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Die Nische in der Nische

24. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (345) Der Hang zur guten alten Analog-Welt scheint dauerhaft. Jetzt gibt es sogar ein Comeback der Bandmaschine.

Tonbandspule

Jede Mode, jede Bewegung, jede Entwicklung trägt in sich den Keim der Gegenbewegung. Wie bei einem Pendelschlag ist der Höhepunkt eines Phänomens oft der Umkehrpunkt, wo’s hurtig wieder in die Gegenrichtung geht.

Mir fielen viele Beispiele ein, wo gestern noch etwas als Sinnbild des Progressiven bejubelt wurde, was heute als alter, längst überholter Hut gilt. Und vice versa. Nicht immer hat dies mit Kriterien zu tun, die – tunlichst sachlich – technischen Fortschritt bezeugen. Oder verneinen. Retromania, die Verklärung des Vergangenen und Fetischisierung der Objektwelt früherer Generationen, ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Quasi ein Hort des Vertrauten und Bewährten inmitten eines Maelströms ungezählter und unzählbarer Neuerungen, Änderungen und Miniaturrevolutionen.

Insofern hat mich auch die Nachricht, ein österreichisches Unternehmen würde jetzt wieder Tonbandmaschinen herstellen, nicht überrascht. Das musste ja kommen. Die Renaissance der Schallplatte ist gegessen (wenn auch längst nicht beendet, im Gegenteil) – aber sie entlockt Kennern der Branche anno 2016 höchstens ein Gähnen. Der Fingerzeig, Cassetten und Spulentonbänder stiessen dito wieder auf offene Ohren („Reel-to-reel tape is the new vinyl“, so das Online-Magazine The Verge), ist in diesem Kontext fast zwingend. Die Szene, durchdrungen von Musiksammlern und Jägern der verlorenen Analog-Schätze, neigt durchaus zu einem gewissen Sektierertum. Aber es ist ein hoch sympathischer Obskurantismus.

Er zeichnet auch das „Projekt R2R“ des Unternehmens Horch House im burgenländischen Neusiedl am See aus. Das Team rund um Mastermind Volker Lange ist seit 2012 auf der Suche nach analogen Master-Tapes, die man in höchster Güte reproduziert – für eine bestimmte Klientel quasi der Heilige Gral der High End-Hemisphäre. Natürlich benötigt man auch passende Abspielgeräte. Weil es aber nur mehr gebrauchte Bandmaschinen von Revox, Nagra, Akai, Technics, Sony & Co. gibt und die steigende Nachfrage die Preise nach oben treibt, kam man auf die Idee, gleich selbst eine zu entwickeln. Auf der weltgrössten einschlägigen Messe, der „High End“ in München, soll Mitte Mai bereits ein Prototyp stehen.

Glückauf! Jede Nische hat noch Platz für Sub-Nischen. Ich überlege derweil, in grossem Stil CDs aufzukaufen. Auch die kommen irgendwann mal wieder in Mode.

Retromania

12. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (194) “Retro” ist der letzte Schrei. Dabei leben wir in einer ewigen Echokammer der Moden.

retromania

Neulich stolperte ich im Zug der Berichterstattung zur weltweit wichtigsten Technik-Messe, der CES in Las Vegas, über einen “Spiegel Online”-Artikel, der die Fujifilm X100s an die Spitze setzte.

Unter Kennern gilt das Vorgängermodell dieser Kamera als Auslöser der Retro-Welle, die insbesondere in der Fotobranche – aber nicht nur dort – Raum greift. Ein markanter optischer Sucher auf einem edlen Magnesiumgehäuse, viele manuelle Einstellmöglichkeiten, Fixbrennweite, die geriffelte schwarze Oberfläche in Lederoptik: das ist ein Apparat, der äusserlich ungeniert an alte Vorbilder (etwa von Leica, Konica, Agfa oder Voigtländer) erinnert. Wiewohl er, was die Innereien betrifft, auf dem letzten Stand der Technik ist.

Auch andere Fujifilm-Novitäten wie die Systemkamera X-E1 oder das kompakte Modell X20 huldigen optisch der Vergangenheit. Die japanische Firma scheint sich ganz einem Trend verschrieben zu haben, den der britische Autor Simon Reynolds – hier allerdings mit Blickwinkel auf die Pop-Kultur per se – als “Retromania” beschrieb. Als “Früher war alles besser”-Wahn, der Innovationen behindere und uns ewig in verstaubten Denkmodellen Karussell fahren lässt.

Eine würdige, aber durchschaubare Polemik. Die Selbstbezogenheit ganzer Branchen hat ihre Gründe: hier tummeln sich auch jede Menge Connaisseure, Sammler und Jäger, die ihr Geld vorrangig aus ästhetischer und intellektueller Liebhaberei in die Geschäfte tragen. Kein Mensch braucht ein Dutzend Kameras – wer also soll noch die Wirtschaft ankurbeln ausser Design-Liebhaber und Objekt-Fetischisten?

Insofern sind auch wirklich frische Entwürfe von Interesse: eine Sigma DP3 oder Nikon 1J3, die – auch Retro? – fast Bauhaus-artige Schlichtheit auszeichnet. Oder Canons annähernd quadratische, WLAN-taugliche Schnappschuß-Kamera Powershot N. Mal schau’n, ob diese 2013er-Modelle einst für zukünftige modische Remineszenzen als Vorlage dienen.

Selbst als Retro-Liebhaber geht mir aber so mancher Marketing-Gag zu weit: so habe ich ein Philips-Radio mit iPhone-Docking Station, Modell ORD7300, geordert, das an ein altes “Philetta”-Röhrenradio der fünfziger Jahre erinnert. Allerdings nur sehr oberflächlich. Geht retour. Apropos: möchte nicht jemand baldigst den besten österreichischen Markennamen aller Zeiten – “Hornyphon” – wieder ausgraben?

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