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Der xx-Faktor

7. September 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (176) MP3-Dateien sterben – so die Nutzungsbedingungen von Apple & Amazon – mit ihren Besitzern.

Es ist einigermassen verblüffend, wenn ein Buch, das auf 448 Seiten die dramatischen technischen Entwicklungen in Sachen Musikproduktion, -Distribution und -Reproduktion ausbreitet, mit den Worten “Eigentlich hat sich gar nicht soviel verändert” schliesst. Ganz daneben liegt aber Autor Ernst Hofacker mit seinem pressfrischen, kursorischen Werk “Von Edison bis Elvis” (Reclam Verlag) natürlich nicht. Es ist der menschliche Faktor – Ungreifbares wie Charisma, Imagination und Aura –, der Enrico Caruso, Bob Dylan, Cat Power oder Sigur Rós zu Lichtgestalten der Audiosphäre werden liess.

Nicht, dass es keine Wechselwirkung zwischen modernster Digitaltechnik – die eine vollkommen freie Modellierbarkeit von Tönen und eine schrankenlose Verbreitung jeglicher künstlerischer Äusserungen zulässt – und Komponisten und Konsumenten aus Fleisch und Blut gäbe. Aber sie formt und formatiert uns weniger – oder jedenfalls weniger rasch und entschieden –, als es sich Kraftwerk (“Mensch-Maschine”) & Co. als Propheten eines neuen Zeitalters erträumten. Und als einem diverse Business 2.0-Apostel z.B. auf der „Berlin Music Week“ (einer Schmalspurvariante der einstigen Branchen-Leitmesse „PopKomm“) weismachen wollen.

Wie kommt man auf solche Gedankengänge? Nun, etwa, weil man instinktiv zur Vinyl-Schallplatte greift, wenn das neue Opus Magnum „Coexist“ (sic!) der britischen Band The xx (“Das bislang letzte große Pop-Phänomen der Musikwelt“, so „Der Spiegel“) zur Disposition steht. Man könnte ja im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann, wo auf vier Etagen annähernd die gesamte physische Warenwelt aller Buch-, Film- und Musikproduzenten des deutschsprachigen Raums ausgestellt ist, auch eine CD erstehen. Aber, nein, so eine altertümliche schwarze Scheibe macht einfach mehr her als z.B. jeder Gratis-Stream, ein Bon mit einem Download-Code liegt sowieso bei (oder man zieht sich das Zeug zusätzlich online), und man möchte ja auch irgendetwas in der Hand haben, betrachten und begreifen, wenn man diese dunklen, kargen, hypnotischen Töne hört. Das leise Kratzen der Nadel fügt sich ganz wunderbar in das Spektrum der Musik.

Die xx-LP darf man dann übrigens, wie all die Artefakte jahrzehntelanger dingfester Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, irgendwann auch seinen Enkeln vererben. Ob das mit schnöden MP3s möglich ist oder die Bits & Bytes einst mit dem Tod des hörfreudigen Kreditkarteneigners „verfallen“, darüber streiten gerade – nach einer Zeitungsente rund um Bruce Willis als „Anlassfall“ – Juristen und Konzernmanager. Es gilt, den Lärm dieser jämmerlichen, reichlich weltfremden Erbsenzähler zu übertönen. Denn, wie es einst Victor Hugo formulierte: „Musik ist das Geräusch, das denkt.“

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