profis über ihr Hör-Equipment, von der – leider längst verstorbenen – ORF-Jazz-Legende Walter Richard Langer bis zu einem heute noch aktiven High End-Fetischisten, der sich kindssarggroße Verstärker selbst baute. Weil der Markt seiner Meinung nach „nichts Erwachsenes“ zu bieten hatte. Selbst für viel Geld nicht.

Das Fazit: die mit den protzigsten Anlagen spielten mir stolz durchaus probat klingende Referenzpressungen vor, interessierten sich aber kaum für sonst etwas. Langer aber, der Mann mit der exquisitesten Musiksammlung, hörte seine Platten und Bänder über höchst durchschnittliche Geräte. Und schien trotzdem jede Menge Spaß zu haben – während die Freaks permanent die Sorge plagte, ob die Verkabelung ihrer Anlage eh optimal, der Strom „sauber“ und das Lautsprecher-Paar millimetergenau an seinem Platz wäre. Eine nie endenwollende Annäherung an das Elysium.

Bei aller Sympathie und Faszination: ich blieb in der Pubertät stecken. Bis heute.

Anti-Ramsch-Kampagne

17. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (237) Helfen Sie, Licht ins Dunkel des Tonträgermarkts zu bringen – mit einer bewussten Konsumentenentscheidung.

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Der Trend zum Zweitjob hält an. Nun ist mein Hauptberuf der eines Musikproduzenten und Kulturmanagers, der Journalismus dagegen nur ein exaltiertes Hobby. Kennen Sie irgendjemanden, der vom Kolumnen-Schreiben leben könnte? Ich nicht. Die Honorare sind auf das Niveau milder Spenden oder reiner Spesenersätze gesunken – und würden meinen Installateur oder Zahnarzt vielleicht zu einem verständnislos-mitleidigen Grinsen veranlassen, mehr wohl kaum.

Aber ich will nicht klagen. Zumal der karge Lohn des Autors gelegentlich mit einem Nebenverdienst aufgefettet werden kann: Aufmerksamkeit und Eigenwerbung. Heute will ich dieses Unterkonto belasten. Und das ganz ungeniert, weil es sich um eine gute Sache handelt. „Licht ins Dunkel 2013“ heißt eine Compilation, die dieser Tage auf den Markt kommt – die silbrigglänzende CD, die einen vergnüglichen Querschnitt durch die österreichische Pop-Landschaft bietet, unterstützt die größte Spendenaktion des Landes mit fünf Euro pro verkauftem Exemplar.

Der TV-Spot, der in den Programmen des ORF nachdrücklich die frohe Botschaft verkündet, präsentiert nur einige der darauf vertretenen Namen – von Hubert von Goisern bis Christina Stürmer, von Anna F. bis Parov Stelar, von Ernst Molden & Willi Resetarits bis Conchita Wurst sind die Größen der Szene mit dabei. Selbst Andreas Gabalier steht nicht abseits. Und natürlich gibt es auch einige Newcomer und Altspatzen, Ö3-Hits, FM4-Stars und Radio Wien-Fixsterne zu entdecken. Danke dafür!

Einige Medien- und Musikmanager, deren Expertise ich durchaus schätze, haben mir allerdings erklärt, derlei mache im Jahr 2013 keinen Sinn. „Die Leute kaufen keine CDs mehr“, so ihre Prognose. „Und wenn, dann nur billige Ramschware.“ Alleine die Statistik spricht aber dagegen: noch immer werden über 70 Prozent der Musik auf Tonträgern erstanden, den Rest des Marktes teilen sich Downloads und Streaming. Die Pappenheimer, die meinen, sie müssten sich ihre Lieblingssongs gratis aus dem Netz ziehen und so die Künstler um ihren Lohn bringen (er ist tendenziell noch karger als der eines freien Journalisten), lassen wir mal außen vor.

Eine liebevoll verpackte Compact Disc oder gar eine opulente Vinylschallplatte haben schon ihre Meriten. Ungebrochen. Oder wollen Sie beim nächsten Konzert – „Licht ins Dunkel 2013“ wird übrigens am 29. November im ORF-Radiokulturhaus live präsentiert – eine gebrannte CD signieren lassen? Oder zu Weihnachten eine Handvoll MP3-Files in Geschenkpapier einwickeln? Eben. Ich freue mich auf Ihr Urteil. Es wird an der Kassa gefällt. Lassen Sie den Ramsch einfach liegen. Und bringen Sie „Licht ins Dunkel“ – mit nach Hause.

P.S.: Es gibt die „Licht ins Dunkel“-CD freilich auch bei Amazon und im iTunes Store. Und Tickets für den Radiokulturhaus-„Abend für Licht ins Dunkel“ am 29.11. gibt es hier. You’re welcome!

Daft Punk meets Mo Sound

31. Mai 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (213) Der Daft Punk-Hit “Get Lucky” könnte auch der Werbespruch eines neuen Wiener Unternehmens sein.

mo sound speakers

Ein Ohrwurm hat ja die – ersehnte wie fatale – Eigenschaft, dem geplagten Hörer nicht mehr aus dem Kopf zu gehen. Das französische House-Duo Daft Punk hat immer wieder ein Händchen dafür, solche Ohrwürmer zu züchten. Und mit allerlei Marketing-Aktionismus zu überdimensionaler Grösse zu verhelfen – was natürlich nicht ohne tatsächliche Hit-Qualitäten funktioniert. „One More Time“ ging „Around The World“, und seit ein paar Wochen klebt nun der Retro-Discoschlager „Get Lucky“ in den Gehörgängen von Musikfreunden weltweit fest.

Mittlerweile hat sich auch Ö3 mit der üblichen Verzögerung – da muß zur eigenen Rückversicherung erst teure „Musikforschung“ betrieben werden – herabgelassen, den Daft Punk-Tophit auf Dauerrotation zu nehmen. Wo er wahrscheinlich verbleibt, bis ihn absolut niemand mehr hören kann.

Aber reagieren die Charts überhaupt noch auf Mainstream-Radios (und vice versa)? Mittlerweile machen sich ja viele Popfans ihr Programm selbst. Auf Spotify, Deezer, Rdio und ähnlichen Streaming-Services und natürlich dito auf iTunes, Amazon & Co. brechen Daft Punk – mittlerweile ist auch ihr höchst umstrittenes neues Album „Random Access Memories erschienen – alle Download- und Zugriffsrekorde. Hörgenuß „on demand“, also auf Wunsch & augenblicklich, schlägt halt doch jedes noch so enge Kommerz-Format, wo so verlässlich wie penetrant immer dieselben dreißig Songs durchgenudelt werden. In Deutschland empfehlen externe Berater den Privatradio-Programmchefs daher folgerichtig schon die plakative Abkehr von der Erfolgsformel der letzten Jahre.

Apropos. Wenn nun Daft Punk auch den Hit „Music Sounds Better With You“ geschrieben hätten – haben sie nicht (oder, präziser, nur zu einem Drittel), der Song stammt von den Franzmann-Kollegen Stardust –, besässe das sympathische Wiener Startup-Unternehmen mo*sound einen naheliegenden Werbespruch. „Get Lucky“ tut es aber auch.

Womit soll, kann und darf man glücklich werden? Mit kugelförmigen Lautsprechern aus Porzellan. In weiß und schwarz, Gold oder Platin. Das sieht in der Tat nicht nur famos aus, sondern klingt auch probat. Wer mag, kann das – Achtung!, Werbedurchsage – in der neuen mo*sound-Audio-Boutique in der Kirchengasse 40 in Wien-Neubau nachprüfen. Das Daft Punk-Album ist dort sicher vorrätig. Oder erschallt per Stream aus den Porzellankugeln.

Austropop, Arena und Alternativen

24. April 2013

Die Siebzigerjahre – ein Überblick. Eine Leseprobe aus „WIENPOP. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“

Cover WienPop

Der Streit, wer genau wann den Begriff „Austropop“ geprägt und in Umlauf gebracht hat, ist ein akademischer. Das zunächst attraktiv erscheinende, später zunehmend als lästig und klebrig empfundene Etikett wurde wohl – auch wenn es angeblich erstmals im Oktober 1973 im Teenager-Magazin „Hit“ Verwendung fand – von Evamaria Kaiser erfunden, die generell als Patentante einer ganzen Szene fungierte. Es war die Zeit der Talent-Wettbewerbe, die von landesweiten Printmedien und dem mit frischem Selbstbewußtsein und Sendekanälen ausgestatteten ORF forciert wurden – von der „Show-Chance“ bis zu „Talente 70“.

Evamaria Kaisers wesentliche Katalysatorrolle war jene, mit sonorer Stimme eine frühe, sanfte, doch nachdrückliche Ermunterung und Formatierung einzumoderieren – und zwar bidirektional. Einerseits suchte man beim Radio, namentlich Ö3, seit 1967 wirklich neue, genuin österreichische Klänge, die man nicht nur in der „Musicbox“, sondern auch im Laufbandprogramm einsetzen konnte. Andererseits musste das Gros der jungkreativen Kräfte – darunter Georg Danzer, Marianne Mendt, Richard Schönherz, Marika Lichter, die Milestones und die Worried Men Skiffle Group – mit einem ungleich grösseren Publikum als in früheren Karrierestadien vertraut gemacht werden. Und vice versa.

Der ORF als – zu jener Zeit monopolistisch agierender – medialer Durchlauferhitzer ermöglichte erst, den spröden Begriff „Popularmusik“ (den 1961 der deutsche Musikhistoriker Walter Wiora eingeführt hatte) in das leuchtkräftigere, massenkompatiblere, alles umfassende und jeden umarmende Kürzel „Pop“ zu transformieren. Und damit auch hierzulande etwas zu ermöglichen, das oberflächlich der angloamerikanisch geprägten Unterhaltungsindustrie und Popkultur á la Warhol, Disney & Graceland gleichkam. Zumindest annähernd. Anderseits konnte und wollte man vielfach – zuvorderst in Wien – nicht die Wurzeln, Traditionen und milieubedingten Prägungen verleugnen, die bis in die zwanziger und dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts (oder noch weiter) zurückreichten und ab 1938 eine dunkle, nachhaltig bedrückende Zäsur erfahren hatten.

Pop wurde, und diese Entwicklung setzte in Österreich erst mit fast einem Jahrzehnt Verspätung nach den ersten markanten Botschaften Bob Dylans, der Beatles, Kinks und Rolling Stones ein, zum Fluidum und Botenstoff der Aufklärung und Selbstermächtigung – abseits reiner Unterhaltung. Als erste halbwegs eigenständige Spielart konnte und durfte Austropop – ein oft reichlich kurioses Amalgam aus Affirmation, beherzter Aneignung (etwa von literarischen Texten der Wiener Gruppe) und verschrobener Eigenentwicklung – plötzlich sagen, was bislang ungesagt blieb. Er musste es allerdings nicht – eine Option, die nicht wenige Unterhaltungskünstler/innen wählten.

Ö3 unter der Leitung von Ernst Grissemann und durchsetzt mit Mitarbeitern wie André Heller, Gerhard Bronner („Schlager für Fortgeschrittene“), der „Radio Luxemburg“-Leihgabe Frank Elstner, dem späteren Ö1-Chef Alfred Treiber oder dem heutigen Wien.Museum-Direktor Wolfgang Kos forcierte – aus aktuellem Blickwinkel doppelt bemerkenswert – beides. Stücke wie „Glaubst i bin bled“ (Text: Konrad Bayer) und „I bin a Wunda“ (Text: Friedrich Achleitner), im Auftrag des Radiosenders musikalisch vertont von der Worried Men Skiffle Group, griffen noch vor den Madcaps (mit Georg Danzer als zunächst weithin unbekanntem Songschreiber), Malformation, One Family oder Marianne Mendt den Wiener Dialekt als Stilmittel auf. „Da schenste Mann von Wien“, „Der Mensch is a Sau“, „I bin a Weh“ und der mit André Heller aufgenommene Hermann Leopoldi-Hit „Schnucki, ach Schnucki“ folgten. Die skurille Skiffle-Truppe – der Titel ihrer Debut-LP lautete „Damn Best Dance Band In Town“ – erwies sich als für die spätere Entwicklung der Szene wenig signifikant, brachte es dennoch zu bis Mitte der siebziger Jahre anhaltender Popularität.

Jene Entertainer aber, die zuvor die Bühnen der Tanzcafés, Nobelhotels und Vorstadtsäle mit dem Instrumentarium des frühen Rock’n’Roll beherrscht und geprägt hatten, mutierten innerhalb kürzester Zeit und durch die Bank zu Auslaufmodellen, zu Überbleibseln einer vergangenen Beat-Ära. Oder wurden, schlimmer noch, dem Schlager-Genre zugeordnet – einem strikt kommerziellen, hoffnungslos konservativen Terrain. Peter Alexander, Freddy Quinn, Lolita, Udo Jürgens & Co. stehen somit hier nicht zur Disposition.

Diese kritische Grundtönung blieb bis weit in die siebziger Jahre erhalten, auch wenn die Bandbreite der Modeerscheinungen von „klassischem“ Austropop über die exaltiert-eskapistischen Inszenierungen André Hellers, diverse Eurovisions-Songcontest-Beiträge, Gelegenheits-Gags und Disco-Gehversuche bis zu englischsprachigem Pomp-Rock, comicähnlich groteskem Rocktheater und letztendlich derivativem Proto-Punk reichte. Einen – relativ rasch wieder recht einsamen – Höhepunkt erreichte die Politisierung in der Liedermacherszene, die ab `68 in Kellerbiotopen wie dem „Folkclub Atlantis“, aber auch im AudiMax der Universität und diversen Kleinstparteien, Splittergruppen, Wohngemeinschaften und Diskussionszirkeln Resonanz und Publikum fand, nichts davon aber in die achtziger Jahre hinüberretten konnte. Selbst ein Monumentalwerk wie die „Proletenpassion“ der Schmetterlinge, möglicherweise das (in jeder Hinsicht) umfangreichste und gewichtigste Wort- & Tondokument jener Tage, wirkte kaum ein Jahrzehnt später überambitioniert und antiquiert.

Man kann generell trefflich über die Rolle von Charakterköpfen wie Sigi Maron, Erich Demmer, Stefan Weber (Drahdiwaberl), Alf Krauliz (Misthaufen) oder Willi Resetarits und die historische Bedeutung von Bands wie Novak’s Kapelle, Gipsy Love oder Hallucination Company streiten – ihre teilweise bis in die Gegenwart reichende Wirkungsmacht nährt sich sowohl aus facettenreicher Originalität, erstaunlicher Konsequenz – nicht selten auch in Hinsicht auf notorische kommerzielle Erfolgslosigkeit – wie aus einer im Pop-Business unabdingbaren Instant-Mythologisierung. Selbst die vielbeschworene, symbolträchtige „Arena“-Besetzung stellt sich im Rückblick als enorm folgenreiche, doch schon im Augenblick ihrer erzwungenen Beendung verklärte Episode dar.

Ohne Zweifel lässt sich aber Wolfgang Ambros als prägendste und wichtigste künstlerische Wien/Pop-Erscheinung der siebziger Jahre benennen (so sehr auch André Heller, Georg Danzer oder – vergleichsweise wortkarg, aber musikalisch-virtuos kaum bezwingbar – Christian Kolonovits, Karl Ratzer, Richard Schönherz, Kurt Hauenstein oder Peter Wolf dicht auf folgen. Letztere verliessen bezeichnenderweise ab Mitte der siebziger Jahre das Land, zunächst Richtung Deutschland, später Richtung USA). In Songs wie dem „Hofa“ und Alben wie „Es lebe der Zentralfriedhof“ spiegelt sich ein zu Beginn des Jahrzehnts blutjunges, aufreizend unschuldiges Talent, das rasch und unter tatkräftiger Mitwirkung von Kreativ-Kollaborateuren wie dem kongenialen Josef „Joesi“ Prokopetz, Studiofuchs Peter Müller, Manager Johann Hausner, Textdichter Hugo Khittl oder dem (später gerade dafür geschmähten) Universal-Arrangeur Christian Kolonovits zu einem routinierten Kartographen wurde. Einem Kartographen der labyrinthischen, grauen, nur selten von leuchtend-orangen Plastikwerbekugeln („Z – Zentralsparkasse“) belebten Strassen- und Gassenfluchten Wiens – wie auch der Seelenlandschaft seiner Bewohner.

Wir haben es hier mit einem Zeit-Raum-Kontinuum zu tun, das ein Dezennium lang von einer vagen Vorahnung auf Kommendes, Mögliches, ja auf die Moderne schlechthin befallen schien. „Espresso“, zu finden auf dem prototypischen Austropop-Album per se (eben dem „Zentralfriedhof“), ist ohne Zweifel einer der trefflichsten Songs, die den Mikrokosmos jener Ära in einer Momentaufnahme zu verdichten versuchten. Zeitlupenmodus: es passiert nichts. Man sitzt, wie jeden Tag, im Espresso, im Wirtshaus, beim Bier oder Kaffee. Die Luft steht drückend im Raum. In der Zeitung dasselbe wie gestern. Und vorgestern. Eine unbekannte Frau, die um Feuer bittet, kommt einer Sensation gleich. Die Jukebox kennt nur Kommerzmusik, sie klingt wie Pink Floyd aus den Kehlen der Sängerknaben. Die Lage: hoffnungslos, aber nicht ernst. Wien in den Siebzigern.

Das war die Fototapete, vor der Hans Hölzel alias Falco seine ureigene Inszenierung eines Befreiungsschlags einzustudieren begann.

“WIENPOP. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten” erscheint im Juni 2013 im Falter Verlag, Wien.

Der Schalldämpfer

27. Mai 1995

Liner Notes zu einer CD-Edition von Texten und Aufnahmen von Axel Cortis Ö3-Serie „Der Schalldämpfer“.

Der gelernte Österreicher neigt zur Herabwürdigung oder, kurios genug, da doch das Von-einem-Extrem-ins-andere-Fallen der phlegmatischen Natur eher abzusprechen ist, zur Verklärung.

Sie ist fast schon als Steigerungsform des Umgangs mit den exponierteren Personen und Erscheinungen unserer Gesellschaft zu werten; sie nimmt Distanz, indem sie sich des Objekts der Verklärung bemächtigt. Diese Phänomen, festzumachen in unzähligen Festreden, Lobgesängen und Nachrufen, gilt gemeinhin all jenen, die sich außerhalb der Bandbreite der gewohnten – und durchaus gewöhnlichen – Sensibilitäten und Befindlichkeiten bewegen.

Zu diesen mentalen Aggregatszuständen, die wir gelegentlich mit großzügiger Geste zu unserem Bild von uns selbst beisteuern (vielleicht, weil der Kontrast mit klischeehafter Korrektheit, Strenge oder Nüchternheit doch auch Sympathisches aufblitzen läßt?), zählt im besten Fall ein Hang zur zur Welterklärung, verschmitzte Beobachtungswut und eine im Biotop der Kaffee- und Wirtshäuser blühende Kommentarlaune. Sie ist uns, auch wenn wir selbst uns zu den Stillen, Zurückhaltenden zählen wollen, genausowenig fremd wie jene polternde Larmoyant, jene opportune Wendigkeit, jene Unschärfe im Denken und Handeln, die zu den Wesensmerkmalen unseres Schlages zu zählen wir gezwungen sind. Da hockt sie, die menschelnde Meute ringsum. Man kann ihr, die Ambivalenz ihrer Eigenheiten als gottgegeben hinnehmend, nicht einmal wirklich böse sein.

Es ist somit nicht weiter verwunderlich, daß Axel Corti in biografischen Abrissen gelegentlich als “schwierig”, “kompromißlos” und “einzelgängerisch” beschrieben wird. Er mochte beobachten und kommentieren wie andere auch, aber er tat es mit verstörendem Ernst. Er mochte uns die Welt erklären, im großen Ganzen oder in beiläufig anmutenden, feinen Details, aber da schlich nichts als Papiertiger aus dem Feuilleton-Zoo um die Ecke, sondern als Epistel aus einer anderen, moralisch gefestigteren menschlichen Provinz.

Fast in allen Dokumenten der Auseinandersetzung mit Cortis Leben und Werk schimmert eine – schon zu seinen Lebzeiten ausgeprägte – Bewunderung für die Akkuratesse des Regisseurs, Dramaturgen und Autors durch, aber immer wieder auch eine deutliche Kluft unterschiedlicher Ansprüche und Werte. Die Ettikettierung des Axel Corti als Schwieriger sagt eigentlich: Er war anders, er gehörte nicht zu uns, er ist uns nie wirklich ans Herz gewachsen. Somit zeichnet sie ihren Träger zwangsläufig aus.

Dennoch: Axel Corti ist heute – nach seinem zu frühen Tod – vor Verklärung in Schutz zu nehmen. Dies geschieht wie selbstverständlich durch seine Texte, die aus sich zu uns sprechen. Jedes ablenkende Salbadern, jeder schwulstige Hymnus, jede unredliche Anbiederung an den Autor gerät im direkten Vergleich augenblicklich ins Trudeln und schmiert ab.

So ist auch diese CD-Edition des “Schalldämpfer” kein Vermächtnis, kein Denk-Mal, kein Beitrag zur Legendenbildung. Sie ist schlicht ein Dokument einer einzigen, konsequenten Anstrengung. (Da der ORF die Originalbänder bis auf wenige Ausnahmen vernichtete, musste auf Cassettenmitschnitte eines Privatsammlers “zurückgegriffen” werden. Sie wurden in bestmöglicher Weise bearbeitet.)

Der “Schalldämpfer” ging zum ersten Mal am 4. Mai 1969 auf Sendung. Gerd Bacher hatte dem jungen, vielseitig talentierten Mitarbeiter des Landesstudios Tirol angeboten, eine Glosse zu produzieren, ganz nach eigenem Gutdünken, um “Qualität meuchlings über den Sender zu bringen”. Corti schlug aber, so Bacher, alle formalen Register seines Radiokönnens aus, um sich voll und ganz auf die Form des von ihm selbst gesprochenen Feuilletons zu konzentrieren.

„Wenn du Dich einlässt, musst du es ganz machen“, bekannte Corti in einem “Menschenbilder”-Porträt. Er machte es ganz: während sechs Jahren fiel aus Cortis Verschulden kein einziger “Schalldämpfer” aus. Er feilte, gemeinsam mit seinem Freund Bert Breit, an der Kennmelodie. Er sprach seine Texte in Hotelzimmern, Scheunen, Abstellkammern und Strandbädern auf Band. Er besaß ein Gerät, das es ihm ermöglichte, seine Glossen überall auf der Welt aufzuzeichen und in das Funkhaus in Wien zu übermitteln. Den letzten “Schalldämpfer” im Dezember 1993 betrachtete er, auch wenn sich die Legende vom Rabbi Hillel ein wenig danach anhört, nicht als Vermächtnis, als Botschaft an die Hinterbliebenen. Tatsächlich war im Studio Salzburg ein weiterer Aufnahmetermin für den Silvestertag bereits fixiert. Wenige Tage zuvor starb Axel Corti.

Er hatte es, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zeitlebens immer abgelehnt, seine Hörbeiträge in Buchform zu veröffentlichen. Gegen die Kürzung der im Gegenwind des Zeitgeists zunehmend anachronistischer wirkenden Radio-Viertelstunden wehrte er sich solange, bis ihn ein von ihm selbst in Spiel gebrachtes Argument überzeugte: eine kürzere Sendezeit würde ihn als Autor zu noch grösserer Genauigkeit zwingen.

Und Genauigkeit ist das zwingendste Attribut, das man Cortis Beobachtungen und Gedankengängen attestieren muss. Oder auch: Wahrhaftigkeit.

Corti war, wenn seine Stimme am Sonntag-Nachmittag aus dem Radio kam, eine Instanz. Ein Lehrer (C. Hätte hier Einspruch erhoben!), eine Autoritätsperson, eine Vaterfigur, deren penible Wortgewandtheit und liebevolle Strenge und, mehr noch, die fast körperlich spürbare menschliche, politische, intellektuelle Korrektheit auf ein imaginäres Verwandtschaftsverhältnis schliessen liessen, aber ein entferntes. Er erschien nie, so sanft und leise sein machtvolles Organ auch tönen konnte, als guter Onkel oder als Traummännlein für Erwachsene. Der “Schalldämpfer” dämpfte mit dem Ertönen seiner Kennmelodie augenblicklich auch die unbedarfte Pop-Fröhlichkeit und middle of the road-Mediokrität seines Senderumfelds.

Eine Belangsendung waren diese fünfzehn, zehn oder zuletzt acht Minuten nie, eher schon eine freundliche, aber bestimmte moralische Lektion, eine Buss- und Betstunde für die Ö3- (und Ö1-)-Gemeinde. Selbst wenn die Gedankenschwere einmal einer fast beiläufigen, heiteren Stimmung wich, liess Cortis konzentrierter Vortrag und die Präzision seiner Texte keine Ablenkung zu. Dabei wollte ihr Autor “keine Botschaften mitteilen, sondern Dinge verschiedenster Art in nicht furchtbar ernster Weise” weitergeben. Axel Corti drückte es so aus: “Im heutigen Klima, in dem man alles schrecklich wichtig nimmt und Aussagen in dröhnender Weise tätigt, versuche ich eine Art Gegenpol zu sein. Ich möchte die Dinge reduzieren, leise sein“.

Wie sehr sein Bestreben vom Publikum angenommen wurde, wie beliebt der “Schalldämpfer” war, zeigten die zahlreichen Hörerreaktionen. Manuskriptwünsche wurden vom ORF erfüllt, aber Corti betonte immer wieder kategorisch, dass diese Form des Feuilletons für das Medium Radio – und nur für dieses – konzipiert sei. “Es muss gesprochen werden. Würde man es drucken, müsste es anders gemacht werden.”

Diese CD-Edition, eine Auswahl der besten und berührendsten “Schalldämpfer”, friert die Flüchtigkeit des Mediums ein. Sie kann, im Gegensatz zu den nunmehr doch auch in Buchform vorliegenden Beispielen für Cortis Radiokolumne, jenes enorm wichtige Element ins Treffen führen, das zur Einzigartigkeit des “Schalldämpfers” mindestens soviel beitrug wie die Qualität der Texte: Axel Cortis Stimme. Eine, so Gerd Bacher, “fesselnde, unverwechselbare, besitzergeifende menschliche Stimme“. Eine Stimme, die Geschichten erzählt und damit im glücklichsten Fall – hier haben wir ihn – selbst Geschichte wird.

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