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Ohne Schlitz

14. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (372) Die Zukunft der Musikindustrie entscheidet sich im fahrenden Konzertpalast: dem Auto.

Auto-CD-Player

In meinem aktuellen Testauto, einem Kia Sportage, gibt es keinen CD-Player mehr. Das wurde mir bewusst, als ich einen ganzen Schwung Silberscheiben, die ich auf dem Weg von Wien nach Goldegg (und zurück) hören wollte, kurzfristig in den Kofferraum verfrachten durfte – sie waren zu nichts nütze.

Ich hätte die CDs – zumeist selbstgebrannte mit Demos diverser Künstler, die ich von Berufs wegen hören sollte – vorher rippen und aufs Handy transferieren müssen, um der Musik die gebotene Aufmerksamkeit schenken zu können. Und, ja, bei den letzten, vergleichsweise teuren Vehikeln, die ich chauffieren durfte, gab es noch einen CD-Schlitz.

Nun ist das natürlich ein Luxusproblem. Zumal das Entertainment-Center im Kia alle Stückl’n spielt. Und noch dazu herrlich selbsterklärend ist – mit kaum einem Fahrzeug bislang gelang das Bluetooth-Pairing mit dem Smartphone so selbstverständlich wie hier. Das JBL-Soundsystem verspricht zudem eine „fortschrittliche Clari-Fi Musikrestaurierungstechnologie, welche die Qualität von MP3-Dateien verbessert und deren Klang in High Definition bereitstellt“ (Prospekttext). Sorry, das ist natürlich audiotechnisch kompletter Unsinn. Aber die Anlage klingt annehmbar und lässt sich elegant steuern. AUX- und USB-Anschlüsse sind zusätzliche Verheissungen für die mobile Discothek. Soweit wunderbar.

Für die Musikindustrie aber ist die Botschaft des rasanten Abhandenkommens von CD-Playern im Auto eine, die mit gemischten Gefühlen aufgenommen werden wird. Denn es bedeutet, dass vorbespielte Tonträger – gemeinhin Alben oder, falls es sich um eine bunte Auswahl von Künstlern und Songs handelt, Compilations genannt – auf dem absteigenden Ast sind. Zwar betrug deren Anteil am gesamten österreichischen Musikmarkt anno 2015 noch rund 70 Prozent. Die zweistelligen Zuwachszahlen bei Streaming-Abos sprechen aber eine deutliche Sprache.

Auch ältere Generationen machen sich inzwischen mit der virtuellen Jukebox auf Abruf vertraut – gezwungenermassen, wenn die KFZ-Industrie den Systemwechsel forciert. (Wer erinnert sich noch an die Zeit, als die Cassettenschlitze aus den Autos verschwanden?) Und Downloads tut sich auch niemand mehr an, wenn Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer & Co. eh fast alle Wünsche erfüllen.

Playlists sind die neuen Compilations. Streaming ist das neue Radio. Alben sind Relikte von gestern. CDs werden bald nur noch nostalgische Staubfänger sein. Wie sangen einst Minisex? „Ich fahre mit dem Auto, alles geht so schnell.“

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Kommunizierende Röhren

5. März 2016

Anlässlich der Debatte um heimische Klänge auf Ö3: wie wichtig ist anno 2016 Radio-Airplay für die lokale Musikszene? Eine Nachforschung. 

Ö3 Wanda

Die aktuelle Erfolgswelle österreichischer Pop-Acts – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Punkt.

Denn: der mit Abstand wichtigste Radiosender des Landes, einstmals Garant für breite Publikumswirksamkeit, hat sich über Jahre hinweg schrittweise von einem seiner öffentlich-rechtlichen Kernaufträge zurückgezogen: der Widerspiegelung des populären, zeitgenössischen, kommerziellen Musikschaffens inner- und ausserhalb der rot-weiß-roten „Musiknation“ (für den Rest sind Ö1, FM4 und Ö-Regional zuständig). Erst eine Initiative der SP-Kultursprecherin Elisabeth Hakel veranlasste im Vorjahr die ORF-Geschäftsführung, den Kurs der „Cashcow“ Ö3 wieder ansatzweise zu korrigieren – seither gilt eine freiwillige Selbstverpflichtung, die dem Sender eine Austro-Quote von mindestens 15 Prozent auferlegt. Im weltweiten Vergleich befindet man sich damit im untersten Drittel nationalen Airplay-Anteils.

Ö3 erfüllt diese Vorgabe mit Ach und Krach: die Titelrotation ist erstaunlich eng (von 200 im August 2015 gespielten Songs erfüllten schon 11 mehr als die Hälfte der Quote), die Entdeckungsfreude der Musikredaktion ungebrochen schaumgebremst, ein beträchtlicher Anteil der Kompositionen „made in Austria“ wird in die Nacht verfrachtet. Eine wesentliche Verbesserung der vielfach beklagten Situation tönt anders. Dennoch ist ein Paradigmenwandel eingetreten. Die heimische Szene hat zu einem neuen Selbstbewusstsein gefunden, das sich ökonomisch, kulturpolitisch und medial bemerkbar macht – der vormals gern gebrauchte Fingerzeig auf die „Austropop-Raunzer von gestern“ gilt nicht mehr. Zumal Rainhard Fendrich, Peter Cornelius, Papermoon & Co. mit ihren gut abgehangenen Evergreens einen bequemen Alterswohnsitz in den Regionalsendern gefunden haben.

Eitel Wonne also allseits? Nein. Denn einerseits beklagt Ö3-Chef Georg Spatt signifikante Reichweitenverluste (österreichweit von 36,4 auf 34,9 Prozent im aktuellen Radiotest) und schreibt sie ungeniert der ungeliebten Austro-Quote zu. Andererseits erntet er damit Empörung seitens jener Künstlerinnen, Künstler, Medien- und Musikexperten, die das als durchschaubaren Schachzug in einer nach strikt marktorientierten (und eventuell tendenziell überholten) Regeln geführten Formatradio-Konkurrenzschlacht werten. Sogar die raketengleich zu Popularität gelangte, von Ö3, FM4 und Radio Wien gleichermassen hofierte Wiener Band Wanda gab sich nach Spatts Wortmeldung spöttisch: „Blödsinn, wir retten das Radio.“

Nun: es ist hoch an der Zeit, diesen verunglückten und verkrampften Antagonismus aufzubrechen. Rundfunk und Popkultur verhalten sich seit jeher wie kommunizierende Röhren. Die US-dominierte Tonträger- und Radioindustrie haben gemeinsame Wurzeln, ihre Programme und Produkte nähren sich unmittelbar von der Kreativität der Kulturschaffenden, europäische Radiostationen (zumal die öffentlich-rechtlichen) haben sich – ob mit oder ohne Quote – regionaler Diversität und selbstverständlicher kultureller Repräsentanz verschrieben. Und hierzulande? Die Hochblüte der heimischen Dialektwelle in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wäre ohne Durchlauferhitzer Ö3 so nicht möglich gewesen.

Ist aber Airplay – sprich: Radio-Präsenz – überhaupt noch der essentielle Faktor im Pop-Geschäft des 21. Jahrhunderts? Immerhin hat sich das Rad technologisch deutlich weitergedreht: Streaming- und Downloadplattformen, Internet-Stationen mit engster Genre-Formatierung, Social Media und personalisierte Playlists sind heute weit verbreitet. In der jugendlichen Zielgruppe untergraben sie zunehmend die Dominanz des traditionellen Tagesbegleiters und Nebenbei-Mediums. Das Selbstverständnis selbstbewusster Radiomacher früherer Jahre – „Wir machen Hits!“ – wurde längst zugunsten der pragmatisch-defensiven Position „Wir machen keine Hits, wir spielen sie!“ aufgegeben. Bei Ö3 wurde ein zynisches „Wir haben keine Hits (aus Österreich), aber spielen sie trotzdem zu Tode“ draus.

Seiler & Speer, aktuell die verkaufsträchtigste Band des Landes, konnte auf Millionen YouTube-Klicks verweisen, bevor sie in die langwierigen Überlegungen hiesiger Musikredakteure aufgenommen wurden. Seit jenem Zeitpunkt im Herbst des vergangenen Jahres rotiert das Duo auf Ö3 in einer Häufigkeit, die selbst deklarierte Fans irritiert. Und jene, die auf den Wiener Dialekt-Schmäh – der lange Jahre als absolutes „No Go“ für landesweiten Radioerfolg galt – weniger abfahren, mittlerweile regelrecht abstösst. Ein kontraproduktives Ergebnis, gleichwohl negativ für das Medium und die Botschaft.

Generell trägt die sklavisch vorgegebene Wiederholung der ewig gleichen Musikmixtur im ewig gleichen Stundentakt, wenn man dem Substrat unzähliger Hörermeinungen, Postings und Umfragen Gehör schenkt, mindestens so stark zum langsamen Abstieg des Platzhirschen bei wie die hinausgezögerte Entscheidung, ob man sich eher einer älteren oder jüngeren Zielgruppe zuwenden will. Im Spagat zwischen „KroneHit“-Trivialpop und Siebziger-Jahre-Rockklassikern zerreisst es merkbar die Identität von Ö3. Und auch die Managements von Helene Fischer, Andreas Gabalier, Sarah Connor & Co. entwickeln Begehrlichkeiten, neue Verbreitungswege zu erschliessen – viele, vorrangig deutsche Pop- und HipHop-Interpreten streifen mittlerweile nicht ungern (oder jedenfalls nicht unabsichtlich) am Schlager-Terrain an. Bei dieser Zielgruppe steht das Radio ja nachwievor hoch im Kurs.

In diesem Kontext melden sich gern auch wortgewaltige Apostel des Wahren, Guten, Schönen zu Wort, die postulieren, nachhaltige Publikums- und Kritikerresonanz wären auch ohne Mainstream-Radio erzielbar. Und Ö3-Airplay sowieso uncool, imageschädigend, entbehrlich. Das Netz also als ultima ratio, als zeitgemässe Alternative und übermächtiger Öffentlichkeits-Hebel? Der Underground als natürliches Biotop der Off-Szene? Und Kunst strikt getrennt von kommerziellem Erfolg? So betrachtet könnten sich die erbittert ringenden Gegner Musikindustrie (die ja in Österreich vorrangig als Import-Filiale der Majors existiert), Indie-Szene und Formatradio entspannt voneinander lösen. Dass sie es nicht tun, sollte ein Beleg dafür sein, dass der Faktor Airplay nachwievor ein essentieller ist.

Der Wesensunterschied des linearen, non-partizipativen Mediums Rundfunk ist im direkten Vergleich zu On Demand-Plattformen wie YouTube, Spotify, Apple Music oder Deezer augen- und ohrenfällig: bei letzteren köchelt, wenn sich der Nutzer nicht auf maschinelle „Discover“-Empfehlungen oder spezielle Playlists einlässt, immer dieselbe Suppe am Herd. Bei Radioprogrammen, die Musik nicht nur als notwendige Fugenmasse zwischen Werbung, Nachrichten, Verkehrsfunk und Comedy-Elementen einsetzen, kommt es auch für Nebenbei-Hörer immer wieder zu positiven Überraschungen durch Konfrontation mit neuen, unbekannten, unvermutet gefälligen Musikstücken. Radio wirkt – gerade bei einem kulturell nur durchschnittlich interessierten Breitenpublikum, das aber für unmittelbare Emotionalisierung offen ist (was es ja durch Druck auf die „On“-Taste rituell signalisiert). Für Künstler und ihre professionelle Infrastruktur ist die Ummünzung und  Fortschreibung des banalen, aber wirkungsmächtigen Faktors Bekanntheit bei Live-Engagements, Auftrittsgagen und Folgeaufträgen von (über)lebensnotwendiger Wichtigkeit.

Das österreichische Musik-Informationszentrum MICA hat im Jahr 2014 eine ausführliche Untersuchung zum Thema Airplay unternommen. Kurzgefasst liest sie sich so: der unmittelbare finanzielle Ertrag aus Radioeinsätzen via AKM und AustroMechana ist überschaubar, trägt aber in einer funktionierenden Verwertungskette zu einer soliden Finanzierungsbasis für Autoren, Interpreten, Labels und Verlage bei. In punkto Öffentlichkeitswirkung ist Airplay aber kaum substituierbar. „Um kommerziell wirklich Erfolg zu haben“, resümiert MICA-Autor Markus Deisenberger (der dieser Tage auch eine nüchterne, lesenswerte Analyse der Radio-Debatte vorlegte), „führt in Österreich kein Weg an Ö3 vorbei.“

Eines der wesentlichen Probleme sei der Flaschenhals, den der Sender durch sein restriktives Formatradio-Selbstverständnis bilde: FM4 und Ö1 schlügen sich wacker, was die Aufmerksamkeit für neue Töne aus Österreich betrifft, erreichten aber nur einstellige Prozentanteile des potentiellen Publikums. Ö3 könne dagegen auf täglich rund 2,8 Millionen Hörer/innen bauen – die durchaus Interesse an neuen Namen und Gesichtern hätten. Jüngstes Beispiel: die seitens des ORF crossmedial konsequent forcierte Songcontest-Interpretin Zoe.

„Social Media ist beim Entdecken neuer Künstler am wichtigsten“, meint Sony Music-Spitzenmanager Philip Ginthör im aktuellen „Wired Magazin“. „An zweiter Stelle folgt das Radio. Die Bedeutung dieses Mediums hat wieder zugenommen, auch deshalb, weil wir eine enge Verzahnung erleben mit dem, was online passiert. Wenn Menschen Musik übers Radio kennenlernen, werden Songs gezielt gesucht – über Shazam, über Streaming-Dienste. Aber auch umgekehrt: Radioredakteure informieren sich sehr genau, was im Netz passiert, greifen Trends auf und bringen sie zu den analogen Medien zurück.“  Es gilt die selbstverständliche Regel: jeder Redakteur im Ausland, egal ob Radio, TV, Print oder Online, wird zuvorderst recherchieren, wie sich ein Song oder ein Album im Heimatmarkt schlägt.

„Ein gescheites Radio hilft dabei mit, Künstler aufzubauen und wartet nicht, bis sie im Ausland Erfolg haben“, ergänzt der WKÖ-Experte Werner Müller. „Das ist Wertschöpfungsexport österreichischer Kreativität und auch ökonomisch unklug.“ Ähnlich argumentiert AKM-Vizepräsident Peter Vieweger: „Man muss nur den Blick nach Deutschland werfen. Dort funktioniert es mit dem Einsatz lokaler Produktionen in lokalen und überregionalen Radios mittlerweile hervorragend. Der Erfolg ist evident. Und die Investitionsbasis für weitere Steigerungen, sowohl künstlerisch als auch kommerziell, gegeben. Es ist unverständlich, dass Österreich nicht rasch gleichzieht.“

Persönliches Fazit: es ist, wie so oft, weniger eine Frage des Könnens als eine Frage des Wollens. An Talent, Kreativität und Knowhow mangelt es jedenfalls nicht hierzulande. Es müssen ja auch nicht immer deutschsprachige oder gar dialektgefärbte Songs sein … Man höre in die neuesten Produktionen von Elly V. (ja, das war die herausstechende Zweite in der ORF-Songcontest-Vorauswahl), Robb, Avec, Der Nino aus WienFarewell Dear Ghost, Fijuka, Viech, Polkov, Gin Ga oder Leyya hinein, um nur ein paar zu nennen… Äther frei!

A schwaare Partie

13. Februar 2016

Wieder einmal wogt die Debatte um heimische Klänge auf Ö3. Was bewegt den Senderchef Georg Spatt, notorisch gegen seine Vorgaben zu polemisieren? Eine Nachfrage.

Tuning2

Ich habe Ö3 – lange Jahre war ich in diesem Sender in vielfacher Rolle tätig, zuletzt als Leiter der Programmentwicklung – anno 1993 verlassen. Und bin aus einer gewissen Abenteuerlust in die Musikindustrie gewechselt.

Es war der richtige Zeitpunkt: die dramatische Umgestaltung eines erfolgreichen, vielgestaltigen Programms (das Vorbild für viele Stationen war, von Radio Hamburg bis Bayern 3) in ein „Hitradio“ nach üblich-üblen Kommerzschema stand knapp bevor. Der ORF meinte damals, die kommende private Konkurrenz weniger durch den Einsatz eigenen Gehirnschmalzes als durch den Zukauf externer Ezzes abwehren zu können – wäre es schiefgegangen, hätte man sich in der Chefetage legér auf eine teure Beratungsfirma aus Nürnberg ausreden können. Aber es lief (nach einigen Rumpeleien und Rempeleien in den Jahren 1995 bis 1998, die seitens des Gesetzgebers einen bequemen Vorsprung sicherten) glatt.

Seit diesem Zeitpunkt ist Ö3 mit grossem Abstand Marktführer. Über lange Strecken schaffte es die Armada der Privatsender nicht, am Nimbus und Erfolg des grossen Vorbilds zu kratzen. Kein Wunder: meist versuchte man einfach, es plump zu kopieren. Ohne die Mittel dafür zu haben. Erst in den letzten Jahren kam es zu einer Ausdifferenzierung der Formate, die sich vorrangig über das Musikangebot definiert. Und natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben: Internet-Stationen, Digitalradio, Musikstreaming, personalisierte Playlists, Social Media etc. usw. haschen dito nach unser aller Aufmerksamkeit. Die kleinen, in Summe jedoch nachhaltigen Hörerverluste von Ö3 seit der Jahrtausendwende sind daher für Experten keine Überraschung. Im Gegenteil.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil der Ö3-Chef – welcher Teufel hat ihn geritten? – nun meint, die Ursache für die Negativentwicklung benennen zu können: Musik aus Österreich. Tatsächlich wogt hier seit den neunziger Jahren eine heftige Debatte (und ich kenne sie in- und auswendig): wieviel Prozent heimischer Interpreten, Komponisten und Songs kann man dem Publikum zumuten? Die Doktrin der Formatradio-Berater lautet: so wenig wie möglich. Warum? Auf eine valide, nachvollziehbare Antwort warte ich seit zwei Dezennien. Es ist die Kernfrage.

Man musste die ORF-Manager sogar im Parlament daran erinnern, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender (und, ja, Ö3 ist ungebrochen ein solcher) gewisse Auflagen gibt: Kultur- und Bildungsauftrag, Public Value, eine proaktive Widerspiegelung der vitalen lokalen, regionalen, nationalen Musikszene. Resultat: eine freiwillige Quotenvereinbarung, die zäh, aber annähernd doch erfüllt wird. Aber ich verstehe gewiss auch die Nöte der Senderspitze und die Sorge um ihre Erfolgsprämien: ein wie ein Privatradio agierendes Ö3 finanziert ja partiell die Alternativangebote Ö1 und FM4 mit. Warum man sich dennoch nicht der unleugbaren Verkrampfung entledigt, was das heimische Kreativpotential betrifft, und – Lippenbekenntnisse dazu gab und gibt es sonder Zahl – den konstruktiven Dialog sucht, mag niemand recht beantworten. Ö3-Chef Georg Spatt schon gar nicht. Aber es wäre hoch an der Zeit.

Ich wage es, ihm ein paar Fragen mehr zum Thema zu stellen.

Eins: Wenn Ö3 alle Songs, die es on air schickt, intensiv vorab testet – warum nicht auch die Ö-Kandidaten? Wenn sie „schlecht testen“, warum schickt man sie on air? Was exakt will man solchermaßen wem beweisen? Und: haben Ö-Newcomer eine seriöse Chance gegen international erprobte Radio-Hits, die auf multimedialen Kanälen längst schon ins Ohr der (Test-)Hörer/innen gedrungen sind, bevor sie Ö3 überhaupt in Erwägung zieht?

Zwei: Die mit Abstand grösste Beschwerdeflut von Ö3-Hörern erfolgt – permanent und wirklich unüberhörbar – gegen die quantitativ ultraenge Titelrotation. Sprich: dem Publikum hängen die ewig gleichen Songs zum Hals raus. Ö3 und seine Formatradio-Berater scheinen das aber hartnäckig zu ignorieren. Man sollte sich die Burnout Rates also mal ansehen. Das gilt auch (und besonders) für die enge Ö-Songauswahl, die Ö3 spielt – warum z.B. hat man fast ein Jahr nach dem desaströsen ESC-Abschneiden der MakeMakes immer noch ihren Loser-Song „I’m Yours“ auf Heavy Rotation? Warum immer und ewig die Hits und Minor Hits von Christl Stürmer? Warum haben Tagträumer mit ihrem mediokren D-Pop-Abklatsch ein Ö3-Dauerabo? Etc. usw. usf.

Drei: Warum überhaupt hat der Kommerzradioberater BCI – der ja de fakto die Richtlinien für die Ö3-Musikprogrammierung erstellt – nach 20 Jahren noch einen Auftrag? Der ORF hätte in dieser langen Zeit längst die Expertise für erfolgreiche Formatradio-Musikprogrammierung selbst erlangen oder ins Haus holen können. Natürlich will man ein externes Unternehmen, das so eng mit der DNA des eigenen Erfolgs verwoben ist, von Konkurrenten fernhalten und aus dem Markt herauskaufen – aber ist das anno 2016 tatsächlich noch eine Story mit Zukunft?

Letztlich, vier: Was ist eigentlich mit Radio Wien? Der Sender flankiert Ö3 in einem 2,5-Millionen-Hörer/innen-Einzugsgebiet, hat aber nicht mal mehr einen eigenen Musikchef. Und eine Musikredaktion, die – existiert sie überhaupt? – durch absolute Verschnarchtheit, Kontur- und Mutlosigkeit auffällt (oder auch nicht). In punkto Ö-Musik hat man überhaupt keine Linie. Wenn Seiler & Speer z.B. auf Ö3 den Leuten – kein Wunder bei der plötzlichen Intensität des Airplays, Ö3 hat nach monatelangem Abwarten von 0 auf 100 geschaltet – auf die Nerven gehen: das ist ja hörbar eher ein Radio Wien-Act. Gilt partiell auch für Wanda (die laufen erstaunlicherweise auch auf Radio Wien), Bilderbuch & Co. in Hinblick auf FM4. Stimmen sich die Damen und Herren eigentlich irgendwie ab – oder gilt einfach nur ein frischfröhlicher flotteninterner Verdrängungswettbewerb auf gut Glück?

Die aktuelle Erfolgswelle heimischer Künstlerinnen und Künstler – von Wanda und Bilderbuch über Seiler & Speer und Conchita Wurst bis zu Parov Stelar – ist nicht Ö3 zu verdanken. Was Wasser auf die Mühlen jener „Fachleute“ ist, die meinen, wahre Kunst und nachhaltige Publikumsresonanz wären auch ohne Radio-Airplay erzielbar. Gewiss, aber. Soll man dem ORF nun verbieten, am Image und an der Beliebtheit dieser Acts mitzunaschen? Und Ö3, Hits dieser Interpreten fast demonstrativ totzuspielen? Radio Wien, das Neo-Wienerlied zu verschlafen? Und den Privatsendern, sich in Hinblick auf eine zunehmend unüberseh- und hörbare Austro-Szene unter keinen Umständen des notorischen Anti-Ö3-Bunkerblicks zu entledigen?

Im Gegenteil. Der Imperativ lautet: suche den Dialog. Suche Verbündete. Suche den allseitigen Vorteil. Es wäre eine Chance gegen den schleichenden Bedeutungsverlust. Im Konkurrenzkampf der Zukunft vielleicht die einzige.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die erweiterte und aktualisierte Fassung eines Gastkommentars für die „Wiener Zeitung“, Ausgabe 13./14.02.2016.

Turned On

3. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (235) Internetradio? Digital Audio Broadcasting? Gar DAB+? Ach was: Ö1 klingt erst “juju inspired” wirklich ewig frisch.

Radiorecorder

Man kann es mit Forrest Gump halten: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.“ Man könnte auch Albert Einstein zitieren: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Um unterm Schlußstrich bei Wilhelm von Humboldt hängen zu bleiben, dem alten preussischen Staatsfritzen und Sprachwissenschaftler: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“

Menschen, wohlgemerkt, nicht Dinge. Dennoch: mit mehr als fünfzig Lebensjahren auf dem Buckel darf ich wohl die profunde Erkenntnis hintanfügen, dass auch vermeintlich tote Gegenstände zur höchstpersönlichen Lebendigkeit einiges beizutragen vermögen. Sofern in ihnen Witz und Wert stecken. Oder gar soetwas wie eine Seele. Auf der Suche nach solch einem „object of desire“, gedacht als Geburtstagsgeschenk – Sie erinnern sich – für einen guten Freund, stolperte ich unlängst in eine verborgene Werkstatt in der Fillgradergasse 11 in Wien-Mariahilf. Sie entpuppte sich rasch als Zauberkästchen. Betreiber Alex Riegler ist „juju inspired“, so Name und Motto dieser „Vintage Upcycling Manufactory“ (hier zu finden).

Alte Materialien treffen hier auf neue Kulturtechniken. Konkret bedeutet das, dass der gelernte Lichtdesigner allerlei antiquarischem Krempel zeitgemässe Funktionalität einhaucht. Und es gleichzeitig zum Kunstwerk veredelt. Alte Röhrenradios etwa: plötzlich können die per W-LAN oder Bluetooth mit iPads und Smartphones kommunizieren. Ihre frisch polierten Holz- und Bakelitgehäuse bekommen modische Stoffe appliziert, neue Lautsprecher eingesetzt und dürfen nach Lust & Laune mit Nachtlicht, USB-Anschluss und Weckfunktion auftrumpfen.

Das klingt profaner als es ist: im Idealfall haben Sie, sollten Sie sich zum Erwerb eines solchen „Art Retro Radios“ entschliessen, ein Einzelstück im Wohnzimmer stehen, das mit einem „magischen Auge“ und glühender UKW-Skala jeden Kenner verzückt. Und dennoch alles andere als ein unnützer Staubfänger ist.

Das Beste aber ist – das Leben ist ja ein Prozess, kein Handelsobjekt –, dass Sie ihr eigenes Uralt-Radio vorbeibringen und aufmöbeln lassen können. Und eventuell sogar selbst Hand anlegen dürfen. Ob Freund W., längst Ö1-Urgestein, noch sein erstes Empfangsgerät (einen prächtigen ITT Telefunken-Cassettenrecorder mit Radio Luxemburg-Fixtaste) zuhaus im Schrank stehen hat?

Es konnte kein Speicherplatz zugewiesen werden

5. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (193) Heissa! Sie können diese Kolumne nicht nur lesen, sondern auch hören. Eventuell aber auch nicht.

Vocal Studio

Manchmal fühlt man sich wie der letzte Trottel. Pardon, aber so ist nun mal die Befindlichkeit, wenn man sich für einen alltagstechnisch einigermassen kundigen Menschen hält (der ja auch regelmässig und ungeniert Episteln zum Thema schreibt; Sie lesen gerade eine) – und an Details scheitert, die einen nachhaltig am eigenen Hausverstand zweifeln lassen.

Die Geschichte zu dieser erregten Einleitung geht so: ein Radiosender, der via Internet allerorten und auf einer regulären UKW-Frequenz in Linz, Steyr, Wels, Klagenfurt, Gmunden und mit gut Glück bald auch in Salzburg und Wien zu empfangen ist, meinte, es wäre eine hübsche Idee, diese Kolumne für sein Publikum hörbar zu machen. Ich möge doch einfach, sagte der Chef der Station, mein Geschreibsel in ein Mikrofon sprechen und als Audio-File auf den Redaktionsserver hochladen. Simple as that. Ich erinnerte mich augenblicklich an selige Ö3-Zeiten, wo man mit Magnetband und Schneideschere hantierte und einen Tontechniker, der gelegentlich sogar noch einen weißen Arbeitsmantel trug, an seiner Seite hatte.

Anno 2013 dagegen meint man, leichterhand mit einem Aufnahmestudio “out of the box” und im Rechner auskommen zu können. Namentlich “Avid Vocal Studio”. Das ist, kurzgefasst, ein USB-Mikrofon samt Interface und Recording-Software (für Interessierte: Pro Tools SE, eine abgespeckte Variante des weit verbreiteten Profi-Programms). Kosten tut das Paket soviel wie ein paar dutzend Wurstsemmeln in der ORF-Kantine. Und die Werbung verspricht eine einfach zu bedienende Universallösung für Podcaster, Nachwuchssängerinnen und Heimbastler wie mich.

Denkste. Nach dem x-ten Versuch, eine ebenso notorische wie rätselhafte Fehlermeldung (“An access violation has occurred”), gefolgt vom gleichfalls kryptischen Hinweis “Es konnte kein Speicherplatz zugewiesen werden”, zu durchschauen, gab ich das Unterfangen auf. Und spreche diese Kolumne jetzt in das Mikrofon meines iPhones. Entschuldigen Sie also bitte die absehbar mässige Ton- und Schnittqualität. Sofern Sie denn überhaupt etwas zu hören bekommen. (Wobei: die ersten Testaufnahmen mit Apps wie „VC Audio Pro“ oder „iRig Recorder“ tönen formidabel.)

Das Unterfangen, auch nur annähernd zu begreifen, was man denn im „Vocal Studio“-Universum falsch gemacht haben könnte – die rudimentäre Bedienungsanleitung verweist auf eine Hotline im Ausland, dort hebt niemand ab, im Netz steht auch nichts Brauchbares – dauert noch an. Eventuell ewig.

Museumsstücke

9. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (189) Hat ausgerechnet die analoge Ultrakurzwelle eine langfristige Zukunftsperspektive?

Tivoli DAB+ Radio

Jeder hat so sein Hobby. Mein Hobby ist es – es ist nur eines unter vielen, fragen Sie meine leidgeplagte Freundin –, Radioapparate zu sammeln. Empfangsgeräte aller Art. Alte, neue, große, kleine – egal: ich mag sie einfach. Je ausgefallener, desto lieber. Natürlich hat die Sammelwut seine Grenzen. Ein Museum kann und will ich nicht einrichten. Und speziell konventionelle UKW-Radios, wie sie in fast allen Haushalten Österreichs stehen, werden bald wertlose Museumsstücke sein. Millionenfach. Oder auch nicht. Dazu kommen wir noch.

Die unentschiedene Prognose hat mit einer Lücke zu tun (einer bei näherer Betrachtung wahrlich wunderlichen Lücke), die die fortschrittsgläubigen Gerätehersteller, Radiobetreiber und Zulassungsbehörden, die die flächendeckende Digitalisierung der Medienwelt verantworten, bislang ausgerechnet dem alten Dampfradio zugestanden haben. Hier regiert noch analoges Denken. Und analoge Technik, weitestgehend.

Die Geschäfte, die man im Hörfunk-Business – der eng begrenzten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen wegen relativ ungestört – betreiben konnte und kann, sind allerdings auch nicht mehr so proper und fett wie in den güldenen Zeiten des vorigen Jahrhunderts. Radio ist zwar ungebrochen ein wunderbar unkomplizierter Tagesbegleiter und höchst beliebtes Medium, aber die Werbebudgets wandern nicht gerade selten in zielgenauere Flächen und Nischen im World Wide Web ab. Nun, auch hier gibt es Stationen, Heulbojen und rundfunkähnliche Angebote sonder Zahl. Erst neulich eröffnete mir ein Bekannter, er werde jetzt ein Internet-Radio aufmachen, dass sich auf skurrile Austropop-Raritäten spezialisiert. Ziwui ziwui! Jeder hat so sein Hobby.

Bislang scheint es aber keinen Bedarf an Digitalradio im engeren Sinne – also terrestrisch verbreitet – zu geben. Das ergab jedenfalls eine Ausschreibung der Behörde, die (noch) nicht genug Interessenten und potentielle Anbieter von Spartenkanälen erbrachte. Ein Verein, in der der Fachverband der heimischen Elektro- und Elektronik-Industrie eine Rolle spielt, will das bald ändern.

Das mag zwar die UKW-Platzhirsche, Radio-Nostalgiker und Mainstream-Dudler nicht freuen. Aber mehr und mehr Konsumenten fragen sich, was es denn bedeutet, wenn ein Sticker auf einem neuen Gerät verkündet, ihr Radio wäre DAB+-tauglich. Und ob man das nicht mal in der Praxis ausprobieren kann…

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