Posts Tagged ‘Urheberrecht’

Showdown

5. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (268) Können Sie das seltsame Wort “Festplattenabgabe” auch schon nicht mehr hören?

Festplattenabgabe

Das ewige Gezerre um die sogenannte “Festplattenabgabe” zerrt an unser aller Nerven. Eine Entscheidung ist überfällig. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des denkwürdigen Umstands, dass hier ungeniert Millionen Euro – die Urhebern und Rechteinhabern von Musik, Fotos, Filmen, Texten usw. zugute kommen sollen – seit Jahren von den Konsumenten einkassiert, aber nicht an die vorgesehenen Empfänger ausgezahlt werden.

Mittlerweile sind einige der Händler, die dieses Geschäft betreiben und sich zu allem Überdruss auch noch zu Vordenkern eines “modernen Urheberrechts” erklärt haben, spektakulär pleite gegangen. Jetzt fehlen nur noch ein paar jeder Verschwörungstheorie hinterhermarschierende Hanseln, die meinen, daran wären Andreas Gabalier (wahlweise: Sigi Maron), seine Plattenfirma, die AKM und die Bilderberger schuld.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: mir gefallen Preisaufschläge und Pauschalabgaben auch nicht. Aber dass z.B. ausgerechnet die Arbeiter- und (!) die Wirtschaftskammer unisono gegen eine sehr pragmatisch angelegte Form eines Beitrags zur Existenzgrundlage von Künstlern wettern, lässt sich aus dem Blickwinkel letzterer nur als Chuzpe interpretieren. Wovon lebt eigentlich der gemeine Kammerfunktionär so? Der gemeinnützig, aber nicht gratis tätige Politiker? Und was treibt all jene an, die meinen, Kreative mögen gefälligst ihre Geistesprodukte herschenken, die Hände falten und den Mund halten? Dass mit aufgeganselten “Geiz ist geil!”-Egoshootern, die nun partout aus Protest ihre Terabyte-Raids in Luxemburg, Großbritannien oder China bestellen wollen, keine weiterführende Diskussion möglich ist, ist schade, aber verschmerzbar.

Die Frage wirtschaftlicher Kompensationen und gerechter Transferzahlungen im Digitalzeitalter (mit allen seinen radikalen Implikationen) ist seit Jahren am Tapet. Und sowohl national wie international von vielen Seiten her beleuchtet, analysiert und diskutiert worden. Ohne finale Erkenntnis. Der Status Quo ist, ja, hinterfragenswert. Eine mittelprächtige Regelung sollte aber erst dann abgelöst werden, wenn eine deutlich bessere, sinnvollere, zukunftsträchtigere vorliegt. Und mir sind partout jene lieber, die versuchen, konkrete, umsetzbare Lösungen auch wirklich umzusetzen als sich entweder aus populistischen Motiven davor zu drücken oder ins weite Reich der Phantasie zu flüchten. Call it Realitätssinn!

Ich habe jedenfalls mehr Respekt vor denen, die etwas für Kunst & Kultur tun als vor jenen, die um jeden Cent greinen, den sie eh nicht ausgeben. Oder nur in China.

Werbeanzeigen

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

2. März 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (201) Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep ahead

„Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer „Reset“ jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören „illegal“ Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, „teilen“ Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Ideologen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Prozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben (Remix)

1. März 2013

Der „Extended Remix“ einer „Maschinenraum“-Kolumne: Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen und in den Online-Foren, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep-ahead

„Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer „Reset“ jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell – zumindest im Privatbereich – kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören „illegal“ Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, „teilen“ Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Demagogen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Lösungsprozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

Die Protagonisten des Schaukampfes verschleiern nur sehr beiläufig, Athleten, Gladiatoren und Statisten eines Stellvertreter-Kriegs zu sein: hie „Kunst hat Recht“, da die „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ und diverse Think Tanks wie „Kunst gegen Überwachung“, das „World-Information Institute“ oder die „IG Kultur“, die teils idealistisch-individualistisch-ideologisch agieren, partiell aber auch Förderung und Unterstützung durch die sozialpartnerschaftlich festgefügten Strukturen (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Parteiorganisationen) des Landes erfahren.

Hinter „Kunst hat Recht“ – nach Eigendefinition schlicht „eine Aktion von Kunstschaffenden in Österreich“ – stecken zuvorderst die IFPI, der Interessensverband der internationalen (Major)-Tonträgerunternehmen, Urheberrechtsgesellschaften wie AKM, AustroMechana, VBK, LSG und VAM und ein unterstützendes Netzwerk kulturnaher Interessensverbände, Vereine und Funktionärsversammlungen. Inszeniert und organisiert wird ihre Kampagne von der Skills Group GmbH., einer Wiener PR- und Lobbying-Agentur.

„Kunst gegen Überwachung“ dürfte sich als spontane antagonistische Plattform auf Facebook entwickelt haben und tritt vorrangig „gegen Kriminalisierung, Vorratsdaten-Speicherung und Zensur“ auf, bleibt dabei aber weitgehend anonym.

Hinter der euphemistisch betitelten „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ stecken fast ausschliesslich IT-Unternehmen und Händler, denen zuvorderst die Forderung nach einer „Festplattenabgabe“ ein Dorn im Auge ist. Namentlich sind dies: Adolf Schuss, Also, Apple, Asus, Brother, Canon, Dell, DiTech, Geizhals.at, Hewlett-Packard, Ingram Micro, Konica Minolta, Kyocera, Lenovo, Media Markt, Nokia, OKI, S&T, Samsung, Saturn, Sony, Tech Data und Toshiba. Als Sprecher fungiert – erstaunlicherweise auch im Namen der „Geiz ist geil!“-Konkurrenz – Damian Izdebski, Gründer und Geschäftsführer der Computerhandelskette DiTech.

Sorry, bei allem Respekt: diese Leute wollen – allein oder zumindest zuvorderst – unser aller Zukunft bestimmen?

Wo bleiben die Künsterinnen und Künstler, die kleinen Verlage, Agenturen, Filmproduktionen, Indie-Labels, Booker, Medienklitschen & -Cluster? Jene, die die seit Jahren als ökomonisches Hoffnungsgebiet vielbeschworenen „Creative Industries“ tatsächlich ausmachen? Sie tun, als ginge sie diese Diskussion nichts an. Sie wollen nicht Partei ergreifen, ihre Sympathien zuweisen (so sie denn überhaupt welche haben) oder eine festgelegte Position einnehmen auf diesem labyrinthischen Spielfeld. Einem anno 2013 äusserst undurchsichtigen Terrain, dessen Eckpfeiler Urheberrecht, Verwertungsrecht, Urhebervertragsrecht, Kopie, Plagiat, Sampling, Remix & Mashup, Creative Commons, Verwertungsgesellschaften und Pauschalabgeltungen heissen (um nur ein paar Schlagworte zu nennen) – und das selbst für Juristen und Urheberrechtsexperten oft ein einziges Minenfeld ist.

Der in Social Media, in Mainstream-Medien, auf den Unis und unzähligen Veranstaltungen zum Thema tobende Stellvertreter-Krieg hat offensichtlich die emotionale und faktische Distanz der Mehrzahl der Betroffenen eher befördert als verringert. „Kunst hat Recht“ z.B. scheint als starr durchkonzipierte, wenig kommunikationsfreudige und konservativ-rechthaberisch anmutende „Astroturfing“-Kampagne mehr kaputt- als gut zu machen. Auf der Gegenseite wiederum zieht man Politische Theorie, trotzigen Antagonismus und lustvolles Mikro-Hickhack einem konkreten, konstruktiven Dialog mit praxisnahen Playern und selbstbewussten Protagonisten der Kunst- & Kulturszene vor.

Selbst bei gesellschaftspolitisch radikal denkenden Aktivisten, etwa im Umfeld der „Piratenpartei“, scheint es aber so zu sein, dass das Urheberrecht als Ur-Kern aller Überlegungen und Basis ökonomischer Emanzipation per se nicht in Frage gestellt wird. Alte Schwarz-Weiss-Schemata – „Kommunismus“ versus „Kapitalismus“ etwa – haben ausgedient. Nicht zuletzt, weil der Paradigmenwechsel der Digitalära sie zur Makulatur erklärt. Und es gibt tatsächlich jede Menge Ideen, Ansätze, Garagen-Modelle und Partituren bislang unaufgeführter (und vielfach nie zu Ende komponierter) Zukunftsmusik-Symphonien. Wenn aber das Internet „das grösste Experiment in Anarchie, das es je gab“ ist – so Google-Vorstandsvorsitzender & -CEO Eric Schmidt –, dann gibt es eine fulminante Chance, die eingangs postulierte, allumfassende Krise konstruktiv umzudeuten: man nutze ihre Sprengkraft, um alles & jedes neu zu denken. Radikale Dekonstruktion als ultimatives Reformkonzept und Initialzündung des 21. Jahrhunderts.

Die Voraussetzung dafür: eine Triade der Notwendigkeiten. Eins: Transparenz. Sprich: eine rückhaltlos offengelegte, objektive Datenbasis. Zwei: die Analyse und präzise, detaillierte und konkret umsetzbare Ausarbeitung alternativer Vergütungs-, Förderungs-, Anreiz- und Basis-Lebensmodelle, die wohl weit über den engeren „künstlerischen“ Bereich hinausgehen wird und muss. Drei: eine breite demokratische Diskussion, Entscheidungsfindung und exekutive Realisierung des denkmöglich „besten“ Systems. Oder die Ermöglichung und Evaluierung parallel existierender, inhaltlich und technisch divergierender Modelle.

Also mal andersrum. Destination: Utopia. Genau in die Gegenrichtung jener Marschrichtung, in die diese zähe, unproduktive, mit Seitenblick auf diverse Posting-Foren und Leserbriefseiten annähernd absurde Diskussionsveranstaltung seit unzähligen Tagen, Monaten, Jahren steuert. Oder gesteuert wird.

Erkennen wir die Gegenwart als das, was sie ist: eine Vorahnung der Zukunft. Eine neue Ära. Chaos, das einen Stern in sich trägt. Unzweifelhaft eine Zäsur. Leiten wir daraus logisch notwendige Schritte ab. Lassen wir die wenig zukunftsträchtige Festplattenabgabe sein. Durchleuchten wir die Verwertungsgesellschaften bis in den letzten Winkel und konstruieren sie komplett neu. Machen wir die Geldflüsse, Subventionen und Kompensationen für Künstler transparent. Diskutieren wir darüber, wer überhaupt sich Künstler/in nennen darf. Und wozu es Verlage, Labels, Agenturen, Vertriebe, Medienhäuser usw. noch braucht. Stellen wir jedes vermeintliche Grundrecht in Frage, jede Lobby, Partei und Organisationsform und jeden aktuellen Gesetzestext, bringen wir alternative Wirtschafts- und Lebensmodelle ins Spiel, visieren wir ein generelles Grundeinkommen an und schauen uns alle (!) anderen Gesellschaftsbereiche strikt unter dem selben kategorischen Imperativ an. Vielleicht muß Rom ja niedergebrannt werden, bis zur letzten Hütte, bis zum letzten Palast, um Rom neu zu errichten.

Was Beppe Grillo wohl zu dem Vorschlag sagen würde? Nun: ganz pragmatisch plädiere ich dafür, die Festplattenvergütung erst dann zum Ideen-Gerümpel von vorvorgestern zu werfen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Und die Kreativklientel nicht zwischenzeitlich verhungert ist. Oder zu Berlusconi – als Sinnbild für die notorisch reaktionären, ewig dunklen Kräfte dieses Planeten – übergelaufen.

Mutig in die neuen Zeiten?

22. Oktober 2012

Die „Festplattenabgabe“ beschäftigt professionelle Medienkommentatoren ebenso wie mitteilungsbedürftige Social Media-Aktivisten. Auf die Strasse bringt die spröde Sachfrage aber nur wenige. Und noch weniger unmittelbar Betroffene.

Im besten Fall war das, was am 17. Oktober im Jahr des Herrn 2012 beim Hochstrahlbrunnen am Wiener Schwarzenbergplatz seinen Auftakt hatte, ein Medienereignis. Denn es hievte das spröde Thema „Festplattenabgabe“ in die „Zeit im Bild“, und zwar nicht nur jene um Mitternacht, sondern auch in die Hauptausgabe um 19 Uhr 30, die von einer siebenstelligen Zahl von Zusehern zur Kenntnis genommen wird. Zudem widmeten sich Radiostationen, die nicht nur Musik dudeln (und davon leben), sondern am Rande auch ihre Produktionsbedingungen wahrnehmen wollen und können – allen voran Ö1 und FM4 – der Diskussion des Themas. Und, sieh’ an!, selbst das Gros der Zeitungen war voll mit Artikeln, Kommentaren und Erörterungen, worum es denn da eigentlich ginge, wenn sich „die Künstler“ mit Transparenten, Megaphon und Marschtrommel zusammenrotten. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit haben diese massive Berichterstattung auch politische EntscheidungsträgerInnen gesehen, gelesen und verstanden.

Im schlechtesten Fall aber war es eine Minderheitenzählung. Und somit eher kontraproduktiver Natur, weil ein Häuflein wackerer Demonstranten letztlich doch nur den Eindruck hinterlässt, das mit diesem Thema keine Wahlen zu gewinnen sind. Ja eventuell nicht mal ein Blumentopf. „Festplattenabgabe jetzt!“, diese Ansage dürfte nach Studium diverser Leserforen – vom „Standard“ bis zur „Presse“ –, Twitter-Einträgen und Facebook-Threads so ziemlich die unpopulärste sein, die man derzeit formulieren kann. Ausser vielleicht Unterstützungserklärungen für Dominic Heinzl. Zudem eine ebenso kuriose wie mächtige Koalition von (ohne Zwangs-Pauschalabgaben kaum lebensfähigen) „Sozialpartnern“ wie der Wirtschafts– und der Arbeiterkammer zu Gegnern zu haben, nebst dem Verband der Elektrohändler, Hewlett-Packard, DiTech, progressiven sozialdemokratischen Akademikerzirkeln und (schon etwas unsicher gewordenen) Grünen, das lässt einen schon eine gewisse Einsamkeit und existenzielle Verlorenheit spüren.

Auch an einer breiten Solidarität konnte man sich nicht wärmen: 27 Verbände – von der Gewerkschaft GdG-KMSfB über den Drehbuchverband Austria, den österreichischen Komponistenbund und die IG World Music bis zum Institut für regionale Sprachen und Kulturen – brachten gerade mal geschätzte 350 Mitglieder auf die Strasse, macht kaum eine Handvoll pro Verein. Kollegen und Kolleginnen der grossen Plattenfirmen wurden ebenso vermisst wie etwa der AKM-Generaldirektor oder namhafte (oder auch unnamhafte) Vertreterinnen und Vertreter der jüngeren Künstler-Generationen. Mutmassungen über den Altersdurchschnitt der „Festplattenabgabe jetzt!“-Marschierer ersparen ich mir und Ihnen. Am Wetter kann es jedenfalls nicht gelegen haben: strahlender Sonnenschein liess die Absenz vieler, die sich dann absehbar baldigst wieder um ein Almosen aus dem SKE-Fonds anstellen, in umso zweifelhafterem Licht erscheinen.

Nur die Gegendemonstration der Festplattenabgabe-Gegner fiel noch kläglicher aus: der „Standard“ berichtete über gerade mal sechzig Mitläufer. Aber die sind ja auch – Achtung, Ironie! – eher im Cyberspace daheim. Immerhin lassen sie sich dort auch Denkwürdiges für die non-virtuelle Welt einfallen. Mit Schildern und Tafeln mit Aufschriften wie „Fuck You Anonymous“, „Raubkopierer hassen Musik“, „Planquadrat fürs Internet“ und „Kultur muss ein knappes Gut bleiben“, die ungeniert-anarchistisch in die Ruiss-Wallfahrt eingeschmuggelt wurden, hatten sie nicht nur die Lacher auf ihrer Seite. Sondern wussten auch den einen oder anderen Beobachter nachhaltig zu verwirren.

Aber lassen wir das. Es macht wenig Sinn, die Dringlichkeit, Komplexität und Brisanz einer Sachfrage mit Zynismus, Minderheitenfeststellungen und Erbsenzählerei zu unterfüttern. Obwohl es natürlich bei der Festplattenabgabe zuvorderst um Zahlen, Empfängerkreise, Verteilungsspielregeln und Geld geht – und die allzu gern fix damit verbundene Grundsatz-Diskussion um das Urheberrecht im 21. Jahrhundert, ACTA, INDECT & Co. und ähnlich komplexe Topics oft nur eine vorgeschobene ist. Hier tobt ein Stellvertreterkrieg: hie eine Generation von alteingesessenen Schaltern und Verwaltern, die es – vorsichtig formuliert – über Jahrzehnte nicht geschafft (und wahrscheinlich auch nicht gewollt) haben, für Transparenz, Zukunftstauglichkeit und ein positives Rollenbild zu sorgen. Es gibt, so scheint’s, kaum Organisationen (ausser vielleicht Österreichs politischen „Alt“-Parteien), die breiten Bevölkerungsschichten anno 2012 unsympathischer erscheinen als Major-Musikkonzerne und Verwertungsgesellschaften, so ungerecht, ja lachhaft das bei ernsthafter Betrachtung auch sein mag.

Auf der anderen Seite lauert eine undurchsichtige Phalanx von Reformeiferern, Utopisten, Piraten, PC-Händlern, Geiz ist geil!-Konsumenten, Anonymous-Romantikern, Cyberspace-Philosophen, Google-Lobbyisten, Wirtschaftsfunktionären, ideologischen Ego Shootern, Gelegenheitsopportunisten, „Kunst hat recht!“-Hassern und konsumentenschutzbewegten Kämmerern. Was heisst lauern: selbstbewusst fordert man Parteistellung am Verhandlungstisch. Worüber aber lässt sich verhandeln, wenn einerseits die Festplattenabgabe pragmatisch längst vom Handel einkassiert wird (was bislang nicht zu Proteststürmen auf Konsumentenseite geführt hat und ganz klar die Frage aufwirft, wer die Millionen wem zurückzahlt, sollte es nicht zu einer Novellierung der Leercassettenabgabe kommen), andererseits wirklich konkrete, tragfähige, politisch und gesellschaftlich rasch durchsetzbare Alternativen nicht auf dem Tisch liegen? Sorry: Diskutieren gerne, ausführlich und jederzeit, aber es kann nun mal nicht der Auftakt eines konstruktiven Dialogs sein, dem Gesprächspartner in die Geldbörse zu greifen. Und sich selbst zu Robin Hood zu erklären.

Zu klären wäre in der Tat vieles. Zuvorderst: wie lässt sich die Wertschätzung für Kunst & Kultur im 21. Jahrhundert in konkrete Formen und Bahnen lenken? Warum verstehen so viele Kulturschaffende das gültige Regelwerk und Vergütungssystem nicht, mit all seinen Pros und Contras – und interessieren sich vielleicht auch deswegen nicht für die aktuelle Diskussion? Wie soll es weitergehen mit den Verwertungsgesellschaften? Wie kann man rasch für mehr Transparenz und Verteilungsgenauigkeit (und damit -Gerechtigkeit) sorgen? Wozu überhaupt diese Lobbyisten- und Kampagnenverliebtheit – können Kreative nicht für sich selbst sprechen? Wer darf als Mandatar mit am Verhandlungstisch sitzen und warum? Was könnten, nein: müssen die Ziele einer fairen Debatte sein? Und: was dürfen wir von der Politik erwarten – oder auch nicht? Man kann es nämlich mit gutem Recht für taktisch vorsichtig und klug halten, wenn anlässlich der immer dringlicheren Forderung nach Klärung der Situation SP-Kulturministerin Claudia Schmied (gegenüber den „Salzburger Nachrichten“) verkündet, dass die Festplattenabgabe „ein verhandlungswürdiger Schritt in die richtige Richtung“ ist und es wichtig sei, für eine „faire Entlohnung der Künstler zu sorgen“.

Mit gleichem Recht aber kann man anmerken, dass das gerade mal eine Zusammenfassung von Selbstverständlichkeiten ist. Und man solchermassen nicht gerade mutig in die neuen Zeiten aufbricht.

%d Bloggern gefällt das: