Posts Tagged ‘Überwachung’

Gewöhnungseffekt

15. März 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (303) Wir gewöhnen uns langsam, aber sicher an eine Zukunft, die nur in der Gegenwart harmlos wirkt.

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Ich fürchte, man kann es nicht mehr hören. Und will es nicht mehr lesen. Oder die Sachlage gar ernsthaft diskutieren. Fast täglich trudeln Hinweise, Belegstücke, ja glasklare Beweise dafür ein, dass wir pauschal verdächtigt, abgehört und bespitzelt werden. Vollkommen ungerührt, ungeniert und ungeachtet der hiesigen Gesetzeslage.

So tauchte diese Woche ein Dokument auf, das ein besonderes Interesse des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Kunden des österreichischen Internet-Providers UPC – Domain: chello.at – belegt. Der Datenverkehr von Nutzern dieses Anbieters wird mit einem Spionageprogramm namens „Upstream“ direkt von den Knotenpunkten der Glasfaserkabeln abgesaugt. UPC selbst weiss davon offiziell nichts, verwahrt sich aber – zumindest verbal – gegen diesen Angriff auf die unternehmerische Integrität und Reputation. „Wir setzen“, so ein Statement aus der Firmenzentrale, „ständig alle erforderlichen Schritte, um unser Netzwerk zu sichern“.

Letztendlich ist man aber macht- und hilflos. So macht- und hilflos wie unsere Volksvertreter. Die Politik – wenn man noch an das Primat der Demokratie und damit einer gewählten, verantwortungsbewussten Repräsentanz der Bevölkerung durch Politiker/innen glaubt – scheint entweder komplett die Augen zu verschliessen. Längst resigniert zu haben. Oder gar von der Wühlarbeit der US-Schattenkrieger zu profitieren.

Gewöhnung, Abstumpfung und kollektive Verdrängung greifen perfekt. Die Bürger dieses Landes, weithin desinteressiert an komplexen Themen der Digitalsphäre, scheinen sich mehr und mehr mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das alles ganz normal und alltäglich ist. Die üblichen Verdächtigen – Datenschützer, Oppositionspolitiker und Verschwörungstheoretiker – nörgeln rum, Juristen und Staatsanwälte schweigen beredet, der Journalismus übt sich in der Folklore des Abwägens und Abwiegelns (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und alles läuft stillschweigend weiter wie gehabt. Wie werde ich meiner Enkeltochter einst erklären, dass wir uns alle so verhalten haben und nicht anders?

Denn es ist absehbar, wohin dieser Gleichschritt der Ignoranz führt: direkt in den Abgrund. Ach, Sie meinen, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“? Ich bitte dringend darum, nachzuforschen, wem dieser Satz zugeschrieben wird. Unter uns: diese Recherche – etwa via Google – macht Sie gleich extra verdächtig.

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Das kaputte Internet

18. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (246) Das Internet hat sich als perfides Vehikel der totalen Überwachung und Untergrabung der demokratischen Gesellschaft entpuppt. Ist da noch Hoffnung?

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„Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Mit diesen Worten hebt ein Artikel an, der unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den man gelesen haben muss. Jedenfalls, solange man nicht für sich allein auf einer fernen, weltabgewandten Insel lebt.

Der Autor dieses Artikels heisst Sascha Lobo und ist – zumindest in der sogenannten „Netzgemeinde“, also unter technikaffinen Menschen und überzeugten Nutzern der Digitalsphäre – kein Unbekannter. Gemeinhin gilt er als Evangelist des Fortschritts, nun tönt er plötzlich abgeklärt, ernüchtert, ja: gekränkt. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Dieser Text – eventuell kann man ihn einen Essay nennen, einen Zeitbefund, polemisch auch einen narzisstischen Rundumschlag – hat mannigfaltige Reaktionen ausgelöst. Zunächst (man ist geneigt zu sagen: typischerweise) nicht gerade selten auf absolutem Kindskopfniveau in diversen Online-Foren, auf Facebook und Twitter („Sascha Lobo glaubte ja auch, dass seine Frisur originell ist“), dann auf argumentativer Augenhöhe im Feuilleton und in der Netzgemeinde selbst.

Mitten im Getümmel fanden und finden sich natürlich auch Dissidenten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer, der das Medium seiner Wahl „diesen Internet-Philosophen entreißen“ will, „den Nerds und Piraten mit ihrer unsäglichen Diskussionskultur und Lust an der Selbstzerstörung.“ Geschenkt. Ich lege Ihnen den Originalartikel ans Herz. Und erst im Anschluß die Lektüre der Fußnoten der Nachkläffer, Sub- und Meta-Querdenker, Gegenredner und Widersacher.

Zugegeben: ich fühle mit Lobo. „Trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten zu haben, was Realität ist – das war meine Naivität“, diesen Satz können wir uns alle ins Stammbuch schreiben. Die dräuende Erkenntnis, dass die Digitalisierung unserer Existenz – von elektronischen Krankenakten bis zum Smart Metering der Energieversorgung, von der Auflösung traditioneller Geschäftsmodelle im Kultur- und Medienbereich bis hin zur kompletten Infragestellung unserer Privatsphäre – die Gesellschaft viel stärker prägt, „als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können“ (Lobo), bedarf dringend des Weiterdenkens.

Noch – noch!? – üben wir uns in Optimismus. „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.“

Ich bin ein Gedankenverbrecher

9. Dezember 2013

Wollen wir die totale Überwachung? Die Frage ist eine aufreizend ohnmächtige: wir haben sie ja schon – die annähernd lückenlose, realpolitisch sanktionierte und ungeniert praktizierte Überwachung unseres Planeten. Und unser aller Leben. Nicht die Geheimdienste sind dafür verantwortlich, nicht das Militär, der Kreml, die Chinesen oder der US-Präsident – wir sind es selbst. Täter, Opfer, Beobachter und Beobachtete zugleich.

DATUM

Ich schreibe diesen Text aus der Sicht eines ehemals Arglosen. Bald ist Weihnachten, man heisst die vorgeblich stillste Zeit des Jahres willkommen oder auch nur ein paar arbeitsfreie Tage. Und doch herrscht – kaum offen artikuliert, aber weithin spürbar – eine seltsame Aufgeregtheit, eine unterschwellige Aggression, eine dumpfe Unzufriedenheit und Furcht vor dem, was kommen mag.

In Österreich hat man gerade eine Wahl hinter sich gebracht. Sie bestätigte jene politischen Kräfte im Amt, die man zwar weithin als Teil des Problems und nicht der Lösung identifiziert hat, aber für deren Erneuerung oder gar Ablösung der gesellschaftliche Wille fehlt. Konservativismus rules OK. Immerhin gelten der Rechtspopulist Strache und seine Recken weiten Kreisen der Bevölkerung nicht als Heilsbringer. Noch nicht (aber das ist vielleicht zu pessimistisch gedacht und im Gesamtkontext vergleichsweise bedeutungslos). Dass die Chefetage mit zunehmenden Struktur- und Finanzproblemen zu kämpfen hat und draus resultierenden Erklärungsnöten, wird als lässliche Routine gesehen, jedenfalls als bewältigbare Aufgabenstellung.

Was werden spätere Generationen über diese Zeit denken, wissen, schreiben? „Sie fühlt sich an wie ein zunehmend surrealistisches Spektakel, eine Einführung auf kommende Ungeheuerlichkeiten“, habe ich öffentlich notiert, eine „Versuchsstation des Weltuntergangs“. Karl Kraus zu zitieren ist wohl doppelt bedenklich: er war unter jenen, die den Ersten Weltkrieg erahnten, aber lange schwieg – bevor er zu einer intellektuellen Abrechnung in Form des Theaterstücks „Die letzten Tage der Menschheit“ ansetzte. Nun: wir schreiben nicht 1913, sondern das Jahr 2013. Bislang hat die Menschheit überlebt.

Wenn Sie meinen, derlei Pathos sei intellektueller Ironie oder gar Zynismus geschuldet und die Lage vielleicht ernst, aber nicht hoffnungslos, verlassen wir das enge, aber irgendwie doch wärmende Menschennest Österreich (in dem seit jeher die Regel gilt, die Lage sei zwar hoffnungslos, doch gewiss nicht ernst). Öffnen Sie das Fenster zur Welt: diese Gesellschaft befindet sich im Krieg.

Es ist, wiewohl seitens der Vereinigten Staaten von Amerika der „Krieg gegen den Terror“ zur herrschenden Doktrin erklärt wurde, kein angekündigter, öffentlicher, offener Krieg. Man kennt auch den Gegner nur vage. Wir erinnern uns: nach dem Fanal der Ereignisse des 11. September 2001 wurden umgehend Osama Bin Laden und sein Netzwerk al-Quaida zu Symbolen einer antagonistischen, dunklen Machtsphäre (v)erklärt. Aber der saudiarabische Terrorpate mit den sanften Gesichtszügen ist längst tot. Von einer US-Spezialeinheit exekutiert. Und al-Quaida weitgehend nur mehr ein Mythos. Mission accomplished. Man könnte meinen, es könne wieder Entspannung und Alltag einziehen auf diesem Planeten. Das Gegenteil ist der Fall.

Es herrscht weiterhin Krieg. Wer ist der nächste Bin Laden? Oder auch nur ein vereinzelter Irrer, der meint, einen Druckkochtopf mit Sprengstoff und Nägeln und Flüchen füllen zu müssen? Jede Regung, Äusserung und Spur humanen Lebens steht unter dieser Prämisse unter strikter Beobachtung. Kommunikation ist Big Data-Terrain. Der Grosse Bruder längst Realität. Die Enthüllungen des „Whistleblowers“ – was für ein schnödes Etikett für eine unendlich mutige Tat – Edward Snowden zeigen nur auf, was man längst ahnte: wir bespitzeln uns gegenseitig. Rund um die Uhr. Allseits. Allerorten. Stehen unter Generalverdacht. Stellen uns selbst unter Generalverdacht. Es gibt keine Feinde mehr, weil es auch keine Freunde mehr gibt.

Jede Grundsatzerklärung, jedes Gesetz, selbst die Deklaration der Menschenrechte ist ein Relikt aus fernen, besseren, eventuell aber auch nur naiveren Zeiten. Zeiten, in denen man nicht wissen konnte oder musste, was sich hinter harmlos funkelnden Namen wie „Prism“, „Echelon“, „Tempora“, „Indect“ oder Kürzeln wie „NSA“ oder „GCHQ“ verbirgt. Die Menschheit befindet sich im Krieg mit sich selbst. Und jede Partei hat ihre Spähtruppe.

Nur tu felix Austria nicht. Oder doch? Jedenfalls war bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüssigt, demonstrativ empört zu sein. Der Bundeskanzler eilte in die EU-Zentrale. Der Verteidigungsminister – zuständig nicht zuletzt für den hiesigen Geheimdienst – schwieg. Und schweigt bis heute. Und ein paar Pappenheimer, darunter ich, spazierten frischfröhlich zu einer Villa in Wien-Pötzleinsdorf, die augenscheinlich als dezent getarnte Datenkrake und Abhörstation der US-Behörden dient. Mitten in einer gut situierten Stadtrandgegend. Bewacht von der Wiener Polizei. Eine Operettenkulisse: in Berlin spioniert man das deutsche Parlament und die Bundeskanzlerin bequemerweise von der amerikanischen Botschaft aus, die nur ein paar hundert Meter vom Reichstag entfernt liegt. Aber auch hier scheint die Empörung für jene, gegen die sie sich richtet, bewältigbar.

Neben der globalen Überwachung des Telefonverkehrs, des Internets und jeder Form elektronischer Kommunikation, dem Anzapfen von Kupferkabeln und Glasfaserleitungen und der kaum verhohlenen “Kooperation” mit IT-Konzernen wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook, der Kollektivsammlung von Verkehrsdaten, Computerkassen und GPS-Standortbestimmungen findet selbst eine Protokollierung des altertümlichen Briefverkehrs statt. Zumindest im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Absender und Empfänger werden vom U.S. Postal Service gescannt – rund 160 Milliarden Briefe, Pakete und Postkarten pro Jahr. Immerhin: in die Poststücke reinzuschauen traut man sich angeblich nur auf richterliche Anordnung. Angeblich.

Die solchermassen gesammelten Beobachtungen machen nur einen Bruchteil der Datenmengen aus. Daten, die, von Experten analysiert und bewertet, vielfältig nutzbar sind. Um – Stichwort „Vorratsdatenspeicherung“ – seine Schäfchen denkbarpräzise einschätzen zu können, in ihrem Konsumverhalten genauso wie in Hinsicht auf individuelle Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten.

Ich teile nicht die Enttäuschung über dieses unendlich absurde, aus Sicht der Big Data-Handelsagenten aber nur konsequente Szenario, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ahnungslosen, verlogenen, machtlosen, erpressten (weil nunmehr grundsätzlich erpressbaren) oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der Experte Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Und wer nichts zu verbergen habe, habe gewiss auch nichts zu befürchten. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. “Mehr Leute sterben durch herabfallende Fernseher”, so die “New York Times”, “und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.” Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für „Heimatschutz“ und Bürgerbespitzelung ausgegeben. Der militärisch-industrielle Komplex? In der Tat. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man “es gewußt” – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln. Terrorprävention ist das Geschäftsmodell der Stunde. Die Handelsware ist Angst. Man – wer? – kassiert Millionen, Milliarden, Billionen aus Steuergeldern (also: von uns allen), die anderswo fehlen (uns allen nämlich), um vage Eventualitäten mit horrenden Absurditäten zu bekämpfen. Paranoia rules OK.

Was aber, wenn diese Erkenntnis und die daraus resultierende Bestürzung Über- und Gegendruck zeitigt? Er muss sich nicht in Internet-Bastelanleitungen für Druckkochtöpfe manifestieren. Seltsamerweise wirkt aber unsere Politik, unsere Zivilgesellschaft, unser Gemeinwesen weithin uninteressiert, träge, geradezu sediert. Operierten Geheimdienst nicht immer geheim? Was soll man da schon dagegen tun? Es herrscht Krieg, aber was geht er uns an?

Nicht nur ausgewiesene Verschwörungstheoretiker greifen zur These, dass die wenigen Ausnahmeexemplare inmitten der allgemeinen gesellschaftlichen Apathie – die notorischen Bedenkenträger, die Systemkritiker, die Snowden-Gefolgsleute – längst „getagged“ sind. Punziert. Im Visier der Datensammler und Geheimdienstfertigen. Ja: wir sind erpressbar. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts ahnen. Oder gar wissen. Begehen wir nicht alle in unserer unendlichen Harmlosigkeit und Naivität – man hole wieder einmal die abgegriffene „1984“-George Orwell-Ausgabe aus dem Regal – „Gedankenverbrechen“? Täglich, stündlich, minütlich?

Die absichtsvolle Fragestellung und Verknüpfung all dieser Worte, Beobachtungen und Gedanken ist, so sich „Datum“ zum Abdruck entschliesst oder dieser Blog die Zeit überdauert, auf ewig festgehalten im kollektiven Speicher. Wo man früher Artikel mit der Schere ausschnitt und, mit Randnotizen bekritzelt und in Dossiers eingeklebt, im Aktenschrank oder Kellerarchiv bunkerte, reicht heute die elektronische Indizierung. Tagged: Walter Gröbchen, anno 2013 Staatsbürger der demokratischen Republik Österreich, ist ein Gedankenverbrecher. Er meint, es zähle nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. „Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.“

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ich schrieb diese Worte aus der Sicht eines ehemals Arglosen.

Denkzettel

7. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (227) Sind wir längst komplett eingelullt? Das Agenda-Setting zu den Nationalratswahlen lässt darauf schließen.

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„Ich bin entsetzt, sprachlos, enttäuscht, wütend.“ Das sage nicht ich. Ein mir unbekannter Leserbriefschreiber hat solchermaßen in der „Zeit“ seine Gefühlslage zu den neuesten Enthüllungen, den amerikanischen und britischen Geheimdienst und deren ungenierten Einbruch in unser aller Privatsphäre betreffend, beschrieben. Er ist einer unter tausenden, die dieser Tage Leserbriefe, Blog-Einträge, Protestnoten oder Social Media-Denkzettel verfassen.

Ich teile nicht die Enttäuschung, denn sie beruht weitgehend auf Ahnungslosigkeit. Was ich aber teile, ist die Wut. Denn was in den letzten Jahren passierte – und uns von ebenso ahnungslosen, verlogenen, machtlosen oder gekauften Politikern verschwiegen wurde und wird –, ist, was der US-Fachmann Bruce Schneier in einem Kommentar für den „Guardian“ in klare Worte fasste: „Regierung und Industrie haben das Internet verraten und uns auch.“

Die paternalistische Tschopperl-Beruhigungsgeste, in der sich seit der aktuellen Enthüllungswelle von Barack Obama abwärts alle Verantwortlichen üben, lautet: dies alles passiere ja nur zu unserem eigenen Schutz. Tatsache ist: seit 2005 sind durch Terrorismus pro Jahr im Schnitt 23 Amerikaner ums Leben gekommen, die meisten im Ausland. „Mehr Amerikaner sterben durch herabfallende Fernseher“, so die „New York Times“, „und 15mal so viele sterben, weil sie von der Leiter stürzen.“ Seit 2001 haben die USA 8.000.000.000.000 Dollar für Militär, Heimatschutz und Bürgerbespitzelung ausgegeben. It’s business, stupid!

Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel. Passiert nichts, hat man „es verhindert“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man „es gewußt“ – und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine. Unter vorsätzlicher Umgehung aller ethischen und gesetzlichen Spielregeln.

Ich habe dagegen folgenden Vorsatz gefasst: ich werde am 29. September nur eine Partei und/oder eine Person wählen, die programmatisch präzise, detailliert und glaubwürdig darlegt, wie sie nach der Wahl gegen den digitalen Überwachungswahn vorzugehen gedenkt. Das gilt übrigens auch für Die Grünen, denen ich noch am ehesten staatsbürgerliches Vertrauen zu überantworten geneigt bin. Bislang steht dazu von allen Parteien Konkretes aus. Aber das Thema ist unendlich wichtiger als die „MaHü“, Spindeleggers Entfesselungskünste, Faymanns ÖBB-Inserate, Straches Bibelinterpretationen und Stronachs Bauch zusammen.

Unter Generalverdacht

23. Juni 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (216) Warum jetzt eigentlich die große Überraschung, dass wir alle systematisch bespitzelt und überwacht werden?

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Ich sag’ gleich: ich war’s nicht. Oder, futurum exactum: ich werde es nicht gewesen sein. Dieser sachliche Hinweis bleibt, so hoffe ich doch, für alle Zeiten gespeichert. Öffentlich einsehbar im Archiv der „Presse“ und damit (bzw. auch unabhängig davon) in den ewigen Annalen des Cyberspace. Andererseits in elektronischen Verzeichnissen und Aktenordnern nicht-öffentlicher Natur. Etwa auf den Festplatten des österreichischen Heeresnachrichtendienstes.

Von der Kapazität, Datenfülle und –tiefe sind diese Aufzeichnungen aber gewiss nicht vergleichbar mit jenen des grossen Geistesbruders NSA in Fort Meade in Maryland, USA. Dort, in einem Crypto City genannten Areal, laufen ja so ziemlich alle Informationen dieses Planeten zusammen. Und werden gesammelt, gescannt, ausgewertet und archiviert. Die Programme, in deren Rahmen diese emsige Arbeit läuft, tragen klangvolle Namen wie „Echelon“, „Prism“ oder – die Briten dürfen auch kräftig mitmischen – „Tempora“ . Aber eigentlich ist das alles, psst!, streng geheim.

Jedenfalls war jetzt bei einigen Damen und Herren – zuvorderst aus der Politik – die Überraschung groß, als herauskam, dass die Sachlage so ist, wie sie ist. Die Innenministerin unseres kleinen Landes fühlte sich bemüssigt, demonstrativ empört zu sein. Und einige Fragen an den grossen Bruder zu formulieren, dessen oberster Repräsentant ziemlich zeitgleich im benachbarten Deutschland von „Freiheit“ und „Verantwortung“ schwadronierte. Zu seiner Sicherheit fuhren Panzer auf, Scharfschützen wurden in Stellung gebracht, die Kanaldeckel zugeschweißt und eine ganze Stadt weiträumig abgesperrt. Und, ja, auch ein paar G’schichtl’n in Umlauf gebracht von vereitelten Anschlägen, Röntgenstrahlen und sonstigen Terrorszenarien. Es macht wohl wenig Spaß, der meistbedrohte und –gefährdete Mann weltweit zu sein. Das gilt metaphorisch auch für ganze Nationen.

Gut also, dass es Präventivprogramme wie „Prism“ gibt, nicht? Die Fragen der österreichischen Innenministerin dazu sind übrigens auch geheim. Sogar gegenüber dem eigenen Volk. Ich bin überrascht, dass derlei für den einen oder die andere unter uns noch eine Überraschung ist.

Was aber werde ich nicht gewesen sein? Ich werde nicht der gewesen sein oder zu denjenigen gezählt haben, die Crypto City in die Luft sprengten. Eines fernen Tages. Doch es zählt nun einmal zu den ehernen Gesetzen der Menschheit, dass Bespitzelung Aversionen weckt. Generalverdacht Hass. Druck Gegendruck. Und so weiter. Und so fort. Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. Todsicher.

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