Posts Tagged ‘Verkehrsplanung’

Die non-futuristische Freiheitsmaschine

21. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (373) Der Kia Sportage der vierten Generation demonstriert nicht die Zukunft des Automobils, aber eine ebenso preiswerte wie opulente Gegenwart.

Kia Sportage

„Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft“. Solche Überschriften – online nachzuschlagen in der Süddeutschen Zeitung – sind nicht gerade die ideale Begleitmusik, um einen aktuellen SUV zu bewerten. Aber mein Resümee nach einwöchiger Testnutzung eines KIA Sportage 2.0 CRDI fällt radikal anders aus: dieses Auto ist die leistbare Freiheitsmaschine der Gegenwart. Was in Zukunft sein wird, weiß kein Mensch.

Wie komme ich zu solch einem Urteil – das für Fortschrittsgläubige auf einen Affront hinausläuft? Nun: eigentlich sind mir SUVs (Sport Utility Vehicles) als Fahrzeuggattung eher unsympathisch – zu voluminös, oft protzig-hässlich, technisch meist unnütz überzüchtet. Zugleich ist diese Kategorie aber im Autohandel die mit Abstand erfolgreichste der letzten Jahre. Was einiges über unsere Zeit und alternde Gesellschaft aussagt. Andererseits sollte man nicht zu geschmäcklerisch an die Sache herangehen. Und Phänomene als Journalist tunlichst kühl analysieren.

Was mir beim aktuell getesteten Kia Sportage der vierten Generation, zugegebenermassen schwer fällt. Man schlüpft in dieses Fahrzeug hinein wie in einen Handschuh: alles sitzt, passt, funkt, als stünde das Auto seit Jahren in der eigenen Garage. Der Kia-Werbespruch „The power to surprise“ trifft es exakt: da definiert ein vormaliger südkoreanischer  Billigsberger die leistbare SUV-Klasse neu.

Wobei „leistbar“ relativ ist: die Listenpreise für den Sportage beginnen bei 24.000 Euro, die getestete, mit allem Schnickschnack (Vierradantrieb, Automatik, Bi-Xenon-Scheinwerfer, autonomes Notbremssystem etc. usw.) ausgerüstete Platin-Edition überspringt dann locker die 40.000 Euro. Aber ich war und bin wirklich überrascht, wie komplett, robust, durchdacht und vergleichsweise vernünftig dieses Auto ist. Quasi eine Alltags-Benchmark individueller Old School-Autoerotik. Und, ja, es geht natürlich immer (auch) um die Befriedigung des eigenen Ich.

Freilich auch bei der gegnerischen Fraktion: engstirnigen Moral- und Zukunftsaposteln, selbsternannten Verkehrsplanern und unbedingten Autohassern. Ihre Befriedigung leitet sich zumeist aus einfachem Distinktionsgewinn ab: seht her, diese SUV-Deppen! Wollen einfach nicht aufs Rad, auf die Eisen- oder Strassenbahn, auf ein Elektrowägelchen umsteigen! Sorry to say: man sollte den Instinkt von Millionen Käufern, die ihr hart erarbeitetes Geld für Mobilitäts-Prothesen auf den Tisch legen, nicht unterschätzen.

Das „ekstatisch-suizidale James Dean-Modell des Autofahrens“, wie es die „Süddeutsche“ polemisch nennt, ist – sorry to say (und zwar in jeder Hinsicht) – alles andere als von gestern. Jedenfalls, solange die Bahn bummelt und Tesla & Co. im Selbstfahrmodus in kreuzende LKWs krachen. Haben denn Unfreiheitsmaschinen eine Zukunft?

Advertisements

Wien darf nicht Marrakesch werden

11. Oktober 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (332) Wien ist anders: was man als Verkehrsplaner von den Zuständen im Orient lernen kann.

Verkehr

Ich schreibe diese Zeilen in Marrakesch, Marokko. Der Ort ist weltberühmt für seine berückende orientalische Atmosphärik, die am greifbarsten wird in der Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler, Schlangenbeschwörer, Wahrsager und Markttandler in der Mitte der Stadt. Um zu dieser sagenumwobenen Attraktion zu gelangen, muss man sich durch den dichten Verkehr schlagen, der die Boulevards und Gassen der Metropole flutet – und „dicht“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus.

Hier ergibt die nie abreissende Abfolge abertausender Autos, Pferdedroschken, Eselskarren, Motorrräder, Mopeds, Radfahrer und Fußgänger ein Durch- und Miteinander, das augenscheinlich der radikalsten Chaostheorie als lebendiger Beweis dienen kann. Und, ja, die Verkehrsstatistik vermag nicht als Empfehlung für das Modell Marrakesch herhalten – aber als Mitteleuropäer empfinde ich dieses scheinbar regellose, auf Erfahrung, Instinkt und Reflexe vertrauende anarchisch-anarchistische Gewusel faszinierend. Diese Stadt ist eine einzige Begegnungszone. Und sie funktioniert.

Insofern musste ich ein wenig lachen, als ich fern der Heimat von der Eröffnung einer neuen Attraktion in Wien las. Die Schleifmühlbrücke, so der „Kurier“, sei nun „für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar“. Der langwierige Umbau hätte gerade mal 120.000 Euro gekostet. Nun kenne ich das kurze Stückchen Straße, das den Naschmarkt quert, seit meiner Kindheit. Es war immer schon für Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen benutzbar – erstere durch zwei Ampeln zu Schrittempo angehalten. Leute, die auf dem Rad oder per pedes unterwegs waren, hab’ ich nie ein Wort der Beschwerde über den vormaligen Status Quo murmeln hören. Alle dürfen sich jetzt gedankenschwer auf Design-Sitzgelegenheiten ausrasten.

Eh klar: man wollte einmal mehr ein „Leuchtturmprojekt“ grüner Verkehrspolitik installieren – kurioserweise mit dem Segen zweier SP-Bezirksvorsteher, die sich jetzt wechselseitig dafür auf die Schultern klopfen. Nach Protesten von Lieferanten und Anwohnern, die absurde Umwege zu machen hätten, entschied man sich doch gegen eine reine Fußgängerzone. Froh, dass die monatelangen Bauarbeiten für die potemkinsche Behübschungsaktion punktgenau vor der Wahl endlich beendet waren, sind wohl alle.

In Marokko käme niemand auf die Idee, einen solchen Bobo-Spielplatz Begegnungszone zu nennen. Weil: siehe oben. Irgendwie passt’s aber gut zum Naschmarkt, der seinem zweiten Namensteil schon lange keine Ehre mehr macht. Wien ist anders. Aber Marrakesch doch deutlich unverkrampfter, lebensnäher, gelassener.

%d Bloggern gefällt das: