Posts Tagged ‘Twitter’

Gut gemeint, aber

1. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (370) Mit einer Kampagne gegen Hasspostings versucht die Politik die Realität im Netz zu konterkarieren. Hilft’s? 

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„Meinungsfreiheit im Internet bedeutet nicht automatisch Narrenfreiheit.“ Mit symbolisch erhobenem Zeigefinger trat dieser Tage die Staatssekretärin Muna Duzdar – zuständig für Integration, Verwaltung und Diversität, aber auch Digitalisierung (ein kurioser Themenmix, wenn Sie mich fragen) – an die Öffentlichkeit. Die Bundesregierung habe eine „Initiative gegen Gewalt im Netz“ beschlossen, in Klagenfurt stellte man erste Sujets einer Online-Kampagne vor. Unter dem Hashtag #GegenHassimNetz treten honorige Persönlichkeiten – darunter Duzdar selbst – auf und an, um die „Lufthoheit über digitale Stammtische zurückzugewinnen“ und „Gegennarrative“ zu entwickeln.

Nun lässt sich grundsätzlich wenig gegen einen derartigen Vorstoß sagen. Die verbale Offenherzigkeit in Sozialen Medien und Leserforen grenzt oft an Logorrhoe, Tischmanieren scheinen ein längst vergessenes Relikt aus grauen Vorzeiten zu sein. Und tatsächlich neigt ein geringer, insgesamt aber überdeutlich wahrnehmbarer Bodensatz aller Beteiligten zu Beschimpfungen, Drohgebärden, Diffamierungen und Schlimmerem.

Besonders Frauen sind davon betroffen; das digitale Mobbing macht aber auch vor Jugendlichen und Kindern nicht halt. Wer hat es noch nicht erlebt, auf Facebook, Twitter oder in Online-Foren mit plötzlicher, oft unerklärlicher Aggressivität konfrontiert zu sein? Oder, seltener und weit übler, den Tod an den Hals gewünscht zu bekommen? Zumeist von einem anonymen Absender (der doch oft dingfest zu machen ist) – derlei im eigenen Namen zu formulieren trauen sich die Hassbotschafter meist dann doch nicht.

Nun: dagegen helfen seit Zeiten, die teils bis lang vor der Erfindung des World Wide Web zurückreichen, juristische Schranken. Man schlage den Paragraphen 283 des Strafgesetzbuches nach („Verhetzung“), eventuell § 297 StGB („Verleumdung“) oder den Cybermobbing-Paragraphen 107 StGB. Auch § 111 StGB („Üble Nachrede“) oder § 115 StGB („Beleidigung“) sollten greifen, dazu Regeln in Fällen wie „Kreditschädigung“, „Gefährliche Drohung“ oder „Verstöße gegen das Verbotsgesetz“. Es gilt nur, diese sehr wirksamen Instrumente auch zur Anwendung zu bringen – etwa, indem jede virtuelle Stammtischrunde einmal über ihre pure Existenz aufgeklärt wird. Und eine Strafverfolgung sensibel, aber konsequent erfolgt.

Hier könnte der Staat sagen: Ja, das unterstützen wir! Wir bieten Nachforschungskompetenz (und den grundsätzlichen Willen dazu), juristische Hilfestellung, Online-Formulare, finanzielle Unterstützung in entsprechenden Fällen. Und und und. Nennen wir es eine konkrete, handfeste Hilfe, die auf einer klaren Haltung beruht. Und natürlich auch personeller und struktureller Ressourcen bedarf. Zum Gesamtkomplex zählt auch, Plattformen wie Facebook medienpolitisch dezidiert nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Propagandakampagnen aber, die nur nebulose Selbstverständlichkeiten transportieren, sind sicher gut gemeint. Aber gut – im Sinne von: wirksam – eher nicht.

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Ausgezwitschert?

27. März 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (353) Twitter steht unter Druck, weil es keinen Gewinn macht. Aber muss menschliche Kommunikation zwingend Profit abwerfen?

Illu Twit

Früher gab es Gerüchte, Vermutungen, Analysen und Fingerzeige, Bassena-Tratsch und Kantinen-Klatsch, Schimpfkanonaden, Gossip, Stammtischdebatten, Mundpropaganda, Leserbriefe, Diskussionsforen und und und. Heute gibt es Social Media.

Nicht dass jene traditionellen Formen menschlicher Interaktion verschwunden wären – ganz im Gegenteil, sie sind unkaputtbar –, aber sie stehen nunmehr in Konkurrenz mit den Durchlauferhitzern der digitalen Moderne. Zuvorderst: Facebook und Twitter. Erstere Plattform saugt mittlerweile auch den Ausstoß herkömmlicher Medien in sich auf; letztere, also Twitter, gilt hierzulande als Nachrichtendienst und Spielfläche einer Meute von Insidern, Politikberatern, Werbefuzzis und Journalist/inn/en.

Tatsächlich ist Twitter, das Botschaften an wen auch immer strikt auf 140 Zeichen begrenzt, soetwas wie das digitale Kokain der Kommunikationsbranche. Eine gleichwohl aufreizend anziehende, stimulierende wie süchtigmachende und destruktive Angelegenheit. Den Dienst – er existiert seit ziemlich exakt zehn Jahren – jenseits simpler PR-Botschaften sinnbringend zu nutzen ist ein Balanceakt, der selbst Profis nicht immer gelingt. Die Schlammschlachten, die sich bekannte Namen und Persönlichkeiten auf Twitter, also in ungenierter Offenheit und kaum verhangener Öffentlichkeit, liefern, sind Legende.

Dass Menschen, die ständig zwitschern (also Tweets absetzen), tendenziell einen Vogel haben oder zumindest zu überbordender Selbstdarstellung neigen, ist aber doch ein zu zynisches Fazit. Auf der positiven Seite stehen die Selbstbeschränkung – ausufernde Debatten und elendslange Threads finden sich anderswo –, das Aktivierungs-, Vernetzungs- und Informationspotential eines Echtzeit-Tickers und die übersichtliche, chronologische Gliederung der Welt in Themen (via #Hashtags) und Interessenskreise.

Weil aber Twitter mit seinem klaren, annähernd schlichten Konstruktionsprinzip seit zehn Jahren seinen Aktionären keine grossen Gewinne beschert, gilt es mittlerweile als Sorgenkind. „Nur“ 300 Millionen Nutzer wirken für Business-Analysten im Vergleich zum fünfmal grösseren Facebook wie eine Nische. Forsche Vordenker haben dann immer wieder mal Vorschläge parat: die Aufhebung des 140 Zeichen-Limits, die algorithtmische Gliederung von Wortmeldungen nach Mainstream-Relevanz oder PR-Budgets, die Verknüpfung mit Ton und Bild (folgerichtig wurde z.B. der Echtzeit-Video-Dienst Periscope eingekauft) und so weiter und sofort.

Was aber, wenn Du und ich schlichtweg auf all diese Verschlimmbesserungen pfeifen, pardon: zwitschern? Ratlosigkeit in der Chefetage prolongiert. Als Hashtag dafür schlage ich #twitterror vor.

Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.

Das neue alte Wind/Feuer/Öl/Papier-Business

5. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (290) Bei allem Mitgefühl: ist ein „Shitstorm“ wirklich die Krampusrute der digitalen Hemisphäre? (2)

Shitstorm

„Fortsetzung folgt – so sicher wie der nächste Shitstorm.“ So lauteten die letzten Worte meiner vorwöchigen Kolumne. Ich schwöre: ich hatte nicht der Funken einer Ahnung, dass der nächste Sturm unmittelbar nach Veröffentlichung der „Presse am Sonntag“ losbrechen würde, ausgelöst durch einen wohl absichtsvoll kontroversen Bekenneraufsatz zum Thema Erziehung.

Um diesen Beitrag soll es hier nicht gehen, dazu ist – um den alten Spötter Karl Valentin zu zitieren – „schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Und das eben nicht nur von professionellen Journalistinnen und Journalisten.

Nun: das ist es, was mich wirklich verblüfft – dass auch Profis mit dem Phänomen Shitstorm anno 2014 nicht umzugehen wissen. Und, bewusst oder unbewusst, das altbekannte (und nur medientechnisch in dieser Form relativ neue) Wind/Feuer/Öl/Papier-Eskalations-Endlosschleifen-Business betreiben.

Nein, ich meine damit nicht den ORF-Anchorman Armin Wolf, der sehr persönlich und glaubhaft reagierte (und nebenher als Kommunikations-Durchlauferhitzer No. 1 die Leserzahlen für den Anlass-Artikel sprunghaft in die Höhe trieb). Sondern jene, die aus dem Umstand, dass – wie bei jedem Shitstorm, jeder Wirtshausdebatte, jeder Leserbriefe-Sichtung – vereinzelte Stimmen ins Geschmacklose kippen, eine „Fatwa“ konstruieren. Pogromstimmung orten. Mit überzogener Political Correctness camouflierte mediale Eitelkeit unterstellen. Oder auch nur, au contraire, ein apodiktisches Urteil in die öffentliche Meinungsarena schieben wie einen antiken Streitwagen: das sei doch „das Widerlichste, was man in Österreich seit Jahren lesen durfte“. Und der Autor wäre stante pede zu entlassen, gerichtlich zu belangen, eventuell selbst einer Züchtigung zu unterwerfen oder gar zu teeren & zu federn.

Puh. Wenn Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit etwas zählen in diesem Land, dann muss man es grundsätzlich aushalten, wenn jemand so, hm, tollkühn ist, die Realität anzusprechen. Das gilt allseitig (und kann auch eine höchstpersönliche Realität sein, die nicht mit dem Mainstream – oder auch „nur“ dem Mainstream der Minderheiten – konform geht). Noch vor dreissig Jahren konnte ein FP-Justizminister, breiter Zustimmung gewiss, die „gesunde Tachtel“ empfehlen. Heute setzt Geheul ein, wenn derlei auch nur in Erwägung gezogen wird. Und es ist per Gesetz als Unrecht definiert. Zurecht.

Es gilt diese pädagogische Staats-Doktrin aber so absehbar wie strikt nur in aufgeklärten Kreisen. Vorrangig unter Leuten, die auch in der SM-Arena (insbesondere auf Twitter; und freilich dürfen Sie jetzt das Kürzel „SM“ ganz nach Geschmack interpretieren) ihr Radar kreisen lassen, sich im Fall des Falles schwarmartig zusammenrotten und die persönliche Auseinandersetzung mit Garantie nicht scheuen. Was in modernen Zeiten wie unseren nicht selten in einem Wind der Entrüstung 2.0 – mit rasch abklingender Intensität – seinen Ausgang findet. Bisweilen auch in einem Orkan. Zwangsläufig.

Gut so! Dass dieses Phänomen der kollektiven Empörung auch individuell differente, differenzierte Meinungen und präzise Argumentationen, notwendige Diskussionen und positive Entwicklungen zeitigt, ist Fakt. Dass das Netz mehr und mehr zum Zentralorgan der selbstorganisierten und dennoch digital formatierten und kommerziell ausgeschlachteten Widerrede wird (und sich daraus auch ein höchst zweischneidiges, bedrückend ambivalentes Faszinosum ableitet), dito.

Auch – und erst recht – in diesem Kontext hat es ein Shitstorm verdient, ernst genommen und mit demütiger Aufmerksamkeit analysiert zu werden. Nicht nur von NSA-Bütteln, verklemmten PC-Blockwarten (und Blockwartinnen) und Voyeuren mit Geheimdienstausweis. Sondern von Medienprofis und -Amateuren –
egal, ob sie in warmen Redaktionsstuben sitzen, daheim im Kinderzimmer oder im Wirtshaus um’s Eck. Uns allen.

Quod erat demonstrandum.

Das LinkedIn-Syndrom

10. Mai 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (210) LinkedIn, Xing, Google+ et al fordern ständige Aufmerksamkeit. Sollen wir sie ihnen gewähren?

LinkedIn-Button

Keine Ahnung, wer Sascha H. ist. Laut seinem Profil auf LinkedIn ist er Hutmacher/-Designer, Koch und Idealist. Aha. Und Single. Dass mir Herr H. dann sogar noch sein Geburtsdatum verrät, macht die Sache nicht klarer: ich kenne ihn nicht.

Er begehrt aber mein Freund zu werden. Oder vielleicht auch nur, etwas nüchterner formuliert, ein weiterer unter ein paar tausend potentiellen Kommunikationspartnern. Denn der gute Mann verortet sich selbst im weiten Bereich von „Public Relations and Communications“, und da ist es wohl selbstverständlich, dass man seine Werbebotschaften auch via Social Media unter die Leut’ bringt. Keine Ahnung, ob ich je eine persönliche Nachricht von ihm erhalten werde, wenn ich jetzt den Button „Accept Invitation“ drücke.

Aber will ich das wirklich? Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, seit wann und warum überhaupt ich auf LinkedIn – einem Netzwerk mit über 200 Millionen Mitgliedern weltweit – bin. Laut Wikipedia dient es „zur Pflege bestehender Geschäftskontakte und zum Knüpfen von neuen Verbindungen“. Wahrscheinlich wollte ich diese Plattform einfach einmal ausprobieren. So wie MySpace, Google+, Xing, last.fm, Flickr, Digg, Stayfriends und einige andere mehr.

Gut, Facebook und Twitter haben sich längst im Alltag eingenistet und sind aus verschiedenen Gründen unabdingbar – manchmal ist man geneigt zu sagen: leider. Von Google+ habe ich das Passwort vergessen, die Motivation, es zu rekonstruieren oder ein neues zu erstellen, ist gering. Bei Xing, das ursprünglich einmal Open BC hieß und nun Burda („Bunte“) gehört, schau’ ich ab und zu rein – aber so richtig warm werde ich mit dem Netzwerk auch nicht. Den Rest nutze ich sowieso nur sporadisch.

Aber was tun mit all den Leuten, die leise anklopfen und ihre Standardsätze („Walter, good to see you on LinkedIn“ … „Ich möchte Sie zu meinem beruflichen Netzwerk hinzufügen“) absetzen? Zumal einige davon mich auch noch, äh, weiterempfehlen („…have endorsed you for the following skills and expertise…“). Oder mir Grüße, Nachrichten, Einladungen und/oder Drohbotschaften schicken und sich eventuell wundern, warum ich nicht antworte.

Es steckt keine Absicht dahinter. Noch nicht mal eine böse. Die schlichte Wahrheit ist: es gibt mittlerweile so viele Kommunikations-Kanäle, -Möglichkeiten und -Plattformen, dass man einfach den Überblick verliert. Und die Lust. Von der notwendigen Zeit erst gar nicht zu reden.

Wer wirklich meine Aufmerksamkeit erhaschen will, schicke mir einen Brief.

Die dunklere Seite des Mondes

24. September 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (128) Die Pink Floyd-Klassiker liegen, neu verpackt, in den Auslagen der analogen Welt. Man staune, höre, (re)kapituliere.

In einer Welt, die zunehmend wuseliger, komplexer und eventuell auch bedrohlicher wird, ist Kultur-Eskapismus eine probate Fluchtmöglichkeit. Auf Twitter z.B., diesem Live-Ticker für die globale Trivia- und News-Junkie-Gemeinde, verfolgen mich die Meldungen eines monomanischen Literaturapostels. „Heute schon Goethe gelesen?“ Derlei macht stutzig. Mitten im Stakkato der Eilmeldungen und individuellen Sensatiönchen nimmt sich die Frage nach Goethe ein bisschen wunderlich aus, wie aus Raum und Zeit gefallen. Aber sie ringt mir jedes Mal ein leises Lächeln ab. Und den Wunsch, jenseits aller Charlotte Roche- und Niki Glattauer-Lektionen vielleicht doch mal wieder zum guten, alten Johann Wolfgang von G. zu greifen.

Gelegentlich paart sich dann ja auch das Einknicken vor den Bestsellerlisten mit der Absicht, sich dem wirklich Wahren, Guten, Schönen zu widmen. Wobei die Ansichten, was darunter exakt zu verstehen wäre, natürlich auseinandergehen. Ich jedenfalls mache mich nach dem Niederschreiben dieser Zeilen auf in die Webgasse 43 in Wien, um in der hiesigen Filiale der Plattenfirma EMI einen popkulturellen Popanz sondergleichen zu begutachten. Und eventuell das eine oder andere Stück abzustauben.

Sie haben es sicher schon andernorts gelesen oder gehört: der Musikkonzern wirft das gesamte Oeuvre von Pink Floyd auf den Markt, re-mastered, re-packaged, re-irgendwas. In jeder erdenklichen Konfiguration, mit zusätzlichen Live-CDs, DVDs, Blu-Rays, Surround-Mixes, Bonus-Tracks, Vinyl, Bücher, Karten und sonstigem Pipapo. Verpackt als „Immersion Box Set“, „Experience Edition“ oder vergleichsweise lächerliche „Discovery“-Schmalhans-Neuauflage. Auch eine neue „Best Of“-Kollektion gilt es zu erwerben, zumindest für Vollständigkeitsfanatiker.

Es passiert, was jedem HiFi- und Musik-Narren im Lauf eines Lebens mindestens einmal passiert: man trägt diese – eng mit der eigenen kulturellen Sozialisation verwobenen – Konsumfetische stolz nach Hause und vergleicht den aktuellen State of the Art-5.1-Surround Mix von „Dark Side of the Moon“ mit der Erinnerung an die eigene Jugend. Damals hatte man nur einen billigen Philips-Plattenspieler als Hörkrücke, heute ist es eine sauteure Anlage vom Allerfeinsten. Es klingt besser, gewiss, aber selbst die ewigen Säulenheiligen des Progressive Rock entwickeln anno 2011 nur mehr einen Abglanz jener Tage, als Marketing zuvorderst ein Begriff für verbiesterte WU-Studenten war. Die Wucht, mit der diese Klangkaskaden Mitte der siebziger Jahre auf unvorbereitete Hörer einstürzten, lässt sich nur bedingt reproduzieren. Das gilt übrigens in gleichem Masse, auch wenn es sich um musikideologische Anti-Materie handelt, für das prototypische Neunziger Jahre-Album „Nevermind“ von Nirvana. Auch das stellt man dieser Tage frisch aufpoliert in die Auslagen. Irgendein Jubiläum, das es konsumtechnisch zu feiern gilt, findet sich immer.

Warum überhaupt die Materialschlacht? Weil die Zeit der Popkultur in/auf Scheiben demnächst vorbei sei, merkte der Pink Floyd-Trommler Nick Mason an. Und weil auch die Traditionsmarke EMI wohl nicht mehr lange existieren wird. Wer sich dem physischen Produkt-Fetischismus grundsätzlich verweigert, wird „Wish You Were Here“ längst als unsichtbare Abfolge von Nullen und Einsen aus der allgegenwärtigen Daten-Wolke beziehen.

Was aber, wenn partout die Verpackung ein immanenter Teil der Botschaft war und ist? Wie es Will Groves, Herausgeber von MusicRadar.com, formuliert: „… eine Erinnerung an eine Zeit, als ein Plattencover noch mehr war als ein paar hundert Pixel breites jpeg in der iTunes-Bibliothek.“ Oder, um good old Goethe hervorzukramen: „Schönheit ist ein gar willkommener Gast.“ Auch im 21. Jahrhundert.

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