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Highest Fidelity

23. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (255) “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, wusste Antoine de Saint-Exupéry. Aber wie ist das mit dem Hören?

PHILIPS GF851

Nie klang Musik besser als mit dem Philips GF851 Stereo Wechsler Electrophon inkl. Keramiksystem GP215 mit Diamant (genau so stand’s im Prospekt). Der Verstärker hatte nur 2 x 8 Watt Ausgangsleistung und der Rumpelgeräuschspannungsabstand lag bei >55 Dezibel, der „aufsteckbare Plattenandrücker für Wechslerbetrieb“ ging nie in Betrieb und die Lautsprecherboxen waren Vollplastik wie der Rest, aber anno 1977 war das, sagen wir mal: eher egal.

Natürlich war es ein billiges Klumpert. Aber es fehlte an Vergleichsmaßstäben. Objektivität ist sowieso langweilig. Und Pop ein bonbonfarbenes tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen habe.

Denn das ist die – so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten Designers ab. Eher von offenen Ohren, einer Riesenportion Entdeckungslust und Rock’n’Roll! als kategorischem Imperativ. Selbst wenn Sie eher Coltrane, Bach oder Eno zuneigen. Ich stand damals ja mehr auf Drahdiwaberl, Suzie Quatro und das Electric Light Orchestra.

Viele Jahre nach der Inbetriebnahme meiner ersten Stereoanlage machte ich eine Reportage für das „Diners Club Magazin“. Und sprach mit ausgesuchten Profis über ihr Hör-Equipment, von der – leider längst verstorbenen – ORF-Jazz-Legende Walter Richard Langer bis zu einem heute noch aktiven High End-Fetischisten, der sich kindssarggroße Verstärker selbst baute. Weil der Markt seiner Meinung nach „nichts Erwachsenes“ zu bieten hatte. Selbst für viel Geld nicht.

Das Fazit: die mit den protzigsten Anlagen spielten mir stolz durchaus probat klingende Referenzpressungen vor, interessierten sich aber kaum für sonst etwas. Langer aber, der Mann mit der exquisitesten Musiksammlung, hörte seine Platten und Bänder über höchst durchschnittliche Geräte. Und schien trotzdem jede Menge Spaß zu haben – während die Freaks permanent die Sorge plagte, ob die Verkabelung ihrer Anlage eh optimal, der Strom „sauber“ und das Lautsprecher-Paar millimetergenau an seinem Platz wäre. Eine nie endenwollende Annäherung an das Elysium.

Bei aller Sympathie und Faszination: ich blieb in der Pubertät stecken. Bis heute.

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