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Start Me Up

10. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (355) Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Nachhaltigkeit ist ein nachrangiges Kriterium.

2 Min 2 Mio Puls4

Vor vielen Jahren habe ich einmal – den Trend zum Zweit- und Dritt-Job gab es damals schon – Red Bull beraten. Nein, eigentlich habe ich nur Berater von Red Bull beraten, war also quasi Sub-Berater, aber der österreichische Getränke-, Lifestyle- und Medienkonzern in Fuschl ist ja ungebrochen ein Magnet für Ideenspender jeder Sorte. Es ging um Konzepte für Formate, Sendungen und Shows im hauseigenen TV-Kanal, die tunlichst weltweit funktionieren sollten (dass dieser terrestrische, global operierende Sender bis heute nicht existiert, ist verwunderlich, tut aber weiter nichts zur Sache).

Ich tat, was wohl im ersten Schritt jeder Programmentwickler tut: ich sah mich auf der ganzen Welt nach spannenden Vorlagen um. Und entdeckte bei der guten alten BBC ein Format namens „Dragons‘ Den“. Der Vorschlag, dieses ursprünglich aus Japan stammende Konzept zu adaptieren und zunächst einmal im deutschsprachigen Raum an den Start zu bringen, blieb aber in der Red Bull-Schublade. Auf ewig. That’s life.

Heute begegnet mir das „Drachenhöhle“-Format – kurzgefasst: Jungunternehmer versuchen ihre mehr oder minder innovativen Geschäftsideen einer Jury von Investoren zu verkaufen – allerorten. Es ist nicht nur in Mode, Durchlauferhitzer für Start-ups zu sein, sondern – über Beteiligungen gegen Werbezeit („Media For Equity“) – auch ein eigenes Business-Modell für die TV-Sender geworden. Und es begeistert das Publikum.

Aktuelles Beispiel: „2 Minuten 2 Millionen“, die Start-up-Show auf Puls 4. Das öffentliche Gehampel von Daniel Düsentriebs, die etwa eine „Zahnbürste, die zum Putzen animiert“ erfunden haben und diese wortreich grundskeptischen, aber investitionsfreudigen Business Angels wie Hans-Peter Haselsteiner oder Leo Hillinger andienen, ist auch wirklich kurzweilig. Und wenn ein breites Publikum dabei eine Ahnung vom Wirtschaftsgefüge des 21. Jahrhunderts bekommt, umso besser.

Start-ups sind der neue Rock’n’Roll. Da wie dort gilt: Wiege Deine Kreativität mit Gold auf! Als jemand, der über Grundkenntnisse des Musikgeschäfts verfügt und bewusst diese Analogie bemüht, versuche ich aber auch, hinter die Kulissen des Goldgräberdorfs zu blicken. Dass hier forciert auch Tonnenladungen an Schnapsideen geboren, glanzlackiert und auf den Markt befördert werden, ist klar – es passiert überall. Auch und erst recht in der Realwirtschaft (die ja mehr und mehr vom New Business der Digital-Hemisphäre infiltriert und abgelöst wird).

Es gilt: Flops dürfen passieren, nur Langeweile ist verboten. Die gröbsten Fragwürdigkeiten, kuriosesten Start-Up-Ideen und augenscheinlichsten Fehlkonstruktionen demnächst in diesem Lichtspieltheater.

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Licht aus, Ton an

21. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (178) Heisst der Nachlassverwalter des Musik-Giganten EMI Universal Music, Linn Records – oder gar Red Bull?

Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotelzimmer sechs Stockwerke über der Hamburger Reeperbahn, wo für ein paar Tage ein sehr charmantes, kleines Musikfestival Gäste aus aller Welt anlockt. Gerade eben ist auf meinem Laptop-Bildschirm die Nachricht aufgeploppt, dass der traditionsreiche Musikkonzern EMI – Sie erinnern sich an sein Markenzeichen “Nipper”, einen Hund, der ein Grammophon belauscht – nicht mehr existiert. Oder jedenfalls nicht mehr lange. EMI wird zerschlagen. Mit dem Segen der internationalen Wettbewerbsbehörden. Der grösste Teil der Plattenfirma geht an Universal Music, der Verlag an Sony, über ein paar kleinere Labels streiten sich die Aasgeier der Branche. Und plötzlich waren es nur mehr drei – Majors. Auch in der Webgasse in Wien, wo die lokale EMI-Dependance einst Millionenumsätze schrieb (mit Acts wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung oder DJ Ötzi), dreht irgendjemand bald das Licht aus. Zum allerletzten Mal.

Von Nostalgie oder gar Wehmut ist in Hamburg allerdings wenig zu spüren. Auch wenn der Titel eines der vielen Diskussions-Panels beim Reeperbahn-Festival “Can The Old School Save The Music Trade?” lautet. Gemeint ist damit das überraschende Comeback der Vinyl-Schallplatte als Ausweis wirklicher Musikliebhaber. Und als sichtbare Abkehr von der rationalen, schnellen, unkomplizierten Welt der digitalen Downloads und des grenzenlosen Streamings. Es ist keine verschworene, sektenhafte Gemeinde von Widerständlern, die sich hier versammelt – was beliebt, ist auch erlaubt. Lustfaktor und Sammlerwert sind natürlich bei einem physischen Gegenstand mit limitierter Auflage tendenziell grösser als bei einem beliebig vervielfältigbaren MP3-File. Oder einer allgegenwärtigen Content-Wolke. Aber die Bequemlichkeit ist ein Hund, seit jeher.

Dass (und wie) man Old School und neue Welten heute ganz pragmatisch und äusserst elegant verbinden kann, zeigen Web-Plattformen und Apps, die laufend von jungen Entrepreneuren bei Showcase-Festivals wie diesem vorgestellt werden. Ich habe mir etwa “iCrates” notiert, ein Tool für fortgeschrittene Vinyl-Freaks (Motto: “We dig music”). Martin Brem von Red Bull – der Energy Drink-Riese investiert auch legér in Medien und Musik – erzählt wahre Wunderdinge über andere innovative, beatsaffine Smartphone-Applikationen. Stimmt schon: der Wurlitzer von heute ist das Handy. Und, gottlob!, es limitiert nicht die Audioqualität wie einst Cassettenrecorder oder Plastik-Plattenspieler. Ob LowFi-Datenmüll oder 24-Bit-Studiomaster-File bleibt dem Anwender überlassen. An Speicherkapazität mangelt es ja längst nicht mehr.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn eine High End-Schmiede wie die schottische HiFi-Manufaktur Linn ein eigenes Label betreibt. Und in Hamburg Hof hält. Egal, ob Vinyl-Legenden wie der Plattenspieler Sondek LP12 oder neueste Streaming Devices – ohne Software-Nachschub macht die ganze Hardware nur den halben Spass. Im Hause Linn setzt man konsequent auf Top-Sound. Allseitig. Nun auch mit HiRes-Downloads, von hauseigenen Künstlern bis hin zu bekannten (und von den Majors lizensierten) Namen wie Melody Gardot, Bob Marley, Diana Krall oder Tom Petty. Prädikat: hörens- und ausprobierenswert.

Ich geh’ jetzt gleich mal runter zu Gilad Tiefenbrun, dem Sohn des legendären Linn-Impresarios Ivor Tiefenbrun und heutigen Managing Director in Glasgow. Die Krise der Musikindustrie, so Tiefenbruns Postulat, resultiert zuvorderst aus einem zunehmenden Mangel an Qualität, sowohl inhaltlich wie auch klangtechnisch. Da könnte was dran sein. Damit werden sich noch viele Diskussionsrunden beschäftigen. Sei es auf der Reeperbahn. Demnächst in Wien, beim „Waves“-Festival. Oder sonstwo bei einem der unzähligen Plauderantentreffen auf diesem Planeten.

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