Posts Tagged ‘Schallplatte’

Leben in der Nische

24. Januar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (296) Die Schallplatte feiert ein Comeback. Aber hat sie eine wirkliche, ernsthafte Zukunftschance?

Record View

Glaubenskriege sind gerade sehr in Mode. Gottseidank (sic!) gibt es auch solche, die nicht ganz ernst zu nehmender, sondern eher unterhaltsamer Natur sind – wiewohl sie bisweilen in punkto Verbissenheit ihren gewaltsamen Artgenossen kaum nachstehen. Einer dieser lässlichen Glaubenskriege tobt seit jeher im Lager jener, die auf gutes Hören Wert legen – also im HiFi- und High End-Bereich. Und zwar zwischen der Analog– und der Digitalfraktion. Man dachte ja, dieser Konflikt wäre längst entschieden. Zugunsten der moderneren, bequemeren Technologie, die nur mehr Nullen und Einsen kennt.

Aber dann feierte plötzlich die gute, alte Schallplatte ein unerwartetes Comeback. Die Vinyl-Fetischisten jubelten Jahr für Jahr über zweistellige Zuwachszahlen, die Presswerke kamen (und kommen) kaum nach mit der Fertigung der schwarzen Scheiben, die Hardware-Hersteller zogen nach und werfen neue Plattenspieler-Modelle auf den Markt. Und der gemeine Musikfreund, darunter überraschend viele junge Fans, darf sich über eine Flut von Neu- und Wiederveröffentlichungen freuen, die zwar vergleichsweise teuer, aber auch wertbeständig sind. Und im Sammler-Regal ordentlich was hermachen. Vom Wohlklang in den Ohren gar nicht zu reden.

Alles eitel Wonne also? Nein. Denn noch ist z.B. die Frage ungeklärt, wo die wenigen weltweit noch existenten Presswerke im Fall des Falles Ersatzteile her bekommen – die Maschinen werden längst nicht mehr gebaut. Aber gilt nicht die alte Regel: wo Nachfrage, da auch ein Angebot? Generell wohl schon. Allerdings zücken dann die CD-, Download- und Streaming-Verfechter, also die Digitalisten, eine frappierende Statistik: jene der Vinyl-Absatzzahlen seit den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und da sieht der aktuelle Boom der schwarzen Scheibe dann doch vergleichsweise mickrig aus. Eine Nische ist eine Nische ist eine Nische.

Wenn diese Nische aber eine gewisse Marktrelevanz und tragfähige Breite erreicht – und die Schallplatte ist auf dem besten Weg dahin, jenseits allen Hype-Getrommels –, dann ist allen gedient. Business bedeutet nun mal etwas anderes als reine Liebhaberei. Die CD-Verkaufszahlen sinken kontinuierlich – im Indie/Alternative-Sektor haben Schallplatten die CD fast schon eingeholt. Nach Meinung vieler Experten läuft es auf eine neue Dualität Vinyl (physisch) und Streaming (non-physisch) hinaus (wobei hier die Frage der Monetarisierung weitgehend ungeklärt ist).

Für viele Künstler und Bands (vor allem Newcomer), Indie-Labels, Händler und Plattenläden ist das Leben in der Nische also keine Luxus-, sondern eine schlichte Überlebensfrage.

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Plattenspielerei

23. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (251) Der heimische Plattenspieler-Produzent Pro-Ject definiert die Einsteigerklasse elementar neu.

Pro-Ject Elemental

Hoch an der Zeit, die Allgemeinplätze hinter sich zu lassen – und mögen sie sich noch so trivialphilosophisch durchmessen lassen – und wieder mal über greifbare Produkte zu schreiben. Konkrete Daten, Zahlen und Fakten. Und profunde Urteile zu aktuellen Spielzeug-Objekten der Erwachsenenwelt. Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert – und immer an die Leser denken!, um einen Spruch des ehemaligen „Focus“-Chefredakteurs Helmut Markwort abzuwandeln.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn wenn ich hier und jetzt meiner Begeisterung über ein neues Plattenspieler-Modell der Marke Pro-Ject Ausdruck verleihe – die „Elemental“-Baureihe, um exakt zu sein –, höre ich schon die Meckeranten und Misanthropen ihre Messer wetzen. Warum? Erstens: weil der „Elemental“ die neue Benchmark im Bereich der Billig-Plattendreher mit Qualitätsanspruch ist. Sein unverbindlich empfohlener Verkaufspreis beträgt keine 200 Euro (mit USB-Anschluß und Phono-Vorstufe einen Fünfziger mehr). Darunter gibt es nur Kinderkram und Plastikware aus Taiwan.

Zweitens: weil das Design dieses HiFi-Geräts radikal abgespeckt ist. Es sieht wirklich filigran aus – und ist es partiell auch: die Tonarm-Ablage meines Testexemplars ist gleich beim Auspacken abgebrochen (was aber zugegebenermassen mehr über meine Patschertheit erzählt als über die Bauqualität von Pro-Ject).

Drittens: der Hersteller ist eine österreichische Firma. Und zugleich Weltmarktführer in dieser speziellen Nische, die merkbar breiter und breiter wird. Musikenthusiasten scheinen sich rund um den Globus darauf geeinigt zu haben, die CD sterben zu lassen und kabellos Audio-Files von der Festplatte oder wahlweise von Streaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer abzurufen. Gilt es aber, Robbie Williams, Helene Fischer, Marteria oder Garish in höchster Qualität zu geniessen – sagen wir mal, in einem bequemen Leder-Ohrensessel bei einem guten Glas Wein –, ist die Schallplatte das Objekt der Wahl. Und das gilt auch in Zukunft. Das Comeback von Vinyl selbst bei Elektro-Discountern und Grosshandelsketten spricht Bände.

Jetzt gibt es aber eine alteingessene Gemeinde von High End-Fetischisten, die dann sicher murren: das kann nix sein. Ein Design-Turntable „made in Austria“ zum Niedrigstpreis, der absolut unkompliziert ist, richtig brauchbar klingt und zum Verkaufsschlager auch bei Käufern unter 40 Jahren werden könnte – das grenzt an Blasphemie. Nun: für diese Silberrücken-Gemeinde gibt es andere Kultmarken. Auch ich überlege gerade, zu meinen Thorens-, Technics-, Dual-, Lenco- und Rega-Laufwerken noch einen Linn Sondek LP12 zu stellen. Aber der Pro-Ject „Elemental“ bleibt ebenfalls im Haus. Definitiv.

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