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Spezialdienste

30. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (335) Die „Netzneutralität“ ist Geschichte. Oder: wie uns die Politik fortwährend für dumm verkauft.

Netzfreiheit

Wissen Sie, wer Paul Rübig ist? Ich wusste es bis vor kurzem auch nicht.

Auf der löblichen Internet-Plattform meineabgeordneten.at kann man zu Herrn Rübig – korrekterweise: Kommerzialrat Ingenieur Magister Doktor Paul Rübig – nicht nur nachlesen, dass der gelernte Schmied eine Privatstiftung eingerichtet hat, diverse universitäre Lehraufträge besaß, an allerlei Firmen (Wassertechnologie, Wärmebehandlung etc.) beteiligt ist, seinen Präsenzdienst bei den Gebirgsjägern in Absam geleistet hat und lange Jahre Vizepräsident der Paneuropabewegung war, sondern auch seine aktuelle Funktion erfahren. Voilá: Rübig ist österreichischer EU-Abgeordneter. Und zugleich Schatzmeister der ÖVP-Delegation im Europäischen Parlament.

Nun gut, werden Sie sagen, ein fleissiger, geschäftstüchtiger Mann – aber was kümmert’s mich? Die Antwort betrifft uns leider bald alle: Rübig zählt zu jenen Entscheidungsträgern, die die Abschaffung (oder zumindest Aufweichung) der Netzneutralität vorangetrieben und mitbeschlossen haben. Dieses harmlose Wort steht für ein Grundprinzip des freien Internet: die gleichberechtigte Übertragung von Daten unabhängig von Sender, Empfänger, Inhalt und Anwendung. Experten, darunter der World Wide Web-Begründer Tim Berners-Lee, warnen seit Jahren vor der Aufopferung dieses Grundrechts des digitalen Zeitalters auf dem Altar kommerzieller Interessen.

Forsche Politiker wie Kommerzialrat Rübig ficht das nicht an, im Gegenteil. Er überzeugte als „Telekom-Sprecher“ die ÖVP-Mitstreiter/innen im EU-Parlament, gegen Roaming-Gebühren und für eine „Verordnung über Maßnahmen zum Zugang zum offenen Internet“, die er selbst mitformuliert hat, zu stimmen. Kenner der Materie orten darin einen Kuhhandel mit unabsehbaren Folgen.

Der Treppenwitz folgt aber erst. Weil diese Vorgänge doch einige kritische Stimmen und Reaktionen zeitigten, erklärt uns der EU-Parlamentarier im Radio und auf seiner eigenen Homepage, was Sache ist. „Wenn alle anfangen, „House of Cards“ runterzuladen“, so Rübig, „darf das nicht dazu führen, dass der normale Surfer im Stau steht.“ Und, man ahnt es: die Netzneutralität sei nicht gefährdet, sondern – im Gegenteil – erst durch wackere Ritter wie ihn tatkräftig und dauerhaft geschützt. Netzneutralität und „Verkehrsregeln für spezielle Dienste“ seien ja „kein Widerspuch“. Was immer mit den Spezialdiensten gemeint sein mag; die TV-Serie „House of Cards“ streamt ja der „normale Surfer“, oder etwa nicht?

Wie zum Hohn erläuterte Timoetheus Höttges, Vorsatzvorsitzender der Deutschen Telekom AG, raschest, was er unter der Rübig-Doktrin versteht: „Gesicherte Qualität für ein paar Euro mehr“. Wer nicht in die Tasche greifen mag, darf schon mal gewöhnungstechnischvorsorglich auf die Kriechspur wechseln.

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Gewöhnungseffekt

15. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (303) Wir gewöhnen uns langsam, aber sicher an eine Zukunft, die nur in der Gegenwart harmlos wirkt.

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Ich fürchte, man kann es nicht mehr hören. Und will es nicht mehr lesen. Oder die Sachlage gar ernsthaft diskutieren. Fast täglich trudeln Hinweise, Belegstücke, ja glasklare Beweise dafür ein, dass wir pauschal verdächtigt, abgehört und bespitzelt werden. Vollkommen ungerührt, ungeniert und ungeachtet der hiesigen Gesetzeslage.

So tauchte diese Woche ein Dokument auf, das ein besonderes Interesse des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Kunden des österreichischen Internet-Providers UPC – Domain: chello.at – belegt. Der Datenverkehr von Nutzern dieses Anbieters wird mit einem Spionageprogramm namens „Upstream“ direkt von den Knotenpunkten der Glasfaserkabeln abgesaugt. UPC selbst weiss davon offiziell nichts, verwahrt sich aber – zumindest verbal – gegen diesen Angriff auf die unternehmerische Integrität und Reputation. „Wir setzen“, so ein Statement aus der Firmenzentrale, „ständig alle erforderlichen Schritte, um unser Netzwerk zu sichern“.

Letztendlich ist man aber macht- und hilflos. So macht- und hilflos wie unsere Volksvertreter. Die Politik – wenn man noch an das Primat der Demokratie und damit einer gewählten, verantwortungsbewussten Repräsentanz der Bevölkerung durch Politiker/innen glaubt – scheint entweder komplett die Augen zu verschliessen. Längst resigniert zu haben. Oder gar von der Wühlarbeit der US-Schattenkrieger zu profitieren.

Gewöhnung, Abstumpfung und kollektive Verdrängung greifen perfekt. Die Bürger dieses Landes, weithin desinteressiert an komplexen Themen der Digitalsphäre, scheinen sich mehr und mehr mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das alles ganz normal und alltäglich ist. Die üblichen Verdächtigen – Datenschützer, Oppositionspolitiker und Verschwörungstheoretiker – nörgeln rum, Juristen und Staatsanwälte schweigen beredet, der Journalismus übt sich in der Folklore des Abwägens und Abwiegelns (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und alles läuft stillschweigend weiter wie gehabt. Wie werde ich meiner Enkeltochter einst erklären, dass wir uns alle so verhalten haben und nicht anders?

Denn es ist absehbar, wohin dieser Gleichschritt der Ignoranz führt: direkt in den Abgrund. Ach, Sie meinen, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“? Ich bitte dringend darum, nachzuforschen, wem dieser Satz zugeschrieben wird. Unter uns: diese Recherche – etwa via Google – macht Sie gleich extra verdächtig.

Die Meinungs-Unmutigen

14. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (266) Digitales Vermummungsverbot? Warum ich unter meinem Namen gegen “Klarnamen für alle” plädiere.

Meinungsmutig?

Es gibt Begriffe, die eine sachliche, seriöse Debatte annähernd verunmöglichen. Sie werden zumeist eingebracht, wenn einem Kontrahenden die Argumente ausgehen. Und pure Ideologie ins Spiel kommt. Zu diesen rhetorischen Keulen zählen Zuweisungen á la “Gutmensch”, „Genderwahn“ oder “Neiddebatte”. Neuerdings werden sie ergänzt durch virulente Schlagwörter wie “Shitstorm” und “Hasspostings”.

Besonders letztere haben es mir angetan. Denn seit einigen Wochen tobt in der Aufmerksamkeits-Arena – sowohl in den alten “Holzmedien” (noch so ein Kampfbegriff) wie auch in den Sphären des Internet – eine Diskussion, die eigentlich keine ist. Sondern eine Kampagne. Geführt wird sie von professionellen Meinungs- und Stimmungsmachern, die seit jeher nicht schlecht daran verdienen, exakt das zu tun, was sie tun.

Seit einigen Jahren aber sehen diese Herren – denn es sind fast ausschliesslich Vertreter der männlichen, gern demonstrativ zigarrenrauchenden Spezies – ihr Business-Modell bedroht. In den Online-Foren österreichischer Medien und erst recht auf Facebook und Twitter plappert die p.t. Leserschaft heutzutage munter selbst drauflos. Und redet gar zurück. Und das, Teufel auch!, unter mehr oder weniger lustigen Pseudonymen. De fakto (fast) unkontrollierbar.

Dass dabei Krethi & Plethi oft zu derben Prädikaten aus der untersten Schublade neigen, kann nicht bestritten werden. Noch weniger, dass die Politiker/innen, Leistungsträger und Führungskräfte dieses Landes zumeist nicht gut abschneiden in der öffentlichen Beurteilung. Zurecht. Letzteres war und ist übrigens auch meine Meinung. Sie ist frei. Und ich äussere sie – meinungsmutig? – unter meinem Namen. Aber nichts liegt mir ferner, als nicht auch die An-, Aus- und Einsichten anderer, die sie nicht unter ihrem “Klarnamen” veröffentlichen (und das aus vielfach nachvollziehbaren Gründen), kennenlernen zu wollen. Und wenn es Hass ist, möchte ich erst recht wissen, woher er rührt. Und wie man seine Wurzeln trockenlegen könnte.

Man hat in früheren politischen Debatten oft von der “Hoheit am Wirtshaustisch” gesprochen. Das Netz kennt diese Hoheit nicht (sieht man vom eklatanten Webfehler der totalen Überwachung ab). Das mag manchen unangenehm sein. Und da und dort Unmut hervorrufen. So, wie andernorts Gegen-Unmut hervorgerufen wurde und wird. Wie wichtig aber diese gesellschaftlich breit genutzten Foren – Zyniker würden ihnen allein die Rolle eines Überdruckventils zuschreiben, ich zähle nicht zu ihnen – sind, merken wir einmal mehr dieser Tage: Volksvertreter im Parlament plädieren gerade ungeniert für verschärfte Geheimhaltungsregeln gegenüber ihrem Souverän, dem Volk. Sind nicht gerade Transparenz und Meinungsfreiheit kommunizierende Gefässe?

Was ich von all dem halte, äussere ich auf Nachfrage – aber eben auch ungefragt und gegebenenfalls unter Pseudonym – gerne. Jederzeit. Und allerorts.

Denken ist wie Knipsen, nur krasser

6. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (256) Sex? Die schönste Nebensache der Welt. Die Parole der Stunde lautet: Macht ein, zwei, viele Protest-Selfies in diesem Land!

Düringer

Der neueste Trend auf Instagram, lese ich, sind Selfies nach dem Sex. Das zur allgemeinen Betrachtung im Netz freigegebene Partner-Porträt nach vollendetem Geschlechtsverkehr (Hashtag #AfterSex) nervt allerdings auch schon die Kollegen vom „Time Magazine“. Restgeile Angeberei, gezwungene Lockerheit und/oder moderner Exhibitionismus sind selten Ausweise von Intelligenz. Wie wär’s denn mal mit einem Selfie nach vollzogenem Denkvorgang?

Denn: „Denken ist wie Googlen, nur krasser“. Diesen trefflichen Spruch habe ich neulich im Netz gefunden, als ich auf der Suche nach Argumenten war, warum Herr Faymann und Herr Spindelegger von ihrer Idee, sich eine „unabhängige und unpolitische“ Kontrollinstanz in der Causa Hypo selbst auszusuchen, dringend Abstand nehmen sollten. Wonach es leider nicht aussieht. Kann es sein, dass die obersten Parlamentarier des Landes die Grundregeln der Demokratie nicht verinnerlicht haben? Und den Imperativ der „maximalen Transparenz“, den man in ORF-Pressestunden wie eine Monstranz vor sich herträgt, am Ende des Tages nicht annähernd ernst meinen?

Diese Kolumne soll gewiss keine Ersatzspielfläche für wutbürgerliche Einlassungen sein. Aber, pardon, es kann einem schon das Geimpfte aufgehen, wenn man einmal mehr erleben muss, wie sehr Überheblichkeit und Ignoranz der institutionalisierten Volksvertreter den gesellschaftlichen Konsens in Frage stellen. Und das Engagement des Staatsbürgers – jedes einzelnen von uns – geradezu erzwingen.

Apropos: es gibt viel zu wenige Politikblogs in diesem Land. Der junge PR-Experte Fabian Greiler präzisiert, dass es kaum Blogs gibt, die nicht eher extremistischen Positionen zuneigen und/oder von Parteizentralen selbst gesteuert werden. Das wäre also ein essentielles Betätigungsfeld: das entschiedene, mit Zahlen, Daten und Fakten unterfütterte Wachrütteln der Bevölkerung.

Und wenn Sie dem geschriebenen Wort nicht anhängen: wie wäre es, die technische Entwicklung in den Dienst der Sache zu stellen? Und in ein Gerät wie Canons Legria mini-X zu sprechen, die Files online zu stellen und darauf zu hoffen, dass sie tausendfach geteilt werden? Die spontan geknipsten Selfies müssen ja nicht zwingenderweise eitle Petitessen sein. Mit Sex zu tun haben (wiewohl, das wichtigste Sexualorgan ist das Gehirn!). Oder allein den Absender Roland Düringer zeigen. Sie sollen nur die Fayeggers und Spindelmänner in ihren Trutzburgen erreichen.

Ich bin ein Gedankenverbrecher

9. Dezember 2013

Wollen wir die totale Überwachung? Die Frage ist eine aufreizend ohnmächtige: wir haben sie ja schon – die annähernd lückenlose, realpolitisch sanktionierte und ungeniert praktizierte Überwachung unseres Planeten. Und unser aller Leben. Nicht die Geheimdienste sind dafür verantwortlich, nicht das Militär, der Kreml, die Chinesen oder der US-Präsident – wir sind es selbst. Täter, Opfer, Beobachter und Beobachtete zugleich.

DATUM

Ich schreibe diesen Text aus der Sicht eines ehemals Arglosen. Bald ist Weihnachten, man heisst die vorgeblich stillste Zeit des Jahres willkommen oder auch nur ein paar arbeitsfreie Tage. Und doch herrscht – kaum offen artikuliert, aber weithin spürbar – eine seltsame Aufgeregtheit, eine unterschwellige Aggression, eine dumpfe Unzufriedenheit und Furcht vor dem, was kommen mag.

In Österreich hat man gerade eine Wahl hinter sich gebracht. Sie bestätigte jene politischen Kräfte im Amt, die man zwar weithin als Teil des Problems und nicht der Lösung identifiziert hat, aber für deren Erneuerung oder gar Ablösung der gesellschaftliche Wille fehlt. Konservativismus rules OK. Immerhin gelten der Rechtspopulist Strache und seine Recken weiten Kreisen der Bevölkerung nicht als Heilsbringer. Noch nicht (aber das ist vielleicht zu pessimistisch gedacht und im Gesamtkontext vergleichsweise bedeutungslos). Dass die Chefetage mit zunehmenden Struktur- und Finanzproblemen zu kämpfen hat und draus resultierenden Erklärungsnöten, wird als lässliche Routine gesehen, jedenfalls als bewältigbare Aufgabenstellung.

Was werden spätere Generationen über diese Zeit denken, wissen, schreiben? „Sie fühlt sich an wie ein zunehmend surrealistisches Spektakel, eine Einführung auf kommende Ungeheuerlichkeiten“, habe ich öffentlich notiert, eine „Versuchsstation des Weltuntergangs“. Karl Kraus zu zitieren ist wohl doppelt bedenklich: er war unter jenen, die den Ersten Weltkrieg erahnten, aber lange schwieg – bevor er zu einer intellektuellen Abrechnung in Form des Theaterstücks „Die letzten Tage der Menschheit“ ansetzte. Nun: wir schreiben nicht 1913, sondern das Jahr 2013. Bislang hat die Menschheit überlebt.

Wenn Sie meinen, derlei Pathos sei intellektueller Ironie oder gar Zynismus geschuldet und die Lage vielleicht ernst, aber nicht hoffnungslos, verlassen wir das enge, aber irgendwie doch wärmende Menschennest Österreich (in dem seit jeher die Regel gilt, die Lage sei zwar hoffnungslos, doch gewiss nicht ernst). Öffnen Sie das Fenster zur Welt: diese Gesellschaft befindet sich im Krieg.

Es ist, wiewohl seitens der Vereinigten Staaten von Amerika der „Krieg gegen den Terror“ zur herrschenden Doktrin erklärt wurde, kein angekündigter, öffentlicher, offener Krieg. Man kennt auch den Gegner nur vage. Wir erinnern uns: nach dem Fanal der Ereignisse des 11. September 2001 wurden umgehend Osama Bin Laden und sein Netzwerk al-Quaida zu Symbolen einer antagonistischen, dunklen Machtsphäre (v)erklärt. Aber der saudiarabische Terrorpate mit den sanften Gesichtszügen ist längst tot. Von einer US-Spezialeinheit exekutiert. Und al-Quaida weitgehend nur mehr ein Mythos. Mission accomplished. Man könnte meinen, es könne wieder Entspannung und Alltag einziehen auf diesem Planeten. Das Gegenteil ist der Fall.

Es herrscht weiterhin Krieg. Wer ist der nächste Bin Laden? Oder auch nur ein vereinzelter Irrer, der meint, einen Druckkochtopf mit Sprengstoff und Nägeln und Flüchen füllen zu müssen? Jede Regung, Äusserung und Spur humanen Lebens steht unter dieser Prämisse unter strikter Beobachtung. Kommunikation ist Big Data-Terrain. Der Grosse Bruder längst Realität. Die Enthüllungen des „Whistleblowers“ – was für ein schnödes Etikett für eine unendlich mutige Tat – Edward Snowden zeigen nur auf, was man längst ahnte: wir bespitzeln uns gegenseitig. Rund um die Uhr. Allseits. Allerorten. Stehen unter Generalverdacht. Stellen uns selbst unter Generalverdacht. Es gibt keine Feinde mehr, weil es auch keine Freunde mehr gibt.

Jede Grundsatzerklärung, jedes Gesetz, selbst die Deklaration der Menschenrechte ist ein Relikt aus fernen, besseren, eventuell aber auch nur naiveren Zeiten. Zeiten, in denen man nicht wissen konnte oder musste, was sich hinter harmlos funkelnden Namen wie „Prism“, „Echelon“, „Tempora“, „Indect“ oder Kürzeln wie „NSA“ oder „GCHQ“ verbirgt. Die Menschheit befindet sich im Krieg mit sich selbst. Und jede Partei hat ihre Spähtruppe.

Nur tu felix Austria nicht. Oder doch? Jedenfalls war bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüssigt, demonstrativ empört zu sein. Der Bundeskanzler eilte in die EU-Zentrale. Der Verteidigungsminister – zuständig nicht zuletzt für den hiesigen Geheimdienst – schwieg. Und schweigt bis heute. Und ein paar Pappenheimer, darunter ich, spazierten frischfröhlich zu einer Villa in Wien-Pötzleinsdorf, die augenscheinlich als dezent getarnte Datenkrake und Abhörstation der US-Behörden dient. Mitten in einer gut situierten Stadtrandgegend. Bewacht von der Wiener Polizei. Eine Operettenkulisse: in Berlin spioniert man das deutsche Parlament und die Bundeskanzlerin bequemerweise von der amerikanischen Botschaft aus, die nur ein paar hundert Meter vom Reichstag entfernt liegt. Aber auch hier scheint die Empörung für jene, gegen die sie sich richtet, bewältigbar.

Neben der globalen Überwachung des Telefonverkehrs, des Internets und jeder Form elektronischer Kommunikation, dem Anzapfen von Kupferkabeln und Glasfaserleitungen und der kaum verhohlenen “Kooperation” mit IT-Konzernen wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook, der Kollektivsammlung von Verkehrsdaten, Computerkassen und GPS-Standortbestimmungen findet selbst eine Protokollierung des altertümlichen Briefverkehrs statt. Zumindest im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Absender und Empfänger werden vom U.S. Postal Service gescannt – rund 160 Milliarden Briefe, Pakete und Postkarten pro Jahr. Immerhin: in die Poststücke reinzuschauen traut man sich angeblich nur auf richterliche Anordnung. Angeblich.

Die solchermassen gesammelten Beobachtungen machen nur einen Bruchteil der Datenmengen aus. Daten, die, von Experten analysiert und bewertet, vielfältig nutzbar sind. Um – Stichwort „Vorratsdatenspeicherung“ – seine Schäfchen denkbarpräzise einschätzen zu können, in ihrem Konsumverhalten genauso wie in Hinsicht auf individuelle Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten.

Ich teile nicht die Enttäuschung über dieses unendlich absurde, aus Sicht der Big Data-Handelsagenten aber nur konsequente Szenario, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ahnungslosen, verlogenen, machtlosen, erpressten (weil nunmehr grundsätzlich erpressbaren) oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der Experte Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Und wer nichts zu verbergen habe, habe gewiss auch nichts zu befürchten. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. “Mehr Leute sterben durch herabfallende Fernseher”, so die “New York Times”, “und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.” Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für „Heimatschutz“ und Bürgerbespitzelung ausgegeben. Der militärisch-industrielle Komplex? In der Tat. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man “es gewußt” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln. Terrorprävention ist das Geschäftsmodell der Stunde. Die Handelsware ist Angst. Man – wer? – kassiert Millionen, Milliarden, Billionen aus Steuergeldern (also: von uns allen), die anderswo fehlen (uns allen nämlich), um vage Eventualitäten mit horrenden Absurditäten zu bekämpfen. Paranoia rules OK.

Was aber, wenn diese Erkenntnis und die daraus resultierende Bestürzung Über- und Gegendruck zeitigt? Er muss sich nicht in Internet-Bastelanleitungen für Druckkochtöpfe manifestieren. Seltsamerweise wirkt aber unsere Politik, unsere Zivilgesellschaft, unser Gemeinwesen weithin uninteressiert, träge, geradezu sediert. Operierten Geheimdienst nicht immer geheim? Was soll man da schon dagegen tun? Es herrscht Krieg, aber was geht er uns an?

Nicht nur ausgewiesene Verschwörungstheoretiker greifen zur These, dass die wenigen Ausnahmeexemplare inmitten der allgemeinen gesellschaftlichen Apathie – die notorischen Bedenkenträger, die Systemkritiker, die Snowden-Gefolgsleute – längst „getagged“ sind. Punziert. Im Visier der Datensammler und Geheimdienstfertigen. Ja: wir sind erpressbar. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts ahnen. Oder gar wissen. Begehen wir nicht alle in unserer unendlichen Harmlosigkeit und Naivität – man hole wieder einmal die abgegriffene „1984“-George Orwell-Ausgabe aus dem Regal – „Gedankenverbrechen“? Täglich, stündlich, minütlich?

Die absichtsvolle Fragestellung und Verknüpfung all dieser Worte, Beobachtungen und Gedanken ist, so sich „Datum“ zum Abdruck entschliesst oder dieser Blog die Zeit überdauert, auf ewig festgehalten im kollektiven Speicher. Wo man früher Artikel mit der Schere ausschnitt und, mit Randnotizen bekritzelt und in Dossiers eingeklebt, im Aktenschrank oder Kellerarchiv bunkerte, reicht heute die elektronische Indizierung. Tagged: Walter Gröbchen, anno 2013 Staatsbürger der demokratischen Republik Österreich, ist ein Gedankenverbrecher. Er meint, es zähle nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. „Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.“

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ich schrieb diese Worte aus der Sicht eines ehemals Arglosen.

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