Posts Tagged ‘Tesla’

Reichweitenangst

21. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (409) Ist es abenteuerlich, in einem Tesla nach Venedig aufzubrechen? Ein Testbericht, Folge zwei.

Tesla-Test

Ich schreibe diese Kolumne, während ich als Beifahrer in einem Tesla Model S sitze und über die Windgeräusche des rechten Außenspiegels sinniere. Sie erscheinen mir irritierend hoch, was an einem schlecht dichtenden Gummi des Fensters liegen mag. Aber das ist – erst recht bei einem (rein konstruktiv auch nicht mehr ganz taufrischenNeuwagen – ein Luxusproblem. Also eine Marginalie.

Wenden wir uns Essentiellem zu: Reichweite, Reichweite, Reichweite. Das ist bei einer Tour Wien/Venedig und retour in einem Elektroauto (fast) alles, worum’s sich dreht. Gerade hat meine Reisegruppe die „Supercharger“-Station in Treviso verlassen. Dauer des Aufenthalts: knapp eine Stunde. Der Kaffee ist gut, aber gern hätten wir uns den Zwischenstopp erspart.

Allein: der Versuch, den Wagen am Vorabend am Lido in Venedig (dort sind Autos erlaubt) an einer Agip-Tankstelle aufzuladen, schlug fehl. Zwar ist der Kofferraum voller Kabel und Stecker, aber nichts passt. Italienische Starkstromanschlüsse unterscheiden sich von österreichischen; das Haushaltsnetz des Hotels wollten wir nicht testen. Mobilität in einem E-Car, zumal bei längeren Reisen, ist eine Frage der Infrastruktur und vorausschauender Planung. Sowie offensiver Gelassenheit. Ich summe, ganz entspannt, Songzeilen aus dem Bilderbuch-Hit „Bungalow“ vor mich hin: „Baby, leih‘ mir Deinen Lader… Ich brauch‘ Power für mein‘ Akku… Komm‘ vorbei mit Deinem Skoda.“

Jemals schon von „Reichweitenangst“ gehört? Der Fahrer, selbst schon leicht geladen, merkt an, die Anzeigen des Tesla hätten „die Verlässlichkeit von Wettervorhersagen“, nur weil das Riesen-Display irgendwo auf der Höhe von San Caterina ankündigt, wir würden Villach mit 18 Prozent Batterie-Restkapazität erreichen, während es eine halbe Stunde vorher noch 35 Prozent waren. Gut, die sportlichen Zwischensprints auf der Autobahn, um den lästigen Alfa Romeo 4C abzuhängen, kosten Strom. Und vielleicht hätten wir die Bedienungsanleitung studieren sollen – die durchgängig allzu optimistischen Reserven gelten wohl nur für Teslas ohne Zusatzpassagiere und Gepäck. Und das bei optimalen Wetterbedingungen (meint z.B: ohne Nutzung der Klimaanlage).

Aber wir sind an einer tunlichst realistischen Nagelprobe interessiert. „Das Auto kostet zuviel Zeit und Nerven“, vernehme ich von der Rückbank. Das ist Klagen auf hohem Niveau. Zumal Rastpausen doch als erholsam empfunden werden. Und der Strom (noch) gratis ist. Alles eine Frage der Gewöhnung. Schließlich erreichen wir – nach drei Zwischenstopps – Wien.

Ich frage den Fahrer, Besitzer eines kleinen Fuhrparks, ob er seinen Jaguar XJ Diesel, Baujahr 2006, gegen den Tesla tauschen würde. Er schüttelt den Kopf. „Der Insane-Modus“, also die volle Beschleunigung des Elektromotors, „ist ja nett. Aber, ehrlich: im Alltag auch ein bisserl gaga. Das führ‘ ich dreimal Freunden vor, und das war’s dann. In punkto Öko-Gesamtbilanz liegt die alte Benzinkutsche, wenn ich sie noch zwanzig Jahre lang fahre, locker gleichauf. In punkto Windgeräusche hat sie die Nase sowieso vorn.“

Ladetätigkeit

14. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (408) Ist es abenteuerlich, in einem Tesla nach Venedig aufzubrechen? Ein Testbericht, Folge eins.

Tesla Wien

Erstmals hatte ich ein grünes Kennzeichen-Taferl vorn und hinten drangeschraubt an einem Testauto. Es signalisiert (und das seit Anfang April), dass es sich bei diesem Vehikel um ein rein elektrisch betriebenes Kraftfahrzeug handelt. Der Gesetzgeber hat angekündigt, damit bestimmte Erleichterungen zu verknüpfen – welche, ist strikt föderalistisch Landes- und Kommunalsache – und so Elektromobilität generell fördern zu wollen.

Schön und gut. Aber. Von der freundlichen Radikalität, mit der z.B. in Norwegen E-Autos forciert werden, ist man hierzulande meilenweit entfernt. Es ist wie immer ein bissl ein mutloses Hin und Her, meist mit Seitenblick auf den Gesetzgeber in unserem Nachbarland Deutschland (dessen mächtige Auto-Lobby nicht gerade als tolldreist innovationsfreudig gilt). Und so ausgestaltet, dass man niemandem richtig weh tut. (Apropos: ich bin gespannt, wie Kern, Kurz & Co. demnächst hundertausenden Diesel-Fahrern erklären wollen, dass man auf’s falsche Pferd gesetzt hat.) Jedenfalls wird sich der E-Auto-Marktanteil von hierzulande 0,2 Prozent nicht schlagartig erhöhen.

Aber hoffentlich doch merkbar. Der Politik traut man in Österreich – aus Gründen – wenig zu, der Ball liegt bei den Autokonzernen. Und hier gibt es bekanntermassen einen, der alle anderen vor sich her treibt: Tesla. Die Fahrzeuge des 2003 gegründeten US-Herstellers sind bislang, polemisch formuliert, rollende Entwicklungslabors für gutbetuchte Drittwagenbesitzer.

Aber sie sind im Alltagsverkehr sichtbar. Und gelten en gros als attraktiver, gangbarer Ansatz für den Individualverkehr der Zukunft (im Rahmen eines größeren, nachhaltigen Transport-Gesamtkonzepts, wie Tesla-Gründer Elon Musk nicht müde wird zu betonen). Da auch ein für Durchschnittsverdiener, die z.B. täglich vom Land in die Stadt und retour pendeln, leistbarer Tesla („Model 3“) in Aussicht gestellt wurde – er soll 2018 kommen und kann bereits vorbestellt werden –, könnte das für die gesamte Sparte E-Mobil ein kräftiger Turbo sein.

Aber so lange kann ich nicht warten. Es gilt zu testen und zu fahren und zu prüfen, was da ist. Das mir bereits bekannte Modell S etwa. Bislang habe ich mich damit nur von der Bundeshauptstadt aus nach Graz gewagt (und bin mit etwas Müh’ und Not zurückgekommen). Jetzt aber sitze ich gerade in einer – pardon, Mercedes! – roten S-Klasse von Tesla, Version: P100D (das ist die allerstärkste) und sause damit gen Venedig. Ein Abenteuer? Ein Wagnis? Eher: eine der vielen Nagelproben, die taugliche E-Autos bestehen müssen.

Schon stellt sich die erste elektrisierende Frage: Soll ich in Graz oder erst in Villach von der Autobahn abfahren, um Strom nachzutanken? Fortsetzung folgt.

Fast Forward

20. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (386) “Die Zukunft ist hier” signalisiert Jaguars I-Pace. Dabei existiert das Auto noch nicht mal wirklich.

jaguar-ipace

Die Dinge sind ins Rutschen gekommen. Jetzt geht es plötzlich ganz rasch. So rasch, dass mancher Autohersteller Vorgriffe auf die Zukunft macht, um ein elektrisierendes Statement für die Gegenwart zu setzen. Und vorab ein Revier zu markieren, dass man selbstbewusst zu besetzen gedenkt.

So hatte Anfang dieser Woche die Luxus-Marke Jaguar – im Besitz des indischen Tata-Konzerns – zu einer Veranstaltung in London geladen. Zeitgleich waren Kollegen in Los Angeles versammelt, um Zeugen einer Präsentation zu werden, wie man sie so nie zuvor erlebt hat – eine virtuelle Pressekonferenz. Ausgestattet mit HTC Vive VR-Brillen konnte man ein Fahrzeug besichtigen, das es in der Realität noch gar nicht gibt. (oder jedenfalls nur als Prototyp).

Und zwar detailliert besichtigen: von innen, aussen, vorne, hinten, oben, unten – wonach einem gerade der Sinn stand. Selbst die Armaturen, der Motor und die Reifen liessen sich nach Lust und Laune inspizieren, rein optisch freilich. Und hatte man Fragen, stand der Chefentwickler gleich zur Verfügung. Selbst den Journalisten in Los Angeles konnte man in dieser fulminanten Synchron-Inszenierung zuwinken; sie winkten fröhlich zurück.

Vorgestellt wurde der Jaguar iPace (noch versehen mit dem Namenszusatz „Concept“): das erste rein elektrische Vehikel des Nischenanbieters. Vor Ende 2018 wird man diese stämmige, dabei aber elegant-stimmige SUV-Coupé nicht auf den heimischen Strassen sehen – ausser die Gerüchte stimmen und der iPace wird bei Magna Steyr gebaut; dann wird man wohl um Testfahrten in und um Graz nicht herumkommen. Für den heimischen Arbeitsmarkt wäre es eine positive Nachricht.

Das Jaguar-Konzept ist jedenfalls eine klare Kampfansage an Tesla & Co.: zwei je 200 Pferdestärken mächtige Elektromotore mit 700 Nm Drehmoment garantieren Sportwagen-Eckdaten, die Batterien im Boden eine formidable Straßenlage – alles kombiniert mit den Vorzügen eines Allradantriebs. Die geplante Reichweite pro Voll-Ladung, zumindest auf dem Papier: 500 Kilometer. Fragen Sie (noch) nicht nach dem Preis – aber der iPace ist zweifelsohne ein wunderhübsches Zukunftsmobil. „Kein anderes Projekt, an dem ich je gearbeitet habe“, verlautete denn auch Jaguar-Designdirektor Ian Callum, „hat mir einen so puren Thrill wie dieses gegeben.“

Die anderen Hersteller stehen mehr denn je unter Zugzwang. Einige haben ihre Hausaufgaben schon gemacht: so waren etwa BMWs Elektromobile und -Visionen vielfach präsent in London, sogar in der Hotel-Lobby. Die weit vorauseilenden Ankündigungen lassen aber auch anderen noch Spielraum für notwendige Überlegungen: den Verkehrsplanern, den Energielieferanten, der Politik und, ja, uns Konsumenten.

Viel Lärm um wenig Lärm

18. September 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (377) Aus der unregelmässigen Serie “Vernünftige Autos der Gegenwart” – heute: Tesla X versus Opel Astra.

tesla-modell-x

Ist ein Tesla Modell X ein vernünftiges Auto? Zugegeben: wirklich seriös kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten.

Alles, was ich bislang mit dem Fahrzeug – dem neuesten, offiziell demnächst erhältlichen Modell des amerikanischen Elektromobil-Pioniers – unternommen habe, ist eine neugierige optische Musterung. Von außen. Letztes Wochenende war Teslas erster SUV bei der „Autorevue Speedparty“ in Ebreichsdorf ausgestellt. Überraschenderweise. Denn dieses jährliche Ereignis ist ein Treffen von eingeschworenen Benzinbrüdern und -schwestern. Und Elektrowägelchen werden dort eher mit einem herablassenden Lächeln begrüsst als mit tiefer Ehrfurcht.

Anders der Tesla X. (Vielleicht beginnt genau hier die Ära, wo nicht mehr kleinlich zwischen Antriebskonzepten unterschieden wird…) Wie viele SUVs haut der Siebensitzer in punkto Volumen mächtig auf die Pauke. In der zweiten Sitzreihe besteigt man den Raumgleiter durch Flügeltüren – immerhin hat man diese „falcon wings“ getauften Blickfänger so konstruiert, dass sie seitlich keine meterweiten Abstände zum Öffnen brauchen.

Die Leistungsdaten sind, wie fast immer bei Tesla, beeindruckend: ein vollgeladener Akku reicht für 500 Kilometer (sofern man nicht zu heftig auf das Gas-, pardon, Strompedal steigt), man ist mit bis zu 773 PS unterwegs, die Beschleunigungswerte sind immer sportwagengleich. Auch der Preis ist amtlich: 170.000 Euro (in der Maximalvariante P90D, es gibt auch günstigere Ausführungen).

Ich würde diese Summe nicht ausgeben wollen. Auch mit prall gefülltem Bankkonto nicht. Bei allem Respekt vor den Visionen von Tesla-CEO Elon Musk und dem der Börsenfinanzierung geschuldeten Druck, mit Prestigeobjekten für US-Millionäre rasch jenes Geld zurückverdienen zu müssen, das man seit Jahren für Forschung und Entwicklung ausgibt – das ist kein Auto, das zukunftsweisend ist. Eher die überstandige Ausreizung der Uralt-Formel „Größer, schneller, teurer“, die selbst bei konservativen Auto-Fetischisten tendenziell ausgedient hat. In der Stadt ist so ein Trumm erst recht eine Provokation. Immerhin eine, die – bis auf Abrollgeräusche – keinen Lärm macht. Und großen Kindern Freude.

Ist dagegen ein, sagen wir mal: Opel Astra ein vernünftiges Auto? Ja. Unbedingt. Nicht, weil der deutsche Hersteller mit seinem frischen Bestseller in der Golf-Klasse das Auto neu erfunden hätte. Oder, trotz zahlreicher Detail-Innovationen, auch nur ansatzweise so tut. Aber der Blick auf die Benzinanzeige lässt mich immer wieder staunen: moderne Motor-Konstruktionen helfen wirklich sparen. Solange noch Benzin-Tankstellen betrieben werden.

Und dann habe ich da ansatzweise etwas im Opel-Testzentrum in Dudenhofen zu sehen bekommen – finanziert u.a. durch die jetzige Astra-Generation -, das Tesla zum Exoten der Zukunft (wohlan, eventuell auch mit Zukunft!, aber…) erklärt. Fortsetzung folgt.

Die non-futuristische Freiheitsmaschine

21. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (373) Der Kia Sportage der vierten Generation demonstriert nicht die Zukunft des Automobils, aber eine ebenso preiswerte wie opulente Gegenwart.

Kia Sportage

„Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft“. Solche Überschriften – online nachzuschlagen in der Süddeutschen Zeitung – sind nicht gerade die ideale Begleitmusik, um einen aktuellen SUV zu bewerten. Aber mein Resümee nach einwöchiger Testnutzung eines KIA Sportage 2.0 CRDI fällt radikal anders aus: dieses Auto ist die leistbare Freiheitsmaschine der Gegenwart. Was in Zukunft sein wird, weiß kein Mensch.

Wie komme ich zu solch einem Urteil – das für Fortschrittsgläubige auf einen Affront hinausläuft? Nun: eigentlich sind mir SUVs (Sport Utility Vehicles) als Fahrzeuggattung eher unsympathisch – zu voluminös, oft protzig-hässlich, technisch meist unnütz überzüchtet. Zugleich ist diese Kategorie aber im Autohandel die mit Abstand erfolgreichste der letzten Jahre. Was einiges über unsere Zeit und alternde Gesellschaft aussagt. Andererseits sollte man nicht zu geschmäcklerisch an die Sache herangehen. Und Phänomene als Journalist tunlichst kühl analysieren.

Was mir beim aktuell getesteten Kia Sportage der vierten Generation, zugegebenermassen schwer fällt. Man schlüpft in dieses Fahrzeug hinein wie in einen Handschuh: alles sitzt, passt, funkt, als stünde das Auto seit Jahren in der eigenen Garage. Der Kia-Werbespruch „The power to surprise“ trifft es exakt: da definiert ein vormaliger südkoreanischer  Billigsberger die leistbare SUV-Klasse neu.

Wobei „leistbar“ relativ ist: die Listenpreise für den Sportage beginnen bei 24.000 Euro, die getestete, mit allem Schnickschnack (Vierradantrieb, Automatik, Bi-Xenon-Scheinwerfer, autonomes Notbremssystem etc. usw.) ausgerüstete Platin-Edition überspringt dann locker die 40.000 Euro. Aber ich war und bin wirklich überrascht, wie komplett, robust, durchdacht und vergleichsweise vernünftig dieses Auto ist. Quasi eine Alltags-Benchmark individueller Old School-Autoerotik. Und, ja, es geht natürlich immer (auch) um die Befriedigung des eigenen Ich.

Freilich auch bei der gegnerischen Fraktion: engstirnigen Moral- und Zukunftsaposteln, selbsternannten Verkehrsplanern und unbedingten Autohassern. Ihre Befriedigung leitet sich zumeist aus einfachem Distinktionsgewinn ab: seht her, diese SUV-Deppen! Wollen einfach nicht aufs Rad, auf die Eisen- oder Strassenbahn, auf ein Elektrowägelchen umsteigen! Sorry to say: man sollte den Instinkt von Millionen Käufern, die ihr hart erarbeitetes Geld für Mobilitäts-Prothesen auf den Tisch legen, nicht unterschätzen.

Das „ekstatisch-suizidale James Dean-Modell des Autofahrens“, wie es die „Süddeutsche“ polemisch nennt, ist – sorry to say (und zwar in jeder Hinsicht) – alles andere als von gestern. Jedenfalls, solange die Bahn bummelt und Tesla & Co. im Selbstfahrmodus in kreuzende LKWs krachen. Haben denn Unfreiheitsmaschinen eine Zukunft?

Eine Vorahnung vom Ende

28. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (362) Der Millarden-Streit um die Abgaswerte des Benzin- und Dieselmotors ist ein Symptom des Wettkampfs um die Mobilität der Zukunft.

 

familienauto-vw-zukunft

„Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Ich zitiere diese Worte von Thomas Bernhard gern, aber im Augenblick erweisen sie sich in schmerzlicher Weise als besonders zutreffend. Diese Kolumne handelt vom Ende einer Gattung (oder zumindest einer Vorahnung ihres Endes) – und sie entstand an einem Ort, an dem Leben und Tod nah beieinander liegen: im Wartezimmer eines Krankenhauses.

Letzteres ist übrigens kein Ort des Schreckens für einen maschinengäubigen Menschen. Im Gegenteil: die Armada der Apparaturen in der Intensivstation eines Hospitals verheisst eine erhöhte Überlebenschance; die Fortschritte der Medizintechnik in den letzten Jahren und Jahrzehnten wären ein eigenes Buch wert; zumindest in der engeren Zielgruppe ein aufgelegter Bestseller. Aber das ist nicht das Thema, um das es hier gehen soll.

Warum schreibt der Gröbchen, werden Sie sich eventuell nach Lektüre der Kolumnen der letzten Woche gefragt haben, wieder so begeistert über Autos mit Verbrennungsmotoren? Treffliche Frage. Vor allem, da ich eigentlich ständig auf der Suche nach Alternativen war und bin. Vom E-Bike über kuriose Neben- und Seitenlinien der Evolutionsgeschichte individueller Mobilität bis hin zu den Schlüsselmodellen der Generation Tesla teste ich auf Herz und Nieren, was mir so unterkommt. Oder, besser: was einen Ausweg aus dem Status Quo eröffnen und befahren könnte.

Benzin- und Dieselmotoren werden uns noch einige Jährchen erhalten bleiben; die Ablösung durch Strom und/oder Wasserstoff konkretisiert sich zwar immer mehr (Apple, liest man, arbeitet bereits am Design von Ladestationen) – aber bei der faktischen Durchsetzung im Alltag haben Politik, Gesetzgeber und Konsument noch ein gehöriges Wort mitzureden. Zumal der Generationensprung dank der Vernetzung und Autonomisierung der Fahrzeugintelligenz (Stichwort: selbstfahrendes Auto) radikal ausfallen wird.

Ist es dann nicht pure Zeitverschwendung, über fabriksneue Old School-Modelle traditioneller Bauart zu berichten? Nein: siehe oben. Es schwingt zugegebenermassen auch eine Prise Mitleid und Sorge um VW, DaimlerOpel, Fiat, Audi, Renault, Mitsubishi & Co. mit: weltumspannende Konzerne, die wir für die rasche Marktdurchdringung fortschrittlicher Mobiltechnologien noch brauchen werden.

Es würde mich übrigens sehr wundern, wenn auch nur ein Autohersteller auf diesem Planeten beim akuten Abgasskandal nicht geschwindelt (oder zumindest die Grenzen der Legalität bis zum Anschlag ausgereizt) hätte – mit vorauseilender Rückendeckung durch die bequemen Nutzniesser der (im wahrsten Wortsinn billigen und nun für die Konzerne extrateuren) Schmähtandelei: uns allen, Fahrradkrieger/innen und Fußgänger ausgenommen. Und sind nicht die Pioniere und Autopiloten der Zukunft alle zufällig in den USA daheim? Merke: „Business is war!“ (Jack Tramiel, Atari). Wie immer auch: wie beim österreichischen Weinskandal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts könnte ein reinigendes Fanal auch eine ganz neue Denkschule  begründen. Tesla, UberGoogle und Apple alleine werden aber nicht alles zum Guten wenden (können).

Dass die Familien Piech & Porsche dagegen, wie gerade zu lesen stand, mit dem VW-Skandal – der eben kein alleiniger VW-Skandal mehr ist – ein paar Milliarden Euro verlieren, ist vergleichsweise wirklich lächerlich. Todernst.

Wegweiser

9. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (310) Vielleicht kann man Elektroautos ja mit Strom betreiben, der aus hitzigen Diskussionen gespeist wird?

Tesla Elon Musk

Fortsetzungen vor- und vorvorwöchiger Kolumnen sind oft die einzige Möglichkeit, den begrenzten Raum hier zu sprengen. Dieser Trick ist aus gutem Grund aber unbeliebt. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und an die „Presse am Sonntag“ mit Erscheinungsdatum Anfang Mai und ihre bunten Themenpracht erinnert sich kaum jemand mehr – es sei denn, es gab (und gibt) Stoff für ausufernde Diskussionen und emotionale Aufladung.

Derlei scheint mir letzte Woche geglückt zu sein. Unfreiwillig. Denn ich hatte keine weltumspannende Debatte über die Vor- und Nachteile der elektrifizierten Fortbewegung im Sinn, als ich meiner Begeisterung für Tesla Ausdruck verlieh. Der p.t. Leserschaft ist das natürlich egal. Zurecht. Die Reaktionen schwankten zwischen begeisterter Zustimmung und wütender Ablehnung meines Postulats, es handle sich beim Tesla Model S schlichtweg um das faszinierendste derzeit käuflich erwerbbare Auto. Kalt scheint das Thema Zukunftsmobilität jedenfalls kaum jemanden zu lassen – ausser dogmatische Anhänger der Fahrrad-Religion, die sich aber erst recht in jede Diskussion einmischen. Ebenfalls vollkommen zurecht.

Bietet das E-Mobil eine reelle, ja nachgerade elegante Möglichkeit, dem nahenden Ende der Ära der fossilen Brennstoffe im Rückspiegel eine lange Nase zu zeigen? Die Antwort lautet: ich habe nicht die leiseste Ahnung. Auch die Fachleute legen sich (noch) nicht wirklich fest. Jede Wette übrigens, dass in diesem Kontext der aktuelle Theaterdonner in der Chefetage des Volkswagen-Konzerns mit einem Richtungsentscheid zu tun hat… Denn der Umstieg auf neue Konzepte wird, so radikal er in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erfolgen muss, zwangsläufig eine Denkschule favorisieren.

Und hier hat – so sehr einzelne Bausteine einer grösseren Vision begeistern mögen (Teslas Elon Musk z.B. versucht gerade, Haushalte mit kühlschankgrossen Batterien in autarke Energiezellen zu verwandeln und damit der Atomlobby den Strom abzudrehen) – der Konsument das letzte Wort. Was aber, wenn der den Toyota Mirai, der mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle fährt, attraktiver findet als den kommenden Tesla-SUV oder das Billigsberger-Modell 3 aus gleichem Haus? Jedenfalls wird die Sache konkreter und konkreter. Und damit angreifbarer, in jedem Sinn des Wortes.

Auch der beste Motor-Journalist des Landes, David Staretz, reibt sich immer wieder an diesem Themenkomplex. So richtig schlau werde ich aus seiner philosophischen Ambivalenz nicht. Aber es macht demütig (und reichlich Spaß), ihm beim Nachdenken zu folgen. Bis auf weiteres in Medien, die noch immer nach Druckerschwärze und Benzin duften *). Aber sicher nicht bis in alle Ewigkeit.

*) Die Autorevue-Jubiläumsnummer (No. 1/2015, „50 Jahre Autorevue“) ist gemeinsam mit dem aktuellen Premium-Sonderheft („Supertest 2014“) noch am Kiosk erhältlich. Zum Sonderpreis. Empfehlung!

Langstreckentest

1. Mai 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (309) Machen Sie selbst den Test: mieten Sie mal einen Tesla. Er wird Sie mit Garantie elektrisieren.

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Kaum eine Automarke wird in dieser Kolumne häufiger genannt als Tesla. Das steht in einem reziproken Verhältnis zur hiesigen Kfz-Verkaufsstatistik, hat aber gute Gründe: das Unternehmen rund um den US-Visionär Elon Musk ist ein Vorreiter der Elektro-Mobilität.

Zunächst mit einem elitären Roadster, nunmehr mit einer halbwegs leistbaren Limousine – dem auch nicht gerade unsportlichen Model S – hat man eine konsequente Philosophie entwickelt. Und erstaunliche Erfolge erzielt. Also: eine dezidierte Zukunftsperspektive. Naturgemäß stand ein Tesla schon länger auf der Test-Wunschliste.

Man nimmt dafür gerne in Kauf, mit dem auffälligen Kennzeichen W Blitz 8 unterwegs zu sein. Immerhin: Blitz 6 haben mir die freundlichen Herren des Leihgebers blitzzcar.com (Motto: „Wir sind Dein Auto“) erspart. Aber auch so darf man sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen, wenn man mit dem elegant gestylten Mobil durch Graz kurvt.

Das hatte ich mir vorgenommen: die Langstreckentauglichkeit eines Tesla zu prüfen. Skepsis ist ja der ständige Beifahrer des Konsumenten. Nun: die Hinfahrt über die Südautobahn verlief bestens. Es galt nur, mittels Tempomat strikt im Rahmen der gesetzlich erlaubten Geschwindigkeiten zu bleiben – das Drehmoment des Elektromotors (das Gefährt beschleunigt in 5,4 Sekunden von Null auf Hundert km/h) bei gleichzeitigem Flüster-Geräuschpegel verführt zu höheren Tempi. Die Straßenlage – man sitzt ja auf rund 8000 gewichtigen Lithium-Ionen-Akkuzellen – dito.

Wenn man mit 80 Prozent Ladung in Wien losfährt, liegt Graz locker in der Reichweite von über vierhundert Kilometern. Die Rückfahrt bedarf dann allerdings sorgfältiger Planung. Denn in der zweitgrößten Stadt der Republik gibt es bis dato keinen „Supercharger“, der das Fahrzeug rapide mit bis zu 120 kW Gleichstrom auflädt. Und das gratis. „In Bau“ vermerkt das bordinterne Internet. Stattdessen muss man sich bei Autobahnstationen oder auf Merkur-Parkplätzen stundenlang mit weit langsameren Zapfsäulen herumschlagen. Bei manchen lächeln einem schwachstromhungrige E-Biker und staunende Passanten verhalten zu.

Aber es wäre degoudant, zu klagen. Es gibt, wage ich zu behaupten, derzeit kein faszinierenderes käuflich erwerbbares Auto auf diesem Planeten. „Auto“ ist vielleicht zu kurzgegriffen: es ist ein Mobilitäts- & Energiekonzept. Eigentlich ist der Tesla ja ein Computer auf Rädern. Mit dem nächsten Software-Update, flüsterte man mir leise zu, könne das Ding mich auch ohne mein Zutun kutschieren. Wenn es denn der Gesetzgeber erlaubt.

Volksporsche 2.0

22. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (300) Finden wir demnächst einen angebissenen Apfel als Kühlerfigur eines High Tech-Luxus-Autos?

Apple Car (c) The Onion

Diese Kolumne basiert auf purer Spekulation. Aber derzeit überschlagen sich die Spürnasen der Branche – allen voran das „Wall Street Journal“ und hierzulande der löbliche neue Motorblock-Motor-Blog der Kollegen Sauer und Josel – in Sachen Gerüchteverdichtung. Wenn es stimmt, was man da so an Fingerzeigen, Fantasien und Fakten zusammenträgt, wäre es tatsächlich sensationell. Gerücht No. eins: der Computer- & Lifestyle-Konzern Apple, die finanziell potenteste Firma weltweit, baut ein Auto. Gerücht No. zwei: Österreich mischt mit. Und zwar in Form des Automobilindustrie-Zulieferers Magna Steyr.

Aber hallo! Unter dem Codenamen „Titan“ soll Apple jedenfalls seit geraumer Zeit in einem Geheimlabor mit hunderten Mitarbeitern an einem Vehikel basteln, das optisch an einen Minivan erinnert und mit einem Elektromotor bestückt ist. Nun gilt Magna Steyr gerade in der Akku- und Antriebs-Technik (Marke: B:LiON) als besonders innovativ und kompetent. Die Partnerschaft wäre also eine logische.

Zwar dementiert die Apple-Firmenzentrale in Cupertino sogar, dass sie irgendetwas dementiert, aber die Indizien mehren sich, dass es sich nicht nur um ein hobbyistisches Nebenprojekt eines spinnerten Abteilungsleiters handelt. Jedenfalls beschweren sich schon die alteingesessenen Konzerne – allen voran Mercedes und der E-Mobil-Fackelträger Tesla – heftig über Abwerbungsversuche von Branchen-Spitzenkräften seitens der neuen Konkurrenz.

Wird also Bruno Kreiskys Vision eines „Austroporsche“ doch noch Realität? Abwarten. Denn bevor dieser – wie zu vermuten ist – kühne Wurf mal auf den heimischen Landstrassen herumgurkt, gilt es, eine wirklich sinnstiftende Verzahnung von Mobilitäts- und Informationstechnologie unfallfrei hinzukriegen. Das ist allem voran eine Sicherheitsfrage. Schon jetzt machen sich Hacker einen Spass daraus, Teslas zu lokalisieren und die Türen wie von Geisterhand zu öffnen oder die Lücken im On Board-System eines BMW aufzuzeigen. Dabei steckt die Verquickung von IT und Mechanik erst in den Kinderschuhen; die Autoindustrie gilt als relativ konservativ.

Was sich eventuell als Vorteil herausstellen könnte: die Beta-Testphase des intelligenten, eventuell sogar selbstfahrenden, möglicherweise aber auch ungewollt fernsteuerbaren Autos – auch Google bastelt ja gerade an einem solchen Gefährt – möchte ich realiter nicht am eigenen Leib erfahren.

Das Geizhals-Syndrom

19. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (233) Benzin- oder Elektromobil? Der Zukunftsmarkt hängt zuvorderst vom Sparwillen der Autokäufer ab.

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In der vorwöchigen „Presse am Sonntag“-Kolumne habe ich ungeniert meine Faszination für die Spezies Elektroauto durchklingen lassen – durchaus verstörend für Benzinbrüder, aber ich scheine damit nicht ganz allein auf weiter Flur zu sein. Auch wenn die Zulassungszahlen momentan noch am Rand der Wahrnehmungsgrenze herumgrundeln: bald könnte richtig Schwung in die Sache kommen.

Im Fall des Luxusmodells Tesla S, das in Norwegen in punkto Verkaufsstatistik selbst den Brot- & Butter-Boliden VW Golf hinter sich gelassen hat, ist das auf lokale Fördermassnahmen und Privilegien zurückzuführen. Und, klar, auf einen daraus resultierenden, vergleichsweise sehr günstigen Anschaffungspreis und verlockend niedrige Kilometerkosten.

Mittlerweile habe ich den Tesla des Musikproduzenten R., der zu den ersten Besitzern des Fahrzeugs in hiesigen Gefilden zählt, näher in Augenschein genommen. Das macht schon richtig Freude – vom überdimensionalen Touch-Monitor, der das Armaturenbrett ersetzt, bis zur vollkommenen Lautlosigkeit der Fortbewegung. Aber das sind nur erste, flüchtige Impressionen. Was zählt, sind Langzeiterfahrungen. Anyway: ich werde R. mit Flötentönen zu einer ausgedehnten Probefahrt zwingen und Ihnen dann berichten. Auch den BMW i3 habe ich schon auf die Wunschliste gesetzt.

Zuvor aber gilt es etwas zu bereden, was der Fahrzeugbranche – egal, ob Benzin oder Strom – noch mächtig Probleme bereiten wird: die um sich greifende Dumping-Mentalität. Nennen wir das Phänomen das „Geizhals-Syndrom“, das zunächst ja für die Konsumentenseite erfreulich wirkt: wer hat nicht gern ein neues Auto zum billigstmöglichen Preis? Die Möglichkeiten, Vergleiche anzustellen und Angebote systematisch zu durchforsten, sind ja mit dem Internet förmlich explodiert.

Jedoch: die Preisschlacht lässt automatisch auch die Handelsspannen gegen Null tendieren. Und fordert eine gewisse Schlankheit der Serviceleistungen. Auch die tendieren mittlerweile gen Null. Wenn der Automobilmarkt oberflächlich so überhitzt, in Wirklichkeit aber deutlich unterkühlt ist, dass sich die grossen Markenanbieter entweder in forcierten Export oder kaum camoufliertes Sich-gegenseitig-in-den-Ruin-Treiben flüchten, lässt das leider auch wenig Spielraum für die Entwicklungsabteilungen. Aber läge nicht gerade da das Hoffnungsterrain?

Im Schnitt gewähren Autohändler in Deutschland auf die 30 aktuell meistverkauften Modelle 20,1 Prozent Rabatt. Und in „Österreich“ (ja, ich meine die keck nach dem Verbreitungsgebiet benannte Zeitung, die inzwischen mehr einem Verkaufsprospekt ähnelt) überschlägt man sich bei KfZ-Inseraten mit Aktionitis: „Fahren ohne Anzahlung!“, Kurzzulassungen, „Servicegutscheine geschenkt!“, „Preiskracher!“, Superdupersonderkonditionen zum Abwinken. Einen Ford Fiesta gibt es z.B. um knapp über 10.000 Euro, das sind – ohne, dass ich den Taschenrechner zücke -, deutlich über 30 Prozent unter dem Listenpreis. Wozu dann aber überhaupt noch Hersteller-Preislisten? Sind die für die ganz Uninformierten (so wie die offiziellen Verbrauchsangaben)?

Sollen die Wirtschaftsexperten streiten: ist das jetzt ein Zeichen für eine immer grösser werdende Krise – oder für einen fulminanten Aufschwung? Und, wenn letzteres, wo? Oder einfach nur ein Fanal der ewigen Dummheit der Konsumenten, denen vermeintliche Geschenke später umso sicherer und deftiger in Rechnung gestellt werden. Mit Garantie.

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