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Dekompressionsalarm!

13. Dezember 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (291) Sie wollen einfach wissen, wie spät es ist? So billig kommen Sie nicht davon.

Uhren

„Welcome To Our World“. Sagt die Anzeige. Eine unter vielen. In der Vorweihnachtszeit wimmelt es förmlich davon. „Es ist eine Prüfung der mentalen Stärke, bei der man unter Extrembedingungen an die eigenen Grenzen geht.“ Und schon hebt ein Werbe-Stakkato der Sonderklasse an.

Hyperchrome Automatic Chronograph. Modern Alchemy. Plasma High-Tech Ceramic. Wassersensor. Veredeltes Automatikwerk. Übergroße, hervorragend ablesbare Ziffern aus weißer Superluminova. Dekompressionsalarm. Duetto-Konzept mit 1250 Diamanten. 24-Stunden-Graduierung. Taktile Uhr, angetrieben durch Solarenergie und ausgestattet mit 20 Funktionen, inklusive Barometer, Altimeter und Kompass. Swiss Avantgarde since 1860. Ewiger Kalender. Blacktop-Beschichtung aus amorphem Kohlenstoff für die totale Härte. Edelstahlgehäuse mit PVD-Beschichtung. Sichtboden. Plasmaverfahren. Tourbillon. Heart Beat Manufacture Silicium Moon. 36 Diamanten (0.091 Karat). Ring-Command-Lünette. Komplexe Unterzifferblatt-Mechanik. Ausnahmemodell, das höchste uhrmacherische Komplikationen in sich vereint. Countdowntimer. Zirkonoxidpulver. Premium Kautschuk Performance Armband. Fliplock-Verlängerungselemente. Entspiegeltes Saphirglas. Speziell für Regatten entwickelt. Panoramadatum und Anzeige der Gangreserve. Edle Lünette mit Kristallsteinen. COSC-zertifiziertes Automatikwerk. Entwickelt für die Kampftaucher der französischen Marine. Transparency in Gold-Tone. Rillenstruktur für natürliche Thermoregulierung. Mondphasenanzeige. Monobloc Case. Manufakturwerk Elite 693. Satellitenzeit in nur 3 Sekunden in jeder Zeitzone der Welt. Magnetschutz. Bi-Colour mit Perlmutt-Zifferblatt, ionenplattiert. Kaliber 37-01 mit Flyback-Funktion. Sieben Jahre Dunkelgangreserve. Abklappbare, ausfahrbare Zahnschiene. Stichwort MotoGP. Weiß- und Rotgold. Kalkulatorring zur Flugdatenberrechnung. Edelstahluhr mit aufgeschraubten Flanken. Innovative Ceramic-Touch-Technologie. „New Old Stock“-Uhrwerk. Zweite Zeitzone. Gesteuert von einer Cäsium-Atomuhr in Braunschweig, deren Gangunsicherheit eine Sekunde in dreißig Millionen Jahren beträgt. Precidrive. Wasserdicht bis zu einem Druck von 5 bar (50 m/165 ft). T-Touch Expert Solar. „Don’t crack under pressure“. Zykloplupe. Ti-IP Titaniumgehäuse. Kalbslederarmband in Kroko-Optik. Lichtenergieanzeige. Watch+ Smartphone App. Inklusive Batterie. Limitierte Auflage. Preis auf Anfrage. Die Quintessenz. „Eine Kombination aus Komplexität und Einfachheit ohnegleichen.“

Danke Rolex, TAG Heuer, Citizen, Breitling, Glashütte Original, Certina, Rado, Esprit, Junghans, Kenneth Cole, Montblanc, Tissot, Ulysse Nardin, Blancpain, Mido, Casio, Zenith, Jaeger-LeCoultre und Tchibo/Eduscho.

Eigentlich wollte ich nur eine Uhr kaufen.

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Zeit-Los

8. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (253) Neue Zeiten brauchen neue Zeitmesser, könnte man meinen. Aber wo bleiben sie?

Pebbles

Es gibt ja, so scheint es, kaum eine Branche, die so konservativ ist wie die Gilde der Uhrenhersteller. Die letzte große Revolution, die es hier gab, war die Erfindung der „Swatch“ Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (das, wenn man’s recht bedenkt, auch schon im letzten Jahrtausend stattgefunden hat). Der Schmäh des visionären Marketing-Zampanos Nicolas George Hayek, billige, voll integrierte Uhrwerke mit zeitgeistigem Design zu verbinden und die Plastikteile zu Sammlerstücken zu (v)erklären, rettete angeblich sogar die Schweizer Uhrenindustrie. Bis heute sind eine wohl halbe Milliarde Swatch-Exemplare in Umlauf gebracht worden.

Was aber ist mit all den Digitalzeitmessern, Wearables und uhrförmigen Mini-Computern, die mir seit Jahr und Tag von diversen Lifestyle-Magazinen angedient werden? Diese offensiv innovativen und verkrampft originellen Multifunktions-Gadgets laufen gemeinhin unter dem neuen Übertitel „Smartwatch“ – hat sich schon jemand diesen Namen schützen lassen? – und repräsentieren die Zukunft. Angeblich.

Aber ’s läuft irgendwie nicht. Ich kenne niemanden, der eine Samsung Galaxy Gear 2 trägt. Eine Talkband B1 von Huawei. Eine Smartwatch (sic!) von Sony. Oder gar eine Pebble, CooKoo oder MyKronoz. Warten wieder mal alle auf Apple? Oder ist die ganze Spezies der futuristischen Uhren, mit denen man auch telefonieren, den Blutdruck messen und die Firmenkonferenz aufzeichnen kann, einfach nur ein feuchter Traum von Prototypensammlern und Daniel-Düsentrieb-Tätern?

Ich lehne mich wahrscheinlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, es geht bei Uhren seit jeher weniger um Technik als um Ästhetik. Vielfach ist eine IWC, Rolex oder Breitling ja das einzige Schmuckstück eines Mannes. Wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind (und Geschmacksnerven nicht selten oft ganz fehlen): mit einer protzig-goldenen, platinenen und gar mit Edelsteinen verunzierten Uhr, die das obszöne Preisschild metaphorisch nie ablegt, können Sie mich jagen. Soetwas mag im Barockzeitalter modern gewesen sein, heute ist es nur ein Ausweis instinktlosen Distinktionsgewinns. Zumal auch Uhren in der Unter-hundert-Euro-Preisklasse tadellos die Zeit anzeigen.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr. Und soll es auch bleiben. Ich bemerke ja auch bei mir selbst Spuren einer zunehmend antimodernistischen Wertekonservativität. Unlängst fiel mir ein Prospekt der Marke Junkers (klarerweise „made in Germany“) in die Hände, die zu erstaunlich wohlfeilen Preisen geschmackssichere, sehr traditionell gestylte Armbanduhren anbietet. Insbesondere die Fliegeruhren haben es mir angetan.

Gekauft habe ich mir aber letztendlich das Modell 6086-5, das als „Bauhaus Chronograph Dessau 1925“ angepriesen wird. Bauhaus? Ein Mythos der Moderne. Und auch mit einem billigen Uhrlaufwerk aus Fernost im Inneren noch anno 2014 eine Kampfansage für Klarheit und Reduktion. Und gegen die Verschnörkelung des eigenen Lebens. Zeitlos, irgendwie.

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