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Linsengericht

10. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (376) Gerade noch war das Huawei P9 das beste Kamera-Smartphone am Markt. Aber die Zeit steht nicht still.

kamera_huawei_p9

Meine Behauptung war ja: es gibt (fast) nur mehr einen Grund, ein teures Smartphone zu kaufen – die Qualität der Kamera.

Insofern hat mich bei meinem aktuellen Testgerät, einem Huawei P9, vorrangig die Güte und Schärfe der mit ihm geschossenen Fotos und Kurz-Filmchen interessiert. Das Handy des chinesischen Herstellers, der mit grossem Werbeaufwand den dicht besetzten Markt aufzurollen versucht, besitzt ja als Alleinstellungsmerkmal eine Summarit-Dual-Linse (H 1:2.2/27 ASPH, 2 x 12 Megapixel) des Edeloptik-Garanten Leica. Dank kombiniertem RGB- und Monochrom-Sensor werde deutlich mehr Licht eingefangen, ob eines spezialisierten Bildsignalprozessors die Fokussierung und Datenverarbeitung beschleunigt und verbessert. Sagt jedenfalls der P9-Prospekt. Und verkündet gar die „Neuerfindung der Smartphone-Fotografie.“

Mein Fazit nach mehrwöchigem Gebrauch lautet: ganz falsch ist das nicht. Die Bilder sind tatsächlich knackig scharf, sehr farbstark und fast schon überpräzise anmutend in der Gesamtwirkung. Sie lassen sich ordentlich aufblasen, ohne dass Schwachpunkte und Artefakte sichtbar werden. Die zugehörige App wurde ebenfalls gemeinsam mit Leica entwickelt und gefällt mit seiner reduzierten, ergebnisorientierten Struktur. Qualitätsvergleiche mit zwei weiteren High End-Geräten – einem Apple iPhone 6 und einem Samsung Galaxy S7 – sprechen klar für das Modell von Huawei, das da und dort schon für unter 500 Euro angeboten wird. Es sieht ganz danach aus, als hätten die Weissmäntel im Entwicklungslabor in Shenzhen ganze Arbeit geleistet.

Und dann springt plötzlich wieder der alte Platzhirsch Apple ins Bild. Mit Anlauf. Und dem brandneuen iPhone 7 im Talon. Lassen wir mal die Diskussion um zwanghaft innovativen (?) Lightning-Kopfhörer-Anschluss beseite. Die „Super-Kamera“ („Stern“) der Siebener-Generation ist jedenfalls ein ernsthaftes Argument: 12 Megapixel, Blende 1,8, Blitz aus vier LEDs, optischer Zweifach-Zoom und Bildstabilisator, 4K-Videos. Zweifach-Linsen – die Tiefenschärfe-Manipulationen jenseits der Spiegelreflexkamera-Elite ermöglichen – scheinen sich übrigens, wenn das so weitergeht, zum Trend auszuwachsen. Denn eines ist klar: Samsung, LG, Sony, Microsoft & Co. werden nachziehen (müssen). Oder an Terrain verlieren.

Bleibt die Frage: ist eine superbe Schnappschuss-Kamera mit dem üblichen Telefon-Beiwerk eigentlich das Geld wert, wenn ich mit einem Smartphone vorrangig telefonieren möchte? Meine Antwort: doch, ja. Denn die allerbeste Kamera ist nun mal die, die man im entscheidenden Augenblick dabei hat.

Überraschungseffekt

1. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (322) Muss es immer ein Apple iPhone sein? Die Antwort darauf fällt überraschend eindeutig aus.

lg-leon-lte

Im Urlaub tat mein iPhone plötzlich keinen Mucks mehr. Es liess sich nicht mehr laden, nicht mehr starten, kurzum: nicht mehr sinnvoll nutzen.

Nun besitze ich noch ein Modell – unter Insidern: ein 4S –, das Lifestyle-Aposteln und Gadget-Freaks wahrscheinlich längst als obskures Museumsstück erscheint. Es ist aber keine vier Jahre alt, äusserlich noch gut in Schuss und hat mir bislang treue Dienste geleistet. Ob sich die Reparatur des Teils noch lohnt – wahrscheinlich ist ja nur der Akku ex –, werde ich wohl in Kürze wissen. Ich frage da inzwischen doch lieber den verschmitzt lächelnden Shopbetreiber ums Eck als den offiziellen Apple-Service, der für Routine-Handlangungen ungeniert Apothekenpreise verrechnet.

Um die Zeit zu überbrücken, wo mir das Gerät nicht zur Verfügung steht, habe ich ein Ersatzhandy erstanden. Ja, ich gestehe: ein Billig-Teil mit Android-Betriebssystem (Version 5.0.1 „Lollipop“) namens LG Leon. Das Ding sieht zwar klar weniger wertig aus als ein iPhone (doch keinesfalls unedel), kostet aber auch tatsächlich nur einen Bruchteil des Prestige-Bombers. Keine 130 Euro nämlich.

Was mich nun echt überrascht hat – man merkt meine Marktferne und Interessenlosigkeit, was den ewigen Strom neuer und neuester Handy-Marken und -Modelle betrifft –, war die Qualität des LG. Und die Ausgereiftheit von Android (die man als Apple-Jünger ja gern ungeschaut leugnet). Das Mobiltelefon kann alles, was man braucht und auch alles darüber hinaus, was man längst gewohnt ist von Smartphones. Das Display ist ausreichend hell und scharf, die Bedienung flüssig, die Kamera passabel. Die Sprachqualität ist besser als beim alten 4S. Das Leon beherrscht auch LTE, und, ja, es ist ein wahrer Segen, auf Standard-Netzteile (Micro-USB) und einen Slot für SD-Erweiterungskarten (Apple, schau oba!) zugreifen zu können. Mit den 8 Gigabyte On Board-Speicher kommt man klarerweise nicht weit.

Das ist übrigens der Grund, warum ich das betagte iPhone nochmals zum Leben erwecken will: die darin fix verbauten 64 Gigabyte Speicher haben damals richtig Geld gekostet. Vielleicht reichts ja noch zur Zweitkarriere als überqualifizierter iPod. Denn ich überlege ernsthaft, das LG Leon als Erstgerät zu behalten.

Eventuell sollte man öfter konservative Komfortzonen verlassen und neue Hard- und Software testen? Den Sparstrumpf freut’s wohl. Ich geh’ jetzt und werf’ mal einen Blick auf das neue Windows 10. Oder gar Linux als ewige Alternative.

Verapplet

21. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (229) 1983 kam das erste Mobiltelefon auf den Markt. Die Revolution juckt dreißig Jahre später kaum jemanden mehr.

Dynatac

In der „Tagespresse“ – die Sie keinesfalls mit dieser Zeitung verwechseln sollten, sie existiert nur online (dietagespresse.com) – erscheinen regelmässig Beiträge, die nicht gerade wenige Leser für bare Münze nehmen. Dabei handelt es sich unverkennbar um Ironie, Satire, pure Verarschung. Allerdings zumeist so nahe an der Realität, dass man bisweilen doch stutzt.

Einer meiner Lieblingsbeiträge der letzten Zeit nahm die Apple-Maniacs ins Visier, die schon Monate vor dem Erscheinen der neuen iPhone-Modelle die wildesten Phantasien plagen, welche Möglichkeiten denn die nächste Generation mit sich bringen werde. Kaffeesudleserei 2.0. Allein qietschbunte Billigbomber hatte die Gemeinde wohl nicht erwartet. „Neues iPhone kommt mit vielen Features“, verkündete die „Tagespresse denn exklusiv, „dafür ohne Telefon.“

Nach eingehenden Marktstudien hätte Apple festgestellt, dass nur knapp 5 Prozent der iPhone-Nutzer ihr Gerät tatsächlich zum Telefonieren verwenden. „Etwa zwanzig Prozent verwenden es als Taschenlampe“ zitierte man einen „gut informierten Insider“ (der lieber anonym bleiben wolle), „doch die große Mehrheit nutzt das iPhone, um damit Essen zu fotografieren.“ Um also Platz für eine bessere Kamera, mehr Speicher und ein schärferes Display zu schaffen, verzichte man ab sofort auf die „vollkommen veraltete“ Technik des Telefonierens.

Das sagt – bei aller Ironie – mehr über die Smartphone-Ära aus, als Apple & Co. lieb sein kann. Wir nutzen die hochgezüchteten Computer in unserer Jackentasche heute als Navigationsgerät, Fernseher, Wetterstation, Kalender, Musik-Player, Tauschbörse, Gameboy und tausenderlei mehr, geben uns aber weiterhin mit schlechtem Empfang und krächzender Sprachqualität zufrieden. Oder kommt nur mir das so vor?

Bezeichnenderweise feiert die Technikwelt ja gerade 30 Jahre Mobiltelefonie. Ein denkwürdiges Jubiläum. Schon 1973 hatte das US-Unternehmen Motorola die Entwicklung gestartet, zehn Jahre später – am 21. September 1983 – erhielt das Modell DynaTAC 8000X seine FCC-Zulassung. Das 800 Gramm schwere Gerät in Knochenform kostete 3995 Dollar, besaß eine Gesprächsdauer von gerade mal einer Stunde – und hatte dennoch nach einem Jahr schon dreihunderttausend Käufer gefunden.

Ich selbst war, unter uns, vergleichsweise spät dran mit einem anno 1991 erworbenen Olivetti OCT400. Und trotzdem ein Pionier, der sich für sein „Kasperltelefon“ schief anschauen lassen mußte. Die Unterstellung lautete: Angeberei schlägt Gebrauchswert. Das gab sich dann aber rasch. Zirka dreihundert Gerätegenerationen später – Olivetti, Nokia, Siemens, Sony Ericcson, wo seid ihr hin? – juckt einen ein neues iPhone oder frisch poliertes Betriebssystem dann auch nicht mehr wirklich.

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