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Schalldämpfer

18. August 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (173) Ruhe. Himmlische Ruhe. Ausser, Sie jagen lautstark Ambient Music in die High Tech-Kopfhörer.

“Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur.” Kurt Tucholsky brachte die Sachlage einst auf den Punkt: “Lärm ist das Geräusch der anderen”. Nun mögen ja Hundegebell, Gockelgeschrei oder das Tohuwabohu der Kinder im benachbarten Freibad zur Tonspur des Sommers gehören, sie werden aber nicht in jedem Fall als passende Soundkulisse empfunden. Erst recht, wenn man als lärmgeplagter Erholungssuchender gerade der Großstadt entronnen ist.

Der Kulturphilosoph Theodor Lessing tat sich im Jahr 1908 als Autor einer “Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens” hervor und gründete einen “Antilärmverein”, dessen Vereinsblatt den trefflichen Titel “Der Antirüpel. Das Recht auf Stille.” trug. Praktisch zeitgleich erfand der Apotheker Maximilian Negwer in Berlin-Schöneberg formbare Watte-Wachs-Kügelchen und gab ihnen den Namen “Ohropax”. Seither ist es etwas bequemer, aber generell nicht leiser geworden auf diesem Planeten. Im Gegenteil.

Was hätten Lessing und Negwer zu “Acoustic Noise Cancelling”, einer Erfindung der späten siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, gesagt? Die Idee ist relativ simpel: man analysiert über ein Mikofon das Frequenzspektrum störender Umweltgeräusche und löscht sie mit einem computerberechneten Phasengegensignal faktisch aus. Der Knackpunkt liegt im exakten Timing: wirklich zeitgleich können das erst moderne Mikroprozessoren.

Einer davon steckt z.B. im Bose QuietComfort 15, dem neuesten einer ganzen Ahnenreihe von Bose-Kopfhörern mit aktiver Lärmunterdrückung. Billig ist das gute Stück ja nicht, aber für Ruhesuchende jeden Cent wert. Setzt man den Kopfhörer auf und betätigt einen Schalter (der QuietComfort benötigt eine AAA-Batterie), fühlt man sich plötzlich, als hätte eine göttliche Hand einen riesigen Quargelsturz über einen gestülpt. Und das liegt nur zum geringeren Teil an den schaumgepolsterten, ohrumschliessenden Hörermuscheln. Der Lärm der Baustelle nebenan? Wie weggeblasen. Der schnarchende Partner im Ehebett? Ausgeblendet. Säuselnde MuzakZwangsbeschallung im Design-Café? Schallgedämpft. Die Einflugschneise über dem eigenen Schrebergarten? Hat nie existiert.

Man kann dieses perfekte Werkzeug für den (un)freiwilligen Autisten – ursprünglich wurde es für Piloten und Flugreisende entwickelt – natürlich in seiner Wirkung noch verschärfen. Etwa, indem man Musik seiner Wahl in die Membranen injiziert. Der Bose klingt auch als “herkömmlicher” Kopfhörer vorzüglich. Wenn Sie sich ungewohnt einsam fühlen auf Ihrem stillen Erdtrabanten, empfehle ich “Music For Airports” von Brian Eno. Volle Lautstärke.

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