Posts Tagged ‘Sascha Lobo’

Cocktail-Party im Kartenhaus

19. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (279) „Netflix“ läutet das Ende des linearen Fernseh-Konsums ein. Angeblich. Aber steckt nicht mehr dahinter?

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Ein Luxusrestaurant am Wiener Donaukanal. Die besten Cocktails der Stadt. Eine ausgewählte Schar von Branchengrössen, Opinion Leaders und Meinungsmultiplikatoren, die legér an der Bar lehnen oder outdoor an einer Zigarette ziehen. Und gelegentlich einen Seitenblick auf die Werbebotschaft werfen, die haushoch auf den “News”-Tower am gegenüberliegenden Ufer gestrahlt wird. Ein Fanal von Werbebotschaft.

Eingeladen zu diesem Medien-Klassentreffen hat ein Neuankömmling namens Netflix. Es eilt ihm ein gewaltiger Ruf voraus: das Ende des Fernseh-Zeitalters, wie wir es kennen, einzuläuten. Was die Manager/innen der lokalen, quasi traditionellen TV-Sender – ebenfalls eingeladen zur Party – nicht weiter anficht: Sehen und Gesehenwerden lautet der kategorische Imperativ der Selbstvermarktung. Das gilt für das Unternehmen genauso wie für die eigene Person.

Relativ zeitgleich trat in Wien – bei den Medientagen – der Netz-Publizist Sascha Lobo auf. Geladen hatte man ihn wohl als ausgewiesenen Querdenker, der den Bedenkenträgern, Schlafmützen und Angsthasen in den Medienhäusern hierzulande den Marsch blasen sollte. Was ihm auch gelang, bei gleichzeitiger Verunsicherung der zukunftsgläubigen Hurra!-Schreier.

Lobos Vision eines disruptiven “Plattform-Kapitalismus”, der die Neuen Medien, die Arbeitsstätten und Kulturbiotope seiner Konsumenten als vollendete, weil mit freiwillig und unfreiwillig verschenkten persönlichen Daten gespickte Vertriebskanäle nutzt, ist eine Warnung. Eine Warnung, die von einem der notorischen Zwischenrufer der lokalen Hemisphäre, dem FM4-Journalisten Martin Blumenau – gebt dem Mann 2015 eine halbe Stunde Sprechzeit am Rednerpult! –, gleich online fortgesponnen wurde: “Die Ausweitung der Billig-/Sharing-Kultur auf alle Lebensbereiche wird unser Gesellschaftsmodell zerstören.”

Na wusch! Jetzt könnte man natürlich darüber diskutieren, ob das attraktive Preismodell und das inhaltliche Angebot des Abo-Streaming-Senders Netflix nicht ein probater Gegenentwurf zur Pirate Bay-Realität ist, wo sich alle längst kostenlos und ungestört “House of Cards” und andere – in der Herstellung sauteure – TV-Heuler heruntergesaugt haben. Wie Google Netflix sieht. Oder was Netflix-Chef Reed Hastings in seiner launig kurzen Party-Ansprache meinte, als er verkündete, seine Plattform zum weltweit führenden Vertriebsvehikel auch für deutschsprachige Serien und Produktionen machen zu wollen. Quiquid id est, timeo Danaos et dona ferentes!

Die Übersetzung dieser archaischen Business-Grundregel wäre dann wohl ein Fall für das gute, alte Bildungsfernsehen. Also genuin öffentlich-rechtliches Territorium. Dessen Gegenwart und, wichtiger, Zukunft hängt weniger von technisch fortschrittlichen Ausspielwegen und Medienkanälen ab, mehr schon von uns selbst. Und unserem Willen, nachdrücklich danach zu verlangen. Und konsequent dafür zu löhnen.

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Das kaputte Internet

18. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (246) Das Internet hat sich als perfides Vehikel der totalen Überwachung und Untergrabung der demokratischen Gesellschaft entpuppt. Ist da noch Hoffnung?

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„Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Mit diesen Worten hebt ein Artikel an, der unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den man gelesen haben muss. Jedenfalls, solange man nicht für sich allein auf einer fernen, weltabgewandten Insel lebt.

Der Autor dieses Artikels heisst Sascha Lobo und ist – zumindest in der sogenannten „Netzgemeinde“, also unter technikaffinen Menschen und überzeugten Nutzern der Digitalsphäre – kein Unbekannter. Gemeinhin gilt er als Evangelist des Fortschritts, nun tönt er plötzlich abgeklärt, ernüchtert, ja: gekränkt. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Dieser Text – eventuell kann man ihn einen Essay nennen, einen Zeitbefund, polemisch auch einen narzisstischen Rundumschlag – hat mannigfaltige Reaktionen ausgelöst. Zunächst (man ist geneigt zu sagen: typischerweise) nicht gerade selten auf absolutem Kindskopfniveau in diversen Online-Foren, auf Facebook und Twitter („Sascha Lobo glaubte ja auch, dass seine Frisur originell ist“), dann auf argumentativer Augenhöhe im Feuilleton und in der Netzgemeinde selbst.

Mitten im Getümmel fanden und finden sich natürlich auch Dissidenten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer, der das Medium seiner Wahl „diesen Internet-Philosophen entreißen“ will, „den Nerds und Piraten mit ihrer unsäglichen Diskussionskultur und Lust an der Selbstzerstörung.“ Geschenkt. Ich lege Ihnen den Originalartikel ans Herz. Und erst im Anschluß die Lektüre der Fußnoten der Nachkläffer, Sub- und Meta-Querdenker, Gegenredner und Widersacher.

Zugegeben: ich fühle mit Lobo. „Trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten zu haben, was Realität ist – das war meine Naivität“, diesen Satz können wir uns alle ins Stammbuch schreiben. Die dräuende Erkenntnis, dass die Digitalisierung unserer Existenz – von elektronischen Krankenakten bis zum Smart Metering der Energieversorgung, von der Auflösung traditioneller Geschäftsmodelle im Kultur- und Medienbereich bis hin zur kompletten Infragestellung unserer Privatsphäre – die Gesellschaft viel stärker prägt, „als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können“ (Lobo), bedarf dringend des Weiterdenkens.

Noch – noch!? – üben wir uns in Optimismus. „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.“

Rockin‘ In The Free World

13. Juli 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (219) “So viel Lautsprecher bekommt man selten für’s Geld”. Sagen Kenner. Wir schließen uns an.

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Wird Zeit, hierorts wieder Handfestes auszupacken. Der Verdruss über die akute Indifferenz, Ahnungslosigkeit und/oder schlaumeierische Heimlichtuerei unserer Volksvertreter in Sachen Datenspionage – man wünschte, sie würden einmal bei Frank Schirrmacher nachfragen, Sascha Lobo, Peter Glaser oder Erich Moechel (to name just a few) – kann nur durch hemmungslosen Hedonismus besänftigt werden. Zumindest für kurze Zeit.

Etwa, sagen wir mal, durch eine kräftige Dosis Rock’n’Roll, die das geschäftige Summen der Welt mit maximaler Lautstärke und klaren Ansagen konterkariert. Wie sang Neil Young einst? „Keep on rockin’ in the free world“. Da nehmen wir ihn doch beim Wort. Und schleppen mannshohe Lautsprecherboxen ins Wohnzimmer, um der Parole den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Bei Lautsprechern gilt ja die Regel: Volumen kann durch nichts ersetzt werden. Zwar lassen sich mit Hilfe hochgezüchteter Elektronik auch Zwergenböxchen brauchbare Töne entlocken, aber die Souveränität und Natürlichkeit ihrer Standeskollegen erreichen sie in der Regel nicht. Wenn sich aber massive Optik, solide Bauqualität und ein vergleichsweise kleiner Preis in einem Gehäuse vereinen, werden HiFi-Fans hellhörig. Und, ja, man kann mich als solchen bezeichnen. Also wurde ich beim österreichischen Generalimporteur der deutschen Audio-Schmiede Dynavox vorstellig. Es ist eine leicht wunderliche Firma: sie bedient vorwiegend enge Marktnischen. Vom billigen, aber fein tönenden Röhrenverstärker über allerlei Zubehör bis zum eigenwilligen High End-Lautsprecher reicht das Programm. Letztere Produktkategorie repräsentiert die Dynavox Impuls III.

Pro Exemplar fast 44 Kilo schwer, 1 Meter 30 hoch und mit einer mächtigen Koax-Tief/Mittelton-Membran ausgestattet, steht das Ding als „Hochwirkungsgrad-Standbox“ im Prospekt. Und das ist sie wirklich. Schon geringe Wattzahlen treiben diesen Lautsprecher – System Blöhbaum, wer’s genau wissen will – zu Höchstleistungen. Und verhelfen zu einer rundum verblüffenden Dynamik, Räumlichkeit und Live-Atmosphärik. „Was die Dynavox in Schalldruck und Emotion umzuwandeln versteht“, urteilte das HiFi-Magazin „Stereo“, „lässt so manchen audiophilen Geheimtipp daneben recht blutarm dastehen.“ Word.

Zu ergänzen wäre noch: wahrscheinlich um einen Bruchteil des Preises. Denn ein Paar Impuls III kostet nicht mal eineinhalb Tausender. Da kann man sich dann auch wieder mit der Welt versöhnen.

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