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Reichweitenangst

21. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (409) Ist es abenteuerlich, in einem Tesla nach Venedig aufzubrechen? Ein Testbericht, Folge zwei.

Tesla-Test

Ich schreibe diese Kolumne, während ich als Beifahrer in einem Tesla Model S sitze und über die Windgeräusche des rechten Außenspiegels sinniere. Sie erscheinen mir irritierend hoch, was an einem schlecht dichtenden Gummi des Fensters liegen mag. Aber das ist – erst recht bei einem (rein konstruktiv auch nicht mehr ganz taufrischenNeuwagen – ein Luxusproblem. Also eine Marginalie.

Wenden wir uns Essentiellem zu: Reichweite, Reichweite, Reichweite. Das ist bei einer Tour Wien/Venedig und retour in einem Elektroauto (fast) alles, worum’s sich dreht. Gerade hat meine Reisegruppe die „Supercharger“-Station in Treviso verlassen. Dauer des Aufenthalts: knapp eine Stunde. Der Kaffee ist gut, aber gern hätten wir uns den Zwischenstopp erspart.

Allein: der Versuch, den Wagen am Vorabend am Lido in Venedig (dort sind Autos erlaubt) an einer Agip-Tankstelle aufzuladen, schlug fehl. Zwar ist der Kofferraum voller Kabel und Stecker, aber nichts passt. Italienische Starkstromanschlüsse unterscheiden sich von österreichischen; das Haushaltsnetz des Hotels wollten wir nicht testen. Mobilität in einem E-Car, zumal bei längeren Reisen, ist eine Frage der Infrastruktur und vorausschauender Planung. Sowie offensiver Gelassenheit. Ich summe, ganz entspannt, Songzeilen aus dem Bilderbuch-Hit „Bungalow“ vor mich hin: „Baby, leih‘ mir Deinen Lader… Ich brauch‘ Power für mein‘ Akku… Komm‘ vorbei mit Deinem Skoda.“

Jemals schon von „Reichweitenangst“ gehört? Der Fahrer, selbst schon leicht geladen, merkt an, die Anzeigen des Tesla hätten „die Verlässlichkeit von Wettervorhersagen“, nur weil das Riesen-Display irgendwo auf der Höhe von San Caterina ankündigt, wir würden Villach mit 18 Prozent Batterie-Restkapazität erreichen, während es eine halbe Stunde vorher noch 35 Prozent waren. Gut, die sportlichen Zwischensprints auf der Autobahn, um den lästigen Alfa Romeo 4C abzuhängen, kosten Strom. Und vielleicht hätten wir die Bedienungsanleitung studieren sollen – die durchgängig allzu optimistischen Reserven gelten wohl nur für Teslas ohne Zusatzpassagiere und Gepäck. Und das bei optimalen Wetterbedingungen (meint z.B: ohne Nutzung der Klimaanlage).

Aber wir sind an einer tunlichst realistischen Nagelprobe interessiert. „Das Auto kostet zuviel Zeit und Nerven“, vernehme ich von der Rückbank. Das ist Klagen auf hohem Niveau. Zumal Rastpausen doch als erholsam empfunden werden. Und der Strom (noch) gratis ist. Alles eine Frage der Gewöhnung. Schließlich erreichen wir – nach drei Zwischenstopps – Wien.

Ich frage den Fahrer, Besitzer eines kleinen Fuhrparks, ob er seinen Jaguar XJ Diesel, Baujahr 2006, gegen den Tesla tauschen würde. Er schüttelt den Kopf. „Der Insane-Modus“, also die volle Beschleunigung des Elektromotors, „ist ja nett. Aber, ehrlich: im Alltag auch ein bisserl gaga. Das führ‘ ich dreimal Freunden vor, und das war’s dann. In punkto Öko-Gesamtbilanz liegt die alte Benzinkutsche, wenn ich sie noch zwanzig Jahre lang fahre, locker gleichauf. In punkto Windgeräusche hat sie die Nase sowieso vorn.“

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