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Ganz Wien revisited

10. September 2017

Die Aufarbeitung der Populärkultur-Historie Österreichs hat begonnen – ein so schillerndes wie mit Missverständnissen aufgeladenes Thema.  Mit „Ganz Wien“, zu sehen vom 14.09.2017 bis 25.03.2018 im Wien Museum, steht die erste Gesamtschau der Wiener Musikszene seit den 1950er-Jahren zur Besichtigung.

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Allmählich reicht es dann mit dem Austropop. Also: mir ganz persönlich.

Um den Austropop selbst muss man sich keine Sorgen machen – er ist tot. Oder, präziser: er existiert einfach nicht mehr. Es handelt sich um eine abgeschlossene historische Phase der österreichischen Musikgeschichte, deren Hochblüte in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts lag.

Wenn Sie mich nach einem exemplarischen Belegstück jener Ära fragen, würde ich Ihnen das Album „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros, erschienen 1975, ans Herz legen. Wie kaum ein zweites Werk vermittelt es die Tristesse jener Zeiten, die seltsam fern und grau erscheinen, in denen aber die Widrigkeiten der Gegenwart schon genetisch festgeschrieben waren. Kaufen Sie, so Sie denn meinem Ratschlag folgen, das Album auf Vinyl (idealerweise gebraucht, keine in Plastik verschweisste Neuauflage) – erstens ist dieses Format erstaunlicherweise wieder in Mode gekommen, zweitens bedarf die Zelebration des „Zentralfriedhofs“ begleitenden Knisterns und Knackens. Schon allein das Cover erzählt uns eine wunderbare Geschichte der Vergänglichkeit.

Warum ich Ihnen jetzt mit Austropop komme? Weil es der weitestverbreitete signifikante Reflex ist, wenn man die demnächst anlaufende Ausstellung „Ganz Wien. Eine Poptour“ (14.09. 2017 bis 25.03.2018, Wien Museum) erwähnt. Als einer von drei Kuratoren, dessen Gestaltungsmacht nicht ganz so tief reichte wie jene der Kolleginnen und Kollegen, ist man notorisch mit dem Satz „Ah, ihr macht’s a Austropop-Schau!“ konfrontiert. Nein! Es handelt sich um eine verdichtete Historie der Wiener Musikszene der letzten sechs Jahrzehnte, dargestellt anhand der wichtigsten Schauplätze, Biotope und Hotspots – insgesamt elf an der Zahl. Eine Topographie der Szenen.

Sie beginnt im Künstlertreff „Strohkoffer“ bald nach dem Zweiten Weltkrieg – Helmut Qualtinger entwickelte dort seine Figur des „Halbwilden“ – und endet am Karlsplatz, einem Nicht-Ort, der aber – man denke an das alljährliche „Popfest“, das dort seit 2010 stattfindet – in der aktuell höchst divergenten Musiklandschaft ein fiktives Epizentrum markiert. Übrigens eines, dem gleich ein grundsätzliches Problem innewohnt: ist vom Stadtrat finanziell unterfütterte Jugend- und Gegenkultur noch glaubwürdig – oder handelt es sich anno 2017 nur mehr um pragmatisch-hedonistische Spiele zum kargen Brot des Alltags? Möglichst „niederschwelllig“, also gleich gratis. Sagen wir mal so: die Polit- und Protestsänger, die anno 1977 im Folkclub Atlantis auftraten, Anarcho-Bands wie Novak’s Kapelle, Chuzpe, Pöbel oder Drahdiwaberl oder auch die physisch kaum mehr fasslichen Protagonisten des „Cloud Rap“ von heute, etwa Yung Hurn, hätten die Frage anders beantwortet als allein mit fröhlicher Dankbarkeit. Und die wirklichen heimischen Pop-Grössen der Gegenwart, allen voran Wanda und Bilderbuch, sind – weil gagentechnisch zu teuer geworden – am Karlsplatz nie aufgetreten.

Andererseits muss man Andreas Mailath-Pokorny und seinem Team dankbar sein, dass sie – selbst aufgewachsen mit Ambros, Danzer, Falco & Co. – erstmals eine eindrückliche, weil kundig kuratierte Leistungsschau und, quasi nebenher, eine systematische Auseinandersetzung mit den Wurzeln der heimischen Szene ermöglichen. Hier ist nicht nur das Wien Museum ein Magnet – man hat längst eine Mundharmonika von Wolfgang Ambros, einen Helmut Lang-Anzug von Falco oder die speckige Lederjacke von Marco Michael Wanda im Depot –, auch die Wienbibliothek im Rathaus tut sich seit geraumer Zeit durch liebevolle Sammeltätigkeit zweidimensionaler Objekte (Fotos, Plakate, Flyer, Notenblätter u.ä.) hervor, denen aktuell die Ausstellung „Blitzlichter – das popkulturelle Archiv der Wienbibliothek“ (bis 02.02.2018) gewidmet ist. Ein grundlegendes Konvolut sei in diesem Kontext ebenfalls genannt: „WienPop“, 2013 im Verlag der Stadtzeitung Falter erschienen – das aufwändig recherchierte Kompendium wäre ohne Rückendeckung durch die genannten Institutionen wohl nie erschienen. Auch Ö1 ist in den Forschungskomplex eingestiegen und hält ein behende wachsendes „Radiokolleg“-Beitragsarchiv („Lexikon der österreichischen Popmusik“) online vorrätig.

Und, ja, es geht um weit mehr als Austropop. Allein die ewige Gleichsetzung der historischen Trademark – die ja am ehesten noch deutschsprachigen Dialektgesang als Klammer kennt – mit dem gesamten Produktivausstoß unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler, Bands und Projekte über Jahrzehnte hinweg ist ein klebriges Mißverständnis. Freilich gibt es Retro-Kapellen, die ästhetisch ungebrochen Peter Cornelius anhimmeln, und vermeintliche „Neo-Austropop“-Stars wie Voodoo Jürgens, Ernst Molden oder Der Nino aus Wien. Aber, das dürfen Sie mir getrost glauben: sie machen vielleicht moderne Wienerlieder, Metropolen-Blues des 21. Jahrhunderts oder absonderliche André Heller-Verwurschtungen, aber gewiss keinen Austropop.

Sollten Sie sich in die Ausstellung verirren: Rainhard Fendrich kommt darin nicht vor (oder wenn, dann nur ganz am Rande); er ist mit einem eigenen Musical in Gehweite des Wienmuseums eh gut bedient. Das ist übrigens die härteste Übung beim Machen einer Ausstellung: wen und was lasse ich weg und warum? Denn schon höre ich, einmal mehr, den Ruf von – individuell oft hoch interessanten – Nischenexistenzen und Detailfanatikern, deren Drang nach Vollständigkeit und Widerspiegelung des künstlerischen Egos nicht auf Deckungsgleichheit mit einer höchst überschaubaren Ausstellungsfläche zu bringen ist. Es sollte sich aber auf mehr als vierzig Audio-Video-Stationen, in ein paar hundert Objekten und einem opulenten Begleitprogramm doch einiges finden lassen, was mit dem eigenen Leben und Schaffen Berührungspunkte hat.

Mein persönliches Lieblingsobjekt ist, nebstbei, das mit Abstand grösste der Ausstellung: das „Original Bedroom Rockers“-Studio, das Peter Kruder – die eine Hälfte von Kruder & Dorfmeister – einst in der Grundsteingasse 60 in Wien-Ottakring aufgebaut hatte. Ein spiegelgleiches Konvolut von Bandmaschinen, Samplern, Sequencern und Synthesizern, frühen Computern und billigem Trash-Equipment war in der Goldegggasse im vierten Wiener Gemeindebezirk zu finden, wo Richard Dorfmeister residierte. Mit diesem Maschinenpark entstand die „G-Stoned EP“ (die mit dem Simon & Garfunkel-Cover, Katalognummer 001 auf G-Stone Recordings), die 1993 zum beliebtesten Exportartikel „made in Austria“ für Musikliebhaber rund um den Globus werden sollte.

Wenn man Glück hat und sich rechtzeitig anmeldet, erklärt einem Peter Kruder höchstpersönlich, an welchen Knöpfchen er damals gedreht hat, damit es klappte mit der Weltberühmheit eben nicht nur in Wien.

 

Suggestivkraftwerk

23. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (263) Erzeugt die Computerwelt “richtige” Musik? Sorry: diese Frage können nur Menschen stellen.

Kraftwerk Burgtheater

Da sassen wir nun alle. Und staunten. Meine Wenigkeit in der 3. Reihe, Platz 7, Parkett links im Wiener Burgtheater. Festwochen! Ich hatte um wohlfeile fünfundsiebzig Euro eine Karte für “Die Mensch-Maschine” erstanden, die konzertante Aufführung eines der Schlüsselwerke von Kraftwerk. Sie wissen schon: die legendären deutschen ElektronikPioniere.

Der Herr neben mir, ein einschlägig bekannter Musikjournalist und Pop-Connaisseur, war bereits zum dritten oder vierten Mal zugegen. Denn Kraftwerk hatten angekündigt, den kompletten Katalog ihres jahrzehntelangen Schaffens abzuspulen, Album für Album (bis auf das Frühwerk). Er beschwerte sich auch nicht, als sich herausstellte, dass das Quartett auf der Bühne das Versprechen zwar seriell wahrmachte, den Rest des Abends aber immer mit denselben “Greatest Hits” garnierte. Mehr oder weniger.

Die 3D-Inszenierung der retrofuturistischen Alltagsmelodien von Kraftwerk – so simpel wie suggestiv – war einfach zu überwältigend, sinnes- und leuchtkräftig, um an solchen Details herumzumäkeln. Zwischendurch aber beugte sich der Kollege herüber und setzte mir einen Floh ins Ohr: “Das wäre doch eine investigative journalistische Aufgabe: herauszufinden, was die da eigentlich wirklich treiben auf der Bühne!”

Das ist ja eines der Schlüssel-Probleme der elektronischen Musik: es tut sich nichts. Sieht man vom Drumherum ab. Denn live auf der Bühne auf ein Mischpult zu starren oder in einen Laptop, dann und wann mal einen Knopf zu drehen, einen Schalter umzulegen oder still ins Publikum zu lächeln – wie es letztlich auch Kraftwerk hielten –, vermittelt nicht gerade die schwitzige Lebenshaltung des Rock’n’Roll. Und ist in punkto Showgestaltung halt oft – zu oft – reichlich fad.

Was Ralf Hütter, das Mastermind und einzig verbliebene Originalmitglied der Truppe, nicht weiter anficht: Man lassen nicht einfach nur die Computer die Klänge abschnurren, erklärte er im Interview mit dem „Kurier“-Redakteur Georg Leyrer. “Wir komponieren, wir führen die Teile zusammen und gestalten den Klang. Also: Kling, Klang! Das ist nicht körperlich, das ist hochsensibel. Wie Feinchirurgie, mikroskopisch kleine Bewegungen haben große Wirkung. Die Sensibilität der elektronischen Instrumente ist unermesslich.“

Ich glaub’s ihm ja. Höre es sogar raus, bisweilen. Und verstehe dennoch die Skepsis der Techno-Agnostiker, Maschinenstürmer und „Handmade Music“-Traditionalisten. Also hätte ich einen Vorschlag: Hütter und seine Mitstreiter mögen beim nächsten Mal eine Kamera über ihren Instrumentenpulten montieren. Und ihren Live-Aktionismus ins 3D-Szenario einblenden. Dann wären raschest alle Vorurteile gegen die Mensch-Maschinen-Musik ausgeräumt.

Wer’s immer noch nicht glaubt, nehme an diesem denkwürdigen Event – einer Hommage an Kraftwerk seitens des Wiener Heimorgelorchesters – teil. Da werkeln Menschen aus Fleisch und Blut an analogen Klein- und Kleinstmaschinchen. Und rühren damit – so etwas besitzen Computer doch nicht, oder? – ans Herz.

Um mit Karl Bartos, dem langjährigen Weggefährten von Ralf Hütter zu sprechen: „Alle sagen, der Computer hat die Welt verändert, aber ich glaube, Musik ist nach wie vor Musik. Und die Frage ist immer noch die gleiche: Warum wird aus Schallwellen Gefühl?“ Boing Bum Tschak.

Local Heroes

4. Januar 2013

Ein Detail ist falsch bei diesem Film: kaum ein Musiker, kaum eine Band glaubt heute an den seligmachenden, karriereerfüllenden Status eines Major-Plattenvertrags. Sonst aber stimmt fast alles in „Local Heroes“. Die Obsession. Die Tonspur. Die Hoffnungslosigkeit. Die Story an und für sich. Eine Kino-Empfehlung.

Local Heroes Plakat

Vielleicht ist es ja ein Zufall, dass gerade zwei Filme, die sich – auf gewiß ganz unterschiedliche Weise – des Themas Musik annehmen, auf die Kinoleinwände drängen: Mirjam Ungers „Oh Yeah, She Performs!“ und Henning Backhaus’ „Local Heroes“. Ersterer ein Dokumentarfilm, der Musikerinnen in den Mittelpunkt stellt, letzterer ein Spielfilm-Debut, der eine Geschichte aus dem Kontext einer Newcomerband heraus erzählt.

Beide Filme arbeiten mit österreichischer Alternative Pop/Rock-Musik. „Arbeiten“  heisst: den Protagonisten und den von ihnen gewollt verursachten Tönen, Zwischentönen, Geräuschen, Sounds und Songs Raum geben, sie ernst nehmen, ja wichtig, sie wirken lassen. Auf sich selbst und auf andere. Das ist eine essentielle  Gemeinsamkeit der erwähnten Filme, und beide fallen sie in eine Zeit, die man getrost als als die richtige Zeit dafür erkennen kann. Denn noch nie war die heimische Szene so dicht, so qualitätsvoll, so vital, tatendurstig, bemerkenswert wie 2012/2013.

Nun ist „Local Heroes“ ein Coming-of-Age-Drama, das zuvorderst die – ebenso naiven wie obsessiven – Träume eines Nachwuchsmusikers, bebildert. Ein Newcomer, der noch nicht einmal fix zum Lokalheroen aufgestiegen ist, ersehnt eine professionelle Karriere – etwas, das im engen kulturökonomischen Biotop Wien bzw. Österreich fast zwingend zum Filmriß führen muß. Dennoch wohnt diesem – bei allen  Live- und Probekeller-Lautstärkeexzessen – stillen Streifen eine ungewohnte Kraft und Sehnsucht inne. Der „Rat Race“ der Musikindustrie, das verzweifelte Drehen am und im Hamsterrad der Möglichkeiten, der darwinistische Konkurrenzkampf in einem nicht gerade selten belächelten Spielfeld der Populärkultur ist das Hauptmotiv in „Local Heroes“. But what can a poor boy do but play in a rock’n’roll band?

Herausgekommen ist – neben dem Kinofilm selbst – ein Soundtrack, der sehr ernsthaft (und dabei doch spielerisch), eigenständig und nachdrücklich ein Statement setzt. Einerseits, weil er eine Szene durchmisst, die sonst gerade mal von FM4 und Radio Soundportal wahr- und ernstgenommen wird. Anderseits, weil er auch bei der puren Fiktion nicht danebengreift. Eine imaginäre Band wie Yoko Love wird gleichberechtigt neben (mit tollen Tracks vertretenen) Szenegrössen wie Marrok, Mother’s Cake, Gudrun von Laxenburg und Cardiochaos gestellt. Und besteht mit ihren Songentwürfen.

Hans Wagner, der Musik-Guide des Films und selbst aktiv bei Das Trojanische Pferd, Neuschnee, Hans im Glück u.a., hat ganze Arbeit geleistet. Props gehen auch an die Studioprofis Jonathan und Georg Gabler und an den Produzenten Michael Katz. Und natürlich an den Haneke-Schüler Henning Backhaus, der sich an das nicht gerade einfache (und noch weniger einfach darstellbare) Musiker(innen)-Milieu herangewagt hat. Und Musik als alltägliches Lebensmittel, als Über-Lebensmittel begreift. Ich sage: diese Songkollektion kann einiges. Der Film kann noch mehr. Hören, sehen, weitersagen.

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